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Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie"

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ZEITSCHIUFT 



FÜR 



DEUTSCHE PHILOLOGIE 



HERAUSGEGEBEN- 



VON 



Db. ernst hopfner und Dr. JULIUS ZACHER 

PROVINZIALSCHÜLRÄT IN KOBLENZ PROF. A. D. UNIVERSITÄT ZU HALLE 



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Vierzehnter band 



HALLE, 

VERLAG DER BüCHHANDLUNa DES WAISEXHAUSES. 

1882. 



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INHALT. 



Seite 

Das Verhältnis der Eneit zum Alexander. Von K. Kinzel 1 

Syntaktische Verwendung dos gcnitiv im Heliand. Von H. Pratje 18 

Bruchstücke aus der samlung desPreiherrn von Hardenberg. Dritte reihe. 
(Fortsetzung zu bd. 11 s. 416 fgg.)- Erbauliches und beschauliches aus dem 

14. Jahrhunderte 63 

Zur legende vom italienischen jungen herzog im paradiese. Von Rein hold 

Köhler 96 

Fragment des Marienieichs von Frauenlob. Von Baul Pietsch 98 

Beiträge aus dem Niederdeutschen. Von Fr. Woeste 99. 236 

Das accentuationssystem Notkers in seinem Boethius. Von 0. Fleischer 129. 285 
Wortstellung der relativ- und abhängigen conjunctionalsätze in Notkers Boe- 
thius. Von R. Löhner 173. 300 

Bruchstück einer handschrift des Reinmar von Zweter. Von 0. Grulich 217 

Bruchstück aus dem alten Passional. Von H. Beyer 229 

Zu Heimskringla ed. Unger s. 234. 491. Von H. Gering 234 

Zu den bruchstücken einer evangelienübersetzung , Germ. 14 und sitz. -bor. der 

bair. akademie 1869. Von K. Tomanetz 257 

Die erste neuhochdeutsche Übersetzung der Otfridischen Evangelienharmonie. 

Von Anselm Salzer 331 

Der text des ersten teiles von Goethes Faust. Von Heinr. Düntzer 345 

Froumunds briefcodex und die gedichte desselben. Von Fr. Seiler 385 

Ein altgermanisches weihnachtspiel, genant das gotische. Von C. Müller .... 442 

Aus hexenprocessacten. Von G. Sello 460 

Zu Ulrich von Singenberg. Von B. Kuttner 466 

Miscellen. 
Zwei briefe von J. Grimm und Kopp an Chrael. Von Franz Branky 237 

Litteratur, 

Nyare bidrag tili kännedom om de svenska landsmalen ok svenskt folklif; 
Tidskrift, utgifven genom J. A. Lundell. Första bandet; angoz. von 
H. Gering 100 

J. A. Lundell, om de svenska folkmälens frändskaper ock etnologiska bety- 
delse; angez. von H. Gering 101 

Speculum regale, hsg. von Ose. Brenner; angez. von E. Mogk 103 

Heinrichs von Veldeke Eneide, hsg. von 0. Behaghel; angez. von K. Kinzel 106 



IV INHALT 

Seite 
Der codex Teplensis, euthaltend Die sclirift des ueweu geczeuges, erster teil; 

angez. von P. Pietsch 112 

Eich. Bethge, Wirnt von Gravenberg; augez. von Gr. Boetticher 117 

Philipp de Lorenzi, Geilers vou Kaisersberg ausgewählte schrifteu, 1. band; 

angez. vou G. Bötticher 120 

K. Th. Gaedertz, Gabriel Rollenhagen; angez. von W. Seelmann 122 

M. Heyne, Übungsstücke zur laut- und flexionslehre der altgermanischen dia- 

lekte; angez. von E. Sievers 240 

Die gedichte Walthers von der Vogelweide , herausg. von H. Paul; angez. von 

J. E. Wackerneil 246 

Eich. Thiele, Eva Lessing; angez. von B. Seuffert 250 

Paul Noack, eine geschichte der relativen pronomina in der englischen spräche; 

angez. von H. Klinghardt 252 

Die Basler bearbeitung von Lambrechts Alexander, herausg. vou Eich. Maria 

Werner; angez. von K. Kinzel 379 

W. Wilmanns, leben und dichten Walthers von der Vogelweide; angez. von 

J. E. Wackerneil 479 

0. Breitkreuz, ein beitrag zur geschichte des Possessivpronomens in der eng- 
lischen spräche; angez. von H. Klinghardt 500 

Heliand, übers, von K. Sirarock. 3. aufl 502 



Register von E. Matthias 503 



DAS VERHÄLTNIS DER ENEIT ZUM ALEXANDER. 

Eine eigentliche geschichte des höfisclien epos bleibt noch zu 
schreiben; besonders über seine entstehung sind wir noch nicht alzu 
sehr aufgeklärt. Es fehlen noch die Specialuntersuchungen, und es ist 
nicht leicht, sie zu führen. Es bedarf dazu einer gründlichen kentnis 
der gesamten litteratur des 12. Jahrhunderts und eines feinen sinnes 
für die unterschiede der verschiedenen stilarten und für die beurteilung 
der abhängigkeit ihrer Vertreter. Denn dass diese unterschiede und 
beziehungen nur fein sind, ist schon von vornherein wahrscheinlich, 
wenn wir bedenken, dass die in den 70ger jähren als dichter auftre- 
tenden ritter nicht den ansprach erheben, eine neue kunst zu gründen, 
sondern mehr unwilkürlich getrieben von ihrem zarteren geschmack 
die dichtkuust selbst in die band nehmen, weil sie in den roheren 
producten der spielleute nicht mehr befriedigung finden. In keiner 
stelle der ersten ritterlichen epen tritt, soviel mir bekant, eine bestirnte 
polemik gegen die veraltete dichtuug oder ihre Vertreter hervor. Und 
das ist natürlich: müssen wir doch in den spielleuten die lehrmeister 
der ritter sehen; von denen sie das handwerk wenigstens, wenn auch 
nicht die eigentliche kunst erlernten. War dieser einfluss mehr ein 
unwilkürlicher, wenn auch mächtiger, weil die leute am hofe von 
Jugend auf diese spielmannsgedichte vortragen hörten, so hatten die 
grossen epischen dichtungen der geistlichen, wie des pfaffen Konrad und 
Lamprecht, gewiss ein grosses positives gewicht. Einmal gehörten diese 
dichter einem ohne zweifei geachteteren stände an als die spielleute; 
was aus ihren bänden kam, wurde also schon an sich mit mehr ach- 
tung aufgenommen. Dann aber sehen wir in der tat, dass die stoffe, 
welche sie behandelten , in jeder beziehung dem höfischen geschmack 
näher standen als jene. Fehlt ihnen auch noch das, was die ritterliche 
poesie zu einer neuen kunst macht und schon in den ältesten Vertre- 
tern deutlich hervortritt, das Interesse für innerliche Vorgänge, für das 
was die herzen der menschen bewegt, so fehlt ihnen doch auch jene 
rohheit der anschauung, die in den spielmanusepen unverkenbar ist. 
Ich erinnere nur an die rohe schlichte darstellung des Rother , der jede 
innerliche motivierung fehlt, oft sogar auch die äusserer Vorgänge. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 1 



KINZEL 



Man erfährt z. b. nicht die Ursachen des krieges, auf welchen die ent- 
führung der königstochter folgt. Das wolgefalleu am derben tritt über- 
all als süsse zugäbe hervor: die riesen, die alles zerschlagen, spielen 
eine hauptrolle; um ein gestühle entsteht eine grosse prügelei; den 
verwundeten tritt man in den mund. Statt der heldenhaften kraft und 
des tüchtigen mutes wird die list in allen formen verherlicht und der 
held kann uns durch sein auftreten wahrlich nicht für sich einnehmen: 
der könig verstelt sich, entführt die königstochter mit gemeiner lüge; 
dafür wird sie ihm auch mit scherzhaftem betrüge von einem spiel- 
mann wider abgewonnen. Nun will sich der könig Rother seine gemah- 
lin wider erobern , zieht mit einem beere nach Constantinopel, geht 
aber in ivalUres wtse in die stadt, ergibt sich ohne kämpf und soll 
aufgehängt werden. — Es fehlt noch jeder geschmack an pracht der 
kleider, waffen und höfischem schmuck. Wie dürftig klingt selbst die 
stelle 1820 fgg.: die vrouive hegonde vore gän. hundert megede los- 
sam die volgedin ir zwäre. alle vale häre. manigin armhouc rot 
trogin sie geiviröt. Dagegen überall lust an geld und gut , das verteilt 
wird, am grossen schall und dringen. Ist es nicht ein edler Stand- 
punkt, den der dichter in seinem fürstenideal vertritt: ich ne weiz, 
war zo der viirste sal, her ne hete ettewanne schal mit vroweden in 
dem hove sin (1551)? Und wenn man nun gar auf innere motivierung 
sieht! Wie fein ist in der Eneit die Stellung der mutter der Lavinia 
gezeichnet, welche den Turnus für ihre tochter bestirnt hat und des- 
halb gegen die Vermählung mit Eueas arbeitet. In der älteren Spiel- 
mannsdichtung findet sich dasselbe motiv, sofern die mutter ihrem 
gemahl entgegen den Kother begünstigt. Aber sie kann nichts weiter 
vorbringen, als widerholen: hättest du sie Rother gegeben, so wäre 
alles anders. Überall drängen sich die spielleute vor und nehmen 
einen ungehörigen anteil ; in eines fürsten begleitung sind gleich hundert 
Von solchen dingen haben die epen geistlicher Verfasser wenig 
und dies verhältnismässig sehr gemildert. Daher ist es natürlich , dass 
sie für die höfischen poeten directe Vorbilder wurden. Dazu komt noch 
ein dritter einfluss, der, wie schon öfter im einzelnen nachgewiesen 
ist, sich bis ins 13. Jahrhundert liinein in den höfischen epen geltend 
macht: die volkspoesie. Dass sie ihre eigne diction hat in worten, 
phrasen und Wendungen, ererbtem gut von den vätern, ist ohne zwei- 
fei. Dass die erste epik des 11/12. Jahrhunderts daran anknüpfte ist 
eben so klar , wie dass sie sich almählich einen neuen stil herausbil- 
dete. Dieselbe erscheinung begegnet uns in der hofpoesie. Es ist 
nachgewiesen , wie auch sie anfangs der volkspoesie mehr einfluss gestat- 
tet, als ihr bald nachher gut scheint. Ich brauche nur an die unter- 



VERHÄLTN. D. ENEIT ZUM ALEXAKDER •'" 

sucliungen über Hartmann 7ai erinnern. Auf die ersten anfange aber 
hat man seinen blick erst spärlich gelenkt, und es bleibt noch eine 
interessante aufgäbe, das lezte viertel des 12. Jahrhunderts zu durch- 
forschen, die drei oder vier formen derselben poesie zu scheiden und 
die neuen ausätze bloss zu legen, welche die blute heraufführten. Den 
besten anfang dazu scheint mir Lichtenstein in seiner ausgäbe des Eil- 
hart gemacht zu haben, und vielleicht dürfen wir in der sehnsüchtig 
erwarteten ausgäbe der Eneit von Behaghel förderung der Untersuchun- 
gen erwarten. 

Vorläufig ist die frage in neuen fluss gebracht durch die kleine 
Schrift V. Muths: Heinrich von Veldeke und die Genesis der roman- 
tischen und heroischen Epik um 1190. Wien, Gerold 1880. 70 s. Sie 
hat durch Behaghel (Lit. cbl. 1880 nr. 39) eine scharfe Zurückweisung 
erfahren. Dennoch ist sie nicht uninteressant. Der zweite teil stelt 
sich nämlich die aufgäbe nachzuweisen , dass von Heinrich von Veldeke 
kein epochemachender einfluss ausgegangen, dass er nicht der vater 
der höfischen epik zu nennen sei, obgleich seiner fast von jedem gros- 
sen dichter der nächsten folgezeit gedacht wird. Er habe auf den stil 
des höfischen epos nicht jenen hohen einfluss ausgeübt, den man ihm 
algemein zuschreibt und als Stilist sei er nicht hoch zu stellen; er sei 
nur das muster der formglätte. Einen eigentlichen beweis für diese 
behauptung ist uns v. Muth schuldig geblieben, und er ist, wie es mir 
scheint, auf sein schiefes urteil über des Veldekers bedeutung dadurch 
gekommen, dass er von der höfischen poesie der folgezeit ausgieng, 
statt Heinrichs bild von seinen Vorgängern aus aufzufassen. Ein ver- 
gleich aus dem 18. Jahrhundert liegt nahe: wer würde Lessing recht 
würdigen können, wenn er von dem einfluss ausgehen wolte, den er 
auf Schiller und Goethe gehabt hat? In die litteratur der 50ger und 
60ger Jahre müssen wir- hinabsteigen, um den rechten hintergrund für 
sein bild zu gewinnen. Die litteratur des 12. Jahrhunderts ist aber 
dem Verfasser, wenn man aus mehreren groben irtümern schliessen 
darf, nicht ausreichend bekant. 

Da liegt es also nahe, die beiden werke einmal näher ins äuge 
zu fassen, welche sich von allen dichtungen des 12. Jahrhunderts am 
nächsten gestanden zu haben scheinen : Eneit und Alexander. Über ihr 
abhängigkeitsverhältnis waren die meinungen schwankend , seitdem Har- 
czyk in seinen Untersuchungen über Alexander Z. f. d. ph. IV, 30 eine 
parallelstelle gefunden und angenommen hatte, dass der Überarbeiter 
des Alexander der plagiator sei. Dafür sprach, dass die Eneit „zwi- 
schen 1184 und 88 erschien," ^ die Strassburger hs. des Alexander 

1) Scherer, QF. VII, 60. 



aber die Jahreszahl 1187 trägt. Und wenn auch nach v. Muth * 1190 
das jähr der Vollendung der Eneit sein solte : jene stelle steht im ersten 
teile, der schon vor 1184 sein geschick erfülte. Was aber solte uns 
bewegen anzunehmen, dass 1187 das jähr der entstehung des jüngeren 
Alexander ist, selbst wenn v^ir Massmann unbedenklich glauben schen- 
ken, dass die zahlworte von „derselben hand sind, welche den 
Pilatus gleichzeitig mit den andern gedichten schrieb."^ 
Die gedichte sind doch vermutlich nur abschriften , sodass wir die abfas- 
sungszeit des Alexander zurückrücken dürfen. Den terminus a quo 
bildet nach Lichtensteins Untersuchungen p L der Tristrant Eilharts. 
Denn dieser hat zwar selbst den Vorauer Alexander benuzt, ist aber 
vom Verfasser des Strassburger ausgeschrieben worden. '^ Der Tristrant 
aber wird in die 70ger jähre zu setzen sein. Veldeke hat ihn gekant 
und sich an seine manier angelehnt. Dennoch ist es mir zweifelhaft, 
ob er im einzelnen mehr von ihm oder aus dem Alexander entlehnt 
hat ; denn dass dem leztern die priorität gebührt vor der Eneit ist jezt 
zweifellos und wie es scheint algemein angenommen. Ködiger brachte 
noch einen grund bei: „die neue bearbeitang (des Alexander) verfolgt 
den zweck der modernisierung. Hätte das epoche machende werk Vel- 
dekes schon vorgelegen , so würde der umarbeiter doch zunächst genauen 
reim durchgeführt , dem nachgestrebt haben , was bei Veldeke am mei- 
sten auffiel." Es liegt hierin ohne zweifei etwas beachtenswertes, das 
sich noch mehr veralgemeinern lässt: wer beide gedichte unmittelbar 
nach einander liest, dem drängt sich die Überzeugung auf, dass nach 
dem erscheinen der Eneit, die alles vorhergehende soweit überragt, 
ein dichter nicht wagen konte ein älteres gedieht in der weise des 
Strassburger Alexander zu modernisieren. 

Nicht ohne Schwierigkeit scheint es mir daher auch, eine Vor- 
stellung von dem Verhältnis des Tristrant und Alexander zu gewinnen. 
Dass der Tristrant in jeder beziehung gegen seine Vorgänger einen 
fortschritt zeigt, ist klar und von Lichtenstein im einzelnen nachgewie- 
sen. Verfeinerte sitten und empfindungen treten überall hervor, das 
höfische benehmen, die ritterlichen Verhältnisse, der minnedienst erschei- 
nen bei Eilhart schon ausgebildet, und dass die darstellung mit ihrem 
lebhaftem dialog gewanter war als bisher üblich, muste auch der 
umdichter des Alexander empfinden, wenn er das gedieht kante. Diese 
bekantschaft wird nun von Lichtenstein überzeugend an einer stelle 

1) A. a. 0. s. 28. 

2) Denkmäler, einl. s. 1. In Massm. gedichten s. VII steht nur „von der 
altern hand, welche den Pilatus schrieb." 

3) Nachweis einleitung s. CLIV. 



VERHALTN. D. ENEIT ZUM ALEXANDER 

nachgewieseu , welche in den Strassburger Alexander ziemlich unpas- 
send eingefügt, offenbar nur eine entfernte reminiscenz ist; denn es 
sind nur anklänge an verschiedene verse Eilharts. Müssen wir also 
eine abhängigkeit des geistlichen dichters annehmen, so entsteht die 
frage, warum ist sie nicht grösser geworden, warum beschränkt sie 
sich nur auf entlehnungen resp. berührungen in vier oder fünf stellen? 
Sie ist natürlich nicht endgültig zu lösen, da wir in die persönlichen 
und zufälligen Verhältnisse der dichter keinen einblick haben, der oft 
allein solche beziehungen aufklärt. Aber algemeine gesichtspunkte sind 
die: der Tristrant gelangte überhaupt nicht zu solchem ansehen, wie 
die Eneit; er war im vergleich zu ihr eine vorzeitige frucht desselben 
baumes, von der späteren reiferen weit übertroflfen. Ferner stand Eil- 
hart dem umdichter des Alexander der zeit nach zu nahe, als dass er 
einen durchgreifenden einfluss auf ihn üben konte. Endlich: im stoff 
wie in der persönlichkeit waren die gegensätze zu gross, als dass der 
der. kunst nach ältere dem jüngeren nachgeben konte. Der Überarbei- 
ter des Alexander, sicherlich auch ein geistlicher, war ja gewiss nicht 
unbegabt; aber seine erziehung, seinen stand konte er nicht wie ein 
kleid ablegen. 

Gleich schwierig ist die frage zu lösen: wie kam es, dass Hein- 
rich von Veldeke sich bei seiner anlehnung an den Tristrant so abhängig 
machte vom Alexander. Es scheint als habe mau den umfang dieser 
abhängigkeit gar nicht gekaut, da man bis auf v. Muth ^ immer nur 
von jener einen stelle sprach, deren abhängigkeit Martin (Lit. gesch. 
§ 56 , 7) durch den hinweis auf den formelhaften Charakter der werte 
hinfällig machen wolte. Sie ist aber nur eine unter vielen andern 
berührungen und entlehnungen, wie im folgenden nachgewiesen wer- 
den soll. 

Bei der aufzählung ist vom algemeinen zum besonderen fortge- 
schritten worden, nicht als ob die meinung wäre, dass jede Überein- 
stimmung ein beweis dei- abhängigkeit beider werke sei. Es soll 
zugleich zu einer geschichte der technik im angegebenen sinne material 
beigetragen werden. Die gesamtdarstellung soll dann die Überzeugung 
geben, dass und wie weit die Eneit vom Str. Alexander abhängig war. 
Dass dies Verhältnis sich aber nicht auf das ursprüngliche werk Lam- 
prechts erstreckt, glaube ich an zwei stellen nachweisen zu können. 



Alex. 1039. 
dö schüfen si ir were 
wider daz creßige here 



= En. 175, 39. 
unde schüfen ir were 
engegen dem creßigen here. 



1) Anders schon Behaghel in seiner recension. 



KINZEL 



Diese stelle fehlt in V mit ihrer ganzen Umgebung. In der folgenden 
redensart könte zufällige berühruug sein, doch stimt sie wörtlich zu S, 
nicht zu V: 



Alex. 1561. 
er ne woldiz niwit lengen, 
zehenzic tüsint wolder bringen 



= En. 36 , 25. 
hies er schiere hr engen, 
ern woldez niht lengen. 



Vgl. V 215, 14: er sprach, er ne wolte nievht langer lengen. Noch 
schwächer ist vielleicht die folgende stelle, welche zwar in V, wie die 
phrase überhaupt , fehlt , aber sonst parallelen hat : 



Alex. 1864. 
das u min trehtin löne! 



= En. 103, 38. 
daz ir min trohtin löne! 



Doch so übereinstimmend ist keine der andern stellen: Roth. 1416 tiü 
löne dir min drechtin. Eilh. 7316 des löne dir min trechtin. 7972 
nü löne üch min trechtin. 

Dies Verhältnis ist auch das wahrscheinliche. Grade die Umar- 
beitung des alten Lamprechtschen werks beweist, dass dasselbe nicht 
mehr hoffähig war. Also konte es auch nicht für den eigentlichen 
gründer der höfischen kunst eine anlehnung bieten. 

Die folgenden stellen sind alphabetisch geordnet und alle diejeni- 
gen weggelassen, welche auch berührungen mit Eilhart zeigen. Sol- 
cher giebt es jedoch nur wenige, die nicht dem algemeinen Sprach- 
gebrauch entsprechend wären. 

A. Berührung in wort- und phrasenschatz. 

armborst Alex. (Massm. ged.) 2262. En. 156, 1. 196, 8. Vgl. meine 
bemerkung zu Schultz höf. leb. II, 173 in dieser ztschr. 13, 123, 

after. witen after lande 3731. En. 130, 14. 282, 33. after lande 
4194. 6358. En. 65, 15. 69, 29. 77, 32. 129, 36 u. o. Im Tristr. 
nur after wegen z. b. I, 18 wie En. 238, 20. Licht, bemerkt s. 430: 
,,after wegen bei Eilhart fast eben so häufig als in En. after lande/' 

bane. einem ze banen werden 1167. 1866 (beidemal nicht in V). 2440. 
En. 210, 13 ich quäme dem Trojäre ze banen. Älter nur Hol. 6818. 

bar. sin swert het er bar 1767 (nicht in V), ir sivert heten sie bar 
En. 183, 20. ir swert ale bare trügen si 3706, trach din swert al 
bare En. 96, 40. Vgl. En. 89, 3 sin swert bare nemen under sin gewant. 

barn. nehein müter barn 1703 (nicht in V). 6216. maniger müter 
barn 3265. 6748. En. 315, 33. 22, 35. Bloss barn: der ne geniset 
nehein barn, der da wonent innen 6984, ir ne genas nie dehein 



VERHALTN. D. ENEIT ZUM ALEXANDER i 

harn En. 136, 18. 215, 22. Nicht ohne älteres voibild ßoth. 3943. 

dar nelevete ein harn niet. Danach berichtigt sich die bemorkiing 

Vogts in seinem Morolf CHI. 
has. vore has varn 2616. En. 97, 8. vore haz kommen 99, 26 (die 

stellen fehlen bei Lexer). 
bedenken, sich 1510. 2316. 6636. En. 71, 5. bedäht sin 5590. En. 

48, 19. 71, 13. ubile bedäht sin 6909. 6971. En. 73, 21. 121, 34. 

128, 27 u. 0. 
berc. an den berch unde in das tal 2802. ubir berch und tat 6689, 

über berch unde über tal En. 188, 8. 
bcrihten. daz lant 4008, En. 24, 30. daz riche 7267, En. 109, 7. 

350, 39. 
betalle 2913. En. 42, 24. 44, 33. 97, 36 u. o. 
brttel am schilt En. 200, 37, am ross breitel 391 (nicht V). 
bringen inne 4206. V 213, 6 (fehlt S). En. 32, 40. 36, 6. 55, 8. 

56, 27. 62, 10 u. o. 
brün isen 4300. 4561 und brüne ecken 1734. 4465 werden zwar von 

Veldeke verschmäht, doch findet sich heim brün lüter als ein glas 

En. 159, 3. 236, 36. 
dringen, da si ze samene drungen 3219 vom kämpfe. Ebenso da si 

ze samene drungen En. 196, 16. 315, 12. 325, 26. 
durchslagen. ein umbehanc von edelen golde durchslagen 5951. ein 

blüme (auf dem helme) von dorchslagenem golde En. 160, 5. bouch 

durchslagen goldin 346, 23. 
einwich, daz einwich gelobete er 4645. do gelobete er den einwich 

En. 259, 27. 
estrich 3394. Eu. 224, 6. 252, 16. 
gare, absolut: er tvas so wol gare nach deme criechischeme site 3231. 

vor mir quämen si gare 6516 wie Roth. 4084. wallegare rifäre 

Roth. 3411. also schöne gare Tristr. 777. Aber wol gare ze sfrite 

1653 (nicht V), ze storme harde ivol gare 144, 18. 315, 2. zu der 

vart gereit und gare En. 89, 1. 
gelten den zins 3072. 3281. En. 28, 5. mit dem libe gelten 1167. 

En. 208, 5. 211, 18. 
gemischen. gemischete sich zesamene mit grimme di menige 4694. do 

gemischefen sich die scharen vaste En. 201, 20. 315, 34. 
gen. iz gel an di tuginde 2492. an di not 4444. an daz sterben 

En. 19, 39. strtten 201, 22. leben 70, 39. ungemach 90, 28. — 

dar gienc uns der scade nach 4951. diu rouwe gienk ir vile na 

En. 73, 23. 



KINZEL 



genendicUchen 6666. En. 239, 29. 324, 31. 

gesweslichen 5900. Eu. 53, 23. 66, 33 84, 1. 181, 40. 290, 1. 

Auch Busch leg. v. 615. (swesUche Glaub. 1764. 2386. En. 66, 26.) 
heil, als ime sin heil vore gät 3435. die wile sin heil vore gienk 

En. 199, 26. das heil gewinnen 3516. 4579. 4632. En. 203, 17. 
hüt. ane hüte und an vasse in was getan di varwe 5302. an hüte und 

an häre En. 108, 31. 350, 19. 
kommen, es comet in unrehte 1020 (nicht V). Eu. 42, 13. rehte 3440. 

6443. En. 65, 39. wi er dar zo solde eomen 6625. wie si dar m 

was komen En. 65, 18. Vgl. 36, 12. 67, 26. 
kreftigiz here 1040. 2322. 6487. En. 175, 40. 
lockechte was sin hals 288. riich lockehfe was im aller sin Üb En. 93, 

26. Vgl. 85, 12. 
lussam, auch sonst gebräuchlich, doch besonders häufig in Alex, und 

Eneit. lussame wih 5308. 5851. 6061. 6071. Sache 5434. lette 

5448. horch En. 35, 4. rede 46, 6. helt 88, 15. Vgl. 38, 4. 55, 39. 

gebe 114, 2. hirz 131, 36 u. o. 
manniskraft = kraft: er hies insamt heften di schif mit manniscreften 

1190, (dagegen V Alexander nhom mit grosser krefte). mit groser 

mankrefte Bestächen sie die schefte En. 315, 7. 
marke, halsherg maneger marke wert 6373. si wären maneger marke 

wert En. 145, 8 u. ö. 
ougen. ich ne sach nie ougen also wol sie 5276. schöne ougen und 

wol stände En. 146, 15. 
phlegen. das man sin so wole jdach 3105. das sie sin so wole phlach 

En. 50, 5. 
rüejen. sie rüeten unde schielden 6829. Mit demselben reim En. 23, 

14: aber sie rürden unde schielden. Es läge nahe, auch hier rüeten 

zu lesen, doch ist rürden durch den reim gestüzt: 167, 29 si stür- 

den unde rürden : fürden. Die ellipse schif ist seltener als ors: er 

hiz si starke rüren 6724. do si mit den sporen rürden En. 205, 22. 

Sonst: das ras rüren (nemen) mit den sporn 1854 (1818). En. 200, 14. 

205, 14 (200, 28). 
sigelos 2654. 3348. ;]599. 4222. 4504. 6501. En. 127, 39. 159, 35. 

321, 22 u. 0. 
smal. juncfrowen wol geivassen unde smal 6047. minniclich was ir 

Hb al, wol geschaffen unde smal En. 146, 32. Ähnlichkeit haben 

nur zwei stellen im Rother, doch ist in ihnen smal nicht absolut 

gebraucht: sin ist in midin also smal Roth. 75, sie sint so dem 

gürtete also smal Roth. 1371. — wib wol gewassen En. 146, 7. 



VERHÄLTN. D. ENEIT ZUM ALEXANDER 9 

spannen hercfride 1232. ehenhöhen Eii, 189, 4. ein hercfrid ho gespan- 

nen 191, 7. 
strichen. Alexander lies dar z6 strichen 2723. si liesen dare strichen 

En. 205, 18. 240, 11 u. ö. 
tal. uhir bein ze tale 171. al das hein hm se tote En. 148, 30. 
tragen, sin höhmut in dar zu trüc 6614. ir müt trüch si dar zu 

En. 59, 5. 
über, si nement di uberin hant (V den obern sige) 1343. da mite gewan 

er di oberen hant En. 63, 13. 
ungelogen, daz merket vor ungelogen 6066. vernemet diz vor ungelo- 
gen En. 131, 33. daz saget man uns vor u. 252, 21. daz vernemet 

vor war ti. 60, 24. 116, 34. 149, 5. Man vgl. dagegen Eilh. 928 

ich wil dir sagen ungelogen, 
unsin. daz comet von unsinnen 4263. En. 122, 20. 323, 21. Vgl. 

79, 6. 45, 1. 78, 3. — mit grözem unsinne 6867. En. 342, 30. 

mit unsinne En. 54, 4. 
voUensprechen 3868. En. 55, 27. 83, 4. 
were. si giengen vaste an di were 2215. 2335. si giengen ze were 

stän En. 136, 39. si macheten ir tvere gegen Alexanders here 2341. 

si schüfen ir were engegen dem here En. 175, 39. 
werlt = kriegsvolk ist in zwei fällen von S getilgt, behalten nur: von 

der werlde di da tot lac 1216. Vgl. dö der werlde also vile zu des 

kuneges hove quam En. 174, 15. michel iverlt dare quam 336, 14. 
wigant 1711. 2288. 2489. 2941. 4820. 2911. 3834. 4217. 4420 usw. 

Nach Lichtenstein vorr. s. 156 anm. wäre das wort in der Eneit 

schon mehr in den hintergrund gedrängt. Doch En. 18, 30. 23, 7. 

48, 36. 84, 24. 99, 27. 100, 33. 106, 31. 175, 7. 179, 33. 

186, 15 usf. 

B. Berührungen in reimbindungen. 

Eh ist von vornherein wahrscheinlich bei dem Verhältnisse der 
neuen höfischen dichter 7Ai ihren Vorgängern, dass sie auch in den 
reimbindungen viele berühruugeu haben werden und man wird nicht 
bereit sein, in jedem falle an eine abhängigkeit zu denken. Dennoch 
wird aus den nachstehenden Zeugnissen die Überzeugung sich aufdrän- 
gen , dass man es nicht mit zufälligen , rein technischen berührungen 
zu tun habe, zumal wenn man andre gedichte zum vergleich heran- 
zieht, wie den Tristrant. Dass derselbe zum Alexander einerseits und 
zur Eneit andrerseits in beziehungen steht, kann nicht geleugnet wer- 
den, und doch sind solche Übereinstimmungen bei ihm ganz verschwin- 



10 KINZEL 

deud im verhäliiis zu den hier aufgeführten. Und wo sie vorhanden 
sind, wie im reim hemenäten : beraten (man vgl. unten), da beweist 
eben der unterschied deutlich, dass an ein engeres Verhältnis der Eneit 
zum Alexander zu denken sei. 
die alden mit den jungen, da si ze samene drungen 3218. die alden 

mit den jungen, die mit im in drungen En. 197, 6. 
nieman ne mach sinen Hb vor ime gesunt behalden swes is mus gwal- 

den 356. ich wil ime hüte sinen Hb gesunt dl hie behalden, sol is 

gelucJce tvalden 6291. läzet sis gewalden, si tvil üch wol behalden 

En. 33, 16 und: sal es gelucke walden. ich wil in wol behalden 

En. 117, 26. Vgl. 128, 36 und: sal es gelucke walden 166, 39. 

259, 8. 
er ne wolde niwit beiten : bereiten 6738. ir müzit beiten hiz daz ich 

üch bereiten 6895. beiten : bereiten En. 164, 34. .• gereiten 34, 1. 

66, 19. 
getichtit : in dütischen berichtet 16. getihtet : in tusche berihtet En. 

352, 27. 
gevangen : unde wiz da was ir gangen 2865. dö ez also was ergan- 
gen : gevangen En. 43, 9. 185, 15. — ergangen : irlangen s. unten. 
ie hästu dines willen irworben ein vil michil teil, wir läzenz herre 

ane daz heil 6659. do hete er sines willen da erworben ein teil. 

dö liezen sie ez an ein heil En. 88, 12. 
side : gesmide 4525 und En. 341, 10 an einer stelle, die auch sonst 

entlehnung zeigt (s. unten). 
von helfenbeine gezieret mit gesteine 5902. En. 149, 7. 
ich ne wil iz niwit langer helen , wir suln uns alle bevelen 7003. ichn 

wil üch niht helen, swester ich wil ü bevelen En. 55, 15. 
dö dt . . . . gevören .... erre, do quämen si so verre 6845. do di . . . . 

gevüren .... erre, do quämen si also verre En. 24, 15. 
phelUne wät mit golde wol genät 6068. borden wol mit golde genät üf 

die phelline wät En. 341, 7. 
do het er michelen sorn. sin ros nam er mit den sporn 1818. daz is 

mir vile zorn. daz ros nam her mit den sporn En. 311, 34. Vgl. 

205, 14. 
daz was ein michel tumpheit. des quam in manich arbeit 6669. si 

bestunden michel arbeit, iedoch ivas ez tumbheit En. 195, 10. 
lidige von fr eisen tvituwen und weisen 7238. da vil wole ivären behüt 

witewen und weisen vor unrehten (reisen En. 351, 36. 
der donre wart vil gröz; ein starkiz weder nider göz 134 (V anegöz). 

die winde ivären vile gröz. vile starke ez nider göz En. 62, 32. 



VERHÄLTN. D. ENEIT ZUM ALEXANDER 11 

beraten : Jcemenäten. Der reim ist auch bei Eilh. häufig , z. b. ein schif 
Uz he b. mit guten kemenäfen X 247. in der h. da he was ivol bera- 
ten 2029, wie Alex. 5991 sus herliche tvas di froive riche allezU b. 
in ir Jcemenäten vgl. 6114 uud En. 48, 38. 125, 28. Aber nie 
ist im Tristr. beratest auf Jcemenäten bezogen, wie dise Jcemenäten 
alsus wol beraten Alex. 6122. scJiöne Je. JierlicJie beraten En. 27, 23 
339, 39. 

an eine flüme groz unde gerüme 6729. die flümen grösen unde rümen 
En. 27, 14. 

di spileten unde Sprüngen. Jiei wi scöne si sungen 5215, vgl. ze liant 
si üf Sprüngen, fröUchen si sungen 4180. schiere sie üf Sprüngen, 
si spilden unde rimgen (sungen hs. GH) Eu. 112, 29. vor froweden 
sie Sprüngen, si bliesen unde sungen 199, 9. 

C. Entlehnungen. 

Schon unter den beiden aufgeführten sind einige stellen , bei wel- 
chen directe entlehnung sehr wahrscheinlich ist. Die folgenden sind 
nicht alle von gleichem gewicht. Doch muss ich auch bei der viel- 
berufeneu stelle En. 20, 36 die Wahrscheinlichkeit der entlehnung aus 
Alex. 7084 trotz der stelle Roth. 5082 festhalten. Ich setze sie des- 
halb noch einmal her: 

Alex. 7081. = En. 20, 33. 



lüte di in solden tragen, 
er was so comen zo sinen tagen 
daz er niet ne mohfe gän. 
daz Jiattim daz alder getan 



sinen vater Jiiez er danne tragen: 
der was so Jcomen ze sinen tagen, 
daz er niht mohte gän. 
daz het ime daz alder getan. 



Was hat dagegen die Übereinstimmung der einen zeile im Rother für 
kraft? Roth. 5082 ein snewtzer wtgant, 

daz Jiete dat alter getan. 
Die folgenden stellen sollen nach der versfolge der Eneit gegeben wer- 
den, um zu zeigen, dass die entlehnungen gegen ende des gedichtes 
abnehmen. Voran stehen zum Übergang drei parallelen: 1) üf den 
goifen Jiätiz rindis Jiär, an den sUen liebarten mal 290. diu eine goffe 
was apJielgräwe rehte als ein libart En. 148 , 34. 2) die Jcuninginne 
gab mir ze minnen eine gute cröne 6387. er sande ime ze minnen ein 
sceptrum und eine cröne En. 113, 31. 3) di frowe leitte miJi in eine 
Jcemenäten 6080. 6089. 6100. 6146. dö leite si den wtgant in eine 
Jcemenäten En. 48, 36. 

ivande si (di veste) ist so vast , daz si ne vorhtent niht ein bast 
uns noh alle di nü leben 6993. da enmitten stunt diu borcJ% so vast 
daz si niene vorhte ein bast allez erdiscJie Jiere En. 27, 15. 



12 KINZEL 

ich wil in bringen inne, das ih sine minne niemer ne gesüche, 
wandih ir nit ne rücke 4206. sine getorsten der minne niht bringen 
inne. [sine wolde ir im niht jehen : si hete gerne gesehen,] das her 
des gerüchte, das hers an si suchte. En. 58, 27. Vgl. 65, 23 die des 
gerüchten, daz sir minne suchten. 

Zu der oben beim reim teil : heil aufgeführten stelle vergleiche: 
ie hästu dines willen offenliche unde stille irworben ein vil michil teil 
6657. und tet dö sinen willen offenbare unde stille En. 65, 11. 

tnan sal ü dar umbe sprechen laster unde scande witen after 
lande 3729. dö worden ir vile gram die heren after lande, si sprä- 
chen ir gröze schände En. 65, 15. Vgl. oben unter A after. 

doh ne muget ir niemer das bewaren, ir ne müset hine varen 
7191. iedoch müster dannen varn, des enmohte her sich niht bewaren 
En. 67, 7. 

wie er getan was. der sarc zvas grüne alse ein gras, des seibin 
töten mannis name was gegraben dar ane 3562. ich sage ü daz der 
sark was ein prasem grüne alse ein gras, ivol meisterliche ergraben, 
mit goldinen büchstaben was ir name da gescriben En. 80, 3. 

Im träum erscheint Philippus seinem söhne und begint seine rede 
mit den Worten: Alexander lieber sune, durh dich hin ih here comen 
3004. Ebenso erscheint dem Eneas der vater und sagt: sun, ez is 
dir gut vernomen, durh daz ich her üf bin kamen. En. 81, 5. 

noh der wäfene nichein, daz di sunne ie beschein 6377. der 
wäfene dehein, der diu sunne ie beschein En. 87, 17. 

si trügen in ir hant verholne undir ir gwant ir swert ale bare 
3704. daz swert daz hiez sie in bare nemen under sin gewant , daz 
herz trüge an siner hant En, 89, 2, Hier ist die entlehnung aus dem 
Alexander um so augenfälliger, als dort, wo die mörder in des Darius 
gemach schleichen, die worte ganz natürlich lauten. Hier aber, wo 
Eneas das seh wert nimt, um sich in der unterweit damit zu leuchten, 
erscheint der lezte vers als reimbüsser. 

Darius sih dö üf hüb [unde tröste sinen müt]. er dihte selbe 
einen brieb. mit siner hant er in screib. er santin Alexandra 3422, 
e danne sie sich üf gerihte, einen brief sie selbe tihte, [den si mit 
schönen worden vant] , und schreib in mit ir selber hant. den sande 
sie da Turnus was En. 125, 35. 

du werc . . getrüwe unde wärhaft, hubisch unde erhaft 3806. 
her wäre . . hobisch unde erhaft, küne unde wärhaft En. 143, 25. Vgl. 
küne unde erhaft, getrüwe unde wärhaft 6887, getrüwe unde wärhaft, 
milde unde erhaft 332, 9. 



VERHALTN. D. ENEIT ZUM ALEXANDER 13 

da man solde stechen imde spere brechen iinde di scilde howen 
4304. die konden helme houwefi unde Schilde stechen unde spere bre- 
chen En. 147, 30. 

weret alse helide üher lant unde üher selide 4528. weret üch 
also helide üwern Üb und üwer selide En. 165, 31. 

er hieze niangen richten 1 349. . . . mangen . . . gemannet unde 
gesellet 1355. mangen hies er rihteti, seilen unde mannen En. 189, 2. 

wir setzen Üb unde gut an ein heil unde aiih an ein urteil 4240. 
das wir uns läzen an daz heil und an unreht urteil En. 311, 5. 

sven ez . . . in dem stürme mac irlangen, des leben ist irgangen 
4360. swen her mohte ... mit dem swerte erlangen,- des leben ivas 
ergangen En. 319, 23. 

beide bürge unde lant unde gewant unde scaz 3509. beidiu borge 
unde lant unde scaz unde gewant En. 331, 3. 

D. Ähnliche Situationen. 

In beiden gedichten finden sich eine reihe weiterer ähulichkeiten, 
die zum teil im stofte lagen und in den betreifenden quellen vorgezeich- 
net waren. Auffallend aber ist die gleiche behandlung, welche die 
stellen in beiden werken gefunden haben, und da sich in einigen der- 
selben deutliche parallelen finden, so ist nicht zu bezweifeln, dass auch 
Heinrich von Veldeke die ähulichkeit nicht entgangen ist und dass wir 
auch hier anlehnungen an den Alexander zu sehen haben. 

Es ist schon oben darauf hingewiesen worden , dass beiden bei- 
den ihre väter nächtlich erscheinen , um den söhnen rat zu erteilen. 
Der anfaug ihrer rede stimt überein 3004. En. 81, 6. Vgl. ferner: ich 
wil dir sin bereite zb diner arbeite 3008, ich quam dir her ze tröste 
81, 10. tu du den rät min 3012, nach mlnem rate 81, 33. daz er 
were dem gote gevolgich ze sinem geböte 3018, wandez wellent diegote; 
nü volge ir geböte 82. 11. Im Alexander sind es 15, in der Eneit 
über 80 verse. 

Ebensolche berührungen zeigen die beschreibungen der rosse 
Alex. 270 fg. und En. 148, 15 fg. 



ime was sin munt 

daz wil ih u tun hunt 

als eime esele getan. 

di nasen wären ime wtte üf getan 

sine ören wären ime lanc, 

daz houbit magir unde slanc. 

sine ougen wären ime allirvare ' und ein bein rot und ein buch, 

glich eineme fliegindin are. der ander buch was ime vale 



daz w inster öre und der mane 
wären im wiz als der sne .... 
im was daz zesewe öre 
und der hals swarz als ein rabe 
daz houbet was im al rot 
und wol geschaffen genüch, 



14 KINZEL 

sin hals was ime lockechte. \ al daz bein hin ze tale . . . 

ih wene iz were lewin geslehte. im glizzen die slten 

üf den goffen hätiz rindis här. als ein wilder phäwe. 
an den siten lieh arten mal diu ein gofe was aphelgräwe 

rehte als ein lehart. 
In der Eneit schliesst sich daran die ausführliche beschreibimg des 
kostbaren reitzeuges. 

Weniger im einzelnen nachweisbar sind die beziehungen in fol- 
genden ähnlichen Situationen: die einleitungen zum empfange des Eneas 
bei der Dido und des Alexander bei der königiu Candacis und das 
geleit ins schlafgemach 6235 und En. 48, 35 , die ausführliche geschichte 
der Camille En. 145 und die kurz abgebrochene erzählung von der 
Amazonen königin 6470 fgg. , die klage um Darius 3872 und die um den 
Pallas 216, 20 und die aufbahrung der toten, endlich der einwtc 4636 
und 259, 35. In allen fällen aber springt es in die äugen, welchen 
grossen fortschritt in der eutwicklung des höfischen stils Heinrich von 
Veldeke bekundet gegenüber seinem kaum ein Jahrzehnt älteren vorbilde. 
Wir müssen ja freilich beachten, dass wir es nicht mit selbstän- 
digen erfindungen in diesen werken zu tun haben , und man könte 
erwarten, dass vv^ir bei einem solchen vergleiche auf die originale zurück- 
giengen. Aber einmal ist dies nicht möglich, dann aber ist es auch 
nicht nötig, da wir wissen, dass die reproduction keine sklavische war, 
sondern dass sie stets dem geschmacke der zeit und der Individualität 
des dichters angemessen wurde , wie ja am leichtesten an den beiden 
Alexander - dichtungen sichtbar ist, und dass wir deshalb berechtigt 
sind, dem bearbeiter auch das zuzurechnen, was er ungeändert seiner 
vorläge entnahm. Sowol dem Überarbeiter des Alexander wie Heinrich 
von Veldeke wird man zutrauen, dass sie nicht leicht etwas unbesehen 
oder aus not herübernahmen. 

Zunächst ist zur algemeinen Charakteristik hervorzuheben , dass 
wir im Alexander einen immer gleich dahinrauschenden ström der 
erzählung von äusseren ereignissen haben, der nur bisweilen von brie- 
fen oder reden unterbrochen wird. Nur selten gelingt es dem dichter, 
sich in behaglicher breite zu bewegen und etwa wie in der geschichte 
der blumenmädchen bei einer anziehenden Situation länger zu verwei- 
len. In der ersten hälfte ist dies nie der fall. In der zweiten hälfte, 
die einen nicht unbedeutenden fortschritt zeigt in der entwicklung, 
etv^a von dem grossen briefe des königs an (4906), sehen wir eine 
grössere annäherung an den stil des höfischen epos. Wir erinnern nur 
ausser dem angeführten beispiele an die geschichte der königin Can- 
dacia 5511 fgg. und au die langen directen reden, welche hier nach- 



VERHÄLTN. D. ENEIT ZUM ALEXANDER 15 

weisbar im Verhältnis zum anfang immer mehr an umfang gewinnen. 
Aber die darstelluug des inneren lebens fehlt noch gänzlich ; z. b. selbst 
bei der krankheit des Alexander und seiner heilung durch den ange- 
schuldigten Philippus 2565 fg.; kaum dass der dichter einmal seiner 
wonne beim anblick der blumengeboreneu ausdruck verleiht 5210 fg. 
Und nun vergleiche man damit die schlaflose nacht der Dido 50, 11, 
ihr gespräch mit Anna 53, 25, ihren abschied von Eneas 67, 28 fgg. 
und vieles andre. Hinter dieser geschicklichkeit in der form bleibt 
auch Eilhart weit zurück. Zwar hat auch er schon die wechselreden, 
aber weder in gleichem umfange noch in gleicher lebhaftigkeit. Dem 
Alexander fehlen sie ganz, ebenso wie die gev^altig langen reden. Man 
vergleiche nur die trockenen indirecten reden 960 fg. 1007 fg., die 
gleichwol alle schon bedeutende erweiterungen gegen den Vorauer Alex, 
zeigen, mit der rede des Turnus an seine lantherren 150, 19, man 
beachte die scherzhaften werte des Trojaners als Eneas vor dem türm 
der Lavine hält 305, 39 und die herschaft über die form, welche dem 
dichter eine solche Spielerei gestattet wie 294, 8 das zehnmalige Minne 
an jedem anfang eines reimpaares und 295, 19 das achtmalige Minne 
am ende eines solchen , — so wird man in der tat begreifen , wie 
Heinrichs werk einen so epochemachenden einfluss gewinnen konte. 

Das ältere epos hat eine unbedingte verliebe für die Schlacht; 
und zwar haben die kämpfe alle etwas typisches, sie entbehren der 
charakteristischen details wie 1030. 1281. 2135. 3286 fgg.; wo diese 
anfangen sich zu zeigen wie 1743, da gehören sie meist schon dem 
fortgeschritteneren Überarbeiter S an. Der anfang der Eneit entbehrt 
der kampfschilderung ganz , und wo sie sich später findet, da zeigt sich 
in der angegebenen richtung ein grosser fortschritt. Der geistliche 
kennt auch die einzelheiten einer belagerung nicht so genau wie Hein- 
rich 156, 18 fg.; während jener sich bei beschreibung einer bürg mehr 
formelhaft ausdrückt wie 5515 fgg. , weiss Heinrich sein bild zur grös- 
ten anschaulichkeit zu erheben wie 118, 8 fgg. 

Dem entsprechen denn auch gewisse von alters her überkommene 
rohheiten ; so das fürstenideal v. 40 fg. : „es gibt keinen könig so reich, 
der mit stürmen und streiten so viel länder gewann, herzogen und 
andre fürsten erschlug wie Alexander." Nie werden andre tugenden 
hervorgehoben, immer nur klugheit und baltheit verherlicht wie 254, 
374 fgg. Daher finden sich denn auch noch spuren jener rohheit: 
Alexander schlägt Lysias vor die zahne , dass sie ihm in die kehle 
rieseln 492, Darius will den könig gleich auf einen ast hängen 1932, 
Alexander schlägt einem Perser mit der brennenden fackel in die zahne 
3164. Dies und manches andre, wie Alexanders bisheriger aufenthalt 



16 KINZEL 

bei Darius 3020 — 3180, die Vorstellung vor Candaulus 5659 fgg. erin- 
nert deutlich an die spielmannsepen , also an die Vergangenheit. Die 
neue kunst der zukunft wies dies von sich : es war dem höfischen wesen 
zuwider. 

Hier legte man auch gewicht auf eine statliche erscheinung. Der 
Alexander leistet darin nicht mehr als: er was wolgewefent und geri- 
ten, dö was er ein schone jungelinc 431. Und nun vergleiche man 
damit z. b. 199, 35 die beschreibung ritterlicher erscheinung. Der 
geistliche hat nicht das gleiche Interesse an den ritterlichen ausrüstungs- 
gegenständen ; seine angaben über waffen usw. sind sehr dürftig, z. b. 
1247 (schon von S erweitert). Man vgl. dagegen En. 149. 159. 170, 
40. 236, 30. 243, 37; kleider 59, 19. 146, 34-, Jagd 61, 10. 130, 
31. 132, 26. Dafür fehlt dem älteren dichter der geschmack volstän- 
dig. Die pracht gewint nur eine bedeutung bei ihm in der beschrei- 
bung der gebäude im zweiten teil wie 5415 und besonders des palas 
der Candacia, dem über hundert verse gewidmet werden 5887 — 5996, 
abgesehen von den Wunderdingen, welche er barg. Hier findet sich 
auch höfische einrichtung und höfische sitte erwähnt 6037 : Jungelinge 
di plagen JiubiscJieite vile tnit alUrslachte seitspile. huhischeit findet 
sich nur noch einmal 5281 di frowe ne phlege sedner huhischeite, 
huhisch nur 3807; des hobis plegen 6041. Also nur schüchtern wird 
im Alexander des höfischen gedacht; es ist noch kein lebensprincip, 
und selbst wo es nach späterm gebrauche nicht fehlen kann, ist es 
versäumt. Bei der beschreibung der brütlouß, der hochzeit Alexanders 
mit Koxanien, weiss der Verfasser nichts rechtes zu sagen, als hätte 
er nie ein hoffest gesehen. Nur formelhaftes bringt er vor 4021: tveder 
sint noh e newart nehein Wirtschaft mit sulhen eren vollenbrächt ; dann 
muss er sogleich den könig Salomo zu hülfe rufen und aus den königs- 
büchern die herlichkeit der Vergangenheit in 30 versen reconstruieren. 
Heinrich knüpft bei gleicher veranlassung 344 fgg. an die Wirklichkeit 
an und gibt ein lebhaftes bild eines hoffestes. Ganz passend entschlüpft 
ihm auch der ausdruck: das täten sie noch hüte, nämlich die spilman 
und diu gernde diet, die er gleich obenan stelt und deren er ganz 
anders gedenkt {sie worden da riche also daz bilUch was 344, 30) als 
der Alexander. Ihm mangelt sichtlich das Interesse für diese leute 
und fast verächtlich klingen die worte 506: däne wart neheiner gäbe 
lüt nieren nehein spileman, nämlich als Alexander den Lysias bei der 
königstafel erschlug. Sonst komt das wort bei ihm nicht vor. 

Ganz anders tritt das höfische in der Eueit hervor. Heinrich 
weiss genau was sich schickt, ob man sich setzen darf und verneigen 
muss oder ob man der suhte vergisst 121, 1 fgg., er kann sogar einen 



VERHÄLTN. D. KNEIT zum ALEXANDER 17 

harde gchovet man charakterisieren, der ivas wUe und rtche und was 
gesogenliche , verwizsen unde redchaft , niivan daz er ungerne vaht unde 
gerne hete gemach, weiss also über einen gegensatz von höfisch und 
ritterlich sich humoristisch zu erheben 230, 8 fgg. 

Selbst das wort ritt er und alles was damit zusammenhängt, ist 
im Alexander verhältnismässig selten. r?/er 183. 1716 S. 1718. 1729 S. 
1762 (Y ritt er). 1947 V (S reise). 2211. 4374 {türme unde riter dar 
inne). 4949. 5958. sen ritern gehären 244. nach riterUchem site gewe- 
fent und geriten S 430. Alexander reit riterUche dannen S 1888. 
jimcfroiven wol geivassen unde smal und rUerUch uhiral 6048. In der 
Eneit steht ritter in den ersten 5000 versen etwa 16 mal; daneben 
ritterschaß 60, 38. 100, 5. 130, 12. 143, 22. 144, 8. 147, 25. 
199, 22. 199, 36 u. ö., ritterliche 146, 35. 149, 2. 201, 7. 211, 33. 
212,11. 28. 236,22. 239,6. 7. Dazu werden die ritterlichen beschäf- 
tigungeu erwähnt: sich hanecken 59, 8. 266, 33. spere hrechen, justie- 
ren usw. 147, 30. juste harte ritterliche 201,7. hühurt 345, 32. Die 
ritterliche (yosif wird hier , wie es scheint, zuersterwähnt, (Lexer citiert 
aus dem 12. Jahrhundert nur Lanz. Wig. Erec.) und mit allen einzel- 
heiten beschrieben (man vgl. 205, 18. 212, 28. 243, 5—9). Im 
Alexander sind die kämpfe meist' zu fuss; auch der Zweikampf zwischen 
dem könig und Perus wird nur mit dem schwert sahs gefochten 4653, 
ritterlich dagegen ist der eimvic in der Eneit 259, 25, die Vorberei- 
tungen 307 fgg. und der eigentliche kämpf 324 — 330 äusserst edel 
und spannend geschildert Dies beruht auf den idealen anschauungen, 
die Heinrich von seinem stände hat: er was ein ritter gut edile und 
here und het umh die ere dikke gerne ungemach 181, 12. Ygl. 290, 
15. 16. 

Vollends überragt natürlich Heinrich sein vorbild in der auffas- 
sung der minne; hier durfte er sich ganz und gar auf Eilhart stützen, 
in welchem uns der minnedienst schon ausgebildet entgegentritt. Es 
ist unnötig dies im einzelnen zu zeigen; die beispiele wie das gespräch 
der Lavinia über das wesen der minne sind zu bekant. Im Alexander 
finden sich kaum einige spuren, wie 2763 sol ih Verliesen daz lehen, 
so rüwit mih daz scone wth mer dan tntnes selbes lih. ouh ne hin ih 
der eriste niet der durch herzeltchiz lieh sin Uh sazte in wäge. 2788 
ouh mugint in di frowen deste gerner minnen tougen. 2918 tvand ih 
durch ir (miner müter) liehe allen wihen gerne diene. 5383 ih ivolde 
scowen dar an, oh were dihein man dem di ivihis minne nit ne 
hrechte üzem sinne — und endlich 3362 ouJi weinte di im amis di da 
stille ivas gehit. di frowen weinten im trüt den sl minneten uhirlüt. 
Fast- in allen diesen stellen aber handelt es sich um reale Verhältnisse, 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 2 



18 PEATJE 

kaum in einer ist eine spur von eigentlichem minnedienst, wie ihn 
seit Heinrich von Veldeke alle folgenden höfischen epen voraussetzen. 

Aus alledem erhelt, dass man mit recht Heinrich von Veldeke 
eine hervorragende stelle in der entwicklung des epos überhaupt und 
besonders des höfischen einräumte und noch heute einräumt. Schwer- 
lich wird sich also Richard von Muth der Zustimmung zu erfreuen 
haben, wenn er meint durch seine algemeinen betrachtungen „eine fal- 
sche grosse aus unsrer litteraturgeschichte beseitigt zu haben." 

BERLIN, MAI 1881. KARL KINZEL. 



SYNTAKTISCHE VERWENDUNG DES GENITIV IM 

HELIAND. 

§ 1. 

Wer sich die aufgäbe stelt, den casusgebrauch einer einzelsprache 
festzustellen , darf die auf dem gebiete der vergleichenden Sprachfor- 
schung gewonnenen resultate nicht unberücksichtigt lassen. Wenn 
darum im folgenden eine darstellung der syntaktischen Verwendung des 
genitives im Heliand von uns versucht wird, müssen wir uns zuvor 
vergegenwärtigen, dass die indo - germanische Ursprache acht casus 
aufweist, dass also das Altsächsische und mithin auch die spräche des 
Heliand, weil sie nur vier casus, nämlich nominativ, genitiv, dativ, accu- 
sativ volständig, im singular und im plural, und einen fünften, den 
Instrumentalis, nur un volständig, nur im masculinum und neutrum sin- 
gularis erhalten hat, die drei übrigen casus, locativ, ablativ und voca- 
tiv eingebüsst haben muss. So wird denn, wie bei jedem der erhal- 
tenen casus, auch beim genitiv zu prüfen sein, ob er au der Vertre- 
tung dieser verlorenen casus beteiligt ist. 

§ 2. 

Was zunächst die endung des genitiv anbelangt, so können wir 
diese am besten an den a- stammen erkennen, weil die ^-declination 
im femininum in der regel ebenso wie die der consonantischen stamme 
auf n, im singular alle casussuffixe verloren hat, das masculinum der 
t- stamme sich dem der «-stamme fast ganz assimiliert hat, und die 
M-declination überhaupt verkümmert ist. 

Masculinum und neutrum sing, der stamme auf a haben als 
casussuffix .9, wälireud das femininum keine eigentliche endung mehr 



GENIT. IM HELIAND 



19 



besizt, dafür aber den stammesauslaut verlängert hat. Im plural geht 
das femiuinum auf no aus , das masculinum und neutrum auf o. 

Halten wir diese endungen mit denen der genitive im sanskrit 
zusammen, so scheint fiskas = fiskasja, fiskö = fiskaam, gebä = 
gebaas oder gebaias , gebono =^ gebanäm. 

Um nun vom genitiv die grundbedeutung zu gewinnen, liegt es 
uns am nächsten, von der casusendung im sanskrit, vom suftix auszu- 
gehn. Hoefer, zur lautlehre, Berlin 1839 s. 92 hält den genitiv auf 
asias für einen nominativ des uominativ, für eine neue nominalbildung 
der hier als stamm unterliegenden , gewöhnlich aber als nominativ ver- 
wendeten bildung mit sa. Kuhn in seiner anzeige von Schleichers com- 
pendium (Zeitschr. XV, 311) erklärt jene Hoefersche Vermutung, nach 
welcher folgerichtig oio = ooiog = asya-s wäre, und Wörter wie 
amasius, dr]f.i6aiog, vayasyas eigentlich genitive in adjectivischer form 
wären , für eine sehr ansprechende und hebt das bedenken darüber, 
dass im Griech. s bald bleibt , bald ausfält. Ebenderselbe „über einige 
genitiv- und dativbildungen" XV, 420 fg. erklärt diesen genitiv auf 
asya für ein ursprüngliches adjectiv, welches das zugehörigseiu , den 
besitz, das eigentum ausdrückte. 

Zu einem ähnlichen ergebnis gelangen wir auf grund der for- 
schungen Benfeys „über die indogermanischen endungen des genitiv 
singuLiris ians, las, ia," Göttingen 1874. Die bildung des gen. sing, 
sya (für sia) dient nicht nur zur bildung geschlechtiger pronomina, 
sondern in den meisten indogerm. sprachen auch zu der von adjectiven 
und Substantiven auf a (s. 23). Im got. ist von dieser endung nur s 
geblieben, z; b. gen. vulfi-s. Von dieser genitivbildung weist Benfey 
§ 10 nach, dass sie ursprünglich nur pronominibus augehörte und erst 
von hier in die nominaldeclination eindrang. Im weiteren verlaufe sei- 
ner abhaudlung stelt Benfey dies sia als gen. sing, des pronomen sa 
fest, zusammeugesezt, wie pronomina überhaupt mit einander zusam- 
mengesezt zu werden pflegen, aus s, dem reste des pronomen sa (§ 12), 
mit der endung des gen. sing, ia § (13), ganz so wie näm aus na + 
am und säm, die endung des gen. plur. der pronomina, aus sa + am, 
di^i gewöhnlichen exponenten des gen. plur. der uomina , gebildet ist. 
Schliesslich führt Benfey den beweis, dass ia auf dem comparativsuffix 
ians beruht. 

Wenn demnach die genitivendung sia der genitiv eines prono- 
men ist, gebildet aus sa und dem comparativsuffix ians, wenn fer- 
ner feststeht, dass die comparativsuffixe auch zur bildung von posses- 
sivis dienen, z. b. ylvy.v-TSQO = fjf^ie-TSQO, got. antha-ra ^ unsa-ra, 
wenn wir demnach sia geradezu als einen casus eines possessivprouo- 

2* 



20 PRATJE 

men bezeichnen rlürfen, so ergibt sich hieraus fiir den genitiv, dass 
dieser casus seinem wesen nach ein possessivum ist, also eigentlich 
besitz, angehörigkeit bezeichnet. Ähnlich fasst Cnrtius griech. gramm. 
§ 407 den genitiv auf: „im genitiv steht im algemeinen der gegenständ, 
der mit einem andern zusammengehört." Was schliesslich die Verwen- 
dung eines casus eines Possessivpronomen zur bezeichnung des geni- 
tives betrift, so beruhigt uns auch hierüber Benfey (s. 4), da jene 
durch die sanskritische Verwendung von asmäka-m „unser," yushmä- 
ka-m „euer" — denselben casus der possessiva asmäka, yushmäka — 
als gen. plur. über allen zweifei erhoben werde. 

§ 3. 

Und somit treten wir in einen gegensatz zu Vilmar. Derselbe in 
seinem programm: „de genitivi casus syntaxi quam praebeat Harmouia 
Evangeliorum saxonica dialecto seculo IX conscripta, coramentatio." 
Marburgi MDCCCXXXIV schreibt s. 7 fg. : „genitivi naturam ut e 
linguae graecae , ita e nostri libri potissimum consuetudine eam puto 
esse genuinam et principalem, quae subiectum significet, id est, eam 
rem quae vi aliqua et vigore scateat, quo fiat vigore, ut causa sit ut 
alia quaedam res ea fiat et sit, quam factam esse videamus. Ex hacce 
significatione reliquas, quae a grammaticis sigillatim, atque ita maxime, 
ut nulla inter eas appareat arctior coniunctio tractari solent, geniti- 
vum partitivum, possessivum, obiectivum et eum qui adverbii locum 
tenet, procrevisse mihi non dubium est." 

Das ist der erste hauptpunkt, in welchem wir uns in einem 
gegensatz zu Vilmar befinden : nicht die causale , sondern die possessive 
bedeutung des genitives ist die quelle, aus welcher alle übrigen fliessen. 
Der zweite hauptpunkt ist folgender: Vilmar stelt s. 9 die behauptung 
auf „nomina substantiva omnia proprio sunt verbalia," und erklärt dies 
so : „inditum est nomen et rebus et animalibus et hominibus a condi- 
tione aliqua, qua versabantur, aut ab actione aliqua, quae in iis obser- 
vabatur; alterius nominis geuitivum tum sibi postulant, quum indicanda 
est origo conditionis illius sive actionis et ratio, qua facti sunt ii, qui 
vere sunt; et quo magis nomina substantiva sibi servare valuerunt hanc 
vim verbalem, quae est principium eorum, eo maiore vi et gravitate 
genitivum sibi addi postulant." Hiernach nimt also Vilmar einen geni- 
tivus causae an, von dem dann das verb abhängen soll, während wir 
vielmehr den genitiv als in abhängigkeit vom verb befindlich ansehen 
müssen. Ferner hält hiernach Vilmar die Verbindung des genitives mit 
Verben für die ursprüngliche , während wir gerade umgekehrt den geni- 
tiv als einen adnoniinalen casus bezeichnen müssen, d. h. als einen 



GENIT. IM HELIAND 21 

solchen, welcher von haus aus dazu bestirnt ist, die Zusammengehö- 
rigkeit eines uomen oder eines nominalen vorstellungsinhalts mit einem 
andern zum ausdruck zu bringen. 

Bei dieser Verschiedenheit in den grundanschauungeu kann es nicht 
anders sein , als dass auch im einzelnen unsere auffassuug und diejenige 
Vilmars vielfach auseinandergehn. 

§4. 

Unsere anordnung bedarf noch einer kurzen erläuterung und recht- 
fertigung. Wenn wir im folgenden zunächst solche fälle hervorheben, 
in denen der genitiv mit einem Substantiv oder substantivischen wort 
verbunden ist und dabei die hergebrachte einteilung: geuitivus posses- 
sivus, appositivus, causae cet. beibehalten, so sind wir uns wol bewusst, 
dass das jedesmalige beziehungs Verhältnis der beiden verbundenen 
werte formell durch die genitivendung in keinerlei weise bezeichnet ist, 
sondern erst durch unsern verstand hineingedeutet wird und bei ganz 
denselben Worten je nach dem zusammenhange ein anderes sein kann; 
dennoch scheint jene einteilung uns berechtigt, weil sie in höherem 
grade als andere mehr äusserliche anordnungen, nach denen etwa 
Sachen in Zugehörigkeit zu sachen , personen zu personen oder zu Sachen 
und so fort aufgeführt werden könten, geeignet erscheint, die mannig- 
faltigen beziehungen, in welche der genitiv zu treten vermag, zu kla- 
rer Vorstellung zu bringen. 

Citiert ist nach Heynes zweiter aufläge unter berücksichtigung 
der ausgäbe von Sievers. 

§5. 
Eigentlicher genitiv. 

A. Der genitiv drückt die Zusammengehörigkeit eines substan- 
tivischen nominalbegrifs mit einem andern aus. 

I. Genitivus possessivus. 

Beispiele: ambahteo edilero manno 1193. fau themu biode irö 
froian 3022. therö leronö endi = Inhalt 4248. thes alo-waldon fot- 
skamel 1511. gisid heban-kuninges 130. te thes kuninges höbe 538. 
ödres idis 1477. juugoron kuninges 1191. liudeo lef-hedi 1843. 
drohtines man 1198. ogen ödres mannes 1530. so thurftiges sunnea 
2305. irö theodanes thiu 4958 usw. 

Manchmal schliesst dies Verhältnis den nebenbegriff ein , dass 
etwas einer person oder sache zukommend, ihr eigentümlich, für sie 
schicklich oder charakteristisch ist, z. b. thu habis thegnes hugi =^ die 
einem thegan zukommende Sinnesart 4692. that ist thegnes kust = 



22 PRÄTJE 

der sich für einen thegan schickende rühm 3997. nis that maunes reht 
= das gebührt sich für niemand 3014. mannes tunga in gegensatz 
zu waldand selbo 3064. habdun imu hugi wulbo ^=^ eine denkungsart 
wie Wölfe 5059. sälige sind 6k them hir mildi wirdit hugi an helido 
briostun = in der mannesbrust 1313. habdun iro ambahtskepi biwen- 
did = die ihnen zukommende dienstleistung 4213. that man therö 
nianno gihwem is meda (Sievers meoda) forguldi = den ihm zukom- 
menden lohn 3426. forlätan fiundes giwerk, diubules gidädi = taten, 
wie sie dem teufel eigentümlich sind 1365, also an den genit. subiect. 
anstreifend, was im an gilikuissie lungras fugles 987. thär iro herro 
was an is kuniug - stole = auf seinem ehrenplatz, dem tron 2737. 
thie helago dag Judeouo 5767 Judeono pascha ^= das jüdische pascha- 
fest 4205, 4461, 5261, oder das jüdische paschamahl 4564. drom 
drohtines ^= die dem herrn eigentümliche freude 2084; ebenso liudiö 
drom 578 und manno drom 1126 = irdische freude. ledarö drom = 
ein leben, wie es die teufel haben 946. lustä thes lik-hamon = 
fleischliche lüste 1663. libes an lustun = in lebenslust 3362. god- 
liknissea godes ^= götliche herlichkeit 2085 u. ä. 4252 , sie iro droh- 
tines mostin diuriila antfähan. 5095 sagt Christus seinen Jüngern, sie 
würden ihn zur rechten gottes sehen an megin- kraft thes alo-waldon 
fader ^= in der grossen seinem vater eigenen machtfülle usw. 

§ 6- 
II. Genitivus appositivus. 

Er vertritt gleichsam die stelle einer apposition und steht: 

a) bei benennungen: ni welda lie hebbian enigen her-döm, 
helag drohtin, werold-kuninges namon = den uamen, titel gross- 
mächtigster könig 2894. In der stelle 5365: quidit that hie hebbian 
mugi kuning -duomes namon, ist an die stelle des appellativs die 
bezeichnung der würde getreten. Sonst ist häutig folk mit dem eigen- 
namen im genitiv , z. b. Judeouo folk 61, Ebreo folk 307, Israhelo 
edili-folkun 3319. Ebenso liudi, z. b. Ebreo -liudi 104, Komano-liu- 
deon 54, Judeono liudio 97. Ferner Aegypteo land Mon. 756, fan 
Ponteo- lande 5131, und die versteckten genitive: fan Kanaueo- lande 
2987, an Galileo -land 1135, umbi Södomo-land 4370 usw. 

b) bei zeitlichen benennungen: an themu domes daga 4050. 
er domes dage 4335. 

c) bei örtlichen bezeichnungen: enodies ard ^^^ die wüste, 
die sein aufenthalt war 1125. up-6des hem = die himlische heimat 
947, 2799. waldes hlea 2411, 1125 =: den wald, der sein obdach 



GENIT. IM HELIAND 23 

war. gobenes ström 2937 und 4317 =^ das strömende meer. wägo 
ström 1821 und 2235. Jordanes ström 965, 1159, 3958. 

d) Überhaupt dürfen mancherlei genitivverbindungen der art, dass 
das im genitiv stehende wort sein regens dem inhalte nach deckt, 
hieher gezogen werden , z. b. geng thes geres (Gott, iares) gital = die 
das jähr bildende reihe 198. hreö herron sines, den leichnam seines 
herren = seinen toten herrn 5733 und: sia skoldun thes godes barnes 
hrewes huodian 57 G6. an karkäries klüstron 4682. an thero weroldes 
rikie ^= das die weit umfassende reich 2215, ebenso himilö riki 419 
u. ö. hwaud he fan is hcri-skepi was, fan is werodes gewald 5265 
= aus der über sein volk bestehenden herschaft (de Herodis potestate. 
Luc. 23, 7). an dödes dalu 3612, diap dodes dalu 5172 = der abgrund, 
welcher eben der tod ist. 

§7. 
III. Genitivus causae. 

therö gebonö te gelde 1545. sundeä te löne, wredaro giwurhteo 
2146. ledes te löne 3248. wammes te lone 3892. werko te löne, 
ledaro dädiö 5565. iwes werkes werd = lohn für eure arbeit 3445. 
nu sin tekan habad, ubil arbedi inwid-rädo, ledarö spräkä 3373 = 
not wegen ihrer boshaften anschlage und lüsterrede. 

§ 8. 
IV. Genitivus originis. 

Beispiele: abaron Israheles 69. barn godes 400, waldandes 
989 , drohtines 3788. Ebenso steht der genit. originis bei dohtar, z. b. 
Dävides 255, kind, z. b. irö 2018, magu, z. b. thes hohou heban- 
kuninges 266, sunu, z. b. drohtines 534, Dävides 3564. 

lu der bezeichnung der menschen als barn liudeo 6, menniskonö 
2636, man-kunnies 2586, gumonö 4395, eldeö 408, heMö 500, 
mannö 305, firiho 9, und in der der teufel als fiundö barn 3605 und 
(nach Sievers) gramonö barn (hs, gramo) wird diese bedeutuug des geni- 
tiv kaum noch gefühlt, ebenso in: enigumu mannes sunie 2338 = ein 
menschenkind, und da, wo der dichter Christus als märean mannes 
sunu bezeichnet, 5096. 

Zum genit. originis dürfen wir noch eine reihe anderer den geni- 
tivus auctoris nahe berührender fälle stellen, in denen es sich weniger 
darum handelt, dass jemand etwas veranlasst und bewirkt, sondern 
darum, dass von ihm etwas ausgeht und herrührt. Dies geht aus fol- 
gendem beispiel hervor, wo genitive mit der präposition fan wechseln: 
that hi habda kraft godes, helpa fan himil- fader, helagna gest, wal- 



24 PBATJE 

daiides wisdöm 2003, vgl. 4003, oft wiuctun mi kumaua tharod belpä 
fan iwun haudim 4402. Ebenso fasse ich die genitive in folgenden 
fällen: an was imu (Christus) anst godes = die von gott ausgehende 
gnade 784. tho quämun ina sökean tharod fon Hievusalem Judeö-liu- 
deo bodon 509. hwan er sie gisäwin ostana up sidoian that godes 
bokan gangan 594. antkendun sie (die 3 könige) thiu kumbal godes 
657. ward fon Rümu - bürg ... Oktaviänus ban endi bod-skepi 339 fg. 

§ 9. 
V. Genitivus auctoris sive subiectivus. 

Die bezeichuung als subjectivus, welche in weiterem sinne auch 
dem genit. possessivus beigelegt werden kann, hat dieser geuitiv daher 
dass das abhängige, im genitiv stehende wort zu dem regierenden in 
einem solclien Verhältnis steht, dass jenes, sobald die aus regens und 
rectum gebildete begrifseinheit in einen satz aufgelöst wird, als sub- 
ject erscheint. Das regens kann ebensowol abstractum, wie concretum 
sein, steht also zum regierten genitiv nicht nur in dem Verhältnis des 
hervorgebrachten oder, wie Vilmar a. a. o. s. 28 sich ausdrückt, loco 
fere participii passivi praeteriti temporis, zum Urheber, sondern auch in 
dem einer handlung zum handelnden subject oder in dem eines Vor- 
ganges oder eines zustandes zu demjenigen wesen oder dinge, an wel- 
chem dieser Vorgang erfolgt oder dieser zustand haftet. Beispiele: 
thes gramou anbusni 901, ak werdad thär so farlorana lerä minä, 
godes ambusni endi iuwarö gumonö word 2451 fg. so wirdid al for- 
loran edilero spräkä, ärundi godes 2456. audredun im thes billes bitti 
4884. an thera Dävides bürg 401, aber auch possessiv fassbar, wie 
bü Judeouo 3686. be thiu nis mannes bäg mikilun bitherbi (hs. C. 
mikil umbitheribi, M. unbiderbi), hagu-staldes hröm 5041. wid der- 
nerö dwalm 53. that sie üses drohtines dädiö endi wordo faron wel- 
dun 1229. that sie so ni karodun kind-jungas dod, Läzaruses farlust 
4019. an godes ewa läsun 809 = in dem von gott gegebenen gesetz. 
sia an is era antfeng = in seinen schütz 5621, ä. 2232: te them 
eron kristes. lioblic feldes fruht 2394. thes folkes fard mikil 2404. 
an fiures farm 2461. wid thes flodes farm 4368. forgang jungaro manno 
735. wederes gang 2478. that im neriandas ginist ginähid wäri, helpa 
heban - kuninges 520 fg. wedares giwin 2252. bi hungres gethwinge 
2825. gelarö gelp-quidi 2897. ne wolda thero Judeouo thuo leng 
gelpes horian 3956. fon them galme godes 1072. Judeono gilöbo 
2360. helagaro hand-giwerk 531. rikiorö manno heti endi harm-quidi 
1321. hrosso hofslägä endi helido trädä 2401, himilkraftes hrori 4339. 
umbi thes kindes kiimi 639. üses waldandes lera 187. fiures liomou 



GENIT. IM HELIAND 



25 



3699. suiinuii liolit 5634. man-kunneas men 1133. te so iiiahtiges 
raund-burd 2233. mäht metodes 511. mud-spelles megiii 2592. 
efdo fiiiudö nid, strid widerstände 28. nada godes 4263. spei godes . 
572. undar thana wolkues skion 655. sunnun skiii 4910. irö selboro 
suudiä 877. ödres maunes saka endi sundea 1716. wapno spil 4688. 
spräka godes = verbum dei 1734. stemna godes 865. thuru thes 
kesures tbank = gnade 66. au theio thiodo thing 4176. au godes 
uuwilleon = das nicbtwoUen 2460. Avätares witi 2935. ni mahtun . . . 
thes wolknes wliti endi word godes, thea is mikilou mäht thea mau 
antstandau 3152 fg. 

Anmerkung. Dieser genitiv kann auch durch Possessivprono- 
mina ausgedrückt werden, z. b. uu kumis thu te minero dopi =: zur 
taufe durch mich 971. 

§ 10. 
VI. Genitivus obieetivus. 

Um das logische, zwischen regierendem wort und abhängigem 
genitiv obwaltende Verhältnis zu erfassen, können wir uns jedesmal 
einen satz denken, in welchem das geuitivische wort object ist, object 
im weitesten sinue gefasst. 

Beispiele: ne gi eniga era ni wituu theses godes hüses = ihr 
versteht keineswegs dieses gotteshaus zu ehren 3748. an godes era 
4412. so skolda he at them wiha waldandes geld (opfer für gott) helag 
bihwerban , bebau - kuninges , godes jungarskepi 90 fg. waldandes geld 
folmon frumiduu 179. habda ho üses waldandes geld gilestid 190. fre- 
mida ferhtliko frahon sines, godes jungarskepi 109. an that godes 
thionost 2906. that gi üses drohtines gibed (gebet zu) ... al ni far- 
leosan 1573. habbiad thit min te gihugdiun 4649. umbi thines libes 
gilagu = bestimmuug über 5346. te huldi godes = aus ergebenheit 
gegen gott 335. herron te huldi 4653; doch kann herrou auch dativ 
sein, an gramonö hrom = zum rühm für 2460. thuru thia minnia 
mannö kunnies 5507. thurli is miunea = aus liebe zu ihm 1546. 
thurh miunea godes 1964. an godes minnia 5407. an so mahtiges 
minnia 5612, 

Bisweilen hat, wie schon in einigen der angeführten fälle, das 
regierende Substantiv passiven sinn , vgl. Gabeleutz und Loebe got. gr. 
s. 213 , gafah thize fiske. 

Beispiele: thia modar wiopun kind-jungaro qualm = das ermor- 
detsein 745. managorö qualm 4324. sulik liudio qualm 5532. Ebenso 
3979 fg. ak thär skal drohtines lof, quad hie, gifrumid werdan. 



26 PRATJE 

Von anderen beispielen führen wir au: that al au is giwalde städ, 
kuuino- - rikeo kraft (gewalt über) endi kesiir - domes , megiu-tbiodo 
malial (gericht über) 2890 fg. tliat is mendislo manuo kuuuies, allaro 
tirilio fruma 402. thär is seolono Hobt = licht für 2083. that gi 
thesoro weroldes nu ford skulun salt wesan simdigerö manno 1362. 
that gi thesoro weroldes nu ford skulun lioht wesan 1390. ik fargibu 
thi bimiles slutilos = Schlüssel zum himmel 3073. küdead iuwa fard 
tharod at iuwas drohtiues duruu (die zu eurem herrn führen), than wer- 
dad in antdon 1800. word godes = wort von gott 2; aber: tburu 
thes werodes word ^ wegen des dem volke gegebenen wortes 5471. 
ef thu urabi thines herron ruokis, umbi tbines frohon friuud-skipi = 
freundschaft mit 5368. ne bist tbu thes kesures friund, thinon herron 
hold = du zeigst dich dem kaiser gegenüber nicht als freund 5360. 
thit is that lamb godes = welches gott geopfert werden soll 1131. 
sidor mäht thu medmos tbina te them godes altere (dem gott errich- 
teten) ageban 1471. thesaro dädeo bilidi 4340. thes kesures bilidi 
3825. the in gidopian skal an iwes drobtines namon = so dass der 
name des herrn dabei genant wird 889. tho was en - dago allaro manno 
thes wisostun = der todestag für 2786 fg. godes andsakun = den 
Widersachern gegen gott 4423. hwat is mi endi thi, quad he, umbi 
thesoro manno lid, umbi theses werodes win = wein für 2025 fg- 
ni seh thu mines her fleskes gifories = auf das was meinem leibe nütz- 
lich ist 4768. ni wet helido man thes wities widar-laga = etwas das 
der höllischen pein verglichen werden könte 2640. uis thes bodo gimako 
euig obar erdu 941. ni was thär is gimako hwergin 5402. 

Schliesslich gehören zum objectiveu genitiv noch eine reihe von 
fällen, in denen das regeus ein substantiviertes particip ist oder sonst 
irgendwie als der träger einer verbalkraft empfunden wird, zumal da 
dem Substantiv stamm- oder sinverwante verba zur seite stebu, wie 
wardöu neben ward, hodian neben hirdi. 

Beispiele: that he alo-waldo alles wäri, landes endi liudeo 
2287; the was thes werodes tho an theru bürg innan biskop thero 
liudio 4147; drohtin manno 383, folko 430, firibo 1960, managorö 
439, erlo 1027, thiodo 2951; fader himil-rikies 4299; ik bium fora- 
bodo frähon mines 931. Vgl. 998: thesas willeo ik urkuudeo wesau 
herro liudeo 573, Judeono 640; hirdi burgo 625, landes 1286, thes 
werodes 5551; heri-togo heim - berandero 765; kuning, z. b. thoh 
he si kuning obar al, erdun endi bimiles 507 fg.; managorö niund- 
boro 378; wihes ward 4944, portun ward 4935; obar-ward wero 
4147. Einige von diesen worten stelt Vilmar zum genitivus subiect., 



GENIT. IM HELIAND 



27 



Ja er sich nicht durch den gebrauch (usus), sondern durch die etyuio- 
logie (origo) bestimmen lässt. 

Ancli dieser genitiv wird duich Possessivpronomina ausgedrückt, 
z. b. thurh mina minnia = aus liebe zu mir 1970, 3322, 4652. thurh 
diurida mina 4416. 

§ 11- 
VII. Genitivus qualitatis, materiae, quantitatis, copiae. 

Er ist dem gen. partilivus nahe verwant, da man den iuhalt, 
mag er nun diesen als beschaftenheit oder stoff ausdrücken, als das 
ganze fassen kann , zu welchem das regens als teil gehört , z. b. ada- 
lies man = leute , welche zum adel gehören. Andrerseits berührt sich 
dieser genitiv mit dem appositiven, insofern er zu dem regierenden 
wort die nähere erklärung gibt, z. b. firin-werk mikil managoro men- 
skuldeo = eure sünde, nämlich eure vielen freveltaten. Auch andere 
arten des genit. spielen herein, z. b. orlages word ;= zum kämpf auf- 
fordernde rufe. 

1. Genitiv der eig-enschaft und Ibescliaffeuheit. 

An erSun adal-kunnies 2396. giu wäruu thär adalies man 566. 
en adales man 2542. thie adales man 2554. adal-knösles wif 297. 
adal-kunnies wif 801. gum-kunnies wif 5785. en wis kuning ... 
thes betston giburdies 584. kraftagoron kuning kunnies godes 610. 
godes kunnies man 254, was imu entald hugi, vvilleon godes 3769. 
er than thi magu wirdid ... erl afodid, kind-jung giborau kunneas 
godes 167. sundea weldun an thena godes sunu gerno gitellian wre- 
des willeon (Cott. uurethan uuillion) 2671 = die böswilligen vgl. Sie- 
vers, the thär andward stod wredes willeon 3796. than stod that 
folk Judeono ubiles an-mod, so fan eriston, wredes willeon 3897 fg. 
manag . . . inwideas gern , wredes willeon 5063. 

2. Genitiv des inhalts und stofifes. 

liluttres watares ful-fat (Sievers füll fat) 4538. grabu wurduu 
giopanod dodaro manuo = die gräber mit den toten 5673. gewit-skepi 
wäres thinges ^= zeugnis, dessen Inhalt Wahrheit ist 5228. orlages 
word = Worte, deren Inhalt krieg ist, sehlachtenrufe 3698; ebenso 
3935 kumid libes word mahtig fan is müde, thär is lif ewig, gigare- 
wid godes riki godaro thiodo = welches die guten umfasst, 4454. 

Folgende fälle lassen ebenso gut partitive auffassung zu: med- 
mo kusteon 3193 entweder = das auserlesenste au kostbarkeiten , oder 
aus den kostbarkeiten; denn kust ist ein superlativer begriff, wie aus 
folgender Zusammenstellung hervorgeht: the habda sink mikil, medom- 



28 PKATJE 

hordas mest tbero the euig man ehti, welouo gewunnan endi allarö 
giwädeo jkust 1679 fg. thau ne samuod gi hir sink mikil silobres ne 
goldes an thesoro middil - gard , inedom - hordes 1644. medmo gestriuiii 
1723. goldes hord 2491. filu siliibres endi goldes weides 5788. 

§ 12. 
VIII. Genitivus partitivus. 

Er bezeichnet, strenge genommen, das ganze, von welchem ein 
teil in betracht komt, docb werden gewöhnlich in den grammatiken 
unter dieser bezeichuung auch viele fälle zusammengefasst , von denen 
die bemerkung Erdmanus „Untersuchungen über die syntax der spräche 
Otfrids" II, s. 151 gilt, dass der name partitiver genitiv zwar bequem, 
aber unzutreffend sei, da die Vorstellung der teilung eines ganzen oft 
fern liege, bisweilen ganz unpassend sei. Trotzdem führen auch wir 
solche fälle an dieser stelle an, weil nicht in jedem einzelnen genau 
festgestelt werden kann, ob Identität oder teilverhältuis vorliegt. 

1. Genitivus partitivus bei Substantiven. 

a) es liegt wirkliche teilvorstellung vor: 

wit habdun aldres er efno twentig wintro 144. thiu fiorda tid 
therä nahtes 2913. thiu niguda tid sumar- langes dages 3422. te 
nonu dages 3492. aut nuon dages 5633. the lasto dag liohtes 4290. 

b) es ist der genitiv seinem regens mehr oder weniger 
dem Inhalt nach identisch: 

Es sind die von Vilmar s. 29 angeführten substantiva: kunni, 
folk und composita; heri-skepi, gum-skepi; kraft und composita; thiod, 
megin, werod, gimang, thioda, skola, gebrak. Dazu stellen wir erl- 
skepi, gimenda, gisidi, getrost, heri, hop, hwarf, meuigi, uurim und 
liudi. 

Beispiele: erl-skepi Israhelo 3007. themu erl- skopie the thär 
inne was godaro gumono 2770. folk godes engilo 1115. fibreo 307. 
erlo 559, fiundo 2695, gesido 2816, gumono 3709, helido 3567, Ju- 
deono 61, liudeo 561, mauuo 3446, riuko 5761, theguo 2379, Isra- 
helo edili-folkun 3319. grim-folk Judeono 4828. megin -folk mikil 
managoro thiodo 1220. folk-skepi fiundo 4814. gebrak bürg -liu- 
deo 2191. gesidi godoro manno 2091. gumono 3806. getrost erlo 
2114. gimang gadulingö 577, erlo 1125, megin -theodo 2307. gi- 
menda manno 863. gum-skepi Judeono 628, grimmarö thiodo 4130, 
ediliero manno 5253. heri Judeonö 5059, 5411, 5415 usw. heri- 
ßkepi manno 1987, managoro theodo 2173, Judeono 5483. hop hatöu- 



GENIT. IM HELIAND 29 

diero 4917. hwarf werö 5073, werodes 5373. kraft engilo 416. 
manno 4206, folko 4823. man-kraft Judeono 792. megin-kraft 
mikil manno 2735. kiinni manno 1044, Judeono 1227, gumono 1299, 
liudeo 1617, helido 1684. megin liudeo 1245, tblkes 4892, men- 
skadono 5493. menigi liudeo 2752, manno 2834, fiundo 2118. 
skola Judeono 5138, 5234. thiod Judeono 5156. thioda Judeouo 
3036. eli- thioda gumono 2977, skulun eli-theodä kuman alla tesa- 
mene libbeandeio liudeo 4386. unrim engilo 410. werod jungaro 
liudeo 1248, manno 1946, Judeouo 5247. liudi: was fan them liu- 
deon Levias 574 =- leute vom stamme Levi. 

c) Das von den unter b angeführten beispielen gesagte gilt auch 
von einer anzahl substantivisch gebrauchter Wörter wie al, filu, ginog, 
gilik, lut, manag, middi, ostan. 

al githoloian wities endi wammes 1536. ward thär al gisamnod 
seokoro manno 2222. so wirdid al forloran edilero spräkä 2456. obar al 
thes werodes 5684. sie it al be thiuun gebun eh tun welouo an thesara 
weroldi 4436, doch schreibt Sievers mit M. uuelon, da der genitiv 
wegen it nicht zulässig sei. Beispiele von al that folgen beim prono- 
men. filu z. b. wisaro liudo barno 5, 36, 96, 373, 935 u. ö. so 
filu z. b. tiras 131, 208, 465, 567, 906 u. ö. te filu thesoro thioda 
4141. ginög z. b. ödes 2112, werodes 2120, welono 3329, fiundo 
3992 und das flectierte masculin. plur. so thu ginoge dos manno kun- 
nies 3565. gelik: thär thu thi hugis eft gelik neman (das gleiche 
an) therö wordo endi therö werkö 1552, lut werodes 1784. manag 
man-kunuies 1777, 1991, 2132, 2868, 2983, 3541, 4236; arabid- 
werko 3438; Judeö- liudeo 4112; godoro wordo 4791. Flectiert: ma- 
naga sind therö, thea 1916; he was thär managumu liof godaro gumono 
2704. middi: giwet imu thurh middi thanan thes fiundo folkes 2695. 
ostan: fan ostan thesaro erdu 566. 

d) Freier steht der partitive genitiv in folgenden fällen; 

wid that riki (proceres) Judeono 5178. Verwant ist adalies man 
usw. § 11, 1. umbi Hierusalem Judeö liudeo 3703, vgl. zlEAtleia zfjg 
yi%%iA.Tß. bist thi fan Hierusalem Judeonö folkes 5970, fals man mit 
Sievers vor Judeonö die interpuuction weglässt. kos imu juugarono thö 
sän aftar thiu Simon Petrus, Jacob endi Johannes, wo also der genitiv 
vom namen abhängt 3108 fg. 

e) Überhaupt kann in vielen fällen der genitiv partitiv gefasst 
werden: ant im is libes kumid, aldres äband 3459. mid bömö tögun 
3677. fan thesarö weroldes endie = anfaug 3496. endi he thes arbe- 
dies endi (ende) skawöt 4584. an thea swidaron half godes 5095. an 
twä halbä kristes 5564. an selbes ward sidu kristes antlokan is lik- 



^0 tRATJE 

hämo 5710. uppan üses drohtines ahslii 987. tho giwet he imu obar 
thea marka Judeonö 2983. that mau an thea halla hohid brähta thes 
thiod-gumon 2784. thurh thes hüses hrost 2316. obar bord skipes 
2933. an thes mahtiges kristes barme 4603. an helliä gruud 2002. 
anhlidun tho himiles dorn endi quam the helago gest 985. helliä por- 
tun 3073 usw. 

§ 13. 
2. (renitivus partitivus ll)eim comparativ uud Superlativ. 

a) Beim comparativ erscheint teilungsgenitiv nur nach mer 
z. b. 6k hebbiad thia sundeono mer, tliia 5357, vgl. 15, 860, 974, 
1028, 1548, 1717, 1856, 2020, 2553. 2845, 3439, 3443, 3774 usw. 

b) Superlativ mit teilungsgenitiv: armost 4438, thea 
armostun eldi-barno. best in Verbindung mit barno 338, 835, 1066, 
1092, 1109, 1592, 2623, 2852, 3035, 3310, 3327, 3411 usw.; bado 
981; erdono 758; gumono 619, 972, 1010, 2432, 3685, 3885, 5023, 
5489, 5568; helanderö 50, 2023, 2180, 3062, 3157, 3559, 5220; 
kuüingö 991, 3645; lereanderö 2812, 4037; mannö 993, 5251; 
uerienderö 4032, 5931; rädenderö 5603; thegnö 3093, 3102, 3243, 
4952, 5047. 

bredost allaro bewö 2596. druobost allaro dago 5630. egis- 
liköst allaro thingö 2614. erist wundro thero the hi thar ... tekno 
getogdi 2074. fagoröst flodo 760. ferrist: an themu alloro ferristou 
ferne 2141. furist therö fiundo 4883. thes folkes 5084. guodli- 
köst allaro grabo 5743. helgost liko 5741. herost thero gesteo 
2045, mines hiwiskes 3255 u. ä. 3415. 3442. hlüdöst hofno 746. 
höhost allaro hüsö 1083, 5077. kraftigost kuningö 371, 973, 1134, 
1601, 2315, 2697 usw. last: kumid the dag mannun, the latsto the- 
ses liohtes 4363, doch hängt der genitiv nicht vom Superlativ als sol- 
chem ab, so dass das beispiel eigentlich nicht hieher gehört, ledost 
Mö 5651. lioböst barno 993; dago 485; libbiendero 3150; thegnö 
4602. lofsamost allaro lido 2063. mest 54, 603, 614, 848, 1023, 
1678, 1704, 2489, 3082, 3710, 4026, 4258, 4328, 4333, 5115, 5394, 
5429, 5578, 5927. minuist mauno 4439; thero witeo 4334. the her 
minniston sindun thero uu undar thesaru menegi staudid 4413. riki- 
Ost barno 404, 1249, 1993, 2578, 2902; kuningö 1138, 1334, 2089, 
4382, 4608, 4747, 5632. sköniost frihö 438, 2017; idisö 271, 2032; 
v^ibö 379. snellöst thegnö 5029. strangöst barnö 370. swäröst 
allaro 1215. gi-triwist mannö 4559. werdöst gumonö kunnies 
1299. wirsist wines 2058, weodö 2547. wisöst mannö 2786. the 
sie tho wisostun undar thera menegi mannö taldun 4470. wlitigöst 



GENIT. IM HELIAND 



Sl 



allaro wibo 271. wunsamöst welono 871, 3144; wiho 3688. giwa- 
diö 5551. 

§ 14. 
3, Oeiiitivus partitivus bei proiiomiuibus. 

a) Demonstrativ: so is themu liudiö we, the so ... skal ber- 
rou wehslon 4628. 

b) Interrogativa: 

hwe, bwat in directer frage: bwat skal ik mines (Mon. maua- 
ges -= was alles) duan 3259 vgl. Sievers, hwat skal lis tbes te frumu 
wentan, langes te loue 3312. hwat williad git her, quad he, hel- 
poiio hebbian 3574. hwat williad gi nii sellian her, quad he, medmö 
te medu 4484. hwat habas thu harmes giduan 5217. hwat bist thu 
manno 5344. 

hwe, hwat in indirecter frage: was im uiiid mikil, hwat he 
im södlikes seggean weldi 183. saga üs, hwat thu manno sis 922. gi 
iii thurbun au euiguu sorgun wesan, hwat gi im than tegegnes skulun 
gödoro wordo, spahlikoro (Cott. spahliko) gesprekan 1900. ne mag 
that . . . giseggean te södon, hwat thär sidor ward wundres undar 
themu werode 2078. so that ni mag gitellian mau , hwat he ... 
märidä gefrumida, wundres gewarhta 2164. that hie that ti wäron 
witi, hwat waldaud god habit guodes gigerewid 2535. fragöda sie 
firiwitliko , hwat sie thär te meti habden wisses giwunnan 2842. hwat 
quedad these Judeo-liudi, hwat ik mauno si 3041. gehugi ... hwat 
thu habdes giu welono au weroldi 3378. gehugid huat (that M.) he 
selbe gefrumida grimmes 3497. antkennian . . . hwat he mid them 
dädiun drohtin selbe mauages menda 3625. nu wi thi fragon skulun, 
hwat wi im geldan skuliu gero gehwilikes hobid-skatto 3813. sagda 
Serag -mod, hwat iru te sorgun gistod, an iro hugi harmes 4070. 
fragöda, hwat hie gumono war! 5343. was im willeo mikil, hwat sia 
im bittres imtuo bringau mabtin 5646. ni muostun helido barn, thia 
liudi skawon, hwat undar themu lakane was helages behangan 5670. 

hwilik mit teilungsgenitiv in directer frage 555: hwedar lediad 
gi wundan gold te gebu hwilikun gumono?, wo wir bei der über- 
setzuug das iudefinitum zu setzen gezwungen sind; ohne geuitiv 3809, 
hwilik reht habad the kesur fau Rümu? — In indirecter frage kom- 
men ebeufals beide coustructionen vor, leztere z. b. 44, hwilik liud- 
skepi u. ö. Der genitiv steht : sagu üs, undar hwilikumu he si thesaro 
kunneo afodit 605. sagda, hwilike wärin allaro irmin- manno gode 
werdoston 1298. suma mid wordun spräkun, hwilik that so mahligoro 
manno wari 2262. bilidiu sagda, hwilik thero wäri an werold-rikea 



32 PRATJB 

undar helkt-kuanie himil - rikie gelik 2624. thea guniou sorgodun, 
hwilikan he thero twelibio te thiu tellian weldi 4593. hlotos wur- 
pun, hwilik iro skoldi hebbian thiii helagun peda 5550. 

h w e d a r := uter kommt mit teilungsgenitiv in abhängiger frage 
nur einmal vor : bigan . . . fragoian , hwederon sia thero tweio tuomian 
weldiu 5411. 

c) Indefinita und negativa. 

sum = quidam steht nie adjectivisch , sondern entweder absolut 
oder mit genitiv des ganzen: hie giwet im fahoro (conjectur Heynes, 
hs. fahora) sura (= als einer unter wenigen , = mit wenigen) an enna 
nakou innan 2236 (vgl. he feära sum beforan gengde visra monna. 
Beov. 1412). sum habad iro hardan strit 2494. sum so sälig ward 
manno 3785. sum so modag was Judeo-folkes 4265. 

Die composita von wiht sind substantiva, werden aber ganz 
wie indefinita gebraucht und kommen als ursprüngliche substantiva, 
fals sie nicht absolut stehn, mit teilungsgenitiv vor, z. b. ne het er 
giowiht so, quad he, adal-boranes üses kuunies 222. thes ni mag he 
farhelan eowiht 1756. Ebenso steht das einfache wiht, fals beim verb 
die negation steht, in pronominalem sinne und wird mit einem tei- 
lungsgenitiv verbunden, z. b. so iru thär ni wurdi ledes wiht odan 
arbedies 303. Auch, wenn keine negation steht, komt teilungsgenitiv 
vor, z. b. thero wordo wiht 1426, fiund-skepies wiht 1467. — Das- 
selbe gilt von man in Verbindung mit der negation, z. b. that im ni 
mahti alettian man gumono sulika gambra 355. so is elkor ni thorfti 
bithihan man theses folkes 5580. ni wet helido man 2640. 

Beispiele von dem auch als pronomen gebrauchten en führen wir 
später unter den Zahlwörtern an. 

nigen steht sowol adjectivisch, z. b. idis nigen 454, als auch 
substantivisch mit teilungsgenitiv, z. b. rinkö nigenun 226, sonst 1094, 
2245, 3015, 3192, 3804, 4247, 5200, 5284. 

enig ohne negation = irgendeiner, steht adjectivisch, z. b. te 
enigen freson 263, und substantivisch mit teilungsgenitiv: bist thu 
enig thero the her er wäri wisaro war - sagono 923. that it enig werö 
frumidi 2713. that iro enig thär enes ginämi 2838. ef enig gumono 
wid iu sundea gewirkea 3225. ef it mahti enig thär irmin- manno 
giseggian 4989. — Mit der negation beim verb nimt enig die bedeu- 
tung kein an, z. b. so thär enig thegno ni deda 178, sonst 1492, 
1512, 1563, 1697, 2097, 2552. 2688, 2690, 2759, 3264, 3387, 3881, 
4241, 4246, 4595, 4989, 5010. Ebenso nenig: that thär nenig gumono 
ni ginas 4371. 



GENIT. IM HELIAND 33 

hwe, hwat hat ebenfals bisweilen indefinite bedeutung und steht 
dann entweder absolut, z. b. 1441, oder mit teilungsgenitiv : that he 
thär habda gegniiugo godkundes hwat (irgend etwas göttliches) forse- 
han selbo 188. quact that oft luttiles hwat liohtora wurdi 2626. sagda 
thär manages hwat, berhtero bilideo 3173. mangodun im thär mid 
manages hwi = mit mancherlei 3738. he wirkid manages hwat wun- 
dres 3935. 

hwilik als indefiuitum komt ebenfals mit genitiv vor; ef iuwar 
than awirdit hwilik 1368. is lido hwilik 1485. is lidio hwilikan 
1531. manno hwilikumu 1964, 4844. en-hwilik: ef thu thero fora - 
sagono en - hwilik ni bist 928. that thu en - hwilik sis edilero manno 
3049. 

d) Collectiva. 

gihwe = jeder, z. b. sätun iro heri-togon an lando gihwem 59, 
sonst 353, 355, 891, 1088, 1188, 1451, 1487, 1551; 1655, 1661, 1825, 
1886, 1925, 2656, 2859, 2972, 3416, 3426 usw. Während überall 
das pronomeu mit dem genitivischen wort im geschlecht übereinstimt, 
wird zweimal zu einem femininum die masculin- oder neutralform 
gihwem gesezt, weil hwe keine besondere femininalform hat: te alloro 
burgeo gihvi^em 350 und fon allaro burgö gihwem 1203 Das Sim- 
plex hve, hvat komt in dieser bedeutung nur einmal im Mon. vor, 
und zwar ohne genit. : morgan hwem, Cott. gihuem 693. Dagegen 
findet es sich in der bedeutung von quicunque : than thu giwald habes, 
hwat thu at thesaru thiodu thiggean willies godaro medmo 4487. 

hwilik in der bedeutung jeder erscheint zweimal, das eine mal 
(537) ohne, das andere mal mit genit, jedoch nur im Mon.: manno 
hwilikumu, dagegen im Cott.: manno gihuilicon 5037. 

gihwilik mit genitiv des ganzen steht noch häufiger als gihwe 
in der bedeutung jeder, z. b. 56, 342, 601, 908, 954, 975 usw. 

Dem lateinischen quicunque entspricht zunächst so hwe so, es 
steht entweder absolut, z. b. 900 oder mit genitiv des ganzen, z. b. 832, 
957, 1167, 1525 u. ö. Einmal ist dabei dem genitiv zur Vermeidung 
gehäufter genitive ein nominativ parallel gesezt: so hwat so an Hieru- 
salem godaro manno, allaro spähoston sprakono warun 612. Ebenfals 
häufig ist so hwilik so mit genitiv, 1019, 1073, 1170, 1459, 1540, 
1805, 1817, 1974, 2283, 2536, 2645, 3208 usw. 

Je einmal lesen wir schliesslich so hwedar so und al sulik 
so: weldun sie so hwederes helagnaKrist thero wordo gewitnon, so he 
... gespräki 3864. al sulik ödes, so thius erda bihabad fagaroro fru- 
mono 1099. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 3 



34 PRATJE 

e) Kelativ. 
al that mit teilimgsgenitiv : al that sea bihlidan egun giwarahtes 
eudi giwahsanes 41. al that sie thär fehas ehtun 1185. An der stelle: 
ne kumat thea alle te himile, thea the hropat te mi, mauno te mund- 
burd hat Cott. mann 1915. 

that, lelativisch gebraucht, steht ebenfals mit teilimgsgenitiv: so 
mag that an is hugi wesan, that hi hir wammes geduot 1715, ni skal 
iu her derian eowiht thes gi her seldlikes gisehan habbiad, märiaro 
thingo 3159. 

§ 15. 
4t. GenitiTüs partitivus bei uumeralibus. 

en mit teilmigsgenitiv ist entweder eigentliches zahlwort: en was 
iro (von den weltaltern) thuo noh than biforan 46, en is thär noh nu 
wan thero werko 3283 , oder vv^ird geradezu als indefinites pronomen 
verwendet und ist dann kaum noch von dem attributiv gesezten en 
verschieden, z. b. thero erlo en 2418, en thero manno 2932. en thero 
fiundo 5705, en thero idiso 5915, en thero twelibio 1588, 3993, 4481, 
iuwar twelibio en 4578. Über erist c. gen. vgl. §.13 unter b. 

Andere einfache zahlen mit teilungsgenitiv : thär fuorun 
im 6k fan Hierusalem thero jungrono twena 5958. tho he gertalo 
(Cott. jartalu) twelibi habda 786. wit habdun aldres er efno twentig 
wintro 145. bed ... thritig gero 843. thritig habdi wintro 964. tho 
gihet imu that gumskepi an is selbes dom silubar - skatto thritig at- 
samne 4490. nam imu tho that silubar an band, thritig skatto 5151. 
fiartig habda dago endi nahtö 451. was ... an fastunnea fiortig nahto 
451. antsibuuta wintro 146. fior endi antahtoda wintro 514. 

Zugleich adjectivisch und substantivisch erscheint das zahlwort in 
zwei fällen : habda . . . thero gumono niguni getalda treu - hafte man 
1266. im selbo gekos twelibi gitalda, treu-hafta man, godarö gu- 
mono 1251. 

Die mit hund und thüsundig zusammengesezten zahlen kom- 
men nur mit teilungsgenitiv vor: siluber - skatto twe hund 2836. thär 
was gumono gitald äno wif endi kind werodes atsamane fif thüsundig 
2871. 

Auch die comparativbildung 6dar steht mit genitiv: ak he skal 
alloro thingo gihwes simbla ödar hwedar en farlätan 1661 fg., thero idiso 
quam ödar gangan 4066. thero theobo öder 5523. thero manno oder 
5590. Ebenso in der bedeutung von alius: halö thi thär ödran to 
gödaro gumono 3230. 

ödar und die übrigen z;i1ilen, so weit sie nicht mit Substantiven 
zusammengesezt sind, stehn auch adjectivisch: en als numerale z. b. 



GENIT. IM HELIANK 35 

40, mit enu worein; als unbestimter artikel beispielsweise 72, §n giga- 
malod man, en thegan 253, en wif 503. twena eugilos 5844. thria 
thegnos 4737. fiuwar naht endi dagos 4085. sehsi stenfatu 2037. 
sibun wintar 510. ahto säklä 1326. twelif: is gisidos twelibi 2821, 
4575; birilüs gilas twelibi fülle 2870. 

Darnach behauptet Vilniar s. 46 mit recht: „patet, maioris numeri 
horainura, aiinorum et nummorum, qiii relinquatur pondus et gravita- 
tem magis a Nostro sentiri, quam nos cum Graecis et Romanis eam 
sentire valeamus;" wenn er daim aber fortfälirt: „ubi enim sermo est 
de rebus, quarum maiorem quantitatem exstare non necesse sit, uume- 
ralia nomina in adiectivorum rationem transire et desiuere animadver- 
timus," so hat er das von uns angeführte beispiel: thero juugrono 
twena 5958, übersehen, wo der genitiv steht, um die jünger in gegen- 
satz zu them wibon 5952 zu bringen. Uns scheint liiernach die sache 
so zu liegen, dass die nicht mit einem Substantiv zusammengesezte 
zahl, wenn sie adjectivisch gebraucht wird, einfach zählt, dass sie 
dagegen, wenn sie mit teilungsgenitive erscheint, den kleinereu teil 
einer grösseren menge bezeichnet, oder nachdrücklich hervorhebt (vgl. 
Grimm, gramm. 4, 741). 

§ 16. 

Erdmann a. a. o. II, s, 148 führt eine reihe formelhafter Verbin- 
dungen von Substantiven im nominativ und accusativ mit verben an, 
welche Verbindungen einen genitiv bei sich haben. Dies ist auch im 
Heliaud oft der fall. Was nun den genitiv anbelangt, so wagt Erd- 
mann nicht zu entscheiden, ob er zunächst zum Substantiv gehöre oder 
der fertigen Verbindung bestimmend hinzugefügt sei. Nach unserer 
erklärung von der grundbedeutuug des genitiv, nach welcher er ein 
adnominaler, das nomen bestimmender casus ist, scheint uns mit 
Grimm, gramm. 4, 682 erstere annähme die richtigere zu sein. Bis- 
weilen mag dabei immerhin die analogie einfacher verba eingewirkt 
haben. 

I. Genitivus causae bei den begriffen. 

1. Vergelten, strafen u. ä. 

a) hwat skal US thes te frumu werdan, langes te löne 3313. gi 
skulun is geld niman, swido ledlik Ion te languru hwilu alles thes 
unrehtes 1625 fg. so skal is geld niman 1790. hwand iu that Ion 
stendit an godes rikia garu godo gehwilikes 1344. Ebenso; Ion neman 
1566, 2288, 2608, 3323, geldan 1636, 3605, antfähan 2599, 3067, 
3364, te lone niman 3308. is mi nu thes Ion kumnn 3375 u. ä. 3475. 

3* 



36 PRATJE 

ne hi thes Ion skuldi fora godes ogiin, geld antfähan , meda mannig- 
falda 1968 fg. te hwi habas thu thes eniga meda fon gode 1549. 

b) er than ik is eniga wräka frummie 3247. thes he witi ant- 

feng, Ion an theson lichte 5426. thes sie werk (trübsal) hlutun, M- 

lik Ion -geld 2342. hwat williad gi Judeon thes adelian te dorne 5106. 

hwo he skal ... an rediu stimdau wordo endi werko alloro, the 2612. 

2. Begriffe des affects und der affectsäusserung: 

mi thes wundar thunkit 157. was thes an lustun landes hirdi 
2744. thes lätad gi iwan hugi simbla, lif an lustun 1342. tho ward 
im thes an sorgun hugi 720. thes wurdun thär wise man swido an 
sorgun 3178. we ward thi . . . thes thu te wärun ni west 3691. was 
im bedies we 5468. olät sagda . . . thes thu min word gihoris 4092. 
so ik minarö weroldes ni tharf olät seggean 5014. tho sagda he wal- 
dande thank, almahtigon gode, thes he ina mid ogun gisah 476. sagda 
... thank ... thes he imu at sulikun tharbun halp 2156. sagdun wal- 
dande thank thes thär selbo quam sunu Dävides 3682. he ni welda 
is enigan härm sprekan = keine schmerzensäusserung darüber tun 2802. 

In no. 1 hinüber spielen folgende fälle : ne rokead hwedar gi is 
thank enigan antfähan efdo Ion 1542. te hwi wet thi thes waldand 
thank, thes 1553. than ni tharf mi thes enig thank vvesan 5017. 

II. Genitivus obiectivus. 

firiwit: was im firiwit mikil wisaro wordo 2815. üs is thes 
firiwit mikil 4294 u. ä. 4609. 

niud: was im thero wordo niud 1283, 1385, 1584. ni was im 
is wordo niud 2673. that is iu ist niud sehan 5827. 

willeo: that thes willeon habad, that 893, ä. 4513. thes im 
the willeo gistod 969. 

w ä n : hwan ist eft thin wän kuman = hofnung auf dich , dass 
du komst 4292, vgl. Sievers. 

fruma: nis fruma enig, quädun sie, üses rikies girädi 4194 fg. 

bota: ni mag is thi enig bota kuman 3384. 

helpa: siu tho gerno bad, that is the helogo Krist helpa geriedi 
2022. that thu min gihuggies endi an helpun sis 5602. 

räd; quad that he is mahti betron räd, ödran githenkian 723. 
imu is räd saga 3227 u. ä. 4482, quad that he is im godan räd 
seggian mahti. Anders 4168, that was allaro thesaro liudio räd = 
gewinn für. 

giwald egan, z. b. thes rikes 70, sonst 763, 5575. hebbian, 
z. b. thinaro stemnä 169, sonst 238, 1680, 1904, 1909, 2697, 3829, 
3941, 4065, 4408, 4519, 5358, 5558. 



GENIT. IM HELIÄND 



37 



Der begriff bedürfuis. 
was im helpono tharf 1187, ä. 2098, 3003, 3371. üs is thinaro 
huldi tharf, te gewirkeaime thinan willeou endi thiuero vvordo so seif 
1590 fg. was im ätes tharf 1223. was im botono tharf 2298, 3550. 
nis thes tharf iiigen 3098. thes iu is tharf mikil 157G ii. ä. 4378. 
üs is thinaro lerono (Cott. thiuera lera) tharf 3815. hwau was thi gio 
manno tharf, gumono gödes 4435. im ni was sulikaro firin-qualä 
tharf te githolonno, thiod - arbedies 4920 — quad that thes eniga 
thurufti ni wäriu 2829. 

III. Genitivus partitivus. 

1. Begriff des Übrigbleibens. 

ni afstäd is (vom tempel) felis nigen, sten obar ödrumu 3701. 
that is afstandan ni skal sten obar ödrumu 4283. thär moses ward, 
brodes te lebu, that man birilos gilas twelibi fülle 2870. 

2. Die begriffe giwand und endi. 

thes nis giwand enig 4042, 4462. ni was thes giwand enig 4550. 
thes wirdid thoh giwand kuman 4728. noh giwand kumid himiles endi 
erdun 4351. endi ni kumid, thes widou rikeas giwand 268. so is 
(C. : thes) io endi ni kumit, welon wunsames 1324. that he wurdi ... 
is aldres at endie 2685. 

3. Wendungen mit gisked, gilöbo, tweho, welche eben- 

fals partitiv aufgefasst werden können, 
wissun im thingo gisked 653. ne witun sübreas gisked , fagaroro 
fratoho 1725. ue witun godes gesked 1728. wet iuwarö spello gis- 
ked 2467. gi kunnuu manages gisked 4153 — thoh thes enigau gilo- 
t)on ni dedun wrede wider -sakon 2889 — tweho wäri is noh than 2837. 
nis thes tweho enig 3191. thes ni mag enig tweho werdan 3521. 

§ 17. 

B. Der genitiv drückt die Zusammengehörigkeit eines adjectivi- 
schen nominalbegrifs mit einem substantivischen aus. 

Der genitiv drückt augehörigkeit aus; tritt er also in Verbindung 
mit einem adjectiv , so wird dadurch bezeichnet , dass das adjectiv oder 
vielmehr die durch das adjectiv ausgedrückte eigenschaft zu dem geni- 
tivischen Worte irgendwie gehört. Die art der Zusammengehörigkeit 
wird auch hier, wie beim Substantiv, durch den genitiv als solchen in 
keiner weise charakterisiert, doch können wir nach dem logischen Ver- 
hältnis der beiden verbundenen nomina zu einander widerum einen 
genitivus causae , materiae (copiae) und partitivus aufstellen. Entweder 
tritt ein genitiv zum adjectiv hinzu, wenn dies attributiv steht, oft 



38 PRATJE 

aber ist es mit wesan, werctan usw. verbunden. Bei Otfrid ist dies 
sogar meistenteils der fall, und aus diesem gründe meint Erdmann II, 
188 , der genitiv könne als bestimmung der durch diese Verbindung 
ausgedrückten tätigkeit gelten, eine ansiebt, deren annähme auch hier 
die als ursprünglich nachgewiesene adnominalbedeutung des genitiv im 
wege steht. 

I. Genitivus causae. 

Er steht bei denjenigen adjectiven, welche eine gemütsbewegung 
ausdrücken : fagan , fräh - mod , hromag , malsk , sälig , ser. 

Beispiele: thes wirdid so fagan an is mode man te so mana- 
goro stundu 899. wela that in thes mag fräh -mod hugi wesan an 
thesaro weroldi, that 1011. thiu heri ward thes so hromag, thes sie 
4928. tho wurdun thes so malske modag folk Judeono 4927. gi wer- 
dat 6k so sälige, quad he, thes iu saka biodat liudi 1336. than wir- 
did im ser hugi, thes sie thesero weroldes te filu willeon fulgengun 
1358. was im ser hugi, thes sie fan iro drohtine delian skoldun 4774. 
Darnach steht hier das adjectiv niemals attributiv und nur in Verbin- 
dung mit dem genitiv thes. 

§ 18. 
II. Genitivus materiae (copiae). 

Er steht bei den adjectiven ful, hluttar, los, tomi, tomig, sikur 
und bei dem adverb äno , welches sich im gebrauch den genanten adjec- 
tiven anschliesst. 

Delbrück, abl. loc. instr. im altind. lat. griech. u. deutsch, s. 74 
nimt nur bei den adjectiven der fülle reinen genitiv an ; aber auch im 
latein, wo sich der genitiv rein erhalten hat, steht inops nie und ina- 
nis nur selten mit dem ablativ , während allerdings vacuus vorwiegend 
den ablativ bei sich hat. Dagegen wird expers widerum niemals mit 
diesem casus construiert, so dass doch die genitivische anschauung zu 
überwiegen scheint. Auch Curtius, erläuterungen s. 172 ist der ansieht, 
dass afxoLQOs und expers denselben genitiv bei sich haben, wie tf^f.wi- 
Qog und particeps und stelt in seiner gr. gramm. § 414, 2 auch beim 
genit. des Inhalts tgt/inog und ivöet'jg mit /.isarög und Ttlrjqrig zusammen. 

Beispiele: ward (Gott, uuas) giwitties ful 783. is imu feknes 
ful endi firin-werko 2496. was im wred hugi, sebo sorgono ful 2918. 
ist ink jämer hugi, sebo soragono ful 5968. undar iro herron diske 
hwelpos hwerbad, brosmono fülle 3021. that he iu släpandie . . . 
ni bifähe , an firin - werkun menes fülle 4360. te hwi sia Kristan tha- 
rod . . . suokian quämin , ferahes fullan 5853 — that gi hluttra wer- 
dan ledaro gilesto 886 — wärun im barno los 87. that he is ferhes 



GENIT. IM HELIAND 39 

lös, is aldres at endie 2685. witi tholödun , liohtes lose 3592. the... 
sätun an sundiuu, gisiuues lose 3642. thö sie ina fan themu grabe 
sähun ... libes losan 4115. wi theses rikies skulim lose libbian 4144. 
ik giwädies los geng 4426. hie sted hiev wammes los 5596. that sie 
ina than feteros an ... leggian mostin sundea losau 3799. hwo sie ina 
aslogin sundea losan 4473. the mi farkopot hiibad, sundea losau (Cott. 
sundilosau) gisald 4809. tliat ina ... sundea losan adelduii te dode 
5113. Pilatus antfeng . . . waldandes barn sundea losan 5146. that 
he habda is herron er sundea losau (Cott. sundilosau) gisald 5150. 
that sea ina sluogiu sundiä losan 5469, tho skolda thär so manag 
kindisk man sweltan sundiono los 734. nu mot sliumo sundeono los 
manag gest faran 1014. thär hie skolda bedroragan, sweltan sundiono 
los 5513 — quad that he thena siakon mau suudeouö tomean (Cott. 
tuomiau) lätan weldi 2319. farid imu an giwaldgodes, tionono tomig, 
Heyne (Cott.: tionuno temig, Mon.: thanon atomid) 2490. than weldi 
gerno gihwe wesan, allaro mauno gehwilik meues tomig 2617 — sidor 
hie ina hluttran wet, sundeono sikoran 1722. let sea ledes gihwes, 
sundeouo sikora 4211. te thiu that firio barn fernes ni wurdin, sun- 
diono sikura 5441. that hie ina thero sundiono thär sikoran dädi, 
wredarö werko 5479. hie sted hier . . . allaro sundeouo sikur 5597 — 
so hwilik so iuwar äno si, quad he, slidearo sundeono 3870. An allen 
übrigen stellen ist äno praeposition und wird mit dem accusativ ver- 
bunden, z. b. ina äno 1489. 

Zum geuitiv des Inhalts kann mau auch den des wertes rech- 
nen, da z. b. in or/Ja uy.ooi i^iv&v eben der wert des hauses in gewis- 
ser weise auch dessen Inhalt darstelt. Von Substantiven haben wir im 
Heliand kein beispiel, und dies veranlasst uns um so mehr, von der 
aufstelluug einer neuen kategorie abzusehen und die beiden allein in 
betracht kommenden adjective werd und wirdig, welche Übereinstim- 
mung im werte, also auch gewissermassen im Inhalt ausdrücken, hier 
einzureihen. 

Beispiele: thes sind thea fiumä werde, leoblikes lones 1861. 
ef he si dödes werd 5198. so he is mordes werd = wert, ermordet 
zu werden 5244. Dass auch in dieser übertragenen bedeutung wirklich 
eine wertvorstellung vorliegt, folgt aus: that man sulika firiu-quidi 
ferahu kopo 5336 — that ik thes wirdig ni bium 938, ne lätad iu 
silubar nek gold wihti thes wirdig, that 1854. ef sie than thes wir- 
dige sind 1933. ik thes wirdig ni bium 2104. that he wäri wirdig 
welono gehwilikes 2880. ef imu than thes wirdig ne si 3228. ne bium 
ik nu thes wirdig 5019. is he dödes uu wirdig 5107. that he wäri 
... wities so wirdig 5110. so he wäri . .. dödes wirdig 5239. 



40 PEÄTJE 

§ 19- 
III. Genitivus partitivus. 

Hieher gehören diejenigen adjective , welche eine teilnähme an 
einem ganzen ausdrücken, zunächst das adjectivisch gebrauchte giwono 
= gewöhnt au. that is mera thiug, than man hir an erdu odag lib- 
bea, werold - skattes gewono 1641. Im latein kann das gcgenteil insue- 
tus alicuius rei verglichen werden.^ 

Teilnahme auf rein geistigem gebiete drücken die adjective spä- 
hi, wis und giwar aus. 

Beispiele: so hwat so an Hierusalem godaro manno, allaro spä- 
hostun spräkono wärun 612 fg. so eo te weroldi sind wordö endi dädeo 
... spräkono thiu spähiron 1990 fg. ni ward sidor enig man spräkono 
s6 spähi 572. the is imu ... spräkono spähi 2467, vgl. daneben den 
instrumentalen dativ in 125, wordun spähi — that he mi so managan 
engil herod obana sandi, wiges so wisan 4890. ne ik gio mannes ni 
ward wis an minerä weroldi 273. thiu thiorna, the gio thegnes ni 
ward WIS 2790 — ni mahta is an is spräkun man werdan giwar, that 
849. he was is (fehlt im Cott.) an is hugi giu than giwaro 5198. thö 
wurdun thes firiho harn giwar an thesaru weroldi 3640. thuo ward 
thes thie wredo giwaro 5429. 

Teilnahme an etwas drücken auch die adjective des Verlan- 
gens aus: gern ^= cupidus, an-mod = entschlossen zu, willig ^= 
geneigt zu und das das gegenteil bezeichnende widerward, gebildet aus 
widar und werdan = eine richtung nehmen , also eine einer sache ent- 
gegengesezte richtung nehmend. 

Beispiele: simbla was he mordes gern 550. thea thes gerne 
sint 1921. giwet imu tho üt thanan inwideas gern 4630. ward thär 
eo-sago ... manag gisamnod, irri endi en-hard, inwideas gern 5061 
— than stod that folk Judeono ubiles an-möd 3898 — ef sie is wil- 
lige sind 3400 — thu nu wider -ward bist, quad he, willeon mines 
3101. 

Partitiv ist schliesslich auch der genitiv bei einer anzahl anderer 
adjective, insofern er bezeichnet, dass die eigenschaft nicht algemein 
und schlechthin, sondern nur innerhalb eines bestimten bereiches, also 
teilweise gilt, vgl. integer vitae bei Horaz. 

god: was is helpono god 2174. 

mildi: the ribtian skal Judeono gumskepi endi is gebä wesan 
mildi 628. endi wesan is gebä mildi 1450. endi wärun mi iuwaro 

1) Statt des von Heyne v. 508 aus conjectur gesezten erles antheti zeigt 
Sievers, dass mit C. zu lesen sei: erles an ehti. 



GENIT. IM HELIAND 



41 



gebo mildie 4399. so wesat gi . . . helpono miltlea 1850. wesad iuwaro 
lerono ford man-kunnie mildie 2492, vgl. 3564 vvis üs mid thinun 
dädiun mildi. 

wirsa: so hwe so it ofto dot, so wirdid is simbla wirsa = wer 
oft schwört, wird darin immer schlimmer 1516. 

Ebenso drückt bei skuldig mid dem substantivischen skolo der 
geuitiv den bereich aus , innerhalb dessen der begrift" schuldig = schul- 
dend seine geltung hat. 

Beispiele: that he is ferhes be thiu skuldig wäri 5233 u. ä. 
5320. quad that he weldi wesan thes libes skolo 4988 u. ä. 3844. 
that he wäri thes ferhes skolo 5109, ä. 5136, 5197, 5238. In der 
bedeutuug schuldig an etwas kommen die werte nicht vor, doch 
nähert sich die von skolo an einer stelle dem sinne des lat. dignus: 
than is he sän afehid, endi is thes ferahas skolo, al sulikes urde- 
lies, so the ödar was 1444 = dann ist er des todes schuldig und 
verdient ein eben solches urteil, wie der andere. 

§ 20. 

C. Der genitiv drückt die Zusammengehörigkeit eines in einem 
verb liegenden nominalbegrifs mit einem anderen substantivischen aus. 

Die möglichkeit der Verbindung eines verbalen vorstellungsinhalts 
mit einem nominalen, zusammengehalten mit unserer erklärung des 
genitiv als eines adnominalen casus, dessen bestimmung es ist, die 
Zusammengehörigkeit eines nominalen vorstellungsinhalts mit einem 
anderen auszudrücken, sezt voraus, dass auch im verb ein nominal- 
begriff" enthalten ist. Holzweissig, Wahrheit und irrthum in der loca- 
listischen casustheorie , Leipzig 1877 s. 36, der die Verbindung von 
verben mit dem genitiv zwar auch daraus erklärt, dass das verb ein 
substantielles, nominelles dement enthält, bleibt auf die mm sich auf- 
drängende frage, worin denn beim verb jener nominalbegriff" liege, wie 
man sich ihn gesondert denken könne, die antwort schuldig. Diese 
gibt uns Erdmann II, s. 158. Er sagt, entweder könne man den 
nominalbegriff im subjecte des satzes suchen und dann den genitiv 
als prädicative bestimmung auf dasselbe beziehen, eine auffassung, 
welche bei dem mit sin und werdan verbundenem genitiv nahe liege, 
der mit dem attributiven gebrauch desselben in analogie stehe. Die 
andere möglichkeit ist nach Erdmann die, dass die handlung des verb 
selbst, als ihr eignes inneres object mitgedacht, den nominalbegriff 
bildet, auf welchen sich dann der genitiv bezieht, eine auffassung, 
welche auch im Heliaud nicht fern liegt, da z. b. giwald egan neben 
giwaldan mit dem genitiv verbunden wird. Zur entscheidung kann. 



42 PRATJE 

wie Erdmaun iiustühit, die sache nicht gebracht werden, da nach dem 
casussuffix des genitives nicht uuterscheidbar ist, ob der griechische 
ausdruck ßamlecei drjf.iov gedacht ist wie ßaoiUvei (ßaoilsvg) drjfxöaiog 
oder wie ßaoilevti drjf.woiov = ßaoileiav öijfxoaiav. 

Mit diesem ergebnis müssen wir uns bescheiden und schreiten 
jezt zur behandlung der einzelnen mit eiuem genitiv verbundenen Ver- 
ben, indem wir, wie bei der Verbindung von Substantiven mit dem 
genitiv, eine einteilung nach dem beziehungsverhältnis versuchen, in 
welchem der abhängige genitiv zu seinem regens, dem verbum steht, 
wie dies zum teil schon Curtius in seiner griechischen schulgrammatik 
durchführt. 

§ 21. 

Vorweg nehmen wir alle diejenigen fälle, in denen wesan — 
werdan komt so nicht vor — mit einem genitiv verbunden ist, wel- 
chen Grimm gramni. IV, 652 den praedicativen nennen möchte, da er 
sich leicht in ein substantives ader adjectives prädicat auflösen lässt. 

An den genitiv us possessivus scheint sich folgendes beispiel 
anzuschliessen : ni was it thöh is willeon (sache seiner absieht), that he 
so war gisprak 4160. genitivus originis darf angesezt werden in: 
siu wärun is hiwiskas , kuman fon is knosla , kunneas godes bediu bi 
giburdiun o65 fg. sume wärun sie im eft Judeono kunnies 1227. he 
is thesas kunnies hinan 2653. siu was iru adali - giburdeo kunnies fan 
Kananeö-lande 2987. 

Schon die angeführten beispiele könten zum genitivus parti- 
tivus gerechnet werden, noch mehr ist dies bei folgenden berechtigt: 
fragödun fiundo barn, hwilikes he folkes wäri 4974. ni bist thu the- 
sorö burgliudiö 4975. that thu theses werodes ni bist 4977. that he 
thes gesides ni wäri 4979. that he thes gesides wäri 4990. ni bium 
ik theses rikies hinan, quad he, Judeo liudio 5213. was fan them liu- 
dion Levias kunnes. Jacobas sunneas, guoderö thiodö 74 fg. — In 
folgenden fällen fasse ich die genitive kunneas und knosles in der 
bedeutung.- hinsichtlich des geschlechts. thanan he kunneas was, gibo- 
ran fan them burgiun 347 (interpunction nach Sievers), gi sind edili- 
giburdiuu kunnies fon knosle godun 557. he was fan Ponteo- lande 
knosles kennit 5132. 

Anmerkung. Nicht hierher gehört folgendes beispiel: fragöda 
. . . aftar hwemu thiu geliknessi gilegid wäri. sie quädun , that it wäri 
vverold- kesures 3826 fg. , denn hier muss geliknessi ergänzt werden. 
Und somit wenden wir uns zu der betrachtung der übrigen mit einem 
genitiv verbundenen verba. 



GENIT. IM HELIAND 



43 



§ 22. 
I. Genitivus causae. 

1. Bei witnon und giwituou, am loben strafen, steht die per- 
son iui accus., der gruud im geuit. tliat sia tliik tliinerö wordo wit- 
non hogdun 3990. weldun ina kraftigna witnon thero wordo 4225. 
weldun sie so hwederes helai^na Krist thero wordo gewitnon 3864. 

2. Bei den verben der affectsäusserung steht ebenfals der 
grund im genitiv : diurian , faganon, hlahan, hrewan, lobön, mendian, 
swerkan, thrimman ;= tumescere, sich erbosen, wundrön. 

Diese geuitive viudiciert Delbrück dem ablativ , auch für das grie- 
chische, vgl. a. a. 0. s. 73, allerdings mit dem zusatz „wahrscheinlich," 
doch sind gerade hier analoge erscheinungen beim Substantiv sehr häu- 
fig, z. b. axog rivög, ödvvti "^Hga/tlrjog vgl. Kühner ausführl. gramm. 
der griech. spräche, Hannover 1878, IL teil, §414. 4. 

Beispiele, diurdun üsan drohtin, thes sie dages liohtes brükaii 
raostun 3585. that iu thes (Mon. t-iese) man ni lohon , ni diurean 
thero dädeo (Cott. thero dadi) 1572 — that wif faganöda thes siu irö 
barnes ford brükan mosta 3030 — werod Judeono hlogun is (darüber) 
im thuo te hoske 5642 — nu lätad an iwan mod- schon iwar selhoro 
sundeä hrewan , ledas that gi ... freraidun 880 , doch meint Sievers, 
dass vielleicht der genitiv ledas von sundeä abhänge — that sie thes 
waldand-god lobon thes he . . . forgaf 1402 — so thes thinges nu 
mugun mendian 525. that thia muoder thes mendendia sind 5526 — 
ni lät thu thi an innan thes, quad he, thinan sebon swerkan 4041 — 
thes thram imu au innan mod 5002 — im thero dadeo bigau wundron, 
thero wordo 140. that he is giwerkes so wundron skolda 160. wun- 
drodun thes werkes (Cott. giuuirkes) 203. so thes so manag . . . wun- 
drodun 2335. ni thurbun thes liudio harn, weros wundröian 5025. 

§ 23. 
II. Genitivus obiectivus. 

So möchte ich den genitiv bei den verben bedian = zwingen 
zu, und spanan =: verlocken zu, bezeichnen. Die person steht im 
accusativ, ef he ina an mord spenit, bedid balu-werko 1497. sia ni 
thorftun drohtin Krist dodes bedian 5701 — ne williad thes farlatan 
wiht, thes sie an iro mod spenit 1354 := von dem, wozu ihr sinn sie 
antreibt, Sievers. 

§ 24. 
III. Genitivus materiae et copiae. 

1. Genitivus materiae: hietun thuo hobid-band liardarö 
thorno wundron windan 5501 — hietun sia thuo wirkian hardes bomes 



44 PRATJE 

(hs. buomfes) kraftigna krüci 5509, vgl. Otfr. IV, 29, 31-33, giscaf- 
fota sia (thia tunichün) ... kleinerö garno, wo Erdmann II, s. 163 
wenigstens den gedanken gehabt hat, den genitiv als praedicative 
bestimmung des accusativ zu bezeichnen. 

2. Genitivus copiae bei fullian. thes (mit gerechtigkeit , wie 
sich aus dem vorhergehenden rehto ergibt) motun sie werdan an them 
rikia drohtines gefullid 1309. he het thea skenkeon tho skireas wata- 
res thia fatu fullian 2040. 

§ 25. 
IV. Genitivus partitivus. 

Er hat den ausgedehntesten gebrauch , daher finden wir oft bei 
ein und demselben verb neben dem accusativ, dem eigentlichen ver- 
mitler und träger der Verbindung von verb und Substantiv, den geni- 
tiv, doch besteht hier ein unverkenbarer unterschied. Diesen charak- 
terisiert Grimm, gramm. IV, 646 folgen dermassen : „der accus, zeigt die 
volste, entschiedenste bewältigung eines gegenständes durch den im 
verbo des satzsubjects enthaltenen begriff. Geringere objectivisirung 
liegt im genitiv, die tätige kraft wird gleichsam nur versucht und 
angehoben , nicht erschöpft." Diese geringere objectivisierung kann nun 
eine doppelte sein, entweder dem umfange nach so, dass, wie bei 
Gabelentz und Loebe § 235 das zwischen accusativ und genitiv obwal- 
tende Verhältnis erklärt wird, „sich die tätigkeit eines subjects nicht 
auf das ganze object erstreckt, sondern sich auf einen teil desselben 
beschränkt," z. b. drinkan, oder dem grade nach so, dass sich die 
tätigkeit des verb zwar auf das ganze object erstreckt, aber selbst, wie 
z. b. bei biginnan, in ihrer Wirkung gehemt oder in ihrer bedeutung 
eingeschränkt ist, wie bei sehan = sich um etwas kümmern, etwas 
ins äuge fassen. Über das ähnliche Verhältnis bei Otfrid vgl. Erd- 
mann II, 160. 

Hiernach versuchen wir die vielen einzelfälle zu gruppen zusam- 
menzustellen. 

§ 26. 

1. Der genitiv steht nach art des französischen teilungsartikels 
bei einer anzahl transitiver verba im gegensatz zum accusativ zur her- 
vorhebung des teilverhältuisses. Im nhd. ist diese Verwendung des 
genitiv kaum noch gebräuchlich, z. b. Übels tun, wir suchen dasselbe 
durch auslassung des artikels oder durch die praeposition „von" aus- 
zudrücken. 

niman: uam he tho aftar thiu thes moses 4616. that hie sia 
an ena spunsia nam, lido thes ledoston 5651. 



GENIT. IM HELIAND 45 

gidragan: that mau iiim tlies brodes tharod gidragan weldi 3343. 

giförian: that he mi geforea an thit fern innan kaldes wata- 
res 3370. 

hl ad an: het is (thes wtnes) an eu wegi hladan 2043. 

samnon: he began im samnon tho gumono te jnngoron, godaro 
mannö, word-späha werOs 1148 fg., wo Sievers beide male das komma 
weglässt. 

dön: so he willie, that im firio barn godes angegin doen 1539. 

giwerkon: mid hwin the man habdi ... wities giwerkot 5184. 

§ 27. 

2. Dasselbe gilt von den verben, welche ein geni essen, sich 
erfreuen bezeichnen. 

antbitan: ni skal an is liba gio lides antbitan, wines an is 
weroldi 126. so he thär mates (Cott. muoses) ni antbet 1054. that 
ik ... ni möt mid mannun mer moses antbitan 4566. ni welda is so 
bittres antbitan 5655. 

drinkan: thoh hi . . . fargebe wateres drinkan 1965; fals hier 
der geuitiv vom verbum fargebe abhängt, gehört das beispiel später zu 
no. 3, obgleich der genitiv ebenfals partitiv ist. so hi tho thes wines 
gedrank 2048 sidor sie thes wines gedrunkun 2067. ganga imu 
herod drinkan te mi swoties brunnon (Cott. suotian brunnon) 3915. 

gikoston: ik williu is (thines willeon, also in übertragener 
bedeutung) than gikoston 4766. 

brukan = sich erfreuen: than lata ik thi brukan wel alles thes 
(Cott. thieses) 6d-welon, thes ik thi hebbiu giogid hir 1104 fg. that 
sin iro barnes forct brukan mosti 3012 und 3031. that sie dages lioh- 
tes brukan möstun 3585. nu williu ik . . . lätan ina brukan ford fera- 
hes 5328. 

niotan: thes (heban - rikies) motuu gi neotan ford 1144, thes 
mötun sie niotan lango selbon thes sines rikes 1320. let ina an the- 
saro weroldi ford wunneono neotan 2356. that he mosta is jugudi 
neotan 3498. gi motun thesaro frumono neotan 4397. that ik samad 
mit iu sittian moti, gonionö neotan 4564. Ein genitiv is oder thes 
muss ergänzt werden in: wita kiasan imu ödrana niudsamna namon, 
he niate ef he möti 224. 

giniudou mit reflexivem accusat. der person und gen. rei: geniu- 
dot sie ginoges 1350. than thu thi giniodon most himilo rikeas (Mon. 
himilrikeas) 3277. 

Anmerkung 1. farslitan = zerreissen, aufbrauchen, erscheint 
nach Heyne mit genit , thu thär alla tliina wunnia farsliti , godes an 



46 PRATJE 

gardun, so hwat so thi gibidig ford werdan skolda 3378. Sievers lässt 
das komma nach farsliti weg; am besten aber scheint mir die lesart 
von Rückert, der godes von so hwat so abhängen lässt. 

Anmerkung 2. Wo es sich nicht um ein nur teilweises gemes- 
sen handelt, steht der accusativ, z. b. so tho the treulogo that mos 
antfeng endi mid is müdu antbet (Judas den ihm von Christus gereich- 
ten bissen) 4623. ik nema thena kelik an band, drinku ina thi te 
diurdu 4766. ne mornöt an iuwomu mode, hwat gi eft an morgan 
skulin etan efdo drinkan 1665. niotan mit accusativ komt im Heliand 
nicht vor , dagegen bei Otfrid gleich häufig neben dem genitiv , Erd- 
mann II, 174. 

§ 28. 

3. Anteil an etwas geben, gönnen. 

geban: hwemu ik her an band gebe mines moses 4612. endi 
gaf is (thes moses; Heyne it) themu men-skadon 4616. 

farlihan: that he im iro ogun opana gidädi , farliwi theses lioh- 
tes 3577, that he im iro hell farlihi, liohtes an thesumu libe 3657, 
das ungeteilte ganze steht also im accusativ, 

giunnan mit dativ der person: ni gionsta mi thero fruhtio wel 
2557. 

afunnan: afonsta heban-rikies manno kunnie 1043. 

tugidon c. acc. pers. et gen. rei: ef thu mi therä bedä tugidos 
2753; Sievers jedoch, mit Grein (Germ. 11, 214), nach Gott.: tuithos 
d. i. twidos. 

§ 29. 

4. Fassen, erlangen, erreichen. 

fähan und gifähan: bigan ... wiirteo fähan 2397. nu gi modes 
skulun fastes fähan 2924. that it thär mahti wurteo gifahan 2392. 

biknegan: sulikoro motun si frumono biknegan 1310. 

bithihan = bei etwas gedeihen, es erreichen: so is elkor ni 
thorfti bithihan man 5079 und 5579. 

gigirnan: so wit thes (fehlt im Cott.) an imkro jugudi gigir- 
nan ni mohtun 148. 

tilian: wolda im thär so wimsames wastmes tiliau 2544. 

§ 30. 

5. Verba, welche nur ein berühren des objects, ein 
gelindes afficieren desselben, ein algemeines sichbefassen 
mit demselben ausdrücken. 

Den Übergang zu dieser gruppe bilde hliotan durch das loos 
erhalten, davontragen, z b. thes sie werk hlutun 2342. Mit genitiv 



OENIT. IM HELIAND 47 

der Sache bedeutet es so viel wie, sich als sein loos erwählen, auf 
sich nehmen: hleotad gie thes alles, gie wordo gie werko , thes gi im 
hier te witie giduan 5482. 

plegan hat fast dieselbe bedeutung, es bezeichnet mit g^nitiv 
für etwas einstehn : ne williu ik thes wihtes plegan , quad hie , umbi 
thesan helagon man 5480. quädun that siu weidin umbi thena mau 
plegan derbarö dädio 5485. wi williad is alles plegan 5487. 

giwaldan und das nur im Mon. vorkommende giwaldon = 
über etwas gewalt haben, wozai macht besitzen: hwilik thau liud-skepi 
landes skoldi widost giwaldan 44. ef ik is giwaldan mot 220, so 
wido so is heritogon . . . liudeo oiweldun 344, so mosta siu , . . bodlo 
(Cott. bodlu) giwaldun 509. sidor ik mosta thesas erlo folkas giwal- 
dan, theses widon rikeas 559. the skolda . . . Judeono folkes, werodes 
giwaldan 766. the thes folkes thär giweld 2047. thie himiles giwal- 
did 2211. ne mahta is likhamon wihti giwaldan 2301. the thes hüses 
giweld 3345, the thär alles giweldid 3503. the so thes rikeas giweld 
5128. thie thes folkes giweld 5337. ni giweldun iro willion 5892 — 
thes (Mon. the) he giuualdan skal 268. gi motun giwaldan theses 
widon rikeas 4398. 

Anmerkung. Au einer stelle findet sich der dativ: ik fargibu 
thi himiles slutilos, that thu most aftar mi allun giwaldan kristinun 
folke 3073 fg. und 509 im Cott. der iustrumentalis bodlu. Hier liegt 
locale anschauuug vor, es ist nicht das object bezeichnet, welches 
beherscht wird , sondern der ort der herschaft , vgl. Delbrück a. a. o, s, 38, 

waldau = in richterlicher tätigkeit etwas besorgen: quad that 
he thesero weroldes (Cott. uueroldi) waldan skoldi gio te ewan daga, 
erdun endi himiles 585. thie rinkos, the rehto, weidin 1321. endi 
motun therä sakä waldan 3318. 

helpan = wozu helfen, allein und in Verbindung mit rädan ^= 
für etwas sorgen : gitrüoda siu wel , that is . . . heleandero best hel- 
pan weldi 2030. welda is helpan thuo , that 5438 — god will is alles 
rädan, helpan fan hebenes wange 1688. 

Anmerkung. Die person, welcher geholfen wird, steht im dativ, 
z. b, het imu helpan 4103 — rädan c. acc. rei bedeutet entweder 
raten, z. b. filu ledes 2721 oder ratend, sorgend bewirken, z. b, 
helpa 2022, filo mordes 5401. Es zeigt also das verb in seiner Ver- 
bindung mit dem genitiv abschwächung der tätigkeit, 

biginnan komt mit reflexivem dativ der person und genitiv der 
Sache nur einmal vor : sum man than midfiri . . , men farlätid , biginnid 
im thuru godes kraft guodaro werko 3479, Sonst steht accusativ der 
Sache: thia an them win - gardon adro an uhta arbidliko werk bigun- 



48 PRATJE 

nun endi thiiru - wonodun ford, erlös ant äband 3462 fg. quädun that 
lie giwer erist begunni an Galileo - land endi obar Judeou for herod - 
wardes thanan 5241 — es ist nicht uninteressant, diese drei stellen zu 
vergleichen. An der ersten steht men in gegensatz zu guodaro werko, 
also die objecte ; an der zweiten bigunnun in gegensatz zu thuru - wono- 
dun, also die verba, und ebenso an der dritten begunni an Galileo - 
land in gegensatz zu for herod - wardes. Wo also auf dem verbal- 
begriff der nachdruck liegt, steht der accusativ, wo der nominalbegriff 
überwiegt, dagegen der genitiv. 

* § 31. 

6. Begehreu, trachten, gelüsten nach. 

geron: gerot gi simbla erist thes godes rikeas 1689. that siu 
wihtes than er ni gerodi 2775. 

girnean: that he biginna therä girneau, thiu imu gigangan ui 
skal 1481. 

romon: romod gi rehtoro thingo 1690. 

lustean und gilustean werden unpersönlich gebraucht und ste- 
hen mit accusativ der person und genitiv der sache: ina bigan moses 
lustean 1060. the sie her frumonö gilustid 1308. 

§ 32. 

7. Nach etwas fragen, um etwas bitten. Diese gruppe 
ist der vorigen nahe verwant. 

eskon: te hwi thu thes (darnach) so eskos 5969. 

fragon: ac wita is thana fader fragon 228. bigan is thero erlö 
en fragoian holdan herron 2418. 

biddean, die sache steht im genitiv, die person, fals sie dabei 
steht, im dativ mit der praeposition te, oder im accusativ: endi wil- 
liad te iuwomu herron helpono biddean 1568 u. ä. 1575. eo gi thes 
drohtin skulun, waldand biddian 1791, so hwes so thu mi bidis 2757. 
hwes siu thena burges ward biddian skoldi 2773. endi helpono bad 
3389. endi an thesumu minumu hüse helpono biddean 3744. so hwes 
so thu biddean will berhtan drohtin 4038. hie thies god- fader mah- 
tigna bad 5542. 

Anmerkung. Dass auch hier den accusativ im gegensatz zum 
genitiv das volle bewältigen des objects bezeichnet, beweist folgende 
stelle , welche wegen des gen. ferahes später noch eine besondere 
besprechung verlangt: hwederon sia thero tweio tuomian weidin, fera- 
hes biddian 5414 = welchen von beiden sie erbitten, losbitten wolten. 



GENIT. IM HFXIAND 49 

fergon: tbnli tliu lui thesaru lieri - duiiio halbarö fergos, rikeas 
inmes 2758. 

sokian: hwat will thu thes nu sokian te lis = was wilst du nun 
uns darum angehn 5160. 

thiggian: tbat sie thär ... mates endi drankes thigidin 1224. 
ni williu ik is sie thiggian nu, fergon tliit folk-skepi 35,37. 

§ 33. 

8. Verba der Wahrnehmung. 

Unter dieser bezeichnung fassen wir eine ganze reihe von verben 
mit den allermannigfaltigsten bedeutungsnuancen zusammen, sondern 
jedoch zur erleichterung der Übersicht innerhalb dieser gesamtgruppe 
widerum kleinere gruppen aus. Als diejenigen, welche sich an die in 
G und 7 behandelten verba des strebens anschliessen , stellen wir voran 
a) verba der Wahrnehmung mit dem nebenbegriff des 
nachstellens. 

wison. Wie es sich in der bedeutung aufsuchen an die verba 
des strebens anlehnt, so deutet es in dem sinne von heimsuchen auf 
die folgenden verba des nachstellens hin. quädun that waldand selbo 
mahtig quämi tharod is menigi wison 2214. welda im . . . Judeo-fol- 
kes willeon wison 3544 u, ä. 3983. thes thär selbo quam sunu Dävi- 
des wison thes werodes 3684. gi . . . wisoduu min werdliko 4404. ni 
weldun gi min siokes thär wison 4430 — ni witun that iro wisod wal- 
dandes kraft 3706. 

ahtian = ächten, mit genitiv der person = töten: he welda is 
ahtian giu 772. Mit genitiv der sache = nachstellen: thär man mines 
ferhes skal, aldres ahtian 4615. ef sia thines libes than ahtian willien 
4685 — von andern constructionen später §37a. 

färon, Cott. faran = auflauern: that sie üses drohtines dädio 
endi wordo färon woldun 1229. 

gifreson = gefährden: hi ni mahta is libes gifreson 5323. 

freson == nachstellen: he welda ... freson is ferahas 773 u. ä. 
4478 , oder in Versuchung führen : Satanäs selbo he kuniid , iuwaro seo- 
lonö herod frokno freson 4661. 6k quam he herod giu freson min 
4665. 

fanden = in Versuchung führen: fandoda is frohon 1077. that 
thu te hardo ni skalt herron thines fandön, thines frohon 1093. te 
hwi gi fandöd min so frokno 3818. that he willie . . . firiho fandon 
(heimsuchen) 4307. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIK. BD. XIV. 4 



56 PRATJB 

kostön = in Versuchung führen: welda is thar latan kostön 
(Mon. costan) kraftiga wihti 1030; mit umbi steht es 1079: that he 
umbi is kraft mikil koston mosti. 

b) verba der Wahrnehmung mit dem nebenbegriff des 
pflichtmässigen. 

gomean = acht haben auf: thea . . . üta wärun, wiggeo gömean, 
fehas aftar felda 389. ef he is ni gomid wel 2510. that he thes 
godes hüses gomean skoldi 4151. 

hodian: thia thes hrewes thär huodian skoklun 5685. thär sia 
skoldun thes godes barnes hrewes huodian 5766. endi thes lik-hamon 
huoddun, thes hrewes 5877. 

wardon und farwardon = sorge tragen für: thu skalt wardon 
irä (Maria) an thesaro weroldi 321. the thes wihes thär wardon skol- 
dun 814. wardon thes wihes 4152, 4165 — mit accus, steht es in 
der bedeutung behüten: wardoda selbo, held that hehiga barn 384, 
oder sich vor etwas hüten, wobei die person im dativ steht: ne 
wardoda im . . . thia swärun sundiun 5473 — the man-kunnies far- 
wardot 4981. 

fordwelan = versäumen, das gegenteil des pflichtmässigen 
wahrnehmens, steht ebenfals mit genitiv der sache, wobei es durch 
seine negative bedeutung unterstüzt sein mag: habda ... thes dag- 
werkes fordwolan 3467. 

c) verba der Wahrnehmung im engeren sinne, zum teil 
mit modificierter bedeutung. 

horian c. acc. = hören, anhören, z. b. ni welda thes ledou 
word lengeron hwila horean 1107. c. dat. = gehorchen, z. b. s6 
hwemu so minun hir wordun horid 1982. c. gen. rei = auf etwas 
hören: horian ni weldun is gibodskepies 2661. that imu so the wind 
endi the wäg wordu hordin, bedea (Cott. bethiu) is gibod - skepies 2264. 
ne wolda thero Judeono leng gelpea horian 3956. 

seh an c. gen. hat die modificierte bedeutuug berücksichtigen: 
menes ni sähun wities thie wam-skadon 741. ni seh thu miues her 
fleskes gifories 4769. menes ni sähun 4918. thu sähi thi selbo thes 
(Cott. thu sauui thi thes selbo) 5160. 

far-standan: endi he im filu sagda be belidiun, that barn godes, 
thes sie ni mahtun . . . farstandan 2371 , fals nicht etwa thes von filu 
abhängt. 

gifölian in der mehr geistigen bedeutung von antkennian, 
mit dem es in beiden fällen, wo es vorkomt, verbunden ist. In dem 
einen steht auch bei antkennian ein genitiv, in dem andern, wie sonst 
immer im Heliand, der accusativ: sie mahtun is antkennian sän, gifo- 



GENIT. IM HELIÄND 51 

liaii is fardio 3G4G. ihat thär kristes doit autkennian ßkoldun, s6 filo 
thes gifoliaii 5G77 fg. 

§ 33. 

9. Verba der geistestätigkeit. 

Den vcrbon der Wahrnehmung am nächsten steht: bidan = 
erwarten, auf etwas warten, 1) mit genitiv des erwarteten objects: 
he im thO githiudo bud torhtaro tokno 852. thea thär lango bidun 
. . . nünarä helpä 3541. bed tliero toroliton ttd 4184. nu ni thurbun 
gi bidan leng . . . gewitskepies 5103. bed hclag himilo rikies 5724. 
iliär sia sorogOudi bidun sulikerö buotä 5875. 

2) accusativ und genitiv sind verbunden: bed metodo - giskapu, 
torhtero tideO 4830. 

3) der accusativ steht, z. b. bed wurdi - giskapu 196, godes helpa 
bidun 3613. 

huggian = an etwas denken: hugid is than an is herton 2468. 
färes hngduu wreda 3792. Mit dem accusativ komt das verb nicht 
vor; denn an der von Heyne im glossar als beleg angeführten stelle: 
gehugi . . . hwat thu habdes giu welouo an weroldi 3378 hängt hwat 
von habdes ab. 

gihuggian c. acc. = erdenken, z. b. ui mahtes thu that selbo 
gehuggean 3063 , oder = an etwas denken , mit dem nebenbegriff des 
absiehtliclien hinleitens der gedanken auf etwas, z. b. gehuggian ne 
wili tliana swäron balkou, the thu an thinoro siuni habas 1708, vgl. 
2525. Mit dem genitiv heisst es eingedenk sein: that gi min 
gihugdin 4432. gihugda thero wordo 4999. that thu min gihuggies 
5G02. thes gi gilobian skulun endi gihuggian thero wordo 5856. 

thenkian = gedenken, bigan thenkean thero thingo 314. ef sie 
is ne willead an iro hugi thenkean 1732. 

at henke an c. acc. = ausdenken, z. b. betron räd 724. c. gen. 
= an etwas denken: endi wil iru an is hugi athenkean 1806. 

f arge tau bedeutet das gegenteil von dem, was die behandelten 
verba aussagen, und steht deshalb wie diese mit dem genitiv, doch 
mag auch hier wie bei fordwelan die negative bedeutuug diese con- 
struction unterstüzt haben: that he godes ni forgati 242. fargätun 
godes rikies 3604. 

wänian steht nur mit dem genitiv, weil es ein nicht auf gewiss- 
heit beruhendes glauben, ein vermuten bezeichnet, also sein object nicht 
volständig bewältigt: ni wäuda thes mid wihtiu 299 u. ä. 1420. thär 
sia iro uid-skepies, witodes wänit 1879. ni wända thero mannö nigen 
lengron libes 3155. mera than is man enig wänie 2628. ferhes ni 
wiiudun, longirou libes 3155. that sia is libes ni wändun 3974. 

4* 



5ä PEÄTJE 

biwänian c. acc. des reflexiv und geu. der sache = sich etwas 
zutrauen: thu thik biwänis wisaro trewono, thristerö thingo 4ß9l, 

gitrüoii = glauben in bezug auf etwas: nu ik thes (Moii. tbe- 
ses) thinges gitrüon 285. 

gilöbian c. gen. der geglaubten sache: gilobiad gi thes liohto 
4640. thes ni gilobiad mi these liudi 5093. thes gi gilobian skuluu 
5855 — in: that erl thurh uutrewa ödres ni will wordo gilobian 1528, 
hat Cott. uuordu, es ist also vielleicht auch im Mon. ein Instrumenta- 
lis auf 0, kein genitiv anzusetzen — causal ist vielleicht der genitiv 
in: the thär ne willean gilobean to wararo wordo 1736. 

§ 35. 

10. Verb a des sagens. 

gehau = aussprechen, cum gen. rei: geha thes thär war is 
1523. ni was thero thegnö enigumu (Cott. enigou) sulikes inwiddies 
odi te gebannt 4596. he ni welda thes tho gehan eowiht 4977. Dass 
hier thes von eowiht abhängt, ist nicht wahrscheinlich, da lezteres 
dann object zu gehan sein müste, das sonst im Heliand nicht mit dem 
accusativ vorkomt. 

bigehau c. acc. pers. et gen. rei ^= sich einer sache vermessen: 
begihit ina so grotes 5194. 

farlognian steht mit dem genitiv des objects, unterstüzt durch 
seine negative bedeutung, wie fordwelan und fargetan: so hwe so min 
than farlognid liudio barno, helido for thesaro heriu, so don ik is an 
himile so seif 1971, wobei don die coustruction des von ihm vertre- 
tenen verb angenommen hat. that thu thines thiodnes te naht thriwo 
farlognis 4695. that ik thin farlognidi 4701. farlognida thes is liobes 
herron 4989 u. ä. 5001, 5024, 5028. 

manon und gimanon mit accus, der person und gen. der sache 
== erinnern an: thie skal ... manon in thero mahlo 4712. rnanoda 
mahtigna manno frumono 4804 — that he thär gimanodi nianno gehwi- 
likan hobid-skatto 3190. thena armon man is en-dago gimanodun 
3349; doch ist nach Sievers s. 527 en-dago als nominativ singularis 
aufzufassen , und mit Cott. gimanoda zu lesen. 

§ 36. 

11. Verba des mangelns und bedürfens. 

Im gegensatz zu Delbrück s. 8, der den ablativ ansezt, weist 
Erdmann, diese zeitsclir. VI, 124 wenigstens an dem einen beispiel 
thulon nach , dass sich bei der Verbindung des verb mit dem genitiv 



GENIT. IM HELIAND 53 

oino soparativo hodtnitung- dieses casus entwickelt, ohne dass deshalb 
(h'r genitiv ein ui'S}>iiing-lich ablativischer ist. 

tholuii ohne object heisst dulden, leiden, ausharren, mit accu- 
sativ =r etwas erdulden, z. b. thiod-quäla 4797; mit genitiv also = 
in bezug auf etwas leiden das heisst dessen entbehren: hwand sie so 
lange lichtes tholodun 3552. wi skulun üsos libcs tholon . helidos 
lisaro hobdo 4145. et' ik nu te aldre skal huldeö tliinaru cndi heben - 
rikeas, thiodan, tholoian 5017. 

brestan = brechen lässt einen ähnlichen Übergang der bedeu- 
tung erkennen; als unpersönliches verb nimt es nämlich die bedeutuug 
es gebricht in bezug auf etwas oder an etwas an; tho im thes 
wines brast, tbem liudiun thes Mes 2012. 

tharbon = darben in bezug auf etwas, d. h. ermangeln: he 
skal ... tharhon welon eudi willion 1330. welon tharbodun 3603. 

bithurban ^=r bedürfen: thär thu is lange bitharft, fagororo 
frumouo 1560. hwes thea bithurbun, thea 1668. thes hie mest bitharf 
2526. quädun that sie is erä bithorftin 2823. 

afheldian ^= in bezug auf etwas zu boden, zu ende kommen, 
scheint ebenfals hierher zu gehören: than hie ist fruodöt mer, is alda- 
res afheldit 3486. 

§37. 

12. Verba der trennung. 

Die frage, ob bei diesen verben der geuitiv den ablativ vertritt, 
lassen wir vorläufig noch offen und wenden uns gleich zu der betrach- 
tung der einzelnen verba, welche wir nach ihrer bedeutung gruppieren. 

a) berauben. 

ahtian mit genitiv der person = töten, mit genitiv der sache 
= gefährden , vgl. s. 49. Wenn nun acc. der person und gen. der 
Sache verbunden werden, so geht die bedeutung jemand in bezug 
auf eine sache ächten in den sinn ihn derselben berauben 
über: that that barn godes sM-inott kuning sokean welda, ahtean is 
aldres 704. mi skulun Judeon noh . . . ahtian mines aldres 3090. that 
sie firiho barn ferahu binämin, ahtin (Mon. ehtin) iro aldres 3846. 
hietun flitliko ferahes ahtian Krist 5330. — Eine andere construction 
ist schliesslicii die des dativ der person mit to und genitiv der sache: 
the iro ferhes to, theru idis aldar-lag(3 ahtian weldi 3882. that wi 
thi aldres to ahtian williad 3950. so im fruokno tuo ferahes ahtid 
5461. er than sia im ferahes tuo, aldres ahtin 5495. 

bidelian = den anteil in bezug auf. an etwas entziehen: bedel- 
dun sie iuwaro diurdä 4441. — Ein anderes mal ist es mit 



54 PRATJE 

biröbon verbunden: than skal Judeono filu . . . birobode werdan, 
bidelide sulikoro diurdo 2140. 

biniman: habad unk eldi binoman ellean-dädi 151. Sonst steht 
es häufig mit dem instruraentalis , libu 306, 3861, 3888; hobdu 730; 
thiu ferhu 5369; ferahu 3845; gewittiu 2991, vgl. Moller, über den 
instrum. im Hei. und das homerische suffix q^t , s. 9. 

bilösian: ward ald-gumo spräkä bilosit 173. libes weldi ina 
bilosian 1442. Auch hier ist der instrumentalis häufiger als der geni- 
tiv, vgl. libu 1435, 2677, 2782, 3091, 3532, 3948, 5072; höbdu 
1445, ferahu 2326, vgl. Moller a. a. o. 
b) befreien, entleeren, 
alosian c. acc. = losmachen, z. b. hwo thu thana (swäron bal- 
kon) erist aloseas 1710. c. acc. pers. et gen. rei =: losmachen in 
bezug auf etwas, d. h. von etwas befreien: that hie welda thesa werold 
alla . . . helliä githwinges liudi alosian 5435, 

loson = wegnehmen, z. b. than is sän thiu lef-hed lösot 2110. 
c. acc. pers. et gen. rei = jemand in bezug auf etwas, von etwas 
befreien: than skal hi ina ... led-werkö loson 1720. 

tomeau: that iu sigi-drohtin sundeono tomea 1577 u. ä. 3745. 
atomian: tionon atomid 1016. than skal hi ina selben er sun- 
deono atomian (Cott. tuomian) 1719. welda manuö barn mordies atuo- 
mian 5310. neri thik fan thero nodi endi nides atuomi 5571. 

antbindan c. acc. rei = entbinden, losbinden, z. b. thea reo- 
mon 940. c. acc. pers. et gen. rei = in bezug auf etwas entbinden, 
von etwas befreien: he so managan likhamon balu-suhteo antbant 2352. 
alätan. 1) c. acc. pers. et gen. rei = jemand in bezug auf 
etwas, von etwas frei lassen: that sie heban-kuning ledes aleti 101. 
that he iu aläte ledes thinges, thero sakono endi thero sundeono 1569. 
alät lis managoro men-skuldio 1611. that iu waldand - god ledes aläte 
1617. that man ina aläte ledes thinges, sakono endi sundeono 5038. 
2) c. dat. pers. et gen. rei: ef gi than williad alätan liudeo gehwili- 
kun thero sakono endi thero sundeono 1619. skal ik im . . . sundeä 
alätan, wredaro werko 3246. so skalt thu sundeä gehwemu, ledes 
alätan 3252. — 3) c. dat. pers. et acc. rei oder acc. rei allein, bei- 
spiele bei Heyne im glossar. 

antsakan = in bezug auf etwas die saka (schuld) abweisen, 
sich von etwas frei sprechen: men - githähtio autsuok thero manno 
gehwilik 4597. 

sikoron = jemand in bezug auf etwas sicher machen, ihn davon 
befreien: he mag alloro manno gihwena men-gethähteo, sundeono siko- 
ron 891. 



GENIT. IM HELIAND 55 

alärian = in bozug auf etwas entleereü; thiu skapu wäruu 
lides alärid 2016. Möller s. 14 fält auf derselben scito, wo er Del- 
brück in der Übersetzung von robodun ina rödes lakanes einen irtum 
nachweist, selbst in einen ähnlichen, wenn er übersezt „von leid 
befreien" statt „von wein entleeren." 

Anmerkung. Neben dem einfachen casus treten auch praepo- 
sitioiien auf, z. b. endi thana lid losie af is lik-lianion 1488 u. ä. 1531. 
tliat hie muosti alosian thena lik-hamon Kristes fan thonio krücie 5727. 
ina fall naglou atuomda 5734. Ebenso in fällen, wo die ursprünglich 
locale bedeutung bereits übertragen ist: that he her alosdi alla liud - 
stemuia, werod fan witca 248. losda af theru lefhedi liudi manage 
1214. that thu sie af sulikun suhtiun atoniies 2992. Natürlich kann 
das Verhältnis auch umgekehrt werden, z. b. thit is that lamb godes, 
that thär losean skal af thesaro widon werold wreda suudeä 1131. 

c) verwirken, d. h. sich durch seine werke um etwas bringen, 
farwerkon: he is libes habad mid is wordun farwerkod 4825. 

he is ferhes habad farwerkod 4914. 

farwirkian: that allarö wibo gehwilik an farlegarnessi libes far- 
warhti 3853. 

d) weichen, wanken in bezug auf etwas, von etwas, 
giswikan: that wili iuwar twelibio en trewono (Mon. treuuana, 

Cott. treuuon) giswikan (Mon. suikan), gisidos mine, iuwas thegan- 
skepies 4578. gi skulun rai giswikan ... iuwes thegan-skepies 4670. 
Dass nicht notwendig ein ablativischer genitiv vorliegt, beweist: hwand 
he er umbi is herron swek 5172. 

weukian: ak wenkid therö wordo 1377. ak wenkeat thero 
wordo 4577. 

e) meiden. 

midan c. acc. = meiden, z. b. men-edos 1505. c. gen. = sich 
einer person oder sache gegenüber zurückhalten, von ihr ablassen: that 
he mide thes mäges 1499. mid irä (Heyne, Cott. iro, Mon. ire) an 
thinumu mode 2717 u. ä. 3240. midun is bi theru menegi 4231 u. ä. 
4965. ik iro selbo skal midan 5021. be thiu med hie is 5395. midan 
siu is thuru thia minnia ni wissa 5933 — in der von Heyne im glos- 
sar angeführten stelle: be thiu skulun midan fi!u erlös ed- wordo 1515, 
scheint mir der genitiv von filu abzuhängen. 

bimidan: be thiu ni malitun sie is bimidan 4938. Mit acc. steht 
es 3628 , he (the mäno) ni mag is tidi (seine Wechselzeiten) bimidan. 

f) vorenthalten, versagen. 

aftihan c. dat. pers. et gen. rei; that he is barnun brodes aftihe 
3016. 



56 P RAT JE 

wernian, farwerniau, giwerniaii haben dieselbe coiistruction 
wie aftihan: ui wernian wi im thes willion 3996. im ui welda wernian 
thes willeon 5730 — he ni wili enigumu irmin- manne (Cott. enigon 
irmin - mauno) farwernian willeon sines 3504 — giwernidun imu iuwaro 
welono 4442. 

g) hindern in bezug auf etwas, an etwas. Vgl. Sievers 
s. 519. z. V. 2140. 
lettian c. acc. pers. et gen. rei: lettun sie thes gilobon 3650. 
gilettian: that thi (Mon. the) watares kraft ... thines sictes ni 
mahta lagu- ström gilettian 2955, 

§ 38. 

Dass bei biniman und bilosian neben dem genitiv der sache auch 
der Instrumentalis vorkomt , ist s. 54 angeführt. Andere verba der tren- 
nung, welche mit diesem casus verbunden werden, sind nach Moller 
a. a. 0. s. 9 bineotan , bihauwan und awisian. Der Instrumentalis ist 
in diesen fällen, wie keinerlei zweifei unterliegen kann, stelvertreter 
des verlorenen ablativ , und es entsteht die frage , ob vom genitiv das- 
selbe anzunehmen sei. Bevor wir diese frage beantworten , stellen wir 
die andere: welchen anlass konte die spräche überhaupt haben, genitiv 
und ablativ zu vermischen? Die ähnlichkeit der äusseren form kann 
es nicht gewesen sein; denn von der endung des ablat. sing, at ist t 
nach dem auslautsgesetz abgefallen, während das s des genitives sich 
fast durchweg erhalten hat. So müssen wir denn erwägen, ob nicht 
vielleicht ein innerer , in der bedeutung der beiden casus liegender 
grund eingewirkt habe, und ein solcher ist wirklich vorhanden. Der 
ablativ ist ein ursprünglich localer casus mit der bedeutung des räum- 
lichen woher, und diese bedeutung berührt sich mit der des partitiven 
genitiv, welcher das ganze bezeichnet, von dem ein teil in betracht 
komt, wie bereits Erdmann, diese ztschr. VI, s. 124 andeutet und vor 
ihm Curtius, erläuteiiiugen s. 165 ausspricht mit den Worten: „für ihn 
(den ablativ) trat der genitiv ein als casus der Zusammengehörigkeit. 
Denn in dem begriff des Ursprungs berühren sich die begriffe des woher 
und der Zusammengehörigkeit." Es konte sich also recht wol der par- 
titive gebrauch des genitives so erweitern, dass er almählich dem des 
ablatives ganz gleich ward, diesen casus als einen luxus der spräche 
entbehrlich machte, ihn zurück- und schliesslich fortdrängte. Und 
somit befinden wir uns widerum in einem gegensatze zu Vilmar, der 
a. a. 0. s. 36 von seinem Standpunkte aus mit recht behauptet: „eam 
igitur genitivi rationem , quam privativam vocant, tantum abest ut 



OENIT. IM HELIAND 



57 



avellendam ccnseam a genitivo partitivo , ut eam potius principium esse 
(lucam et originem genitivi partitivi." 

Da wir nun tatsäclilich im stände sind, eine solche erweiteiung 
dos partitiven gebrauclis des genitiv im Heliand nachzuweisen — wir 
erinnern nur an tholon und ahtian — so können wir unsere erste 
frage, ob der genitiv bei den verben der trennung stelvertreter des 
ablativ sei , nicht direct mit ja beantworten , wir müssen vielmehr sagen : 
der genitiv hat seinen gebrauch so erweitert und /Aigleich dem ablativ 
so angenähert, dass es uns in der spräche des Heliand nicht mehr 
möglich ist, ursprünglich genitivischen und ursprünglich ablativischen 
gebrauch auseinander zu halten und in jedem einzelnen falle die bestimte 
behauptung aufzustellen, hier liegt reiner oder hier liegt ablativischer 
genitiv vor. 

Es entsteht die weitere frage, Avarum denn bei dieser bedeutuugs- 
verwantschaft des genitives mit dem ablativ lezterer nicht ausschliess- 
lich von jenem vertreten sei, warum auch der Instrumentalis stelver- 
treter des ablatives geworden sei. Diese erscheinung scheint der gleich- 
heit des casussuffixes im dual bhyäm und der verwantschaft des plu- 
ralen ablativsuffixes bhyas mit dem des Instrumentalis bhis ihre ent- 
stehung zu verdanken , zumal wenn wir annehmen , dass die analogie 
von dual und plural dann auch auf den Singular einwirkte. Darum 
möchte ich auch die ansieht Mollers a. a. o. s. 15, dass der ablati- 
vische Instrumentalis die brücke bilde vom ablativ zum genitiv, so 
dass dieser an die stelle des ablativischen Instrumentalis getreten sei, 
nicht zu der meinigen machen; vielmehr glaube ich, dass genitiv und 
Instrumentalis, wenn auch aus verschiedenem gründe, gleichzeitig die 
Vertretung des ablativ übernommen haben , bis schliesslich bei dem 
almählichen absterben des Instrumentalis der genitiv als alleiniger Ver- 
treter des ablativ übrig blieb, zumal da die Vertretung des ablatives 
durch ihn nicht auf eine nur äusserliche veranlassung hin erfolgt war, 
sondern auf dem inneren gründe der bedeutungsverwantschaft beruhte. 

§ 39. 

D. Der genitiv drückt die Zusammengehörigkeit der liandlung eines 
ganzen satzes mit einem substantivischen nominalbegriff aus. 

Der losere genitiv , wie er zum teil in den grammatiken , z. b. 
bei Curtius, benant wird, bezeichnet das gebiet, innerhalb dessen die 
handlung eines ganzen satzes statfindet, dem sie angehört, Erdmaun II 
s. 180. Auch hier tritt der genitiv in einen gegensatz zum accusativ. 
Dieser drückt denjenigen gegenständ aus, auf welchen sich die hand- 
lung eines ganzen satzes erstreckt und bezeichnet entweder denjenigen 



58 PKATJE 

gegenständ, in beziehnng auf welchen eine aussage gilt, z. b. ther man, 
ther githuagan ist thie fuazi reino, Otfr. IV, 11, 37, oder die ausdeb- 
nung der handlang nach räum und zeit. Der geuitiv dagegen gibt 
das gebiet, den bereich an, welchem eine aussage oder die handlung 
eines ganzen satzes angehört, sei es dass das in den genitiv tretende 
wort als grund der handlung mit dieser zusammen gehört oder als das 
zeitganze, in welches die handlung hineinfält oder schliesslich auch als 
modale bestimmung derselben. 

I. Genitivus causae. 

Diesen gebrauch des genitiv mit Erdmaun II, §220 aus dem 
temporalen abzuleiten haben wir keinen grund , da ein gen. causae auch 
bei Substantiven vorkomt, z. b. ubil arbedi inwid-rädo 3374, zumal 
aber in den formelhaften Verbindungen von Substantiven mit bestirnten 
Verben, vgl. §16, sehr häufig vorkomt. Eher könten wir wegen fol- 
gender Zusammenstellung des genitiv mit dem Instrumentalis an eine 
Vertretung des lezteren denken: that imu so the wind endi the wäg 
wordu hordin, bedea (Cott. bethiu) is gibod - skepies 2263; doch steht 
hier , wenn man recht zusieht , der genitiv nicht mit dem Instrumenta- 
lis in parallele, sondern mit dem dativ imu, und wir müssen hordin 
in dem bestirnten sinne auf etwas hören (vgl. s. 50) ergänzen , also : dass 
ihm wind und woge gehorchten, so dass beide auf sein gebot hörten. 

Beispiele, thes motun sie niotan lango selben thes sines rikies 
1319. gimerrid wärun iro thes mod-githähti 59 Jl. ni quam ik undar 
thesa theoda herod te thiu, that min (propter me) eldi-barn arbed 
(Cott. arabit) habdin 3534. Möglicherweise komt auch der lezte bei 
giloBian s. 52 angeführte fall in betracht. 

§ 40. 
IL Genitivus temporis. 
1. Genitive noch als casus empfunden, 
nahtes 425, 755, 1178, 4717. 
dages endi nahtes 515, 2481. 

dago gehwilikes 954, 1594, 1609, 1672, 2284, 3337, 3629, 
3914 usw. 

allaro dago gehwilikes 1218, 1253, 1917, 2168, 2347, 3334, 
3499, 3782 usw. 

morgnö (Cott. morgano) gehwilikes ^^ an jedem folgenden 



tage 601. 



gero (Cott. jaro) gehwilikes 3812. 

järo gihwes, so Heyne; Sievers gihuem, hs. gihuen, 5407. 



GENIT. IM HELIAND 59 

Aninevkuno-. 
Ks wird nicht ül)errtüssig sein , den g-ciiit. temporis mit den übri- 
gen im Heliand vovkoinmendeu Zeitbestimmungen 7A\ vergleichen. 

a) accusativus temporis: thia obar themo grabe sätun alla 
langa naht 5876. was im thar so selbe sunu drohtines twä naht endi 
dagos 3982. that he thar nu bifolhan was fiiiwar naht endi dagos 4085 
11. ä. 4133. 

b) dativiis temporis: sia obar themu grabe sätim, weros an 
thero wahtun wanon nahtuu 5768. her quam gibod godes fernun gere 
(Cott. iara) 217. quädun that sea te im habdin giwendid (endi, Cott.) 
iro mod morgau hwera (Cott. gilmem) 693. 

c) praepositionale ausdrücke: an. an naht 680, 701, 4843. 
Dasselbe mit attribut 400, 4913, 5000. Öfter an themu märeon dage, 
z. b. 2611, 2636, 3315 usw. an themu domes dage 4050. an twem 
gcron (Cott. iaron) 732. an morgan 1665, 5752. te. te naht 4695. 
te dage 3437. 

Darnach scheint der unterschied zwischen den verscljiedenen aus- 
drücken der zu sein , dass der dativ auf die frage wann steht und dass 
dabei die zeit für die handlung irgend wie von bedeutender wiclitigkeit 
ist, dass aber dann, wenn der ausdruck schärfer und bestimter sein 
soll, praepositionen hinzutreten, dass ferner der accusativ von der 
eigentlichen Zeitdauer auf die frage wie lange ? steht und dass schliess- 
lich der genetiv gesezt wird, wenn das zeitganze bezeichnet werden 
soll, von welchem ein teil, ganz unbestimt, welcher, von der hand- 
lung ausgefült wird. 

Mit dem gotischen verglichen, wo von temporalen genitiven nur 
nahts und dagis vorkommen , Gabel, u. Loebe 247. 2 , zeigt die spräche 
des Heliand einen grösseren umfang dieses gebrauchs. 

2. Genitive zu temporaladverbien erstart. 

to- war des = bevorstehend: hwand sie ni antkenniad, that im 
kumana sind iro tidi to-wardes 3705. 

ford-wardes = vorwärts: 976, 1852, 4108, 4352. — In loca- 
1er bedeutung steht es: 2168, 2236, 2912, 3155, 3542, 5783. 

enes ist adverbial geworden und bedeutet einmal, vgl. Sievers, 
der engl, once vergleicht: tweho wäri is noh than, that iro enig thär 
enes ginämi 2838. 

§ 41. 
III. Adverbiale genitivformeii mit ursprünglich, localer bedeutung. 

herod-wardes = hieher: quädun that he ... obar Judeon for 
herod-wardes thanan 5243. 



60 PRATJE 

wifler-wardes. Gott, uuiderwart = rückwärts: alle efno sän 
erfla gisohtun, wicter- wardes, tbat werod 4855. 

tegegnes = entgegen, steht in localer und in übertragener 
bedeutung, meist in Verbindung mit gangan, z. b. 477, 2899, 2940, 
4831, 4957 oder sprekan, z. b. 395, 562, 914; aber auch mit andern 
verben, z. b. standan 1652, 5814, 5843, stapan 4875, kuman 1772, 
3676, hebbian 1778, samnon 2091, bnigim 2419, wirkian 4946, wesan 
5957 usw. 

§ 42. 
IV. Adverbial bestimmender, modaler genitiv. 

1. Genitive von Substantiven zur bezeichnung der näheren 
umstände, unter denen die handlung des satzes statfindet oder die aus- 
sage gilt. 

Beispiele, neo that iwar enig ni dua gumono an thesun gardun 
geldes efdo kopes = bei bezahlung oder kauf 1697. tho was thero 
dädio (bei dieser gelegenheit) hrom Judeo-liudiun, hwat sie ... har- 
mes mest gefrummiau 5113 fg. so eo te weroldi sint wordo endi dädeo 
(Gott, uuordon endi dadean) (in werten und taten) man-kunuies manag 
obar thesan middil-gard spräkono thiu spähiron 1991 fg. ik togiu 
(Mon. toiu) iu godes so filu, quad he, fan gode selbumu, wordo endi 
werko 3946 = in Worten und werken, doch können die genitive auch 
apposition zu gödes sein. 

2. Die pronominalgenitive is und thes werden ebenso 
gebraucht. 

sie ni vreldun is (darin) im horian te thiu 3569. saga üs hwat 
tbi thes (darüber) an thinumu hugi thunkea 3813. thes (darin) ni 
gilobiad mi these liudi 5093. 

3. Genitive zur bezeichnung der art und weise. 

willeon = gern, freiwillig: willeon (Mon. uuillean) lonot gumo- 
no gehwilikumu 1462. weldun im te Hierusalem Judeo-folkes willeon 
wison 3544. thia im simlon mid im willion wonodun 3960. 

sines willeon = sua sponte: was thiu smala thiod sines wil- 
leon gernora mikil . . . te gifrummienne 3902. 

Dagegen scheint bei wredes willeon 2671, 3796, 3897, 5063 ein 
Substantiv ergänzt werden zu müssen, also genitiv der eigenschaft vor- 
zuliegen, vgl. § 11. 

menes: ni thu menes ni sweri 3270. Moller a. a. o. s. 14 führt 
dies als ein beispiel des den modalen Instrumentalis vertretenden geni- 
tives ein. Von diesem hat er überhaupt nur zwei beispiele, von denen 
das andere : that the lasto dag lichtes (muss heissen liohtes) skine :== 



GBNIT. IM HELIAND 61 

mit licht, glanzvoll scheine 4290, nicht stichhaltig ist, denn liohtes 
muss hier ebenso von dag abhängen, wie v. 4361: al so thiof ferid 
darno mid is dadiuu , so kiiniid the dag niannun , the latsto theses lioh- 
tes =^ der lezte tag dieses lebens, dieser weit. Damit stände der 
andere fall eines den modalen instriunentalis vertretenden genitives 
höchst vereinzelt da, und gerade hier kann der genitiv mit dem geni- 
tivus partitivus sehr leicht in Zusammenhang gebracht werden. 

4. Genitive zur bezeichnung des grades. 

wihtes in negativen Sätzen = nicht in bezug auf etwas, d. h. 
durchaus nicht: that Kriste ni was wihtes wirdig 2886. ne williu ik 
thes wihtes plegan, quad hie, umbi thesan helagen man 5480, denn 
dass neben thes auch wihtes, so dass thes artikel wäre, von plegan 
abhängt , halte ich nicht für wahrscheinlich, ni lätan üsa fera wid thiu 
wihtes wirdig, neba . . . 4001. An einer stelle komt in demselben sinne 
der dativ wihti vor: ne lätad iu silobar nek gold wihti thes wirdig 1854. 

alles = gänzlich: te them godes wiha alles oban-wardan uppa 
gisetta 1082. alles at aftan 3431. 

§ 43. 
Stellvertretender genitiv. 

Der Instrumentalis ist im Heliand ein absterbender casus, seine 
funetioneu überuimt meist der dativ, der aber vielfach , wie auch schon 
der Instrumentalis selbst, mit praepositiomen verbunden ist. Nur an 
folgenden wenigen stellen ist für den instrumeutalis der genitiv ein- 
getreten : 

andred that he thena werold-kuning spräkono gespöui eudi spa- 
hun wordun = mit lehren und schlauen worteu 2720. that he thurf- 
tigumu manne thurst gihelie kaldes brunuou 1697 vgl. mosu fodian 
1864, mosu bimornian 1870. ni mugun eldi-baru, quad he, enfaldes 
brodes, liudi libbian 1068. robödun ina thie regln -skadon rodes laka- 
nes 5499, vgl. biwand ina mid wädiu 379. biütan (Cott. neuan) so 
ina waldand-god fan heban-wange helages gestes gimarkoda mahtig 
= durch den heiigen geist anordnete 2792. sagda hwo (he) iro selbo 
gibod torohtero tekno ^= vermittels deutlicher zeichen 5946. fragöda 
sie firiwitliko wisaro wordo 1816 = mit weisen worteu; denn dass 
es nicht heissen kann: nach ihren weisen worteu, ergibt der Zusam- 
menhang der stelle, wo des knaben Christi Weisheit, nicht die der 
schriftgelehrten hervorgehoben werden soll. 

Was im iro hugi thiustri , baluwes giblandan 5290 vgl. 5918. was 
iro muod- githäht, sebo mid sorogon giblandan 5918. 



62 PBATJE, GENIT. IM HELIAND 

In den angeführten fällen liegt meiner ansieht nach sicher ein 
instrumentaler geuitiv vor; denken an einen solchen köute man auch 
bei den § 24, 2 bei fiillian angeführten beispielen, da bei diesem verb 
dem genitiv wirklich ein instrumentalis mit der praeposition m i d zur 
Seite steht, vgl. 4331, wo es von den kranken heisst: iro dag endiod, 
fulliad mid iro ferahu = ihr tag endigt, sie erfüllen ihn mit ihrem 
leben ; allein der instrumentalis drückt hier nicht eigentlich den Inhalt, 
sondern das mittel aus , und gerade das verbura fullian stelt sich 
gleichsam so handgreiflich zum genitivus materiae et copiae bei Sub- 
stantiven, dass eine Vertretung des instrumentalis höchst merkwürdig 
wäre, während bei der Verschiedenheit der auffassung auch eine ver- 
schiedene construction nichts auffälliges hat. 

§ 44. 
Resultat. 

Eine betrachtung des casussuffixes des genetives im sanskrit hat 
ergeben , dass der genitiv dort und mithin auch in den übrigen indo- 
germanischen sprachen, also auch in der des Heliand, ein adnominaler 
casus ist, das heisst ein solcher, welcher dazu bestimt ist, die Zusam- 
mengehörigkeit zweier nominalbegriflfe und zwar zunächst die zweier 
substantivischer zum ausdruck zu bringen , ohne dabei über das bezie- 
hungsverhältnis beider aufschluss zu geben. Insofern nun auch verba 
einen nominalbegriff enthalten , dient in zweiter liuie auch bei diesen 
der genitiv dazu, die Zusammengehörigkeit dieses nominalbegrififs , wo 
er auch immer zu suchen sein mag, mit einem anderen substantivischen 
zu bezeichnen, wobei der genitiv oft in einen gegensatz zum accusativ 
tritt, dem eigentlichen casus der ergäuzung eines verbs. Schliesslich 
läuft auch der adverbial bestimmende genetiv den mannigfaltigen Ver- 
wendungen dieses casus bei Substantiven parallel. 

Eine directe Vertretung anderer casus kann nur für den instru- 
mentalis als erwiesen gelten, während alle fälle, in denen ablativische 
Vertretung vorzuliegen scheint, eben so gut auf eine erweiterung des 
geuitivgobrauchs aus sich selbst heraus zurückgeführt werden können, 
eine entscheidung auf grund des im Heliand vorliegenden sprachmate- 
rials halte ich nicht für möglich. 

SOBERNHEIM, IM OCTOBER 1878. H. PRAT.JE. 



BRUCHSTÜCKE AUS DER SAMLÜNG DES FREIIIERRN 
VON HARDENBERG. 

DRITTE REIHE. 

Fortsetzmi<j^ zu bd. XI s. 416 fgg. 

Erbauliches und beschauliches aus deui vierzehnten 
Jahrhunderte. 

In der deutschen litteratur des vierzelinten jabrhnnderts gewann 
die geistUclie prosa breite ausdehnnng und liervorragende bedeu- 
tung. Es war dies zum guten teile folge der rüstigen Wirksamkeit der 
zu anfange des dreizehnten Jahrhunderts entstandenen bettelmönche, 
der Dominikaner und der Franziscaner. Denn diese , durch ihre Ordens- 
regel zur pflege der predigt und der seelsorge verpflichtet, und auf den 
täglichen verkehr mit den laien hingewiesen, musten darnach streben 
sich für beiderlei aufgaben derart auszurüsten, dass sie der weltgeist- 
lichkeit, in deren rechte sie als prediger und beichtiger überall ein- 
greifen durften, überlegen würden, oder doch zum mindesten nicht 
hinter ihr zurückstünden. Daraus entsprang eine sehr reiche, vielsei- 
tige und umfängliche litteratur in lateinischer und auch in deutscher 
spräche. Die laien aber in den kräftig aufblühenden städten ergriffen 
mit begierde die ihnen nun zugänglichen und verständlichen deutschen 
bücher religiösen Inhaltes, wie ja überhaupt religiöse erörteruugen von 
je her, und bis auf diesen tag, die Deutschen mächtig angezogen und 
l)ewegt haben. So entstanden im vierzehnten und im fünfzehnten Jahr- 
hunderte nicht nur in klöstern, sondern auch unter laien eine menge 
von deutschen werken und handschriften theologischen Inhaltes. Nicht 
selten erscheinen unter dergleichen handschriften auch solche, welche 
nur samlungen von einzelnen stücken und Sprüchen enthalten, ausge- 
zogen und zusammengetragen aus der bibel , aus kirchenvätern und aus 
den Schriften und reden berühmter und beliebter theologeu und pre- 
diger, bis herab auf die raystiker der jüngsten Vergangenheit und der 
gegenwart.^ Zu dieser leztgenanten art gehören die beiden hier beschrie- 
benen handschriften. Sie könten, so weit der Inhalt der ersten hand- 
schrift nicht lateinisch ist, zwar sehr wol von laien geschrieben, und 
zur erbauung von laien bestimt gewesen sein; doch möchte man es für 
wahrscheinlicher erachten, dass sie von mönchen und für zwecke pre- 
digender mönche zusammengestelt worden seien , weil fast alles , was sie 

1) Über diese litteratur und über solche handschriften hat bündig und tref- 
lich gehandelt W. Wackernagel , in seiner Geschichte der deutschen litteratur, 
2. aufl. besorgt von E. Martin. Basel 1879. § 90 s. 421 fgg. 



64 PRH. V. HARDENBBR6 

enthalten, als material für predigten treflich zu verwenden und zu ver- 
werten war. Der Inhalt beider handschriften zeigt aber anschaulich 
einerseits, was ein prediger damals seinen zuhörern darbot, und andrer- 
seits, was diese von ihm erwarteten. Deshalb erschien es nicht über- 
flüssig, hier ein knappes Verzeichnis der einzelnen bestandteile beider 
handschriften mitzuteilen , volständig widerzugeben aber nur diejenigen 
wenigen stücke, welche noch jezt einen höheren litteratur- und cultur- 
gescbichtlichen oder sprachlichen vrert für uns haben. 

1. 

Papierhandsclirift aus dem ende des fünfzehnten Jahrhunderts, 
127 blätter in qnart. Auf dem rücken des alten mit pergament über- 
zogenen holzbaudes findet sich die aufschrift; „Decalogi expositio. Varii 
Tractatus Ascetici Germanici. — Theol.-D.", und an der stirn des 
ersten blattes die einzeichnung: „Ad Biblioth. R. P. Franciscanorum 
Ingoist." Darnach hat die handschrift einst dem Franciscanerkloster in 
Ingolstadt augehört , wie sie auch , nach der Schreibweise ihres deut- 
schen bestandteiles zu schliessen , in Baiern geschrieben zu sein scheint. 

Von bl. l'' bis 86'' reicht ein lateinischer commentar über die 
zehn geböte, zweispaltig, in geläufiger, aber nicht schöner schrift, mit 
reichlichen abkürzungen , und mit schlechter , jezt stark vergilbter dinte 
geschrieben. Anfangend : Si vis ad vitam ingredi , serva mandata 
(Matth. 19, 17). Salvator adolescentem solicitam de salute anime sue 
hoc brevi sermone instruxit compendium salutis ad interrogationeni 
explicans. etc. 

Den gesamten übrigen rest der handschrift, bl. 86 "^ bis 127 \ hat 
ein wenig jüngerer Schreiber benuzt, um auszüge aus verschiedenen 
deutschen geistlichen Schriften einzutragen. Er hat, mit besserer dinte 
als der erste, zunächst, wie dieser, auf bl. 66'''* und bl. 67 zweispal- 
tig, aber von da ab in durchgehenden zeilen geschrieben, in zwar 
nicht schönen und kunstgerechten , aber kräftigen und deutlichen zügen, 
jedoch ohne alle absätze, und so reichlich, oft hinter allen einzelnen 
Wörtern, punkte setzend, dass dadurch die Übersichtlichkeit und die 
bequeme auffassung des von ihm geschriebenen sehr beeinträchtigt 
wird. Diese wunderliche und störende interpunction ist im hier folgen- 
den drucke unbeachtet geblieben , und durch unsere jezt übliche ersezt 
worden. 

Diese auszüge befassen hauptsächlich ethisches, dann predigten 
und predigtartiges; im engeren sinne ascetisches bieten sie so gut als 
gar nicht, und dogmatisches auch nur wenig, und fast nur auf das 
trinitätsdogma nach dessen officieller abendländischer fassung bezüg- 



ZWEI HS. OEIRTTj. PROSA DES 14. JH. 65 

lielies; einzelnes streift mehr oder weniger an die anschauungs- und 
aiisdruckswoise der mystiker. 

Bl. 86''. Merch die gloz vb' daz wort, daz vns'n h're sp'chet: 
ez sterbe dene daz chorn vnd* erde, so beleibet ez ein.^ Ez 
leit als vil nvtzes an der trvbsal vn daz man vns v'sma3he ; ob vns 
auch nimm' chain Ion dar vmb wrde gegebe, so sol wir ez doch g'n 
leide dvrch die lieb d' geleicheit vns's h're menschait, d' als vil v* 
smaecht erböte wart an s^ulde (1. äne schulde) , vn nivr daz er ez dvrch 
vns'n lieb erlite hat.^ Wellen aber wir imz ze liebe gantzleichen lei- 
den, so mvzzen wir vns vnser selbez verzeihen vnd gantzleichen lazzen. 
[86**] Ob daz an vns sie (1. si), der meche (1. merke) da bei, ob wir 
vor der levten ovgen dar zv worden sein, daz si wsent, vns habe got 
verworfen, vnd daz halt vnser geistleich vrivnt avf vns niht ahten, da 
von da (1. daz) si wa^nt, daz wir dvrch vnser svnde verworfen sein, 
vnd daz vns dez selben dvnchet, daz wir weder ze vzzern noch ze 
innern dingen uvcz sein: [vnd] daz wir dar vnder niht verzagen. Wir 
svln vns avch in got vreaewen (1. vröuwen), vnd svln gedeuchen an 
daz wort, daz man da list in her Jobs pvche: so dv wsenst, daz dv 
vudergangen seyst, so soltv avf gen als der morgenstern.^ 
Job der west wol w^az sselicheit dar an leyt, daz man von vntrost 
trost vnd gedanchen zve dir habe, herre got, do er sprach: Wer geit 
mir daz, daz mein gepett bechom, daz got sein hant [87*] 
lost vnd mich avf snit, vnd mich niht enlibe, vnd mein niht 
enschont in den pein: daz sol mein trost sein!"^ Swer sich 
selben also verladt, an dem wird vnser wort erfvlt, der (1. daz) da 
spricht: swer sein sei hazzet in dirre werlt, der vindet si in 
dem ewigen leben; der aber sein (fehlt sei) minnet vnd liep 
hat in dirre werlt, der verlivset si; daz ist: der im selben vnd 

1) Joh. 12, 24. Amen, amen dico vobis: nisi granum frumenti, cadens ter- 
ram, mortuum fueiit, 2,5. ipsum solum manet; si autem raortuum fuerit, multiim 
fructum aftert. Qui amat animam siiam , perdet eani ; et qui odit aniniam suam in 
hoc mundo, in vitam aeternam custodit eam. 26. Siquis mihi ministrat, me aequa- 
tur; et ubi sum ego, illic et minister maus erit. Si quis mihi ministraverit, honori- 
ficabit eum pater mens. — Es ist das evangelium auf das fest S. Laurentii. 
10. august; und es scheint ein beliebter text gewesen zu sein. Andere auslegungen 
sind mitgeteilt in Haupts zeitschr. f. deutsches altertum (ISäl) 8, 452 fgg. , und 
als eine predigt meister Eckarts, (1872) 15, 408 fgg. 

2) Von hier ab sind , zum behufe grösserer bequemlichkeit für die druckerei 
und den leser, die zahlreichen abkürzuugen der handschrift im drucke aufgelöst. 

3) Job. 11, 17: Et cum te consumtum putaveris, orieris ut Lucifer. 

4) Job. 6, 8; Quis det ut veniat petitio mea, et quod exspecto tribuat mihi 
deus? 9. et qui coepit, ipse me coutei'at, solvat manum suam et succidat me. 
10. Et haec mihi sit consolatio. ut affligens me dolore non parcat. 

ZE1T8CHH. P. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 5 



66 FBH. V. HARDENBERG 

die wolgelvst sein selbez minnet vnd im da mit last wol sein. Ez 
spricht ein heilige : swer got liep hat vnd sich selben , dar an ist 
grozziv zwseigevnge (1. zweiunge). Swer sich selben hazzet, also, daz 
er an im selben niht en minnet, vnd sich cheiner gnaden wert dvnchet, 
der also im selben versmseht vnd verworffen ist; der vindet sein sei 
in dem ewigen leben, daz ist: in got. Ez spricht vnser herre: swer 
mir dient, der volget mir nach. Nv seht an den chlaren 
sp [ST*"] iegel vnsern (1. vnsers) herren Jhesu Christi. Sich wie gar er 
verworffen waz vnd sein hohes leben versmseht waz. Dar vmb hat er 
sich nv fvnden in der chlaren gothait , in der er sich ewichleichen 
scbawen, vnd wunnen (1. wunne) sol haben mit allem gewalt vnd mit 
aller weishait, mit aller gvet. x41so vindet sich der mensch in der 
chlaren gothait, der sich selben versmseht. Vnser herre spricht: ez 
ersterbe dein (1. denne) daz chorn in der erde, so beleibet 
ez ain; ist aber daz ez erstirbet, so bringet ez vil frvcht. 
Also mvez div sei in dem ertreich dez leibez ersterben, an allen den 
willen, der da wider chrieget, vnd ravz sich avf tvon vnd ergeben 
an aller widerwgetichait (1. widerwertichait) ze leiden. Vnd swie der 
mensch also niht erstirbet, so beleibet [er] ain. Vnd wez belibet er 
ain? Manger grozzen svzzichait, die got in seiner sei vben wolt. Ist 
aber, daz er also erstirbet, so bringet er frvht dez guten pildez, daz 
er ein spiegel der andern ist. Er bringet frvbt dez gvten landez, daz 
da paz smechet , den der baisam. Er bringet frvht der gotleichen svz- 
zichait, die er tasgleichen vnd tavgenleichen niezzent wirt [87''] in sei- 
ner sei, vnd dar nach offenleicheu in dem wunnesamen hymelrich, so 
er fvnden wirt in der chlaren gothait, dar er avf wirt gent als der 
morgenstern vor allem hymelischen her, also er vns selb gehaizzen 
hat: swer mir dient, den wil mein vater ern in dem hymel- 
rich, und swa ich pin, da svln avch mein dienaer sin; reht als 
er Sprech : swa mein wonvnge ist , da svln avch mein dienaer sein , die 
sich mir geleicht habent avf ertrich. Nv sich , lieber vater , wie gelich 
si mir sint, vnd wie fleizzichleichen si sich gepildet habent nach den 
tvgenden, die ich in vortragen hau avf ertrich, wie gedvltichlichen si 
die versmaeeht vnd allen betrvebsal getragen habent, vnd wie senft si 
sint gewesen vnd demvtigez herzen, wie si ir veind minnent vnd in 
lavterleichen vergebent,^ vnd wie gar parmherze si waren vber [87^] 
irs naebsten gepresten, vnd fvr si paten, vnd wie herte sie in selber 
waren, vnd wie lauter ir andach (1. andäht) waz, vnd wez (1. waz) si 
aebtsal dar vmb erliten habent, daz si niht wolten wenchen von der 



1) Darüber correctur: vergabent 



ZWEI HSS. GEISTL. PROSA DES 14. JH. 67 

worheit viid von der gerelitichait , viid wie vnverdrozzeu si waren an 
disem geistlichen streit, vnd wie weise si warn gein dez tievels listen, 
vud in der becliorvnge chvene vnd starcb; da von waz ir leben raine 
mit der er der cbevsche vnd mit der schar der gvoteu wercb, da mit 
si mir gedient, vud dich an mir erten da mit, daz si mir nach gevolt 
(1. gevolgt) habent. Dar vmb soltv si nv ewichlichen eren , lieber mein 
vater, daz si nv immermer nach allem irm wünsche leben. Setze si 
aber vber den grvndlozen bort deiner ewigen wunne. :c. Amen. 

Bl. 88*. Waz got sei. Sand Bernbart der sprichet: Owe 
waz ist got, vnd wer steit mir waz got sei. Got ist vier dinch. Er 
ist div hohe , er ist div tiefe , er ist div lenge , er ist div prseit 

Dahinter folgen andere ausspriiche von Bernhard , Augustin , Gre- 
gor, Hieronymus, Paulus, Franciscus. 

Bl. 90^. Von drien tagwaideu, die wir unserm herren 
nach vo Igen svln. — Vnser herre spricht an dem ewangelio : der 
mir nach volget, dem gib icb daz ewig lieht.^ Nv suln wir 
mercben daz wir im nach svln volgen dvrch iij dinge willen. Div 
erst tagwaide ist aeigen willen vnd chrenchen sein (1. sin) widersten . .'. . 

div ander tagwaide ist gedultichait Div dritte tagwaide ist 

jamer uacb dem wunnenchlichen got . , . . . 

Bl. 91^ Ein zart rede von Jhesu Christo, vnd wie wir im 
daz herze schon behalten ; wanne die grossen milticbait tet vns got dar 
an, daz er vns seinen ainporn svn gap 

Bl. 93 ^ Sand Bernhart spricht: Ez sol uiemen sprechen, daz 
er seinem prvder niht zv einem hvter sei gegeben 

Bl. 93*". Von der beschaidenhait dez swigens. — Ez 
sprichet Sant Bernhart : div sweige ist gar gvot .... 

Bl. 94^ Von dem vrdrvzigen. — Ez sprichet aber manich 
mensch : ich mach mich nicht oberen an die herten 1er der tvgent .... 

Bl. 95\ Von der sel,^ waz [si] sei nach der beweisvuge, 
nach der leiplichen vnd der vnleiplichen natvr: so ist ze sagen 
von der natvr die von in peiden ^ zesamen geseczet ist; aber zv dem 
ersten mal von dem tail dez gemuetes , zv dem andern mal von 

1) Qui sequitur me non ambulat in teuebris , sed habebit lumeu vitae. 
Job. 8 , 12. 

2) Dieses in spracblicber beziehung beachtenswerte und deshalb hier volstän- 
dig mitgeteilte stück scheint Übersetzung oder auszug einer lateinischen abbandlung 
zu sein. 

3) Über dem ersten e steht noch ein a. 

5* 



68 FRH. V. HARDENBERG 

dem tail dez leibez, zv dem triteii mal von dem tail dez ganczeii 
menschen. 

Von der sei so ist zv dem ersten mal ze besehen, waz si sei 
nach der beweis ung; wann si wirt von etlichen heiligen beweizzet 
ein geist, von etlichen als ein sei, vnd von etlichen als ein geist vnd 
ein sei. Da von nach dem als die sei hat ein natvr eins geistez , so 
ist ein beweisvng von Allexandro von ir gegeben in dem pvech von 
der bewegung dez herren: die sei ist ein vnleiplich vernyenftig svb- 
stancie der erlevchtung von dem ersten mit der jvngsten widertragung 
verstanden. Von diser beweisung so bechennen wir, daz der [95^] 
menschlich geist, der da ist in der sei, sei enphienglich vuder allen 
creatvren, vnd aller nehst nach den engein, der gotlichen erlevchtung. 
Aber die sei nach dem als so von Remigio beweiset wirt, so ist si 
ein vnleiplich svbstancie richtent den leip. Von diser beweisvng so 
haben wir, daz div sei ist als ein bewei^er vnd ein richter dez leibes.^ 
Avch nach dem als die sei beweiset wirt von dem Phylosopho in 
dem pvoch der sei, so ist die sei die erst volchomenhait dez gesunden 
gePichlichen leibes habend daz leben. Von diser beweisvng so wirt 
verstanden, daz die sei ist dem leib zvo geeiniget, aber niht ein 
(1. einem) ieglichen, svnder allein gelieichen geclithder (1. einem geli- 
ehen) vnd ein (1. einem) löblichen, daz ist, der von natvr geschicket 
ist ZV der enphienglichait der redlichen sei. So wirt si avch ^ also 
beschaiden von Sant Avgvstino: die sei ist ein gleichvsse (1. gelich- 
nisse) aller ding. Dise bescheidung ^ ist gegeben von der gWchnvsse 
weger der (1. wegen der) sei zvo den creatvren. Wann die sei ist von 
ir selbez natvr geschicket, daz si euphah die gleichnvsse aller leip- 
licher vnd geistlicher ding. Avch so spricht ein ander beschribung 
also : die sei ist ein gotformige geistung dez lebens. dise beschaidung 
wirt genomen von dem pvoch Genesy, vnd wirt gegeben nach dem, 
daz di sei zv got gechleichet (1. gelichet) wirt nach dem, als si auz- 
wendig [bl. 96^^] dez fvires oder der senlichen sach wirt geporn , svn- 
der von got den leip schepfend [vnd] eingegossen wirt, vnd eingiessend 
schepfent wirt. Avch so vergichet Seneca die sei also: die sei ist 
ein verstendig geist, der da geordent ist zv der saelicheit in im vnd 
in dem leib. Dise beschreibung wirt gegeben in der widertragung zvo 
dem end, nach dem als si niht allein geseliget wirt in ir selbez so si 
geschaiden ist, also der engel, ja avch ir sselichait wird genieret so 
der leip glorifiert wird. 2c. 

Waz die sei sei nach dem ding. XXX cap. — Von der sei 
nach dem ding habent die natvrlichen maister manigerhand sinne vol- 

1) Hs. ; le'bens 2) Hs. : a'^ch avch 3) Über ei steht a 



ZWEI HSS. GEISTL. PROSA BES 14. JH. 69 

bracht. Wann Plato spricht, daz die sei sei ein wesung die sich 
selber bewegend ist. Zeno haiset [sie] ein zal, die sich selber bewegt. 
Aristotilez haiset si ein erst getat oder ein volchomenhait. Pita- 
goras haiset si ein siiez gedoeu. Ypocras haiset si einen tvmeu 
geist. Radius haiset si ein liecht. Dometricus haiset si einen geist, 
der zesamengesetzet ist mit dem gestvppeu, daz in der sunnen flviget. 
Ypareus j. haiset si ein fvrlich craft. Parmemces haiset si, oder 
spricht , daz si sei gemachet (sei) von erden und von fivr. Vuder diseu 
mauigerhant beweisung so volgen wir nach den pvochen oder den 
sprvchen der heiligen vnd der cristenlicher (1. — en) lerer. Die spre- 
chend, daz die sei sei ein [96''] geistlich svbstancie vnd ein redlich 
lebend ze machen den menschlichen leip, vnd geschafen ist von niht. 
Wan die sei ist geschafen volchomenlich, vnd volchomen nach der 
weise der chvnst vnd der tvgent; doch so ist si aller volchomeust nach 
den natvrlichen mecbten; vnd wann si vnleiplich ist, da von en ist si 
dem sinne niht vnderworfen, noch en ist si niht avzcherent von der 
messvng. Wan Avgvstinvs spricht, dass die sei niht hab ein gemes- 
senlich groz, svnder ein mechtichlich vnd ein kreftichlich. Vnd da 
von daz die sei eiuvaltig ist , da von en ist si niht enphsenlich der 
zvnemvng; wann si en wirt niht fvnden grozzer in ein (l. einem) klei- 
nen ^ leib. Als Sant Avgvstinvs spricht: die meuig der creft in der 
sei di enczet (enzeiget?) niht die grozzhait in der seien natvr, svnder 
manigvaltichait der wech (l. werc). Die sei ist avch enis (1. einis) 
ewigen lebens nach der gehvgnvsse vnd nach der verstantnvsse vnd 
dem willen. So ist si gemachet zv dem pild gotes, vnd ist enphseng- 
lich der tvgent oder svude, vnd ist frei irs v^^illen, vnd ist geziert mit 
habenlichen creften vnd begirden, vnd mangel (1. mangelt) der swasr 
vnd der figvr vnd der varwe. Si .j. ist leidelich vnd wandelich, vnd 
ist als groz nach dem als si (ist) [fol. 97*] begriffenleich ist der dri- 
valtichait; vnd nach dem als si begerend ist der gvet, nach dem 
ist si gerecht; ynd ist als selig ^ dar nach, daz si tailheftig ist der 
gothait. 

Waz die sei an dem namen sei. XXXI. capitel. — Die 
sei wirt gehaisen ^ ein sei nach dem als si seiet , oder den leib lebend 
macht. Si ist gehaisen ein mvet nach dem als si wil ein redleichait, 
so si recht vrtailet ; ein geist , so si geistet , oder da von wann si hat 
ein geistleich natvr-, ein sin, so si bewinnet oder vindet ein gehveg- 
nvsse, so si gedenchet; ein willen, so si verhenget. Dise mangerhand 

1) Über dem ersten e steht ein a. 2) Hs. : selichg selig 

3) Hs. : XXXI. Die sei wirt Capitel gehaisen 



70 FRH. V. HAEDENBEEG 

namen sint der sei niht von der manigvaltichait der wesvng, svnder 
von (der) den manigvaltigen werchen vnd von der wverchvnge wegen. 
Sei ist als vil gesprochen, als ein ding daz an plvet ist, oder ist als 
vil gesprochen, als ein ding daz da leben gibet. 

Von dreier band seien. XXXII. cap*". — Die getat der 
sei ist drierhand: das ist, daz si lebendig machet, vnd daz si bevind 
vnd beschaid ; ^ vnd nach disem wirt vnderschaidet (1. underscheiden) 
drierhand macht der sei; daz ist die leiblich, vnd die senleich, vnd 
die redleich. Von disen saget Ambrosius, daz die leblich sei, oder 
die wachsend , di begert daz si si ; die senleich , daz ir wol sei ; aber 
die redleich begert ze sein [bl. 97^] aller pest, vnd da von so gerv- 
wet^ si niemer, vntz daz si zvo gefvoget wirt dem aller pesten. Hie 
von wirt si bewegt von der craft der minne in got als zvo einem end, 
also daz si in im gelvstiget wirt nach dem allerhoesten. Dise drei 
mechte mvgent haisen drei sei in mauiger band vuderwerfen; die leb- 
leich oder die wachseuleich sei ist in den geplantzten dingen, die sen- 
leich(en) ist in den tieren, vnd die redleich die ist in den menschen. 
Aber in dem menschen sint die drei vorgenanten sei ein wesvng; aber 
si werdent vnderschaiden in den mechten, vnd da enhindert niht, daz 
si in dem menschen so langsemekleichen vnd in so vil zeites geoflfenbar 
werdent; vnd daz ist von der schepfleichen craft wegen, die da red- 
leichen von erst sich schickent (1. schicket) zvo dem leben, dan zvo 
dem sinn/'' dan zvo der redleichait; svnderleichen seit die natvr niht 
ze hant wuerchet, svnder gemechleichen vnd langsamlich. So aber di 
redleich sei in gegossen wirt dem leib,* so werdent avch die vorgesai- 
ten mecht in gegossen, vnd von dannen haben si niht me ir gvettiv 
von der schephleichen kraft, svnder von der sei. Aber die sei vbet 
di ersten zwo ]fol. 98*] mechte, daz ist di lebliche vnd di senleich, 
allein in dem leib; aber di dritten hat si avch, so si von dem leib 
erlediget ist. Man schol der sei dez menschen niht sprechen ein bleib- 
lich (1. leblich) oder ein senleich sei , svnder man schol in mehte spre- 
chen; noch man schol der sei, die ineimetter (1. in ein mit ir?) ist, 
nicht sprechen die bleibleich (1. leblich) sei , svnder ein macht ; aber 
die bleibleich (1. leblich) sei in den gephlantzten ist gehaisen ein sei 
vnd niht ein macht. 2C. 

98*. Syben aygenschaft hat der hymel an im natverleich, 
die sol der hymelisch mensch, der ein tempel gotes welle sein, an im 
haben geistleich. Daz erst ist , daz er synwel ist 

1) Über a steht ein e 2) Hs.: ger'^iwet 3) Hs. : dan zuo dem sinn 

vnd erst zvo dem sinne 4) Hs.: le'b leib 



ZWEI nSS. GKISTL. PROSA DES 14. JH. 71 

Bl. 99*. Maister Ekkart sprach in aiuer ^ predig, daz werck, daz 
got wuercliet iii einer ledigen plozzen sele, die er lavter, ploz vnd 
abgescliaiden ^ vindet, daz er sich geistleich in si moeclit geperen, daz 
war got Ivestiger vnd trveg mer gotheit in im, den daz werch, in 
dem er alle creatvren von nihtiv geschuof. usw. — Gedruckt in: 
Meister Eckhardt (= Deutsche mystiker. 2.) herausg. von Ez. Pfeiffer. 
Lpzg. 1857. s. 597. Die ab weichungen des textes in dieser papierhs. 
sind so unerheblich und unwesentlich, dass es ihrer aufzähluug nicht 
bedarf. 

fol. 99^ Nv wellen wir sprechen von der aynvnge^ der sele 
mit got. — Ain haydnischer maister sprichet, daz die sele nihtez 
als sere einiget mit got als bekantnvezze. Ain ander maister sprichet, 
daz die sele nichtes als ser einig ^ mit got als miune. Der dritt 
maister sprich[t] , daz die sele nichtez als ser vereinige mit got als 
gebruechen. Nv tve ich ein vrag vmb dis drei sache. Ein yegelichiv 
sache ist selbe ir aigenschaft,^ mer von der edelkait irr aygenschaft^ 
vnd ir nachgelegenhait so derhebet daz bekantnvezze die minne, vnd 
minne erhebet die gebrvchvnge. So mirck: doch ein yeglich sache ir 
werck in ir personlikait nach reden : ^ bekantnvezze daz edelt die sele 
in got, minne die erjvnget die sele mit got, gebrvchvenge die vol- 
machet die sele in got. Die drei sache die ziehent den geist vzzer 
zeitlichait '' in die ewikait ; da stet der geist in seiner höchsten vol- 
komenhait ^ und in seiner maisten wellunge,^ (?) [fol. 100°'] ditz allez 
[fehlt ist] schoen vnd wol gesprochen von plozzer warhait. Eya, lie- 
ber frivnt,^** nv bericht mich dvrch got, daz ich vber redlich wer 
(1. werde) der warbait da dv von gesprochen hast! Nv daz mirck: ^^ 
Got der ist daz er ist; vnd daz er ist daz ist mein; vnd daz mein ist 
daz minne ich ; vnd daz ich minne daz miunet mich vnd zeveget (1. ziu- 
het) mich in sich; vnd daz mich in sich gezogen hat, daz piu ich mer 
den ich mein selbez sey. Hir vmb minnet got dvrch got, so wert ir 
got mit got, als saud Pavlus spricht. Hie von wil ich niht mer 
sprechen , dan ein wenich von einem tvgenleichen leben , daz ir daz 
wizzet wie man hier zve chomen sol. Nv wer zve got wil cheren , der 
sol haben einen inganck , der haizzet die gerehtikait , dar in sint besloz- 

1) Über a von ai ist e geschrieben. 2) Hs.: über ay ein e geschrieben. 

3) Über dem e des ei ein a geschrieben. 4) Über a ven ai ein e geschr. 

5) Über ay ein e geschr. 6) Es scheint ein verbum zu fehlen , etwa : tuo. 

7) Über ai ist e geschrieben. 8) Über ai ist e geschrieben, 

de 

9) Hs. : wellünge 10) Über i ist ein e geschrieben. 

11) Über i ist e geschriebeu. 



72 FEH. V. HARDENBERG 

zen alle tvgent; er sol ledich viid plozz sein vzwendich vnd inwendich. 
Nv mirch^ die vreyhait dez geistez: der sol also vrei sein, daz er im 
selbez nihtez niht en sey, wan allein daz got gelobet werde in allen 
seinen wercheu. Er sol avch aller vreist sein, daz er sich sencke mit 
allem dem daz er ist in daz grvendloz abgrvende, in dem wort daz 
vnser herre sprach. Eya, lieben chiuder, stet avf oder auch vnd 
vast (?) in dem tal der diemvetikeit daz (1. dar) ir evch in gesencket 
[bl. 100^] habt! Versmehen ivch die chinder diser werlt, so vallet 
mit in vf evch selber, vnd helft evch in versmehen, in dem wort daz 
vnser herre sprach : wer nach mir chomen welle , der verlavgen sein 
selbez, vnd heb avf sein chrueze, vne volg mir nach. In warer ploz- 
hait, in der si sich in der minne vnd dvrch die minne als gar verniht 
habent, wie moecht dan got daz gelazzen, er mvest sein genad in si 
giezzen; vnd er gevzzet sein genad in sey (1. sie), vnd gibt sich selber 
in der genaden. Also veredelt got die sele mit im selbe, als tvet daz 
golt mit dem edeln gestain.^ Daz geschieht in der ewikait, vnd niht 
in der zeit. Wan hie in der zeit so haben si sein niht vil mer den 
ainen vorsmack. Ditz daz hie geschriben ist, daz ist hir vmb gespro- 
chen, daz ir daz wizzet, daz nieman mach chomen zv seiner hoechsteu 
volchomenhait an bekennen noch an leben, er sey dan ain nachvolger 
vnsers herren ihesu christi, oder er sey den armen geleich in einer wil- 
liger armvet. Daz er den armen geleich sey, ditz haizzet der inslack. 
Vnd pittet fver den menschen, der in gesprochen vnd geschriben hat, vnd 
fver alle, die in gehört hant vnd noch beeren in gotez namen. Amen. 

Bl. 100 ^ Got hat von cheiner ^ chreatvren niht wan eines ^ daz 
ist daz tawe der genaden daz von im fleivezzet (1. fliuzet) an mittel 

in die sele Ein mensch fraget vnsern herren wie man sterben 

solt eygen willen in der genaten gotez 

Bl. 104^ Von drierler (1. drierleie) erchantn vsse. — Ez 
sint drierlfei erchantnvsse. Div erst ist mit dem gelavben, div ander 
ist mit der verstantnvsse , die dritte ist [in] der gesiht, div ist div 
vollebrahtest , da leit an (1. div) ganziv sselicheit an. usw. — Dieser 
absatz ist ein bruchstück aus der abhandlung des Franciscaners David 
von Augsburg „Von der erkentnis der warheit;" gedruckt in: 
Deutsche mystiker, herausg. von Fz. Pfeiffer. Bd. 1. Lpz. 1845. s. 364 
2 8 — 28. Der Schreiber der hs. ist ungenau verfahren, hat teils wör- 

1) Über i ist e geschrieben. 

2) Über dem a von ai ein e geschrieben. 

3) Über dem e von ei ein a geschrieben. 



ZWEI HSS. GEISTL. PROSA DES 14. JH. 73 

ter ausgelassen, teils Wörter und Wendungen durch andere sinverwante 
ersezt, und sicli überhaupt nicht streng an seine vorläge gehalten. 

Bl. 104^ Div sibend regel ist, daz man daz herze alle stvnde 
ze got wende, usw. — Ist widerum bruchstück, aus Davids von 
Augsburg abhandlung „die sieben vorregeln der tugend"; 
gedruckt in Pfeiffers ausgäbe s. 322, 36 — 323, 31 und s. 324, 9 — 
325, 24. Der text der hs. stimt am nächsten zu dem der Münchener 
papierhs. cgm. 210 (Pfeiffers G), ist aber nachlässig und fehlerhaft 
geschrieben. 

Bl. 106^ Seiich sint die toten, sprich[t] sand Pavls, die 
in dem herren ersterbent. — Nv mircket, daz sint volkomen 
laevt, die in solher weis veberstriten vnd getoetet habeut daz verne- 
raend lieht vnd die vernemmend niinne(nd), becheuent allermaist mit 
goetlicher bekantnvezze , vnd minnend mit goetlicher minne. Eya, nvo 
mircket! si toeten daz bekantnvzze da mit got zvoleit materie vnd 
forme. Wan hier mit bekennet der geist in sich selber. Hir vmb vin- 
det sich der geist pild habent aller dinge. Hir umb, sprechent die 
maiöter , ist chunst vnd weishait ein hindernvezze der einvaltigen erleuch- 
tvuge. Wan der geist ist niht ledick vnd ploz sein selbez; hir vmb 
mag er got niht bekennen. Wan ez spricht der maister Maximus, 
daz man in der diemvetikait chom zve dem weg, vnd mit einvaltikait 
durchget man den hymel. Avch sprichet Gregorius: der geist, der 
got bekennen schol, der mvez vor (l. von) Weisheit toreit werden, vnd 
avs wizzen vnwizzend. Avch sprichet Pavlus: [bl. 107"] Wen dvonck 
daz er weis sey, der wert toret, avf daz er weis sey in rehter war- 
heit.^ Wan schol die sele got bekennen, so mvez si ploz sein aller 
chvenst vnd aller minne nach irr art. Wan dis laevt vertretent allez 
daz man enphaecht in pilden vnd in forme, vnd stent avf einem niht 
ir selbez. Hir vmb si sint tot; wan in en ist zve geben noch zue 
nemen. Nv sprechent die maister: hie zve moecht man wol chomen, 
der ez mit vleiz svcht. Dis laevt entgeistent sich, wan si wuerckent 
sich vz dem gepilten wesen in ein ungebildez wesen, da bekennent si 
in einer stillen stilhait, in der goetlichen vinsternvezze. Also spricht 
sand Dyouisius. Avch spricht sand Avgvstinus: da allez daz 
geschwaich daz in mir sprach, do sprach got ein still wort in meiner 
sele; vnd wo daz wort wirt gesprochen zve der sele, do verget forme 
vnd alle pild ; wan imer (1. ie mer) die sele von rehtem vnderscheit 
vnderscheidloz wirt, ie mer si vnderscheit enpfsecht. Dar vmb spricht 

1) Si quis videtur inter vos sapieus esse in hoc saceulo, stultus fiat, ut sit 
sapiens. 1. Cor. 3 , 18. 



74 FRH. V. HARDENBERG 

sand Dyonisiiis, daz got wonet in einem niht, daz ist, in einer 
vnbekanthait vnd in einer vebervart aller creatvren. Als vil [fehlt sol?] 
der geist sein icht fver niht bekennen, vnd wonen in einem niht sein 
selbez , vnd in einer vnbekantheit aller creatvren. Nv mircket von vier- 
lait (1. vierleie) niht, daz niht ist, in dem der geist sein iht in niht 
bekennet. Wan daz war dem plozzen geist ein pein vnd ein hell, daz 
er icht bekant nach seiner art, wan er bekennet sich ein creatvre. Hir 
vmb verlavgent er sein selbez, vnd laet sich infueren in daz vnbekant 
gnot, daz got [bl. 107"] ist, vnd bechennet da mit goetlichiv bekant- 
nvezze , vnd minnet mit gotleicher minne in der stillen eynvnge güt- 
liches Wesens. Vnd daz ist die eynvnge , die vnser herre pat seinen 
jungner (1. jungern) , do er sprach : vater , ich pit , daz si ein sein , als 
wir ayn sein. — Daz ander niht ist ledich vnd ploz allez vnderwin- 
dens , wan ez nimpt sich nihtez niht an , vnd daz ist daz hoechst der 
minne. Hir vmb spricht sand Bernhart: daz aller hoechste der 
minne leit an dem tievfsten der diemvetikeit. — Das dritt niht ist got 
gerait ^ vnd vnderloz (1. äne underlä^) , vnd enwirt niht gehindert von 
cheinen werchen. Er ist bereit got nach ze volgen in vnbekanter weis, 
nach gotlicher art, in der stilhait, nach gotlicher vinsternvzze , do alle 
creatvren got sint , vnd leben habent, nach dem wort sand Johan- 
nes, daz gemachet ist in im daz leben. — Daz vierd niht stet an 
wegvenge vnd enpfindvnge nach geistez art vnd allez dez, daz da schei- 
net vnd sich offenbaret in daz innerist dez geistez. Daz ist ainvaltich 
ploz wesen der dreyer personen in der gothait, do di einen inslack 
habent in die einvaltikait ires natvrlichen wesens , do en ist vater noch 
sven, noch der heiliger geist in dem slag. 2c. Amen. 

Bl. 107^ Sanctvs Pavlus spricht: avz im, vnd durch in, 
vnd in im, dem sey ere.^ — Drew dinck sint ze mircken in disen 
Worten nach sand Pavli lere , ob wir ez versten chvennen. Wan er in 
der warheit verstentick waz aller goetlichen sache, so hat er vns vil 
weishait geoffent. Zve dem ersten ein ainikeit goetlicher natvre, vnd 
da mit ein dreyhait in derselben eynikeit, vnd daz die eynikait ist in 
der dreyhait vnd die dreyhait in der eynikeit, vnd daz [bl. 108'] dem 
sey ere , daz ist dem einen. Niht en habent die weisen so getan dinck 
dar vmb geschriben, daz man ir zve mal gesweygen sol, svnder daz 
man si fverbaz leren svele , vnd daz alle die , die da wellent , die mve- 
gen da von weiser vnd pezzer werden, allein avch an der rede von 

1) Über g ein p geschrieben. 

2) Quoniam ex ipso, et per ipsum, et in ipso sunt omnia: ipsi gloria in 
saecula. Amen. Kom. 11, 36. 



ZWEI HSS. GEISTL. PROSA DES 14. JH. 75 

genaden vnd von parmherczikait vnd von begriffenlichen dingen dick 
mer innig (1. innige) etlich laevt dan be henge (1. behende) rede, doch 
behend red von geistleichen Sachen der warheit bringet vil innikait vnd 
vernvenftikait den weisen laevten. Aber doch spricht sand Dyonisius: 
irdisch dinck vnd gesichtlichiv dinck sint zv ergrvenden mit arbaeit; 
aber vnsichtlichiv vnd vubegriftenleichiv dinck, wer mack die ergrven- 
den , als [ez] gotleich sach ist. Als er sprechen wolt : niemant ; den got 
geh si im dan in etlicher geniezzenhait in offenbarvnge zve begriffen, 
nach dem ez mveglich vnd redlich ist. Ein haydenischer maister 
spricht: Alle gvet werck sol man beginnen vnd avch enden in got, 
wan von seiner genade haben wir allez gvot. Vnd dvrch die genadvol 
Mariam, als si der engel grvest. Wan sand Bernhart spricht: Allein 
got vermack genad ze geben, an mittel, von im selber; doch hat er 
ez also geordent , daz alle genad vliezzen mvez dvrch Marien in vs 
(1. vns) zve vnser selikait. 

Dez nemen wir an vnser red von sancto Pavlo, von eynikait in 
der dreyhait, vnd daz mircken wir in dem, do er nennet daz ein wort 
„im" drivaltiklich mit drien levten, daz ez doch daz selb e3^nig wort 
ist. Wan dem ejmigen wort „im," dem [bl. 108 ""J nennent (1. nennet) 
er ein „avz," vnd ein „dvrch," vnd ein „in." Also nennet er ein 
eynikeit in der dreyheit, daz doch all eines ist, vnd daz selber ist, 
vnd daz allein von sich selben ist. Wan die eynikeit ^ gotlicher natvre 
ist daz selb in dreyheit, daz ist in eynikeit, si ist ein ir selbez 
in dreyheit, also daz ez drey - eynikeit ^ ist, niht geschaiden, noch 
vergemischet, mer ein ist vnd daz selb, also daz ez in dreyheit 
[fehlt ist?]. Hie von sprichet got dvrch Moyses, den propheten, zve 
den (I. dem) ysrahelischen volcke, daz ist, zve dem auschawenden 
volck: Ysrahel, dein got ist ein. Wan gotes wegvnge vnd sein 
wesen ist ein, vnd ein anders daz ein dan daz ander. Dar vmb ist 
er ein,^ vnd daz eiü ^ ist weslich in der dreyheit daz ez ist. Hie von 
sprichet der beis (1. wise) maister Boecivs: daz ist gotez wesvnge, 
daz allein au im selben bestet. Wesvnge vnd wesen taylet sich enzwey 
in den creatvren. Nach der taylvnge so ist wesvnge ein seind sein 
fver sich ; * aber wesen ist ein ystikeit des seniden (1. seinden) seinez 
der wesvnge. Also, daz da von haizzet wesen wesvnge, wan ez fver 
sich seind ist , ein daz selb daz ez ist. Vnd dez en ist in cheiner crea- 
ren (1. creatüren) niht. Da von ist cheiner creatvre wesvnge niht ir 

1) Über dem y ist ein a geschrieben. 

2) Über dem ey von eynikeit ist ein a geschrieben. 

3) Über e ist ein a geschrieben. 

4) Hs.: ein senid sein fvr sich senid sein liech. 



76 



FSH. V. HARDENBERG 



wesen. Allein ez ein sey in der zeit, ez ist doch getaylet, wan ir 
Wesen ist in irr wuerkvnge wesvnge, als ez ist wan ez ein fver (fehlt 
sich) seind ist , die weil ez ist. Got ist aber ein ^ vmbzirckelich seiud 
seinez wesens vnd aller wesen, wan er sein wesen mit drein personen 
vmbringelt hat mit einem einvaltigen wesen, daz si drey ein sint mit 
einander vnd vnder einander vnd in einander. Wan, als sand Dyo- 
nisius spricht, so vmblavffet vnd [bl. 109^^] vbersiehet gotez eynikeit^ 
all dinck in irr ystikeit, daz ist in der ruore, ein wesen in drein 
personen. 

Daz ander daz wir mircken, daz ist die dreyhait in der eynikeit;^ 
daz doch daz selb ist daz hie vor gesaget ist, mer ^ die wort cherent 
sich vmb nach andern rede. Vnd ditz versten wir in dem, do er 
sprichet drew wesen von dem eynen wort „im," da von hie vor geret 
ist, als von einen ^ daz gedreyet ist mit drein levten. Als ob man 
Sprech: ein drey ist also, daz daz ein wort were, ein drey. Und 
dar vmb sprechen wir nve von eine (1. eime) drey -ein, wan daz drey 
haizzet, in gotlicher natvre, daz ez ist werlichen in voller volkomen- 
heit in sich selber vnderschaydenlich seind ^ drey in eime. ^ Also , ob 
man Sprech, als hie vor, ein ^ drey, daz al ein art vnd ein natvre 
ist. Hie von nennet sand Pavlns daz ein ^ wort „im" ein^ „avz," 
vnd ein^ „dvrch," und ein ^ „in;" daz ist auz im, vnd dvrch in, 
vnd in im; daz doch allein daz selb ist, nach wesen vnd nach natvere, 
vnd doch ein yeglicher ein ander ist an seinre person. Wan yeglicher 
ist daz selb, daz der ander ist, vnd niht der selb, der der ander 
ist.^*^ Aber allez, daz man hie redet, daz ist niht anders dan gott 
vnd goetlichait, Wa von ist dan ditz vnderscheit gesazt^^ in der 
einikeit^^ gotlicher natvre? Ir sveltwizzen, sol eynigez dinges vnder- 
schait da sein, so mvz avch da sein daz ez da machet. Daz ein 
mensch von dem andern '^ geporen wirt, daz weiset ein vnderscheit''* 
seinez vnd einez ^* andern. Also tvot avch ein angesicht einez ^^ din- 
ges zvo dem andern; ez weiset ein '^ vnderscheit sein selbez von ein 
(1. eime) andern. Also mvz ez sein in den dingen, daz in ir vnder- 
scheit ^^ machen sol. Wir wizzen daz, daz drey personen sint in der 
gotheit; wan daz ist vuser [bl. 109''] gelavb. Zweyerlay angesich(t) 

1) Über e ist a geschrieben. 2) Über dem e von ey ist ein a geschrieben. 

3) Über ey ist ein a geschrieben. 4) daz hie vor gesach ist daz raer 

5) Über ei ist a geschrieben. 6) Hs. ; vnderschaydenlich ist seind 

7) Hs. aine 8) Über ei ist ein a geschrieben. 

9) Über e ist ein a geschrieben. 10) Hs.: niht d' selb d' selb d' and'. 

11) Hs.; gesatzte 12) Über dem e des ei ist ein a geschrieben. 

13) Hs.: andrn 14) Über dem e von ei ist ein a geschrieben. 

15) Über dem e von ei ist ein a geschrieben. 16) Ebenso. 



ZWEI HSS. SEISTL. PROSA DES 14. JH. 77 

nennet man svnderlich in den personen der gotheit; einez in der eyni- 
keit, daz ander in der dreyhait. Ez ist doch ein augesicht eiuvaltich; 
vnd daz selb angesicht uiuiet man zweyer hant weis; hie von nennet 
man zwey angesicht der personen. Wan wo mau nymet die vaterheit 
in einer angesicht zve der gotheit, so siecht er sieht (1. sich) an [fehlt 
iu?J einer eynikait, daz seb (1. selb) angesiecht. Also siecht sich au 
der svn vnd der heylig geist. Aber als die vaterheit in ein angesicht 
genommen wirt zv dem sven , vnd der sven zu dem vater , vnd si peyde 
ZV dem heyligen geist mit einre avzgiezvnge, so sagent si ir vuder- 
schait; aber doch vngeschaiden. Aber nimet man die dreyheit nach 
dem beginen, daz der vater ist ein anvanck der gothait, so ^ ist der 
vater ein avz-perer dez svnes; wau daz wort „avz" gibet man dem 
vater nach der gepervnge, vnd daz Avort „dvrch" den (1. dem) sven 
nach gepornheit, vnd daz wort „in" dem heyligen geist nach der inge- 
gozzenheit oder avzgegangenheit avz sich selben. Eygeulich '"' so gehoe- 
ret daz wort „avz" dem vater in der ewikait, wann er daz beginn ist 
nach aller ewikeit in goetlicher natvre. Vnd wan dan daz ewig werch 
ist ein sache aller creatvren, avz der si gefiozzen sint, so ist der vater 
ein anvanck aller creatvreu. Mer also nennet man avch den sven vnd 
den heyligen geist ein anvanck aller creatvren. Jedoch sind niht drew 
anbegia , svnder ein eynik ^ anbegin ; vnd dez ist der vater sache vnd 
vrspriuck, nach aller zeit vnd ewikeit. Vnd also als si drey sint ein 
auvanck, also sint si ein gewalt, vnd ein Weisheit, vnd ein gvete vnd 
ordenvenge aller ding. Vnd also als der vater svnderlich ein anvanck 
ist geuaut in der ewikeit aller ding, also ist er avch ein gewalt genant, 
vnd der sven [bl. 110 *j die weishait, vnd der heylig geist die gvete. 
Hie von, wau dem vater svnderlich der gewalt in der rede beret wirt, 
so ist er nach gewaltikeit ein schepfer gehaizzeu aller creatvren in 
einem beginen, daz er selb ist. Vnd nach dem, daz er ez allez 
schepfet, daz er wil, so mvezz er avch allravegend sein. Wan daz 
icht von niht schepfet, daz muez geschehen von einre almvegende vnd 
endlosen gewalt. Wan daz, da von ez schepfet, daz ist vuentlich vnd 
an anvanck, vs^au ez niht en ist. Vnd alle dinck von niht geschaffen 
werden niht also ze versten, daz niht icht schepfen mvege, wan also, 
als niht niht en ist, also vermack ez auch niht. Mer die allmvegend 
gewalt gotez die schepfet ein icht , daz vor niht en waz , do alle dinck 
von niht geschaffen wuerden. Wau cheiu dinck wirt gemachet von 
gotlichem wesen; wan ob daz also were, so wuerden alle dinck got, 
vnd daz ist vumveglich in der ding natvre. Hie von habent si iren 

1) Hs.: ein anvanck der gothait anvanck so 

2) Über ey ist a geschrieben. 3) Über ey ist a geschrieben. 



78 FBH. V. HARDENBERG 

avzflvezz von dem vater; gewaltiklich von goetlichen gewalt, vnd niht 
wesenlich von seinem wesen, daz daz getaylt werde. Ditz ist dan der 
avzflvez von dem worte „avz," daz man dem vater gibt. 

Nach der selben weis habent alle dinck ein „durch" in dem 
sven. Wan dvrch in sint alle dinck gemachet; als sand Johans spricht 
von dem ewigen wort dez vaters. Wan er ist daz pild aller ding, 
nach dem, daz niht so chlein ist vnder allen dingen, die got ye 
geschvef vnd ymer mer schepfeu sol, ez hab sein ewick pild in im. 
Wan also grozz ist iegleichez dingez volkomenheit in got, wie daz ez 
doch allein in got ein sey, ez en ist doch niht so chlein in seinnem 
avzflvzze, ez sey nach svnderlicher volkomenheit gepildet in dem ewi- 
gen pild aller ding. [bl. 110''] Wan sand Johannes sprichet:^ Avch 
allez , daz da gemachet ist dvrch in , daz waz ein leben in im. Wan 
chein creatvre en hat der andern volkomenheit in ir. Also grozz vnd 
vnmezzich ist die volkomenhait gotez in im selben , das er alle dingk 
svnderleich volkomen machet mit seiner volkomenheit. Wan allein der 
sven vnd der heylig geist in dem selben wesen, vnd in der selben 
Weisheit, 2 vnd mit der selben natvre, vnd mit dem selben gewalt, vnd 
in der selben gvete avz fliezzent von dem vater, als die warheit sait 
der reden. Doch heldet der vater allein ie daz er gepirt, vnd der 
sven daz er geporen wirt, vnd der heylig geist daz der avzflvezzet 
von in peyden.^ Also ist der vater -von sich selben, vnd der sven 
vnd der heylig geist sint niht von sich selben , vnd sint doch geleich 
mvegend, geleich wesend in volkomenheit ir selbers. Ditz wizzet 
die svnderleich volkomenheit gotez in im selber, vnd do mit vol- 
komenheit der ordenvnge pild aller ding. Do von wellent etleich chrie- 
chisch (1. criechisch) maister, daz der heylig geist allein chom von 
dem vater als der sven. Aber vnser maister sprechent, daz dez niht 
en sey; svnder si sprechent also: allez daz, daz der sven avz gibet 
mit dem vater, daz enpfecht er von dem vater; vnd also wuercket 
der vater mit dem sven dvrch den sven den heyligen geist mit einre 
avzgiezzunge ir peyder. Also hat der sven avch all volkomenhait in 
sich, niht von sich, mer von dem vater. Daz selb ist auch in dem 
heyligen geist von in peyden; daz ist gotes volkomenheit, von der alle 
dinck gesachet werden. Da von spricht der weis maister Boecivs: 
geprest got einiger volkomenheit, so en moecht er niht got sein, wan 
dan were avch chlein selikeit in im. Hie von ist der vater reicher 

1) Omnia per ipsum facta sunt, et sine ipso factum est nihil, quod factum 
est; in ipso vita erat. Job. 1, 3. 4. 

2) Hs.: vn in d* selbe Weisheit weisbait vü in de selbe wesen. 

3) Über ey ist ein a geschrieben. 



ZWEI HSS. GEISTL. PROSA DES 14. JH. 79 

[bl. 111*] dan der sven; niht daz er mer hab dan der sveu, waii allez 
daz, daz der vater ist an adel, an reicheit, daz gibt er avch allez 
dem sven; mer nach der svenderlicheit, daz er ez allez avz gibet in 
der ewikeit. Hie von spricliet avch got der vater in seiner ewikait:^ 
Ich han dich hivt geporn. Wan daz wort „hivet" daz ist gesprochen 
in einem ewigen uve. Daz ist avch der sache der rede ein in (1. ein 
sip?), daz niht mer sven raack sein in der ewikait dan einre. Ditz ist 
die avzpervnge oder avzplveunge gotez in der gotheit. Hie von nen- 
net sand Dyonisius den vater ein prvennleich gotheit, vnd den sven 
vnd den heyligen geist avzgeplvemiken (?). Ain maister spricht: dar 
an mircket man daz gvet, daz ez sich gemeinet. Hie von sprichet 
der propheta: sein name ist der herre. Daz ist: von seiner geweidigen 
gvet, die sich natvrleich in sich selber ergevezzet einen andern zv 
geperen nach der personen. Daz ist von dem wort „dvrch in," daz 
sand Pavels sprichet: avz im, durch in, vnd in im. Als ez avch 
sand Augustin bezivget vnd sprichet: er gepar ein wort, ^ dvrch daz 
er alle dinck macht. In dem selben wort werdent alle dinck enthal- 
den, vnd bestent in im in allen dem daz si sint. Wan als ein wort 
sprichet, so traeget er alle dinck in der chraft seines wortez. Also 
traeget er avch ir pild in der selben chraft, wan er ir chraft vnd ir 
pild ist. Ein maister spricht, daz alle diuck sint gemachet nach dem 
pild dez svenes, daz der sven selb ist der ein pild ist volkomen allez 
dez daz da ist. Wan sand Avgvstinus spricht: daz ist ein war pild, 
dem nihtez gepristett dez, nach dem ez gepildet ist; daz ist aygen- 
leich ^ [bl. 111''] der sven dez vaters in der ewikeit, wan er daz selb 
wesen volkomen ist ze mal. Also enmack avch chein creatvr chein 
dinck gepilden, dar vmb, daz daz wort in der ewikeit ein war pild 
sey seinez vaters. 

Daz sprichet Basylius, ein weiser maister: daz ist aygenleich * 
dez svenez, daz er sey ein pild vnd ein chlarheit vnd ein chraft dez 
vaters. Daz ist : wan er mit dem vater rinckleich wuercket aller diug 
enthalt in dem heyligen geist, in dem alle dinck bestent, als in dem 
vater vnd in dem sven ; als avch in einem willen , daz der heylig geist 

1) Dominus dixit ad me: filius meus es tu, ego liodie genui te. Ps. 2, 7. — 
Quoniam haue (reproraissionem) deus adimplevit filiis nostris, resuscitans Jesum, 
sicut et in psalmo secundo scriptum est: filius meus es tu , ego hodie genui tc. 
Act. 13, 33. — Qui enira dixit aliquando angelorura : filius meus es tu, ego liodie 
genui te? Hebr. 1,5,— Sic et Christus non semet ipsum clariflcavit, ut pontifex 
fieret, sed qui locutus est ad eum: filius meus es tu, ego hodie genui te. Hebr. 5, 5. 

2) Hs. : er gepar oder gab er ein wort 

3) Über ay ist ein e geschrieben. 4) Über ay ist ein e geschrieben. 



80 . FRH. VON HAjaDENBERQ 

ist ir peyder minne, die von in peyden avz get gemein allen creatvren, 
vnd doch niemant gegeben, svnder als ein minnen gab einer genaden. 
Wan daz eynik ^ dinck got behalglich (1. behaglich) sol sein, daz mvezz 
von im vnd in seiner genaden geschehen. Hie von, soP vns got im 
selber behalglich (1. behaglich) machen, so mvez er vns sein minne 
geben, die der heylig geist ist, die dritt person in der eynikeit, in der 
wir got behagen mvezzen. Wan als da von geschriben ist von der 
eynikeit^ in der dreyhait, also ist hie gesprochen von der dreyhait in 
der eynikait. 

Nv solden wir sprechen, wie dem eyue ere werde, nve wuerde ez 
ze lanck, daz der vater vnd der sven vnd der heylig geist ist ein ere 
vnd ein lob einer wvenne, der wir ewikleichen in frawden * geprav- 
chen ^ mvezzen. Amen. 

Bl, lll^ Da von spricht sand Avgvstin: Herre dv hast ez 
gesprochen, vnd ist avch war, daz ein iegelich vngeordent mvot sein 
selbes witze sey . . . . so sprichet sant Bernhart: Herre ich lob dich 
vnd mein gedanch minnet dich 

Bl. 112'*. Von dem vrdrvzigen. — Ez sprichet aber manich 
mensch: ich mach mich niht cheren an die herteu leer der tvgent . . . 

Bl. 113 ^ Hie beginnet sich daz sventagleich gepet, die gelosen 
vber daz pater n oster, den da gesprochen hat der mvent der war- 
heit, der da wol waz ein tach der svennen veber all lavter creatvre 

Ist eine homilienartige behaudlung des Vaterunsers , in 

mystischer symbolisierender weise, namentlich breit eingehend auf die 
trinität, inhaltlich unerquicklich, und auch sprachlich unausgibig, auch 
überdies sehr fehlerhaft geschrieben. 

Bl. 121^ Von der wandelvnge. — Nv beriht mich, da ein 
prvder pider weder (1. biderbe wider ?) dez rates werde , er wolt in ein 
ander leben varen, wie der tvn solt, daz er lavterleichen gotes er dar 
an rvegte , vnd niht seines willen 

Bl. 122 ^ Von drein erchantnvsse. — Seyt daz nv also ist, 
als vil dv gotes gelavbest , daz dv sein als vil erchennest 

Bl. 123\ Von der gerehticheit vier nvtze, vnd daz si 
mit vier tvgenden andern gevbet sol werden. — Daz wir die gereh- 

1) Über dem e ist eiu a geschriebeu. 2) Hs. : bie von so sol 

3) Über cy ist ein a geschrieben. 4) Über ra ist ein o geschrieben. 

5) Über v ist ein e geschrieben. 



ZWKl HSS. GEISTL. PROSA DES 14. JH. 81 

ticlieit an viis haben vnd si an den andern minnen , dar vnibe werdent 
vns gegeben vier grozziv uvtziv dinch an der sselicheit ^ 

Bl. 124'. Waz dv an dir selben erchennen solt. — Gan- 
zes Üeizes ze svchen ist not swer daz vnergervete gvot in seiner arm- 
cheit der tvgenden vinden wil 

Bl. 126^ Von der hvet dez mvndes. — Daz sint die manvnge 
da mit der mensch seinen mvnt behveten mach , ob er si reht berahten 
(1. betrahten) Avil. Daz erst ist, daz er gedeuche an den jungesten 
tach 

Bl. 127". Merch disiv svzziv wort.- vrhap der minue daz ist got. 
Als ein mensch niht im selben vindet da im wol mit sey vnd chaineu 
trost an im selber vindet, der svche da div volein ist 

2. 

Papierhandschrift aus dem anfange des fünfzehnten Jahrhunderts, 
180 blätter in quarto, ohne irgendw^elche einzeichnung, die auf einen 
früheren besitzer hindeutete, wahrscheinlich wohl in Mitteldeutsch- 
land, und nicht fern vom Mittelrheine , gegen den Niederrhein hin, 
geschrieben. Die nicht grade schöne , aber feste und deutliche schrift 
bleibt sich gleich durch die ganze handschrift ; nur die färbe der dinte 
ist nicht durchweg dieselbe , bald gut erhalten , bald etwas verblasst 
oder vergilbt. Auch die häufigen roten Überschriften rühren von der- 
selben band her. Am anfange und am Schlüsse, und auch mehrmals 
zwischen einzelneu stücken oder gruppen von stücken, sind blätter oder 
Seiten leer geblieben. 

Den hauptbestandteil der handschrift bilden aussprüche ethischen 
Inhalts , aus der bibel , und aus augeseheneu kirchlichen Schriftstellern, 
ja sogar aus Aristoteles und Seneca geschöpft, oder auch ohne angäbe 
der quelle aufgezeichnet. Die auszüge aus der bibel sind sehr zahl- 
reich, und bekunden, in wie ausgedehnter und fruchtbarer weise man 
damals die bibel zum zwecke der erbauung in deutscher spräche 
benuzte. Sie sind hauptsächlich entnommen aus den evangelien, den 
Paulinischen briefen, den psalmen, den propheten, aus den Sprüchen, 
dem prediger und der Weisheit Salomonis und aus Sirach. Ausserdem 
finden sich in der handschrift die für die elementare christliche Unter- 
weisung notwendigsten katechismusstücke: die zehn geböte, das apo- 
stolische glaubensbekeutnis, mit satzweiser gegenüberstellung der vor- 
bildlichen aussprüche des alten testamentes, nach der weise der dama- 
ligen exegese, und endlich eine predigtartige auslegung des vater- 

1) hs.; au der grozziv s'^ffilicheit 

ZEITSCHR. T?. DKUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 6 



82 FEH. VON HARDENBERG 

unsers, welche, nach angäbe der handschrift, von meister Eckart her- 
rühren soll. — Unter den ohne angäbe der quelle aufgenommenen 
bruchstückeu ist eins auszuzeichnen (bl. 22" — 26^), welches aus einer 
gefeierten schrift eines anderen berühmten mystikers des Dominicaner- 
ordens stamt, aus Heinrich Seuses büchlein von der ewigen Weisheit, 
von welchem Denifle, in seiner ausgäbe der deutschen Schriften Seuses 
s. XX sagt: „Dieses büchlein war am ende des 14. Jahrhunderts und 
im 15. Jahrhundert wol das gelesenste deutsche andachtsbuch. Von 
keinem deutsclien buche findet man verhältnismässig so viele hand- 

schriften wie von diesem In der tat ist es die schönste fruclit 

der deutschen mystik." 

Bl. 1 — 5 und 13". 16'' leer. 

Bl. 6— 19^ Gebete und christliche lebensregeln. 
6*" und 7" gebete. — 8* Wie du dich halten sollest in dinen wort- 
ten, vnd wan vnd wie du sollest sprechen. — 10* Dicta Salomonis. — 
10" "Wie man sich halden sal gegen dem eben menschen. — Von 
vunff stucken die der mensche vben sal daz er dogenthafftig werde. — 
11* Von driczig zeichen by den man prüffet follenkomen demut. — 
17" Diese dru ding sal ein ieglich mensche an ieme han. — Von fier 
stucken die der mensche an sine reden sal han. — Dryerley kunst 
sollen haben fromme lüde. — 17" So der mensche betrübet ist, so 
sal er vier ding duon. — 18* Diz sint zwolffte rette Christi, die er 
vns halt geoffenbart. 

Bl. 19^. Wie got gab die zehen gebot, als sie beschriben waren 
in der taflfeln. — Ist Übersetzung von Exodus, cap. 20. 

Bl. 21* — 22*. Christliehe lebensregeln. 
21* Diz sint diese stucke die da bewisent ein böse hercze. — (Ver- 
halten im Unglück). — Von fier krefften die daz wichwaßer hat. — 
21" Sprüche aus Augustinus. — 22* Von ses stucken, die der men- 
sche an yme sal han, der einis in dem jare vnsern hem wil inpha- 
hen. — Von sieben stucken, wer die an ym hat, der mag in dem 
mande eins zu vnsern herren gene. 

Bl. 22" [Heinrich Seuse]. — Wie iz zu der stonde stont 
vmb vnsern hern, da er an dem crucze hinge.^ 

1) Diese bruchstücke sind entnommen aus Susos buche von der ewigen weis- 
lipit. Vgl. Heinrich Susos leben und spbriften , von Melcb. Diepenbrock, Kegens- 
burg 182i), Büchlein v. d. ewigen Weisheit, cap. 18 .s. 328 fgg. und Die deutschen 
Schriften des seligen Heim ich Seuse, von Denifle. 1. hd. München 1880. Seuses 
exemplar. Zweites buch. iStes capitel. s. 420 fgg. 



ZWEI HSS. GEISTL. PROSA DES 14. JH. 83 

Ewe (1. ewege) wisheit! so man dime lideii ye me nach get, so 
iz ie grondeloser ist. Diner not vnd diner pin was als gar vil vnder 
dem crücze; do was ir nach me an dem crucze nach den vszern kref- 
ten, die zu der stont waren in dem bevinden des smerczen des bittern 
dodes. Ach, myn zarter herre, wie stont iz aber vmme den ynnern 
menschen, vmb die edel sele? Was die in keyme tröste oder susze- 
keit zu der ziit an der martel , vff daz din grymmes liden auch so vil 
deste senfter were gewesseu, oder wan nam iz ein ende"? 

Antwert die ewege wisheyt: Da höre ein not aber alle not 
die du noch ye gehorte hast. Wie daz myn sele nach jrn obersten 
kreften da were in eim schauwen vnd niessen der bloszen gotheit, also 
edelich als sie nu ist, siech, da waren dach die niedern krefte des 
ynnern vnd des vszern menschen als gar yn yme selber gelaszen vff 
daz jüngeste ponte grondeloser bitterkeit fbl. 23*') in ganczer (1. gan- 
zem) trostlosen liden, daz der martel nie glich wart. Ach bore! vnd 
da ich genczelich also gar hilfflos vnd gelaszen also stont, mit nieder 
triftenden wonden, mit weynnenden äugen, mit zurspanten armen, vnd 
mit zurdenten ädern aller myner glieder, in sterbender not, da hup 
ich uff mit einer jemerlicher stime , vnd riff elendeclich zu myme vater, 
vnd sprach: myn got, min got, wem hastu mich gelaszen! Vnd dach, 
so was myn wille myt sinen willen in eweger ordenuge vir eyneget. 
Sich , da myn blut vnd alle myn craft so gar vir rönnen vnd virgoszen 
was, da wart mich von sterbender not bitterlichen dorsten; aber mich 
dorste nach (1. noch) me nach aller menschen heile. Da wart myr in 
dem grymmegen dorste gallen vnd eszige myme dorstegen munde gebo- 
ten. Vnd da ich also menslich heile hette vollen brachte , da sprach 
ich : consomatum est ! Ich leiste folenkomenheit vnd gehorsamkeit 
myme vater biz in dot. Ich befalch mynnen geist in sine hende vnd 
sprach : In manus tua (1. tuas) , domine. Vnd da schiet myn sele von 
mynue gotlichem libe . die bede vngescheiden von der gotheit bieben. 
Dar nach wart ein scharpes spere dorch (bl. 23'') myn rechten siten 
gestochen. Da qwal her vz ein flosz des kospern blutes, vnd mit dem 
eine brennen des lebendegen waszers. Siech , kint myus ! mit soll eher 
jemerlichen not han ich dich vnd die vszerwelten herarnet, mit dem 
lebendegen opper myns vnschuldegen blutes von dem ewegen dode 
irlost. 

[Der diener.] Ach zarter mynneclicher herre vnd bruder. wie 
hastu mych so jemerlichen dure iraruet! wie hastu mich so mynnec- 
lichen gemynnet vnd so fruntlichen irloset! Owe, myn schone wisheit, 
wie sal ich diner mynne vnd dins groszen lidens gedancken? Siech, 
herre, hette ich Samsons stercke vnd Absolon schone, Salmons wisheit 

6* 



84 FRH. VON HARDENBERG 

vnd aller konige richtum vnd wirdekeit, daz wolte ich alles dir zu 
dime lobe vnd zu dime dinst virzeren! Herre, nu in bin ich nit; so 
in virmag ich nit, so in kau ich nit. Owe, herre, wie sol ich dir 
gedancken ? 

Antworte die ewege wisheit: Hetestu aller engel zungen 
vnd aller menschen gude wercke vnd aller creaturen virmogen , du in 
üQOchtest mir nit des mynsten lidens gedancken, daz ich dorch dich 
von mjnnen ie geleit 

Der diener: Zarter herre, so gip vnd lere mich daz ich dir von 
dinen (bl. 24*) genaden mynneclichen werde, sieder dine mynnezeichen 
nieman kan vz gelegen. 

Do antworte die ewege wisheyt: Du salt myn drosteloses 
crutze dicke vor diu äugen stellen, vnd salt dir myn bitter martel zv 
herczeu laszen gen , vnd alles diu liden dar nach bilden. Wan ich dich 
lan in drostlosin liden, in herczeleit irdarben vnd irdoren ane alle 
suszekeit, als mich myn hiemelscher vater lies, so saltu kein gesuch 
fremdes gutes (1. tröstes) haben. Din eilendes ruffen sal vif sehen gein 
dem hiemelschen vater mit eime virziehen din selbes in wollost noch 
sime vaterlichen willen. Siech , so dan din liden vz wendig ye bitte- 
rer ist, vnd in wendig ie gelaszener ist, so du myr je glicher bist, 
vnd dem hiemelschen vater ye mynneclicher bist; wan hie ynne wer- 
dent die fromesten ufl' daz aller neste virsucht. Wan auch din begirde 
hat auch ein dorsteges heischen in genugede vnd in lost zu suchen, 
daz dir gar lustelich ist in dinre natturen, daz saltu dich von mynnen 
laszen , so wirt mit myr din dorsteger muont mit bitterkeit gedrencket. 
Dich sal nach aller (bl. 24'') menschen heile dorsten. Du salt dinen 
guten werg vff ein folkommen leben richten vnd bis an daz ende fol- 
lenbrengen. Du salt haben einen vnderd engen willen jn sneller gehor- 
samkeit diner meisterschafft ^ in des hiemelschen vaters hende, vnd eynen 
hienscheidenden geist von ziit in ewekeit nach einer bildunge dins 
jüngsten hinzages. Siech , so ist din crucze nach myme eilenden crucze 
gebildet, vnd wirt jn yme endelichen vollen bracht. Du salt dich in 
myne offgesloszen siten, jn myn virwontes hercze mynneclich vir- 
sliszen, vnd da ynne ein wonnunge vnd ein bliben suchen, so wil ich 
dich mit dem lebendegen waszer reyuegeu vnd mit myme rosen var- 
ben blute rosen varbelich zieren; ich wil mich zu dir virbinden, vnd 
dich mit myr eweclichen vireingen. 

Der diener. Herre, iz in wart nie kein ademas so krefteg daz 
herte isen zu yme zuhet (1. ziehent), als din vorgebiltes mynnecliches 

1) Hier fehlt nacli Denifles ausgäbe : ein ufergeben sei nach aller eigenschaft. 



ZWEI HSS. GEISTI.. PROSA DES 14. JH. 85 

bilde alle herczen zu yme vireiuget. Ach, mynneclicher herre, nii 
zuhe mich durch liep vnd dorch leyt vor allein (bl. 25 ") dieser werlet 
zu dir an din crucze ; voUebrenge yii myr dins cruczes glicbeit , daz 
inyn sele dich werde nieszeu in diner hosten klarheit. Amen. 

Bl. 25*. Mercke wie du got diu crucze nach sollest dra- 
geu vnd waz daz crucz sy.^ 

[Der dienerj: Zarter herre, nu lere mich, wie ich mit dir 
irsterben sulle vnd weliches min eigen crucz sy; wan werlich, niyu 
herre, ich sal mir nit nie leben, sit daz du myr dot bist. 

üie ewege wisheit: Wan du dich fliszest daz allere beste zu 
donde, des du dich virstest, vnd du dan da von den luden spotlich 
wort vnd schemeliche geberde inphehest, vnd sie- dich dan als gar 
virnichtent in im herczen , daz sie dich dar vor hant , daz du dich 
wieder könnest noch mögest oder getorst rechen, vnd du dan nit 
alleyne vestecliche vnd vnbewegelichen her in stest, nie daz du auch 
dinen hiemelschen vater vor sie bitest libeclichen, vnd sie mynneclichen 
gein em inschuldegest : siech , also dicke du von mynnen alsus dir sel- 
ber irsterbest, also dicke irgonet (1. ergrüenet) vnd bluet sich myn dot 
an dir. — Wan du dich heldest luter vnd vnschuldig, vnd din guten 
wercke also virdrucket (bl. 25'') werdent, daz man dich mit wol gefal- 
len dins herczen zellet zu den schuldegen, vnd du dan gein den, die 
dich pinegent, vnd auch die diner sune begerent, also behende bist 
von gronde dins herczen zu virgebeu als daz vngemach, daz dir von 
yn ye geschach , als obe iz dir nie were gescheen , vnd yn dar zu 
heholffen vnd dinsthafftig bist mit Worten vnd mit wercken durch die 
glicbeit mins vii'gebens myner cruczegen: so stestu werlich by dem 
Übe gecruczeget. — Wan du dich dan aller menschen liebes, nuczes 
vnd drostes virzihest, dan also vil, als din bar nottorft ist, so virwi- 
set din libelose alle die mich zu der stoude lieszen. — Wan auch du 
aller diner f runde also ledig steest dorch mich, recht als obe sie dich 
nit an horten, in allen dingen da ein mittel mag fallen, so habe ich 
einen lieben jungern vnd bruder vnder dem crucze sten, der myr myn 
liden hilffet dragen. — Die ledege fryheit dins herczen kleidet vnd 
zieret myn bloszheit. — Wan du dan in aller wiederwortekeit , die 
dich von dime nesten an gent, von mynne dorch mich sieglos werdest, 
vnd du aller (bl. 26") menschen ungestüme zorn, wo er her vehet, 
wie swinde er komet, du habest recht oder vnd recht (1. oder unrecht), 
als senfteclich inphahest als ein swigendes lemleyn, als (1. also), daz 

1) ed. Diepenbrock, cap. 15 s. 314 fg.; ed. Deaifle, c. 15 s. 402 fgg. 

2) Hs. ; vnd sie sie 



86 FRH. VON HÄRDENBEEG 

du mit dime suszmüdigen lierczeu vüd mit dineii senftmiidegen Worten 
vnd mit eime gutlichen anczlicze (I. antlitze) der andern übel über 
windest: siech, so wirt daz gewar bilde myues dodes in dir gewircket. 
Eya, da ich dese glicheit finden, was han ich in dem menschen lustes 
vnd wol gefallens in myr selber vnd myme vater von hiemelrich. — 
Drage myuen giymen dot in dime gebette vnd in herczeguouge (1. erzei- 
gunge) der wercke, so fol furestu daz leit vnd die truwe myner rey- 
nen muoter vnd myns üben jungern. 

Der diene r: Ach, mynneclicher herre, myn sele begert, daz 
du usz wirckest daz bilde des (1. dines) elenden dodes an mynem libe 
vnd au myner seien, ez sy myr liep oder leit, nach dime hosten lobe 
vnd nach dime aller liebsten willen. Ich beger auch sonderlich, daz 
du myr noch me ein wenig uffenbarest von dem groszen herczeleide 
diner truregen muter, vnd myr sagest, wie sie sich zu der stonde 
(bl. 26") vnder dem crucze bilde. 

Bl. 27. 28 leer. 

61.29^—59" Sprüche von Augustin, Bernhart, Gregor, Hierony- 
mus, Ambrosius, Kabanus. Isidor, Sixtus, Caesarius, Hugo von S. Vic- 
tor, Origenes (hs.: Orgeinis), Chrysostoraus , Hilarius, Beda, Euse- 
bius, Anshelm, Leo. 

Bl. 59'' — 64" christliche lebensregeln. 
59" Wie nyemant darbeit schelten solle schribet Salomon. — 61" Waz 
an etwan manchen dingen beste sy. - 61" "Wie sich der mensche 
sal üben an dryn stucken mit swigen. — 62" Wie der mensche sin 
leben in dru sal deilen. — 62" Wie der mensche mit fimff dingen 
alle syn arbeit überwindet. — 64" Yon ftinfi" dogenden. 

Bl. 64". 65 leer. 

Bl. 66" — 74". Der grosse bischoff Albrecht sprichet diese spreche. 

Bl. 74"— 78" leer. 

Bl. 78". Wo von ein man sin ere halt, 

schämet er sich des, daz ist myssetat. 

(= Vrid. 53 , 9.) 
Allen doren were nit swere 
daz alle dage fastnacht were. 

Bl. 79" — 87". Diz cappetel ist genomen vs dene epesteln die 
Petrus Damianus schreip zu einer vermanunge. — Dahinter folgen 
Sprüche aus der bibel, aus Bernhart, Hugo von S. Victor, Augustin, 
Hieronymus, Gregor, Aristoteles, Seneca. 



ZWEI HSS. GEISTL. PROSA DES 14. JH. 87 

Bl. 87*'— 89" leer. 

131.89" — 90 ^ Disz sint die namen der bücher der bybel. — 
Verzeichnis der biblischen bücliöi'. — Bei den Paulinischen brieten ste- 
hen folgende glosseu: Ad Romanos, daz sint die Körner; ad Coriuthios, 
daz sint die Rußen; ad Galathas, daz sint die Kyech'; ad Philipen- 
ses, daz ist daz königlich zu Napels; ad Thesalonicenses, daz ist den 
von Rodes. 

Bl. 91' — 92^ Die einzelnen sätze des apostolischen glaubens- 
bekentnisses , mit gegenüberstellung der vorbildlichen alttestamentlichen 

stellen : 

Petrus. Jheremias. 

Credo in deum pairem omnipo- Patrem invocabis, qui posuit ter- 
tentem creatorem celi et terre. ram et condidit celos in fortitudine 

et prudencia sua.^ 

Andreas. Dauid. (Ps. 2, 7.) 

Et in Jhesum Cristum filiimi ejus Dominus dixit ad me : filius meus 
unicum dominum nostrum. es tu, ego hodie geuui te. 

Johannes. Ysaias (7, 14). 

Qui conceptus est de spiritu Ecce virgo concipiet et paiiet 
sancto, natus ex Maria virgine. tilium. 

Jacobus maior. Zacharias (12, 10). 

Passus sub Pontio Pilato, cruci- Aspicient ad me in quem cruci- 
fixus, mortuus et sepultus. flxerunt.^ 

Thomas. Osee (13, 14). 

Descendit ad inferuna; tercia die mors, ero mors tua, morsus 
resurrexit a mortuis. tuus ero, inferne. 

Jacobus minor. Arnos (9, 6). 

Ascendit ad celos, sedit ad dex- Qui edificat ascensionem suam 
teram dei patris omnipotentis. in celo. 

Philippus. Sophonias (Zephanja 3, 8). 

Inde venturus est iudicare viuos Exspecta me, dicit dominus, in 
et mortuos. futurum,^ qiiia iudicium meum ut 

congregem gentes et colligem regna. 

1) Jerem. 32, 17 steht nur: Heu, heu, heu, domine deus; ecce tu fecisti 
caelum et terram in fortitudine tua magna. — Die worte: patrem invocabis finden 
sich so nicht im Jeremias , sondern nur 3 , 19 ; et dixi , patrem vocabis me. 

2) Vulgata , Zach. 12, 10: et aspicient ad me, quem conflxerunt. 

3) Vulg. : Quapropter exspecta rae , dicit dominus in die resurrectiouis meae 
in futurum .... 



öö FRH. VON HARDENBERG 

Bartholomeus. Johel (2, 28). 

Credo in spiritum saiictum. Eifundam de spiritu meo ' super 

omiiem cariiem. 

Matheus. Micheas (?y 

Sanctam ecclesiam catholicam, Invocabunt omnes deiim et ser- 
sanctorum communiouem. viant ei. 

Symon. Malachias (7, 19). 

Eemissionem peccatorum. Deponat dominus omnes iniqui- 

tates vestras.^ 

Judas. Ezecliiel (37, 12). 

Carnis resurrexionem. Educam uos de sepulcro popule 

meus. * 
Mathias. Daniel (12, 2.) 

Vitam eternam. Evigilabunt alii ad celum et alii 

ad approbrium.^ 

Bl. 93''— 155^. Auszüge aus der bibel. 
93" vz dem buche, daz da heiszet Maseloch, oder Proverbiorum. , daz 
ist in dutsche der byspile. — 95* die Spruche des bucbes Salmones, 
daz da heiszet Ecclesiastes [der prediger Salomonis] , sprichet in dutsche 
daz cristlich buche. — 96'' spreche in dem buche der wysheit [Weis- 
heit Salomons). — 97^" Sprüche in dem buche Ecclesiasticas [Sirach], 
ist: der wysheyt. — 109* Die rede, die da Stent yn iabes buche, 
die Jop geret hat. — 117* Diz ist von thobie, wie der Engel mjt 
eme Redete. — 118" Ysaias. 121'^ Jhermias. 122" Baruch. 122*" 
Ezechiel. 123" Danigel. 123'' Oseham. Micheas. 124" Abecuc. — 
124*' Der provete ym seiter [Psalmen]. — 131" Salmon. — 132" Pau- 
lus apostel. — 139" Johannes Ewangeliste. — 140" Jacobus. — 
141" Petrus. — 141'' nachtrage aus den Psalmen und den Prophe- 
ten. — 142" Diese Spruche sint vz dem ewangeüo. 

Bl. 155 ** — 163". Sprüche aus: Gregor, Bernhart, Augustin, 
Basilius, Seneca, Hieronymus, Chrysostomus , Athanasius, meister 

1) Vulg. : Et erit post haec : effundam spiritum meum .... 

2) Diese stelle der Vulgata auf/Aifindeii hat nicht gelingen wollen. Clichto- 
veus, in seinem Elucidatorinm Ecclesiasticum. Basel 1519. fol. gibt auf bl. 121" 
als alttestamentliche parallolstelle Ps. 85, 9: Omnes gentes, quascunque fpcisti, 
venient et adorabuut coram te. domine, et glorificabunt nomen tuum. 

3) Vulg. : deponet iniquitates nostras. 

4) Vulg.: et educam vos de sepulcris vestris populus mens. 

5) Vulg.: Et multi de his, qui dormiunt in terrae pulvere, evigilabunt; alii 
in vitam aetemam, et alii in opprobrium, ut videant semper. 



ZWEI HSS. GEISTL. PROSA DES 14. JH. 89 

Eckart, Heymo, Anshelmus, Origenes, der Schote in sinem auderii 
buche seiitenciaruin IDims Scotus] ; imtermeugt mit Sprüchen aus der 
bibel. 

Bl. 163"— 164'. War vmb regnert diß groß vbel off ertterich? 

Bl. 164^ leö*" lind bl. 175"— 180" leer. 

61.166" — 175*. Diz ist daz pater noster myt der glosen Mei- 
ster Eckart. 

Vader unser. Wer ist der vader, vnd wer sin wir? wer der 
vater ist , daz merckent an diesen Worten : war vmb heiszet man en 
nit als wol muter als vater? Daz merckent: er ist ein gut angenge 
von ym selber, vnd ist alle vollekomraenheit vnd alle selde, vnd daz 
ist daz erste hoste gut, vnd von dem ist alles gut komen, vnd daz 
nennet man hiemelsche vater dorch die vngebornheit , wan iz sich von 
enkeynem andern inphehet. Auch vmb ein ander sache, wan er ein 
berhaft gut ist , daz sich alle ziit vz guszet vff etwaz der guten nattu- 
reu, daz ist, daz iz sich nit mag alleyn inthalten vff ym selber. Ez 
muz etwaz han, dem iz sin gotliche uatture mochte gemeynen wan als 
aber yn. In der ewekeyt nach em keyn ander gut waz, daz von em 
selber were , wau er alleyue ; dar vmb , so müste daz sin , solte iz sich 
gemeynen, daz esz gebere ein gut, in dem isz sin gotliche natture vnd 
allez daz, daz zu der ewegen sellekeit boret, vollenkomen- (bl. 166") 
liehen mochte gemeynen. Vnd daz ist daz ander hoste gut, daz mit 
dem ersten gut eweklichen ist gewessen, vnd daz nennet man den 
son von dem vater yn geburte weisse , vnd doch nit als man vindet in 
etlicher geburte , die da ist stondig vnd zurgenglich , wan diese geburte 
ist gewessen mit begynne ane beginne , vnd ist alles vollekomen vnd 
sal sin ane ende , daz der sone niemet von dem vater allez , daz er ist 
vnd daz er hat , vnd nit von yme selber ; vnd yn der selben wise nym- 
met der heiige geist allez, daz er ist vnd daz er hat, daz er virmag, 
von dem vater vnd von dem son yn einer vsz flieszender wisse, als 
von zwein edeln borneu aller suszekeit, vnd doch daz dirre vz flosz 
etwan were vnd nu nit sy, oder nu sy vnd etwan nit were, wan der 
uzflosz ist gewessen mit beginne an beginne vnd sal sin an ende, daz 
der heiige geist nymmet von dem vater vnde von dem son allez, daz 
er ist vnd virmag vnd hat, vnd nit von ym (bl. 167") selber. Vnd diz 
ist sines vaters vnd des sons von nature in geburte wisse, vnd des 
heiigen geistes mit dem son yn einer vz flieszender wisse. 

Vater vnser. wer sin wir? Er ist vater der engel vnd der 
heiigen ym hiemel vnd guter lüde vff ertrich, die da sullen komen zu 
dem hiemelrich, der vater ist er von gnaden. Er ist auch vater der 



90 FBH. VON HAEDBNBEEG 

duffel vnd der simder, der judeu vnd der beiden, kezer vnd falscher 
cristen lute. Er ist auch aller lebendegen creatureu vater , als vogelu, 
vischeu, wilder dire vnd vehe. ez sin riiider, veher, müken, spynnen 
vnd aller creatturen, die da lebenden siut, den giet er allen ir not- 
torfft iegelichem als em nottorftig ist. Die engel vnd die heiligen spi- 
set er mit siner gütlichen angesiecht, vud gute lüde spiset er mit siner 
genade vff ertrich an der sele mit ym selber aller ir notdorft, vnd 
die creatturen , die ir leben hant , die spiset er mit zurgenglichen din- 
gen, er ist auch ein vater aller doden creatturen als des hiemels vnd 
der (bl. 167'') erden, vnd diz ist der getruwe vater vnser, der vns nit 
allein hait geschaifeu in der ziit, als wir nu sin an vns selber, me er 
hat vns eweklichen gehaben an yme in siner vorsichtekeit , als er 
wolte, daz wir worden geschaflfen. Vnd wir han alle ding an got, 
liecht vnd leben, vnd iz ist die mynste creatture yn dem morgenlicht 
lutter, clarer vnd schöner dan der hoste engel yn dem abentliechte. 
diz morgenliecht heiszet gotliche ewekeyt. in der hant alle ding ir 
natturliche leben vnd einveltekliche vnd siut nit vnscheiden ^ ane got, 
diz abentliecht heiszet die ziit, in der sie geschaffen sint vnd hant 
anfang an yn selber. In der selben zit sint sie so vere gesondert von 
einander, also daz ir keyne die ander ist. also han wir einen gemey- 
nen vater mit dem sone vnd mit dem heiigen geiste, der ein vater ist 
alle creatturen als sanctus Petrus sprichet yn dem glauben.^ Da sprach 
er : ich gleube yn got den almechtegeu vater , der ein schepper ist 
hiemels vnd erden vnd aller (bl. 168*) creatturen. 

Der du bist yn dem hiemelu. diz wort hillet als von dem 
hiemel, da von yme warent die hierael eyu da vnser vater ynne ist. 
daz merket: er ist yn dem sone vnd yn dem heiigen geiste mit nat- 
turlichem wessen , vnd yn engein vnd yn heiigen vnd yn luten mit 
sinem gendelichen wessen, vnd ist aller meynst yn bekanttenisse güt- 
licher nattur in dryn personen vnderscheiden, vnd an mynne, vnd an 
bruchenuge, vnd an danckenemekeit , vnd an lobe, an freude, und an 
eynunge der willen, vnd an gütlichen sietten vnd wirdekeit. Disz sint 
die nun ewege werke, die man wirket yn dem hiemel, vnd die müszen 
alle die anfahen, die zu hiemel wollen komen. wer dar zu nit komet 
vff erden , der muz sich des abe dun , daz er numer dar an vollen- 
komen werde in dem hiemel; wan als vere als sie der mensche hie 
lernet vff erden das ^ ein anders, als vil wirt er beszer meister dan 
ein ander mensche. Er ist auch yn allen steten vnd in allen creattu- 

1) 1. undersclieiden. 2) Im symbolum apostolicum , dessen erster satz 

dem Petrus zugeschrieben wurde. Vgl. oben s. 87. 
3) 1. üf erden baz dan ein anderz. 



ZWEI HSS. GBISTL. PROSA JJES 14. JH. 91 

reu vnd in allen dingen mogentlich; dar au iutheltet er alle diug; 
wan inthilt er sie nit, sie worden wieder zu (bl. 168") nit, als da sie 
nit waren. — Er ist zum ander male gegenworteg mit siner wisheit, 
in der alle ding offen sint , da mit richtet er alle ding vnd giebet iege- 
lich gäbe nach siner wirdekeit. — Zu dem dritten male ist er in allen 
dingen wesentlich an sime vetterlicheu wessen, got ist abe allen din- 
gen, nit also daz en elwaz vff inthalte, me er iutheltet alle ding. Er 
ist auch vnder allen dingen , nit virdruket also , daz er keyne swere 
von yn habe , wan er dret sie aue arbeit. Er ist vszwendig allen din- 
gen , vnd ist doch nit vsz gesloszen. Er ist in allen dingen , vnd ist 
doch nit yn gesloszen, noch vou en gedrenget. Got ist eyme iegelicheu 
dinge neher dan iz yni selber sy, als sanctes Augustinus sprichet, 
vnd als Donisus in sime gebet sprichet: herre du bist hoher dan der 
hiemel vnd dieffer dan die helle vnd lenger dan daz ertricli vnd brey- 
der dan daz niere Vnd daz ist: du bist in den hiemelu. 

Geheilget wert diu name. waz biettenwir, so wir sprechen: 
(bl. 169*) geheilget wert din name? daz merkent: als sanctus Augu- 
stinus sprichet: wir sin als vil sin wir (1. wir sin) von gotte. er 
heiszet Christus, wir heiszen cristen: dar vmme „werde geheilget din 
name" daz saget vns vnd sprichet: laz vns dich erkennen in vns vnd 
yn allen dingen, daz mag man yn vil wisse merken, er ist vnser 
wessen, leben vnd krafft, als er selber sprichet: ane mich mogent ir 
nichtes nit gutz gethun , vnd ane mich sint ir nit. Vnd daz irkantte 
die sele wol , da sie sprach : Er ist myr gemeynet vnd ich ym. Er 
ist myr alle ding yn allen dingen daz ist: ich irkenne syn eynfaltekeyt 
vnd sin dryheit in der einkeit der natture, vnd die eynekeit vnd die 
dryheit yn der mauigfeltekeit der creatturen, vnd die manigfaltekeit 
yn eynfaltekeit gotlicher natture vnd yn der dryheit der personen, daz 
ist : ich erkenne alle dinge , daz sie sint gewessen yn der personen des 
vaters, vnd daz er sich hat gehaben yn yme selber von yme selber. 
Ich erkenne, daz der soue alle ding halt von dem vater vnd nit von 
ym selber, me von dem vater. Ich erkenne, daz alle ding gewessen 
sint in dem heiigen geist, vnd nit von ym selber, me von dem vater 
(bl. 169'') vnd vou dem sone; vnd als hohe bekentenisse zu nymmet, 
als vi] weschet mynne vnd gebruchenüge vnd dangberkeit vnd lop vnd 
mit freiden vnd i'ynunge vnd gotlichen sieten vnd wirdekeit, vnd diz 
ist: geheilget werde din name. 

Zu kome vns din Riebe, wie ist daz virstende zu kome vns 
din Eiche? wan gotes riebe ist also grosz, wie mochte iz in vns komeu? 
dar vmb bieten wir, daz wir zu ym komen. wan ist daz riebe allez 
daz, daz da vorgeschriben ist von bekennen vnd von mynne vnd 



92 FBH. VON HARDENBERG 

gebrucheuurige. vud daz aber in diesen dingen daz riche sy, daz 
bewert vns Christus in dem wort, daz er sprichet: daz ist daz ewege 
leben, daz man dich bekennet alleyu einen waren got, *vnd den du 
hast gesant, Jhesum Christum, vnd in dem wort virstet man, daz 
der, der got nit erkennet, daz der hait den ewegen dot vor yme. So 
dir mensche her zu komet, daz er got wirt irkennen , so mag er myn- 
nen, wan vnd mynne ist vnkünde (?) vnd daz ist: zu komme vns 
din riche, 

Din wille werde in der erde als yu dem hiemel. waz 
ist gotes wille in dem hiemel? vnd wie sal sin wille sin in der erde 
als in dem (bl. 170^) hiemel? Gottes wille ist, daz ein engel vnd ein 
heiige über den andern ist im hiemel an eren vnd an wirdekeit vnd 
an sellekeit vnd an sonderlichen genaden. waz got wil, daz wollent 
alle engel vnd heiigen , vnd also sullen wir dun , ist daz wir wollen 
komen zu hiemel. waz ist gottes wille vff erden? daz ist sin wille, 
daz es regen vnd daz (1. daz sol) auch vnser wille sin, sin wiUe ist, 
daz die sonne schyne, so er wil daz iz warme sy. so er wil, daz wir 
armen sin des gutes vnd virsmehet sin von den luden vnd pine vnd 
vnglucke haben an dem libe, ez sy von sichelt oder von anderm wie- 
dermut, ez sy von slahen, von schelten, von hauwen, von fintschafft 
der luteu, sie sin gut oder bosse, werntlich oder geistlich, so sul- 
len wir alle ziit sagen: din wille werde in der erde als in dem 
hiemel. In der selben wise sollen wir iz auch nemen von vnsern 
frunden vnd mögen, sie sint werntliche oder geistlich, riche oder 
arme, oder virsmehet, oder sie haben ere von den luten oder pine 
an dem libe, oder sie haben fründe oder finde; diz sollen wir alles 
nemen von den luten oder von (bl. ITO'') got, wan sie mögen vns 
nit gethun an gottes virhengnisse. yn der selben wyse sollen wir 
iz auch nemen von allen creaturen, vnd des han wir ein gliche- 
nisse an Jop, dem got liez groz arbeit vnd liden zu fallen an 
vngemach, an gute, an libe, 'vnd an fründen, daz yme bosse lüde 
namen alles sin gut, vnd daz vngewitter nam ym zehen schon kint, 
sieben sone vnd drye dochter, vnd die worme aszen sinen lip, vnd sin 
husfrauwe vnd sin fründe , die en solten han gedrost , die schulten en 
vnd sprachen em schemlichen zu, er mochte wol eyu heymlicher sün- 
der sin gewessen, dar vmb en got als vil vngemaches liez an fallen 
vor ander lute, vnd sin eigen frauwe hiez en, daz er got fluchte vnd 
schulde, vnd yn allen sime liden da sprach er: vnser herre hat iz 
gegeben vnd hat iz auch genomen. Er sprach nit, daz ym lüte oder 
daffel, wetter oder füre, oder sin selbes sünde, oder ander lute betten 
genomen, als manig lute dont, die vngedultig sint. er nam ez einfal- 



ZWEI HS. GEISTL. PROSA DES 14. JH. 93 

tekliclien von got yn den creatturen, als hette vns got genomen oder 
gegeben ane creatturen, als obe er spreche: selbe (bl. 171") tet selbe 
habe. Also sult vnser wille mit got vireiuget sin; wir sagen wol mit 
dem monde : din wille werde , aber wir sagen iz wieder mit dem 
hertzen; so got wil, daz wir arme sin, oder virsmehet, oder vngeraach 
haben an dem übe , oder daz vns die lute übel dun , so wollen wir iz 
uit. war vmb ist aber daz? daz ist dar vmb, daz vnser herce vnd 
vnser wille nit eyne ist mit gottes willen, als der engel vnd der heii- 
gen wille ist. were vuser wille eyne mit gottes willen yu allen dingen 
vnd yn allen Sachen zu got, waz wir dan deten oder lieszen oder Me- 
ten , an vns selber oder an andern luten , mit wortten oder mit wer- 
ken oder mit gedencken, so mochten wir sicherliehen sprechen: din 
wille vrerde in der erde als yn dem hiemel. 

Vnser degeliches brot giep vns hude. was brotes heiszet 
man, so man sprichet: vnser degeliches brot gip vns hude? es ist 
dryerhande brot: eins zu dem libe, vnd zwei zu der seile, daz erste, 
daz den lip äuget , daz ist lipliche spisse an eszen , oder an drincken, 
oder an kleidern, vnd wasz zu des libes nottorft höret, daz ander, 
daz zu der sele höret, daz ist vnsers herrn licham vnd geist- 
licher drost, des man (bl. 171'') bedarff vif erden, als andacht des 
hertzen, vnd daz der mensche gedenke nach sinen sünden vnd dar 
vme leit habe, vnd daz man gedenke nach dem hymelrich vnd dar- 
nach begirde habe , vnd aller meynst dar vmbe daz man lange vnd von 
dem vnmeszgeu gude gescheiden ist. Daz dritte brot, daz zu der sele 
höret, daz ist daz augesicht gottes , vnd diz brot ist hie au zu vahende, 
vnd zu eszen in diesem leben, (1. ob) wir sin vmmer sat sullen 
werden nach diesem leben, vnd des brottes natture ist, so man sin 
ie me iszet, so man sin ie me mag. wan die heiigen vnd die engel 
begernt alle ziit dirre setüuge , vnd nach dirre begirde werdent sie alle 
ziit gesettet , vnd in der settonge , begernet (1. begerent) sie der set- 
tonge, das ist als vil gesprochen: sie begerent gotes mit got dorch 
got, vnd dar vmme komeut sie zu got mit eyner vnmeszeger virey- 
nunge, da keinez zu komen mag vff erden, er werde danne gezogen 
uher her dinge : daz erste ist über ziit , daz ander über stat , daz dritte 
über matterie, daz virde über varbe oder wisse, daz ist zu virstende: 
dem menschen wirt also v7ol mit got, daz iz nüsnit inweisz von allen 
virgenglichen (bl. 172*) dingen, er inweisz in weller stat oder ziit er 
ist, noch von keiner matterie, noch von keiner varbe noch wisse, vnd 
disse wollest heiszet jubelacio oder lubilieren (1. jubilieren). Etwan 
komet er an ein anders, daz heiszet contemplacio , vnd daz ist, so er 



94 FBH. VON HARDENBERG 

erkennet^ got in got, vnd daz (1. des) vater natture ym sone, vnd 
des sones natture ym vater, vnd ir beider natture in dem heiigen 
geiste, vnd des heiigen geistes persone vm vater vnd ym sone; diz 
ist gesprochen: die einkeit in der driheit, vnd dem (1. den) gewalt in 
dem gewalt, vnd die wisheit in der wisheit, vnd der (1. die) gute yn 
der gute, vnd also ist iz vmme alles daz, daz man gesagen oder 
gedenken mag von gütlicher natture; vnd dieser dnier brot sal man 
begerren, so man sprichet: vnser degeliches brot gipvns. herre, htide. 
Vnd virgiep vns vnser schult als wir virgeben vnsern 
schuldenern. Wie ist daz zu virstende? wem man leit dun mag mit 
dem, daz man ym gut nymmet, oder ym smelich zu sprichet, oder man 
ym vngemach tut an lip oder an gute oder an fründen, sie sin wernt- 
lioh oder geistliche, iz sy an schelten, fluchen, oderslahen, oder reuf- 
fen, din altern, diu frunt, din vater, diu müder, din bruder, oder 
din Schwester, der sie alle hinge vor dinen äugen, du woltest iz en 
alles luterlich virgeben , als betten sie dir nie leit getan dorch got, 
anders got virgibet (bl. 172*') dir din sonde nummer; vnd diz gedencke, 
so du sprichest: virgiep vns vnser schult, als wir dun vnsern schulde- 
ner. Nu gedencke in dich selber! begerstu räche von dinen fynden, 
daz en übel geschee , daz sie ir gut virliessen , oder daz en smacheit 
geschee , oder vngemach an dem libe , oder daz sie sterben , oder yn 
welich wisse en übel geschee, daz dir daz liep were vnd dich fimiwest 
irs vngemaches, vnd dir leit were, daz ym wol geschee, daz gedenke, 
wan du daz wort sprichest: virgip vns vnser schult, als wir dun vnsern 
schuldenern , so biedestu räche über dich selber , als ob du sprichest : 
herre hilff myr doch daz ich ^ nummer selig werde, herre, wan du 
weist wol , daz ich wolte , daz den luden , die mir leit haut gethan, 
daz den übel geschee, vnd wie schire daz geschee. daz were mir liep, 
also biet ich dich, daz du myr laszest übel gescheen, wie schire du 
wilt. Aber die selgen, die da gentzlichen virzihent ir schult dorch 
got irn schuldenern , den virgiebet auch got alle ir sunde. Noch ist 
eynerhande lüde , die sint noch seiger ; daz sint disse , die uit inphaent 
in dem menschen als von dem menschen , me als von got in dem men- 
schen , vnd die dunt wieder nieman zu libe noch zu leit. waz en 
geschiet, gut oder übel, dar umbe lobent sie got, der iz en gegeben 
(bl. 173*) hat dorch sin gute yn groszer mynne, die er zu yn hat; vnd 
die lute mogent gedeucken, so sie diz wort sprechent, herre, als wir 
nu virzihen , als virzihe auch mir mit. vnd das man hie zu komen 
raac ^ yn disem leben , des hau wir ein orkunde an Christo vnd 

1) Hs. so er sie erkennet. 2) Hs. <l(>cli ich 3) Hs. komen yn 



ZWEI HSP. GEISTL. PROSA DRS 14. JH. 95 

an Steffan , dip vor die hite baten , die en leit daten , vnd sie inschul- 
tegen mit diesen vvorten: herre, nit in due diesen die mir leit dimt, 
wan sie wüszen nit beszeis , als obe sie sprechen : ich neme es nit von 
dem menschen , me von got in dem menschen , vnd diz sal man 
gedencken, so man sprichet: virgip vns vnser schult, als wir dun 
vnsern sculdenern. 

Vnd leit vns nit in bekaruuge. wie sal man daz virsten? 
daz merkent: herre, leszestu vns fallen in bekarnnge . so laz vns doch 
nit in der bekaruuge. daz ist: so der mensche sinen gelost keret vff 
zurg-euglich ding, vud daz nit luterlichen dorch got dut, ez sy off gut, 
oder off ere, oder off gemach des libes, als an eszen, oder an drincken, 
au kleideru , vud an allen dem, daz zu dem libe höret, daz heiszet 
alles bekaruuge; daz bedorffent alle lute, daz sie got lasze in keiner 
bekaruuge; noch dan siut etliche dinge, die ein helffe siut den luten, 
die gottes dinst an faheut, vnd die selben dinge siut etwan volkomen 
luteu ein hiudernisse; vnd der selben dinge eins, daz ist, daz man 
fliszeklichen (hl. 173") gedencke nach den sonden, die der mensche hat 
getan , vnd dar vmme waren rüwen habe , vnd ganze bichte due , vnd 
wäre busze drage nach siuer macht, ez sy an wachen, an fasten, an 
betten, au weyuen, au herten ligeu, vnd an allen dem daz zu busze 
höret. Auch bedorffent diese lute , daz sie dicke rat haben von guten 
wissen luden, iz sy in bichte, oder uzwendig vnd an allen disen din- 
gen sollent volkomen lute ir trost nit suchen, vnd des hau wir ein 
orkunde an dem wort, daz Christus sprach zu sinen jungern: ez ist 
uch nutze, daz ich von uch gee, vnd ist, daz ich nit von uch gen, 
so komet der droster nit zu uch, der lieilge geist, recht als obe er 
spreche: ich bin uch ein hindernisse; ir haut als grosz wollost an 
myner menscheit, daz ir keinen andern drost suchent au myner got- 
heit, vnd der trost heiszet ein bekaruuge. vnd waz den menschen 
yrret, bekomert er sich da mit, daz ist ein bekarnnge. waz wenet 
ir, so die aposteln gehindert worden von der menscheit Christi des 
heiigen geistes drostes, vnd er got vnd mensche was, hetten sie sich 
da bekomert mit eyme eiuveltigen menschen, als mitmarien, (bl. 174'') 
oder mit andern heilgeu, oder mit den engein, so weren sie noch me 
gehindert; hetten sie sich dan bekommert mit andern luten, mit früu- 
deu , oder mit magen , oder mit bichtern , sie weren noch me gehin- 
dert ; hetten sie sich bekomert mit gute , oder mit eren , mit libes 
gemach, oder mit irn fründeu, als mauich lüde duut, sie werent noch 
me gehindert; hetten sie sich bekommert mit hobescheu kleideru, 
vud wol stendeu schyue, vnd hubescheu pater nosteru, au hobeschen 
meszeru, an hobescheu houdeu, au schonen glessern, oder an allen 



96 FEH. VON HAEDENBERG, ZWEI HSS. GEISTL. PROSA DES 14. JH. 

dem, daz lustlicheu ist zu sehen, betten sie irn lost an diesen dingen 
dekeinen getlian, so weren sie noch nie gehindert, vnd disz heiszet 
alles bekarunge, vnd hie von muszent ledig werden alle die, die vol- 
komen wollen werden; vnd diz sal man gedencken, so man sprichet: 
nit leide vns in bekarunge. 

Sunder losse vns von übel, wie ist daz zu virstende? man 
saget nit von allem übel , wan etliche liden ist dem menschen nütze, der 
iz gedulteklichen lidet , also man dem menschen nymmet zurgenglich gut, 
dar vmbe giet ym got daz ewege leben , oder daz man ym sprichet 
an sin ere, oder daz man ym vngemach tut, dar vmbe giebet ym got 
daz ewige gemach an (bl. 174'') libe vnd an sele, aber der volkomen 
mensche sal nüsznit achten, waz man ym tut an ym selber, oder an 
sinen fründen, sie sin geistlich oder werntlich, ez sy an nemen oder 
an geben, an slahen, an syeden, an braden, daz sal en allez doncken 
eyn korzwile , als die beigen vor daten ; da man sie martelt , da frau- 
weten sie sich , als wir vinden von sant santte Laurencio . da er sprach : 
Ich bin zu einem sitten wol gebraden , kere mych vmme. vnd santte 
Vincencius sprach auch , da man en hatte gemartelt : du wirdest mich 
mit der helffe gottes me sehen liden, dan du mir könnest an gethun. 
vnd ein gute frauwe sprach , da man die Cristen lüde martelt : waz 
zihent ir mich vnd myn kynt , daz ir vns nit wollent marteln , vnd 
wir doch auch Cristen sin, vnd lieff en also lange nach, daz man sie 
vnd ir kint auch dodete; vnd also sulten wir auch sin. INu machent 
die lüde ein falsche inschuldegunge vnd sprechent, so man en übel dut: 
mir ist leit, daz sich die lute an myr virschuldent , vnd daz ist nit 
wäre. Auch sprechent etliche: mich müet, daz man got nit eret, 
nach dem ich gebildet byn; vnd ist auch nit (bl. 175") wäre, sie müet 
me ir schade vnd ir vngemach. vnd daz sal man gedencken, so man 
sprichet: vnd losze vns von übel, vnd waz ubels meynen wir dan? 
wir meynen daz übel, daz vns von got gescheiden mag. daz müsze 
wäre werden. Amen. Amen. Amen. 



ZUR LEGENDI] VOM ITALIENISCHEN .TUNGEN HERZOG 

IM PARADIESE. 

Die in band 13 s. 338 fgg. dieser Zeitschrift aus einer gräflich 
Raczinskischen handschrift des 13. Jahrhunderts von Jos. Schwarzer 
unter dem, wie mir scheint, nicht glücklich gewählten titel „Visions- 
legende" herausgegebene lateinische erzälilung von dem italienischen 



KÖHLER, ZUM HERZOG TM PARADIESE 97 

lierzogssohn , der 300 jähre iin paradiese verweilt, findet sich auch in 
einer 1459 — 60 geschriebenen handschrift der Wiener hofbibliothek, 
und daruach hat A. Mussafia in seiner abhaiidlung „Über die quelle 
des altfranzösischen Dolopathos," Wien 1865 (separatabdruck aus dem 
novemberheft des Jahrgangs 1864 [XLVIII. bd.] der Sitzungsberichte der 
phil. -bist, classe der kais. akademie der Wissenschaften), s. 14 — 16, 
ihren Inhalt kurz mitgeteilt. Es gibt aber auch eine deutsche bearbei- 
tung derselben legende in zwei der grossherzoglichen bildiothek in 
AVeimar gehörigen papierhandschriften des 15. Jahrhunderts, und bereits 
im jähr 1811 hat Chr. A. Vulpius aus einer dieser handschriften die 
legende in seinen „Curiositäten," I, 179 — 89, unter dem titel „Der 
welsche lierzog im paradiese" in modernisierter spräche und mit man- 
chen kleinen auslassungen veröffentlicht.^ 
Man vergleiche dazu noch 

1) die in Hermann Korners chronik — sowol in der lateinischen 
(s. J. G. Eccard, Corpus historicorum medii aevi, II, 452), als 
in der niederdeutschen (s. Germania IX, 265) — unter dem jähre 834 
mit berufung auf Eghards chronik ^ erzählte und schon von Mussafia 
a. a. 0. s. 16 angeführte geschichte von Loringus, dem söhne des gra- 
fen Theobaldus auf dem schlösse Benemontis. 

2) die von 0. Suterraeister , Kinder- und Hausmärchen aus 
der Schweiz, 2. verm. aufl. , Aarau 1873, no. 13, s. 39 — 41, mit- 
geteilte erzählung „Der junge herzog," mit der quellenangabe (s. 208) 
„Nach J. Stutz , Sieben mal sieben jähre aus meinem leben s. 55," 
welches buch mir unbekaut und unzugänglich ist. 

3) das von Valentin Pogatschnigg in der Zeitschrift „Carin- 
thia," 1866, heft 2 , s. 48 fg. mitgeteilte raärchen aus Kärnten „Der 
königssohn im paradies." 

4) das tschechische „Lied vonTheofilus, bei dessen hochzeit der 
engel Rafael gegenwärtig war ," das in Böhmen und Mähren auf den 
Jahrmärkten verkauft wurde oder noch verkauft wird und dessen 
Inhalt J. Feifalik in seinen „Untersuchungen über altböhmische vers- 
und reimkunst" (Sitzungsberichte der phil. - bist, classe der kais. aka- 
demie der Wissenschaften, XXXIX, 332) mitgeteilt hat. 

1) Sie ist in den handschriften überschrieben „Eyn hobische historie von 
dem irdischen paradise in welschen landen gescheen" undbegint: „Man list wie in 
den obern welschen landen was eyn mechtiger herczoge." 

2) „Secundum Egghardum in cronicis" — „hir van scrift Eggardus in siner 
cröneken." Was dies für eine chronik gewesen, ist unbekant; Körner nent sie öfters 
imd zwar bis zum jähr 1370. Vgl. Lappenberg in dem Archiv der Gesellschaft für 
ältere deutsche Geschichtskunde VI, 592. 

ZEITSCHR. P. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 7 



98 PIETSCH 

Es sind dies alles verschiedene fassungen einer und derselben 
legende, die man bezeichnen kann als die legende von dem jungen her- 
ren oder fürsten. bei dessen hochzeit ein engel gegenwärtig ist und 
der bald nach seiner hocbzeit den engel im paradies besucht und dort 
nur stunden verweilt zu haben glaubt, in der tat aber Jahrhunderte 
verweilt hat, und bei seiner rückkehr an der stelle seines Schlosses ein 
von seinen hinterbliebenen gegründetes kloster findet. 

Ich beabsichtige in einiger zeit die , wie schon bemerkt , von 
Vulpius nur unvolständig und sprachlich modernisiert herausgegebene 
deutsche legende unverändert und volständig herauszugeben und gedenke 
dann die verschiedenen fassungen der legende näher zu vergleichen und 
die zahlreichen verwanten dichtungen von dem unvermerkten raschen 
dahinschwinden der zeit im jenseits, im reich der götter, elfeu, feen 
usw., zu besprechen. 

WEIMAR. REINHOLD KÖHLER. 



FRAGMENT DES MARIENLEICHES VON FRAUENLOB. 

Zwei zusammenhängende pergameutblätter , welche dem codex 
I Q. 368 der kgl. und Universitätsbibliothek zu Breslau (Papierhs. des 
14/15. jhs. , aus der bibliothek der Augustiner Chorherren zu Sagan 
stammend, enthält lat. predigten) als Vorsatzblatt vorgeheftet sind, 
enthalten ein stück aus Frauenlobs Marieuleich mit musiknoteu ver- 
sehen. Die beiden blätter sind an ihrem unteren rande eingeheftet 
und von dem einen derselben ist an der seite so viel abgeschnitten 
als nötig war, um das ganze dem format der hs. anzupassen. Das 
volständig erhaltene blatt ist 12 cm. breit, 14 cm. hoch. Der vordere 
einbanddeckel der hs. ist abgerissen , die äussere seite des Vorsatzblattes 
in folge dessen stark beschmuzt, so dass manche werte schwer lesbar 
sind. Ausserdem ist auf diese äussere seite die provenienznotiz auf- 
geklebt, wodurch ebenfals einige werte verdeckt werden. Ich habe 
diese nach der ausgäbe EttmüUers in eckigen klammern eingeschlossen 
ergänzt , während ich das durch den abschnitt verloren gegangene uner- 
gänzt gelassen habe. 

(Innere seite rechts = Ettm. 16, 6 — 15) 

heit 

leit in tven uf wo des habm sich gelegenthait 
sin art di mac man von mir sagen vn min 
gestalt in sine iagen welch vndirsheit mac 
daz geclagen die mensheit vnsir eigen vm 
mer mus hedagen kein zugeshicM noch 



BRÜCKST. V. FRAÜENIjOBS marienleich 99 

hein abgeshicht /?/ mac getragen iz sei ein 
got den ich gebar Das ivort mir von d' 
hohe qtiani vü tvarf in mir ein so gehene 
(Äussere seite links =: 16, 15 — 25) 

ditter man der nam min warf (?) da.s ivort [wafi\ 
ane wer d in ye von disen zivein ein rede [t4)art\ 

gevlochtin der min wissen tochten ein me[inen] 
truc die rede in ir daz disputiret ich gen[uc] 

wa mir 

als mich der vrono böte spch mich wundirt 
ie wie daz geshach daz wundir mir der enget 

is is mit ryl 

brach wen h' bewet iz in warer Spruche vach 

der nydir ein grünt der mit ein czil der hoe 
Äussere seite rechts = 18, 12 — 19, 5) 

lüie min goume (?) vndir eyme apfel 

tvart irwecJcet ich so svzlich sech 

[ei]n ivngelinc Wv tat uch lusten 

bisshes merres h' ivaz sun des ald 

teneres der gcpelzet het in sinem 

den bovm dor an h' selbe sint des t 

de warten meyn miit an der men 

do gewaldeclich ezu brochen vn cz 
(Innere seite links = 19, 6 — 13) 

min Joint des lebens fet noch sines va 

Nu secht ich hins daz bette salomois 

och swebindes lonis waz die sechzih 

en vmmehalden vier vnczivenczik 

r wiesen aldin nvr ztvelfe sint der bo 

des kristvms walden der ordenvge 

sint die ny min lop vol czalten drie 

chen vier ewngelisten wundir stalten. 

BRESLAU, OKTOBER 1881. PAUL PIETSCH. 



BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN. 

Hurkuken. 

Für dieses wort wird die bedeutung „mit niedergebogenem köpfe 
zuflüstern" vermutet: es bezeichnet aber nichts anderes als das ruch- 
sen der taube und steht für ruhuTcen (Schambach), holl. roeJcoeJcen, 
franz. roucouler. Zum anlaute vergleiche man harJce neben engl. raJce 
und hd. rechen. 

7* 



100 WOESTE, BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN 

Impodeu. 

To sunte Peter es daghe in den vasten alze he impoden stol- 
vart wart. Wig. Arch. 3, 151. Man lese statt der gesperten Wörter: 
in R. op den stol vart (geführt) ; vgl. : in sunte Peters dage als he 
op den stol gebracht ward. Iserl. Arch. no. 13 (a*** 1358); op Peters- 
dag als er wart gesatz uffem stul zo Rome. Urk. v. 1354 bei Wallraf. 

ISERLOHN. FR. WOESTE. 



LITTERATUR. 

Nyare biilrag tili kännedom om de svenska landsinälen ok svenskt 
folklif. Tidskrift utgifven pä uppdrag af landmäls-föreningarne 
i Uppsala, Helsingfors ock Lund genom J. A. Lundell. Första ban- 
det. Stockholm 1879-81. VI (IV), 748 s. gr. 8. n. 11,85 m. 

Von der als organ der schwedischen dialektvereine erscheinenden Zeitschrift, 
deren erste hefte (1 — 6) wir bd. XI, s. 500 dieser zeitschr. besprachen, liegt nun 
der erste band volständig vor, welcher die guten erwartungen , die wir dem unter- 
nehmen entgegenbrachten, in reichstem masse erfült. Indem ich an jenes referat 
anknüpfe , gebe ich einen kurzen bericht über den Inhalt des soeben ausgegebenen 
zweiten halbbandes. *" 

Von algemeinem Interesse ist gleich der erste artikel desselben (s. 271 — 282), 
in welchem L. F. Leffler auf grund einer vergleichung der schwedischen dialekte 
die ursprüngliche form des wertes cid (feuer) zu ermitteln sucht. Als solche ergibt 
sich ein altschwedisches *(clder, mit welchem das isländisch - norwegische (und alt- 
gotl.) eldr nur scheinbar im Widerspruch sich befindet. Die geraeinskandinavische 
Urform des stammes war nämlich *ailida- , neben welcher sich in folge der ver- 
änderten accentüierung in den casus obliqui eine syncopierte form *aüda bildete, 
die das ai zu e verkürzte (vgl. altn. heilagr, dat. helgum). Zwischen den beiden 
stamformen hat dann eine ausgleichung in der weise statgefunden , dass in den 
schwedischen dialekten der den unsyncopierten casus verbliebene ältere vocal auch 
in die syncopierten eindrang, während das umgekehrte im isländisch -norwegischen 
(und gotländischen) geschehen ist. Schon Holtzmann war — unzweifelhaft in folge 
der erkentnis , dass ags. edan mit langem vocal anzusetzen sei (altd. gr. I, 1, 178) — 
zu der Schlussfolgerung gelangt, dass altn. eldr auf ein älteres *eildr zurückgehe 
(ebda s. 70): diese behauptung wird also durch die Untersuchungen von Leffler als 
richtig erwiesen. 

Es folgt dann (s. 283 — 370) eine lautlehre des dialekts der an der nord- 
spitze von Gotland gelegenen insel Färö von Adolf Noreen. Der Verfasser hat 
für seine arbeit die reichhaltigen samlungen der gebrüder Säve benutzen können, 
welche jedoch lediglich lexicalischer natur waren, daher er über die phonetischen 
Verhältnisse der mundart selber an ort und stelle Untersuchungen anstellen muste. 
Der aufsatz gliedert sich in einen lautphysiologischen und einen etymologischen 
teil: in lezterem werden die einzelnen laute des dialekts mit den entsprechenden 
altgotländischen , altschwedischen und isländischen verglichen. Eine sprachprobe 
(im dialektalphabet) nebst hochschwedischer Übersetzung ist angehängt. 

Job. Nordlander gibt (s. 371 — 432) eine dankenswerte Zusammenstellung 
von namen, wie sie in Nordland den haustieren (kühen, ziegen, pferden, hunden, 
katzen) beigelegt zu werden iifiegen. Besonders reichhaltig ist dieses Verzeichnis 



GERING, ÜBER LUNDELL SVENSK. LANDSMALEN 101 

für die erstgeuante tiergattuiig , da es sitte ist, jedem kulikalbe, das uian aufzu- 
ziehen gedenkt, gleich nach der geburt einen nauien zu geben. Diese nameu sind 
z. t. kosenainen (bräutchen, puppe, taube, goldherz, juvel, lilic) oder sie bezeich- 
nen die färbe des tieres (braunchen, grauchen, negerin), die beschaffenheit einzel- 
ner körperteile (weissfuss , schwarzohr) , seinen wuchs , schildern seine lebendigkeit 
oder niunterkeit usw. Auch der Wochentag, der inonat oder die Jahreszeit der 
geburt wird zuweilen in dem namen angegeben (freitagsrose , maiblume, sommer- 
puppe), ebenso die art des erwerbes. die heiiiiat usw. Auffallend i.st das häufige 
vorkommen des wertes gas (gans) in den componiorten kuhnamen {hlomf/äs, f/iild- 
gäs , summergas): ob die erklärung des Verfassers, dass die lieferung von fett 
(schmalz und butter) das tertium comparationis hergegeben hat, das richtige trift, 
mag dahin gestelt bleiben. Ähnlicher art sind die namen der anderen haustiere: 
die hunde haben vor den übrigen das voraus, dass auf sie (wie das ja auch ander- 
wärts geschehen ist) häufig die namen missliebiger persönlichkeiten übertragen 
werden. 

Einer kleinen samlung schwedischer Volksweisen (s. 433 — 445), die ein ano- 
nymer mitarbeiter beigesteuert hat, folgt ferner (44G— 677) der bericht über das 
dritte algemeine fest der schwedischen dialektvereine , welches am 7. novbr. 1879 
zu Uppsala abgehalten worden ist. Die bei dieser gelegenheit gehaltenen beiden 
vortrage werden in extenso mitgeteilt. Der erste derselben (von dem herausgeber 
der Zeitschrift) gibt eine kurze übersieht über die fortschritte der dialekt- und 
Volkskunde in Schweden und den übrigen europäischen ländern während der lezten 
Jahrzehnte. In Schweden datiert ein neuer aufschwung dieser Studien seit den 
öOger Jahren (1850 erscheint das erste heft von ßydqvists epochemachendem werke: 
Svenska spräkets lagar; 1858 und 1859 wurden in Lund und Uppsala professuren 
für nordische spräche errichtet). Dem vortrage sind wertvolle bibliographische 
nachweisungen angehängt. — Der zweite vertrag (von dem freiherren G. Djurklou) 
behandelt die Wichtigkeit der schwedischen Ortsnamen für historische und staats- 
wissenschaftliche forschungen und gibt hierfür einzelne instructive beispiele. — 
Den schluss des berichtes bilden die während des festes vorgetragenen dialekt- 
probcn, welche im dialektalphabet und in gewöhnlicher schwedischer Orthographie 
abgedruckt sind; hervorzuheben ist darunter eine dialogisierte Stockholmer strassen- 
scene, welche die von den unteren geselschaftsklassen jener stadt gesprochene 
mundart zur lebendigen anschauung bringt 

Den lezten teil des bandes (s. 679— 748) füllen receusionen, kleinere mit- 
teilungen und berichtigungen. 

HALLE. HUGO GERING. 

Um de svenska folkmälens fräudskaper uck etnologiska betydelse. 

Af J. A. Lundell. (Sonderabdruck aus: Antropologiska sektioneus 

tidskrift I, 5.) Stockholm 1880. 76 s. 8. 

Die vorliegende kleine abhandlung, welche gewissermassen eine ergänzung 
zu der eben besprochenen Zeitschrift bildet, bietet mehr als der titel vermuten 
lässt. Nachdem nämlich der Verfasser auf grund genauer Untersuchungen auf dem 
gebiete der laut- und fiexionslehre innerhalb des bereiches, wo heute das schwe- 
dische als Schriftsprache herscht, vier bestirnt zu unterscheidende hauptmundarten 
festgestelt hat: das gotländische, das norr ländische (die nordschwedischen 
landschaften — Dalarne, Westmannland und Gestrikland eingeschlossen — sowie 
Finnland und Estland umfassend) , das mittelschwedische und das südschwe- 



102 GERING, ÜBER LÜNDELL SVENSK. FOLKSM. FRÄNDSK. 

dischc (in Smalaud, Halland, Schouen und Blekinge), geht er dazu über, das 
Verhältnis der greuzdialekte zu den benachbarten skandinavischen sprachen zu ermit- 
teln. Hier körnt er zu dem resultat, dass einerseits die norrländischen dialekte 
mit den mundarten des sogenanten nordenfjeldskcn Norwegens näher verwant sind 
als mit den mittel- und südschwedischeu, also mit jenen zu einer gruppe vereinigt 
werden müssen; andererseits, dast die südschwedischen mundarten (deren gebiet ja 
noch im 17. Jahrhundert zu Dänemark gehörte), ihren nächsten verwanten im 
dänischen haben und mit diesem eine einheit bilden. Somit zerfallen also die heu- 
tigen skandinavischen mundarten (wenn man vom isländischen und färöischen 
absieht) in fünf gruppen: 1) gotländisch, 2) norrländisch , 3) die dialekte 
des westlichen Norwegens, 4) die dialekte des mitleren Schwedens, 
innerhalb welcher eine Scheidung zwischen „Götamäl" und ,.Sveamäl" nicht nach- 
zuweisen ist, und 5) südskandinavisch (dänisch). 

Auf die frage, ob diese fünf gruppen sich aus einer älteren Zweiteilung 
durch weitere differenzierung erst almählisch entwickelt haben (es war bekantlich 
bisher die algemein geltende ansieht, dass das urskandinavische sich zunächst in 
die west- und ostnordische spräche gespalten habe, aus welchen dann einerseits 
norwegisch und isländisch , andererseits schwedisch und dänisch hervorgiengen) — 
oder ob alle fünf als im wesentlichen gleichaltrige Schwestern anzusehen seien, hat 
der Verfasser eine bestimt formulierte antwort nicht gegeben , doch neigt er sich 
der lezteren meinuiig zu. Er hält es für wahrscheinlich , dass im 9. , vielleicht 
noch im 11. Jahrhundert im ganzen norden eine und dieselbe spräche harschte, 
dass noch im 12. und 13. Jahrhundert der unterschied zwischen norwegisch und 
schwedisch hauptsächlich darauf beschränkt war , dass man hier die zweilauter 
monophthongiert und im indic. praes. den i-umlaut aufgegeben hatte; aber auch, 
dass zu derselben zeit schon ein engerer Zusammenhang zwischen den dialekten 
nördlich und südlich vom Dovregebirge im gegensatze zu den mundarten des VFest- 
lichen Norwegens (woher Island die hauptmasse seiner colonisten erhielt) bestanden 
hat. Wolle man die Scheidung zwischen ost- und westnordisch aufrecht erhalten, 
so müsse man jedesfals die mundarten nördlich vom Mälar (Wermland und Upp- 
land ausgeschlossen) und östlich vom bottnischen nieerbusen, sowie auch das got- 
ländische der lezteren gruppe zuweisen. Lundeli nimt an, dass diese landschaften 
von Norwegen aus colonisiert sind. 

Auf das detail der Untersuchung kann ich hier nicht eingehen; es genügt, 
die Interessenten auf das anregend und fesselnd geschriebene werkchen aufmerk- 
sam gemacht zu haben. Der Verfasser ist sich bewusst , dass seine aufstellungen 
durch fortgesezte durchforschungen der dialekte (besonders der dänischen und nor- 
wegischen), durch genauere Untersuchung der alten provincialgesetze , weitere fort- 
schritte in der erklärung der runendenkmäler usw. vielfache berichtigung finden 
werden, glaubt aber, dass das hauptresultat , die abgrenzung der gegenwärtig 
lebendigen dialekte, nicht wesentlich wird verändert werden können. 

HALLE. HUGO GERING. 



Speculum regale. Ein altnorwegischer Dialog nach Cod. Arnamagn. 
243 Fol. B und den ältesten Fragmenten herausgegeben von 
Dr. Oscar Brenner , Privatdoccnt der Universität München. München, 
Christian Kaiser 18»1. 5 m. 

Die spräche des „Speculum regale" oder des „Konungs skuggsjä," wie sich 

jene unversiegbare quelle altnorwegischer rechts-, ciütur- und Sittengeschichte im 



MOGK, ÜBER SPECÜL. REG. ED. BRENNER 103 

eiiigaugscapitel selbst uent, war uns bisher uur aus weuiyeu kleinen stücken 
bekant, welche uns Gislason in seinem „Um frumj^arta islenzkrar tüngu i fornöM" 
(s. XVIII fgg.) aus der wichtigsten handschrift cod. AM. 243 B. gibt. Schon diese 
kleinen stücke zeigen uns , dass jenes denkmal ebensosehr das interesso des cultur- 
historikers wie die des Sprachforschers erheischt. Wird es uns doch durch die 
haupthandschrift und die handschriftenfragniente möglich, die spräche des arche- 
typus, d. h. des Originals annähernd zu recunstruieren und in diesem haben wir ein 
rein norwegisches Sprachdenkmal aus dem leztcu deceunium des 12. Jahrhunderts, 
das geistesjirodukt eines uiannes, dessen s])rache um so mehr den specifisch - noi'- 
wegischen charakter bewahrt haben wird, als er Island selbst nie gesehen hat. 
Und so ist das Speculum regale eine der wichtigsten quollen und ausgangspunkte 
für die erforschung der unterschiede der altisländischen und altnorwegischen spräche. 

Was das trifolium der norwegischen hauptstadt für den litterar- und cul- 
turhistoriker geschaifeu, eine leicht lesbare, aber leider in isländisches sprach- 
gewand gehülte ausgäbe, das gewährt in vorliegender ausgäbe Ose. Brenner end- 
lich dem Sprachforscher. Brenner hat keine abschliessende ausgäbe schaffen wollen ; 
dieselbe soll noch folgen. Der herausgeber hat richtig erkant, dass die handschrif- 
ten, die hauptsächlich unter AM. 243 fol. aufbewahrt sind, in zwei gruppen zer- 
fallen, deren eine er mit A, die andere mit B bezeichnet. Leztero nun ist es, 
welche in der hs. AM. 243 fol. 2 (B) den umfangreichsten norwegischen text bietet. 
Von diesem sprachlichen gesichtspuukte ausgehend will Brenner die recension B 
mit zu grundelegung der hs. B als abgeschlossene einheit darstellen, während eine 
folgende ausgäbe die recension A mit den abweichungen von B enthalten soll. Da 
nun B verschiedene lücken hat, so sind dieselben, damit die inhaltliche einheit 
des ganzen nicht gestört werde, durch die aufnähme der fehlenden stellen nach 
jüngeren hss. der recension B oder auch nach hss. der recension A ergänzt. 
Dadurch erhält nun allerdings die ausgäbe einen buntscheckigen charakter, denn 
neben norwegischen formen aus dem anfang des 13. Jahrhunderts hat sie zugleich 
isländische aus dem 16. Jahrhundert, neben der recension B bietet sie teile (nament- 
lich am schluss) der recension A. Dieser bunte anstrich, der ja notwendig war, 
wenn man den litterarhistorischen zweck des Werkes nicht ganz ausser äugen las- 
sen wolte, wird nun noch dadurch verschlimmert, dass die altnorwegischen frag- 
mente der recension A sich unter dem texte der betreffenden stellen befinden. 
Denn auch alles, was vom Speculum regale in der altnorwegischen gestalt erhalten 
ist, will uns Brenner bieten. Das ist ja recht schön und gut, aber es wäre doch 
besser gewesen , Brenner hätte diese fragmente im Zusammenhang am Schlüsse der 
ausgäbe abdrucken lassen, damit das ganze nicht eine noch buntere gestalt erhalte 
als es bereits die Überlieferung bedingt. 

Wie schon erwähnt ist die ausgäbe im grossen und ganzen ein abdruck des 
cod. AM. 243 B. fol. Die hs. selbst ist s. XII — XV beschrieben. (Weitere notizen 
darüber finden sich bei Gislason a. a. o.) In dem abdruck selbst sind die abkür- 
zungen der hs. aufgelöst, jedoch ohne dass wir es merken, dass im cod. eine abkür- 
zung sich befinde; die fehlenden buchstabeu sind nicht, wie in Bugges ausgäbe 
der Eddalieder, oder in Wisens abdruck der Homiliubök, durch cursiveu druck 
gekenzeichnet. Ich kann diese art der ausgaben nicht billigen; sie erschweren dem 
litterarhistoriker die arbeit, wer sie aber zu textkritischen und grammatischen, 
oder gar palaeographischen Untersuchungen gebrauchen will , dem bieten sie zu 
wenig. Wenn nun Brenner über diesen punkt im Vorwort sagt, dass er in der 
genauigkeit des abdrucks des guten vielleicht zu viel getan habe, was soll dann 



104: MOGK 

Dalilerup von seiner ausgäbe des Agrip sagen? Ich bin weit weit entfernt, eine so 
penibele widergabe der bandschrift auch im vorliegenden falle zu beanspruchen, 
allein in verschiedenen punkten hätte uns Brenner doch ein genaueres bild der 
handschrift gehen können. Was nüzt es uns, dass die einzelnen zeilen der hs. 
durch den ganzen abdruck hindurch markiert sind ? viel dankbarer würden wir dem 
herausgeber gewesen sein , hätte er uns die abkürzungen durch cursiven druck vor- 
führen lassen. Zu welchem irtum es den textkritiker führen kann, wenn die abbre- 
viaturen nicht gekenzeichnet sind , möge ein beispiel , welches mir gerade zu geböte 
steht , zeigen : In seinen „ Untersuchungen zur Snorra - Edda " bemerkt Wilken 
(cap. 2 anm. 32) : „Aus meinem apparate ergeben sich als grammatisch ältere for- 
men in U das auch in sonr noch fast durchgängig bewahrte r des nom. (vgl. z. b. 
die 19 fälle AM. II. 252)." Nun hat aber in Wirklichkeit an jener stelle der cod. 
17 mal f. und nur zweimal sonr. Diese 17 f. aber sind im hinblick auf AM. II. 
270, wo die hs. regelmässig fon ausgeschrieben, absolut nicht für das finale r 
beweisend. Und Avie hier so muss es ja überall bei formen sein , welche überwie- 
gend abgekürzt werden: finden sich von ein und derselben form zwei verschiedene, 
ausgeschriebene im cod., so ist bei einer widergabe der hs., wie sie uns Brenner 
geliefert, eine numerische Zusammenstellung der verschiedenen gestalten der for- 
men geradezu unmöglich. Um so dankbarer aber erkennen wir es an, dass uns 
der abdruck der altnorwegischen fragmente bietet, was uns der der haupths. selbst 
nicht gewährt. Des guten kann hierin nicht zu viel getan werden und nur die 
genauesten abdrücke , wie sie namentlich Gislasons arbeiten eigen sind , gestatten 
uns, denen die handschriften selbst nicht immer zu geböte stehen, allein durch 
palaeographische beobachtungen rückschlüsse auf die vorlagen der uns erhaltenen 
handschriften. 

Die betreffenden stellen des Brennerschen abdrucks habe ich mit den in 
„Frumparta" abgedruckten stücken verglichen und ziemliche genauigkeit gefunden. 
S. 13 3 ist wol er per ivar nur druckfehler für er pat ivar, wie auch das fragm. Ir 
hat; s. 76^'^ liest Gislason aepni; 205** ist er skryddr wol ebenfals nur druckfehler 
für ert skryddr. In der aneinanderstellung resp. trennung der worte dagegen 
weicht Gislason öfter ab; so gibt er: 4'' ast samlegun; 19" imunne; 78* til pio- 
nosto ; \4ä'' pivifrani; 197*1 Eigkvilia; 197*^ pivi at ; i3 laum; '^ afriki; ^^ poat; 
ocliceimr; 203 -—3 tvcegptirär. — 203'' kürzt die hs. eda durch .1. ab (vgl. Gisla- 
son XXV. 6) ; dies kann doch nichts anderes als die abkürzung des lateinischen „vel" 
sein. Rührt dieses nun vom Schreiber her oder gehört es dem archetypus an? 
Dies nun ist so ein fall, wo uns der abdruck Brenners im stich lässt, denn aus 
dem mir zu geböte stehenden material kann ich es nicht finden, wie sonst die hs. 
eäa widergibt (die fragm. scheinen regelmässig eda ausgeschrieben zu haben). Da 
sonst die hss. eda durch .e. abzukürzen pflegen, so sezt jene abkürzung wol kent- 
nis der lateinischen spräche voraus, welche wir beim Verfasser des Speculum regale 
ja annehmen müssen , da er Gregors des Grossen Dialogorum libri und Isidors 
werk „de natura rerum" benuzt hat. — Die Schreibweise der hs. charakterisiert 
Brenner s. XIII. Allein auch diese bemerkungen geben uns kein recht klares bild 
von den schriftzügen ; es hätten hier wenigstens einige charakteristische typen 
geschnizt werden sollen. Denn wenn es hcisst: „Statt r ist y (der zweite zug 
unten nach links umgebogen) geschrieben," so gibt dies uns ein entschieden fal- 
sches bild von dem y der hs.: hier ist der erste zug der längere und dieser ist 
nach links umgebogen (vgl. das facsimile der norwegischen ausgäbe). Diesen buch- 
staben transscribiert Brenner durchweg mit lo; ich sehe eigentlich den grund hier- 



ÜBER SPECüL. REG. ED. BRENNER 105 

für nicht rocht ein. Die namentlich norwegischen hss. eigentümliche Schreibweise des 
w für bricht sicli doch erst um 1300 almählich bahn. Und wenn nun auch in unserer 
handschrift graphisch einerseits y im u, andererseits verschlungenes i/j/ vorkomt, so 
liegt doch die annähme auf der hand, dass einfaches )> (type der hs.) nur eine gra- 
phische Variante für v, welche ich auch in einer reihe rein isländischer handschrif- 
ten gefunden, während nur das verschlungene yy graphisch das w der späteren 
handschriften ist. Und welch graphisches monstrum wäre es, wenn der Schreiber 
einen namen wie Wustes (117 '") mit wio beginnen Hesse! Auch bei der bemer- 
kung „bei oigennamen wird auch W, iv in verschiedenerlei formen verwendet, so 
im namen Wastes'' kann ich mir nicht recht vorstellen, welches die formen sind; 
Gislason (s. XXII. "•^o) gibt uns ein einzig mal eine majuskel dieses buchstaben und 
diese gleicht ganz angelsächsischem m. Auch bei der auflösung der abkürzungen 
lässt uns widerum der abdruck selbst hier und da im stich : pn löst Brenner regel- 
mässig mit p(eirr — auf. Wenn er nun aber selbst kurz vorher bemerkt, das ä = 
r sei, so wäre es doch consequenter pn mit pceir — widerzugeben, da sich ja die 
Verdoppelung des r erst in späteren hss. findet. Auch die widergabe des vocals 
solte eine consequentere sein : s. 13 ^ wenigstens belehrt uns Gislason , dass die hs. 
piia hat; warum aber dann, wie öfter, peirra und nicht, wie in der einleitung 
bemerkt, pceirra? Ich bin vielleicht etwas zu peinlich auf diese punkte eingegan- 
gen, allein ich halte bei unserem jetzigen Standpunkt der grammatik die grösste 
exactheit namentlich bei abdrücken von handschriften für notwendig, weil unsere 
grammatiker im entgegengesezten falle immer wider auf die handschriften selbst 
zurückgehen müsten. 

Die einleitung (XVI ss.) orientiert uns ausschliesslich über die hss. Wie 
schon bemerkt unterscheidet Brenner zwei handschriftengruppen (A B): in A ste- 
hen die berichte über Island, Grönland und Irland in einer anderen reihenfolge, 
als in B; in A fehlt die kurze erzählung von Klefsan. Die gruppe A nun ist uns 
hauptsächlich in isländischen handschriften erhalten, nur drei norwegische frag- 
mente, welche sich teils in Christiania, teils in Kopenhagen befinden, haben die 
gleiche spräche des Originals. Ziemlich anders steht es mit der handschriftengruppe 
B: hier ist die haupthandscbrift (AM. 243 fol. B. no. 2) norwegisch (diese ist 
s. XII — XIV eingehender beschrieben). Alle anderen hss. dieser gruppe sind jün- 
ger und sind isländische: sie gehen auf B zurück resp. sind auszüge aus B. Von 
grösserer Wichtigkeit ist eigentlich nur eine (AM. 243 fol. no. 5. E. pergam.), weil 
sie direct oder indirect auf B in seiner volständigen gestalt zurückgehe und somit 
die vor allem richtige einleitung uns gewähre . wenn es auch noch nicht ausgemacht 
sei , dass diese einleitung auf B zurückgehe. Dieser leztere umstand ist allerdings 
etwas auffallend und möchte fast Brenners annähme , dass E auf B zurückgehe, 
etwas entkräften. Denn wenn es sich einerseits nicht durch Schreibfehler nachwei- 
sen lässt, dass E aus B abgeschrieben ist, andererseits aber aller Wahrscheinlich- 
keit nach B die einleitung vor dem dialog überhaupt nie besessen habe , so liegt 
doch die annähme näher, dass B und E auf geraeinsame vorläge zurückgehen. 
Dagegen würden einzig und allein die stellen sprechen, welche in B durch rasur 
entfernt wurden; diese aber entziehen sich mir der controle. 

So gern ich bereits hier auf die spräche des Speculum regale in einigen 
punkten etwas näher eingegangen wäre , so schiebe ich dies doch hinaus , bis uns 
Brenners darstellung der spräche unseres denkmals vorliegt. Hoffentlich stelt er 
uns dieselbe dar mit steter berücksichtigung gleichzeitiger isländischer handschrif- 
ten, hoffentlich geht er auch auf die graphischen unterschiede der handschriften 



lOÖ KINZEL 

beider dialecte etwas uäher ein, damit uns endlich einmal eine feste grundlage 
gescliafl'eu werde, von welcher ausgehend wir die nordischen handschriften bestim- 
ter localisieren können, als es uns bisher möglich war. 

LEIPZIG, SEPT. 1881. B, MOGK. 

Heiuriclis von Veldeke Eneide. Mit einleitung und anmerkungeu her- 
ausgegeben von Otto Behaghel. Heilbronu. Henninger 1882. XV, COXXXIII 

und 566 s. 8. 19 m. 

Rund 100 jähre ist es her, seit die Eneit aus dem staube der Vergessenheit 
ans licht gezogen wurde und grade 30 jähre, seit sie durch Ettmüllers ausgäbe 
algemeinere Verbreitung fand. Wenn man die fortschritte , welche unsre Wissen- 
schaft seit dieser zeit gemacht hat, messen dürfte nach den Veränderungen, welche 
das gedieht in der neuen ausgäbe erfahren, so könte die deutsche philologie wahr- 
lich sehr stolz sein. Das werk Veldekes liegt in ganz neuem gewande vor uns. 
Schon äusserlich fält es durch seinen fast riesenhaften umfang auf, der besonders 
durch die grosse einleitung hervorgerufen ist. Es wird im algemeinen schwerlich 
zu billigen sein, dass alle Specialuntersuchungen über einen autor in die einlei- 
tung zu einer ausgäbe gebracht werden, und der Verfasser hat dies auch gefühlt; 
denn er erklärt es im Vorwort selbst für ,,eine unberechtigte forderung, dass in 
der ausgäbe eines einzelneu Werkes eines dichters alle fragen erörtert werden, die 
überhaupt in bezug auf diesen aufgeworfen werden können." Es hindert dies den 
handlichen gebrauch und die algemeinere Verbreitung; und schwerlich sollen doch 
diese bücher nur für die grösseren bibliotheken und wenige specialforscher gedruckt 
werden. Die reaction bleibt denn auch nicht aus und zeigt sich deutlich in den 
neu angekündigten handbibliotheken , welche es sich zur aufgäbe machen, billige 
textausgaben zu schaffen. 

Auch der text der Eneit erscheint in durchaus neuer form. Schon Ettmül- 
1er hatte in der vorrede zu seiner ausgäbe die aufgäbe des editors dieses gedichts 
richtig erkant: „ein herausgeber der Eneide Heinrichs von Veldeke kann sich ein 
zwiefaches ziel stecken: er kann den versuch machen, das gedieht so wider- 
zugeben, wie es Heinrich ursprünglich sprach oder schrieb, d. h. in niederrhei- 
nischer Sprache, oder er gibt das gedieht so, wie es ohne zweifei mit des dich- 
ters bewilligung und vielleicht gar unter seinen äugen auf der Neuenburg an der 
Unstrut zwischen 1184 und 1186 in die thüringische muudart jener zeit, aber mit 
beibehaltung einer ziemlichen menge niederrheinischer Wörter und wortformen umge- 
schrieben ward." Das leztere hatte er versucht, freilich auf grund nicht ganz 
zureichender mittel und einer Berliner pergamenthandschrift, welche andern an 
wert nachsteht. Dem andern ziel trachtete Braune nach, welcher zuerst 1873 in 
dieser Zeitschrift IV eingehende Untersuchungen über handschriften und dialect des 
dichters anstelte. Diese fortgeführt, besonders aber, ihnen in der herstellung 
des textes praktische folge gegeben zu haben, ist das verdienst Behaghels. Der 
herstellung des ursprünglichen dialectes standen fast unüberwindliche Schwierig- 
keiten entgegen; die quellen flössen äusserst spärlich, vor allem konte keine ein- 
zige handschrift der Eneit dienste leisten. Obgleich einige bruchstücke ins 12. Jahr- 
hundert zurückreichen, und die Berliner handschrift fast so weit hinauf zu rücken 
ist, so hat doch keine die Mastrichter mundart bewahrt, in welcher das gedieht 
verfasst ist. So standen Behaghel nur einige Urkunden und ein statutenbuch 
Mastrichts zu geböte , alles der natur der sache nach erst aus dem 14. Jahrhundert, 
und von litteraturdenkmälern nur der Servatius, den Behaghel als eine jugeud- 



ÜBER IIEINK. V, VELDEKE ENEIPE ED. BEHAGHBL 107 

arbeit Veldekes erweist; aber auch von diesem uur die reinibindungcn , Aveil er 
ebenso wenig wie die sogeuanten Limbiirgor predigten Z. f. d. a. II reinen Mastrich- 
ter dialect zeigt: also kein einziges gleichzeitiges Sprachdenkmal. Dem entspre- 
chend gewährt denn die Untersuchung der spraclie Veldekes (einleitung s. 39 — 97) 
eine reihe minutiöser erwägungen, welche sorgfältig durchdacht erscheinen und 
meist hervorgegangen sind aus dem bestreben, sich über die anwcndung bei her- 
stellung des textes klar zu werden, aber vielfach nicht über subjcctivc entschei- 
dungen hinauskommen. Zu einem gofülil der Sicherheit kann man beim lesen nicht 
gelangen. Erst widerholte nachprüfung und anderweitige Zeugnisse können die 
einzeluntersuchungen ins rechte licht stellen. Als resultat „ergibt sich (einl. s. 102) 
eine völlig befriedigende Übereinstimmung zwischen den aussagen der verschiedenen 
quellen, der poetischen deukmäler einerseits und der prosaischen wie des modernen 
dialects andrerseits. Zugleich gewinnen wir die klare Überzeugung, dass die ver- 
schiedenen werke Veldekes , Servatius , Lieder , Eneide in einer und derselben mund- 
art abgefasst sind.'- Auffallend ist es, dass Behaghel über die Stellung der ein- 
zelnen handschriften zu dem ursprünglichen dialecte kein wort sagt. Es ist doch 
wahrscheinlich, dass sich spuren desselben in ihnen finden, wenigstens in den 
bruchstücken des 12. Jahrhunderts und etwa der handschrift h, deren vorläge, wie 
(einl. s. 8) vermutet wird, sehr alt war. 

Das Verhältnis der handschriften wird einleitung s. 1 — 36 behandelt. Das 
resultat lautet: „ausser den dreizehn handschriften, die im ganzen (sieben) oder in 
fragmenteu auf uns gekommen sind, lassen sich noch neun weitere (die vorlagen 
jener) erschliesseu. In der gruppe X ist es die handschrift G (Gothaer), in der 
gruppe Y die handschrift h (Heidelberger 403), welche den höchsten rang einneh- 
men. Ohne diese beiden wäre eine einigermassen befriedigende herstellung des 
textes nicht durchzuführen." 

Der vierte abschnitt der einleitung handelt von der metrik. Hier wird u. a. 
s. 117 auch die tonversetzung besprochen und zu den compositis mit on- die son- 
derbare anmerkung gemacht: „eigentlich gehört das nicht in eine metrik, sondern 
ist sprachlicher natur; noch heute haben wir neben einander unmöglich und unmög- 
lich. Das ist überhaupt der grosse irtuni unsrer metrischen darstellungen , dass 
sie accentfragen als teile der metrik geben." Offenbar sind doch diese accentfragen 
nur in gedichten fühlbar und in der metrik festzustellen. Nur das ist selbstver- 
ständlich unberechtigt , solche abweichungen vom gewöhnlichen als widersprachliche 
ausnahmen hinzustellen, unmöglich ist auch jezt das gewöhnliche und natürliche, 
unmöglich nur betonung des affects. Dass man unmöglich betont , ist unwahr- 
scheinlich. Interessant sind hierfür die beispiele, in welchen durch betonung 
sprachlich geschieden wird, wie ungeheuer subst. , ungeheuer und ungeheuer adj. 

Wichtiger ist eine andre anmerkung (einl. s. 83) desselben kapitels, welche 
die frage nach der betonung stärke he oder stärke he anrührt, auf die „gewichtigen 
gründe Hügels" (Über Otfrids versbetonung s. 7 fg.) für die erstere (Bartschs) auf- 
fassung hinweist und endlich zu erweisen sucht, dass dies auch die natürliche 
betonung sei gegen Eödiger (Literaturzeitung 1881 no. 26) , durch beziehung auf 
die musik. Es heisst da: „entscheidend für die vorliegende frage ist die behandluug, 
welche die umstrittene silbengruppe im musikalischen recitativ erfährt, das ja im 
wesentlichen den sprachlichen rhythmus widergibt. Eine silbengruppe wie liehen 
den mann wird entweder so wiedergegeben, dass die beiden zwischen den hoch- 
tönen stehenden silben gleiche quantität haben, oder dass der ersten mehr quan- 
tität zukomt, niemals umgekehrt, dass die zweite mehr quantität besässe." Für 



108 KINZEL 

das übergewicht der ersten silbe werden dann beispiele aus Haydn, Mozart, Weber, 
Mendelssohn angeführt. Diese mögen, abgesehen von Mozart, der italienischen 
text componierte , unangetastet bleiben. Dennoch ist die behauptung Behaghels 
falsch. Dass das recitativ für dieselbe spricht , ist ganz erklärlich , weil in ihm fast 
nur grade tactart zur anwendung komt. Ungeeignet aber erweist es sich beson- 
ders deshalb, weil das recitativ grade des festen rhythmus entbehrt. Die sache 
aber verhält sich mit der musikalischen betonung der figur — ^-^ v.^ — so : 1) im 
graden tact ist folgendes möglich : C j ' f** 1^ M oder C ' ^^ "^ M 2) im 
ungraden tactc meist #1 ^ 1^ ^ 1 J wofür sich bisweilen findet #1 ^ h ^ I I 
und -ä- ^ ^ MI lezteres namentlich in der cadenz. So schliesst Händel 
Jud. Mac. no. 21 : 

^ m \ . 0^ \ ' 0^ \ S 

Je - ho - va den Völkern bekant 
Beispiele für die einteilung f | ,^ ^"^ ^^^ | J sind sehr häufig: Seb. Bach 
Werke XXIV s. 124. 125: ruhest du noch. Ermüntre dich doch. Im schlafe des 
ewigen. Händel: Passion nach Job. (werke IX s. 7) felder um Jericho. Passion 
nachBrockes (werke XV s. 144) erzittert, ihr sterne. Haydn cah. IX s. 94 bringt 
liebe nur schmerzen. Mozart cah. V, 78 schon klopft mein liebender« büsen vor 
freiiden. Zelter in Goethischen und Schillerschen liedern : Konig in Thule. Bei 
dem glänze der. Da droben auf. Schweigen im. Trähnen vergeblichen. Wecken 
den töten nicht auf. Mendelssohn op. 34 no. 2 heimlich erzählen. 47, 6 
schlümmre und träume von. 

Diese und viele andre beispiele ^ beweisen, dass sich aus der musik nichts für 
die frage im sinne Behaghels ausmachen lässt, wie es ja auch an sich von zweifel- 
haftem werte bleibt, aus der modernen auffassung auf die alte betonung zu exempli- 
ficieren. Wichtiger scheint es mir auf die modi des Franko von Köln hinzuweisen, 
welcher den dactylus so ausdrückt: |- <=>• | p> o 1 «■• j p lO j o». ^\^ während 

er der ersten silbe drei zeiten gewährt , legt er auf die zweite nur eine , auf die 
dritte aber zwei, oder mit andern worten: er betont die dritte silbe höher als die 
zweite. 

Im fünften abschnitt gibt Behaghel sorgfältige und scharfsinnige beobach- 
tungen stilistischer eigentümlichkeiten Heinrichs. Es berührt woltuend, dass der 
herausgeber seinem dichter nüchtern gegenüber steht und ihm nicht von vorn her- 
ein in Parteilichkeit alles zum rühme auslegt. Er beurteilt Heinrichs stil als breit 
und umständlich. Den rechten eindruck von dem verfahren des dichters empfan- 
gen wir erst in dem folgenden kapitel , wo der vergleich der Eneit mit der noch 
ungedruckten quelle, dem roman d'Eueas, soweit sich dies beurteilen lässt, sorg- 
fältig ausgeführt ist. Alles ist tibersichtlich in kategorien nach guten gesichts- 
punkten geordnet, und so ein wertvoller beitrag zur geschichte des epos im 12. jh. 
geliefert. Es ergibt sich , dass Heinrich seine vorläge erheblich gekürzt hat. Es 
lässt sich zwar nicht immer angeben , aus welchem gründe ; doch sind folgende 
gesichtspunkte merkbar: er entfernt alles was nicht direct mit der handlung zusam- 
menhängt oder dem geschmacke seiner zeiner nicht entsprach. Dagegen erwei- 
tert er den stoff besonders den personen zu liebe, welche im mittelpunkte der 

1) Ich verdanke dieselben der gute meines verehrten collegen professors lleinr. 
Et'llermann. 



ÜBER HEINR. V. VELDEKE ENEIDE ED. BEHAGHEL 109 

handlnng stehen. So sind ausgeführt: die Verliebtheit der Dido 847- 79, die 
Schilderung des bettcs des Eneas 1270 — 91, die schlaflose nacht der Dido 1342 — 
1432 (40 verse im original) , kampfcsschilderungen , reden und andres. Ausserdem 
findet sich eine reihe von selbständigen Zusätzen, besonders zu dem zwecke, unge- 
nügende oder ungeeignete motivierungen zu verbessern, bezw. Widersprüche dos 
Originals zu beseitigen. „Ziehen wir nun die summe aus uusrer vergleichung zwi- 
schen dem altfranzösischen und dem deutschen gedieht, so müssen wir sagen, dass 
die Umarbeitung wesentlich dem original gegenüber gewonnen hat; und Veldeke 
zeigt sich uns als ein wolüberlegender künstler und als ein fein beobachtender, 
nicht auf der oberüäche haftender menschenkenner." 

Die lezten abschnitte beschäftigen sich mit dem biographischen und dem 
Verhältnis der Eneit zu den übrigen werken des 12. und 13. Jahrhunderts. Für die 
Vollendung der Eneit nimt Behaghel zunächst (gegen v. Muth) an , dass Heinrich 
den epilog vor dem tode Fridrichs I. geschrieben habe. Die scheinbar für eine 
spätere abfassung des epilogs sprechenden verse 13242 (Ettm. 347, 34) her levet 
flenoecli noch hüde die't wetcn wärlike sollen als formelhaft erwiesen werden durch 
hinweis auf die bemerkung bei Cacus 6048. * Dies scheint mir wenig überzeugend 
denn die sache liegt wol dort etwas anders. Hier erzählt Heinrich in grosser leben- 
digkeit vom Mainzer fest, wo Fridrich zwei söhnen schwert gab, wo bewirtung 
und beschenkung in überfluss war: „ich glaube, alle die jezt leben, haben kein 
grösseres fest gesehen. Ich weiss nicht was noch werden soll , aber in der Ver- 
gangenheit gabs kein herlicheres." Und nun folgen die citierten worde, mit denen 
sich der dichter von neuem an seine zuhörer wendet. Sie werden schwerlich mehr 
bedeuten als: „unter euch sind noch genug, die es selbst gesehen haben." Jedeu- 
fals ist die warnung Behaghels berechtigt , solche stellen nur mit äusserster vor- 
sieht zur datierung zu verwenden. Denn die Eneit muss wegen des titeis pfalz- 
graf für Herman vor dem herbst 1190 verfasst sein, also kaum sechs jähre nach 
dem betreffenden hoffeste. 

Auf die zeit vor 1190 soll auch das lied Fridrichs von Hausen MF 42, 1 
führen. Ich vermag nicht einzusehen, warum man nicht vor Veldeke die bekant- 
schaft mit dem Verhältnis der Dido zu Eneas in weiteren kreisen annehmen soll, 
und mehr setzen doch die worte nicht voraus: „du köntest Eneas sein, ich würde 
doch nicht deine Dido." Behaghel selbst nimt an, dass Heinrich den Vergil gelesen 
hatte, und ich denke, die erwähnung eines Toiere liedes im Alexander'^ und die 
auffindung der Trierer bruchstücke mahnen zur vorsieht. Behaghel wirft die frage 
gar nicht einmal auf, während doch Müllenhoff Z. f. d. a. 14 auch nur gesagt hatte, 
er nehme es unbedenklich an. Wie es scheint hat sich Behaghel hier vor einem 
cirkel nicht gehütet. Müllenhoffs annähme beruhte auf der Voraussetzung, dass 
Fridrichs von Hausen lied entstand , als das epochemachende werk Heinrichs eben 
bekant geworden war. Nun macht der herausgeber den rückschluss, Heinrichs 
werk müsse daher vor jenem liede entstanden sein. Wichtiger ist für die nähere 
fixierung die angäbe s. 163: der im epilog (353, 40) erwähnte Fridrich wurde erst 
1186 graf von Ziegenhain . war vorher probst. „Wir würden also die jähre 1186 — 
1188 als die zeit erhalten, in welcher die Eneide vollendet wurde." Leider kann 
Behaghel für die Sicherheit des datums 1186 nicht einstehen; es beruht auf Wegele^ 
Ann. Eeinhardbrunn. s. 32. 

1) et was ein dach, dat Hercules ein wonderlich dier da ersloech , dat hen lei- 
des dede genoech. der lüde et vele erbeit, alse man noch wale weit. Ettm. 168, 18. 

2) Die bekantschaft eines solchen sezt ja auch der eingang der Eneit voraus. 



110 KINZEL 

Die frage nach der Identität des Servaz- und Eneit - dichters wird s. 165 fg. 
noch einmal zusammenfassend erörtert. Es ergibt sich, dass der Servaz das ältere 
werk desselben dichters ist, gewidmet der zweiten Agnes, der geraahliu Ludwigs I. 

In bezug auf das verlorene gedieht Heinrichs von Salomon und der Minne, 
welches man auf grund der angäbe des Moritz von Craon 1156 fg. annimt, kann 
Behaghel s. 173 <lcn verdacht nicht unterdrücken , dass diese angäbe aus verwirten 
erinnerungen an die Eneit und an Veldekes anspielung MF 66 , 16 entstanden sei. 
Zunächst ist zu bemerken . dass die anspielung in dem liede diu minne twanc e 
Salomöne ganz algemein ist und sich durchaus nicht auf das gedieht Heinrichs 
zu beziehen braucht: denn der gedanke findet sich z. b. auch Parz. 289. 16 der 
■minne er muose ir siges jehen, diu Salomonen onh hetivanc. Bei Moritz von Craon 
aber handelt es sich zunächst um ein kostbares bctt, das er in 50 versen beschrie- 
ben hat und dessen herlichkeit endlich erhöht wird durch den hinweis auf das von 
Veldeke beschriebene, auf dem Salomo schlief. Es fehlt also jeder positive anhält, 
hierbei an Eneas zu denken, den ja auch gar nicht Venus schoss , sondern Amor. 
Die Vermutung entbehrt also jedes anhalts, und die annähme darf bestehen bleiben, 
dass in der stelle des Moritz von Craon dem Heinrich ein uns unbekantes gedieht 
zugeschrieben werde. 

Wertvoll ist der abschnitt, welcher die Überschrift trägt „die persönlichkeit 
des dichters." Hier untersucht der Verfasser, woher der dichter das nicht in der 
quelle stehende material hatte und weist Heinrichs kentnis lateinischer und deut- 
scher quellen nach. Einige der aufgezählten berührungen mit der litteratur des 
12. Jahrhunderts lassen natürlich keinen schluss auf die abhängigkeit zu; bei eini- 
gen ist aber sogar der grund der erwähnung nicht erkenbar wie bei Alex. 71 dö 
si sine wunder rehte merken began =- En. 2717 he marcde si rechte. Über den 
umfang des Vorauor textes hat sich Behaghel wie es scheint durch Weismanns 
anmerkungen täuschen lassen. V fehlt nicht erst von 3177 an, sondern alle stel- 
len auf s. 183 lassen keinen vergleich mit V mehr zu. Dass Heinrich noch viel- 
mehr von dem Strassburger Alexander abhängig war , als aus den aufgeführten 
stellen erhelt, glaube ich in dieser ztschr. 14, 1 fgg. nachgewiesen zu haben. 

War aus Behaghels darstellung schon widerholt hervorgegangen, dass 
V. Muths bestreben, die bedeutung Heinrichs herabzusetzen, verfehlt ist, so erhelt 
dies positiv aus dem VIIl. capitel , welches den einfluss der Eneit auf die dichtung 
der folgezeit nachweist. Berücksichtigt werden Grave Rudolf, Moritz von Craon, 
Albrecht von Halberstadt, Meister Otte, Herbort, Ulrich von Zazikhofen, Hart- 
maun, Wolfram, Gotfrid, Wirnt, Konrad Flecke, Mai und Beaflor, Ulrich von Lich- 
tenstein , Wernhcr vom Niederrhein, Karl Meinet. Besonders umfangreich ist Eil- 
hart von Oberge behandelt, weil Behaghel hier der ansieht Lichtensteins nicht 
zustimmen zu können glaubt, vielmehr die priorität der Eneit behauptet. Ich muss 
den beweis als raislungen bezeichnen. Zwei gründe sollen erweisen , dass Eilhart 
aus Veldeke geschöpft habe: 1) die fraglichen stellen, welche abhängigkeit ver- 
raten , stehen bei Heinrich in besserem Zusammenhang als bei Eilhart; 2) sie leh- 
nen sich in der Eneit an das original an. Dagegen ist folgendes zu bemerken : 
1) wenn sich der begabtere dichter an den Tristan um des verwanten steifes willen 
anlehnte, ohne ihn auszuschreiben, so konte er selbstverständlich die Situationen 
geschickter benutzen, alles feiner und schärfer gestalten. 2) Die Übereinstimmung 
mit dem Original der Eneit ist kein hindernis; denn a) keine der fraglichen stel- 
len ist eine wörtliche entlehnung; b) die französischen stellen sind nirgend wört- 
lich übersezt, sondern Heinrich hat ihnen nur die gedanken entnommen; bei der 



ÜBER HEINR. V. \'ELnEKR ENRIDE ED. BEHA6HEL 111 

iibertragung hat er sich aber an Eilhartsche fassungeii angeleimt, oft vielleicht 
ganz unwilkürlich , weil ihm dieselben im sinne lagen. Das umgekehrte Verhältnis 
anzunehmen bedürfte einer ganz besonderen rechtfertigung. Denn es wäre doch 
das natürlichere, dass der geistesärmere Eilhart sich enger an den besseren Vel- 
deke angeschlossen , ihn wörtlich ausgeschrieben und nicht erst seine feineren gedan- 
ken sorgfältig verbalhornt hätte. 

Unterdessen hat der angriff Behaghels schon eine Zurückweisung von Lich- 
tenstein selbst erfahren Z. f. d. a. 26, 13 fg. Mit recht macht er darauf aufmerk- 
sam, dass dieser seine gründe für die priorität des Tristan nicht widerlegt habe 
und auf das Verhältnis Eilharts zum Strassburger Alexander nicht eingegangen sei. 
Nachdem er auf die einzelnen von Behaghel herangezogenen stellen näher ein- 
gegangon ist, hebt er noch einen wichtigen punkt hervor, welcher dem herausgeber 
der Eneit ganz entgangen zu sein scheint. Sein hauptgrund für die priorität Vel- 
dekes war der, dass die fraglichen stellen in der Eneit sich auf das original 
stüzten. Er wird hinfällig durch die naheliegende annähme, dass die unbekante 
vorläge Eilharts schon in nahen beziehungen zu der Heinrichs gestanden habe 
oder wenigstens viele ähnlichkeiten aufzuweisen hatte. 

Auch Wilraanns hat neulich Eilhart einen plagiator Veldekes genant. Man 
muss abwarten , worauf sich seine annähme stüzt. Besserer gründe . als sie hier 
vorgelegt sind, wird es bedürfen, die bisherige ansieht zu stürzen. 

Während der apparat unter den text gesezt ist, folgen demselben etwa 
25 selten anmerkungen. Sie sind zum teil der textkritik gewidmet; weder für die 
erklärung schwieriger stellen, noch für den Sprachgebrauch des dichters und der 
dichtungen des 12. Jahrhunderts sind sie ausgiebig genug. Einige beispiele mögen 
dies begründen. Zu 1003 he quam in den gebäre als er onsinnicli vxtre werden 
drei stellen aus dem Alexander citiert. Dies muss den schein erwecken , als komme 
die redensart in dem f/ehere als nur noch dort vor. Sie findet sich aber in der 
Eneit selbst noch 2731. Ferner Koth. 2097. 2167. 2755. 4954. Eilh. 4454. Diem. 
Kaiserchr. 316, 3. Glaub. 2397 , und das häufige vorkommen in der Spielmanns- 
dichtung bezeugt Vogt Morolf vorr. s. 154. 

Zu 4015 sal es gelucke walden findet sich citiert En. 4470. Tr. Ployris 244. 
Parz. 701. 27. W. v. 0. 7966. Es fehlen folgende wichtige stellen En. 5985. 9696. 
Alex. 6292. sol is gehicke walden : hehalden. gelucke wielt Eilh. 8677. Eud. H 26. 
Zu 4803 die heren heren toren an Jiem so sere räken end hem sin hüs brä- 
ken finden sich zwei stellen aus Kehr. : sorn rächen : müre brächen : anden rächen. 
Sollen sie entlehnung bezeugen oder die phrase belegen? zunächst muste doch die 
Eneit selbst zuverlässig ausgenuzt werden, wo sich die phrase mit demselben reim 
noch findet 2088. zorn rechen 2345. 7258. Vgl. Alex. 2181. 2798. 6288. 6980. 
Rol. 5926. Eoth. 4113. Eilh. 2508. anden rechen kernt, wie es scheint, in En. 
nicht vor, ist aber im Alex, und sonst nicht selten. 

In der einleitung s. 146 findet sich die bemerkung : „statt der vom afr. dich- 
ter mehrfach auf einander getürmten gewölbe beim grabdeukmal der Kamille sind 
es bei Veldeke nur zwei. So viele aber auch ganz sicher; Schultz hat das verkant, 
und seine Vorstellung Höf. leb. II, 418 ist darum verfehlt." Da ich in dieser 
ztschr. 13, 127 eine abweichende erklärung der schwierigen stelle versucht hatte, 
so suchte ich aufklärung in den anmerkungen zu den versen, aber vergeblich. 

Zum schluss wollen wir nicht verfehlen mit anerkennung hinzuweisen auf 
den grossen fleiss und die energie des geistes, welche die bewältigung einer so 
umfangreichen und mit ausserordentlichen Schwierigkeiten verknüpften aufgäbe 



112 y PIETSCa 

erforderte. Ausstellungen im einzelnen zu machen ist oft nicht schwer. Leistun- 
gen wie die vorliegende wollen aber vor allem beurteilt sein als ein ganzes , und 
den Dfiassstab geben zugleich das gesteckte ziel und die zu überwindenden hin- 
dernisse. 

BERLIN, 13. MÄRZ 1882. KARL KINZEL. 



Der Codex Teplensis enthaltend Die Schrift des iiewen Geczeuges. Älteste 
deutsche Handschrift, welche den im XV. Jahrhundert gedruck- 
ten deutschen Bibeln zu Grund gelegen. Erster Theil. Die vier 
Evangelien. München 1881. Druck und Verlag des Literar. Instituts von 
Dr. Max Huttier. 8 und 157 s. 4». M. 6. 

Es ist eine sehr auffällige erscheinung, dass die vorlutherische gedruckte 
deutsche bibel bisher von der forschung fast gänzlich vernachlässigt worden ist. 
Ganz abgesehen von den theologen wissen auch die deutschen litterarhistoriker, 
selbst wenn sie sonst die übersetzungslitteratur von ihrer betraclitung nicht aus- 
schliessen , nur weniges und ungenaues von ihr zu sagen. Zum beweise sei nur auf 
Wackernagels und Kobersteins werke verwiesen, auch in ihren neueren auflagen. 
Es mag hier unerörtcrt bleiben , ob und wie weit ein falscher eifer für die sache 
des Protestantismus zu dieser Vernachlässigung anlass gewesen ist; Biltz, der das 
verdienst hat, in neuester zeit^ nachdrücklich auf die vielfachen interessanten sel- 
ten hingewiesen zu haben, welche die vorlutherische bibelttbersetzung darbietet 
(vgl. Herrigs Archiv 61, 369 fg.) , neigt sehr der ansieht zu, dass man in der tat 
bis heute vielfach in dem glauben befangen gewesen sei, Luthers verdienst könne 
geschmälert werden, wenn man das Vorhandensein einer deutschen bibelübersetzung 
vor ihm zugestehe und derselben irgend welche nähere aufmerksamkeit schenke. 
Nun, wenn dieser aberglaube wirklich bestanden hat oder besteht, so ist es hohe 
zeit, denselben bei seite zu werfen: Luthers bibelübersetzung, die schon dadurch, 
dass sie auf den grundtexten beruht, die Vorgängerin überragt, die hinsichtlich 
der deutschheit und kraft des ausdruckes auch von keiner uachfolgerin erreicht 
worden ist, bedarf es doch wahrlich nicht, dass man ihr zu liebe die ältere Über- 
setzung gegen die Wahrheit als eine sklavische widergabe der Vulgata verdäch- 
tigt. So wenig Luthers bedeutung durch das Zugeständnis herabgemindert wird, 
dass der geist, der ihn erfülte, schon vor ihm lebendig und wirksam war, ebenso 
wenig wird der tatsache , dass er zuerst dem deutschen volke eine wahrhaft deut- 
sche bibel gegeben, etwas abgebrochen durch die anerkennung, dass das streben 
nach deutschem bibelwort durch das ganze mittelalter vorhanden war, dass sich 
dasselbe im XIV/XV. Jahrhundert mächtiger als je vorher geltend machte und dass 
die hervorragendste manifestation dieses strebens eben die vorlutherische gedruckte 
bibel ist. Eines mannes wirksame grosse besteht ja doch nicht darin , dass er ganz 
neue und darum den Zeitgenossen unverständliche ziele anfstelt und anstrebt, sondern 
darin, dass er das, was seine zeit bewegt, ausspricht und in die tat umsezt. — Die 
nahe liegende und interessante frage, ob und wie weit Luther die Vorgängerin 
gekant und benüzt , ist , vielleicht eben deshalb , weil mau Luther als einen einsamen 
heros zu denken liebte, bisher einer gründliclien Untersuchung nicht unterzogen 
worden; berührt ist sie allerdings mehrfach, vgl. Biltz a. a. o. 386 fg. Dass 
Luther die ältere Übersetzung gekant, ist wol unzweifelhaft; das gegenteil läge 

1) Scheu viel früher hatte dies , wenn gleich nicht so eingehend , Joh. Geffcken 
„Der bilderkatechisnnis des 15. jhs." (1855) s. G fg. getan. 



ÜBER COD. TEPTiENSIS ED. KLIMESCH 113 

nicht mehr im bereich des wahrscheinlichen, ja des möglichen als etwa die unbe- 
kantschaft eines heutigen Homerübersetzers mit seinem Vorgänger Voss. 

Ganz ebenso wenig wie von selten ihrer bedeutung für die deutsche geistes- 
goschichte, ja noch weniger ist die vorlutherische bibelübersetznng hinsichtlich ihrer 
bedeutung als deutsche sprach([uelle gewertet und ausgebeutet worden. Im Grimm- 
schen Wörterbuche finden wir nur seltene belege aus der bibcl von 1483 angeführt, 
welche nicht einmal aus der quelle selbst, sondern aus Friscli geschöpft sind; in das 
quellenverzeichnis hat die bibel von 1483 erst R. Hildeliraiid (bd. V) aufgenommen. 
Dass die vorlutherische bibel von Müller -Zarncke nicht berücksichtigt wurde, ist 
selbstverständlich, aber auch Lexer, der ja die zeitlichen grenzen des „mhd. Wör- 
terbuches" bis zum XV. Jahrhundert erweiterte , führt sie im quellenverzeichnis nicht 
auf, gelegentlich wird allerdings (z. b. unter gemeinsamen -unge) die ausgäbe von 
1483 citiert. Schmeller hat sich, wie es scheint, unsere bibelübersetzung, die in 
ihrer ältesten gestalt zweifellos der bairischen mundart angehört, ganz entgehen 
lassen, im quellenverzeichnis wenigstens fehlt sie. Kohrein , der doch selbst über 
die deutsche bibelübersetzung vor Luther ein buch geschrieben , hat in seiner „Gram- 
matik der deutschen spräche des XV. — XVII. jhs." nur die sog. 4. deutsche bibel 
(Nürnberg zw. 1470 und 73) benüzt. Ganz abgesehen davon, dass hier ebenso 
wenig wie bei Lexer von einer wirklichen ausbeutung der betreffenden drucke die 
rede ist, ist die alleinbenützung derselben auch darum nicht zulänglich, weil in 
der 4. ausgäbe die spräche einer durchgreifenden modernisierung unterzogen wor- 
den ist, und die späteren ausgaben auf der grundlage der 4. bibel beruhen. 
Citiert man also die vorlutherische bibel nach der ausgäbe von 1470/73 oder 1483 
statt nach der von 1466, so tut man wesentlich nichts anderes, als Avenn man das 
Nibelungenlied nach einer der späten handschriften anführte. Den grund dieser 
nichtbeachtuug von selten der deutschen grammatiker und lexikographen zu finden, 
ist schwer; Seltenheit der exemplare der vorlutherischen bibel kann kaum geltend 
gemacht werden: die bibliotheken zu Berlin, Wien, München, Stuttgart und viel- 
leicht noch andere besitzen sämtliche 14 drucke; in den beiden Breslauer biblio- 
theken sind wenigstens die meisten vorhanden und ähnlich wird es auch wol ander- 
wärts bestelt sein. 

Der wert dieser Übersetzung für die geschichte der deutschen spräche ist ein 
sehr bedeutender schon durch den äusseren umfang. Dann aber gewährt uns der 
umstand, dass man in der 3., besonders aber in der 4. ausgäbe die spräche moder- 
nisierte und in den späteren ausgaben dieses modernisierungswerk im kleinen fort- 
sezte, vielfache einblicke in die Substanz der damals in der bildung begriffenen 
gemeinsprache. Freilich müste erst eingehende Untersuchung dasjenige, das als 
algemein veraltet entfernt wurde, zu scheiden suchen von dem, das man als zu 
sehr lokal (bair.) gefärbt eliminierte. Die Untersuchung müste in ähnlicher weise 
geführt werden wie die, welche H. Rückert, Gesch. d. nhd. Schriftsprache II, 92 fg. 
über das glossar angestelt hat, welches der Basler drucker Adam Petri seinem 1523 
erschienenen nachdruck von Luthers Übersetzung des neuen testamentes beigab. 
Worte wie michel lützel tougen maere (fama) eischen ivinster zese hatten einst 
oberd. wie md. gegolten, wenn sie nun in den späteren drucken der bibel durch 
gross klein heimlichheit gerücht bitten (ge)line gerecht ersezt werden, so wird der 
grund davon in dem umstände zu suchen sein, dass jene werte in der gemein- 
sprache keine stelle gefunden hatten , dass sie vom Standpunkte der gemeinsprache 
aus als veraltet angesehen wurden. Wenn dagegen z. b. schtvegler durch ])feifer; 
käste (= spicarium) durch stadel ersezt sind, so ist freilich auch anzunehmen, dass 

ZEIT8CHR. P. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 8 



114 PIETSCH 

diese worte der gemeinsprache fremd waren , aber der grund liegt hier darin , dass 
dieselben von anfang an in ihrer geltung lokal beschränkt waren; wenigstens 
haste ist in der bedeutung spicarium in a/rahd. zeit nur aus bairischen denkmälern 
belegbar und gilt in dem gebiete der bair. mundart noch heute. Wenn weiter 
siechtuom durch hrancheit ersezt wird , so tritt darin der md. grundzug der gemein- 
sprache zu tage. Die belege für krancheit = morbus bei Lexer sind md., für 
kranc = morbidus gibt Lexer freilich auch oberd. belege, wenn man aber die 
streicht, wo kranc in Verbindung mit siech erscheint, also einfach == debilis genom- 
men werden kann, bleibt kaum etwas übrig. — Übrigens sind, was hier noch 
bemerkt sei, keineswegs alle änderungen sprachlicher natur; es macht sich auch 
ein streben nach grösserer präcision des ausdrucks geltend, so z. b. wird clamare 
vocare in den älteren drucken fast stets durch rufen gegeben; die späteren haben 
je nach bedürfnis rufen schreyen xiodern heissen. 

Auch abgesehen aber von der sprachgeschichtlichen bedeutung dieser ände- 
rungen bietet die vorlutherische deutsche bibel reiche lexikalische ausbeute. Darauf 
hat auch Biltz a. a. o. 372 fg. hingewiesen. Er nent beispielsweise als von Lexer 
gar nicht oder nur spärlich belegt: ambechter -tmg, {be)deksal, begeitigen (con- 
cupiscere) , gemeinsamen (coire fornicari) , augfane (sudarium) , die alle hier sehr 
häufig begegnen. Diesen lässt sich mit leichtigkeit anderes hinzufügen. Ich 
führe noch einige worte an, die ich mir aus den evangelien notiert habe: 
begnugde begnugsam f.: abundantia; litsuchtig: paralj'ticus ; Üblichen: vivificare; 
mislig: leprosus: in miczt, von miczt: in medio, de medio sehr häufig, Lexer ver- 
weist unter mittez nur auf Schmeller; agen st. m.: festuca, gegensatz (in dem 
bekanten werte vom splitter und balken Mt. 7; Lc. 6) trom st. m.: trabes. Für 
agen st. m. verweist Lexer nur auf Schmeller, drum belegt er nur als st. n.; der- 
kimden: annuutiare enarrare Lc. 7, 18. 22; Joh. 1, 18 u. o. Lexer verweist nur auf 
Scherz; enzeuberen, coinquinare, communicare (d. i. verunreinigen), violare Mo. 7, 
15. 18. 20. 23; Mt. 12, 5 u. o. Lexer belegt entsüvern nur aus Closener; misel 
(lepra) sezt Lexer zweifelnd als st. m. n. an, durch Lc. 5, 12. 13 erweist es sich 
als fem. usw. usw. 

Diese kurzen andeutungen mögen hinreichen, zu zeigen, wie unverdient die 
bisherige Vernachlässigung der vorlutherischen gedruckten bibelübersetzung ist. 
Über die vorliegende publikation , welche zu diesen bemerkungen anlass gab , habe 
ich bereits in dem „Literaturblatt für germanische und romanische Philologie" kurz 
referiert und die hofnung ausgesprochen, dass dieselbe dazu beitragen werde, die 
aufmerksamkeit auch der germanisten diesem stiefkinde zuzuwenden. Nicht zwar 
ein neudruck der vorlutherischen bibel wird uns hier geboten , wol aber der abdruck 
einer handschrift, welche zu dem gedruckten texte des neuen testamentes in sehr 
naher beziehung steht. Die aus der zweiten hälfte des XIV. Jahrhunderts stam- 
mende handschrift befindet sich im Präraonstratenserstift Tepl, sie rührt von ver- 
schiedenen Schreibern her und ist nicht als die Originalhandschrift anzusehen. Dass 
aber der text dieser hs. in der tat derjenige ist, welcher im XV. Jahrhundert 
gedruckt wurde, ergibt eine auch nur oberflächliche vergleichung sofort. Der Wortlaut 
beider Übersetzungen ist fast ganz derselbe, die abweichungen der drucke von der 
hs. sind im wesentlichen nur sprachlicher natur. Am nächsten stehen dem cod. 
Teplensis, der blos das neue testament enthält, die ältesten ausgaben der vorluthe- 
rischen deutschen bibel, die sog. erste, zweite und dritte deutsche bibel, in der vierten 
ist, wie bereits erwähnt, der text einer durchgreifenden revision namentlich bezüg- 
lich der spräche unterzogen worden. Es ist darum wol nicht zu billigen, dass 



ÜBER COn. TEPLKNSIS ED. KLTME9CH 115 

P. Philipp Klimesch, bibliothekar des stiftes Tepl, welchem wir die vorlie- 
gende Publikation verdanken, unter dem texte nur die Varianten einer späteren 
ausgäbe (der sog. 11. bibel, Augsburg 1487, nicht 1477, wie irtümlich im vorwort 
angegeben) mitgeteilt hat. Vielleicht war für die wähl der späten ausgäbe die im 
Vorwort ausgesprochene absieht, in der variantensamlung eine art von glossar 
zu liefern, massgebend. Vom wissenschaftlichen Standpunkt wäre natürlich ein 
Variantenverzeichnis der sämtlichen drucke am erwünschtesten gewesen : ein solcher 
apparat hätte die 14 drucke, die man docii immerhin nur relativ selten alle zur 
Verfügung hat, ersetzen können, er wäre auch wahrscheinlich gar nicht so mon- 
strös umfangreich geworden, wie es auf den ersten blick scheinen könte, weil der 
in der 4. bibel vorgenommenen redaktion die späteren ausgaben mit relativ gerin- 
gen modifikationen sich anschliessen. Orthographisches und auch sprachliches, wie 
z. b. das i u der 4. bibel an stelle des ei au aller vorhergehenden wie nachfolgen- 
den drucke hätte natürlich summarisch behandelt werden können. Wenn aber der 
herausgeber auf eine solche beigäbe, welche für die weitere forschung eine höchst 
erwünschte grundlage gewährt hätte, aus irgendwelchen gründen verzichten muste, 
so würde er wissenschaftlichen anforderungen immer noch besser entsprochen 
haben, wenn er statt der elften bibel, die erste von 1466 oder die vierte gewählt 
hätte. Wie viel näher die erste bibel dem Cod. Teplens. steht, kann man leicht 
sehen, wenn man das von Biltz a. a. o. , s. 379 aus derselben mitgeteilte stück 
(Job. 2, 1 — 11) vergleicht. Die erste bibel hat noch prautlauft; gerainigung; ze 
enphachen ein ieglich zwei mas oder drei; arcJiitriclin; anihechter ; unz nu; derof- 
fent sein tvunniklich, während die vierte bibel und darnach alle folgenden an die- 
sen stellen die änderuugen aufweisen, welche P. Klimesch verzeichnet. An ande- 
ren stellen stimt dagegen die 4. bibel noch überein mit der ersten , die von Kli= 
mesch verzeichneten abweichungen der 11. bibel, z. b. reinigung für gereinigung 
Job. 2, 6: bisz für ^mtz Joh. 2, 7 sind also erst später in den text gekommen. 
Somit geben die Varianten der 11. bibel weder ein bild von dem grade der Über- 
einstimmung zwischen dem Cod. Tepl. und den ersten drucken, noch lassen sie 
genau erkennen , was in jener hauptredaktion der Übersetzung geändert wurde. 
Nun scheinen allerdings die nach der elften folgenden ausgaben (ich konte nur 
die 13. und 14. vergleichen , die 12. war mir nicht zugänglich) sich an die 11. sehr 
genau anzuschliessen und in so fern könte man sich mit den Varianten der 11. bibel 
relativ zufrieden gestelt erklären, da in ihnen ja tatsächlich die hauptmasse aller 
Varianten zur mitteilung gelangt , wenn nicht die volständigkeit des von P. Klimesch 
gegebenen Variantenverzeichnisses sehr viel zu wünschen übrig Hesse. Ich habe 
an mehreren stellen die bibel von 1487 verglichen und überall die empfindlichsten 
lücken gefunden , welche sich nicht dadurch rechtfertigen lassen , dass der heraus- 
geber nur die „bemerkenswertesten" Varianten mitteilen wolte. Zum beweise seien 
aus Mt. 21, 1 — 11 und Lc. 18, 1 — 7 die fehlenden Varianten hierher gesezt. Mt. 21, 
2 fulen'] füllte ebenso 5, 7; 2 enjpint] löset auf; 4 dicz ist alles gelang d. i. a ge- 
schehen ; 5 siczent] -et ; 6 TFaw] Vnnd ; 7 machten in darauf ze siezen'] Messen i. 
d. sitzen; 8 Wan manig geselschaft streiveten ir gewant an den weg} mid streuwe- 
ten jre g. an den wege ; 8 toan di andern] aber die a. ; 8 streutens si] streuweten 
s.; 9 Wan di geselschaft di da vorgieng vnd di da nachuölgten, di riefen, sagent] 
Die scharen aber di do vor giengen ... seh/ryen s. ; 10 rfirr] der; 11 Wan di volk 
sprachen] vnd das volk sprach; 11 dirr] er. — Lc. 18, 1 ein gelichsam zu in] zu in 
ein geleiehnusz ; 1 ze (vor gebresten) fehlt; 2 nichten] nit; 3 Wan] vnd; 3 vnd si] 
dye ; 4 emvolt nit] wolt nicht; 4 Darnach sprach er zu imselben sagenf] vnd dar- 

8* 



116 PIETSCH, ÜBER COD. TEPLENSIS ED. KLIMESCH 

nach sprach er in jm; 5 daz si villicht icht hum an dem iwngsten tag vnd mich 
verdenke] d. sy an den iungsten nit körn vn mich nit verdrucke (in den var. ist das 
fehlen von villicht und verdrucke für verdenke notiert) ; 6 i^rteiler'] richter ; 7 wan 
tut den Got nit räch seinen derwelten di zu im ruffent tags vnd nachts, vnd ei' 
wirt haben di gefridsam in in] gott aber wirdt er nit räch thim seine)' außen'welten 
die do schreyen zu jm tag vnd nacht vnd hat gednilt in jn. (in den var. ist nur 
gefridsam] gedult angegeben !). Diese beispiele werden genügen , um meine obige 
behauptung zu beweisen ; von den diiferenzen in der lautgestalt und Schreibung 
der Worte habe ich dabei ganz abgesehen. Nimt man sie hinzu , so wird das defi- 
cit noch bedeutend grösser. Und doch scheint es fast, als hätte der herausgeber 
beabsichtigt, auch die sprachlichen und orthographischen Varianten anzuführen, 
denn zuweilen finden wir solche verzeichnet, z. b. Mt. 21, 4 gesait] gesagt; 8 stre- 
weten] streüweten, esste] öste ; Lc. 18, 4 nit fm'cht] nicht furcht; 21 han ich] hab 
ich usw. Warum diese Varianten „bemerkenswerter" sein solten als die oben als 
fehlend angeführten, wird gewiss niemand einsehen können. Der herausgeber hat 
sich offenbar, was er tun muste, wenn er ein eklektisches verfahren beobachten 
wolte, ein festes prinzip für das aufzunehmende und auszuscheidende nicht gebildet. 

Die befürchtung, welche nach konstatierung dieser tatsachen erwachen muss, 
dass es nämlich auch mit der beanspruchten diplomatischen treue des abdruckes 
der handschrift nicht so bestelt sei, wie man wünschen möchte, erhält leider 
durch vergleichung des abdruckes mit dem in facsimile mitgeteilten stück der 
handschrift — darüber hinaus war mir eine kontrole nicht möglich — nur zu viel 
nahrung. Nach dem facsimile ist in diesem stück (Mt. 6, 7 — 23) zu lesen: v. 11 
vnser schuldigern für vnsern seh.; v. 16 iren (hs. ire) lone für ire l. (Vulg. merce- 
dem); 17 fastentst (hs. fastetst) für fastetst; 20 schacze für ein schacze; ein ist in 
der hs. durchstrichen (Vulg. thesauros); 22 lauterer (hs lauf er) für lauter; 23 den 
(hs. de) für demi. Warum antlutz 16. 17, schätz 19, dagegen scheczen 19, schacz 
hercz 21 gesezt worden , ist niclit ersichtlich ; nach dem facsimile ist überall das- 
selbe zeichen, die ligatur cz gebraucht. — Wie weit gewisse zweifellose fehler, 
wie z. b. augsane für augfane; flehen für siclien (aegroti) ; ficht für sieht (vidit); 
iffet für isset (manducaverit); genallen für geuallen; nazzen für uazzen (induere) ; 
stnnd für stu/nd dem schreibet der hs. oder dem herausgeber derselben zur last 
fallen , lässt sich nicht sagen. Wenn die drei Schreiber des codex alle u und n 
so genau unterschieden haben, wie der, von dem das facsimilierte stück herrührt, 
so muss man eine Verwechslung beider buchstaben durch den herausgeber für 
unmöglich halten. 

Es ist zu bedauern , dass der wert der vorliegenden publikation durch diese 
mängel nicht unbedeutend vermindert wird. An sich aber ist sie von Wichtigkeit 
schon deshalb, weil sie einen teil des textes der vorlutherischen bibelübersetzung 
leicht zugänglich macht und hoffentlich zu Untersuchungen über dieselbe anregen 
wird. Sie ist speciell deshalb von Wichtigkeit, weil sie uns den einblick gewährt 
in ein bisher unbekantes, noch vor dem ersten drucke liegendes stadium dieses 
bibeltextes. Es wäre zu wünschen, dass der herausgeber in den folgenden liefe- 
rungen die Varianten des druckes von 1487 mit grösserer genauigkeit verzeichnen 
und durch eine nochmalige collation der handschrift die in der vorliegenden liefe- 
rung enthaltenen versehen des abdruckes eruieren und in einem nachtrage mittei- 
len möge, damit wenigstens innerhalb der von ihm selbst gesteckten grenzen 
grössere Zuverlässigkeit erreicht werde und seine ausgäbe eine brauchbare grund- 
lage für weitere forschungen abgeben könne. Solte es sich aber einmal ermöglichen 



BÖTTICHER, ÜBER BETHGE , WIRNT 117 

lassen, dass auch die sog. „Kaiser Wenzel-Bibel" Gidschr. der hof- und Staats- 
bibliothek zu Wien), welche das alte testameut enthält und nach der bemerkung 
im Vorwort zu der gedruckten vorlutherischen bibid in ähnlichem Verhältnis steht, 
wie der Cod. Teplens., durch den druck zugänglich gemacht werde, so möge man 
da wenigstens ein volständiges Verzeichnis der Varianten der drucke nicht fehlen 
lassen. Wir glauben, dass alle, denen es um wissenschaftliche fragen zu tun ist, 
für ein solches gern die schone ausstattung der ersten lieferung des Cod. Teplens. 
in kauf geben würden. Für den biblioi)hilen ist der in prächtiger Schwabacher 
Schrift ausgeführte druck mit seinen roten kapitel- ixnd Seitenüberschriften gewiss 
eine wahre augenweide und auch wir anderen lassen *!S uns gern gefallen, dass 
hier ein deutscher text des ma. einmal nicht in dem gewohnten gewande der anti- 
qua erscheint, vorausgesezt dass durch diese äusserlichkeiten der preis nicht unver- 
hältnismässig gesteigert wird. Der preis dieser ersten lieferung (6 m.) darf wol 
als ein relativ massiger bezeichnet werden. 

KIEL, AUGUST 1881. PAUL PIETSCH. 



Wirnt von Gravenberg, eine literarhistorische Untersuchung von 
Dr. Richard Bethge. Berlin, Weidmann 1881. 79 s. m. 2. 

Das Verhältnis der höfischen dichter zu ihren quellen festzustellen ist ein 
bedürfnis, das zwar immer vorhandeu gewesen, aber doch erst in jüngster zeit 
mehr in den Vordergrund getreten ist. Hatte man sich bisher im wesentlichen 
damit begnügt, zu wissen welche französische dichtung die deutschen dichter 
bearbeitet und welche deutschen gedichte sie schon gekant oder benuzt haben, so 
sucht man neuerdings das Verhältnis zu ihren quellen im einzelnen zu charakteri- 
sieren und daraus eiu sicheres urteil über das mass ihrer künstlerischen befähiguug 
zu gewinnen. Es ist klar, dass in der tat hier der wichtigste massstab für eine 
umfassende beurteilung des dichters liegt, denn sein dichterisches können nicht 
minder als sein Charakter, seine denk- und empfindungsweise niuss sich hier offen- 
baren. Nun sind dahin abzielende Untersuchungen freilich nicht immer lohnend, 
ja sie gelangen oft nur bis zu einem gewissen grade von Wahrscheinlichkeit, wenn, 
wie bei Wolframs Parzival, die hauptquelle verloren ist, aber um so dankbarer ist 
die aufgäbe, wenn man bestirnte grossen hat, mit denen zu rechuen ist. Dies 
ist der fall beim Wigalois Wirnts von Gravenberg, und hier mit einer gründlichen 
und methodischen Untersuchung eingesezt zu haben ist das verdienst der im fol- 
genden kurz zu besprechenden arbeit Bethges. 

Völlig sachgemäss behandelt der Verfasser seinen stoff in zwei teilen , deren 
erster feststelt, welches französische gedieht als die mittelbare quelle Wirnts, d. h. 
als das der erzählung seines knappen zu gründe liegende werk anzusehen sei, und 
deren zweiter die bearbeitung dieses werkes durch Wirnt im einzelnen erörtert. 

Über Wirnts quelle hat zulezt A. Mebes im Neumünsterischen programm 
von 1879 geschrieben. Neben manchen irtümern und ohne hinreichend methodische 
Untersuchung war er doch zu der richtigen ansieht gekommen, dass Renauld de 
Beaujeus Bei inconnu die fragliche quelle Wirnts sei. Betlige gibt nun diesem 
resultate die noch fehlende wissenschaftliche begründung, indem er nachweist, dass 
es vor Eenauld sicher keine bearbeitung desselben Stoffes gegeben hat, und dass 
nach Renauld wenigstens nirgends von einer solchen die rede ist. Diese tatsache 
genügt unsers erachtens volkommen, die möglichkeit einer zweiten bearbeitung des 
Stoffes aus dem bereiche der Untersuchung auszuschliessen , zumal da der weitere 



118 BÖTTICHER 

verlauf der Untersuchung ergibt, dass das einzige, was gegen Renauld eingewen- 
det werden kann, die grosse verschiedenlieit der Wirntsclien erzählung in grossen 
partieen , niclit zwingend ist. Die spuren der erinnerung an die ursprüngliche 
erzählung, die verf. scharfsinnig im zweiten teile seiner arbeit auch in völlig 
abweichenden episoden Wirnts nachweist, heben den einwurf auf. Verf. hätte 
also s. 22 nicht den nachdruck auf die angebliche Unmöglichkeit legen sollen, dass 
zwischen 1190 und 1200 zwei dichter denselben stoiF behandelt hätten. Dass dies 
wol möglich sei, zeigt die neuerdings erwiesene existenz der von Wolfram benuz- 
ten Parzivaldichtung Guiots neben der Chrestiens, denn Guiot kann nur nach 
Chrestiens gedichtet haben [?], und auch sein gedieht muste Wolfram um 1200 
schon kennen. Aber, wie gesagt, das oben angeführte genügt, und es ist kein 
zweifei, dass Renaulds Bei inconnu, der, wie sich sicher bestimmen lässt, zwischen 
1190 und 1200 entstanden ist, das einzige werk ist, welches als quelle für den 
in die jähre 1203 — 1205 fallenden Wigalois Wirnts in betracht kommen kann. 
Am schluss dieses teils widerlegt Bethge die von Mebes aufgestelten behauptungen 
über das Verhältnis Wirnts zu Renauld. 

Was nun den zweiten teil anlangt, so müssen wir mit besonderer anerken- 
nung hervorheben, dass verf. einen weg eingeschlagen hat, den man in früheren 
derartigen arbeiten (z. b. bei Rochat über Wolframs Verhältnis zu Chrestiens 
Germ. 3) vergeblich suchte , so nahe er auch lag. Dies ist das einfache metho- 
dische verfahren, neben den Übereinstimmungen die Verschiedenheiten von 
der quelle zu constatieren und nun das Verhältnis dieser abweichungen zu der 
quelle zu untersuchen. Nachdem verf. vorausgeschickt hat, dass die abweichun- 
gen Wirnts von Renauld so bedeutend sind, dass sie sich nur zum kleinsten teile 
aus seiner mangelhaften kentnis des Originals erklären lassen , und darauf hin- 
gewiesen hat, dass er aus Veldeke, Hartmann und Wolfram vielfach entlehnt hat, 
gibt er s. 33 — 36 eine vergleichende Zusammenstellung des Inhalts beider dichtun- 
gen und bespricht dann die einzelnen punkte. 

Es ergibt sich, dass Wirnt „der einmaligen mündlichen erzählung eines 
knappen, die von anfang an ungenau war und gegen das ende hin immer lücken- 
hafter und verworrener wurde," folgte, dass „die abweichungen des deutschen 
gedichts von dem französischen zum teil auf vergesslichkeiten teils des dichters, 
teils seines gewährsmannes, zum teil aber auch auf absichtlichen Veränderungen, 
auslassungen und Zusätzen Wirnts " beruhen , und ferner „dass er seiner quelle 
sehr viel freier als andere höfische dichter gegenübersteht, dass er einen grossen 
abschnitt aus moralischen gründen fortlässt, lücken durch eigne erfindungen aus- 
fült und vereinzelte andeutungeu durch unleugbar scharfsinnige combinationen zu 
ausführlichen erzählungen verarbeitet." Für Wirnts poetische leistungsfähigkeit 
aber ist das Schlussresultat besonders wichtig, .,dass er bei aller freiheit, mit der 
er seiner quelle gegenüber steht, dennoch überall die Unsicherheit und Unselbstän- 
digkeit des anfängers verrät," indem er „mit einer gewissen äugstlichkeit nach 
Vorbildern unter den meistern der deutschen dichtkunst sucht , wobei er sich anfangs 
besonders an Hartmann, später an Wolfram anschliosst, durchweg aber Veldekes 
Eneit und hie und da Ulrichs von Zatzikhofen Lanzelet benuzt." 

Wir können diesem resultate, dessen begründung (s. 37 — 77) scharfsinniges 
und besonnenes urteil des Verfassers verrät, im ganzen zustimmen und erlauben 
uns nur noch einige bedenken gegen einzelnheiten geltend zu machen. 

Es will uns scheinen , als schriebe Bethge der selbständigen erfindung Wirnts 
zu viel zu. So besonders , wenn er s. 37 fg. die aufschlüsse , die Wigalois über 



ÜBER BKTHGE, WIRNT 119 

seinen vater von der fee erhält, für ein genügendes motiv zur erfindung der Vor- 
geschichte hält. Mit recht lässt der Verfasser au anderer stelle (s. 51) die niög- 
lichkeit gelten , dass Wii'nt aus „anderen ihm besser hekanten französischen gedich- 
ten" ergänzt habe, aber dasselbe lässt sich hier um so mehr geltend machen, als 
in dieser Vorgeschichte mutatis mutandis ein zug vorkomt, den auch Gahmurets 
geschichte bei Wolfram enthält, nämlich Gaweins Sehnsucht nach ritterlichen taten 
und seine entfernung von der schwangeren Florie, die er dann nicht widersieht. 
Dieser zug scheint doch in derartigen gedichten oft vorgekommen zu sein. Auch 
Libiaus in Renaulds gedieht entfernt sich heimlich von der Helle in Isle d'Or. 
Wir meinen , dass sich dieser ganze abschnitt , besonders auch die unklare geschichte 
von dem „beschlossenen lande" und dem zaubergürtel aus reminiscenzen an solche 
erzählungen leichter erklärt, als aus den doch etwas gezwungenen combinationen 
des Verfassers s. 38 und 40. Dasselbe möchte ich für die „wüsten Spukgeschich- 
ten,'' die Wirnt von Wig. 162 an erzählt, geltend machen. Verf. selbst meint 
s. 62, „hier hätten die eigenen phantasiegebilde den sonst so verständigen, nüch- 
ternen didaktischen geist des dichters, der sogar bisweilen als entschiedener ratio- 
nalist erscheint, volständig umnebelt." Ist diese richtige Charakterisierung des 
dichters nicht an sich schon unvereinbar damit, dass er diese geschichten frei 
erfunden habeV Überdies hat verf. selbst auch gezeigt, dass er neben vielen eut- 
lehnungen aus Parzival , Erec usw. bei der Schilderung der schwertbrücke Chrestiens 
im gedächtnis hatte und dass er eine französische erzählung von Lifort Gawanides, 
dem söhne des Wigalois, kannte, die er später übertragen wolte. Diese angäbe 
Wiruts für eine flunkerei zu halten" stimt auch nicht zu dem oben bezeichneten 
Charakter, und wenn dieser name in den französischen Artuspoesien auch nicht 
nachgewiesen werden kann, so ist das noch kein grund Wirnts angäbe zu bezwei- 
feln , da doch alle seine namen von der französischen Überlieferung abweichen. 

Für die beurteilung des dichters ist es ja freilich von wenig bedeutung, ob 
er diese unklaren und wüsten abenteuer schliesslich erfunden oder aus dunkeln 
reminiscenzen zusammengewebt hat, aber es ist nicht unwichtig für die frage, ob 
wir es als ein durchgehendes princip unsrer mhd. dichter anzusehen haben, nur 
überliefertes zu reproducieren. Alles weist darauf hin, dass dies zwar nicht eine 
äusserlich gegebene Vorschrift, wol aber ein dem zeitbewustsein innewohnender und 
ihm selbstverständlicher zug war, und es ist auch meines wissens noch in keinem 
falle nachgewiesen , dass in der classischen zeit ein dichter mit seiner berufung auf 
quellen geflunkert habe. Speciell bei Wirnt, der nur nach der erzählung seines 
knappen dichtete, ist es mehr als wahrscheinlich, dass sich ihm oder auch schon 
seinem gewährsmanne alle möglichen geschichten, die sie irgendwo gehört hatten, 
unwilkürlich mit der in 43, 14 — 87, 21 enthaltenen haupterzählung vermischten. 
Da, um nebenbei eine etwas merkwürdige äusserung des Verfassers zu berühren, 
„kein geistiger Schutzzoll Deutschland von den erzeugnissen der französischen 
romanfabrikation absperte" (s. 22), so gab es sicher eine menge solcher produkte, 
die nur mündlich weiter getragen wurden und in der phantasie ihrer erzähler die 
seltsamsten Verbindungen eingingen, ohne dadurch ihren wert als „aventiure," als 
quelle zu verlieren. 

BERLIN, MÄRZ 1882, G. BÖTTICHEE. 



120 BÖTTICHER 

Geilers von Kaisersberg ausgewählte schrifteu nebst einer abhand- 
lung über Geilers leben und echte schrifteu von dr. Philipp de 
Lorenzi, doiukapitular. I. band XI, 447 s. II. band VIII, 430 s. Trier, 
Ed. Groppe 1881. M. 9. 

Katholische und evangelische theologen, besonders aber erstere, haben sich 
neuerdings manches verdienst um die theologische litteratur des mittelalters erwor- 
ben. So sind im Jahresbericht 1881 nicht weniger als acht neue nummern auf dem 
gebiete der mhd. prosa verzeichnet, die geistlichen Verfassern angehören. Dies ist 
um so dankbarer anzuerkennen , als die mhd. prosa bisher sehr stiefmütterlich 
behandelt worden ist. Nun ist zwar nicht jeder theolog auch ein so gründlicher 
und scharfsinniger philolog wie Deniile, dessen arbeiten für die geschichte der 
deutschen inystik ganz überraschende neue ergebnisse geliefert haben, aber auch 
ohnedies können theologen sich um die philologische erforschung der kirchlichen 
litteratur des mittelalters, in der die predigt eine hauptstelle einnimt, sehr ver- 
dient machen. 

Als erfreulich müssen wir es daher auch von vornherein bezeichnen, dass in 
lezter zeit neben Berthold von Eegensburg besonders der ihm an rühm fast gleich- 
stehende Geiler von Kaisersberg, der lezte grosse prediger der mittelalterlichen 
kirche, der noch wirkte, als Luther bereits das verhängnisvolle Studium der heiligen 
Schrift begonnen hatte, das Interesse auf sich gezogen hat. 1877 schon erschienen 
„die ältesten schrifteu Geilers von Kaisersberg" und „Geiler von Kaisersberg ein 
katholischer reformator" von L. Dacheux , und hierauf ist die oben angeführte auf 
fünf bände berechnete bearbeitung der wichtigsten schrifteu Geilers vom domcapi- 
tular Lorenzi gefolgt. Sie soll hier kurz besprochen werden. 

An ein derartiges auf das grössere publikum berechnetes werk muss man 
zwei anforderungen stellen, erstens, dass der bearbeiter wissenschaftlich voll und 
ganz in den geist seines autors eingediiingen ist und zweitens , dass er denselben 
congenialisch zu reproducieren versteht. Was das erste betrift, so bezeugt die 
abhandlung im ersten bände über Geilers leben (s. 1 — 84) und echte schrifteu 
(s. 84 — 112), dass de Lorenzi eingehende selbständige Untersuchungen angestelt 
hat, welche geeignet sind, manche irrige ansichten, die in allen litteraturgeschich- 
ten zu finden waren , zu widerlegen. Dahin gehört vor allem die vom Verfasser 
übersichtlich und klar erwiesene tatsache, dass nur lateinische schrifteu, von 
deutschen nur „das seelenparadies," einige kleine Übersetzungen aus Gerson und 
die diesen vorausgeschickten vergleichungen im „irrigen schaf" als echte schriften 
Geilers zu betrachten sind. Bartsch spricht (Koberstein^ I, 418) noch schlechtweg 
von den „zahlreichen deutschen schriften" Geilers , die „wol am volständigsten in 
Oberlins dissertation De Johannis Geileri Caesaremontani scriptis germanicis, Strass- 
burg 1786" verzeichnet seien. Über den wert dieses Zeugnisses des von Bartsch 
„Oberlin" genanten Vierling gibt uns Lorenzi dankenswerten aufschluss und 
zeigt weiter, dass besonders die von Joh. Ad. Mühling 1508, von Joh. Pauli 1517 
und von K. Wessmer 1522 herausgegebenen schriften Geilers ganz unecht, alle 
übrigen deutschen schriften aber überarbeitet seien. Dieses resultat ist um so 
interessanter, als auch Jacob ähnliches für Berthold von Eegensburg nachgewiesen 
hat. (Die lateinischen reden Bertholds von Regensburg. Regensburg, Manz 1880.) 
Wir haben uns demnach vorzustellen , dass Geiler seine reden lateinisch concipierte 
und sie dann frei reproducierend in deutscher spräche hielt. Diese wirklich gehal- 
tenen reden sind dann nachgeschrieben worden. Auch das lebensbild Geilers bietet 
manche neue interessante seite, die der herausgeber aus den echten schriften heraus 



ÜBER DE LORENZI, GEILER 121 

beleuchtet. Aber wir müssen auch bemerken, dass der eifer, Geiler als durchaus 
rechtgläubigen söhn seiner kirche hinzustellen, besonders aber die meinung zu 
widerlegen, dass er als ein Vorläufer der reformation gelten könne, den Verfasser 
hier und da zu weit geführt hat. Wenigstens streifen die vom Verfasser selbst 
s. 11 — 14 angeführten vier häretischen sätze Geilers sehr an reformatorische 
anschauungen. Überhau})t lässt sich , so lange nicht eine wissenschaftliche aus- 
gäbe der lateinischen texte vorliegt, hierüber nichts entscheiden, und eine gewisse 
Unsicherheit darüber, wie weit jenes bestreben den Verfasser in seiner bearbeitung 
beeinflusst hat, wird man schwer unterdrücken können, wenn der Verfasser selbst 
auch eine garantie in seiner äusserung s. 111 gegeben hat, dass er erklärungeu 
oder berichtigungen bedenklicher und irriger behauptungen in die aimierkungen 
verwiesen habe. Wenn wir daher auch den umstand, dass Geilers schriften kirch- 
lich verboten waren und dass der Verfasser erst die druckerlaubnis für sein werk 
von der h. congregatiou des Index librorura prohibitorum hat einholen müssen, 
nicht für geeignet halten , ein raistrauen gegen eine vorurteilsfreie wissenschaftliche 
behandlung seitens des Verfassers zu erwecken, so wäre es doch, um jeden zweifei 
zu beseitigen, wünschenswert, dass der volle lateinische Wortlaut der gestrichenen 
oder emendierten stellen unter dem texte angegeben würde. Die vorliegenden zwei 
bände enthalten solche erklärende aumerkungen noch nicht, vielleicht komt der 
geehrte herr Verfasser weiterhin diesem wünsche nach. 

Aber man fühlt nicht nur hier das bedürfnis, die bearbeitung durch den 
lateinischen text zu contro liieren : es liegt eigentlich auf der band , dass , nachdem 
der Verfasser festgestelt hat, dass Geiler nur lateinisch geschrieben habe, eine 
wissenschaftliche ausgäbe dieser lateinischen schriften das nächste bedürfnis ist 
und dass die bearbeitung für weitere kreise erst dann ihrem wirklichen werte nach 
beurteilt werden kann, wenn eine solche ausgäbe vorliegt. Trotzdem können wir 
bei der aus dem gesagten folgenden ansieht stehen bleiben, dass des Verfassers 
Studien eine gewissenhafte und vorläufig die eigentlich wissenschaftliche ausgäbe 
ersetzende arbeit verbürgen. 

Davon zeugt auch die auswahl, die er getroffen hat. Ausgeschlossen sind, 
abgesehen von allen unechten , zweifelhaft echten schriften oder blossen Übersetzun- 
gen auch „alle diejenigen, welche von dem redner in seinen späteren jähren neuer- 
dings bearbeitet und mehr oder minder volständig in grössere werke aufgenommen 
worden sind." Das wirklich wesentliche und wertvolle ist demnach mit Sorgfalt 
ausgesondert worden und soll in fünf massigen bänden frei übersezt und bearbeitet 
widergegeben werden. Der erste band enthält ausser der oben besprochenen abhand- 
lung das „buch vom guten tode" und „die zwölf fruchte des heiligen geistes" aus 
dem werke „de arbore humana," der zweite die fünfzig besten reden aus „das nar- 
renschiff," ferner „der mensch ein bäum," „der bäum des heiligen kreazes." Für 
die folgenden bände sind noch angekündigt: „sieben Schwerter und scheiden/' „der 
christliche pilger," „die neun fruchte und Vorzüge des Ordenslebens ," „der hase im 
pfeffer," ,,das schiff des heils,'" „das irrende schaf und „das seelenparadies." — 
Jede der behandelten schriften hat ein besonderes vorwort, welches über die Origi- 
nalausgabe auskunft gibt. 

Sein verfahren charakterisiert der Verfasser s. 110 selbst so: „der Übersetzung 
ist überall, wo ein solcher vorlag, der lateinische text unter berticksichtigung der 
ersten Übertragungen zu gründe gelegt . . . der bearbeitung wurde die grenze 
gezogen , dass keine dem autor fremde Idee in seine werke hineingetragen , keine 



122 SEELMANN 

ihm eigentümliche anschauung ausgeschlossen .... dagegen manches , was dem 
geläuterten geschmack unserer zeit zuwider ist, ausgeschieden worden ist." 

Wir können es nur billigen, dass der Verfasser nicht versucht hat seiner 
Übersetzung einen altertümlichen anstrich zu geben , wenn auch die oft merkwür- 
digen, ja mitunter geschmacklos erscheinenden gedanken Geilers in der fliessenden 
spräche einer modernen erbaulichen betrachtung zuerst einen eigentümlichen ein- 
druck machen. Wenn nicht das dem autor eigentümliche colorit, wie bei den 
mystikern, deutsch vorliegt, so ist es ein gefährliches beginnen, es künstlich 
anbringen zu wollen. Hier findet also die forderung der congenialität ihre grenze. 
So weit es möglich war, hat der Verfasser Geilers diction trotzdem zum ausdruck 
gebracht in der art der gedankenverknüpfung , beweisführung usw., und so kann 
es dem werke in rücksicht auf seine bestimmung nur zur empfehlung gereichen, 
dass es einen glatten, leicht fasslichen und allen stilistischen anforderungen ent- 
sprechenden text bietet. Da es zu weit führen würde, auf die einzelnen schriften 
einzugehen, weisen wir hier nur noch darauf hin, dass den reden über das nar- 
renschiff jedesmal der betreffende passus aus dem gedichte Sebastian Brants in 
freier poetischer Übertragung vorangestelt ist. 

Zum schluss können wir nicht unterlassen, noch auf eins hinzuweisen, was 
den wert der bearbeitung nicht unwesentlich erhöhen würde. Das ist ein fortlau- 
fender commentar in anmerkungen unter dem texte, wie ihn Denifles bearbeitung 
der Schriften Seuses bietet. Was der Verfasser in der abhandlung über Geilers 
leben von seiner gelehrsamkeit, seiner scholastischen bildung, seiner bekantschaft 
mit den mystikern und seinen steten beziehungen auf die kirchenväter sowie auf 
lateinische und griechische autoren gesagt hat, das hätte unter dem texte durch 
anmerkungen zu den betreffenden stellen und durch citate erläutert werden sollen. 
Dem populären Charakter des werkos wäre das nicht entgegen gewesen , denn sein 
eigentliches publikum wird es doch unter den wissenschaftlich gebildeten leuten 
finden. 

Demnach können wir uns dahin zusammenfassen, dass das werk den zweck, 
den es in erster linie haben soll, das Interesse an dem gefeierten kanzelredner in 
weiteren kreisen wider zu erwecken, volkommen erfült. Aber es fördert auch in 
nicht geringem masse das litterarhistorische urteil über Geilers schriften und gibt 
uns von seinem wirken , seiner persönlichkeit , seinem eigentümlichen geiste ein 
anschauliches aus den quellen geschöpftes bild. 

BERLIN, MÄRZ 1882. G. BÖTTICHER. 



Karl Theodor Gaedertz, Gabriel Eollenhagen, sein leben und seine 
werke. Beitrag zur geschichte der deutschen litteratur — des 
deutschen dramas und der niederdeutschen dialektdichtung — 
nebst bibliographischem anhang. Leipzig, verlag von S. Hirzel. 1881. 
VI, 130 s. 8. M. 2,80. 

Seit Goedekes in der Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen 
Jahrg. 1852 veröffentlichten bemerkungen über Job. Römold ist keine monographie 
erschienen , welche so reichlich Vorarbeit für eine geschichte des norddeutschen dra- 
mas in der zeit zwischen der reformation und dem dreissigj ährigen kriege bei- 
steuert als Gaedertz' buch über Gabriel Eollenhagen, den söhn des als Verfasser 
des Froschmeuseler bekanten dichters. Der rühm des vaters hat der bekantschaft 



ÜBER GABDERTZ, G. ROLLENHAGEN 123 

mit dem sobue insofern im woge gestanden, als vielfach ältere und neuere biblio- 
graphcn nicht allein die werke , sondern auch den Vornamen des sohnes dem vater 
beilegten. Im vorigen Jahrhundert war Gabriel fast vergessen, in Zedlers grossem 
Universallexikon ist ihm nicht einmal ein eigener artikel gewidmet. Gaedertz dan- 
ken wir erst die möglichkeit, über die Verfasserschaft der einzelnen werke und 
über die bedeutung, welche der jüngere Eollenhagen für die litteratur seines Jahr- 
hunderts gehabt hat, ein urteil gewinnen zu können. Das buch, dessen erster teil 
auch besonders als hallische Inauguraldissertation erschien, ist eine wissenschaft- 
liche erstlingsarbeit , doch hält sich der Verfasser von panegyrischen urteilen über 
Eollenhagen ziemlich frei, er enthält sich auch aller subjektiven und algemeinen 
betrachtungen über die entwicklung des dramas, er lässt die von ihm erforschten 
historischen tatsachen allein sprechen , und gerade die fülle derselben ist es , welche 
sein buch wertvoll macht. Glückliche funde haben dazu geholfen, aber sie sind 
mit mühe und Spürsinn aufgesucht. Wieviel anfragen und briefe an bibliotheken 
sind nicht nötig gewesen , wieviel kataloge nicht allenthalben nachgeschlagen? 
archivalisches material ist, wie es scheint, vergeblich gesucht. 

Gaedertz handelt zuerst über leben und schriften Eollenhagens , der einmal 
den 20. märz 1583, ein anderes mal den 22. märz 1583 als seinen geburtstag 
bezeichnet hat. Lezteres datum ist das richtige, das erstere beruht auf einem 
druckfehler, welchen Eollenhagen in einem verschenkten, jezt der Dresdener biblio- 
thek gehörigen exemplare seiner Juvenilia eigenhändig verbessert hat. Nachdem 
er das gymnasium seiner Vaterstadt Magdeburg besucht, seit 1602 in Leipzig und 
seit april 1605 in Leyden jura studiert hatte, wurde er pronotarius und später 
vicarius des doms zu Magdeburg. Die leztere Stellung hat den irtum veranlasst, 
er müsse theologe gewesen sein, weshalb Gaedertz , selbst zwar nicht klar über den 
grossen unterschied zwischen kapitularvikaren , vicarii foranei und den mit chor- 
dienst betrauten vikaren, mit recht darauf hinweist, dass gerade rechtskundige zu 
Vikaren (vic. foranei) bestelt wurden (vgl. auch Koppmann, Kämmereirechnungen 
der Stadt Hamburg 1, s. LXXXV). Die benennung clericus, die sich Gabriel 
Eollenhagen einmal beilegt, erklärt Gaedertz mit dem mittelalterlichen sprach- 
gebrauche, wonach auch ein uichtordinierter, der als secretair oder dergleichen fun- 
gierte, clericus oft genug genant ist. Das ist nicht nötig, als vikar konte Eollen- 
hagen sich dem clerus zurechnen. Bei einem katholischen hochstifte ist für eine 
vikarstelle die eigenschaft als cleriker, welche durch die Ordination erworben wird, 
unumgängliche Voraussetzung; das lutherische kirchenrecht der älteren zeit defi- 
nierte weder den begriff des klerus in gleicher weise noch legte es der Ordination 
ein besonderes gewicht bei. 

In Eollenhagens Studienjahre fallen seine ersten schriftstellerischen Veröffent- 
lichungen, lateinische gedichte, Juvenilia betitelt, welchen nach dem brauch der 
zeit von guten freunden und gönnern gespendete lobeserhebungen vorgedruckt sind, 
und die Vier bücher wunderlicher reisen , eine Übersetzung mirakulöser geschichten, 
ein sehr oft gedrucktes werk , dessen grösste merkwürdigkeit ist, dass ein teil , die 
aus einem mnd. passional stammende Brandanlegende und die lucianeische mond- 
fahrt den berühmten Kepler zur einkleidung seines Somnium de astronomia lunari 
angeregt hat. 

Gabriel Eollenhagens bedeutung für die deutsche litteraturgeschichte beruht 
auf seinem 1609 unter dem pseudonym Lohrbere Liga und später in geänderten 
auflagen 1610, 1612, 1614, 1616 und 1618 erschienenen lustspiele Amantes amen- 
tes. Die bibliographie , quellen und nach Wirkungen desselben festzustellen ist der 



124 SKELMANN 

hauptzweck und wichtigste teil in Gaedertz schrift. Die handlang des nur in weni- 
gen exemplaren erhaltenen dramas — die drucke vom jähre 1616 und 1618 schei- 
nen überhaupt verschollen zu sein — ist sehr einfach. Die eitern der schönen 
Lucretia, einer Jungfrau zwischen 20 — 30 jähren, wünschen ihre tochter durch 
eine gute heirat versorgt zu sehen, den alten dr. jur. Gratian will sie nicht, dem 
jungen Studenten Eurialus, der ihr seine liebe brieflich erklärt und den sie wider 
liebt, traut der vater keine ernstlichen absiebten zu. Er wird von tochter und mut- 
ter zu tisch geladen, der vater komt plötzlich hinzu, und gern willigt Eurialus in 
Verlobung und baldige hochzeit. In diese handlung sind derbkomische liebesscenen 
zwischen dem knecht Hans und der magd Aleke eingelegt, die beide niederdeutsch 
sprechen. Eine äussere Verbindung zwischen der haupthandlung und diesen ein- 
lagen ist dadurch hergestelt, dass Hans und Aleke botendienste u. dgl. leisten. 

Wesentliche züge der handlung hat Rollenhagen, wie Gaedertz nachweist, 
aus der einst viel gelesenen erzählung des Aeneas Sylvius De duobus amantibus 
genommen , ob aus der Originalfassung oder aus der von Nikolaus von Wyle ver- 
anstalteten Übersetzung, wird schwer zn entscheiden sein. Einige Übereinstimmun- 
gen findet Gaedertz auch zwischen den Amantes und Ayrers Phänicia. Ferner sind 
eine anzahl verse wörtlich aus seines vaters Proschmeuseler entlehnt, und viele 
anklänge zeigen des dichters bekantschaft mit deutschen Volksliedern. 

Auch für die niederdeutschen scenen glaubt Gaedertz eine quelle gefunden 
zu haben, aus welcher Rollenhagen vieles in sein drama übernommen habe, die 
niederdeutsche Coniedia Von dem frommen Isaac, welche der Rostocker Jochim 
Schlue 1606 hat erscheinen lassen. Ob Gaedertz mit dieser behauptung recht hat, 
ist zum mindesten zweifelhaft, um so sicherer sind aber seine übrigen aufschlösse 
über dieses bisher nur aus übersezten bruchstücken in Freybes Altdeutschem leben 
und Lübbens mnd. wörterbuche bekante Schauspiel. Gaedertz weist an stücken, die 
er nebeneinander hat abdrucken lassen , nach , dass Schlue zum grossen teil eine 
wörtliche Übersetzung des von Georg Rolleuhagen, dem vater, verfassten Abraham 
bietet. Hinzugefügt hat Schlue einige komische scenen, aber auch diese hat er 
nicht selbständig ausgeführt , sondern hierzu den von Butovius 1600 als fortsetzung 
zu Rollenhagens Abraham gedichteten Isaac benuzt. 

Die von Schlue seinem Isaac eingefügten bauernscenen sollen also in Rol- 
lenhagens Amantes benuzt sein. Weshalb ich diese annähme als falsch zurück- 
weisen muss, werde ich ausführlich begründen. 

Der bauer in den Amantes sagt „Ik bin Hans uth der oldenmarck." Gae- 
dertz findet dagegen „sein niederdeutsch ist weder rein magdeburgisch noch rein 
altmärkisch , vielmehr weisen manche Idiotismen und häufig die spräche auf Meklen- 
burg und Pommern." Beweise für diese behauptung gibt er nicht, die mit „vgl." 
angezogene stelle „Ha dat was ein Pommerisch seh locke" beweist nichts, es 
war das eine weit verbreitete redensart, ähnlich wie man jezt noch tief im binnen- 
lande von einem pommerschen magen spricht, und findet sich sogar bei dem süd- 
deutschen Fischart, aus dessen Gargantua mir auf meine anfrage sofort von dr. Wen- 
deler die folgende stelle nachgewiesen ist „Konten jr auch sagen, das hie ein Muck 
darauß getrungen het? Ein Pommerischen schluck: fein lange zug wie die Pol- 
nischen Geiger!'' (bei Rabelais: Diriez vous qu'une mouche y eust beu? A la mode 
de Bretaigne. Net, net etc.). Soviel ich ersehen kann, entspricht Rollenhagens 
niederdeutsch durchaus der nördlich von Magdeburg gesprochenen mundart, von 
dem eigentlichen altmärkisch , wie es bei Gardelegen und noch weiter nördlich 



ÜBER GAEDBRTZ, 0. ROLLENHAGEN 125 

gesprochen wird, zeigt es allerdings aliweichungen. Es ist wirkliche mimdart, die 
wir in den Amantes finden, natürlich von geringen beeinflussungon durch das neu- 
hochdeutsche, und vielleicht einiger übcrtroibung mundartlicher eigentünilichkoiten 
(baste für beste, schwolde für wolde, huujes für hundes) abgesehen. Ganz anders 
verhält es sich mit den dialektscenen in Herzogs Heinrich Julius dramen, deren 
Verfasser eine wirkliche lebendige kentnis der mundarten, mit so vielen er auch 
künstelt, gefehlt zu haben scheint. Bei seinen dramen war es die aufgäbe des 
Schauspielers durch geschickte nachahmung des den verschiedenen dialekten eigen- 
tümlichen accentes und ihrer toniarbung die landsniaunschaft der eingeführten 
baiiern erkennen zu lassen , während die rolle seines Johan Bouset als ein Hollän- 
der, der ungenügend deutsch spricht, gegeben werden muste. 

Ferner glaubt Gaedertz Rollenhagens abhängigkeit von Schlue dadurch 
bewiesen, dass gewisse, wie er meint ungewöhnliche vornamen und redensarten 
sich in beider dramen finden. Dass alles das aber vor dem dreissigjährigen kriege 
in Norddeutschland auf dem lande vielgebrauchte namen und Wendungen waren, 
lässt sich trotz dos geringen materials, aus dem darüber unsere kentnis geschöpft 
werden kann , wol erweisen. Dass sie in so vielen dramen sich widerholen , erklärt 
sich gleichfals. Der bäurische Wortschatz ist bekautlich an viel gebrauchten wer- 
ten nicht reich, auch bei der wähl der vornamen stets grosse Übereinstimmung 
gewesen, noch in den dreissiger jähren hat es, wie mir meine mutter erzählt, in 
einem orte von etwa 3000 einwohnern allein sechs Sineke Thormeyers gegeben. 
Die städtischen dichter des 16. und 17. Jahrhunderts haben mit der Vorführung nie- 
derdeutscher bauernscenen nun stets die tondenz verbunden, die feinheit der städ- 
tischen bildung durch recht schwarz gemalte rohheit der bauern hervortreten zu 
lassen und durch diese rohheit komik zu erzeugen. Zu diesem zweck wählten sie 
aus dem bäurischen wertschätz die «derbsten redensarten aus , und diese tendenziöse 
auswahl muss natürlich viel gleichartiges ergeben. Aus derselben tendenz ergibt 
sich auch die sitliche Charakteristik der bauern, sie sind grob, fresssüchtig, sie 
saufen übers mass hier, sie sind liederlich. Dass dergleichen nicht übernommen 
zu werden braucht, zeigt ein hinweis auf das holländische theater des 17. Jahrhun- 
derts, in dessen bauernscenen dieselben züge typisch sind. Was schliesslich die 
namen betrift, so komt der immer gepflegte lustspielbrauch hinzu, für gewisse 
typen stets dieselben namen zu gebrauchen , wie wir gewöhnt sind , dass in 
modernen erzählungen der ländliche kutscher Jochen heisst, so hiess früher die 
geschwätzige bäurin gern Aleke oder Taleke, die dicke magd Wöbbecke usw. 

Diese namen und ebenso den namen Drewes (für Andreas) soll nun Rollen- 
hagen von Schlue entlehnt haben! und zwar die namen allein, ohne dass etwa in 
beiden stücken die hauptpersonen dieselben namen führen , denn Drewes und Wöb- 
beke, bei Schlue handelnde personen, werden in den Amentes ganz gelegentlich 
erwähnt, wie umgekehrt bei Schlue der name Aleke gelegentlich als beliebter 
frauenname genant wird. (Der dichter warnt die bauern, welche weder dreschen 
noch graben wollen, sondern heimlich davonziehen und dann Taleken das nachsehen 
lassen). Es liegt in der tat kein anlass vor, anzunehmen, dass diese namen Rol- 
lenhagen von Schlue entlehnt habe. Wie häufig sie vorkommen, zeigt, dass in den 
beiden niederdeutschen fastnachtspielen in Kellers samlung in dem ersten die zwei 
auftretenden bauern Hans und Henneke heissen und jeder eine Taleke zur frau 
hat (Keller 964, 6. 966, 3 u. ö.). Im nächsten stücke heisst der mann wider 
Henneke, die frau wider Alheit, ihre gevatterin Wöbbecke. Im Slennerhinke finden 
wir eine bäurin Wabbeke , einen bauern Dries. Den lezten namen in der form 



126 SEELMANN 

Drewes auch in der coraoedia von Vincentio Ladislao. Ferner finden sich bei 
Omichius, den Gaedertz deshalb gleichfals zu Schlues quelle machen möchte, die 
namen Taleke und Wöbbeke, der erstere ausserdem noch im Reineke Vos, im 
Dodesdans v. j. 1498, bei Lauremberg usw. Sind die namen, auf welche Gaedertz 
seinen beweis stüzt, alverbreitet gewesen, so können wir doch unmöglich anneh- 
men, dass Rollenhagen diese namen, welche er durch das ländliche gesinde seiner 
eitern schon als kind kennen gelernt haben muss, aus Schlue entnommen habe. 

Ähnlich verhält es sich mit den Worten und redensarten , welche entlehnt 
sein sollen, die aufgezählten worte waren weitverbreitet und nicht weniger die von 
Gaedertz angemerkten fluche und redewendungen , von denen keine einzige indivi- 
duell erfunden ist, viele schon das mnd. Wörterbuch aus weit älterer zeit belegt. 

Schliesslich beweist auch nichts die s. 55 erwähnte scenische ähnlichkeit, 
denn liedereinlagen waren etwas gewöhnliches , noch ist die s. 53 angezogene . nicht 
ganz richtig erläuterte stelle rätselhaft; sie ist durch sich selbst verständlich, 
ebenso wie die analogen stellen I, 5. V, 3. 

S. 58 — 64 gibt Gaedertz ein Verzeichnis niederdeutscher in den Amentes vor- 
kommender Wörter, was allen mit der mundart nicht sehr vertrauten leserii gewiss 
wilkommen sein wird. Ein nicht schon aus andern denkmälern bekantes wort habe 
ich darin nicht gefunden; dass sich nicht alle im mnd. Wörterbuche finden, ist 
erklärlich, da dieses Wörter so später zeit überhaupt nicht zu verzeichnen hat, es 
schliesst das natürlich nicht aus, dass mancher beleg als zeugnis für das zeitliche 
und örtliche vorkommen einzelner worte wilkommen ist. Im einzelnen ist zu bemer- 
ken, dass af stehen natürlich bildlich zu verstehen ist „ausstechen"; beere bedeutet 
nicht mamma, sondern spielt nnr darauf an; hemusen ist „heimlich besuchen"; 
fläbbe heisst im 17. Jahrhundert maul; gripe (= gripicli) „zum angreifen, drall," 
vgl. Parisius im 19. Jahresbericht des altraärkiSchen Vereins f. geschichte s. 54 : 
Mummen findet sich auch in Teweschen hochtit; kopknecht ist handlungsdiener; 
als ein Undenbast ist als „wertlos" zu erklären; schnueshan „tropf" vgl. de Vries 
zu Hoofts Warenar (Leiden 1843) s. 199: strohioipen ist nicht „strohwitwer" son- 
dern „Strohwisch"; vgl. Danneils Wörterbuch der altmärk. mundart s. v. wipen. — 
Vermisst habe ich folgende worte: II, 2 op de habbe , vgl. Jellinghaus, Bauern- 
komödien s. 251; II, 2 hoet mit witzigem doppelsinn „hut" und „acker" (bot = 
bunt, ein ackermass, vgl. ndd. korrespondenzblatt für 1881); I, 5 by miner zasche 
aus „meiner sechs" corrurapierte beteurungsformel; I, 6. III, 5 vraij herzhaft, 
mnd. vreidich; III, 4 open? IV, 5 rantsen „gemein reden"; V, 2 stemen „stem- 
men"; V, 2 munten „maulen"? 

In dem folgenden abschnitte stelt Gaedertz eine ganze reihe werke zusam- 
men, welche benutzung von Rollenhagens ndd. scenen zeigen, schlagend ist der 
beweis für einen teil der oft gedruckten Facetiae facetiaruni , ungenügend aber 
seine gründe, dass die Cochleatio novissima, eine geistlose und langweilige beleh- 
rung über die verschiedenen arten der leffelei (d. h. liebelei), gleichfals entlehnt 
habe. Nicht eine einzige stelle ist beweisend, die s. 71 aus dem anhang zum 
abdruck gebrachte spricht bei näherer betrachtung sogar dagegen. Wichtiger sind 
die einwirkungen auf dramen, und zwar sollen folgende aus den ndd. scenen ein- 
zelnes übernommen haben: Lockes Verlorener söhn, Lüncburgil619, Pfeifers Esther, 
Wolfenbüttel 1619 und die von Jellinghaus in seinen Bauernkomödien neu zum 
abdruck gebrachte Teweschen hochtit a. d. j. 1640. 

Auch hier spielen die namen beim beweise grosse rolle , ebenso wenig beweist 
aber auch dafür, dass Lockes bauer Drewes eine kopie von Rollenhagens Hans 



ÜBER GAEDERTZ. G. ROLLENHAGEN 127 

sei, die Übereinstimmung, dass beide gern trinken, küssen und auf ihren bart 
stolz sind. Man findet z. h. dieselben ähnliohkeiten und einige andere dazu in 
den bauernsceneu, welche Brederoo seinem Eoddrick oude Alfonsus eingelegt hat. 
Auch hier heisst der knecht (Nieuwen-) Hans und hat eine liebscliaft mit der magd, 
auch hier reden beide in ähnlicher weise wie Hans und Aleke ohne Sentimentali- 
tät über ihre liebe, auch hier muss Hans wie bei Rollenhagen einen brief besorgen 
und hat lust die braut seines herren zu küssen , bekent dass er das hier und die 
küsse liebt und rühmt sieh seines hartes. Sogar einzelne worte, welche im ndl. 
und ndd. gleichlautend sind, finden sieh z. b. Hoe komt den droes, das wert 
labbe u. a. 

Pfeffers Esther soll wie Gaedertz bemerkt zum grossen teil plagiat aus Lockes 
Verlorenem söhn sein. 

Was schliesslich Tewcschen hochtit betrift, so hat dieses ndd. spiel weder 
motive noch wesentliche züge mit den Amantea gemein , wol aber finden sich in 
beiden eine verhältnismässig grosse anzahl gleicher und wie es scheint ungewöhn- 
licher redensarten. Es erregt dieser umstand allerdings die Vermutung, dass der 
Verfasser sich eine anthologie besonders kräftiger ausdrücke , welche er bei Rollen- 
hagen vorfand , angelegt und für sein stück verwendet hat. Gezwungen ist man 
zu dieser annähme freilich nicht, denn wenn der Verfasser, wie wegen örtlicher 
auspielungen nicht zu bezweifeln ist, in Hamburg gedichtet hat, so kann er doch 
aus der nachbarschaft Magdeburgs gebürtig gewesen sein und aus derselben quelle 
wie Rollenhagen , aus dem munde des niederen volks jener gegend geschöpft haben, 
und dazu stimt volständig die von Scheller ausgesprochene und später von Lap- 
penberg in seiner ausgäbe Laurembergs begründete Vermutung, dass die spräche 
in Teweschen hochtit nach der südlichen Altmark hinweise. 

Die Amantes amentes sind eins der lesbarsten stücke ihrer zeit und von 
einem Verfasser, welcher aus seiner vielfachen mitwirkung bei der aufführung von 
schulkomödien erfahrung über das hatte, was seine Zeitgenossen ansprach. Dass 
er seine erfahrung zu verwerten verstanden hat, beweisen die von Gaedertz gege- 
benen nachweise, wie oft und gern die Amantes gespielt sind, in Berlin z. b. wur- 
den sie 1690 von zwei verschiedenen truppen gleichzeitig aufgeführt. Zugleich 
wird bezeugt, dass die ndd. rollen besonders gefallen haben, es beweist diese Über- 
lieferung, wie kräftige koniik jene zeit vertragen konte. Falsch scheint mir frei- 
lich Gaedertz urteil, dass der knecht Hans und die magd Aleke lebenswahre 
Volkstypen seien, oder vielmehr nur für die leztere gilt das mit recht. Hans ist 
dagegen nichts als eine carricatur , eine hanswurstrolle in bauernmaske. 

Eine prosaauflösung der Amentes liegt in der saralung Engelische comedien 
und tragedien und zwar in der comedia von Sidonia und Theagene vor, nur sind 
die deutschen namen durch fremdländische ersezt und die ndd. scenen ins nhd. 
übertragen. 

Spätere auflagen der Amantes enthalten als anhang „Eine schöne tageweise 
von Pyramo und Thysbe, aus dem Poeten Ovidio, Im Thon, Ach weh wie ist mein 
junges Hertz." Gaedertz bringt sie s. 85 — 95 volständig zum abdruck und knüpft 
einige nachrichten über bisher unbekante dramatische behandlungen desselben Stof- 
fes daran. 

Gaedertz hat seinem buche einen anhang (s. 102 — 124) beigefügt , in wel- 
chem er ausser citaten genaue titelcopien aller bücher gibt, deren volständige titel 
nicht schon innerhalb der abhandlung selbst angegeben war. Der fleiss und die 
Sorgfalt, welclie Gaedertz buch überall zeigt, zeichnet ganz besonders seine biblio- 



128 SEELMÄNN, ÜBER GAEDERTZ , G. ROLLENHAGEN 

graphischen angaben aus, und seine umfangreichen titelcopieen , die mit peinlicher 
genauigkeit die Zeilenabsätze, die Verschiedenheit des roten und schwarzen druckes, 
der fractur und antiqua angeben, werden alle diejenigen zu schätzen wissen, 
welche in die läge kommen, neu auftauchende drucke darauf hin zu untersuchen, 
ob sie volständig und mit den bereits bekanten identisch sind (einige kleine berich- 
tigungen: s. 70 fehlt die für die Unterscheidung der ausgaben der Cochleatio wich- 
tige formatangabe , s. 102 nr. 1 ist nicht bibliotheksgerecht citiert; s. 109 nr. 9 
unklar, ob derselbe titel auch für die duodezausgabe gilt: s. 117 nr. 37 fehlt der 
wichtige verweis auf die sonst unbekante. in Berlin vorhandene ausgäbe des Wyle- 
schen Euryalus, Magdeburg bei Job. Francke o. j.; ebd. nr. 25 die notiz, dass der 
name des Verfassers unter der vorrede Schlu lautet). Jedermann wird es dem 
Verfasser dank wissen, dass er bei seltenen ausgaben die bibliotheken nent, welche 
sie der gegenwart erhalten haben, sicher diejenigen, welche durch den volstän- 
digen, oft 10 und mehr kleingedruckte zeilen beanspruchenden abdruck der titel 
des 16. und 17. Jahrhunderts nicht von der beschäftigung mit werken abgeschreckt 
werden, deren Inhalt lesbarer ist als ihre titelblätter , die nur ausnahmsweise jemand 
zu ende liest. Des guten dürfte der Verfasser freilich zu viel tun , wenn er mit 
ausführlicher titelangabc auch dann die Originalausgaben citiert. wenn gute neu- 
drucke vorliegen, vgl. 108 nr. 6, wo die angäbe fehlt, dass die s. 7 erwähnte 
Sache bereits bekant war, s. 74 z. 18 — 22, s. 126; ein titel findet sich zweimal, 
s. 17 und 34; oder wenn er allerlei gute und schlechte bücher anführt, wo etwas 
nicht zu finden ist, vgl. s. 19 oben und Goedeke, grundr. s. 2, s. 115 nr. 18 zu 
ende, s. 121 nr. 29, s. 69 steht Sanders name mit unrecht. Wie weit man hierin 
gehen soll, ist allerdings geschmackssache , und der Verfasser hat wol die absieht 
gehabt zu zeigen, dass er seine aufmerksamkeit überall hingerichtet hat. 

Vielleicht wäre es angezeigt gewesen, wenn er angedeutet hätte, dass er 
auch den einfluss des lateinischen und holländischen dramas auf Rollenhagen — in 
demselben jähre wo er in Leyden studierte, spielten daselbst englische comödian- 
ten — untersucht habe. Den blick auf diese möglichkeit zu richten , lag so nahe, 
dass wir bei Gaedertz belesenheit annehmen müssen , dass hierauf gerichtete for- 
schungen resultatlos geblieben sind. 

Ich habe eine kleine anzahl der von Gaedertz angenommenen direkten 
abhängigkeitsverhältuisse zwischen einzelnen dramen nicht anerkant und hätte viel- 
leicht meinen zweifei auch auf andere stücke ausgedehnt, wenn mir zur zeit die 
ausgaben zugänglich gewesen wären — aber selbst wenn ich in allem gegen Gae- 
dertz recht haben solte, bleibt von seinen forschungen noch so viel übrig, dass 
meine zu anfang dieser anzeige ausgesprochene Wertschätzung seines buches gerecht- 
fertigt erscheint. 

BERLIN, 15, JANÜAB 1882. WILHELM SEELMANN, 



Hallo a. S. , Buchdruckerei des Waisenhauses. 



DAS ACCENTUATIONSSYSTEM NOTKERS IN SEINEM 

BOETHIUS. 

Einleitung. 

Die handschrifteu derjenigen werke , welche Notker dem Deut- 
schen zugeschrieben werden, und unter diesen widerum vor allem die 
hdschr. der Übersetzung der Consolatio philosophiae des Boethius unter- 
scheiden sich von allen früheren althochdeutschen Sprachdenkmälern 
auf den ersten blick durch die ausgedehnteste anwendung von accenten. 
Zwar hatte man schon lange vor Notker angefangen, die quantität 
mancher vocale zu bezeichnen und zwar meist durch doppeltschreibung, 
um die länge derselben auszudrücken , wie sie sich schon im glossar des 
heiligen Gallus aus dem 7. oder 8. Jahrhundert und in den sogenauten 
Keronischen glossen findet; aber die bezeichnung des wortton es durch 
accente, sowie die durchgreifende anwendung von accenten überhaupt 
scheint erst durch Hrabanus Maurus eingeführt worden zu sein. Die- 
ser gebrauchte den circumflex zur bezeichnung der länge auf betonten 
wie unbetonten vocalen, den acut vrendet er auf kurzen vocalen an, 
um eine kurze silbe als betont darzustellen. Diesem gebrauche folgten 
nun auch seine schüler, jedenfals von Hrabanus dazu angehalten 
(vgl. Lachmann, kleinere Schriften I, 365 und Wackernagels Litgesch. 
s. 68), aber volständig durchgeführt findet sich diese accentuation erst 
bei Notker, während vor ihm Otfrid nur die haupthebungen des 
verses durch acut ausgezeichnet hatte. Dass Notker diese accen- 
tuation in so ausgedehntem masse anwendete, hat seinen guten grund. 
Denn während Otfrid in seiner gebundenen rede nur die höchstbeton- 
ten Silben der wortreihen hervorhob, um beim lesen für den tonfall 
einen anhält zu bieten, dabei aber alle entbehrlichen accente vermeiden 
muste, um den leser nicht zu hemmen oder zu verwirren, muste Not- 
ker, welcher zur Unterstützung seiner schüler im richtigen vorlesen 
accentuierte , alle silben bezeichnen , welche sich in der ruhig dahin- 
fliessenden prosaischen rede über die anderen erhoben. Ein solches 
bestreben , den leser derart zu unterstützen finden wir hie und da auch 
später; so z. b. sind die lateinischen texte in den gedruckten mess- 

ZEITSCHB. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 9 



130 FLEISCHER 

büchern oft mit accenten versehen, damit der messelesende priester die 
lateinischen Wörter auch richtig betone. 

Soll nun Notkers betonungssystem einen vernünftigen sinn haben, 
so muss es notwendig mit derjenigen betonung der Wörter überein- 
stimmen, welche zu seiner zeit wirklich beim reden angewendet wurde. 
Da nun bei betonung der Wörter auch die deutsche auf dem princip 
der accentuation beruhende poesie stets rücksicht auf die jedesmalige 
betonung in der freien rede nehmen muss, weil ja eben der wortton 
die grundlage ist für die deutsche metrik , so werden wir in der accen- 
tuation von prosawerken viele berührungspunkte mit derjenigen von 
sfedichten erwarten dürfen. Nicht minder aber ist die accentuation 
Notkers auch für die grammatik und etymologie von bedeutendem 
werte, da ja gerade die betonung es ist, welche in den deutschen 
sprachen am meisten auf die Veränderung der Wörter eingewirkt hat. 
Dass bisher Notkers accente ziemlich wenig beachtet, von einigen sogar 
als nichts beweisend angesehen worden sind , mag durch die vielen 
Schwankungen und zahlreichen fehler der handschriften verschuldet 
sein , welche das urteil trüben und erschweren , sodass sich ohne 
genaueste kritische registrierung und Untersuchung ein sicheres ergeb- 
nis kaum gewinnen lässt. Daher möge man auch mir verzeihen, wenn 
ich hier und da etwas übersehen und unbeachtet gelassen haben solte; 
in der hauptsache wird mir weseutliches aber hoffentlich wol kaum 
entgangen sein, und deshalb glaube ich auch hoffen zu dürfen, dass 
meine Zusammenstellungen für grammatische, etymologische und metri- 
sche forschung sich nicht als wertlos erweisen werden. 

Schon Braune weist in seinem aufsatze: „Über die quantität 
der ahd. endsilben" in Paul und Braunes beitragen bd. II auf s. 129 
darauf hin , dass bei einer betrachtung des Notkerschen accentuations- 
systems am besten der Boethius zu gründe zu legen sei , da sich die 
auch durch ihr alter ausgezeichnete handschrift des Boethius vor allen 
Notkerschen Schriften durch die achtsame Sorgfalt und durch die grosse 
anzahl der accente, acute wie circumüexe, auszeichnet. Die begrün- 
dung dieser behauptung, welche Braune a. a. o. bringt, wird dadurch 
noch überzeugender, dass von den von ihm s. 130 fg. angeführten bei- 
spielen für falsche accentuation der stamsilben durch die Piperschen 
berichtigungen in dieser Zeitschrift bd. XIII auf grund genauester col- 
lation der handschrift folgende wegfallen: tro 13, sth 23", sär 14, 
uuät 17", trüregi 19", söh 29*, mera 42% cMmen 42", stuont 17" für 
iro, sih, sär, uuät, trüregi, soll, mera, chämen, stuont, wodurch sich 
die zahl der falschen stamsilbenaccente auf den ersten 30 Seiten des 
Boethius auf 10 reduciert, „während in ca. 4000 fällen alles auf das 



NOTKERS ACCENTUATION 131 

genaueste stimt." Daher lege auch ich meiner abhandlung über Not- 
kers accentuationssystem die Übersetzung der Consolatio philoso- 
phiae zu gründe. Jedoch ist ein unterschied in der accentuierung der 
beiden ersten und derjenigen der drei lezten bücher zu bemerken, da 
die ersten beiden genauer und sorgfältiger accentuiert sind. Ich werde 
an gelegenem orte hierzu einige belege beibringen. Dieser umstand 
macht die ansieht Wackernagels, dass die beiden ersten bücher von 
einem andern verfasst seien, als die drei lezten, ziemlich wahrschein- 
lich (vgl. Wackernagel , die Verdienste der Schweizer um die deutsche 
litteratur, Basel 1833.). 

Meine citate beziehen sich auf die Seitenzahl der Hattemerschen 
ausgäbe (St. Gallens ahd. Sprachschätze bd. III), natürlich unter berück- 
sichtigung der berichtigungen von Steinmeyer in Haupts zeitschr. 
bd. XVII und von Piper in dieser zeitschr. bd. XIII. Für die richtige 
beurteilung des deutschen textes ist am besten Peipers ausgäbe des 
lateinischen textes des Boethius zu gründe zu legen, auch werden die 
„Handschriftlichen Studien zu Boethius" von Schepss, Programm der 
kgl. stndienanstalt Würzburg 1881, einige dienste leisten. 

Von der ßoethiusübersetzung Notkers , deren handschriftliche 
Überlieferung durch die oben erwähnten berichtigungen Steinmeyers 
und Pipers wol als völlig festgestelt gelten darf, ist nur eine volstän- 
dige handschrift vorhanden , die St. Galler. Ausser dieser ist bis jezt 
nur noch ein kleines bruchstück in Zürich aufgefunden worden, dessen 
stärkere abweiehungen von der St. Galler hs. Hattemer auf s. 128 — 
131 mitteilt. Dieses bruchstück zeigt nur wenige tonzeichen, welche, 
soweit dies aus Hattemers anführungen ersichtlich ist, nicht wesentlich 
von denen der St. Galler hs. abweichen. Wie leicht erklärlich, findet 
sich aber auch in lezterer der accent häufig ausgelassen , so in : uone 
IT**, ane Idhter 25'', wo gleich darauf iinde äne trüregi folgt, geuual- 
tigen, hoJiiu 25*', iro 26'', 27% uilo (2), min für mm 29 % uuola 31\ 
ist 32 % soUchero 34 % unde 36*', Uuanda 52* usf., während doch alle 
diese Wörter sonst nur m i t accent vorkommen , namentlich iibe , ünde, 
'iro, ist hundertfach. S. 35" findet sich ein ganzer satz ohne accente: 
uuanda si mih sculdigunt , welcher nach Hattemer von fremder band, 
nach Piper nur mit anderer tinte geschrieben ist. Bei diesem ist schon 
die form sculdigunt sehr auffällig, vgl, 39" scüldigont. Auch falscher 
accent findet sich oft genug, so in: ünde 13, hegöndön 13, aber 
pegonda 19^, pegöndin 27" usw., ünßite 15 h, uuäs für uuds 17% seö- 
heröst 17", wo gleich darauf das richtige seniderost folgt, es wäre 
möglich, dass das zusammentreifen der beiden vocale in seöheröst 17" 
die doppelsetzung des akutes veranlasst hätte; — die, ioli 18", sia 22'», 

9* 



132 FLEISCHER 

sigelosen 26*, 3iber sigelosen 49'' und sonst stets sige vgl. namentlich 
s. 61*; gemdlnenio 27*, sonst stets malen oder mälon; ioman 29'' für 
das sehr häufige ioman ; sist 43 * für sist ; cliid 47 '' für das äusserst 
häufig vorkommende chit; sköniu 54*'; Uhet 64"; neist für oieist 82", 
mänige 86"; getrdMede 21^, vorher 90* geträhtede] an imo für an «mo 
105" usf. In allen diesen fällen ergibt eine einfache vergleichung der 
betreffenden Wörter mit den sonstigen belegen und den übrigen ahd_ 
Sprachdenkmälern die richtige accentuation schon für sich allein; wir 
dürfen kein bedenken tragen, den grund der auffallenden betonung 
oder fehlenden accentuation in der nachlässigkeit der Schreiber zu 
sehen. Diese grosse menge von Schreibfehlern und nachlässigkeiten 
wird zwar den gedanken an eine peinlich und erschöpfend genaue 
durchführung der nachfolgenden accentuationsregeln im texte nicht auf- 
kommen lassen; sie berechtigt uns aber, in der überwiegenden häufig- 
keit der belege das material zur aufstellung der regeln zu erblicken. 



§ 1. Die acceiite und die ahd. betonung. 

Wie wir schon oben erwähnten, wird in den ältesten ahd. denk- 
mälern nur der circumflex, aber nicht consequent, angewendet zur 
bezeichmmg einer grammatikalischen länge. Er ist daher ursprünglich 
kein accentus, sondern ein auf die quantität sich beziehendes gramma- 
tikalisches zeichen. Aber zu dieser bestimmung hat er sehr bald noch 
eine zweite übernommen , die bezeichnung eines hervorgehobenen tones ; 
wie ja schon eine jede länge, selbst bei ihrer geringsten betonung 
gesanglich immer noch volgewichtiger ist, als eine unbetonte kürze. 
So kann es nicht wundern , dass der circumflex auf betonten silben 
den nur als gesangliches, rhythmisches zeichen für eine kurze silbe 
gebrauchten akut mit vertritt und mit diesem gleiches Schicksal trägt, 
d. h. er schwindet in gewissen fällen, wird durch höher betonte silben 
verdrängt und löst sich in den akut auf, wie umgekehrt der leztere 
unter besonderen umständen zum circumflex wird. Wir werden also 
zwei funktionen der accente zu unterscheiden haben: die bezeichnung 
der quantität der silben und die bezeichnung der hervorhebung einer 
silbe im ton. 

Die quantität, die einfache länge und kürze der silben an und 
für sich zu erörtern ist nicht unsere aufgäbe; doch werden wir da, 
wo sich ein schwanken bemerkbar macht, nicht umhin können, hie 
und da darauf einzugehen. Unsere aufgäbe ist vornehmlich zu zeigen, 



NOTKERS ACCENTUATION 133 

wie die accentuatiou Notkers keine wilkürliche ist, sondern auf den 
gesetzen der betonung der deutschen spräche beruht. 

Über die betonung der deutschen spräche hat nun Lachniann 
(Kleinere Schriften bd. I s. 358 fgg.) sehr scharfsinnig gehandelt; aus- 
gehend von erschöpfender und feiner Untersuchung des Versbaues und 
des reimes ist Lachmanu zu folgenden hauptgesetzeu der ahd. und mhd. 
Wortbetonung gediehen : 

1) Jedes selbständige deutsche wort hat den hauptton auf seiner 
ersten silbe. Ausnahme machen die Wörter, welche mit den präfigier- 
ten Partikeln gi-, fir- , meist auch die mit hi- zusammengesezt sind, 
ferner die mit den partikelu ir-, int-, zi- und den präpositionen ubar-, 
untar- , thuruh- (diese jedoch nur zum teil) zusammengesezten verba 
und von solchen abgeleiteten nomina; ebenso die mit umhi, widar, 
gegin, Jiintar, zum teil die mit furi, fora zusammengesezten verba 
(und von solchen abgeleiteten nomina), wenn der casus von der prä- 
position abhängt, und bei schwächerer bedeutung die mit in und 
furi componierten. Bei allen diesen kann die partikel oder präposition 
nicht den hauptton tragen, die einsilbigen sind stets unbetont. 

2) Jedes drei- und mehrsilbige wort hat ausser seinem haupt- 
tone noch einen nebenton , welcher durch die quantität der den haupt- 
ton tragenden ersten silbe bedingt wird. Ist nämlich die erste silbe 
lang , so hat die zweite , ist die erste silbe kurz , dann erst die dritte 
silbe des wortes den nebenton. Treten bei längeren wortformen meh- 
rere nebentöne auf, so ist widerum die stelle eines jeden folgenden 
durch die quantität der ilmi zunächst vorangehenden betouten silbe 
bedingt, fals nicht andere bedingende Ursachen störend dazwischen 
treten. 

Dieses zweite auf den nebenton bezügliche gesetz, zu welchem 
Lachmanu schon selbst eine reihe von ausnahmen beigebracht hat, will 
nun Sievers (Paul und Braunes beitr. bd. IV s. 522 fgg.) für die alt- 
germanische prosabetonuug nicht gelten lassen; er sucht vielmehr, von 
lautgeschichtlichen und sprachphysiologischen Untersuchungen und erwä- 
gungen ausgehend, für das rhythmische accentuationsprincip ein laut- 
geschichtliches princip einzusetzen und gelangt damit zu dem Schlüsse 
(s. 526): „wo versbetonung und aus lautlichen gründen zu erschlies- 
sende mit einander in Widerspruch stehen, ist die erstere stets die 
unursprüngliche, oder wenigstens die der algemeinen gleichzeitigen 
prosabetonuug nicht entsprechende." Sievers zeigt, dass es gar nicht 
auf die quantität der Wurzelsilbe ankörnt, wenn z. b. ableitungssilben 
von der form v^ b^ an eine Wurzelsilbe antreten , es werden diese ablei- 
tungssilben vielmehr ohne rücksicht auf die quantität der Wurzelsilbe 



134 FLEISCHER 

stets ^ ^ betont ; ebenso würden in manchen fällen Suffixe von der 

gestalt unbekümmert um die quantität der Wurzelsilbe _ 1 betont. 

Auch das schema 6 - ^ zeigt Sievers als möglich. Das grundprincip 
für die stelle des nebentones wäre somit nach Sievers (s. 538) ein 
logisches, nämlich das bestreben „die determinierenden teile des 
wertes durch den accent hervorzuheben." 

Es wäre nun anmassung von mir, wenn ich diese ebenso schwie- 
rige als wichtige frage entscheiden zu wollen mich unterfienge; jedoch 
scheint mir Lachmanns gesetz zu oft genau befolgt, als dass es ganz 
umgestossen werden könte, auch hat Lachmann seine resultate nur auf 
die gebund'ene rede angewendet wissen wollen, und nicht auf die prosa, 
namentlich nicht auf die des ältesten ahd. Aber auf der anderen 
seile muss man mit Sievers zugestehen, dass da, wo versbetonung und 
die aus lautgeschichtlichen gründen zu erschliessende betouung mit 
einander in Widerspruch stehen , die erstere die der gleichzeitigen prosa- 
betonung nicht entsprechende ist; und da die wortbetonung in der 
freien rede durchaus massgebend ist für diejenige in gebundener rede, 
so kann ein gesetz, das man nur aus der versbetonung gewonnen hat, 
nicht in allen fällen für die wortbetonung der prosa giltig sein. — 
Nun hat schon Lachmann das gesetz aufgezeigt, dass im verse eine 
Silbe mit an sich unbetontem vocal nicht über eine nachfolgende mit 
vollem und betontem vocale gehoben werden darf, daher z. b. mhd. 
ändere, aber nicht dnderiu, sondern dnderm. Einen ferneren fall, 
welcher von der Lachmannschen grundregel abweicht, bringt Wil- 
manns in Haupts ztschr. bd. XVI s. 113 fgg. (Der Otfridische vers), 
wo er zeigt, dass bei Otfrid die endung -öno ihr langes ö verkürzt, 
wenn sie unmittelbar nach der Wurzelsilbe steht, unbekümmert darum, 
ob dieselbe kurz oder lang ist, während sie nach unbetonter silbe die 
länge des o bewahrt, also selidöno, fördorono, aber ginädono , sun- 
dono (Lorscher beichte sundeno, Mainzer beichte sundino). Aus der 
nachfolgenden abhandlung wird zugleich hervorgehen, wie diese ent- 
gegengesezten meinungen sich dennoch einigermassen vereinigen lassen. 



A. Der Hauptton bei Notker. 
§ 3. Die bezeichimng des haupttones in deutsclien Wörtern. 

Jedes selbständige deutsche wort trägt in Notkers ßoethiushand- 
schriften mindestens einen accent. Er steht regelmässig über der ersten 
silbe des wertes, und diese ist zugleich die Wurzelsilbe, fals nicht ein 
präfix vorangeht. Geht jedoch der Wurzelsilbe noch ein schweres 



NOTKERS ACCENTüATION 135 

pi'äfix voran , so erhält dieses den hauptton und damit auch den haupt- 
acceut, während die leichten präfixe unbetont bleiben und deshalb 
auch keinen accent erhalten. — Den circunitiex erhält dann der vocal 
der den hauptton tragenden silbe, wenn er lang, den akut dagegen, 
wenn er kurz ist. Suffixale silben aber können nicht einen hauptton 
erhalten und können deshalb nur den circumflex tragen, und auch nur 
dann, wenn sie lang sind; daher bleiben kurze suffixale silben stets 
accentlos. (Nur einmal findet sich , am Schlüsse eines Vordersatzes, 
und jedenfals fehlerhaft accentuiert: geskeldene 1 V . Über die mit dem 
akutus betonte endsilbe -iu s. § 4.) 

Leichte präfixe, welche unbetont und accentlos bleiben, sind: 
ge- , he-, ze-, uer-^ ir- er-, int- ent-; ferner gehören hierher die pro- 
klitischen partikeln de- (iu dehein, deuueder) und ne- (nehein usw. als 
negationspartikel). Daher behält in den mit diesen präfixen gebildeten 
Wörtern die Wurzelsilbe den hauptton. 

Ausser dem hauptton können mehrsilbige Wörter aber auch noch 
einen nebenton erhalten, welchen Notker durch ebensolche accente 
bezeichnet, wie den hauptton, jedoch mit dem unterschiede, dass der 
accent des nebentones in gewissen fällen verdrängt werden kann, was 
dem haupttone bei selbständigen Wörtern nie begegnet, (natürlich abge- 
sehen von fehlerhafter auslassung desselben). Die nähere ausführung 
wird weiter unten von § 12 an folgen. 

§ 3. Die betonung der fremdwörter und eigeiinameii. 

Von der im § 2 ausgeführten hauptregel bilden eine ganz natür- 
liche ausnähme die fremdwörter, welche, soweit sie noch als solche 
gefühlt werden , accentlos bleiben ; sind sie jedoch der deutschen spräche 
bereits einverleibt, so werden sie auch wie deutsche Wörter accen- 
tuiert. So heisst es s. 13 er romanum Imperium zegienge, 14 sina 
libertatem, 15" leidege mus(B, 25'' tiu TioMu turre diccho nider- 
slät, aber s. 13 chfiiser, cheiseres , cJieisere, cheisera; 14 häbes, 
18* tie meter imürchun, 19* chriechiskero meisterskefte , 2V mit 
minero früondo, 22'' in dis einöte mmero ihseli, 25* sichure 
(securus) uuörtene n. pl. msc, 26* cTietenna (catenas), lirun spiles 
ergdzto v. sg. , 26'' des chdrchäres &igesUcM, diu hüohchdmera, 
28* tiu hdldi dero sie hur Mite, 28'' ten fdlenscrduen, ümbe fröno- 
zins (census), 29" Nu sölta ih .. sin sichurera, ze chUecJiün, 30" 
Taz rümiska hertüom, die hrieue a. pl. (hreve), ze demo cheisere, 
meistra v. sg. {magistra) , 31'' dfter ördeno, föne dien lügo brie- 
uen, tero brieuo , ümbe den cheiser, 33'' chUicha brennen ünde 
fdfen sldhen, 34* näh über finfstünt cenzeg milon in ihseli gefüor- 



136 PLBISCHEK 

Ur,^ 37* Tu getämperöst taz iär, 76" f^llola (aus mlat. palUolum) 
usf. Ebenso wird das in die deutsche Wortbildung aufgenommene 
natürlicho accentuiert, dagegen bleibt natura mit seiner lateinischen 
flexion naturae usw. stets accentlos. 

Eine weitere ausnähme scheinen alle eigennamen zu machen, 
selbst die deutschen, von denen aber nur wenige beispiele vorkommen. 
Selbstverständlich ist dies bei namen mit lateinischer flexion: s.lSpau- 
lus, romaniSy romanum, greciam, constanttnopoli , romam iöh italiam, 
gothi, longohardi , longohardis, saxones; 28" demo gotJio. Aber auch 
in deutscher form erscheinen sie meist ohne accent: 13. 14 alderih, 
thioterih, 13 dioterichen, ze romo, 33'' ze paueio. Jedoch ist die länge 
bezeichnet in: otacher s. 13 zweimal, ennont tüonouuo, 78*" tales. Der 
akut findet sich in 14 chdrlinga a. pl. , 67'' sdmson und jedenfals feh- 
lerhaft für circumflex in ötachere s. 13, für das ebenda vorkommende 
otacJiere. 

§ 4. Die accentuatioii der diphthoiige. 

Die diphthonge , deren Notker acht kent , sind stets betont , sogar 
in endsilben. Sie v^erden durchaus auf ihrem ersten vocale accentuiert, 
und zwar tragen den akut die eigentlichen doppellauter (iu , öu, ei, 
eu), den circumflex die unursprünglichen diphthongierungen (wo, ie, 
ia, to). 

Ausnahmen von dieser regel gibt es nicht , man müste denn fol- 
gende ganz vereinzelte fälle nicht als Schreibfehler ansehen: 1) der 
accent steht auf dem zweiten vocale; 29" tieneste, 53" tiüret, 88" liüto. 
2) Der circumflex steht für den akutus: 230" pediu, sonst aber stets 
pediu, was sehr häufig belegt ist; 52* trdumda, aber ebenda und 103" 
235" tröum, 95" tröumet. 3) Der akut steht für den circumflex: 35" 
kerüohön, 156* süochent; 49* tia, 18" die, 22" 78" sia , aber einige 
hundert male tia, sia, die. 4) Keinen accent hat der diphthong in: 
47* lieh man. 5) Corrumpiert scheint 62" öüs, wofür Piper öivs liest. 
Graff emendiert io. 

Anmerkung 1. Ein neunter diphthong zeigt sich als interjec- 
tion 95" du, wo Hattemer fälschlich äu liest. Sonst kommen noch 
vor: 30* sim und 95* sie. <b findet sich in deutschen Wörtern im 
Boethius nur noch in heimcenan 38", <l nirgends weiter. 

Anmerkung 2. Als praktischer vorteil erwächst aus dieser 
regel, dass man durch die Stellung des accentes sehr bequem das con- 
sonantische i, u neben vocalen als solches erkennen kann, z. b. iu 
Wörtern wie zuo (zwei) nebien süo (zu); iä, iuuih, generien, und dass 
man ferner nur zufällig zusammentreffende vocale von diphthongen 
dadurch unterscheidet, z. b. neinnot, sew-trippen usw. 



NOTK.EBS ACCENTUATION 137 

Eine folge des obigen gesetzes ist der wandel des accentes 
bei Veränderung des wurzelvoeales. Daher wird acceutuiert: Mutet, 
uerUuset, chmset, aber bietende, uerliesen, chtesen. Ebenso wird durch 
diese regel der wandel des accentes erklärt in den verschiedenen for- 
men des prouomen demonstrativum der: diu — dia — die, dien, und 
in den formen von drt: dno — driu u. dgl. 

Von endsilben mit diphthong findet sich nur die flexions- 
endung des starken adjectivs -tu im u. sg. fem. und n. a. pl. ntr, Dass 
dieselbe den akut trägt , kann nicht auffallen , da jeder diphthong acceu- 
tuiert sein muss und zwar tu mit dem acutus. Nun sind aber die 
langen endsilben zu Notkers zeit schon stark der gänzlichen tonlosig- 
keit anheimgegeben , sodass sich auch diese endung sehr häufig ohne 
accent findet; namentlich in dlliu, disiu, eniu, imeliu, selbiu u. a., 
welche ich im folgenden anführe : 

dlliu ricJie 27'', dlliu diu trügebilde 45", dnderiu tier shd dlliu 
geudgo 74*, dlliu finuiu 126*, dlliu eorpora 215'', siu dlliu 237* 239*, 
dlliu diu gesihtigen bilde 237", diu dlliu 243"; vor allem aber in der 
Verbindung dlliu ding: 37* 42" 156* 156" 172* 225" 231* 239* 244* 
247" 253" 254*, — 128* steht dlliu und dlliu ding. — Dagegen findet 
sich dlliu mit betonter endsilbe: si dlliu (sc. diu stimma) 70", dlliu 
gestirne 71", dlliu diu suasio 77", siu dlliu 131*, 248", während oben 
zweimal siti dlliu belegt ist, dlliv uudhsentiu 146*. — dlliu ding 
ist belegt: 129" 225" 247", dlliu ding clmmftigiu 225", dlliu gerohaftiu 
ding 225". 

disiu 45" 146* 237*, tisiu selba stät 66", tisiu disputatio 79% 
d. argumentatio 8V\ d. uuerlt 128", d. reda 132", d. gehdft 177*, d. 
driu 219*, d. götes forebechenneda 248", d. gedingota not 252*. Aber 
disiu tmirfära sälda 68*, disiu uuerlt 78". 

eniu 92" (2) 207", eniu zuei 217". — 100" steht einmal eniu 
fieriu und bald danach eniu ßeriu. Der grund dieser Verschiedenheit 
ist mir nicht ersichtlich. — eniu findet sich auch 58*. eniu — disiu 
steht 92" zweimal. 

Da ich ein durch gi-eifendes gesetz für das fehlen des accentes 
nicht habe finden können , so begnüge ich mich mit der einfachen auf- 
zählung der belege : 

uueliu 24* 45" 57* 158" 239* 245" 251". 

selbiu 17" 160* 177* 208", aber ih selbiu 23", selbiv 91*. 

uuelichiu 156" 157*. 

guissiu ding 41". 

sümiu 251'', aber sümiu 243 ^ 

neheiniu dnderiu ding 128*. 



138 FLEISCHER 

rniniv öugen 15", siniu öugen 22", aber miniv vuüoffenten öugen 22', 

siniu uuört 207'*. 
iuueriu 255*. 
einiu 178" 250" 252^ 

beidiu 34" 50" 218" 219" 242" 252^ aber Uidiu 67^ 70". 
fieriv 156", c^iw änderiu finuiu 138", aber aZZm finuiu 126". 
Nur vereinzelt: güotiu iär ünde ubeliv 49", sköniu gechöse 
54", a7^m sümheit 17", /öZZiw 244", /'^/riv 248", ZwMm 122", rücche- 
giu geniale 17", ünsörnegiu 38", heuueliselotiu 45", geskeideniu 226'', 
missehelUu 233", cMesendiu 240", sdmenthaftiu 244", einUtzdu 252", 
^wei c?*w^ JcelicJdu 239 ". 

Zum grösseren teile sind es also solche Wörter, welche fast nur 
oder vornehmlich in starker deklination vorkommen. 

§ 5. Der circumflex auf (einfachen) vocalen. 

Der circumflex steht bei Notker zunächst auf allen langen Wur- 
zelsilben in allen einfachen , nicht mit schwerem präfix versehenen Wör- 
tern. Hier ist er fest und ohne schwanken, da es keine silbe gibt, 
welche höher betont sein könte als eine solche lange Wurzelsilbe und 
daher auf die betonung derselben vermindernd einzuwirken vermöchte. 
Wie sich die quantität gebildet habe, ist eine erörterung, welche der 
grammatik obliegt; hier sei nur erwähnt, dass Wurzelsilben mit e und ö 
ziemlich selten, am häufigsten aber solche mit diphthongierungen, 
namentlich mit üo, begegnen. 

In einsilbigen auf vocal auslautenden Wörtern ist bei Notker der 
vocal stets circumflectiert uüd dadurch als lang bezeichnet, soweit sie 
nicht ihre begrifliche Selbständigkeit und mit dieser überhaupt den 
accent verloren haben. Es gibt in folge dessen keinen auslautenden 
vokal bei Notker, welcher mit dem akut versehen wäre. Bei Wörtern 
mit auslautendem diphthonge jedoch ist die regel, welche in § 4 ent- 
wickelt wurde, stets berücksichtigt, wonach Wörter wie iu (euch, schon), 
siu, uuiu, diu den akut zeigen; aber es finden sich nur circumflectiert 
Wörter wie iä, lä (lass), uue , si {ea, ei; sit), tö , so, nü, tu, sü, mo, 
sia , sie, lie (Hess), nio , umo, io. 

Die tatsache, dass die hochbetonten silben mit auslautendem 
vocal meist lang siud, scheint mir durchaus mit dem wortton zusam- 
men zu hängen, soweit die länge nicht durch contraction oder ersatz- 
dehnung entstanden ist, wie wir ja auch heute ursprünglich kurze 
betonte vocale vor nicht position machenden consonanten im binnen- 
deutsch meist lang sprechen, wenn sie in offener silbe stehen, z. b. 
das glas, aber des gläses, jener, dlser, wider, weren, seren^ haben, 



NOTKEBS ACCENTUATION 139 

Mägen, sägen, laden, geben, lieben, nemen, ja sogar in geschlossener 
Silbe: ivcr, er tvär, der tag, vJl , iveg , steg , näm, kam usw. Dass 
dies zum grossen teil unter einfluss des hochtones entstanden ist , kann 
nicht zweifelhaft sein. 

Zweitens steht der circumflex als grammatikalisches längezeichen 
auf laugen bildungs- und flexionssilben. Da er hier nur den nebenton 
tragen kann, so soll das nähere im zweiten vom nebentone handelnden 
teile meiner abhandlung erörtert werden. 

§ 6. Der acutus. 

Der akut steht in einfachen nicht mit schwerem präfix versehenen 
Wörtern nur auf kurzen Wurzelsilben. (Über die mit dem akut betonte 
endung tu siehe § 4.) Notker betont aber mit akut den wurzelvocal 
jedes selbständigen wertes, wenn dieser nicht schon den circumflex 
trägt. Daher sind stets betont: 1) Substantive, z. b. sang, öugen, 
sdchön, iiigende , tiirft. 2) Adjectiva und adjectivische adverbia: lei- 
dege, ernestlichen, dnderro , alten, sldcMu; iibelo, fdsto. 3) Verbalfor- 
men, z. b. teta, mdchon, uuiget, ftUlent, pin, ist, geslüngen , geuuün- 
ster. 4) Zahlwörter: einer, suei, ander ^ dri, driu, fimf, dritto usw. 
5) Conjunctionen , wie unde, übe, ünz , uucindo, tdz , sdmo. 6) Inter- 
jectionen : dh , du. 

Die übrigen Wortklassen sind zwar meist auch betont; in gewis- 
sen fällen jedoch fält bei einigen derselben der ursprüngliche ton fort, 
sei er akut oder circumflex, eine erscheinung, welche durchaus der 
Enklisis in der griechischen spräche zu vergleichen ist, und welche 
ich daher mit demselben namen belege. Diese erscheinung der enkli- 
sis soll nun in den folgenden §§ besprochen werden. 

§ 7. Enklisis von Partikeln. 

Notker gebraucht im Boethius folgende partikeln enklitisch : 

1) Die fragepartikel na (vgl. Grafif 2, 968 fgg.) 21" 49" 52" 
53" 55" 67" 87" 95'^ (2), 107" 124'' fgg. Nur einmal zeigt es sich mit 
dem akut, jedenfals zu unrecht 26" zeile 17. 

2) Die aufforderungspartikel nu , entstanden aus nü (vgl. 
Grafi" 2, 976 fg.). In der form mi zeigt es sich 43" 48", Sih nu 208* ; 
in der gestalt no in Sih no 15", sage no 42". Sonst ist es mit dem 
vorhergehenden worte zusammengeschrieben in wmo 22" 71" 80" 90" 
fgg. In Uud^ nu fröuua? 30" steht nü für lat. igitur und kann daher 
nicht enklitisch sein. 



140 FLEISCHER 

3) Die relativmachende partikel tir, entstanden aus dar 
(vgl. Grafl"5, 55 fgg.), in III tir 15% Ur dir 34^ 46*' 58% üe dir 58% 
das Ur 75% 79% 177^ (2) fgg. 

4) Die abgeschwächte instrumentalfoim te (aus diu vgl. 
Graff 5 , 30) , nur in anlehnung an des vor comparativen erscheinend : 
des te säligoren 53*, deste ärmeren 71% deste bds 96", deste hezera 
96-^ fgg. 

5) Nur vereinzelt komt vor Ho 50*. Es ist sicheres hierüber 
kaum zu sagen; die form des wertes ist nahezu ^= «Wal leyöfisvov^ 
vgl. Graff 2, 31. 33 

§ 8. Enklisis der praepositioneii. 

Die praepositionen sind ursprünglich wie jedes wort betont. Mit 
der fortschreitenden entwickelung des denkens jedoch wurden die bezie- 
hungen , für deren ausdruck zuvor der casus allein ausgereicht hatte, 
schärfer und genauer bestirnt durch hinzutretende praepositionen, daher 
deren Verwendung wuchs und in der prosa sich volständig ausbildete. 

Vocalisch auslautende praepositionen verschmolzen nun dabei leicht 
mit dem ihnen folgenden nomen zu einem worte wie z. b. pediu, und 
verloren dann natürlich auch ihre selbständige betonung. Die auf nasal 
auslautenden erhielten ihren eigenton etwas länger, z. b. m, und 
namentlich die mit vollerem vocale, z. b. an; aber die auf stärkeren 
consonanten endenden verloren ihren ton nur selten, wie z. b. mit, am 
schwersten die zweisilbigen föne umbe dna usw. , welche sich dann 
auch stets betont finden. 

Die praeposition hl ^ he ist stets unbetont, z. b. hediu , hi 
demo lebenden hünde, ddnne bi demo toten ioue 24". 

Die praeposition in hat sich den accent nur erhalten, wenn 
ein unbetontes wort, in diesem falle nur der unbetonte bestimte artikel 
folgt. Dies Verhältnis erinnert sehr an die griechischen encliticae, 
welche auch den ton bewahren, wenn eine andere enklitika folgt. So 
findet sich: in-dia süJit 18% in dia grüoba 19% in daz fmr 52% m- 
demo dinge 58" fgg. Nur zwei ausnahmen sind im ganzen Boethius 
zu verzeichnen: in demo sprälihüs 61% Dies ist ein offenbarer fehler; 
es steht im lateinischen in curia; gleich darauf folgt auch das richtige 
an demo Jierstüole. Ferner in : eina uuila in dien himelisken , dndera 
uuila in dien irdisken (sc. genera). Einmal 52" steht in vor betontem 
artikel: in daz fiur (Hattemer hat hier fälschlich in daz f'iur). Es 
folgt jedoch kurz nachher in daz fiur mit richtiger betonung; es ist 
hier auch gar kein grund vorhanden , den artikel zu betonen. — Sonst 
ist in stets ohne accent, wenn es zur stütze des casus steht, und 



NOTKERS ACCENTÜATION 141 

dann wird diese praeposition sehr oft mit dem zugehörigen worte 
zusammengeschrieben; z. b. indllemo 16% in - minemo 16% aber auch: 
in lüstsamen, in uuärJmte. — Als adverb gebraucht hat in natürlich 
stets den ton, z. b. 28" in geteta, 69*' ingnnt , 87"' inlendes (vgl. unser 
nhd. inländisch). Statt dessen findet sich auch die längere adverbiale 
form inne, z. b. 26'' innc säse; dar inne usw. 

Die praeposition an hat wie in stets den ton vor dem unbeton- 
ten bestimten artikel. So z. b. an dero uuäte IT*", an dero zeseuuim 
18'', an d&ro uuinsferün 19'\ an dia uerlörnisseda 20*, an dia töuhün 
crda 2V, an dero dscün 27", an demo dnibalite 28*, an das tinreJit 28", 
an den geuudlt 30'' usw. ohne jede ausnähme. 

Diese regel, dass an und in vor unbetontem artikel den akut 
haben, ist also ganz fest und ohne schwanken. Vor betontem artikel 
und überhaupt in allen anderen fällen hat, wie vv^ir sahen, in nie den 
ton; bei an jedoch schwankt Notker zwischen dem betonten rm und 
unbetonten an. Ohne zweifei soll durch den accent das wort in seiner 
praepositionellen bedeutung hervorgehoben werden; da dies jedoch zu 
sehr in das belieben des Schriftstellers gelegt ist, so lässt sich schwer- 
lich ein festes gesetz auffinden, ich habe mich wenigstens vergebens 
bemüht, einen weiteren grund zu finden. Das lateinische m vrird eben 
so oft durch das betonte an als durch das unbetonte an übersezt, z. b. 
41'' an so hMlesdmero redo = in tarn salubri sententia. Q7^ an disen 
zumeligen dingen = in his forfuitis rebus neben an deme = in eo 
19", an iro = in ea 46*, an selhemo iro uuehsale = in ipsa sui 
mutabilitate 47=^. Ich lasse nun einige fälle folgen , welche zeigen , dass 
ein bedeutungsunterschied nicht durchaus der grund der verschiedenen 
betonung sein kann; man vergleiche: 124" An demo eniu drm sint 
und An demo gmiht imde mdht sint. — 83 "^ . . dero disputatione. an 
dero si nü w dna ist, wo sogar das adverbiale dna den begriff der 
praeposition widerholt, und 82*" föne dllero uuerltsäldo. an dero nieh- 
tes neist. — 96" Aber an ddz pilde (= ad imagines) und uns ten- 
chest tu an das pilde dero uuärün saldo, ndls an sia selbün; 74" an 
dero uuirde slnero rationis; 82'' d,n dero täte dero dingo, dero ndmen 
sie sint [effectu ipsarum rerum), — 121^ an dien f innen und 59'' an 
dien allen. — 4,5" an minemo sutgenne und 79" an sinemo libello, 
78*" an sinemo büoche fgg. Es scheint also diese praeposition an und 
für sich noch genug kraft zu besitzen , um den ton zu tragen , wäh- 
rend wir bei in sahen , dass es in solchen fällen stets tonlos ist ; 
wir müssen eben hier ein blosses schwanken erkennen, welches dem 
Schriftsteller die freiheit lässt, ganz nach seinem gutdünken, jenach- 
dem er es hervorheben will oder nicht, das wort mit dem accent zu 



142 FLEISCHER 

versehen, oder diesen wegzulassen. — Vor dem pronomeu personale 
jedoch erscheint an stets betont, z. b. an in 40* 41^ 73" (2) 80% an 
in sdhen 73'', an iro 46*, an mir 35% an iu selben 73^; aber auch 
einmal an sia selbün 96 ^ — Ich glaube, dass alle diese beispiele 
genügen, um zn zeigen, dass hier der rhetorische accent den ausschlag 
gibt. Wenn an adverbial gebraucht ist, so steht es fast nur in der 
form äna, z. b. 21" dna sehenUu, 25 * dna tieret , 37'' Uget dna (vgl. 
Gr. II, 698). 

Die praeposition zu erscheint meist in der form 0e. Dies ist 
stets unbetont, z. b. zeünzUe 15'', zesere 16°', seniderost 17'', zeäisemo 
siechen, zetheatro 18**, sedemo tode 24", se stete 36*^ fgg. Die vollere 
aber ebenfals unbetonte form zu, zuo hat zugleich intensivere bedeu- 
tung: hdra zu tinsermo meze 17% föne demo nideren . . zu demo obe- 
ren 17^ Sie steht meist auch bei den pronomina personalia: zuo mir 
34% zu mir 50'', zu iro 77*, wobei ich daran erinnere, dass an meist 
vor denselben pronomina betont ist. — Als adverb hat es die gestalt 
züo, zu und ist stets betont: züo stözenten 24'', zu sehentemo 32'', und 
in ddra züo 78* 81'' 121''. 

Die praeposition mit ist nur in formelhafter Verbindung mit 
einem casus zu einer adverbialen redensart unbetont, namentlich in: 
mit rehte 34* 53* (2) 55'' 74" 82" 89^ 93" 115% aber es findet sich 
daneben auch mit rehte 32'' 131* 133" 135*. Ferner: mitdllo = ganz 
und gar (zusammengeschrieben) 87" 89* 210*, mit not 103*. Jeden- 
fals fehlerhaft fehlt der accent in 33* mit uuelero uertröstede ünde 
mit uuelen ündüron = quanta securitate mei periculi : es ist dieser 
fall aber zu vereinzelt, als dass er beweiskraft haben könte, denn mit 
komt fast auf jeder seite, unter allen möglichen Verhältnissen, — 
ausser in den obigen fällen , — nur accentuiert vor. Ebenso ist die 
ganz vereinzelte Schreibung ane Idhter ünde äne früregi 25", und 
uone dei sapientia 17% während auf derselben seite dreimal föne rich- 
tig steht , auf rechnung des Schreibers zu setzen. In lezterem falle ist 
zu beachten, dass zwei worte folgen, welche als fremde Wörter keinen 
accent tragen dürfen. 

Im algemeinen haben also drei faktoren mitgewirkt, um den 
wurzelvocal von praepositionen zum tragen des accentes fähig zu 
machen. 

1) Eine praeposition verfält um so eher der tonlosigkeit , je leich- 
ter ihr wurzelvocal ist und je weniger eine nachfolgende consonanz 
oder Silbe die Verschmelzung mit dem folgenden worte hindert. Daher 
sind die vocalisch auslautenden einsilbigen praepositionen be, bi und ze 
stets tonlos, sie schlössen sich immer an das folgende wort au. Die 



NOTKERS ACCENTUATION 143 

praepositiou in mit liellem wurzelvocal und folgendem auslautenden 
nasal , ist meist betont , während an sich in folge des schwereren voca- 
les seine betonung in der mehrzahl der fälle erhalten hat. Noch öfter 
als an zeigt sich mit betont, ja es ist nur ausnahmsweise und nur 
vor Wörtern, welche mit vocal oder mit den sonoren r, n anlauten, 
unbetont. Die zweisilbigen praepositionen aber haben stets ihren ton 
bewahrt. 

2) Eine praepositiou nimt au betouungsfähigkeit zu , je intensiver 
die Wortbedeutung ist, sodass z. b. die praepositionen, wenn sie adver- 
bial gebraucht werden, stets betont sind und zugleich meist vollere 
form zeigen. 

3) Eine praepositiou ist meist betont, wenn ein tonloses wort 
folgt, daher in domo hüs , an dia erda, mit dero züngün. 

% 9. Die betonung des bestirnten artiltels und des prononien 

demonstr. der. 

I. Der bestimte artikel ist ursprünglich nichts anderes als ein 
pronomen demonstrativum uud hat als solches durchaus den accent. 
Aber schon frühe ward dieses ursprüngliche demonstrativum als bestim- 
ter artikel verwendet und in seiner anlehnung an das nomen verlor es 
dann seine eigentliche selbständige bedeutung und damit zugleich den 
accent , während , so lange die demonstrativbedeutung noch kenbar 
blieb, sich auch der accent erhielt. Nur in drei fällen hat der arti- 
kel seine betonung bewahrt: 

1) Wenn ein von dem zugehörigen Substantiv abhän- 
giger genitiv folgt. Beispiele: 22^ mit temo nebele tero stirbigön 
dingo, 24'' demo flize dero scddelön, 2b ^ tie trouuün des mir es , 27' 
die uerte dero ... sternon (2), dta uuisün mmes Ubes, 28" tiu bdldi 
dero siclmrheite , 29'' mit tero nöte des scdzzes , 30^ dero sdrfi des chü- 
ninges , ?>V die urehte dero uuercJw, 31'' tia uuärheit tero selbün täte, 
32°' mit temo dntimürte canii , 33* tte ünsciUde alles tes herotes , 35'' 
an die urehte dero uuercJio. nübe an dia geskiht dero trügesäldön, 
SO*' die gezirten uuende dinero büo(Ji)chdmera, tdz dnasidele . . dines 
müotes , 39** tia ünera dines ünliumendes, 43 '^ dia gemdchün stüreda 
tinero sühte, 43'' tia uu6hsela dero uuilsäldön, 44°' diu uinstri dero 
lukhön müotpelieftedon , 44^ an dien sJcorrenten skiuerron dero uer- 
bröchenön steino, 45 "■ före demo nite dero ererün saldo, 45" dlliv diu 
trügebilde des egetieres, 47'' mit tien lücchedön. lukhero sdliglieite; ddz 
dnalütte, des sih pergenten trügetieueles , 52'' ddz leid uuende persi 
regis macedonum, 58* tiu exempla dero statuiim , 60=^ ze dero si^^pa 



144 FLEISCHER 

dero Mroston, 63^ Ur hdro ndmo dero säldon, 65'' liu gesJcdft fero 
menniskon güotes, 70°' das: officium oratoris; die Jiälen. unde die uer- 
löufenten g<^hä dero fortunae, 70'' diu gesdmendta mdnegi des scaszes, 
72b so dia chleini des vuürcJien. aide den geziug tes uuerches, tiu 
Tndnegi dinero scdlcho, 74" diu gesMft Uro dingo; dn dero uuirde 
smero rationis, 75" dta säldä dero ötuudlön; tie sconen sldä dero 
serum, 79" umhe dia ühermüoti dero consulum, 82" aw dero täte, dero 
dingo, 84" der liument michelero uuölatäto, gdgen demo meze eines 
stüpfes, uuider df^ro micheli des himeles, 88* 0e dero uuiti dero euuig- 
heite , 88" dero stiuri dero geuuizzedo. aide dero tügede, 89" üzer demo 
chdrchare des lichamen; üfan dia uuUi des himeles. linde nider dn 
dia smäli dero erdo, 90«' dien höton .. dero samnttvm, 92* mit tero 
gelicJii dero säldon, 92" mit tero guissün hecJiennedo mürgfäres Jcüotes; 
föne dero cmezigi dero drheito , 93" Selber der ndmo dero aduersita- 
tis, 95" diu süozi des sdnges; mit tero uuägi dinero r6do. iöJi mit 
tero liistsdmi. dines sdnges ; diu strengeren lachen dinero redo , 9Q^ dn 
ddz pilde dero uuärün saldo, 97" diu missenömeni des uueges, 99" tiu 
uuünna dero friundo, 100" tdz pilde dero mennishon säldon, 107* mit 
tien gimmon des roten meres, 110" so hiez tiu chrdfttero consulvm aide 
dero regum, 114" föne dien gesuäson dero chüningo; ze dero uueli des 
tödes; 115" der ndmo des keedeles, 122" die gesuäsen stete des meres, 
128" näh tero uuisün. ünde näh temo euuigen bilde dines müotes, 
130" dia blindi. ünde die sündä des irdisken lichdmen, 131" föne 
dero uuäni des f ollen, 135" tdz köt der dnagenne ist dllero bono- 
rum usf. 

Dies gesetz zeigt sich ziemlich streng durchgeführt. Von aus- 
nahmen finde ich nur 18" den uuüocher. nnde den ezisg tero rationis 
= uberem segetem fructibus rationis. Hier hat das erste den keinen 
accent; jedenfals wolte Notker den uuüocher nicht mit dero rationis 
verknüpfen und sezte deshalb auch einen unterscheidenden punkt hinter 
uuüocher (vgl. den lateinischen text). Ferner 29" uuider demo flegare 
des praetorii, des dmbdht iz was {= adversus praefectum. praetorii) 
und 25" ter sciiz tero fiurentün dönersträlo. tiu hohiu turre^diccho 
niderslät {= via ardentis fulminis. soliti ferire celsas turres). Dies sind 
wahrscheinlich Schreibfehler, was um so wahrscheinlicher ist, als hier 
schon der folgende relativsatz den accent forderte; denn das demon- 
strativum hat stets den accent. — Keine ausnähme sind folgende fälle, 
in denen der artikel vor einem Superlativ steht, vor welchem er nie betont 
ist: 90^ der iilngesto tdg tero uuerlte, 104" diu erchenösta scündeda 
alles keronnes . . ten mitfelosten sfüp)f tero uuärheite. 



NOTKERS ACCENTUATION 145 

Dass der artikel in dem falle den accent trägt, wenn ein von 
dem zugehörigen Substantiv abhängiger genetiv folgt, wird seinen grund 
darin haben, dass er noch einen rest der ursprünglichen demonstrati- 
ven kraft sich in diesem falle erhalten hat: er soll auf den folgenden 
genetiv hinweisen, wie er auf das zugehörige nomen hinweist, wenn 
zwischen ihm und dem nomen ein adverb oder ein particip mit einem 
davon abhängigen casus dazwischen steht. So in: 20'' tlu Tiara eruuin- 
denta sünna föne demo hiemali circulo, 47" das dnalüUe des sih per- 
genten trügetteueles (= ambiguos vuUus caeci numinis), 84" Ah tds 
drheitsdmo geudllena löz (= Heu gravem sortcm) , 90'' Ter cliünio ze 
leiho uuörteno Uument (= super stes fama tenues ..), 69* den dröUcho 
uuellönten mere (= pontum minantem fluctibus), 113" des öbe höuhete 
h/mgenten suertes (= gladii pendentis supra verticem). 

2) Der artikel steht ferner betont vor seih. Z. b. tes sei- 
hen = idem 33", den seihen liimel 36'' = caelum; tds selha = id 41'^, 
= quod 81% = idem 82''; föne dien selben 45'', ten seihen ndmen 58", 
Uro selbön säldön ende = fortunae etiam 62'', dero selbon 70% der 
selbo riJduom 70", ze d'ero selbün uuis 85", tero selbün erdo also lüz- 
zelero = Huius . .. tarn exiguae regionis 85% tes seihen fierden teiles 
= Jiuic quartae parti 86 *, in demo sdben smdlen dnasidele = Jioc 
ipsum septum hrevis hahitacidi 86", tiu selha minna = Hie (sc. amor.) 
94", se dien selben finuen = ad superiora 99*, föne dero selbün 
aduersa fortuna 93*, dia selbün ea 110", tero selbün sldhto = in eo 
(sc. genere) 131", das selha = idem 140", 134% 142''; ddz selba bonum 
139", tiu selha iro praescientia = praecognitio 231", nöh in, ih meino 
dien selben uuellön = vagis fluctihus 94% tes selben 113", Tes seihen 
ist zuiuel = hoc ipsum duhitatur 233". — Als ausnähme finde ich 
nur 97'' ddz ist taz selha. Ich kann hier nur einen Schreibfehler anneh- 
men, da der fall ganz vereinzelt dasteht. 

Wir sehen, dass mit der selbo meist is, qui relat. , hie übersezt 
wird; es hat hier der artikel also noch demonstrative kraft. Übrigens 
ist bemerkenswert , dass auch die persönlichen fürwörter vor selbo meist 
den accent tragen und ihn nicht verlieren. 

3) Der artikel ist drittens betont vor cardinalzahlen 
und vor b6ide. Beispiele: bh^ iogelih tero drio sldhton, 55" Tero 
zueio heizen uuir den einen, 119" dero zueio ist imo daz eina lieber a^ 
124'* diu finuiu, 131" ein dero finuo, 133" diu zuei, 134" Tiu fier, 
135" Tero zueio fgg. 114" Tie beide = uterque, 66" tero heidero 
gnüog = utroque. — Vor ein jedoch ist der artikel stets unbetont; 
der eino steht dann meist in correlation mit der ander ^ z. b. 55" den 
einen statum — den anderen, 119" daz eina — daz ander a, 134" föne 

KEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 10 



146 FLEISCHER 

dero einün — fÖ7ie dero dnderün, 208'' demo einen — demo änderen; 
und ohne nachfolgendes der ander: den einen 55 ^ das eina 119b. 
In dieser substantivischen bedeutuug „der eine , die einen" bildet das 
schwachformige eino, wie noch heute, auch einen plural. 

Über die betonuug des artikels vor solih etwas sicheres zu sagen 
verbietet die Seltenheit der belege. Ich habe nur angemerkt: 25'' ten 
sölen und 124*" demo solichemo. 

U. Wie schon bemerkt, hat der bei deutlicher demonstrativ- 
bedeutung stets den accent, wie wir ja auch heute noch betonen: der 
mann , welcher . . . Ich hebe die hauptfälle heraus : 

1) Wenn der reines demonstrativum =: lat. is, hie, ille, qui ist, 
namentlich auch in relativ - adverbialen Verbindungen wie se dero ums, 
in dia ums = so , solchergestalt , dia uuisa = auf diese weise , tia 
umla, pe dero uullo = unterdessen, föne dien dingen = daher, in 
dien uuorten = und zwar so. 

2) Wenn der auf einen nachfolgenden relativsatz hinweist, also 
ebenfals = dem lateinischen is — qui ist. Beispiele: 20^ tinde uuissa 
er ouh tle uerte besah, tie deJiein planeta tüat = quaectimque Stella 
exercet vagos cursus; 22'' tinde (also diu hisa) den dag mdchot heiteren, 
der uore finsterer uuds = et reserat clausuni diem; 24^ Mit temo 
irreglichen uuäne, der lo uuirhet mit tero uerulüchenun mdnegi = 
errore profanae multitudinis ; 25* mit tero festi heuudrote, tdra nehein 
uueg süo nest = eoque vallo 7nuniti, quo non fas sit ....; 25" ter 
hrennento herg ueseuus, ter in campania ist: 26** tiu missesMht . ., tiu 
mir dna liget; diu tüohchämera , tär du gerno inne säze = illa hiblio- 
theca , quam . . Dies zeigt sich in ca. 200 fällen. Doch finden sich 
einige ausnahmen in fällen , in welchen dem deutschen relativsatze kein 
relativsatz des zu gründe liegenden lateinischen textes entspricht: 25^^ 
ter scüz tero fiurentün dönersträlo , tiu hohiii turre diccho niderslät = 
via ardentis fulminis soliti ferire celsas turres. Hier verlangt schon 
die unter I no. 1 dieses paragraphen angeführte regel, dass ter den 
accent trage; da sich in dem kleinen satze noch ein accentfehler holmi 
zeigt, auch kurz vorher richtig accentuiert war ter hrennento herg 
ueseuus, ter . . ., so wird man nicht fehlgreifen, eine nachlässigkeit des 
Schreibers anzunehmen. — 29" uuider demo flegare des praetorii, des 
dmhdht is uuds und gleich darauf: Temo chüninge, tes chörn is uuds 
uuisentemo. Hier hat beidemal der lateinische text keinen relativsatz, 
sondern sagt nur: adversus praefectum praetorü und rege cognoscente. 
Vielleicht wolte Notker hier durch die accentlosigkeit des artikels andeu- 
ten, dass er die relativsatze nur als ergänzende erläuterung, nicht als 
selbständig bedeutsame und wesentliche sazteile hinzugefügt habe. — 



NOTKERS ACCENTÜATION 147 

135* sdmo so ein substantia ne si des lidbenten gotes. tlnde dero heati- 
tudinis, tia er habet = diversam suhstantiam esse hahentis dei hahi- 
taeque heatitudinis. Hier vertritt der deutsche relativsatz nur das 
einfache part. pass. des lateinischen satzes, was sich in deutscher 
spräche nicht füglich mit einem worte ausdrücken liess. 

Diese vereinzelten fälle können die regel umsoweniger erschüt- 
tern , als die vergleichung des lateinischen grundtextes zeigt , dass hier 
der deutsche relativsatz nur umschreihende widergabe einer einfachen 
lateinischen construction war, die nicht mit gleicher kürze widergegeben 
werden konte. 

III. Ich lasse nun eine reihe von fällen folgen, in welchen der 
bestirnte artikel stets unbetont steht. 

1) Wenn er zwischen eino , selbo oder dl und dem nomen steht: 

a) nach ein: einen die mennisken = Jiomines tantiim 41'', i'mibe 
eina dia säligheit = solam heatitudinem 99* fgg. in der bedeutung 
„allein." 

b) nach seih = ipse: seihen die meldara = efimn ipsi qui 
detidere 34% seihen diu hüoJi 39'', selbes taz here 58", tiitider selben 
den graben; selben die böuma 42", seihen den mennisken = hominetn 
ipsum 62'', selben den lümel ünde dlliu gestirne = caelum, sydera, 
lunani solemque 71'', selbemo demo Mrren = ipsi domino 72", selben 
die scrifte = i^ysa scriptta 87'', selbes tes dmbaJifes = ipsts honoribus 
108% selben diu dmbdht 100% seihen die chüninga = ipsa regna 114", 
selbes taz ting sdgendo = ipsarum rerum commemoratione 138'', sel- 
bes taz Jcüot = ipsum bonum 142°', selbiu diu mennisJcen getdt = 
ipsa species humani corporis 177'', Selbiu diu drbeitsami = difficultas 
ipsa 208 b usw. 

c) nach et Z; dlla dia legionem 25*", alles tas hertüom = totius- 
que senatus 32'', an alles tas herofe = ad cunctuni ordinem senatus 
33% alles tes herotes = universi senatus 33", mit dller o dero herron 
mdncgi ünde mit alles tes Hutes mendi = suh frequentia pafruni sub 
plebis alacritate 60", dlla dia er da = omnem terrae ambitum 84'', alle 
die liute 93", alles tas (Hatt. täz falsch, vgl. Piper) uuituohele 245''. 

2) vor Superlativen: hinderorün dien Jiinderösten dingen 74% 
an dien hinderosten dingen 74% das dfterösta 74'', tero hinderostün scöni 
71% diu edelesta 76% ter förderösto , der dltesto 78'', die sdgosten, dien 
uuirsisten 81'', tas oherosta inehen demo niderosten 90% der tiuresto 
sca£^ 93", tes tüomlichösten güotes 134'', tiu filrsta, tie fürsten 137" fgg. 

3) vor Ordinalzahlen, namentlich auch vor ander: ter eristo 
56'', ter ander 56'', tes anderen 86", das ander 94"^, die andere 58", 
70% dien anderen 56", ter dritto 56'', tas ßerda, fimfta, sehsta 43'', 

10* 



148 FLEISCHER 

WO fehlerhaft tdz tritta steht {tdz auf rasur), richtig jedoch claz tritta 
99'' 123^, tes tritten 99", mit dero dnderro linde mit tero drittün 120*, 
dia drittün, diu dritta 134^. 

4) bei einem abhängigen genetiv, sowol in der Stellung vor 
dem regierenden Substantiv: 20^ dero sünnün uerte ünde des mänen, 
23'' uuider dero göucho ndnde, 26* tes müotes festi, 26" selhiv des 
cTidrchäres eigeslichi, 28* dero geuiidltigön bölgenscdft, 28" dero hei- 
denon urecihi, 29" äba des cMninges dmhaht tieneste, in welchem falle 
in alliterierender poesie der voranstehende genetiv den stab trägt, ein 
beweis, dass der genetiv einen starken logischen ton hat, an welchen 
sich der eigenton des artikels anlehnt. — Aber auch in der Stellung 
nach dem regierenden nomen: siiJd tero äuuizzdntön 21", mit temo 
nebele tero stirbigön dingo 22*, demo flize dero scddelon 24" usw. 

Anmerkung. Der unbestimte artikel ein findet sich bei Notker 
stets, ohne ausnähme, accentuiert. 

§ 10. Euklisis demonstratirer aclyerbia. 

Als enkliticae begegnen zwei partikeln, welche von den demon- 
strativ- und reflexiv würz ein ta und sva sich ableiten: ddra, dar 
und so. 

1) ddra, dar, adverb des ortes und der zeit hat, absolut 
gebraucht, stets den accent und lautet dann dar. Wird es aber zu 
einer praeposition gesezt, so behält es nur dann den accent, wenn es 
logisch betont ist , d. h. wenn auf ihm ein nachdruck liegt. Euht aber 
der logische ton auf der ihm folgenden praeposition, so verliert dura, 
dar seinen accent. — Das adverb lautet nun vor vocalisch anlautender 
praeposition, verkürzt und consonantisch auslautend, dar, also dar 
ümbe, dar dna, dar inne, sodass der hiatus vermieden wird. Vor 
consonantisch em anlaut der praeposition dagegen hat es seine ursprüng- 
liche gestalt dura behalten, also dura näh, ddra 0Ü, ddra gdgene. 
Nur vor u findet sich auch ddra: ddra ümbe, und vor f auch dar: 
dar füre. 

a) ddra , dar erscheint betont , wenn es deiktische bedeutung hat. 

1) Wenn es auf einen eben besprochenen punkt zurückweist, 
64" dar dna habest tu, duz tu mit temo Übe gerno chöuftist = an 
diesem umstände hast du etwas . . .; 102* Tär dna mag man 
cMeseti, uuh stdrh tiu natura sl = in quo quanta sit vis naturae, 
facile monstratur. — Tdz ist lo . . . ein güot, tdra näh tnennisken . . 
ringent.; 61* Curules hiezen sdmo so curules, uudnda iu er consules 
in curru ritendo ad curiam tär üfe säzen = dort oben, nämlich in 
curulibus. 



NOTKERS ACCENTUATION 149 

2) Wenn es auf einen folgenden relativsatz hinweist: 27" Uudnäa 
dar ümhe chäni christus . . hdra in uuerlt , tdz er mennislcen Icrti = 
zu dem zwecke. 29" linde brdhfa ih iz tdra zu, ddz sie nieman 
nenoti des choufes = et evici, ne exigeretur coempfio. 

3) Wenn ddra, dar im gegensatze steht zu einer anderen bestim- 
mung : 78 ^ Tero uuds eristo .. socrates , tdra näh uuären iz mdnige 
socratici. 59* Uutolih er .. utiesen stiJe an demo exordio, ünde ddra 
näh dn dero narratione, linde ddra näh an dero confirmatione , tinde 
zeiungest . . 

Unter diese drei gruppen verteilen sich noch die folgenden stel- 
len: dar dna 1) 77", 2) 62" 75 ^ dar ümhe 1) 29"^ 55% 2) 78». dar 
füre 1) 27a. dar inne 1) 39 ^ ddra gdgene 1) 59 % 2) 37*. ddra zu, 
züo 1) 55*^, 2) 78^ ddra näh 3) 59% lll^ 

Dagegen mit accentlosem dara^ dar: dar dna 41b 57b go». dar 
imibe 32 ^ dar fore 44". dar üfe 52'' 96". tar dha 23". tar-üz 76*. 
dara züo 113". ddra näh 56". dara gdgene 115\ Demnach dient im 
falle der enklisis dara, dar xmx zur ergänzenden stütze der praeposition. 

b) Das deraonstrativisch und relativisch verwendete 
adver b so lehnt sich in dem indefiniten sinne von auch immer an 
das zugehörige wort in seiner betonung an. Daher finden wir so in 
der demonstrativen bedeutung so und in der relativen wie stets betont, 
unbetont dagegen in Verbindungen wie so uuer, so uudz, souuelih 
(66"), so uueler, so uuto, so uueder, so uuär = wo auch immer 
und in sdnia so (96" sdmo-so verbunden) und diso (nur 78" diso). Zu 
der ersten gruppe dieser Verbindungen ist das mhd. swenne, sivaz usw. 
zu vergleichen, wo der vocal in folge seiner tonlosigkeit gänzlich 
ausgefallen ist. 

§ 11. Enklisis der pronomina. 

Die pronomina, von denen es in den deutschen sprachen nur 
wenige gibt, welche jedoch um so stärker benüzt werden, waren eben- 
fals ursprünglich durchaus selbständiger natur. Aber namentlich eine 
klasse von ihnen war durchaus dazu geeignet, einbussen der verbal- 
flexion aushelfend zu ergänzen und gleich den praepositionen und dem 
artikel verlor diese gruppe den ton bei der begrif liehen Verschmelzung 
mit dem verbum. Es kann dies vorerst natürlich nur die geschlecht- 
losen personalpronomina und das geschlechtige pronomen 3. person 
betreffen. Hier werden sich natürlich noch mehr ausnahmen von den 
regeln erwarten lassen, als bei den anderen Wortklassen, da hier der 
logische und rhetorische accent eine sehr grosse rolle spielen , und 
diese liegen doch immer mehr oder weniger in dem subjectiven ermes- 



150 FLEISCHER 

sen des Schriftstellers. Daher werden sich nur regeln von algemeiuer 
geltung ergeben. 

I. Der ton hat sich bei dem zum verbum gehörigen 
persönlichen pronomen erhalten: 1) wenn es im anfange eines 
Satzes und überhaupt vor dem regierenden verb so steht, dass es sich 
an kein vorhergehendes wort (conjunction) , welches in direkter bezie- 
hung zu dem verb, also auch zu ihm steht, anlehnen kann. 15" Tise 
geuertun nemdhta moman ertmenden, sie nefüorin sdment mir =^ ne 
prosequerentur nostrum iter. 16" Ah zesere, uuio ubelo er (Hattemer 
fälschlisch er) die uuenegen gehöret (= quam surda aure avertitur 
miseros) linde uuio üngerno er cheligo hetüot . . (et saeva claudere 
negat ..); 16* ih meino diu iiingesta (sc. stünda); 17» Ih nemdhta 
uuizen . .; 18" Si clidd .per me . .; sie nelosent sie nieht = non libe- 
rant; 20" Er neuuissa uuöla; 20*^ Er uuölta iöh uuizen; 21" Ih Mh 
tir öuh söliu gesdreuue = contuleramus talia arma; 21" tu uuSst tih 
scüldigen; £r habet sin . . ergeben = oblitus est sui; ^r hehüget sih 
uuöla = recordabitur facile; 24"^ Sie gelöuhtön tero mdnegi, tdz sie 
uuise uuärin; 24" ih meino in gretia; 25" ih meino sälda. iöh iinsäl- 
da; 28" ih meino an demo consulatu; 31" Nöh ih neuuäno = nee 
arhitror; 31" Ih hdbo öuh . . gescrihen = mandavi stilo memoriaeque; 
32" ih meino übe man segdgenuuerti chömen müos; 33" Ih uuäno, du 
gehügest uuöla = Meministi, ut opinor; Tu gehügest uuöla = memi- 
nisti, inquam; Tu uueist tdz ih uuär sdgo = scis me et haec vera 
proferre; Ih uueiz uuöla, dds . .; 33" Tw lertost mih tdgelichen = 
instillabas enim auribus meis cotidie; jßr ist imo similis; 36* Ih uuile 
echert tdz heizen . . = Hoc tantum dixerim; mir dünchet, ih nü sehe 
= videre autem videor; 39" Nöh ih neuörderon = nee nequiro; 39" 
Tm sdgetost föne chiushera täte = de honestate .. memorasti; 41" Nöh 
er neläzet feruuörren uuerden = nee patitur misceri; 42" Ih neuer- 
nimo sär, uues tu fragest = vix inquam nosco sententiam; 42" Si 
uuölta er chäde; 42" Sie mügen in irren; 44" Ih hdbo gnilog michelen 
fünchen . . Habemus maximum fomitum ..; 45" Ih pechenno = intel- 
lego; 46" Ih neuuäno öuh = sed ut arbitror — Tu uuäre iro öuh tö 
sitig = solebas enim; 46" Si becheret tie mennisJcen; si gibet mestis 
consolationem fgg. 

Sonst wird überall ein lateinisches pronomen personale durch das 
betonte deutsche personale widergegeben, z. b. : 19" Ät ego .. obsti- 
pui = Aber ih erchdm mih tödes . . . visuque in terram defixo = 
ünde ih füre mih nider stehende . . explorare tacitus coepi = pegönda 
ih suigendo chiesen. — 21" Tune es ille qui = Ne uuürfe du . . . nebist 
tv der na? — 22'' o tu magistra omnium virtutum == tu dllero tügedo 



NOTKERS ACCENTÜATION 151 

meistra. — An ut tu quoque = ddz öuh tu. — 27'' Atqui tu sanxisti 
= Triuuo du fände. — Tti monuisti = Tu Icrtost linsih. — 28'' Tw 
et deus = Tu . . ilnde göt. — Quotiens excaepi i. prohibui ego_ = 
uuio öfto neuuereta ih. — 29'' Cumque Uli nolentes ]iarere = IJnde 
sie .. daz hehöt uueren neimöltin. — 31" Ille quidem .. effecerat = 
er habet mih IcesciUdet. — 'iV' Si Ucuisset nobis = iibe iJi cMmen 
müosi. — 34" Atqui et tu insita nobis = iöli tdz tu mir inne uuesen- 
Uu fgg. 

Unbetont stehen die persoualia meist 1) als snbject nach 
dem zugehörigen verb, also in der Inversion: 15" unde fiUlent sie 
mhiiv ougen; 15" ^r iiuären sie güoUichi minero iügende, nü trostent 
sie mih alten; 16" Uudz Mezent ir io mih säligen? — Übe er fdsto 

stüont , so neuUe er ; IT«' Uuanda eina uuila Jcezühta si sih 

dndera uuda tüohta si mir; Unde so tröug si; 18" trölicho sehendiu 
frägeta si; Föne diu heizet er sie meretrices; Mit iro uuille chösonne 
ergezzent sie man sinero rationis, imde mennisJcön müot stözent sie 
in-dia silht; Aber infüortmt ir mir einen uredcn; 19" Unde uöre 
schdmon irrötende. geliez, iz sih; 19" Tö .. ndhör gände. gesdz si .. 
unde äna sehende . . chldgeta si sih ; Uudnne tüot iz imo ; unde cliös 
er in heiteri . . linde uuissa er öuh; Föne diu chit er; 20" Unde 
chönda er geantuuilrten ; Tdz uuissa er dl, nü ist er uuizzelös; 21" mt 
izt er äne uuörten; 21" imde .. nider geneigter .. sihet er ilnddnches 
zeerde. tenchet er leuues an . .; unde mih tara näh cnöto dna sehen- 
tiu. frägeta si fgg. 

2) Das personale ist unbetont, wenn es sich anlehnen kann an 
ein vorhergehendes wort, namentlich an die coujunction des satzes. 
16" Uuanda si mir aber nü gesuichen habet; übe er fdsto stüont-^ 16" 
Töh si so alt uuäre; 17" uuanda si astronomiam uueiz; So si daz 
höubet ho üf erbüreta; Tdz sie ueste sint, tdz mdchöt; 18" Uuanda si 
chüningen ist; 19" mit iuuermo zarte, so ir diccho tüont; 20" Uuanda 
übe er er rtche uuds, so; ilnz er in gerochen uuds; 21" So si mih 
tö gesdh; Schert er mih er bechenne, linde ddz er mih pechennen müge; 
22" öligen lieht, sölih ih före hdbeta; 22" Also iz tdnne ueret; tdz si 
lächanarra uuds; 24" Übe du nio negeiscotost ; 24" Uuanda iz föne 
neheinemo uuisen geleitet neuuirt; 25" uudnda er io in einemo uuds; 
so er uerbröchenen müntlöchen uuito zeuuirfet; Uudz ist tien müodin- 
gen, ddz sie . . fürhtent? chrdftelöse, döh sie uuinnen; 26" So iz in 
uuige feret temo sigelösen; 26" Übe du genesen uuellest fgg. 

Im einzelnen und speciellen wird die accentuation der pronomina 
personalia nach den bedürfnissen des rhetorischen accentes geregelt, 
welcher in dem ganz individuellen bestreben des Schriftstellers liegt. 



152 FLEISCHER 

Die casus obliqui der personalia folgen deoselben gesetzen, 
doch ist zu bemerken, dass der gen. sg. msc. und ntr. is vom pron. 
60, iz sich nie accentuiert findet. Er vertritt ungefähr dieselbe stelle 
als en im französischen ; die algemeinheit der bezeichnung ist der grund 
der tonlosigkeit von is, vgl. stellen wie 30'' Uuds tünchet tir is meistra 
{quid igitur magistra censes?) Söl ih is löugenen — 31^ //i neirta 
döh ten meldare nieht. Ih täte uuöla übe ih in irti, döh neirta ih in 
is nieht (non est a me data opera impediendi delatoris). 

Ferner findet sich noch enklitisch das pron. indefinitum der 
3. person man, welches, wenn es substantivisch gebraucht ist , accen- 
tuiert erscheint. Dieses indefinite man ist nur dann betont, wenn es 
den satz anhebt: 30 "^ Man zihet mih, sonst ist es stets accentlos, 
ohne ausnähme. Dies leztere gilt auch in der pronominalen Verbin- 
dung mit io , nio in ioman, nioman. Im übrigen vgl. § 19. 

Das entsprechende neutrum zu man heisst uuiht, welches eben- 
fals, wenn es substantivisch gebraucht wird, als uuiht betont erscheint. 
Auch dieses ist als pronomen gebraucht tonlos, desgleichen in der 
Verbindung mit io zu huuiht. 

Anhang. 
Analoga zu der acceiituatioii Notkers im griechischen. 

1) Die negationspartikeln , im griechischen od, am, im deutschen 
ne, haben nie den accent, sobald sie die möglichkeit haben, sich an 
das folgende wort anzulehnen. Diese ist beim deutschen ne stets 
gegeben. 

2) Die praepositionen für in, griech. iv, elg, deutsch in, sind 
stets ohne accent, wenn sie unmittelbar vor dem zugehörigen nomen 
gewissermassen zur Unterstützung des casus stehen. Als reine präpo- 
sitionen oder adverbia haben sie den ton. 

3) Die praeposition für 2u, griech. ibg, deutsch ze, hat in kei- 
nem falle den accent. 

4) Die conjunction wie, griech. tbg, deutsch so in den Verbin- 
dungen so uuer, so uueler, sdmo so, also ist unbetont; sobald sie jedoch 
in dem ursprünglichen sinne des demonstrativum s o stehen , erscheinen 
sie als wg (wg eVcev) und so betont. 

h) Das unbestimte pronomen irgend jemand, griech. ttg, xi, 
deutsch man, uuiht, ist tonlos. Dieselben behalten ihren ursprüng- 
lichen ton in substantivischer bedeutung. 

6) Der artikel zeigt in beiden sprachen eine neigung zur ton- 
losigkeit: im griech. die nominative ö ij ol al, im deutschen der artikel 
fast durchgehend, ^ 



NOTKERS ACCENTUÄTION 153 

7) Die pronomiua personalia sind in beiden sprachen zur 
enklisis geneigt. 

8) Stets unbetonte Wörter verschmelzen meist mit dem zugehö- 
rigen Worte in eins. So z. b. im griech. ods, clde, olog ts, "Egeßdode, 
im deutschen nehcin, deste, also usw. 

Man sieht, dass in beiden sprachen der logische ton gleichen 
einfluss auf die betonung der Wörter hat, und widerum hat die beto- 
nung der Wörter einen sehr grossen einfluss auf ihre äussere gestalt. 
Es würde daher keineswegs gewagt sein, auch im griechischen von 
rhythmik zu reden, was man bisher durchaus abgelehnt hat. 



B. Der nebenton. 

I. Der nebenton von endsilben. 

§ 13. Grrundsätze der rhythmik in musik und spräche. 

Jedes drei- und mehrsilbige wort hat im deutschen ausser sei- 
nem haupttone noch einen nebenton. Diesen nebenton bezeichnet Not- 
ker mit denselben accenten wie den hauptton, aber keineswegs durch- 
gehend ; vielmehr fehlt der accent des nebentones sehr häufig , wo man 
ihn durchaus erwarten solte, oft genug auf denselben Wörtern, deren 
nebenton sonst fast immer bezeichnet ist. Da ein innerer grund dieses 
Schwankens mir in vielen fällen durchaus zu fehlen scheint, so wird 
man eine durchgehende erklärung aller fälle im folgenden nicht erwar- 
ten dürfen. 

In § 1 hatte ich darzustellen versucht, wie die meinungen von 
Lachmann und von Sievers u. a. sich zum teil schroff gegenüber ste- 
hen. Ich will nun versuchen, ob es gelingen könne, diese gegensätze 
wenigstens einigermassen zu vermitteln und zu diesem zwecke zunächst 
einiges über die priucipien der rhythmik in der musik , die mir mit 
denen der rhythmik in der rede übereinzustimmen scheinen , voraus- 
schicken. 

Der rhythmus in der musik geht aus dem bestreben hervor, den 
toninhalt einer melodie, d. h. einer reihenfolge von tönen, welche bei 
unterscheidungsloser aufeinanderfolge unser ohr ermüden würden, zu 
ordnen und so dem obre die melodie übersichtlich und fasslich zu 
machen. Dies geschieht dadurch, dass man in der reihenfolge der 
töne auf einzelne töne einen stärkeren nachdruck legt und sie dadurch 
über die anderen hervorhebt, sodass dieselben gewissermassen eine 
herschende, die nicht betonten ihnen gegenüber aber eine abhängige 



154 FLEISCHER 

Stellung einnehmen. Nach diesen stärker hervorgehobenen tönen teilt 
man nun die ganze tonreihe in takte und uent eine tonfolge von einem 
stärker accentuierten tone bis zai dem nächsten einen takt. Jeder 
takt muss daher mindestens zwei kürzen haben, von denen 
die erste den hauptton trägt. Der einfachste takt ist also der 

^^takt: I* I und besteht aus hochbetonter und unbetonter kürze. Nimt 

f r 

man nun zwei ^/4 takte zu einem zusammen , f i* + f f , so kann 
der zweite hauptton nicht mehr hauptton bleiben , weil ja nur der erste 
ton des taktes den hauptton trägt, er sinkt folglich zu einem neben- 
tone herab. Man nent diesen ton in der musik den geweseneu haupt- 
teil oder schlechten taktteil, während man den hauptton den guten 
taktteil nent. So folgen denn in dem so entstandenen ^/^ takte einan- 

der: hochbetonte, unbetonte, nebenbetonte, unbetonte kürze * f * T 
Es können nun aber auch zwei kürzen zu einer länge zusammengezogen 
werden; tritt solcherweise an stelle der beiden ersten viertel eine halbe 

note, so ist klar, dass derselben nun der nebeubetonte bestandteil des 

f \ 
taktes folgen muss: P f T. Gleicherweise müssen auch in der rhyth- 

mik der rede, der gesprochenen spräche, hauptbetonte, unbetonte, 
nebenbetonte und wider unbetonte kürze oder hauptbetonte länge, neben- 
betonte und dann unbetonte kürze einander folgen, und dies ist die 
natürliche grundlage des Lachmannschen gesetzes. 

Nun gibt es aber ausser der eben besprochenen zweiteiligen takt- 

art noch eine dreiteilige. Hier folgt auch hauptbetonte, unbetonte, 

/ \ 
nebenbetonte kürze j* T T, oder aber hauptbetonte länge, nebenbetonte 

/ \ 
kürze f^ f nach einander. Werden nun zwei solcher ^/^ takte mit 

einander zum ^/^ takte verbunden, so ist die betonung \\\\\\ oder 
f \ ' ^ _, 

P I* P I*. Ebenso gut könte die folge sich so gestalten: * p f | , 

wenn dies auch nur selten vorkomt. Die reihenfolge des haupt- und 
nebentones ist also hier keineswegs notwendig und stets genau die- 
selbe , als bei den zweiteiligen taktarten , ja selbst bei diesen sind aucli 
anordnungen wie folgende möglich, wenn auch nur selten vorkom- 

mend: f ^ T. Wir haben demnach in der musik eine sehr grosse 
freiheit der rhythmik und nur die eine beschränkuug : dass auf eine 
hauptbetonte kürze keine nebenbetonte kürze folgen darf, 
während es nur selten geschieht, dass auf eine haupt- 
betonte kürze eine nebenbetonte länge folgt. 



NOTKERS ACCENTUATION 155 

Ich meine nun, dass dieses musikalische gesetz auch für die rede 
gelte; denn was ist denn die betouung in der rede anders, als musi- 
kalisches rhythmisieren? Daher finden wir tatsächlich: 

f \ ^ \ 

bilücJie = 111* änderm = 1^1* 

f \ r \ 

spehaere = f i f gddemc ■= f f f 

Daher meine ich , dass das Lachmannsche gesetz zwar wirklich besteht 
und feststeht, jedoch nicht ausschliesslich und ausnahmslos herscht, 
sondern dass es nur , um mich so auszudrücken , der weitaus gebräuch- 
lichsten taktart entspricht. Aber eben deshalb können auch die ergeb- 
nisse der beobachtungen von Sievers das Lachmannsche gesetz nicht 
umstossen. Wir müssen das leztere vielmehr erw^eitern, v^^enn wir es 
nicht nur auf die ahd. und mhd. metrik , sondern auch auf die sprach- 
bildung anwenden wollen, und zwar dahin: dass unmittelbar nach 
einer kurzen hauptbetonten silbe den nebenton nur eine 
lange silbe tragen kann. Der nebenton ist also hiernach möglich 
in allen lagen, ausser unmittelbar nach kurzer Wurzelsilbe auf kurzer 
silbe. Ausnahmen begegnen in ahd. und mhd. gedichten sehr selten, 
entweder nur bei nachlässigen dichtem, oder haben andernfals ihre 
besonderen Ursachen. Die in ahd. und mhd. gedichten vorkommenden 
fälle zu sammeln und zu erörtern wäre eine dankenswerte aufgäbe. 

Einen nebentou trägt bekantlich jedes drei- und mehrsilbige wort. 
Wie wir nun bei dem einfachsten dreiteiligen takte der musik, dem 

^li takte , die lezte kürze den nebenton tragen sehen f f f , bei dem 
aus zwei ^/^ takten zusammengesezten ^4 takte aber den nebenton des 
dritten vierteis unter dem einflusse des nachfolgenden höher betonten 

vierteis verschwinden sahen, sodass also aus i* i* * + f f f wurde: 

I* I* I* I* I* *, so bemerken wir auch in der spräche 1) dass der 
nebenton gern auf die lezte silbe eines dreisilbigen wertes 
fält. So geschieht dies nach Sievers (s. 532 in Paul und Braunes 
beitr. IV). Bei den endsilben -üb, -irb, -örb, -inbn, -anbn , -isb, 
-isbn, -isäl usw., -issä, -istb, -ish^, -idä, -agon, -igon und anderen 
ähnlichen. Der von Sievers aufgestelte satz: dass alle an die Wurzel- 
silbe sich anschliessenden ableitungssilben von der form ^ ^ . . ursprüng- 
lich die betonung ^ ^ . . hatten ohne rücksicht auf die quautität der 
Wurzelsilbe (s. 529) scheint mir demnach grosse innere Wahrscheinlich- 
keit zu besitzen. Der nebenton hat eben das natürliche bestreben, sich 
in möglichster entfernung vom haupttone festzusetzen. 



156 



FLEISCHER 



Eine einfache folgerung ist nun, dass 2) die flexionsend ung, 
wenn irgend möglich, den nebenton auf sich zieht. Am wenig- 
sten möglich ist dies, wenn die vorangehende silbe von gewichtigerer 
quantität ist, als die flexionsendung; in allen anderen fällen, vor 
allem aber, wenn die flexionsendung schwerere quantität 
als die ableitungssilbe hat, wird sich der nebenton am liebsten 
nach dem ende des wertes ziehen. 

Hierzu nun einige belege aus Notker beizubringen soll das ziel 
der folgenden paragraphen sein. Da dabei jedoch die quantität der 
endsilben, wie wir bemerkten, eine grosse rolle spielt, so wollen 
wir im folgenden zunächst auf die quantität der endsilben näher ein- 
gehen. 

§ 13. Die quantität der flexionssilben. 

Die quantität der alid. endsilben hat Braune in Paul und 
Braunes Beitr. bd. II s. 125 fgg. einer eingehenden Untersuchung unter- 
worfen. Er gelangt zu dem ergebnisse, dass die endsilben bei Notker 
um so eher der Verkürzung anheimfallen , je weniger ihr vokal durch 
nachfolgende consonauz geschüzt ist. — Braune steht in seiner ansieht, 
dass die circumflexe Notkers auf endsilben beweisende kraft haben, 
im gegensatze zu Weinhold, welcher in seiner alemannischen gramma- 
tik widerholt die bedeutung der Notkerschen circumflexe überhaupt leug- 
net. Veranlasst mag diese ansieht Weinholds sein durch die incor- 
rektheit sovs^ohl der Hattemerschen als der Graffscheu ausgaben Not- 
kerscher werke. Für den Boethius fallen ausser uuörte s. 13 das sich 
oft genug mit der richtigen accentuation uuörte , also mit dem akut 
auf der Wurzelsilbe und folglich mit der kürze findet und fehlerhaft 
ist, die bei Weinhold alem. gramm. § 43 s. 44 angeführten beispiele, 
deren anzahl trotzdem keine sichere grundlage zu jener behauptung 
gibt, als fehler der ausgäbe Hattemers sämtlich weg. Ich kann der 
Weinholdschen ansieht durchaus nicht beipflichten , da mich meine Unter- 
suchungen gerade zur entgegengesezten meinung geführt haben, so 
dass ich von Weinholds behauptung , die er (z. b. s. 337) ohne begrün- 
denden beweis gelassen hat, absehe und mich den ausführungen Brau- 
nes anschliesse. 

Ein anderes ist es allerdings, wenn Notker in einigen fällen mit 
seiner accentuation eine silbe als lang bezeichnet, welche sich sonst 
nur kurz findet 5 diese fälle bedürfen besonderer besprechung, und im 
voraus will ich bemerken, dass ich zu keinem ergebnisse gediehen bin, 
welches von dem durch Braune gewonnenen wesentlich verschieden 
wäre: nämlich dass ursprünglich lauge endungen mit vocalischem aus- 



NOTKERS ACCENTOATION 157 

laute nur ausnahmsweise, ursprünglicli lange endungen mit consonan- 
tischem auslaute dagegen in der grossen mehrzahl der fälle ihre länge 
bewahrt haben. 

Zu den auch in anderen ahd. Sprachdenkmälern langen endungeu 
kommen bei Notker noch hinzu: 1) -en der 1. person plur. ind. praes. 
des starken verbs und des schwachen verbum I. klasse, 2) die endung 
-tl der 1. und 3. pers. sg. conj. praet. des schwachen verbum in eini- 
gen seltenen fällen. 

Nach Braune s. 136 fgg. zeigen sich in Notkers Boethius folgende 
endungen circumflektiert, jedoch in ihrer quantität schwankend: 

I. In der nominalflexion: 

1) -i der feminina auf «', neben dem fast eben so häufigen aus- 
gange -i. 

2) -ä des n. a. pl. fem. der a - deklination nur selten mit cir- 
cumflex, in den beiden ersten büchern nur ros« 40'', (nicht 41*' Braune) 
und sprächä 90*. In den drei lezten noch htefelträ 96'', säldä 96'', 
sörgä 97" (2), Mnimä 121**, vgl. Braune s. 135. 

3) -on des gen. und dat. plur. der n - stamme und der weiblichen 
ft- stamme. 

4) -ün der betreffenden casusformen im schwachen fem. der sub- 
stantiva und adjectiva. 

5) -er im nom. sg. masc. des starken und schwachen adjectivs. 

6) -en des dat. plur. im starken und schwachen adjectiv. 

7) Vom nom. und acc. plur. der masculinen a-declination findet 
sich nur tdgä 78'' in den beiden ersten büchern; in dem dritten rüoftä, 
scdzzä 105", uuegä 118'', scälcliä 119'', helfendä 120% stddä 122", im 
anfang des vierten buches fettacJiä 163 ^ Der nom. plur. ging früher 
in -äs aus , es ist daher möglich , dass sich hier die alte länge in 
diesen wenigen beispielen erhalten hat. 

II. In der verbalflexion: 

1) -en der 1. pers. plur. ind. praes. der starken verba und der 
schwachen I. klasse. „Das -en der ersteren," sagt Weinhold, alem. 
gramm. s. 337, „ist ohne bedeutung," er fügt aber keinen beweisenden 
grund hinzu; dasselbe vs^iderholt sich s. 366. Wenn sich aber nicht 
eine einzige form genanter art in den beiden ziemlich sorgsam accen- 
tuierten ersten büchern des Boethius findet, welche nicht den circum- 
fiex hätte , so scheint es doch geraten , diese tatsache nicht zu vernach- 
lässigen. So findet sich sehen 13. 27", heizen 14. 55 ^ 76". 79^ 82", 



158 FLEISCHER 

UdeUj uuelUn 24^ ringen 38*, gehören 52* 55% finden 52'', genesen Qh'-, 
ferllesen 68", fernemm 77 % cheden 83'' fgg. Braune erklärt diese 
erscheinung durch die Vermutung, dass die 1. plur. conj, praes. in den 
indicativ eingetreten sei, und stüzt diese Vermutung durch die Wahr- 
nehmung, dass sich statt -on und -en in der 1. plur. ind. praes. der 
schwachen verbeu der II. und III. klasse bei Notker stets die endun- 
gen des conj. -oen und -een finden, und dass auch die 1. plur. imper. 
durch dieselbe person des conj. vertreten wird, z. b. fdhen 40% süo- 
clien 41'' 59'', chöroen 44% während die 2. plur. die gleichen formen 
zeigt wie die 2. plur. ind. praes. rüoment und läzent 19% 

2) Das o der schwachen verba auf 6 im ind., inf., part. praes. 
und part. praet. neben circumflexlosem o. So findet sich in den zwei 
ersten büchern, welche ich daraufhin durchgeprüft habe, da in den 
drei lezten büchern dasselbe Verhältnis statt hat, 1. sg. : mdchon 15% 
liudön 26% neuörderon 39" (2) neben spüon 51" (2), lobon 72". Es 
ist also eine unrichtige angäbe, wenn Weinhold alem. gramm. s. 364 
§361 sagt, dass „Notker durchaus ow" habe. 2. sg.: geUmperost ^T, 
mdcliöst 38*, zeigost 50% süftost 51% mlost, chöstöst 62% dhtost 62* ^^ 
chldgöst 64* 65", neförderost 72* neben rechenost 38% irrost 47*. 3. sg.: 
37 mal -dt neben 7 mal -ot, so dhtöt 17* 36* 54* 75% mdcMt 17% 21% 
70" 76* neben mdchot 22", ridot 16% hüfot 35% eidot 37% mrtot 62% 
tudrot 63% uudltesot 38". 2. pl.: dlitönt 74". 3. pl.: mdchönt 17* (2) 
58" 82", gedntseidönt 35% trettönt 37", scilldigönt 39", chdrönt 52" 
neben ridont 16% meront 18% dnauuänont 35% netdront 37". (Die 
1. pl. hat, wie unter 1) erwähnt wurde, -om, komt aber im Boethius 
nicht vor, sondern nur yre^t eQi.a]v€iag 475" chösoen, 476" zeigoen). 
Der inf. ist 36mal mit circumflex belegt, während nur 2 mal -ow vor- 
komt: heurehton 39% heuueJiselon 49*. Flectiert zeigt er sich nur 
viermal ohne circumflex: in chösonne 18" und ganz am ende des Boe- 
thius, Avelches viele accentauslassungen aufweist: hüdonnes 237% gedn- 
dermusonne 252", zeddnclionne neben uuiUönnes 18", gerechenönne 43*, 
segemdnönne 46% zecJwrönne 46", seddnchönne 50", spendönne 70", 
zegerönne 82". Das part. praes. ist 16mal mit, 5mal ohne circumflex 
belegt. Das nähere s. § 15, 6. Hier sei noch erwähnt, dass das part. 
mit d geschrieben wird in -öndo nom. sg. masc, schwach, und -öndiu 
nom. sg. fem. stark flectiert, sonst stets mit t: -önten, -önfön usw. 
Das part. praet. zeigt sich unflectiert stets, ohne ausnähme, mit cir- 
cumflex auf ö: heröiiböt 15", geägezöt 17" 60'^, geuuerföt 24", uerUidöt 
29% Jcedienöt 30% gelönöt AO^, heuuehselöt 47*, erMröt 47% keurehtöt 
57*, gendniöt 58", gestuncöt 68", seteilöt 71*, heuudröt 73", keuuehselöt 
79", geoffcnöt 82" usf. Über das flektierte part. praet. s. § 15, 5. 



NOTKERS ACCENTUATION 159 

3) Das V. der schwachen verba auf c im ind. , inf. , part. praes. 
und part. praet. nur selten: 1. sg. : grduuen lö**, 2. sg. : fragest 42* 
43% habest 43% wo auch habest, ebenso 50'' 60"' 62' 64'' usw., neuuä- 
nest 44% Uidezest 47'* 49% uudrtcst SO"*. 3. sg.: nedltet 16% ndhtet 
22% folget 35" 58" 69% (aber folget 17"), misseUchet 39" 65" 66% 
lachet 49", hdftet 50" 51"^ 73" 77". 3. pl.: hdftent 65". 1. pL; rämeen 
131" 195% lebem 245" s. zu 1. Inf.: melden 24% misselichen 24", 
erbdkUn 36", Jcelirnen 55" 79% ÄaVew 57% hdftcn 65" 81'', ZMt-w 80". 
Flectiert: uudrtenne 186". Part, praes.: färenten acc. sg. msc. 36". 
frägendo u. sg. 41", fölgcndo 45", cZes heilenten seres 60", m^ dngisten- 
den 67% lachende absolut 69" neben fdrentez 79''. Part, praet.: 
ilngelirnet 75", lingef raget 137", Jcemälet 179", (geellendot iinde) geuer- 
ret 220a, gelirnet 158'' 228". In haben, dessen formen A«&o, habest, 
habet usw. häufig vorkommen, ist das e fast immer verkürzt. 

4) Das e des conj. praes. aller verba zeigt sich stets als länge 
erhalten; jedoch ist es in der 1. und 3. sg. stets verkürzt, da es hier 
nicht durch consonanz geschüzt war. 2. sg. : uuerdest 23" 35% uuel- 
lest 26" (2) 40" 41" 44" 50", neimänest 44% sihest 54% lägest 62% 
engeltest 63", erimekJcest, pringest 80"fgg. 3. pl.: uumnen 25'", tuen 
27", uerliesen 32^, uuerden 40" 52", pesüochen 66" fgg. 

Hier ist jedoch zu bemerken , dass die schwachen verba der 2. 
und 3. klasse die conjunctiveudungen an den klassenvocal 6, e anhän- 
gen, welcher aber in der weitaus überwiegenden mehrzahl der fälle 
seinen circumflex verliert. Ich erinnere hierbei an die lateinische pro- 
sodische regel: vocalis ante vocalem corripitur. Es finden sich: 

1. sg.: chosoe 87". 

2. sg. : uudnchoest 41''. 

3. sg. : Iddoe 34% mcldee 36% uuehseloe 37", rifee 37% rämee 42% 
spiloe, 47", nechöroe 53", dhtoe 66", neminnoe 68", nesimberoe 69", frä- 
gee 70% mähe 77% inthdbee 78% chosoe 87 "fgg. Zweimal zeigt sich 
jedoch in der 3. pers. sg. conj. praes. der schw. verba auf -on das o 
mit bewahrtem circumflex : förderöe 50% sdmenoe 70". 

1 pl. chöroen 44% Imperativisch gebraucht. Schon unter II, 1. 
ist gesagt, dass die bildung der 1. pl. conj. praes. auf die der 1. pl. 
ind. praes. der schw. verba 2. und 3. klasse übertragen worden ist. 

3, pl. heshdffoen 73". 

5) Das der 2. sg. -tost und des plur. -ton, {-tönt) des praet. 
der schwachen verba. Ich führe hier ebenfals nur die beispiele aus 
den beiden ersten büchern des Boethius an; das Verhältnis der kurzen 
zu den langen enduugen -tost, -ton : -tost, -ton ist in der zweiten hälfte 
das nämliche. 



160 FLEISCHER 

Es liegt uns hier fem, grammatikalische fragen endgiltig zu 
erörtern, überdies hat Begemann (das schwache praeteritum in den 
deutschen sprachen, Berlin 1873. s. 176 fgg.) die belege, allerdings 
wenig volständig, doch für unsern zweck genügend, angeführt. 

2. sg. geeiscotöst 24% mähtöst 24", trähtoidst 26'', Uldotöst 27", 
scd/fotost 27% lertöst 27'' (2) 28'^ 33" 34'', cJddgetöst 41% 53% nesörno- 
töst 41'' 43", idgetost, gehiigetöst 46", söUöst 48" fgg. Nur sdgetost mit 
der endsilbe ohne circumflex dreimal: 39'' 156" (2)'' gegen 35 mal -tost. 

3. pl. fölgeton 16% teiltön 18" 25% drgerotön , scddotön, rdhtön 
18% gelöuhton 24% hdhetön 27" 29" 38" 47" 76" (2), pildoton 27% Ur- 
ion 27", sdgeton 30" 78", uuölton 35" 79" (3), her eher goton , mdhtön 
42% mäletön 47% mäloton 57% dingotön, scdffbton 61", leiton, öpfero- 
tön 61", solton 71", scdtoton 76% ferhrdndön 77", netrüuueton 78% 
löhetön 78% rätiscoton 78", einoton, hegöndön 79", geeiscotön 81% 5M«- 
ueloton 83" usf. Dagegen -i(ow, ohne circumflex findet sich in: Mwaw- 
<?ow 13, hdheton 18", zocclioton 25% hecJmäton 34% {hdheton 76" bei 
Begemann a. a. o. ist ein irtum), also in äusserst geringer anzahl. 
Es beruht demnach auf unvolständiger beobachtung, wenn Weinholds 
alem. gramm. § 367 s. 373 nur „von einigen Notkerschen beispielen" 
für die länge des o in der 3. plur. -tön des schwachen praet. spricht; 
das Verhältnis ist vielmehr umgekehrt, es sind nur einige beispiele für 
die kürze des o zu belegen, im ganzen Boethius 10 gegen 99 -tön. 

5) -« des conj. praet. aller verba, ausser in der 1. und 3. sg. 

2. sg.: neuuürfist 21", eigist 39" 63" 67% uumst 42" 63", sdge- 
tist 42", mügist 44" 49% uuölttst, heutUehist, uuägist , er-sdstist 49% 
hdbettst 51", mdhtist 54" 75", chöuftist 64", uudllotist 75", sdUst 80" fgg. 
Im ganzen Boethius über 30 mal -ist, gegen 3 mal -ist ohne circum- 
flex, nämlich in: uuärist 21% nefüorist 49", uuöltist 108". 

1. pl. : Jidhetin 32% uuisin 55". 

2. pl. : infüortint 18% rüohtmt, gechürmt 70«. 

3. pl. : füorm 15% «^^m, tdnsotin 23% ulägm, pegöndin 27", 
neuuöltin 29", uuürtm 41" 68" 79% giengm 62", dJdottn 66% Jidhetin 
32" 66% m2i^m 68% cÄMm 68", Mwarw 70" 73" 80" 83% so^^m 76" 
77" (2), eruuündln, lägin, müosin76^, mdhtin 80", uuissin 80", hechä- 
7nin 81", ündernämin 85" fgg. Ohne circumflex nur: mdJdin 17", 
sMrmdin 21% uuärin 24", rüomdin 30", förderötin 57"; 72" uuärin 
und uuärm. 

6) Die endung -^1 der 1. und 3. pers. sg. des conj. praet. vom 
schwachen verbum findet sich nur selten mit dem circumflex geschrie- 
ben: MWo7^* 50% düoliti 54% wmos* 56" 77% so'M 57", w«aM 83% /m'6e^? 



NOTKERS ACCKNTUATION 161 

77" 108 "fgg. Im ganzen ßoethiiis findet sich nur 19 mal ü mit cir- 
cumflex gegen 8Gmal ti ohne diesen. AVir sehen also, dass entschie- 
den die endung -ti ohne circmnttex die oberhand bei Notker hat, und 
es stimt dies zu der schon bei den endungen -/ der feminiua auf /, 
(vgl. 1, 1.) und -ä des u. a. pl. fem. der « - deklination (vgl. I, 2) zu 
beobachtenden erscheinung, dass ursprünglich lange auslautende flexions- 
vocale ihren circuniflex in der grossen mehrzahl der fälle abwerfen. — 
Weiuliold , alem. gramm. § 368 s. 374 erwähnt das circumfiektierte -Ü 
der 1. und 3. sg. conj. praet. gar nicht; aber es wäre doch schwerlich 
zulässig, auf einer und derselben seite 57" viermaliges solü neben ein- 
maligem solti als blosse fehlerhafte Schreibung aufzufassen. Scherer 
(zur gesell, d. dtsch. spr. II, 323) vergleicht dieses Notkersche -ti der 
3. sg, conj. praet. dem griechischen ^eZ/y . Nach Grimm (Gesch. d. 
dtsch, spr. I, 880 (2 a s. 610) wäre im ahd. in den betreffenden for- 
men, nämlicli in 1, pers. sg. -ü = got, -dedjau, 3. pers, tt = got. 
-drdi, die erweiterung des got. conj, -de- weggefallen. Begemann (das 
schwache praeteritum in den germanischen sprachen. Berlin 1873, 
s. 183) will dem conjunctiv des schwachen praet. überhaupt durchgän- 
gig langes i als modiiszeichen zuerkennen. Begemanns ansieht findet 
eine stütze durch die beobachtung , dass bei Notker auslautende ursprüng- 
lich lange flexionsvocale , wie schon erwähnt, meist circumflexlos, d. h. 
kurz erscheinen, lange flexionsvocale mit nachfolgendem auslautenden 
consonanten aber in der accentuation umsomehr schwanken, je leichter 
der auslautende consonant ist, während umgekehrt endungen mit aus- 
lautendem -st, -nt öfter den circumflex aufweisen, als circumflexlos 
gefunden werden. Wenn wir also im conj. praet. der schwachen verba 
alle consonantisch auslautenden personen meist circumflectiert finden, 
so ist anzunehmen , dass die 1, und 3. sg, nur deshalb circumflexlos, 
d. h. kurz, erscheint, weil sie vocalisch auslautete. 

Vereinzelt findet sich der circumflex auf der endung -en: 

1) im acc. sg. masc. des starken adjectiv Sielenden 43", disen 
182". 

2) im dat. sg. masc. des schwachen adj. hi demo toten ioue 24^ 

3) im dat. pl. fem. der ^ - declination 12" dien sümerlichen geimdJi- 
sten statt (jenuähstin. Jedenfals hat in dieser lezten stelle der zwei- 
mal vorhergehende circumflex den falschen accent beim schreiben her- 
vorgerufen. 

4) im unflectierteu part. praet. 61'' das loh imdrt peuöUn und 
240" süs misseliche sinna sint heläsen. 

5) in der 3. plur. praet. des starken verbum: entsagen 87*, Me- 
zen 111", fertriben 210". 

ZEITSCHR. V. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 11 



162 FLEISCHER 

6) im D. pl. ntr. des scli wachen adjectiv nur in 59'' tki sciddi- 
gen lachen für sciUdigen. Hier ist das adjectiv übergesclirieben, viel- 
leicht von anderer mit der Notkerschen accentuationsweise niclit ver- 
trauter haud. 

Diese so vereinzelten erscheinungen , welche wol nur als Schreib- 
fehler aufzufassen sind, mögen befördert worden sein durch das häu- 
fige vorkommen der laugvocalischen und deshalb zu recht circumflec- 
tierten endung -en, welche namentlich im dat. plur. des starken wie 
schwachen adjectivs sich so häufig darbot. — Sonst findet sich noch 
falscher circumflex auf flexionsendung im n, pl. masc. 47" imsimiige 
getüot si sinnige, wo er vielleicht nur steht, um endung -ge und präfix 
ge- auseinander zu halten und anzudeuten, dass die endung höher 
betont sei, als das darauf folgende proklitische , d. h. tonlose praefix. 

§ 14. Der circumflex auf ableitungseiidmigen. 

I. Nur in einigen Wörtern vorkommende lange ableitungssilben 
finden sich in: 

1) cnnont 13. 86 "^ (s. Grimm gramra. III, 214. Graflf I, 600), 
bei Notker nur mit doppeltem n. 

2) eccheröde 68''; eccherodemo 103'' (s. Graff I, 134 fg.). 

3) ödeuuäno 32'', aber ödeuuano 171" 200'' 252'' (Grimm gramm. 
III, 240. 742), ödeuuano 109 ^ 

4) die ableitungsendung -in (got. -em, vgl. Gr. II, 175), im 
Boethius nur menniskma 94'' 177'' und uudnchelin 41''. 

5) die ableitungsendung -äre (urspr. äri s. Gr. ü, 125 fgg. II, 992) 
neben ebenso häufigem are; schon Grimm hat das schwanken der 
quantität dieser endung bei Notker (II, 992) bemerkt. So in: söccliä- 
ren d. pl. 23", imärtären d. pl. 50", chöstäre n. sg. 83", fördära n. pl. 
111% chdrcliäres 26" 39% mgära 161", Uidären 187" 188", rihtären 
188" neben circumflexlosem vocal: leidares 29", leidara 30", leidaro 
30", rihtare 43" 153" 161" 190" (2), före scäccharen 75", meldare 30" 
31" und 108", wo bald darauf meldare folgt; mehlara 34", chöstäre 
164" 186", uudltesare 164" 174", nöt-nemare 178", rdgare 215", 
hergare 216". Mit doppeltem r: leidarro 39" (vgl. Gr. II, 128). 

6) die ableitungsendung- -öd (s. Gr. II, 252 und 998) findet sich 
circumflectiert nur in : östöde 73", heröte 30", einöte 22". zinseUd 150", 
stritöd 55" und stets in mänöt. 30" folgt gleich nach heröte mit cir- 
cumflex, herote ohne diesen, 33" steht heröte und herotes, beidemal 
ohne circumflex, ebenso 77" stritodes, 66" hcimote, 202" drmote. Diese 
endung, deren ursprüngliche länge sicher feststeht, scheint also in 
ihrer quantität zu schwanken; d. h. der nebenton, welcher durch den 



NOTKERS ACCENTÜATION 163 

circumflex mit tlargestelt wird, wird ebenso oft imbezeichnet gelassen, 
als er bezeiclmet wird. 

7) in ioncr 75% nioner 55'^ lUG" 109'' (2) (vgl. Gr. III, 220 fgg-., 
Graff I, (510) 517 fg.) 

11. In sehr vielen Wörtern vorkommend: 

8) -an der orts- und zeitadverbia auf -an ist in überwiegender 
mehrzahl circumliectiert (im ganzen 88 mal) , so : ddnnän 53 mal : 
13 (2). 14. 39" 46'' 50' 52" (2) 57" (3)" 58" 73" 83" 85'' (2) 80* 87" 
88" 90'' (2) 95" 107'^ 110"'' 116" fgg. miännän 42'' 45" 78" (4) 105" 
124" 126" 167" 173" 209" (2) 229" 239" (2), ohenän 321^(2) 38" 248" 
254", dndenän 85", östenän 69" 83", nördenän 13, innenän 42" 120" 
121" 174", üzenän 174" 239", Unnän 113' 167" 205" 230" 232% fer- 
renän 210". — Aber ohne circumflex: ddnnan 14 28" 35" 78" 208" 
215" 231" 232" 249", imdmian 32'' (2) 38'', obenan 249", Ü2cnan 228", 
nördenän 14, heimcenan 38'' (vgl. s. 18, §4 anm. 1). Also die quan- 
tität auch dieser silbe zeigt sich bei Notker schwankend. 

9) die ableitungssilbe der adjectiva -ig , deren vocal ursprünglich 
lang ist (got. -eig, s. Gr. II, 297). Diese silbe komt bei Notker im 
Boethius fast noch einmal so oft mit, als ohne circumflex vor, und 
zwar bei denselben Wörtern unter sonst ganz gleichen umständen, z. b. 
zeigen sich neben einander mit und ohne circumflex: säUg (sälig iöh 
tinsäUg 50"), chümftlg, geuudUig, fersihtig, eruuirdtg, ilnuuertg, üppig, 
üngeliühüg , tlnsumellg, müozig. Ich lasse sämtliche beispiele aus Not- 
kers Boethius folgen : 

-ig mit circumflex: ämahtig 167", dntUmg 65", dnahiirüg 109 '\ 
drgcMstig 73", biirttg 117", cnühtig 105% ehre füg 65", cJumiftig 223" 
232"" 249'' (2) 251% dilrftig 105" (3) 105" 107" 123" (4)% eruuirdig 
124", fersihtig 123" 189", ßstg 100", frdtaüg 66", gehühttg 227", gesih- 
üg 237" 239" 242% geuudUig 84" 98" 113" 225% gibedig 112" (2), 
heilig 99% mdhüg 81" 102" 110" 124" 189% müotsühtig 53", müosig 
114% sälig 65" 66'^ 93" 113" (2) 117" 137" 153" 185% selhuualtig 
193" 250% spüotig 120", stritig 205% silnderig 95" 242% tügedig 37" 
207", ilndnrfüg 101" (2) 124"% üngeuudltig 26% ünmdhüg 123" 181% 
ilnrihüg 190", unsulig 186", tlnuuendig 198", ünuuihselig 197" (2), 
unsuiuelig 161'', üpig 109", uuerig 67% uuidenmdrtig 94" 126", uuili- 
selig 197% uuirdig 64'' 87" 123" 186", dmig 59". 

-ig ohne circumflex: dbuuertig 245'', druuillig 32", biirtig 38" 39, 
chümftig 221" 223" (2) 224"" 232" 242" 248" 253% drinahtig 20% 
eruuirdig 112% emiig 244" 245" (3) 246" 247", fersihtig 116% geristig 
248", geuudUig 115" 119% h6uig 110", herftmihselig 197", mdnig 59% 
miiomg 238'', jnledig 237% s«% 68" 75" 94" 113'' 176=' (2), scüldig 29", 

11* 



164 FLEISCHER 

sitig 75^ spniotig 219 ^ tödig 250% üngeliühtig 150% ünuuerig 66% 
unsumelig 229% üppig 116'', uuiderliörig 110'', uuillig 153''. 

Das Verhältnis ist also: 80 «^ : 45 /^, und zwar in den beiden 
ersten büchern 17 ig : 11 ig , in den lezten drei büchern 66 ig : 36 ig. 
In den lezten drei büchern wird also die endung verhältnismässig ein 
wenig häufiger mit dem circumflex versehen. Ein gesetz für das feh- 
len oder die erhaltung der länge zu finden ist mir nicht gelungen; es 
beweist dies schwanken eben auch hier nichts anderes, als dass die 
quantität der endsilbe ig bei Notker sich schon abzuschwächen begon- 
nen hat. — Über den accent der silbe -ig bei antritt von flexious- 
endungen s. § 15, 3. 

10) die ableitungssilbe -lih der adjectiva (s. Gr. II, 567). Ohne 
accent findet es sich ziemlich häufig; es zeigen Wörter, die mit -Uh 
zusammengesezt sind, diese ableitungssilbe sowohl mit als ohne cir- 
cumflex bei sonst gleichen umständen, so: scdntUh, dingoWi, iogelili, 
ungelöuhlih , säldolih , tierlih , dllelih , etelih. Im folgenden führe ich 
sämtliche beispiele einzeln auf: 

-Uh mit circumflex: dllelih 237% höumolih 145 *", dingolih 102'' 
103" 143" 146" 192" igö'^ 224% etelih 23" 58% fölleglih 127" 132" (3), 
f6rhtlih 52% geuudhtlih 124% gremezUh 59% iogelih 23" 55" 124" 126" 
1961' 203'', iomannolih 87", lihlih 44", mdnnolih 99" 105", misselih 37* 
73" 94 "^ 194% redoUh 55% säldoUh 206" 208% säliglih 68" 91" 98% 
sdmolih 126" 183% scdntUh 115", spilolih 59'', id)elolth 204% ünfölleg- 
lih 127", ungelöiiblih 208" (wo auch -Uh) , {msegdnlih 197% uueneglih 
67% uuiolih 45" 60" 193", uuünderlih 92" 120", souuerlih 35". 

-lih ohne circumflex: dllelih 252" (2), chldgelih 32% chriiäelih 
145% dingolih 143" 194" (2) 198" 218" 233" 252", dröelih 59", erhdr- 
melih 52% etelih 75" 88" 106" 239" 245% gelöuUih 59" 167% iogelih 
155" (2), natürlih 168" 169", säldolih 208% sdmolih 52" 183" 243% 
scdntUh 115", siimelih 252" (2), tierlih 180", ungelöuhlih 208", unge- 
ristlih 254% uuihtelih 171% mdoUli 59" 78" 79" 91^^ 172" 244". 

Bei zwei Wörtern, uuelih und solih ist der circumflex durchaus 
weggefallen ; er muste es nach dem gesetze , dass auf eine kurze hoch- 
betonte silbe der nebenton auf der nächsten silbe nicht stehen kann, 
wenn diese kurz ist. Dass aber in diesen beiden Wörtern die ablei- 
tungsenduug -lih ihre ursprüngliche länge bei Notker schon verloren, 
beweist das vorkommen von formen wie sölh {sölh uuehsel 189") mit 
ausgestossenem vocale, und uuclea für uueleha HmeUcha 244" (vgl. 
Braune, in Paul und Braunes beitr. II, 135). — Fehlerhaft findet sich 
70" solih; hier ist offenbar der accent aus versehen vom Schreiber auf 
die lezte silbe anstatt auf die erste gesezt. 



NOTKERS ACCENTÜATION 165 

Aiicli bei dieser endung -Uh wird man nur folgern können, dass 
sie bereits anfieng, kurz zu werden, jedoch in ihrer Verkürzung noch 
nicht so weit vorgeschritten war, als die endsilbe 4g. Beide ablei- 
tungssilben, -Uh und -uj, schwanken auch bei Otfrid schon in ihrer 
quantität, ebenso wie die (im § 15 zu besprechende) endung -6t u. a. 
nach AVilmauns, iu Haupts ztsclir. XVI, 123 fgg. Flectiert wird die 
endung -Uh zu -Uch geschrieben, ein beweis dafür, dass das h sich 
durchaus als spirans erhalten hat, und die schwere derselben mag der 
grund sein, dass der ihr vorhergehende vocal bei den unflektierten 
Wörtern sich meist die länge noch bewahrte. Im übrigen s. §15, 4. 

11) Die comparativ- und Superlativendungen -or, -ost sind mit 
nur ganz seltenen ausnahmen mit dem circumflex versehen, wenn sie 
nicht flectiert sind. Diese ausnahmen sind: ndhor 13, höhor 230'', 
uuUor 196°' (w^oselbst richtig accentuiert ist fcrrör, ndhor), höhor neben 
niderör 209"; zeniderost 17", aber gleich darauf seoheröst. 

12) Die superlativeudung -est erscheint mit dem circumflex nur 
iu einest 48'' 59'' 80 ^ neheincst 185% dnderest 54" 133'' (vgl. Gr. III, 
646.) 

13) Schliesslich ist noch zu erwähnen, dass unser und iimer stets 
den circumflex auf der lezten silbe zeigen (vgl. Braune in Paul und 
Braunes beitr. II, 140 fg.). Auch uueler zeigt sich mit dem circum- 
flex 221% uueles sindes 100% uuelen uuehsel 196'', wogegen der cir- 
cumflex fehlt in uueler 25", uuelez 161" 182" 196" 203" 252", uuelemo 
42" 174", uuelero 33'' 174% 197 ^ Ebenso findet sich Ten sölen 25" 
neben söles 95". Es ist möglich, dass hier eine contraction vorliegt 
von tinser, iuuer aus dnsarer und iwarer, und von söler, uueler aus 
söliher, uueUher ; (vgl. imelea stdta a. sg. 244"), ebenso gut ist es 
aber denkbar, dass bei diesen Wörtern eine anlehnung an den nom. sg. 
msc. des starken adjectivs auf -er statgefunden hat. Da es nicht 
unsere sache ist, hier näher darauf einzugehen, so verweise ich auf 
Braune (a. a. o.) und Gr. I, 783. 

§ 15. Einwirkung antretender endsilben auf den accent der 

vorhergehenden. 

Im vorigen paragraph haben wir gezeigt, dass vocalisch auslau- 
tende end Silben eines wertes ihre ursprüngliche länge meist abwerfen, 
consonantisch auslautende ursprünglich lauge end- und ableitungssil- 
ben dieselbe aber meist sich erhalten. Tritt jedoch ein suffix an 
eine ursprünglich lange ableitungsendung, so nimt dieses, 
wenn es lang ist, der vorhergehenden langen ableitungs- 
silbe den uebenton ab, wodurch dieselbe kurz wird. Ist 



166 



FLEISCHER 



hingegen das antretende suffix knrz, so bleibt die vorher- 
gehende ableitungssilbe in der regel lang, sehr häufig wird 
sie aber auch hier kurz. 

Diese erscheinung zeigt sich bei folgenden ableitungssilben: 
-ör, -ost des comparativ und Superlativ, -tg, -lih ableitungs- 
endungen der adjective , -dt, -ont der participia praesentis und piaeteriti. 
Diese verlieren also den accent , wenn ein schweres suffix dahintertritt, 
sie behalten ihn meist, wenn ein leichtes suffix angehängt wird; in lez- 
terem falle verlieren sie jedoch auch häufig den circumttex, namentlich 
-lih und -lg. 

Schwer sind nun bei Notker alle langen, leicht alle kurzen Suf- 
fixe, auch die zweisilbigen -emo, -ero , -era fgg. • 

1) Die comparative auf -dr: 

a) -dr verliert den circumflex vor schwerem suffix. Die fälle 
sind selten, ich habe mir nur angemerkt: liinderorun 74'\ mdnigoren 
108'', ünsäligorün 184". 

b) -dr behält vor leichtem suffix den circumflex; vor -en: Mn- 
deroren 74'', 178", tinmahtigören 80'', fördcrörcn 135% ünsäligdren 180*", 
uuenegören 185-^ 186'', mähtigoren 172'', üngeimdltigdrcn (nach Stein- 
meyer) 179'', glöiiblichdren 207'', uudcherören lh'6^' ; vor a: heröral32^, 
förderöra 67" 74" 119 '^ 132" 135" 236" 246", Jdnderöra 74", gelöubli- 
chöra 165'', uuirdigöra 132", imchseligöra 120", fenmörfenöra 124", 
inhiindenöra 196". Während in den ersten beiden büchern das o vor 
leichtem suffix stets erhalten bleibt, finden sich in den drei lezteu 
mehrere ausnahmen: 220" in meroren zumele , 170" zägora sw. ntr. 
und namentlich nach -ig-, -eg- : mienegora 181'', uuenegora, -oro 187", 
inuuertigora 157", mdhtigoro 168" (wo vorher mdlitigero) , säligoreu 
182" 183" 206", säligoro 183", linsäligoro 183", tmsaligoren 184", also 
meist auf den Seiten 181 — 187. Ein tieferes gesetz für dieses schwan- 
ken vor leichtem suffix kann ich nicht entdecken, da sich formen von 
imeneg, sälig und mdhtig mit kurzem an -ör- antretendem suffixe mit 
und ohne circumflex auf -dr- neben einander finden. Man vgl. z. b. 
180" tie ühelen sint tes te 'ünsäligdren und 184" Fcdiu sint ... die 
■ühelcn ünsaligoren. 

2) Die Superlative auf -dst. 

a) -ost ohne circumflex vor schwerem suffix: lierosfvn 74", liero- 
stün 161", förderostün 243", üserosten 85", dfterostm 132", sdgosUn 
107''. — Aber -dst hat sich den circumflex erhalten in: Mrdstdn 60", 
sdgdsten 81", Mnderdsten 74" (2), wo hinderorün, litrostvn richtig 
steht. 



NOTKEBS ACCENTUATION 167 

b) -Ost hat den circumflex bewahrt vor leichtem siiffix: herösten 
135" 154% herösta 110% hcrosto 111'"', förderösta 60 "^ 671- (2) 97" 
101" (2) 154" 241% forderösto 78", dftcrösta 74", öberösta 132" 163", 
oberosten 169", niderdsteu 90", inner osto 140" 196", innerosten 196», 
üzerosten 115" 164", üzerösto 196", mittelosten 149", fenmörfenösten 
119", erchenösta 140", heuigösta 89", gcuudltigösto 113", geuudltlgosten 
HO" 154" (2), hdndegdsta 185% geimdlitlichdsta 124% Mgelichosta 124^ 
tüondichosfen 134", geUrtösten 55% .tdgosteu 81". — Aber kurz erscheint 
-06'^ in: ^/c herösten 60", wo auch das uu regelmässige licröston steht, 
während doch richtig /bVcZeroste folgt. Ferner: SMif *««V /o»e göfe cho- 
soen dingo herösten 135", wo kurz vorher mit regelmässiger accen- 
tuation steht : c?«^ ww/r «i m/^ /r/^ie iahen, dllcro dingo sin herösten. 
Schliesslich: so we/s^ er (Z-m^fo hcrosto nicht 132" und ^ie daz pezesta 
dhtönt eruuirdigosta 101". 

3) Die ableituugsendung -«/y der adjectiva erscheint: 
a) ohne circumflex als -ig vor schwerem suffix: vor er: sitigcr 
200", mmiesigcr 178", heiliger 201", säliger 66"; vor -{m.- mdnigiu 162'', 
tügedigiu 201", chümftigiu 222" 223" (2) 224*' 225" 231" 242" 251''; 
vor e>^.• uuilligen 146" 130", frätatigen 169", lieht - müotigcn 178", 
chiistigcn 32", säligen 66", ziiiucligen 67", uuidermidrtigen 82", gcuudl- 
tigcn 98", cnmirdigen 112", uudnchigen 190", mligen 220", chimiftigen 
222"" 229" 230" 231", ämdhtigcn 132% mdzigcn 44% mdnigen 205" 
213"; vor on.- geimdltigön 28% stirhigon 147% gehörigon 153", chnmf- 
tigon 222" 226% (^ero chümftigon gcslcihto 221"), mdnigön 196"; vor 
«m; chreftigün 150'', sdmenthdftigün 129", wo die Züricher hs. samint- 
haftigun hat. Auch wo -?«* ohne circumflex erscheint, verliert das 
dieser eudung vorangehende -?(/ seinen acceut: m^ sincro euuigun 
gdgemmerti 248", ^?« selhmicdtigim ferläseni 251", ^ero chümftigon 
gchuredo 254", /öf^e (7ero fristmäligon imidermesungo 244", ^ero chümf- 
tigun umolichi 254"; vor -()/•.• mähtigören 172", uuirdigöra 132", '<msa- 
ligdren 180"; vor os^; geiiudltig Osten 110" 154" (2), säligdsta 225% 
auch wenn -or und -os^ nicht den circumflex tragen, verliert gleich- 
wol -?(/ seinen accent: intmertigora 157'', mdhtigoro 168", säligoren 
182" 183" 206", säligoro 183% unsäligoro 183", unsaligoren 184»^; vor 
» aus ursprünglichem 1 der fem.: mmigi 161% mdhtigi 98" 212", w^«ö- 
^i^i 174", uuirdigi 178", uuilleuudltigi 193" (2), stätigi 178% drguuil- 
ligi 177", nähuuertigi 195", ilnuuendigi 198", chümftigi 244", nur ein- 
mal emizigi 92". Der circumflex findet sich unserer regel nicht gemäss 
nur einmal: ?n spüotigen dingen 130", wo auch die Züricher hs. insjm- 
tigen aufweist. 



168 FLEISCHER 

b) Vor kurzen leichten suffixen schwankt die quantität des -ig. 

Wir besprechen die antretenden suffixe jedes für sich: «) vor e 
ist -ig lang: sa%e 43" 112" 137", 7ndhtuje AS"" 112", Ihüiüge bV\ gnüh- 
tige 106% dürftige 106% uuirdige 108*; vor e ist -ig kurz: sinnige, 
unsinnige 47% sälige 69^ 113^^ 117" 121^ 137" 183% uuirdige 82" 188" 
202*", ilnuuirdige 108'' (kurz vorher tmirdige), älemdJdige 172", rihtige 
205", tügedige 211% geristige 247% äcJiustige 162", mdnige 154" 192* 
210*. Es komt also in der zweiten hälfte des Boethius vor der flexions- 
silbe -e fast nur kurz -ig vor. Dass vor dieser endung des u. a. plur. 
msc. (und fem.) des starken adjectiv die ableituugssilbe -lg viel öfter 
kurz als lang erscheint, gerade wie vor einer langen silbe, könte viel- 
leicht eine uachwirkung der ursprünglichen länge des suffixes -e (= 
got. -ai) sein. Aber mau wird nicht ausser acht lassen dürfen, dass 
vor anderen eudungen sich ebenfals sehr häufig -ig ohne circumflex 
zeigt, obgleich dieselben nicht ursprünglich lang gewesen sind. Eine 
völlige erkläruug, in welchem falle -ig, und in welchem -ig steht, 
scheint mir kaum möglich, da sich dieselben Wörter mit -ig und -ig 
unter sonst ganz gleichen Verhältnissen finden, z. b. 112" die crä uue- 
sen sälige und 183'' die güoten imesen sälige, vgl. auch 113% wo bei- 
des kurz hintereinander sich findet. 

ß) Vor -es des gen. sg. msc. und ntr. und vor -es n. a. sg. ntr. 
des starken adjectiv. -ig zeigt sich vor diesen suffixen nur in heiliges 
201* (aber heiliger ebenda); sonst nur -ig: mdhtiges 162", ünspüotiges 
181*, zuiueliges 224", chümftiges 246". — chtimftigez 250*. 

y) Vor -emo im dat. sg. msc. und ntr. des starken adjectiv findet 
sich -ig circumflektiert : striÜgemo 78'', geuudltigemo 80", ünddrhsihÜ- 
gemo 104*, Urigemo 107% fdsthäbigemo 118"; kmz mir in öhenahtigemo 
17* und sdhuuältigemo 251*". 

ö) Vor -ero im g. plur. aller geschlechter des starken und g. d. 
sg. fem. des schwachen adjectiv zeigt -ig den circumflex: so mdhügero 
rechenungo {^^= tantae dispositionis) 190* und mit heiliger o gemmfte 
(=: sancto foedere) 94"; aber ohne circumflex -ig: mmeligero dingo 
224", chümftigero sc. dingo 249 ''. 

e) Vor -a des a. sg. fem. starken und n. sg. fem. ntr. schwachen 
adjectivs hat -ig den circumflex: fas scüldiga asilum 141*, chrefttga 
sc. dia stüreda 43*, tiu sdmenthdftiga öbesiht 192", -ig ohne circum- 
flex: saliga 92" (sw.), 99" (st.), euuiga 94* 254", üsuuerdiga 144% 
chreftiga 181*, tmsaliga 185*, fertiga 195*, uuirdiga 202", sihtiga 220*. 
ünmesiga 120" sw. , ciniga 226* 236% üngeimdltiga 227*, uuihseliga 
239% mörgcniga 245% Jcesteriga 245*, mdniga 186". 



NOTKEES ACCENTUATION 169 

t) Vor -en, a. sg. msc. des starken und g. d. sg. msc. ntr. und 
n. a. pl. aller geschlechter des schwachen adjectivs steht ig: geuudl- 
thjeu 25'' a. pl. sw. , 26" d. sg. sw. , 82", ünchUgen 50'' st., scükUgcn 
58'' st., säugen 68" 79" 118" st, tlndtlrfttgen 105* st., cndhtigen 105' 
st., dntsazujeu 107'' st. a. sg. m., ünuuirdtgen 108" ebenso, geuudl- 
tlgen 113" 114" st., nngeimdlttgen 115" st., nidJiÜgcn 127" st., eruuir- 
digeu 127" sl , chreftigen 154'" sw. n. pl. , dlemdhügen 155'' st., eum- 
gen 128" sw. d. sg. m. , uuinligcn 186'' stark (wo auch uuirdigen ohne 
circumtlex steht), uuidcruuarügcn 205" sw. a. pl. n., tügedigen 209* 
u. pl. sw. m. , clmmfttgen 225" g. sg. n. sw., 229'^ sw. n. pl. , 2'6W 
ebenso, fristuudlgen 223", smiderigen 227'', selhuiidltigen 230'' sw., 
gesihtigen sw. 241''. -ig steht vor der endung -en: imsculdigen 58'' st. 
{füre scüldigen aide füre ünscüldigen), säligcn 72'' st., 104" sw. d. 
sg. m. , zäligen 76'' sw. n. pl. n., uuirdigen 75" st., 186'', euuigen 128'* 
sw. d. sg. n., mdhtigen 170", ünuiürdigen 201% uumdigen 198'', chumf- 
tigen 224" 242" 245'' 249", gesildigen 237'', liüotigen, gcsterigen, mör- 
genigen, fertigen 245", euuigen 247", tähtigen 238^. Ein unterschied 
in der behandlung nach Verschiedenheit der starken oder schwachen 
Üexion oder des numerus ist nicht zu bemerken. 

rj) Vor -0 des u. sg. msc. des schv^achen adjectiv und verbal- 
eudung zeigt sich -ig mit und ohne den circumflex; mit circumflex -ig: 
inzthtigo 56" 57'', euuigo 90'', spenstigo 93'', üngehühtigo 100'', geuudl- 
ügo 102% Z'ürlüsügo 112", göte - dehügo 134", spüotigo 146'' 151% mdh- 
tigo 154", sünderigo 234'', sdmenthdftigo 234''. — -i(/ ohne circumflex 
komt in der ersten hälfte des Boethius vor dem suffix o nicht vor; in 
der zweiten hälfte ist -igo ebenso häufig als -igo, lezteres wird nach 
dem ende des Boethius zu immer seltener: spüotigo 190'' 234", linge- 
hühtigo 150", säligo 158'', uuUleuudltigo 193'>-, mdhtigo 204", dntlaslgo 
209", vuüotigo 210", ilnsuiueligo 224'', gdgenuuertigo 229". 

Aus diesem allen ergibt sich: 1) Die quantität der Wurzelsilbe 
hat keinen einfluss auf die der ableitungsendung, sondern nur die quan- 
tität des antretenden suffixes wirkt auf die der ableitungsendung. 

2) Die bedeutung des antretenden suffixes hat keinen einfluss auf 
die accentuation der vorhergehenden silbe , sondern nur seine quantität, 
es waltet hier also kein logisches, sondern ein rein rhythmisches 
princip. 

3) Die antretenden suffixe, welche bei Notker sich nur kurz, 
unaccentuiert finden, werden auch als kurz behandelt ohne rücksicht 
auf ihre ursprüngliche länge. 

4) Die ersten beiden bücher des Boethius halten sich strenger 
au die regel als die lezten drei. 



170 



FLEISCHER 



4) Die adjectiva Ruf -Uh lassen bei antritt von schweren 
Suffixen die länge der ableitungssilbe -Wi durchweg fallen: vor -er: 
silmelicMr 66'" 179^^ 202'', etelkher 201^ togelklicr 1^" 99'"' (3), natür- 
licher 138"; vor -en: zörneliclien 40", Jcömelichen 46", sümerlichen 72", 
etelichen 98" 171" 197", sdmelichen 98*', ernestUchm 16", misselichen 
24" 97" 151" 169", sümdichen 153" 195" 201" (5) 202" 207" 235" 
239", imehsellichen 194", unglöublichen 206"; vor -iu: güotlicMu 52", 
pürlichiu 84", tmgeliclim 139", logelichiu 142'', misselichiu 151", sjJo7- 
Z^c7mt 184'' (2) 195", etelichm 2i:8^, imelichiu 157"; vor -im: drmelichün 
54", natürlichün 103" 146" 147''; vor -or; fölleglichör 39'' 102" (aber 
der regel nicht gemäss fölleglichör 182''), Moublichör 207", glöuhlichö- 
ren 207''; vor -öst: tüomlichösten 134'', uuelichosta 188'' usf. ohne wei- 
tere ausnähme. 

Vor leichtem suffix ist auch meist -lih ohne circumHex zu finden; 
doch zeigt sich lih: tingoliches 74" 140", wo vorher cUngoUches steht, 
tiiomUches 138", tdgeliches 50"; iogelichemo 53"; sdmoUchero 137" 143", 
elterlicher 174"; cheiserlichen 96" 130", tinfolleglichen 131", güollichen 
116"; natürlicho 74", gemeinlicho 134", tmirdegUcho 134"; -?i/i vor 
leichtem suffix findet sich: vor -es: misseliches 27" 165", uuenegliches 
49", tdgoliches 55*^ 78" 105", dingoliches 44« 140" 148" iärliches 79", 
chüningliches 80", eteliches 104" 246", dngestliches 103", mänödliches 
154", natürliches 168'', tmioliches 175", tüomliches 176", sümeliches 202", 
teileliches 227", mdnnoliches 238", köteliches 242" 250", ünentliches 
245"; vor -emo: iogelichemo 145" 175" 200", höltlichemo 38", etelichemo 
150", mdnnolichemo 189" 197" 226", Jcüollichemo 201", kötelichemo 227"; 
vor -ero; mnclichero 16", söUchero 60" 189", misselichero 72" 87*, 
natürlichero 73", iögelichero 181", säldolichero 209% sümelichero 86" (2); 
vor -era: uuelichera 180"; vor -ew.' irreglichen 24", süsUchen 27", *me- 
?ic/ieH 29", etelichen 33" 88", tdgcUchen Si^', iogelichen 'S6"'^\ gerislichen 
29", uuerltlichen 41", söUchcn 79'', misselichen 97", güollichen 116" und 
so durchweg in den drei lezten büchern ; vor -o: trolicho 18" 69", S2me- 
?/c/iO 23", stdtelicho 41'', gemeinlicho 48", Icüotlicho 52'' 93", ilndürlicho 
52'', chürslicho 54", tinglicho 55" 77", pdrlicho 57", fölleglicho 61", 
ämerlicho 66", säliglicho 69", misselicho 76", grimmclicho 83", uuelicho 
107", ühermüotlicho 112", pinumftlicho 113", natürlicho 73" 97" 135" 
144" 147" 168" (2) usf. Vor dem suffix -e findet sich nur -/z'A ohne 
circumflex. — Wir bemerken also, dass -?«/i meist seinen circumflex 
verloren hat, wenn eine (schwere oder leichte) flexionssilbe antritt, wie 
wir schon sahen, dass -H/i ziemlich oft auch unflectiert kurz erschien. 

5) Die participialendung des praeteritum -y^ wird 
durchgehends kurz vor schvi^erem suffixe: feruudllotiu 20", kechdten- 



NOTKERS ACCENTÜATION 171 

not^r 2V, gescdldigotiv 2'6'', indänoter 36'', geimehselotiu 4^^"; besudroter 
150'', gehonogoim 54'', gcnumofm 65% geeinotiu 142'' 143", gentdotiu 
145'', mdrchotm 243 '\ hcuuürzdloUn 187''. — Nur zwei ausnahmen 
zeigen -dt vor schwerem Suffixe mit dem circumflex: näh heseigoten 
frägon 137'' und hcucstcnotcr 39'\ 

Vor leichtem suffix hat -dt meist die länge bewahrt: piröuboten 
43'', geiHnoteii 02", geunchsdotcn 178% bemdlöto 57'', hchdlbdte 86% 
geeinötc 33'', gcsdmenöta 70'', Jcesdmenötemo 76", hendmotcs 210'', kemis- 
Jcclöta 218'\ Doch hat sich auch hier die kürze oft eingeschlichen, 
meist nacli unmittelbar vorangeliendem kurzen wurzelvocale : Jcdcso- 
temo 22% beuudrote 25", gcndmotez 176" (aber gendmötez 210''), ^jcsd- 
?Oif('ro 178'' und in gcdlngota 250''. Offenbar ist hier die im § 12 
erörterte regel zur anwendung gekommen, wonach einer hochbetouten 
kürze nicht gern eine nebenbetonte silbe unmittelbar folgt. 

6) Die präsentische participialenduug -ont zeigt sich 
nur in wenigen fällen nach obiger regel accentuiert; sie scheint ver- 
möge ihrer eigenen schwere nicht geeignet zu sein, antretende schwere 
Silben auf sich einwirken zu lassen. Vor schwerem suffix erscheint 
sie daher nur einige mal ohne circumflex, nämlich in: gcstdtondm dQ^', 
dienonteu 195" (2), ^cddnsonten ; lang dagegen in: duidzsöntdyi 21'', 
uudlldnton 27", dösönten 69", miskelondiu 141'', umderontön 153", 
Jceeiidüdidwntiii 194", uuäudöntiu 205''. — Vor leichtem suffix zeigt 
sich die participeudung -ont lang in: uimnderönten 22'', zöcdiondo, 
göcdionten 25", rütöntemo 40", sueibonta 49'', uucllonto 49'', uuillöndo 
50'', süftöndo 54% didröndo 64'', imoldienonto 63", uuellonten 69% zim- 
berondo 69'', gereidwntes 89'' 99% uudlldndo 90% tmchsdöndo 92'' 93", 
forderondo 140", mddiöndo 150% meisterönten 153'', hcrtondo 165", 
dsöndo 168% dlenöntemo, dienöntero 195". In den beiden ersten 
bücheru des Boethius jedoch ist sie häufig als kurz zu belegen und 
gegen das ende des Boethius komt sie sogar nur kurz vor, wie wir 
schon öfter darauf hingewiesen haben, dass das ende des Boethius 
sparsam in der anwendung von den den nebenton bezeichnenden accen- 
ten ist. — Namentlich betrift die weglassung des circumflexes von 
-ont Wörter mit kurzem wurzelvocale, in denen die Wurzelsilbe der 
participeudung unmittelbar vorangeht: misse - fddondo 41% diörondo 89% 
Jöbondo 93% dddgonde 158'', fnotondo 211", idgonten 207% petondo 
226", doch sahen wir oben in didröndo 64", mddiöndo 150" und dsöndo 
das ö der eudung lang. Ferner zeigt sich -ont kurz in: uueinonten 
16", uuideronta 23'', teilondo, lönondo 212", diösonto 220", diösondo 
230", püdondo 237", spendondo 254% uuerdiontes 240% 



172 FLEISCHER, NOTKERS ACCENTÜATION 

Vergleichen wir mm hierzu die conjugation der schwachen 
verba auf -ovi überhaupt, so werden wir die regel durchaus beobach- 
tet finden: dass vor kurzem suffixe das ö sich lang erhalten kann, 
dass es aber kurz werden muss vor schweren suftixen. So finden wir 
ebenso häufig -ota als -ota im praet. ind. 1. und 3. sg. in den ersten 
beiden büchern: dhtota 1&' 30", udrtota 28'', Uidota 29'', mdchota 30% 
Jcenietota 50'', redota 69'', neuudllota 76'', hiUiota 88'', geündersMitota 
41'' fgg. , namentlich also nach unmittelbar vorhergehender kurzer Wur- 
zelsilbe, neben: neuuchselöta 25'^ neddnchöta 62"", dntfristöta b2'', dnt- 
seidofa 57'', güoUichdta 61'', fdscota 69'', nehliiotegota 76% scüldigöta 76% 
dnteröta 79'' (2), plüotegota 83'', ergreif ota 83% aber nur einmal bei 
kurzer vorhergehender Wurzelsilbe: scddöta 75". 

Das muss sich jedoch verkürzen vor schwerem suffixe: fdnso- 
tin 23'', nedhtoÜn 66"; geeiscotöst 24% spendotöst 61% trdlitotost 26% 
hildotöst , scdffotöst 27% zörnotöst 41''; mäloton 57'', scdtotön 76", eino- 
ton 79'', geeiscoton 81% suiueloton 83", pUdotön 27" fgg. Wenn daher 
einmal die ursprüngliche länge, in förderothi 57% erhalten bleibt, so 
will dies nicht viel gegen die regel sagen. 

Dass dem gegenüber die verba auf -en nur wenige beispiele 
der erhaltenen länge beitragen, stimt ebenfals zu den bisher gemach- 
ten beobachtungen. So hatte sich ja auch das comparativsuffix -or und 
das des Superlativs -öst mit nur vereinzelten ausnahmen unflektiert 
lang erhalten, während nur einzelne beispiele eines langen superlativ- 
suffixes -est belegt sind. Die helleren vocale sind, wig wir auch bei 
den praepositiouen § 8 zu bemerken gelegenheit hatten , weniger zur 
erhaltung der länge geneigt, als die dumpferen vocale. Wir finden -e 
der schwachen verba auf -en nur selten als lang erhalten: im part. 
praes. -ent in färenten 36% folgenden 175", frägendo 41", Jieüenten 60*, 
lachende 69'', also nur nach langem wurzelvocale ; im flectierten part. 
praet. nur erstörclieneten 83", aber z. b. üngefrägetes 137'', während 
doch auf derselben seite das -et lang ist in gefräget; im ind. praet. 
eruudrteta 83''. Merkwürdigerweise findet sich einmal unserer regel 
widersprechend das e lang erhalten vor schwerem suffix in dngistenden 
67". Ich mache hierbei darauf aufmerksam, dass diese durchbrechun- 
gen jener regel sich überhaupt fast nur vor der endung -en finden , so : 
zdgosten, Mnderösten (s. unter § 15, 2 a), spüotigen (s. 3a, Züricher 
hs. sündigen), dösonten (vgl. 6); da aber die ausnahmen eine verschwin- 
dende minderheit ausmachen, so könte man annehmen, dass dieselben 
Schreibfehler sind , veranlasst durch das nachfolgen der zu recht stehen- 
den circumflexe auf der lezten silbe. 

(Schluss folgt.) 



173 



WORTSTELLUNG DER RELATIV- UND ABHÄNGIGEN 
CONJUNCTIONALSÄTZE IN NOTKER, EOETIIIUS. 

Hattemer, Doiikiualile III, 1 — -255. 
Steinmeyers coUatinn der liaiiJsclirift;i Haupts ztsclir. 17, 449 f<^g. 

Der wichtigste, entscheidende unterschied zwischen hanpt- und 
nebensatz ist die Stellung des verbum finitum. Je nach dessen Stel- 
lung ist der in frage stehende satz entweder den haupt- oder den 
nebensätzen zuzuzählen. 

Obwol die relativsätze in allem wesentlichen, was die Wortstel- 
lung betrift, volkommen mit den conjunctionalsätzeu übereinstimmen, 
alle durchaus den Charakter der nebensätze tragen , empfiehlt es sich 
doch, beide hauptgruppen zunächst getrent von einander zu besprechen. 

A. Relativ - sätze. 
L 

Für Notkers spräche steht ein durchgreifender unterschied zwi- 
schen haupt- und nebensätzen und eine bewusste, ausgebildete Unter- 
scheidung bezüglich der Wortstellung unzweifelhaft fest. 

Dies gilt auch von den relativsätzen. 

Man kann (von seltenen fällen, wo der relativsatz nur aus rela- 
tiv und verbum besteht, abgesehen) nie in zweifei sein, ob ein satz 
als hauptsatz oder als nebensatz gedacht ist, somit, auf relativsätze 
angewendet , ob wir einen demonstrativen hauptsatz oder einen wirklich 
relativen nebensatz vor uns haben. Denn im ersteren falle folgt das 
verbum finitum unmittelbar auf das pronomeu , das in diesem falle 
demonstrative geltuug hat und als meistbetontes wort das verbum attra- 
hiert, im anderen falle haben wir es mit eiuem relativpronomen zu 
tun, das äusserlich allerdings dem demonstrativum gleicht, aber seinen 
satzton bereits verloren hat, nur formal zur eiuleitung des satzes dient 
und nie das verbum finitum auf sich folgen lässt. 

Die relativsätze in Notkers Boethius weisen also ausschliesslich 
die Wortstellung der nebensätze auf, d. h. das relativum, das den satz 
einleitet, ist von seinem zugehörigen verbum durch mindestens einen 
selbständigen redeteil getrent. 

1) Nachcollation : Piper, ztschr. f. d. pbil. XIII, s. 305— 316. 



ö^o' 


^uut 


L 1. 


2. 


» 




[I. 4. 


10, 


4. 


14 


7. 


19, 



174 LÖHNEß 

Nur jene relativsätze, deren prouomen mit der relativen partikel 
dir verbunden ist, haben manches besondere, wovon weiter unten die 
rede sein wird. 

Beispiele, wie III. 2. 1. Ter guoten acher sähen uuile. der errü- 
met in er des unchrütcs — geben ein anschauliches bild des hervor- 
gehobenen Unterschiedes zwischen haupt- und nebensatz. Vgl. ähn- 
liche Gegenüberstellungen : 

Tas mir uuiget. taz uuiget in. 

Tie mih er lerton iocunda carmina. tie Urent mih nü 

flebilia. 
Till sih noh fore anderen pirget. Hu habet sih tir 

erbarot. 
Tes tu nu trüreg pist. fes soltöst tu in guotemo sin. 
Taz ioman naturaliter habet, das ist sin. das neniag 
er ferliesen. 

III. 116. 3. tas mit hote imirt. tas uuirt mit Jcuote. 

117. 1. Tas ih ouli noh sagen uuile. das mäht tu samo offeno 
chiesen. 

IV. 22. 9. ter unmesiger sines sornes. io gremesöt. ter treget tes 

leuuen muot. 
55. 5. dar sie spiloton inn uuasere. dar scos er iro suene. 

V. 44. 3/4. Tas sheidet siit. tas tiu sJceidet — u. ö. 

Wenn also Tomauetz „Eelativsätze bei den ahd. Übersetzern des 
8. und 9. jh." s. 82 fg. bemerkt, dass bereits im 8. und 9. jh. die Wort- 
stellung der nebensätze ziemlich stark vorgeschritten sei, so müssen 
wir für unsere zeit, d. i. ende des 10., aufang des 11. jhs. , dieselbe 
als schon volkommen ausgebildet und durchgeführt bezeichnen. Vgl. 
auch Erdmanu „Syntax Otfrieds" § 216 und dazu Tomanetz s. 90. 

Die art des relativsatzes übt auf die nebensatzstellung des ver- 
bums keinen einfluss. Das einleitende relativum mag ein pronomen 
oder relatives adverb sein, als relativprouomeu subject oder object. 
Ebensowenig komt es in betracht, wie sonst der relativsatz syn- 
taktisch aufzufassen sei. 

II. 29. 4. Imo sol scöne dunchen das imo gelth ist. 
IV. 6. 11. Kuunnin ouh tie uhelen chad si das Jcuot tes sie 

gerönt. 
III. 16. 1. — tero muot io näh iro guote sinnet. 
V. 7. 1. Temo uuisse unde sin geläsen sint. temo ist ouh helä- 

sen chiesunga. 
V. 11. 4. Noh sie nctmänent nicht nöte gesJcehcn. diu got fore siliet. 
mibe in note diu fore sehen, diu gesJcehen sulen. 



III. 


10. 


2. 


III. 


40. 


1. 


IV. 


29. 


10, 


I. 


3. 


1. 


n. 


5. 


4. 


V. 


24. 


8. 


(235^) 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 175 

Mit tiu er furder imile. das ist causa. 
Under dien sie ioJi föne er est utmrten. sint sie mit 
tien State? 

— neist tanne der säligoro. danne der. ze des uue- 
neyheite nehein giiot neist kemiskelot. 

Tiu uuät ist tiure. tär diu driu ana sint. 

— so 7iefuorist tu nieht tara du uuoltist. mibe dara 
dili uuint fuorti. 

— dannun sie solton uuerden illuminati. 

Gentiles philosophi necJiondon nieht furder fernemen. 
äne uns tara sie diu ratio leita. 
Überall ist die charakteristische Stellung des verbum finitum im 
relativsatze eingehalten, es ist wenigstens durch ein wort vom relativum 
getrent. 

Bei der fortsetzung der relativsatze , d. h. bei der anreihung eines 
zweiten coordinierteu relativsatzes mittelst einer conjunction, die das 
relativum des vorausgegangenen satzes aufnimt und fortführt, gilt es 
ebenfals als regel , dass das verbum finitum des neuen satzes nicht 
unmittelbar an den relativen ausdruck angeschlossen werde, mag nun 
das relativum nach der conjunction nochmals gesezt werden, oder aus 
dem vorangegangenen satze zu ergänzen sein. 

II. 4. 18. Unde sol dir diu lieh sin sament tir. diu äne triuua 
mit tir ist. unde diu dih eteuuenne ferläzendo 
seregöt ? 
I. 1, 10. Ta0 ist sälig tod. ter in lustsamen zUen nechumet. 

unde in leitsamen geuuunster netuelet. 
IL 17. 9. — uuanda reges säzen in trihunali. dar sie dingotön. 
aide dar sie iura plebi scaffoton. 
Auch asyndetischer anschluss mit zu ergänzendem relativum ist 
möglich. 

IV. 33. 3. Unde sint sie dien fogelen gelth. tie der tag plendet. 

tiu naht sehende getuot. Similesque sunt avihus. 

quorum intuitum nox inluminat. dies caecat. 

Doch treten gerade bei diesen fortführungeu nicht selten anako- 

luthien ein, wodurch die Stellung des verbums im angereihten satze 

alteriert werden kann. 

Der häufigste fall ist der, dass statt des eigentlichen relativums 
nach der conjunction ein geschlechtiges Personalpronomen eintritt, zu- 
nächst noch mit nebeusatzstellung des verbums , z. b. III. 100. 1 — dero 



176 LÖHNER 

neJiein nefindo ih taz äne üsunertiga not miesennes neluste; unde iz 
tanches peite ze uerlornissedo. 

Hier vertritt is geradezu daz in reiu relativer geltung. Vgl. 
Heinzel W. S. B. (Notker) 82, 538. Gewölinlicli haben diese fort- 
setzungen conditionalen sinn: 

I. 20. 4. — so die tuont. die nicromantiam uohettt. aide delieina 

praestigia — — unde er inmundos Spiritus ladoe ze 

sinero Jielfo. II. 10. 1 (55"), 41. 4 (80"), 43. 2. 

III. 41. 1. Tie dero maiestati reguni. aide constdum uuiderhörig 

(110 ) uuären, unde sie dar umhe fore in uherteilet uuur- 

ten. die haheton fluht usw. 
Oft begegnet aber, dass die relative coustvuction in der fort- 
setzuug verlassen und in die demonstrative des hauptsatzes übergegan- 
gen ist. Kenzeichen hiefür ist der anschluss des verbum finitum an 
das Personalpronomen. 

III. 99. 1. Ist nü ieht eJiad si. daz tero natura folgendo. sih 
Jcerno gelouhe des uuesennes. unde iz uuelle zegän 
unde eruuerden? 
I. 10. 8. Ter aber so tuon neuuilc. tmde er furJitet ze uerlie- 
senne. aide geröt ze guuunnenne — — pediu habet 
I er Jiina geimorfen den skilt — u. ö. 

Doch zu wirklichen hanptsätzen wurden solche sätze dadurch kei- 
neswegs. Es hat vielmehr der vorausgehende relativsatz, der deutlich 
das gepräge eines solchen hat, seinen eiufluss auf den folgenden aus- 
geübt und diesem einen teil seiner relativen kraft übertragen. Solche 
fügungen sind nicht vereinzelt. Vgl. Tomanetz s. 87, wo auch richtig 
bemerkt ist, dass diese anakoluthie selbst nhd. sich findet. S. die dort 
citierten beispiele. 

Stärker ist ein fall wie V. 15. 6/7 Tie iro uuillo dara zuo nelei- 
tet. nuhe sie tuinget not tes chumftigen, wo der durch nuhe eingelei- 
tete satz am ungezwungensten als wirklicher hauptsatz gefasst wird. 

Besondere besprechung erfordern die relativsätze mit dir. Die 
bekante relativpartikel tMr, die als differenzierungsmittel schon in den 
ältesten zeiten an das demonstrativum angehängt wurde und die rela- 
tive geltung noch kentlicher macht , erscheint in unserem denkmale als 
dir {tir; dar, tar'^) in derselben Verwendung. Doch sind solche rela- 
tivsätze verhältnismässig nicht häufig. Z. b. : 

I. 19. 16. Ter Mez ze romo pi'^oscripttis. ter dir uuas porro. i. 
lange scriptus. a honis suis. 

1) In dieser älteren form bloss: III. 23. 1, V. 22. 13. 



W0RT3TELIiUNG IM BOETHirS 177 

II. 3. 5. Also der uiias. ter dir chad suadendo. nequaquam 

moriemini — 
IL 12. 1. Ein strit ist umbe dia legem, der dir heizet scriptum 

et uoluntas. 

II. 13. 1. Mit casu antseidot sih. ter dir cJüt. taz in is lasti 
(58*) anderes mannes tud — 

„ „ — die in dinge uuerdent. tus clitt. tie dir uuerdent 

in iuditiali genere causae. 
IL 37. 5. Ih imile cheden. daz tas kuot nesl. daz tir taröt temo 

liahenten. 
IL 38. 3/4. — noh föne demo eruuorteniu. tiu dir sitig uuas späto 

inbizen 7nit slehtero fuoro. 
IL 40. 1. Tes pedeh ouh cato metrice ze scribenne an sinemo 
(79*) lihello. daz tir ana ualiet. Si deus est etc. 

III. 15. 1. — ter iiJiet sines undanches tes tritten. taz tir chU — 
III. 23. 1. Unde der fogel. der dar feret föne bäume der 

uuirt Jcefangen. 
IIL 72. 15. — uuanda al daz tir grüet. unde uuahset. taz turh 
hat si. 

III. 104. 9. Pediu nedarft tu nieht zuiueldn. al daz tir ist. natür- 

licho suocJien — — 
IIL 122. 3. sl uuerbet al daz tir ist. 

IV. 11. 3. — ter gemeine ende ist. alles tes tir ist. tie liäbent 

sih — 
IV. 17. 4. — taz platonis reda uuäriu ist. ter dir chad — — 
IV. 21. 7. (2 mal) — al daz tir ist. 
IV. 27. 1. — daz tir ubel ist. 
IV. 29. 20. — mibe guot st. daz tir reht ist. unde ubel. daz 

unreht ist. 
IV. 41. 9. Taz tir uuirdet; das tir ist; 
(197") ^^ ^^ . tßf- ^if ist 

IV. 53. 5. — diu dir sarf ist — ahtot tia der Hut huota? 
V. 4. 21. V. 22. 13, 25. 6, 26. 2. 
In anderen fällen tritt das dir an das relative Personalpronomen, 
das aber auch ohne diese erweiterung in relativer function vorkomt. 
I. 1. 1. Ih tir er teta frolichiu sang — 
I. 24. 22. Uuir dir niicliel teil bim — uuir ringen. 
III. 93. 2. luuih tir bindent ubele gelüste — 
V. 30. 13. Uuir dir beidiu chunnen — 

V. 32. 12. Tu dir grecho den himel sihest. unde das houbet üf- 
heuest. 

EEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 12 



178 LÖHNEB 

Dass nicht erst der antritt des dir dem ungeschlechtigen Perso- 
nalpronomen relative geltuug verscliaft , mid etwa das pronomen demon- 
strativ zu fassen wäre, beweisen andere beispiele: 

I. 24. 2/3. — Tu io — den seihen hiniel uuerhest. mit snellero 

uuando. unde die Sternen heizest huotcn iro eo. 
I. 24. 21. — du dero dingo allero einunga machost. erhuge dero 

uuenegön — 
II. 37. 10, Föne diu sago ich tir. du nü sorgest tas — -^= qui 

nunc — pertimescis. 
IIL 72. 2 fg. 

Eine eigen tümlichkeit der relativsätze mit dir ist, dass sie häufig 
kurze sätze explicativer natur sind. Wie: ter dir chlt, das tir ist, 
uuirdet n, ä. 

Da solche sätze, wie die angeführten, bloss aus relativum und 
verbum bestehen , ist die einfügung der relativen partikel um so erklär- 
licher, da sie im andern falle jedes relativen kenzeichens entbehrt hät- 
ten. Bemerkenswert ist auch, dass in der mehrzahl der fälle mit dir 
das flectierte pronomen subject ist. 

Wie aus den angeführten beispielen zu ersehen ist, findet es sich 
bei dieser klasse von relativsätzen nicht selten , dass das verbum fini- 
tum unmittelbar an das mit dir verbundene relativum tritt, so dass 
man diese Stellung, wenn man relativum mehr part. dir als einen 
begriff fasst, als Wortstellung des hauptsatzes bezeichnen kann. Es ist 
somit bei dieser auffassung zu constatieren , dass , im gegensatze zu 
den gewöhnlichen relativsätzen, bei einer gruppe von relativsätzen die 
Wortstellung der hauptsätze erlaubt, ja beliebt ist. Unter 33 fällen ist 
21 mal unmittelbarer anschluss des verbums an das dir, wobei es aber 
14 mal nicbt anders möglich ist, da kein anderer sazteil vorhanden 
war, so dass nur 7 fälle in betracht kommen, 12mal treten ein oder 
mehrere Wörter dazwischen. Tomanetz s. 84 hat mit recht auf eine 
analoge möglichkeit sogar in der nhd. spräche hingewiesen. So zieht 
er heran: Luther, Mt. 4, 13. „er wohnte zu Caparnaum, die da liegt 
am meere" und erklärt diesen gebrauch „nachdem der relativsatz als 
solcher durch das dem relativum nachgesezte da hinreichend geken- 
zeichnet ist, kann im relativsatz auch die Wortstellung des hauptsatzes 
stehen." 

Doch möchte ich darauf hinweisen, dass eben durch anwendung 
dieser partikel da (dir, thär) bereits ein wort zwischen relativum und 
verbum tritt, also bereits der forderung für die Wortstellung der neben- 
sätze: treunung des relativums und verbums genüge geschehen ist. Ich 
möchte wenigstens für das nhd. Sprachgefühl bestreiten , dass derglei- 



WOETSTELLTJNG IM BOETHIDS 179 

elien relativsätze als hauptsätze gefüLlt Averdeii. Lassen wir ein glei- 
clies für jene sprachperiode gelten, so gewinnen wir den grossen vor- 
teil, für diese klasse von relativsätzen keine, wenn auch noch so 
erklärliche ausnähme annehmen zu müssen, sie vielmehr unter die 
algemeine regel hringen zu können. Auch für sie gilt Wortstellung 
der nebensätze, die ohnedies beim grösseren teile (12 gegen 7) durch 
grössere entfernung des verbum linitum vom relativum unzweifelhaft 
gemacht ist. 

Es wären von den relativsätzen noch die algemeinen relativsätze 
zu besprechen, die aber, ihrer entstehung gemäss, unter die durch so 
eingeleiteten conjunctionalsätze aufgenommen sind. Nur soviel sei der 
volständigkeit wegen bemerkt, dass auch sie den für relativsätze gil- 
tigen gesetzen folgen. 

Wir sahen also bisher, dass die relativsätze, was die Stellung 
des verbums betrift, übereinstimmend den unverkenbaren typus der 
nebensätze haben, nämlich trennung des verbum finitum vom relati- 
vum. Die einzige möglichkeit, dass das verbum auch im relativsätze 
unmittelbar aus relativum tritt, ohne dass wir aber einen hauptsatz 
vor uns hätten, entsteht (von den relativsätzen mir dir und anakolu- 
thien abgesehen), Avenn der relativsatz nur aus diesen zwei Wörtern 
besteht, was aber äusserst selten der fall ist. Z. b. V. 3. 3. (215a): 
Temerarius ist ter. der neruochet uiiaz er tiiot. (Die negation ne darf 
nicht als selbständiges wort angesehen werden.) In solchen fällen ent- 
scheidet der sinn über die auffassung. Hier z. b. folgt noch eine deut- 
lich relative fortsetzung. — unde der eine rät tuot — . 

II. 

Als zweite hauptregel stelle ich hin : 

Es zeigt sich die tendenz, wie in allen abhängigen Sätzen, 
auch in den relativsätzen, das verbum finitum möglichst an den 
schluss des satzes zu stellen. Vgl. Erdmann § 90. Tomanetz s. 94. 
Wie diese tatsache , die in den frühesten quellen schon bemerk- 
bar ist, zu beurteilen sei, ob sie auf eine ursprüngliche Wortstellung 
des hauptsatzes (Tomanetz, bes. s. 102), oder auf eine ursprüngliche 
Wortstellung der nebensätze (in jüngster zeit bes. Ries, „Stellung von 
snbject und praedicatsverbum im Heljand") hinweist, dürfte schwer- 
lich je mit Sicherheit sich entscheiden lassen, berührt uns auch hier 
weniger, wo es sich um aufstellung des tatsächlichen in einem ein- 
zelnen denkmale handelt. Doch will ich im folgenden meine auffas- 
sung des entwicklungsganges der germanischen (spec. deutschen) Wort- 
stellung kurz darlegen. 

12* 



180 LÖHNEH 

Ich halte es für das wahrscheinlichste , dass ursprünglich , als die 
spräche noch in der bildung begriffen war, auch die Wortstellung eine 
höchst freie gewesen sei, und 'erst almählich logische und noch mehr 
psychologische momente den Sprachgebrauch regelten. Besonders das 
praedicat , das verbum mag in dieser periode wilkürlich , je nach 
bedürfnis des sprechenden verschoben worden sein, gewöhnlich aber in 
längeren Sätzen eine art mittelstellung eingenommen haben. Vgl. Erd- 
mann, zulezt in der recension der Riesschen abhandlung Anz. 2 s. 194. 
Vorangegangen sind vielleicht die wesentlichen bestimmungen , vor 
allem das subject, während die minder wichtigen, die entfernteren 
bestimmungen sich in der reihenfolge, als sie in der seele des denken- 
den oder sprechenden entstanden, ums verbum gruppierten, so dass 
dies bald den schluss bildete, bald von anderen bestimmungen gefolgt 
war. Haupt - und nebensatz dürften sich ursprünglich gar nicht von 
einander unterschieden haben und verhältnismässig erst spät, nämlich 
nach ausbildung einer Schriftsprache, mag sich das bedürfnis heraus- 
gestelt haben , sätze , deren logisch verschiedene geltung längst gefühlt 
war, auch äusserlich als solche zu unterscheiden. Ich gehe hiebei von 
der bekanten tatsache aus, dass das meist betonte wort des satzes, 
das am beginne steht, das verbum attrahiert. Dieser umstand, dass 
das verbum sich an das meist betonte wort anschliesst, wurde als dif- 
ferenzierungsmittel benuzt. Löste man das verbum von diesem cha- 
rakteristischen platz durch einschub irgend einer anderen bestimmung, 
so war die aufmerksamkeit durch die absonderliche Stellung erregt, 
und für ohr und äuge eine neue satzstellung geschaffen , die für die 
untergeordneten, für die nebensätze reserviert blieb. Gleichzeitig, im 
zusammenhange damit, sank das früher stark accentuierte wort (demon- 
stratives pronomen, demonstratives adverb) im tone herab — wodurch 
eben die trennung des verbums ermöglicht wurde — und wurde rein 
formal, d. h. es diente nur mehr äusserlich zur einleitung des satzes. 
Speciell diese eutwicklung fält bereits in die historische zeit und wurde 
aus den vorhandenen quellen nachgewiesen. 

Bei dieser ersten trennung des verbs blieb aber die spräche nicht 
stehen. Man wolte die gestalt der nebensätze noch mehr ausprägen, 
und so rückte das verbum tinitum mehr und mehr an das ende des 
satzes , alle anderen sazteile vor sich nehmend , welche bewegung erst 
in unserer nhd. Schriftsprache ihren abschluss erreichte. 

Um wider auf den Notkerschen Sprachgebrauch, speciell auf die 
Stellung des verbum finitum in relativsätzen zurückzukommen , so wurde 
schon bemerkt, dass dasselbe mit Vorliebe das satzende einzunehmen 
sucht. Das Verhältnis jener fälle, wo dies durchgeführt ist und ihres 



WORTSTELLUNG IM BOETHIUS 181 

gegonteiles ist nicht für alle fünf büclier des Boetliius dasselbe , aber 
doch ein ähnliches. Die verhältniszahl schwankt zwischen drei und 
vier, d. h. jene fälle, in denen das verbiim finitum am satzende steht, 
übertreifen die anderen um das drei- bis vierfache (circa 75% zeigen 
das verbum am Schlüsse). Anders bei den relativsätzen mit dir. 

Von den 19 in betracht kommenden fällen (s. 178) bieten 8 das 
verbum, 11 dagegen eine andere bestimmung am satzende. Diese 
erscheinung kann nicht befremden, da wir gerade bei diesen relativ- 
sätzen eine neigung zum unmittelbaren anscliluss des verbums an die 
Partikel dir gefunden haben (s. 178). 

Vgl. die beispiele s. 174. 

III. 

Was die redeteile betrift, die hinter das verbum finitum treten 
können, so ergibt sich zunächst ein durchgreifender unterschied zwi- 
schen pronominalen und nominalen bestimmungen. Einfache, allein- 
stehende pronominale bestimmungen erscheinen niemals/ weder als 
subject noch als object (directes oder indirectes) hinter dem verbum 
finitum. Wir stehen hier vor dem zweiten hervorragenden kenzeichen, 
das die Wortstellung von haupt- und nebensätzen so eclatant unter- 
scheidet. Z. b. : 

I. 1. 2. Taz mir uw'get. tas uuiget in. Ebd. Tie mili er Ur- 
ion — tie lerent mili nü — vgl. die s. 174 verzeich- 
neten gegenüberstellungen. Ebenso: 
I. 29. 8. Noh ter tag neuuirt niomer. ter mih aha dero sah 
genenie. Nee umqiiam fuerit dies, qui depellat ine ah 
liac sententiae ueritafe. 

— taz tir in 16z Jceuallen ist. — tuae totius sortis — 
Imo sol scöne dunchen daz imo gellh ist. 

(77*). — dia er is seh. 

— taz sih fernlag smero chrefte. 

III. 71. 2. — dia ih tir gehies se zeigonne — quam jyromisimus. 

III. 72. 24. Tu taz tuost — 

IV. 19. 12. — der in in gäbe. 
Taz ih tir noh sago — quod dicam. 

— der dir is tanchoe. 

— ter dich heim bringe = qua remearis ad ^^fitriam. 
Uuer ist ter daz uuelle. daz er neuueiz? Quis enini 

nescius oj)tet quicquam? 
V. 49. 7. — diu si imo gehiez. 

1) Ein einziger ausnalimsfall ist s. 182 besprochen. 



II. 


23. 


2. 


II. 


29. 


4. 


IL 


39. 


1. 


III. 


66. 


1. 



IV. 


29. 


1. 


IV. 


33. 


6. 


V. 


2. 


5. 


V. 


16. 


11. 



182 LÖHNER 

Auch mit praepositioneu verbundene prononiina erscheinen nur 
vereinzelt hinter dem verbum. Vgl. s. 187. 

II. 46. 8. — — imde (der) sih tuomet mit tiu (demonstrativum !) 
IV. 55. 8. — tia er habet föne imo selhemo. 

Dagegen fanden sich ungemein zahlreiche beispiele, wo solche 
pronominale ausdrücke, gleich den einfachen, dem verbum vorangehen. 
I. 15. 7. — daz sie föne mir sageton. 

II. 41. 16. — diu müder imo getan uuas. 

III. 46. 10. — der ze imo cliad — 

IV. 42. 4. — tiu iz fasto su iro bindet. 
V. 16. 5. — tiu durh sih quisso sint? 

Ganz dieselben beobachtungen machte Tomanetz für das 8/9. jh. 
sowohl bei den ahd. Übersetzern als bei Otfried (a. a. o. 91 fg. 95). 
In der von mir behandelten periode ist es jedoch in weit höherem 
masse gesetz. Einmal, wie gesagt, begegnet die ausnähme, dass ein 
einfaches pronomen am Schlüsse des relativsatzes steht. 

V. 33. 2. So sehen nü gagen des is muom si uns. Intueamur 
nunc quantum fast est. 
Dieser fall ist um so bemerkenswerter, als weder der lateinische 
text noch rhetorische gründe (s. s. 184) zu dieser Stellung nötigten. 
Wir ersehen daraus, dass die alten freiheiten, selbst in der ausgebil- 
deten Notkerschen spräche noch nicht völlig erloschen waren, wenn- 
gleich sie durch feste normen mehr und mehr zurückgedrängt wurden. 
Am häufigsten finden wir nominale bestimmungen hinter dem 
verbum, besonders praepositionalausdrücke , alles andere verhältnis- 
mässig selten. 

Nach der häufigkeit des Vorkommens an dieser stelle lassen sich 
die bestimmungen folgendermassen anordnen: In erster reihe stehen 
die nominalen praepositionalausdrücke (etwa 30 %) , dann folgen die 
verschiedenen nominalen objecto (23 7o)i Infinitive, besonders mit ze 
(20 ^/o), praedicative nomina (12 "/o), nominale praedicate (incl. pari 
praet.) (9"/o), adverbia (4%), nom. subjecte (2 7o)- Z. b. : 

I. 8. 12. Mit temo irreglichen uuäne, der io uiiirbet mit tero 

uerulüchenun manegi. 
IL 24. 2. Sumelicher ist chunt man föne geedele. temo iB aber 
leid ist. turh sin arm getragede. 

III. 38. 3. — tiu sie besmtzent mit iro ubeli. 

IV. 48. 3. Noh elyx tiu drätero ferte umbe uuirbet pi demo himel 

gibele. 
V. 22. 14, Tiu ioman tuot in unserro praesentia. diu sint — 



WORTSTELLUNG IM BOETHIUS 



183 



1, 12. lo. Philo^ophi hahetön ein hret fore in. daz sie hieben 
mensam. 

II. 3. 2. Tas fore geslundenez. uueg tue starchercn tranchen. 

III. 51. 5. daz pechennet ter. der sih pchugen uuilc siucro suordon. 

IV. 28. 5. Taz in doh mezöt tia uuenegheit. 
V. 14. 11. Diu unguis sint Jcote — 

I. 29. 3. frage des tu mih uuellcst antuurtcn. 
II. 21. 19. Consulares sint. tie consules uuären. aide uuirdig sint 
ze uucrdenne. 

III. 47. 1. Ter geuualtig uuelle sin. der duuinge sin geilla muot. 

IV. 8. 11. aber die uhelen heitcnt sih — — daz natürUh ambaht 

nicht ncist Icuot zegiminnenne. 
V. 10. 9. — gotes ouga nesehe iz. daz nioman nemag triegen. 

I. 8. 15. uuanda er die melden neuuolta. die er uuissa coniu- 

ratos. 
II. 21. 23. — tie nü. unde hina füre dih neläzcnt. ungetrosten. 

III. 123. 8. Unde die drl rechegcrnun suesterä. die fertäne mennis- 

ken getuont shihtige. 

IV. 32. 2. — die du ehäde iro uheli uningaUe. 
V. 24. 8. — diu er heizet materiani, 

II. 30. 12. Tir nemag tiu fortuna daz nieht kegehen. tes tih tiu 
natura habet keüzot. 

III. 17. 3. Tiu fremedes ist undurftig. 

IV. 8. 15. — dero ih iihtlg pin uuorten. 

V. 3. 13. Nemag nü nieht sin. daz mit rehte heizen stde casus. 

aide fortuitum ? 
in. 112. 10. der daz folle habeti. zesamine. 

III. 62. 7. Daz crehto einfalte ist natürlieho. 
V. 16. 3. — tili durh sih sint insunder. 

IL 33. 2. Tie — zäla in demo hüs sint unde burdi — 

III. 93. 5. — tanne daz ze athenis machotön nepotes herciüis. 

IV. 28. 3. — tes ze lang ahtoe zebttenne dehein euuig muot. 

V. 7. 5. — dien geläzen ist pechenneda ubeles unde guotes — 
Die durch die partikel dir erweiterten relativsätze bieten in bezug- 
auf das iii diesem absclinitte dargelegte keine abweichung. 
Vgl. die beispiele s. 176 fg. 

IV. 

In diesem abschnitte soll uns die frage beschäftigen, welche 
gründe massgebend waren, von der gewöhnlichen Stellung des verbum 



184 LÖHNEE 

fiuitum an das ende des relativsatzes abzugehen, und andere sazteile 
auf das verbum folgen zu lassen. 

Nach der überwiegenden anzahl der fälle zu schliessen, wo auf 
das verbum keine weitere, dem relativsatze angehörige bestimmung 
folgt , wurde diese art , den satz zu bauen , als die regelmässige ange- 
sehen und empfunden, und ein abweichen hievon in der bezeichneten 
weise ist auf besondere anlasse zurückzuführen. 

Hier wäre die nächstliegende Vermutung, dass das lateinische 
Vorbild wie den ganzen sprachlichen ausdruck , so auch im einzelnen 
die Wortstellung der deutschen Übersetzung nicht nur beeinflusst, son- 
dern geradezu vorgeschrieben habe. Doch lehrt eine auch- nur ober- 
flächliche vergleichung beider texte, dass dem nicht so ist, dass sich 
vielmehr die Übersetzung des Boethius in einer weise und in einem 
grade ihre Selbständigkeit gewahrt hat, die in der ahd. übersetzungs- 
litteratur selten erreicht ist. Siehe den excurs über das Verhältnis der 
deutschen Übersetzung zu ihrem lateinischen original s. 190 fgg. 

Diese gründe, welche veranlassung waren, sich der älteren frei- 
heit, der mittelstellung des verbums zu bedienen, sind in erster linie 
in rhetorischen und euphonischen rücksichten zu suchen. Unter rheto- 
rischen motiven (denen ich auch die stilistischen mittel beizähle) ver- 
stehe ich solche, welche nachdruck, deutlichkeit, Übersichtlichkeit der 
rede , harmonischen bau des satzes anstreben : formelle rücksichten , die 
bei Notker und seiner schule ebenso hervortreten, wie rücksichtnahm e 
auf einfache Verständlichkeit. 

Solte auf diese weise irgend ein Satzglied ausgezeichnet werden, 
so trat es aus der regelmässigen reihenfolge heraus, und erhielt einen 
besonderen, isolierten platz zugewiesen; war es das verbum, in alter- 
tümlicher weise mehr an die spitze des satzes, waren es andere saz- 
teile , hinter das verbum , an die lezte oder eine der lezten stellen. Die 
Wirkung war dadurch immer eine gegenseitige : vom verbum auf die 
nachfolgenden bestimmungen und umgekehrt, da die Umstellung des 
einen auch die verrückung des anderen bedingte, so dass oft schwer 
zu erkennen ist, in welchem satzgliede der anlass zur verlassung der 
gewöhnlichen Wortstellung lag. 

I. 8. 15. uuanda er die melden neuuoUa. die er uuissa coniu- 
ratos. 

12. 10. PhilosopJii liaheton ein hret fore in. das sie hiezen 
mensam. 

25. 11. Ter dar inne sizset pezünder. unde heuestenöter. 

20. 3. Tu lertöst niih tagelichen. taz phitagoras phüosopJms 
sprah. de non sacris. aide de non düs. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 



185 



I. 1. 2. Tie mili er Icrton iocunda carmina. 

II. 41. 17. Ze dcro uuis imäfcnda sih ter umso mit tiu ze uueri. 

mit tiu der tyrannus uuolta sJceinen sma grimmi. 
3. 2. Taz — uueg tue starchercn tranchen. 
KI. 79. 8. Föne diu ist tes not. taz ter got summum homim nest. 
der natürlicho ieJit ungelth ist siimmo hono. 
17. 1. Uuänest tu die irron in iro muote. die gerno undurf- 
tig uuärin alles Jcuotes? 
104. 10. IJi gilio cJiad ih. tas ih kuislicho nü bechenno. das 
mir forc uuas unguis. 
IV. 28. 3'. — neist nieht so unspuotiges. tes se lang ahtoe zeU- 
tenne dehein eiiuig muot. 
48. 13. Uhe er daz netäte — so zefl-ugm unde uurttn äsherriu 
iro urspringe. diu nü festcnot Jcuisser ordo. 
V. 24. 8. (235") — dannän sie soltön uuerden illuminati. 

10. 9. — gotes ouga nesehe iz. daz nioman nemag triegen. 
16. 3. — tiu durh sih sint insunder. 
Beispiele für die hervorhebung des verbiims: 
I. 13. 2. — uhe iro ulägln uulse. aide die sih pegondin heften 

zeuuistuome. 
II. 50. 4. — tes müh langet zesagenne. 
• III. 41. 1. (110*) daz ten consulem anagieng zetuonne. taz frumeta 
sin legatus. 
IV. 43. 11. danne gibet er imo. daz er imo hechennet limfen. 
V. 21. 1, Utiio mag aber daz sin. daz tiu negeskehen. diu got 
uueiz chumftig? 
{diu got uueiz chumftig: die veranlassung zur Umstellung kann uueiz 
und chumftig gegeben haben. Jedesfals gewinnen beide begriffe an 
ein drin glichkeit.) 

Übrigens gab das verbum viel seltener den anstoss. 
Besonders die relativsätze mit dir können lehren, welche rheto- 
rische Wirkung durch die mittelstellung des verbums erzielt wird, eine 
Wirkung, die auch heute noch fühlbar ist. 

Vgl. von den angeführten beispielen s. 176 fg.: I. 19. 16, IL 13. 1, 
n. 37. 5, III. 23. 1 u. a. 

Speciell die hinter das verbum gesezten nominalen bestimmun- 
gen musten schon aus dem gründe an tonstärke und bedeutuug gewin- 
nen, da der accent der nomina im germanischen stärker ist als der 
des verbs. 

Ein gewisses formgefühl ist dem Übersetzer nicht abzusprechen. 
Er kent, an den klassischen sprachen geschult, genau die Wirkung der 



20. 


4. 


10. 


1. 


33. 


2. 


47. 


1. 



186 LÖHNER 

verschiedenen stilistischen mittel. Daher ist häufig ein durchgeführter 
parallelismus , das streben, die Satzglieder symmetrisch anzuordnen 
u. dgl. von einfluss auf das satzende. Hieher gehört es, wenn zwei 
coordinierte sazteile in der weise gruppiert werden, dass die eine 
bestimmung vor, die zweite hinter das verbum tritt, und so das ver- 
bum in die mitte genommen wird. Z. b. : 

I. 1 2. 8. — unde sament mir sizzendo. tralitotost allen den ums- 

tuotn. ier an got hat; unde an die Hute. In qua 

mecum sepe residens. disserehas de scientia diuina- 

rum humanarumque rerum. 

16.4. — der dioteriche se sinen triuuön das lant peualh. unde 

die Hute. 
19. 3. — das tu miJi selba lertost. al daz mir zetuonne uuas; 
unde zesprechenne. 

- die nicromantiam uobent. aide deheina praestigia. 
IL 10. 1. (55") — tia gesprächi. dero man in dinge hedarf. unde 
in sprächo. 
Tie — zäla in demo liüs sint unde burdi. 

— die mit tugede sih uuellen füre nemen. nals mit 
lottere. 

III. 90. 6. Taz aber guot neisf. noJi Jcelih temo guoten. des nege- 
rot nioman. 

— ter got neuuissa. nah spiritalia bona. 

— die allero dicchöst föne tugede nechoment. mibe föne 
säldon. 

— dar is nieht hohes erdorren nemag. noh zegän. 
(121'') Noh tanne ist huissera. daz uns ratio syllogis- 

moriim ouget. tanne argumentorum. 
Daz crehto einfalte ist tiatürlicho. unde ungesheiden. 

IV. 43. 2. — die sie guote ahtönt. aide ubele. 
den du rehtesten ahtost, unde allero ebenesten. 

V. 9. 2. Diu doh tia erda durh shmen nemag. unde den mere. 

— tie an dien substantiis ligent. unde sie nieht sub- 
stantiae nesint. nube accidentia. 

34. 4. loh an demo huotigen Übe. der under demo gesterigen 
ist. unde under demo morgenigen. 

Durch diese trennuug zusammengehöriger begriffe durch dazwi- 
schentreten des verbum finitum wird gleichzeitig jeder der beiden mehr 
hervorgehoben, besonders wenn sie in gegensatz gebracht sind. Vgl. 
oben 1. 20. 4, IL 47. 1, 111. 46. 27, IV. 43. 2, V. 25. 6. 



15. 


4. 


46. 


27, 


101. 


1. 


60. 


13. 


62. 


7. 


43. 


2. 


44. 


1. 


9. 


2. 


25. 


6. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIUS 187 

In anderen fällen hat es der Übersetzer wider vorgezogen , die 
verbundenen begrift'e sämtlich dem regierenden verbum vorangehen oder 
nachfolgen zu lassen : 

I. 20. 3. II. 13. 1 (58*) Tic aber in demonstratiuo genere causae. 
tmde in dcliheratiuo uuerdent. 
KI, 87. 6. Tic aber eteuuaz filo tuomlichcs Jcctäten in bcllo. aide 

ouh in ludis unde in spectacuUs — 
IV. 21. 2. — diti an des huoten löne. unde an des ubelen uulse 

geshehen sulen. 
V. 3. 4. — das man cMt stuzselingün. unde ardingün. unde 
äne rihti u. o. 
Weiters muss auf eine algemeine, auch den hauptsätzen nicht 
fremde erscheiuung hingewiesen werden, dass man längere Sätze, um 
monotonie zu verhüten , öfters abzuteilen liebt. Bei den nebensätzen, 
speciell bei den relativsätzen hat dies die Wirkung, dass das verbum 
eine mittelstellung erhält, der eine teil der bestimmimgen vorangeht, 
der andere uaclifolgt. Auf diese weise können besonders objecte und 
adverbiale bestimmungen angemessen verteilt werden. Z. b. : 

I. 12. 10. — mit iro ruota — mit tero sie iro iungeron an dero 
selbün ascün pildoton die uerte dero sternon — 

III. 118. 9. — die post dihiuium turrem zimberoton uuidcr gote. 

IV. 13. 5. Ist ioman cJiad si. der mennisJcen imäne mugen alliu 

ding tuon. 
V. 24. 5. An demo nomine Jiomo. uuirt sament fernomen. daz 

einsm. unde sunderigo geseuuen uuirdet an piatone. 

Cicerone, socrate. u. ä. 
Ausser solchen rhetorisch - stilistischen gründen kann als zweites 
wichtiges moment für die Wortstellung das rhythmische, euphonische 
beobachtet werden, d. h. das mehr oder minder bewuste streben, fluss 
und Wohlklang in die Übersetzung zu bringen. Besonders das satzende 
kam dabei in betracht und so erklärt es sich auch aus diesem gesichts- 
punkte, dass wir so häufig die herschende Wortstellung (verbum am 
Schlüsse) verlassen finden , um einen woltönenden abschluss des relativ- 
satzes zu erzielen. 

Gegen dies wollautgesetz verstöst es am meisten , wenn dem 
verbum kleine , tonschwache Wörter folgen , wie : prouomina und adver- 
bia, und eben deshalb finden wir erstere beinahe gar nicht, leztere 
nur selten und bei grösserer tonstärke am Schlüsse des relativsatzes 
stehen.^ Auch alle übrigen sazteile, die überhaupt hinter das verbum 

1) Auch Tomanetz s. 95. 97 u. ö. liat für die Übersetzer des 8. und 9. Jahr- 
hunderts und für Otfried (1. buch) die abueigung der deutschen spräche, pronomina 



188 LÖHNER 

treten dürfen , erscheinen um so häufiger auf diesem platze , je mehr 
sie sich durch anzahl der werte und lautfülle auszeichnen. 

So sahen wir, dass praepositionalcasus gegen dies wollautgesetz 
nicht Verstössen, ja ihre häufigkeit an dieser stelle hat gerade darin 
ihren grund, dass sie als grössere lautcomplexe dem satze stütze und 
markigen abschluss geben. Zumeist also auf euphonische gründe wer- 
den wir es zurückzuführen haben, wenn z. b. eine Verbindung von 
artikel, attributivem adjectiv und nominalem object, oder Infinitive mit 
ze, adverbiale bestiramungen aller art u. dgl. so oft hinter dem ver- 
bum am Schlüsse des satzes begegnen. Z. b.: 

I. 28. 1. Ter — filo säta in unuuüligen aclier. 

24. 2. Tu io ze stete sizzenter. den seihen himel uuerhest. mit 
snellero uuando. 
IL 7. 34. — diu sopliocles screih apud grecos. de euersionihus 
rcgnorum et urhium ^ 
„ „ — tien comoediis. an dien uuir io gehören laetum unde 

iocundum exitum. 
18. 1. Ter uuas filo Jiarto geeret. temo daz lob uuart peuolen 
zetuonne — 

21. 19. — aide uuirdig sint zeuuerdenne. 

24. 2. Sumelicher ist chunt man föne geedele. temo iz aber 
leid ist. turJi sin arm getragede. 
UI. 15. 4. Epicurus ter einer uuas tero philosopliorum. 

41. 1 (111") — ih meino sin tentorium. tär er inne saz ad 
iudicandum et contionandum. taz chit zerihfenne. unde 
zesprächonne. 
124. 1 (161*) — unde alle sine sectatores. tie dero liuto tuon 
sähen rämen ad heatitudinem. 
IV. 8. 15. — after dien dlnen redön. dero ili iihtig pin uuorten. 
9. 7. Unde des einen sie sih pmont. tages ioh nahtes. 

22. 8. — ter tougeno färct ieht zeguinnene. mit undriuuon. 
28. 13. Ter aber inblandeno uuelle gelouben disemo üzläze. 

V. 11. 1. Noh ih nelohon nieht tia reda. mit tero sih sumeliche 
uuänent haben geantuuurtet tirro unsemfti. 

und adverbia hinter das verbum treten zu lassen , nachgewiesen und henüzt diesen 
umstand sogar zu seiner theorie über die entstehungsweise der nebensätze, indem 
er nämlich wahrscheinlich macht, dass diese pronomina und adverbia almählich 
alle anderen sazteile in ihre analogie gezogen hätten. S. s. 93. 98. 100. 

1) Die einmischung lateinischer worte hat an sich keinen einfluss auf die 
deutsche Wortstellung. 



W0ET3TELLUNG IM BOETHTÜS 189 

V, 15. 9. Unde daz allero dingo miigösta ist in gedang zene- 
menne. u. ä. in. 

Auch die schon mehrfach citierten relativsätze mit der partikel 
dir zeigen die beobachtung euphonischen satzschlusses. 

Wie schon aus manchem der eben gebrachten beispiele zu erse- 
hen war, liisst sich nicht immer mit Sicherheit entscheiden, welche 
Überlegung und absiclit bei der wähl der Wortstellung massgebend war. 
Gerade rhetorisch -stilistische und euphonisch - rhythmisclie rücksichten 
berühren sich nahe und unterstützen sich gegenseitig. Doch werden 
wir rhetorische gründe zumeist anzuerkennen haben bei der nachsetzung 
des subjectes, nackter objecte, in den seltenen fällen wo adverbia hin- 
ter das verbum treten, kurz überall, wo durch das verlassen der 
gewöhnlichen Stellung der tonfall und wolklaug gestört wurde, dage- 
gen in den anderen, schon näher präcisierten fällen entweder innige 
Vereinigung beider grundsätze oder Wirkung euphonischer gründe allein. 

Zu beachten ist, dass oft schon die interpunction der handschrift 
durch zusammenfassen und abteilen des zusammengehörigen oder zu 
trennenden auf stimfall und oratorische pausen hindeutet.^ 

Wenige beispiele genügen, diese bemerkungen zu beleuchten. 
I. 4. 8. Tis sint tie den uuocJier unde den ezisg tero rationis 

ertemfent. mit tien dornen %millönnes. 
IL 21. 9. — taz tu tiuresta hahetöst. in allenio scazse. 
III 79. 8. — der natürlicho ieJit ungelih ist. summo bono. 
(Man vergleiche hiemit etwa eine Stellung wie: der n. i. s. h. u. ist.) 

Den bisherigen abweichungeu von der regelmässigen Wortstellung 
lag die bestirnte absieht zugrunde, einen bestimten rhetorischen effect 
zu erzielen. (Einiges hieher gehörige wird noch ergänzt und mehr 
hervorgehoben werden, wenn wir die ,wortstellung im weiteren sinne, 
die relation der sazteile ins äuge fassen werden. S. s. 201 , 203 fg.) 

Ausser dieser bewusten anordnung der sazglieder muss aber auch 
auf die wichtige , die gesamte Wortstellung beeinflussende tatsache hin- 
gewiesen werden, dass der altdeutsche satzbau lange nicht jene geschlos- 
senheit und Starrheit verrät, wie sie namentlich dem gebildeten schrift- 
lichen ausdruck der jeztzeit gemäss ist. Der sprechende überblickte 
nicht sogleich den ganzen umfang des in einen satz zusammengedräng- 
ten gedankens. Er suchte bald durch nennung des praedicatsverbs den 
wesentlichsten teil seiner aussage zu fixieren, für denken und stimme 
gleichsam einen ruhepunkt zu gewinnen , worauf er die noch fehlenden 
bestimmungen , soweit er sie nicht vor setzung des verbums schon 

1) Soweit unsere ausgaben zuverlässig sind. Vgl. II. 48. 12. 



190 LÖHNER 

vorgebracht hatte, ziemlich abgerissen in der reihenfolge vorbrachte, 
wie sie, den reproductionsgesetzen gemäss in sein gedächtnis traten, 
und logisch und grammatisch einander nach sich zogen. Dadurch ent- 
stand vielfach, namentlich in den erklärenden teilen, ein stückweises 
vortragen , ein nachträgliches ansetzen von gleichsam übersehenem und 
vergossenem , wie wir es nocli heute bei ungeschultem denken , in nach- 
lässiger oder altertümelnder rede finden können. 
Hieher können fälle gerechnet werden, wie: 
U. 7. 10. Alles tes mih haftet, in gfiuhte. ioh in scöni — 
wenngleich auch häufig eine andere auffassung , die Unterordnung unter 
einen anderen gesichtspunkt möglich ist. 

Namentlich sind hieher zu beziehen die zahlreichen, durch scili- 
cet oder id est nachträglich angefügten, erläuternden zusätze. Z. b. : 

III. 122. 1. — den uuir flehoton fore. s. mit tien fersen. 
oder beigefügte appositionen : 

IV. 55. 9. föne demo acconita eruuuohs. chruoto uuirsesta. 
Schliesslich darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass die Stellung 

einer bestimmung hinter das verbum finitum dadurch begünstigt wird, 
dass ein folgender satz (z. b. ein relativsatz) sie aufnimt und au sie 
anschliesst. Z. b. : 

IV. 3. 7. — ih meino das firmamentum. daz kemeine ring ist. 

allero dero anderro sternon. die in heiter o naht ski- 

nent. 
Es ist somit möglich , die fälle, wo das verbum finitum nicht den 
schluss des relativsatzes bildet, auf bestimte veranlassungen zurückzu- 
führen, die meistens deutlich erkenbar sind, oft aber auch, aus einer 
combinierten Ursache entspringend, verschiedener beurteilung räum 
geben. Immer jedoch lässt sich die Wortstellung aus der deutschen 
Übersetzung selbst erklären, wir brauchen das lateinische Vorbild nicht 
zu hilfe zu nehmen. 

Wenn gleichwol die lateinische Wortstellung in diesem punkte oft 
genug mit der deutscheu übereinstimt , so ist daraus kein mangel an 
originaltität für den deutscheu ausdruck herzuleiten, wie ein vergleich 
beider texte lehren wird. 

Verhältnis der deutschen Übersetzung zum lateinischen texte. 

Was zunächst die vorläge selbst betrift, so bietet bekantlich nur 
Hattemer den richtigen, für die Übersetzung massgebenden lateinischen 
text des Boethius, wozu noch die resultate der Steinmey ersehen und 
Piperschen coUation zu nehmen sind. Auch Peiper in seiner ausgäbe 



WORTSTELIiüNG IM BOETHTUa 191 

der consolationes — Leipzig 1871. X fg. — macht auf manche Ver- 
besserung des hiteinischen textes aufmerksam. Zahlreiche richtigstel- 
lungen, sowol im lateinischen wie im deutschen texte, bleiben aber 
noch immer dem leser selbst überlassen. Über das Verhältnis der 
beniizten lateinischen handschrift zu den anderen redactionen handelt 
kurz Peiper a. a. o. X fg. , wo er sich auch gegen Hattemer wendet : 
„ — — parum rede dictum est quod legitur s. 10 (III. band der denk- 
mahle , einleitung) „bekantlich haben sich die Benedictiner diese schrift 
des Boethius auf eigene weise zugeschnitten" cum praeter NotJcernm 
quemquam talc quid conmisisse prorsus sit inauditum neque quidquam 
monachus S. Galli omiserit iiel addiderit uel innmtauerit, sed tantum, 
quo melius disciptdi Boeti uerba intellegerent , emmciatorum partes ex 
yrammaticae legibus ordinauerit. — " Ein einwurf , der insoweit berech- 
tigt ist, als in der tat der Originaltext volständig, nur in anderer fas- 
sung, in volständiger prosaauflösung mit gewöhnlicher Wortfolge wider 
erscheint und die den sinn oft modificierenden, eingefügten lateini- 
schen Worte als zusätze kentlich gemacht sind. Vgl. 1. 24. 24. Et 
firma stabiles terras. i. homines. foedere. quo regis inmensum caelum. 
i. angelos. uel sidera. Aber zusätze bleiben sie immerhin und Hatte- 
mer hätte besser gesagt: Die Benedictiner haben sich diese schrift des 
Boethius auf eigene weise zurechtgelegt, auf eigene weise gedeutet, 
worauf ich noch zurückkommen werde. Ob diese prosaauflösung erst 
gelegentlich der Übersetzung oder schon früher zu schulzwecken vor- 
genommen wurde, ist unhekant. Doch glaube ich aus I. 29. 11 ent- 
nehmen zu dürfen, dass der Übersetzer dieses buches auch wirklich 
derjenige war, der die prosaauflösung der vorläge vornahm, oder dass 
er wenigstens neben seiner unmittelbaren prosaischen vorläge auch das 
wahre original kante und einsah. Dort heisst es nämlich: Tas uuas 
to er cliad, omnia certo fme gubernans. solos Jiominum respuis actus, 
merifo rector cohibere modo. — regelrechte anapaestische verse, die 
nach dem originale citiert sind. Hätte der Übersetzer nur die verän- 
derte fassung vor äugen gehabt, so müste die stelle lauten, wie wir 
sie das erste mal (Hatt. I. 24. 12) lesen: Omnia rector gubernans certo 
fine. respuis solos actus hominum. cohibere merifo modo. Einer sol- 
chen vorläge gegenüber wahrte sich der Übersetzer sowol dem Inhalte 
als namentlich der form nach, seine volle freiheit und Selbständigkeit. 

Was den inhalt der deutschen Übersetzung, verglichen mit dem 
des lateinischen textes betrift, so bemühte sich der Übersetzer mit 
geschick und grossem Sprachverständnis den richtig erfassten lateini- 
schen gedankeninhalt durch einen entsprechenden deutschen satz mög- 
lichst zu decken, um an der hand der deutschen Übersetzung das ver- 



192 LÖHWEft 

stäiidnis des originales entweder zu fördern oder überhaupt zu ermög- 
lichen. Das buch solte aber auch ein schul- und lehrbuch sein, und 
diesem zwecke dienten alle freiheiten, die sich der Übersetzer erlaubte. 
Er gestaltete die einfache Übersetzung in einen commentar um, den er 
nach damaligem brauche auf das innigste mit der Übersetzung verquickte. 
Nur wo der Inhalt klar verständlich war, liess sich der Übersetzer 
damit begnügen, deu deutseben ausdruck unerweitert neben den latei- 
nischen zu stellen. Wo er aber eine dunkelheit, Zweideutigkeit oder 
sonst einen anhaltspunkt bot, dort erweiterte er in mehr oder minder 
geschickter und zutreffender weise, bierin oft alles mass überschreitend. 
Ein wesentlicher unterschied zwischen den einzelnen büchern besteht 
hiebei nicht. Nur nehmen die erweiterungen und einschaltungen bis 
zum dritten buche zu, um dann Avider abzunehmen. Im ersten und 
fünften buche treten sie am meisten zurück, da diese beiden bücher 
schon an sich am kürzesten sind, und der Schwerpunkt der philoso- 
phischen Untersuchung eben in die mitte des Werkes fält. Im dritten 
buche erreichen sie ihren höhepuukt. Hier sind auch die zahlreichen, 
selbständigen excurse über verschiedene materien eingefügt. Sein haupt- 
augenmerk richtet der Übersetzer auf volkommene deutlichkeit. Zu 
diesem zwecke schaltet er nach bedürfnis einzelne worte wie ganze 
Sätze und abschnitte ein, entweder ohne ausdrückliche angäbe oder mit 
beifügung eines daz clüt , ich meino u. ä. , die das vorausgegangene zu 
erklären oder zu begründen haben. Besonders häufig zwingt der knappe 
lateinische ausdruck, der manches mittelglied in der gedankenkette 
erraten lässt, dies fehlende glied ausdrücklich zu nennen, die logische 
Verbindung herzustellen, eine folgerung, eine begründung ausdrücklich 
als solche hinzustellen u. dgl. m. Die Übersicht wird auf alle mög- 
liche weise befördert: durch abteilen der Sätze, durch treunungszeichen, 
durch Scheidung der einzelnen glieder in einer periode (hierzu dienen 
worte wie: suspensio uocis, depositio , daz ist daz ein, daz ist daz 
ander usw.) durch nennung des sprechenden. Oder es wird, um den 
gedankengang nicht zu verlieren, recapituliert , was untersucht und 
gelehrt wurde, und auf den folgenden gang der Untersuchung hinge- 
wiesen. (Vgl. die schlusscapitel des dritten und vierten buches.) Mit 
daz uuas. to si chad, föne diu chid si hara näh u. ä. werden solche 
Verweisungen eingeführt. Zahlreiche beispiele , aus allen Wissenszweigen 
entnommen , suchen gleichfals das sachliche Verständnis zu fördern. 
Hier ist ihm jede erkläruugsbedürftige stelle ein wilkommeuer anlass, 
ein vielseitiges wissen zu entfalten. Der Übersetzer zeigt sich erstaun- 
lich belesen. Abgesehen von citaten aus der bibel , zeigt er sich bewan- 
dert in der alten mytbologie, geschichte (besonders der anekdoten aus 



WORTSTELLUNG Etf BOETHIUS 193 

den historikem) , er kent und citiert die verschiedenen pbilosoplieu und 
dichter (besonders Virgilius), sogar die griechischen tragiker, weiss 
bescheid in der geographie und in allen naturwissenschaften (vorzüg- 
lich in der astronomie und der fabelhaften naturgeschichte). Er weiss 
altertümer zu erklären, spricht von inusik, tanz, metrik, geometrie 
und vielem anderen. Ganz besonders beherscht er die regeln der logik 
und rhetorik, die er nicht müde wird, an der philosophischen Unter- 
redung nachzuweisen ^ und in eigenen excursen einzuschärfen. Der 
geistliche stand des Übersetzers und commentators verläugnet sich, 
abgesehen von der bibelkentnis und grossen gelehrsamkeit , auch sonst 
nicht. Überall ist er bestrebt, christlich - klösterliche anschauungsweise 
in den text hineinzutragen, durch allegorische und symbolische aus- 
leguugen, durch herbeiziehung der christlichen moral und dogmatik, 
das halbheidnische werk zu einem denkmale christlicher philosophie zu 
machen. 2 Speciell der St. Gallische Verfasser verrät sich durch die 
nennung des klosters und abtes (IL 45. 3 [86°]). 

Das hervortreten des Übersetzers mit eigenen anschauuugen , erklä- 
rnngen und Zusätzen aller art wirkt oft recht störend, da nicht nur 
der Zusammenhang unterbrochen und die darstellung unschön verbrei- 
tert wird, sondern auch der sinn in folge der hervorgehobenen, kirch- 
lichen auffassung leidet. Namentlich stört die oft am unrechten orte 
sich vordrängende mönchsgelehrsamkeit, besonders in der handhabung 
der in der mittelalterlichen philosophie gebräuchlichen logischen ter- 
mini den reinen, aesthetischen genuss. 

Noch unabhängiger zeigt sich der Übersetzer, wenn wir bloss die 
sprachliche seite beim vergleich ins äuge fassen. Schon der umstand, 
dass die Übersetzung inhaltlich das original volständig widergebeu 
muste , bedingte die richtigkeit des sprachlichen ausdruckes im algemei- 
nen, wie im einzelnen. Und in der tat sind die abweichungen so gross, 
dass wir ohne Übertreibung behaupten können, es gebe fast keinen 
deutschen satz, der in sprachlicher hinsieht dem entsprechenden latei- 
nischen volkommen adäquat wäre. Z. b. : 

I. 1. 8. Fimduntur uertice intempestiui cani. Föne dien dingen 

gräuuen ih se unzite. 
II. 2. 3. Solehas enim praesentcm quoque. hlandientemque. inces- 
sere mrüibus uerUs. Tu uuäre iro ouli tö sitig zcuuä- 

1) Geschielit im ersten buche noch sehr selten. Allerdings auch weniger Ver- 
anlassung. 

2) Wobei er auch den lateinischen text durch parenthetische zusätze nicht 
schont. Vgl. oben s. 191. I. 5. 2, 13. 4 u. ä. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 13 



194 LÖHNEK 

zenne. mit konielichen miorten. unz si dir gediene 
uuas. imde dir zartbta. 

III. 13. 1. Bed summum honum 'beatitudinem esse diffiniuimus. Uuir 

eigen aber gesaget, tas säligheit st das pezesta. 

IV. 11. 5. Sed ita se res Jiabet. Iz ist aber doli so. 

V. 23. 1. Nam ut liqueat Jioc breui exenqylo. Nu lose liara. daz 
ih tir is pilde gegehe spuotigo. 
Wenn mau nun bedenkt, dass der Übersetzer mit ganzen Sätzen 
frei schaltet: ihre Verbindung ändert , einen hauptsatz zum abhäugigen, 
einen untergeordneten zum übergeordneten satze macht, einzelne worte 
zu ganzen Sätzen erweitert u. a. m. , wie viel mehr erst, wo es sich 
um die befolgung der sprachregeln im kleinen, also vor allem um die 
regeln der Wortstellung handelt, durch deren Vernachlässigung das 
Sprachgefühl am empfindlichsten getroffen worden wäre. Beispiele bie- 
ten sich in fülle dar. Ich weise nur auf das verhalten der pronomina 
in den relativsätzen (überhaupt nebensätzeu) hin. Z. b. : 

I. 29. 8. Nee umquam fuerit dies, qui dej)ellat me ab hac sen- 
tentiae ueritate. Noh ter tag neuuirt niomer. ter mich 
aha dero zalo geneme. 
Ebenso bei allen übrigen Wortklassen: 
I. 4. 7. Quae non modo nullis remediis fouerent. dolores eins. 

Tic imo sin ser nieht ein neheillenf. 
II. 4. 10. Quae sese adhuc uelat aliis. Tiuli sih noh fore anderen 
pirget. 

III. 71. 17. Inuocandum inquam censeo patrem omnium rermn. quo 

praetermisso. nullum rite fundatur exordium. Ih ahton 
den chad ih ana zeharenne. äna den man niehtes 
pedien nemag uuola. 

IV. 34. 1. Nam ne illud quidem adquiescent. quod aeque nititur 

ualidis firmamentis. rationum. infeliciores esse qui 

facianf iniuriam. quam qui patiantur. Noh tes neie- 

hent sie. daz föne festero redo samo guis ist. ten 

uuenegören sin. der andermo unreht tuot. tanne den. 

der iz lldet. 

V. 7. 4. Quod uero quis optandum esse iudicat. petit. refugit 

uero. quod estimat esse fugiendum. Daz er guot uuä- 

net sin. daz uuile er. daz er übel uiiänet sin. daz 

sldhet er. 

In der mehrzahl der fälle ist aber der deutsche ausdruck so sehr 

vom lateinischen entfernt, dass ein vergleich im einzelnen durchaus 

nicht angeht. Überblicken wir das gesagte , so dürfen wir unbedenklich 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 195 

aniieliinen, dass wir in diesem werke den reinen, unverfälschten aus- 
druck deutschen sprachbewusstseins vor uns haben , und deutsclie spracli- 
gesetze daraus ableiten dürfen. Dabei soll nicht geleugnet Averden, 
dass die lateinische vorläge zuweilen dennoch die deutsche Wortfolge 
beeintlusste, doch behaupte ich: nur in soweit, als hier die lateinische 
ausdrucksweise mit der deutschen sich berührte, so dass hierin keine 
besondere abhängigkeit von der vorläge zu suchen ist, indem der deut- 
sche ausdruck nichts bietet, das nicht auch unabhängig vom latei- 
nischen originale gesagt werden könte. Der beste beweis hiefür sind 
die zahlreichen, selbständigen zusätze und ausführungen , die gewiss 
den deutschen Originalausdruck bieten , und nach seite der Wortstellung 
den übersezten partien nicht widersprechen. Oft genug muss genauer 
anschluss ans lateinische anerkant werden; und hat sich der Übersetzer 
daran gehalten, wo ihn nicht andere rücksichten bestirnten, besonders 
wenn es ohne gefahr für den deutschen ausdruck geschehen konte. 
Dazu komt, dass ja beide sprachen vielfach mit den gleichen sprach- 
lichen mittein wirken, z. b, auch das lateinische eine Wortstellung im 
Interesse der deutlichkeit, hervorhebung , des wolklanges hat. Eine 
andere quelle häufiger Übereinstimmung dürfte in der vorgenommenen 
prosaauflösung liegen. Wenigstens kann uns dieser umstand gegen die 
reinheit lateinischer Wortstellung etwas mistrauisch machen, die durch 
die Umwandlung der deutschen unvermerkt genähert werden konte. 
Doch Avahrt der Übersetzer in selbstgebildeten lateinischen Sätzen mög- 
liehst die lateinisch zulässige Stellung und sagt daher richtig: 

I. 5. 6 qui producit u. ä. 
Man beachte beispielsweise, wie weit I. 30. 3 der anschluss beobachtet 
wurde : 

Habemus maximum fomitem tuae salutis. ueram scntcntiam de 
mundi giibernatione. qiiod non credis eam subditam tcmeritati 
casuum. i. femerariis casibus. sed diuinae rationi. = Ih liabo 
gnuog miclielen funchen dinero geniste, an dero dmero uuärim 
redo. föne dero uuerlt riJifnissedo. das tu sia neuuänest undertäna 
unordenhaften. geshihten. mibe gotes uiiislieite. 

Wenn auch im deutschen zahlreiche absolute participialconstruc- 
tionen und accusative cum infinitivo mit und ohne lateinische entspre- 
chung sich finden , so werden wir im zusammenhange mit den sonstigen 
beobachtungen wol auch hier Währung deutscher Sprachrichtigkeit aner- 
kennen, und annehmen müssen, dass diese constructioneu der deut- 
schen spräche einst ganz geläufig waren. ^ Diese mannigfachen einflüsse 

1) I. 8. 7, 18. 5 , 8. 14 , 13. 2 u. o. Es ist fast algemein sitte , die Verwen- 
dung beider constructionen, namentlich der dem abl. abs. entsprechenden, als 

13* 



196 LÖHNER 

nach Inhalt und form bewirken, dass die deutsche überset7Aing in den 
verschiedenen partien selir nngleichwertig ist. Wo sie sich an das 
lateinische original inhaltlich anschloss, dort wetteifert sie gleichsam, 
strebt der vorläge durch wähl und Stellung der worte in kraft und 
wollaut ebenbürtig 7ai werden. Namentlich erforderten die ehmals metri- 
schen teile der consolationes durch ihre bilderreiche, kühnere spräche 
grössere freiheit in der widergabe. Wo dagegen dieser halt fehlte, 
wo dem lehrhaften zwecke alles untergeordnet wird, dort wird die dar- 
stelhmg breit, trocken, formlos, zumal wenn wir die beliebte einmi- 
schung des latein in anschlag bringen. Vgl. etwa I. 24 mit IT. 10, 11, 
12, 1.3, 14, 15, 18, 39, 40, 42, 49, 51 usw. oder eine probe des 
mischlateins : V. 24. 8 Tannun sagcta arisfotiles in categorUs. iaz pri- 
uatio nemuge feruuandelot uuerden in Jiahitum. so. das edentulus. fur- 
der dentes huuinne. aide näh caluitio. capillata frons uuerde. 



Von der relatioii der sazteile. 

Wir lernten in den abschnitten I — IV den typus des relativsatzes 
überhaupt als den des nehensatzes, das streben des verbum finitum au 
das ende des satzes hin, die möglichkeit, gewisse Wortklassen hinter 
das verbum treten zu lassen und die bedingungen hiefür kennen. Es 
erübrigt noch, von dem Verhältnis der einzelnen sazteile zu einander, 
von ihrer relation, oder, wie ich es nennen möchte, von der Wortstel- 
lung im weiteren sinne (wortfolge, Wortfügung) zu sprechen. Wir ver- 
lassen damit allerdings das bloss den nebensätzen eigentümliche, da 
viele der im folgenden behandelten tatsachen auch den gewöhnlichen, 
unabhängigen aussagesätzen eigen sind, die sich ja beinahe nur durch 
die Stellung des verbs von den abhängigen Sätzen unterscheiden. Wenn 
ich z. b. einen aussagesatz bilde: „Das glück begünstigt den tapferen" 
und ihn abhängig mache, so rückt bloss das verbum an das ende des 
Satzes , alles andere behält seinen alten platz. Oder : „Der feind ist 
aufs haupt geschlagen worden" lautet abhängig: „ — der feind aufs 
haupt geschlagen worden ist." 

Wir beschränken uns auf die wesentlichen Wortklassen: prono- 
men , adverb , nomen , verb , die wir in iliren haupttypen betrachten 

undeutscli zu verwerfen. Auch Erdmann 300. 344, II. 279 fg. Man vergleiche aber 
die widergabe des lateinischen in folgenden fällen: I. 20. 2 dir ana sehentero = 
siib tuis ocuUs, V. 18. 5 (230a) gote anusehentemo (frei), I. 18. 5 gote zu sehen- 
temo = inspectante deo. Dagegen: I. 7. 7 nondum uenientibus a/^tris = er {an 
himele) Sternen sMnen. Vgl. IV. 2. 4. Vgl. auch andere hinweise auf selbständige 
dative absoluti : Heinzel, WS. B. 82. 540, Erdm. a. a. o. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIUS 197 

wollen, wobei enge zusammengehöriges, wie: artikel oder attributives 
adjectiv und dessen nomen , negation nc und verbum u. ä. als ein 
sazteil getasst wird. 

Wenn bisher hauptsächlich das ende des relativsatzes zur spräche 
kam, so wird uns nun jener teil insbesondere beschäftigen, der vom 
eingange dos satzes bis zum verbum finitum reicht. Auch hier können 
wir beobachten, dass eine regelmässige grammatische Wortfolge durch 
zahlreiclie einwirkungen häufig durchbrochen wird. Dieselben gründe, 
die wir als rhetorisclie und euphonische bereits wirksam sahen, begeg- 
nen auch hier, sie belierschen überhaupt die gesamte Wortstellung. 
Die am häufigsten beobachtete Wortfolge in relativsätzen ist: relativum, 
subject (ausser das relativum ist selbst zugleich subject) , object , ver- 
bum finitum (praedicatsverb), oder wenn das verbum ein auxiliar ist: 
relativum, subject, praedicat, verbum finitum. Z. b. : 

I. 19. 16. Uuibe michele minna. cUa ih tcmo senatui sJceinda. Ob 
stmlkmi propensius in senatum. 

25. 10. — dannän da hurtig pist. 
II. 1.1. — so iiho ih ouh tir des. das tu eiscöst. 

10. 1 (55") — fer dia dulcedinem hcchenne. 

III. 41 (HO**) — dia meistim sül. ih meino. diu den first treget. 
112. 13. — dar unihe der mennisco gesJcaffen uuart. 

IV. 5. 1. Zuei ding sint. föne dien alliu uuerh Jcefrumet uuerdent. 
1. 1 (167") — diu bona ist. 

V. 7. 1. Tenio uuisse unde sin geladen sint. temo ist ouh kclä- 
sen chiesunga. 

Relativum, object, praedicat, verbum: 
V. 24. 8 (235*) — die täte, die gote guis sint. 

Doch die mehrzahl der relativsätze erscheint nicht in dieser ein- 
fachen gestalt, sondern mannigfaltig erweitert. 

1. Pronomen. 

Die angegebene Wortfolge wird zunächst durch die pronomiua 
gestört. 

Diese zeigen nämlich das bestreben, nicht nur vor das verbum 
finitum, sondern sogar möglichst an den beginn des satzes, ans rela- 
tivum heranzutreten. Vgl. Tora. s. 93. Z. b. : 
I. 1. 2. Tie niili er lerton — 

4. 7. Tie imo sin ser nieht ein neheillent — 
13. 2. — aide die sih pjegondin heften — 
29. 8. — ter »lih aha dero salo geneme. 





13. 


6. 


IL 


7. 


19 


IIl. 


29. 


4. 


IV. 


2. 


2. 


V. 


35. 


6. 


III. 


88. 


1. 



198 LÖHNER 

II. 4. 10. Tiu sih noh fore anderen pirget. 

15 (59") — taz imo — niomcr furder inslingen nemag. 
23. 2. — tas tir in lös Iceuallen ist. 

III. 18. 2. — die dero deliein guinncn. 

30. 13. — der sie gnulitige tuon soUa — 

IV. 1. 3. — tas mir er höre unchunt neuuas. 
19. 14. Ter sih aber se guote heftet. 

V. 16. 13. da0 imo unchunt ist. 

22. 14. ter siu aber in futuro tuon sol. 

Ist das relativum nicht gleichzeitig (wie in den angeführten bei- 
spielen) subject, so wird die Verbindung: relativum, pronominales sub- 
ject durch ein anderes prononieu wol nie , die eines nominalen subjectes 
fast immer durchbrochen. 

I. 10. 9. — mit tero man in binde. 

— tas tu mih Jcesuäso Itrtost. 

— da0 tu dih chist ferloren haben. 

— tes tu dir neuuoltist mengen, 
das ih tir fore festenöta. 
demo sl sih toh follegliclio geehenön nemag. 

— daz unsih ratio leret hara suolegen. 
V. 24. 8 (235*') — tara sie diu ratio leita. 

III. 124 (161^) — diti sih humanus error beitct sJceiden. 
60. 13 (121'') das uns ratio syllogismorum ouget. 

IL 30. 12. — tes tih tiu natura habet heüsöt. 

IV. 19. 3. — dar umbe man siu tuot. 

9. 2. — dara sie diu natürlicha rämunga leitet. 
Auch mit praepositionen verbunden treten die pronomiua, aber 
nicht mit solcher regelmässigkeit , in den Vordergrund des relativ- 
satzes. Z. b. : 

III. 17. 3. — unde föne iro selbero gnuoge habet. 
49. 1. — ter sc imo selbcmo lös ist. 

V. 16. 6. — unde diu ih föne dir gelirnen uuile. 

Dagegen : 
III. 41 (110") unde sie dar umbe fore in uberteilet uuurten. 
oder V. 42. 4. — tiu is fasto su iro bindet. 

Folgen zwei pronominale objecte auf einander, so entscheidet 
über die Stellung: 

1) Die beziehuug zum praedicate. Grammatisch näher stehende 
objecte sind demselben näher gerückt. Wir haben es hier meist mit 
genetiven zu tun.^ 

1) Vgl. s. 202. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 199 

I. 17. 3. — die mih is sthent. 
IV. 33. 6. — der dir is tanchoe. 
Prolog, s. 13 1 V. u. — tie inio des nemiären geuolgig. 

Daher können auch reflexiv -prononiiiia, wenn sie nicht der alge- 
meinen prouominalregel folgen, — wiewol seltener — nahe vor dem 
verbum stehen. Z. b. : 

I. 28. 7. Tas io missefadondo sih rihti gelouhet. 
vgl. II. 41. 39, l'iu sih nielit io ze giioten neinnöt. noli tie guote 
nemachöt. se dien si sih imiot. 

2) Schwächer betonte pronominale objecte stehen vor stärker 
betonten, 

IV. 19. 12, —den maJitl in erzucchen. der in in gäbe — 
(beachte den accent). (Accusativ vor dativ). 

3) Kürzere formen vor längeren. Daher die praepositionalloseu 
prou. ohjecte vor den mit praepositionen versehenen, 

III. 10, 1. So sint O'iih tie. die diz unibe enez. unde cdter andere, 
die enez uinhe diz minnönt. 
41. (110*'). — daz imo fort demo erteilet lumrte. 
Über die Stellung der pronomina zu adverbialen, nominalen und 
verbalen bestimmungen s. diese, 

Possessiva sind mit dem zugehörigen nomen zu einem uiitren- 
baren ausdruck verbunden. 

Desgleichen sind die besonders häufig an pronomina antretenden 
Wörter: all, ein (= allein), seihst, beide u. ä. aus dieser Verbindung 
nicht zu lösen. 

Pronorainaladjective und indefinite pronomina (ausser dem unper- 
sönlichen man, das in gleicher pronom. Verwendung erscheint, wie die 
bestimten, s. die beispiele s. 198) s, unter nomen, 

2. Adverbium. 

Die Stellung der adverbien ist sehr variabel. Eigentlich nur ihre 
Stellung gegenüber dem verbum ist normiert, nämlich in der regel vor 
demselben. 

Zunächst müssen die partikeln von den eigentlichen adverbien 
gesondert werden. 

Erstere , die nur als leichtes differenzierungsmittel des satzes die- 
nen, treten mit verliebe hinter das relativum, vor alle übrigen bestim- 
mungen. Z, b,: 

I, 4. 6. — die ouh manne scadoton. 

10. 8. Ter aber so tuon neuuile. 



200 LÖHNER 

I. 14. 2. — unde ioh folletän hdbeta. 
19. 11, — der ioh sciddo eruaren uuas. 
31. 10. — tero ouJi uirgilius Jceuuänct. 

lu dieser ueigung berührt es sich mit dem proDomen, und mit 
diesem streitet es dann häufig um den vorrang, 

III. 1. 14. Tannän ouli tir troumet in dtnemo ?nuote. 

IV. 5. 8. Tenio ouh tes hespiwt — 
11. 9. Taz edier sia f erläset. 

Doch die tendenz, das prouomeu aus relativum auzuschliessen, 
ist oft so mächtig, dass die partikel erst den dritten platz erhält. So 
immer nach einem pronominalen subjecte: 

IL 24. 2. temo iz aber leid ist turh sin arm getragede. 

III. 117. 1. Taz ih ouh noh sagen uuile. 

Auch sonst hat das pronomen häufig den vorrang. 
IL 41. 4 (80^). — tiu in ioh chuningliches keuualtes inhindet. 

IV. 28. 5. Tas in doh mesöt tia uuenegheit. 

Die Partikel dir schliesst sich jederzeit ans relativum an. 
Treten partikel und adverb zusammen, so steht erstere voran. 
I. 1. 17. Ter doh io uiel 
1. 1. Ih tir er tcta — 
IIl 117. 1. (s. oben). 

Beim eigentlichen adverb und fürs zusammentreifen mehrerer ist 
massgebend : 

1) Die geltung im satze , d. h. grössere Zusammengehörigkeit wird 
auch durch die Stellung zum ausdruck gebracht. Z. b.: 

I. 12. 7. Tär du gerno inne säse se mmemo hüs. verglichen mit 
26. 3. Tär ih inne in deteta — 
lehrt, dass im ersteren falle inne mehr zum praedicatsverb , im lezte- 
reu mehr zum relativum zu ziehen ist. 

Composita, deren adver bieller bestandteil den hoch ton trägt , las- 
sen diesen vor den verbalen teil treten. 
I. 3. 1. — tär diu driu ana sint. 

3. 10. — tär liberales artes ana uuären. 
8. 15. — ter imo selbemo dia mmgän aba beiz. 
IL 40 (79*). — daz tir ana uahet. 

III. 46. 8. Tär diu mäht aba gät. 

IV. 43. 9. ter guot inne halte, unde ubcl üz trlbe. 

V. 3. 3 (215"). unde der änc rät tuot. taz imo mittundes üf 
uuirdet. 
Vielfach kann beobachtet werden, dass modale adverbia dicht 
vor dem verbum ihren platz erhalten, locale und temporale hingegen. 



10. 


5. 


19. 


1. 


25. 


8. 


24. 


5. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIUS 201 

die sich nicht so enge aus vcrbum anzuschliesseu pflegen, näher am 

relativum stehen. 

I. 10. 5. tiu hohiu tiirre diccho niderslät. 

die alle (jiiotc. andc allcz tas Jicrttiom gerno uerliesent. 

Ter sine hurglmte ijcrnor samoiot. Dagegen : 

ter tmdon in aucgäeuda naht üf küt. Vgl. II. 3. 4. 

IV. 40. 11. 

Praepositionen , adverbia, die zum folgenden woite gehören (wie 

so), doppeladverbia (wie imhc loh, nicht ein u. ä.), werden natürlich 

nicht aus ihrer Verbindung gerissen, und richten sich in ihrer Stellung 

nach dem zugehörigen hauptbegrifle. 

2) Der grad der hervorhebung. Stark accentuierte adverbia wer- 
den nilmlich in den anfang des satzes geschoben , Avelches mittel der 
hervorhebung bei dieser Wortklasse Aveit beliebter ist als die Stellung 
hinter das verbum flnitum zu gleichem zwecke. 

I. 7. 9. Unde den dag machot heiteren, der uore finsterer uuas. 
10. 5. — ter ofto die riehen insezset. 
24. 16. Tie offeno tugedig sint. tie hergenf sih. 
Daher auch stark betonte negationen. 
I. 9. 3. Tere here nio so michel neist — 
IV. 39. 2. — tero niomer antuuurtes negnuoget. 

Die den satz einfach verneinende negation nieht kann nach dem 
subjecte und vor dem verbum linitum stehen. Im beginne des satzes 
steht sie häutiger. 

Tero geimaht noh nieht alt neist — 

— tia du nieht keimehseldn neniugtst. 

— ande sie nieht substantiae nesint. 
dero ein chuning so uuelcr geuuaUigösto ist. nieht 

neimaltet. 
Vgl. nieht als nomen. 

3) Komt für die Stellung in betracht die grosse des adverbs: ob 
kürzer oder länger, ob aus einem oder mehreren Worten bestehend 
(adverbialer ausdruck). Wollautsgesetze bestimmen sodann die folge. 

Man betrachte von diesem gesichtspunkte aus folgende beispiele : 
I. 14. 10. — tes kuot tie houegtra. so uilo iz se iro uuäne unde 
ze iro giredo gestiiont. iu uerslunden hahetön. 

— das si noh neheinemo insunder negab. 
Taz föne chiesenne sär nechuniet. noh sih fasto nefolle 

habet. 

— tiu anderes uuis unrihtigo uueibotin. 

— ter sin aber noh in futiiro tuon sol. 



I. 


8. 


20, 


II. 


5. 


3. 


V. 


25. 


6. 


III. 


46. 


7. 



IL 


19. 


2. 


III. 


48. 


11. 


IV. 


42. 


7. 


V. 


22. 


14. 



202 LÖHNER 

3. Nomen. 
Ein nominales subject steht regelrecht an zweiter stelle. Doch 
haben wir gesehen, class pronomina und partikelu sich vorzuschieben 
pflegen. Soll das subject besonders hervorgehoben werden, so tritt es 
bekantlich hinter das verbum finitum; zuweilen auch als zweites und 
drittes subject, das nachträglich, bei symmetrischer anordnung an den 
durch das verbum bereits abgeschlossenen relativsatz angefügt wurde. 

IV. 39. 9. äne das iz mit uns tia significationem habet, tia axmd 

latinos habet liberalitas. 
48. 13. diu nü festenot Imisser ordo. 
V, 7. 5. dien geläsen ist pechenneda ubeles unde guotes. 
I. 31. 10. tero mö ad praesens trefent. suö ad futurum. 
V. 47. 2. dia unsih intellectus leret. nals ratio. 

Das nomiale praedicat und die praedicativen bestimmungen ste- 
hen in der regol unmittelbar vor dem verbum, von welchem platze sie 
auch durch ein adverbium nicht verdrängt werden. 

n. 40. (79*). diu den man perfectum unde sanctum getuot. 

V. 15. 4. das nü rehtesta ist. 

34. 24. Tas offeno eigen ist tes kotes sinnes. 

Auf die in abschnitt IV besprochene nachsetzung hinter das ver- 
bum verweise ich hier bloss. Über ihre voranstelluug s. unten. Sub- 
ject und praedicat können auch ihre platze tauschen , in dem falle näm- 
lich, wenn das relativum gleichzeitig praedicat ist, wie III. 86. 1 
Uuanda dero iouuederes ist. tas ouh tas ander ist. 

Das praedicat kann auch in dem falle dem subjecte vorausgehen, 
wenn es mit dem relativum zu einem ausdrucke verbunden ist. 
I. 14. 7. des ambaht is uuas. 

14. 8, tes chorn is uuas. 
IV. 48. 15. tas er ist. 

Für die nominalen objecte kommen die bereits bekanten ^ gesichts- 
punkte in betracht. 

1) Beziehung zum praedicate.^ Daher stehen besonders objective 
genetive nahe vor dem praedicatsverb resp. praedicatsnomen. 
I. 19. 11. der ioh sciüdo eruaren tmas. 

Die hinter dem verbum erscheinenden genetive sind teils objec- 
tiver, teils attributiver natur. Besonders leztere sind auf diese weise 
oft von ihrem nomen durch das verbum getrent und dadurch hervor- 
gehoben. 

IL 8. 1. diu ministra ist fortunae. 

1) S. s. 198 fg. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 203 

III. 15. 4. tcr einer uuas tero philosophorum. 

17. 1. die gerno undurftig miärm alles huotes. 
Belelireud ist I. 16. 4. — se demo cheiscrc. der dioteriche ze sinen 
friuuön daz lant peualh. unde die Hute, (ohne latein. vorbild.) 

Das dem praedicatsvcrb näher stehende directe object ist ihm 
auch näher gerückt, als das indirecte, das seinerseits widerum das 
praepositionalobject als ergänzung nach sich zog. 

II. 13. (57''). — die daz purgrelit in dinge sagetön. 

in dinge gehört mehr zum praedicatsbegriff als der accusativ, vgl. 
IV. 34. 1, V. 7. 7. Der einÜnss der grammatischen abhängigkeit auf 
die Stellung nominaler objecto wird besonders beim zusammentreffen 
von zwei nominalen objecten ersichtlich. Unter sonst gleichen umstän- 
den geht ein nominaler dativ dem accusativ voraus. Z. b. : 

IV. 55. 8. ein mcreflosg. las ferrenän sehenten. similitudinem dra- 

conis ouget. 

55. 14. der hercuU slniu rinder ferstal. vgl. das früher citierte 
beispiel I. 16. 4. 

Auch ein praepositionalobject wird dann einem einfachen casus 
vorangehen, wenn lezterer dem praedicate grammatisch näher steht. 

III. 118. 9. die post dilimium für rem ziniberotön uuider gote. 

IV. 41. 2. diu — fo}ic stnero nälmucrtigi. dia ordena des lou- 

fenten faü neUdent, vgl. dagegen oben II. 13. (57''). 

Auch zwei praepositionalobjecte werden sich dem entsprechend 
anordnen. 

IV. 41. 3. die an demo rade umhe einen steft uuerhent. 

2) Hervorgehobene objecto können ihre stelle im beginne des 
relativsatzes erhalten. 

Schon beim adverbium wurde darauf hingewiesen, dass neben 
dem satzende auch der satzanftmg (wie im lateinischen) dazu geeignet 
ist, ein aus der construction genommenes wort deutlich ins gehör fal- 
len zu lassen und hiedurch zum zweck der hervorhebung auszuzeich- 
nen. Von diesem rhetorischen mittel sehen wir auch bei Notker 
gebrauch gemacht. Z. b. : 

II. 45. 20. tie m,it scrihön mit allo diu alti genimet. 

47. 1. die mit tugede sih uuellen füre nemen. nah mit lottere. 
wo der hervorgehobene begriff sich sogar vor ein pronomen drängte, 
vgl. II. 4. 18. 

IL 45. 12. tär selhero romo neliein geuuaJd neist. 

Der eindruck ist dadurch oft verstärkt, dass der auf diese weise 
hervorgehobene begriff von den übrigen sazteilen durch das verbum 
finitum getrent wird, wodurch mittelstellung des verbs und indirect 



204 LÖHNER 

auch hervortreten der nachfolgenden bestimmungen , also rhetorische 
Wirkung nach zwei seiteu hin erzeugt wird. Wir haben somit eine 
neue quelle für die nachsetzung mancher bestimmungen hinter das ver- 
bum kennen gelernt, nur dass nicht in den nachgesezten redeteilen 
noch im verbum die bewegende Ursache lag. Vgl. s. 189, wo auf die- 
sen fall bereits hingedeutet wurde. Z. b. : 

IL 41. 25. — taz tie sachä giwt nesinf. tie dien uuirsisten mugen 

haften. 
III. 60. 1. Tie des Itchamen froma füre sezsent üen fromon dero 
selo. II. 13. (57" mitte). 
Auch hier ist die entscheidung bei der analyse oft schwer. So ist 
in dem obigen beispiele selo dem Itchamen entgegengesezt, ebenso wie 
die beiden froma contrastiereu. Welche Überlegung gab den ausschlag? 
S. s. 189. 

IV. 43. 3. die einen dunchent huotes uuerde. tie dunchent anderen 
uheles uuerde. 
35. 8. neist nehein uueg. ter die uuisen leite ze hase. 
vgl. IV. 22. 8. ter toiigeno färet ieht seguuinnenne. mit undriuuön. 

3) Das dritte moment ist wider das rhythmische, wornach ins- 
besondere kürzere objecto vor längeren erscheinen. 

IL 13. (57'' unten), ter das here lösendo. hina gah tien hostibus 
arma unde impedimenta. das chit keuuäfene unde fuo- 
ter. (Dat. acc.) Vgl. 
IV. 23. 1. tär diu scöna circe — pezouuerot lid tien seihen gesten 
scangta. (Acc. dat.) (Hier ist überdies pesouueröt 
betont). 
Daher pflegen die gewöhnlich längeren praepositionalcasus den 
andern nominalen objecten nachzufolgen. 

IL 10. (55*). der den strtt mit redo uerzeren chan. Dagegen 

40. (78*). die uns in buochen gotes selbes naturam unde dia 

ueritatem trinitatis scrihen. 
Nach demselben grundsatze gehen die pronominalen objecte den 
nominalen voran , das übrigens schon durch die Stellung der pronomina 
im beginne des relativsatzes bedingt ist. 

Tie imo sin ser nicht ein neheillent — 
der imo hluot lies in demo hade. 
ter sin alliu finuiu sament kuunnen uuile. 
an demo sie sih rehtes uucgcs Jcclouhet habeton. S. Toma- 
netz s. 92. Vgl. 
IIL 17. 3, — tmde föne iro selbcro gnuoge habet. 



I. 


4. 


7. 


III. 


46. 


20, 




70. 


1. 


IV. 


47. 


2. 



WORTSTELLUNG IM BOETmUS 205 

Wie das praedicat, kann auch das nominale object in den rela- 
tiven ausdruck selbst hineingezogen werden, wodurcli es in den satz- 
beginn tritt. 

I. 14. 10. tes Jmot tie houegtra — iu nerslundcn habcton. IV. 2. 2. 
Indefinite pronomina und pronominalia gelten als noniina und 
haben in ihrer Stellung nichts besonderes. 

I. 15. 2. — tcn ionian andermo gelten solta. 
III. 28. 2. — die dcro deJicin guuinncn. 

Das gleiche gilt von substantivierten negationen, die einen casus 
regieren können. 

I. 8. 21. Tic niclit anderes ze demo tode nebralita. 
III. 72. 5. an dero nicht keskeidenes ncimas. 
V. 31. 11. diu an in selben nicht Jcuisses üzläzes nehahent. 
14. 15. tili nicht Jcuisses. noh stätcs in iro nehahet. 
Die in Verbindung mit einem Substantiv auftretenden adjective, 
possessiva, numeralia folgen in der Stellung ihrem nomen, 
Verbalnomina s. im folgenden. 

4. V e r b u m. 

Ausser dem verbum finitum kann der relativsatz auch die ver- 
balen Satzglieder Infinitiv und particip enthalten deren vorkommen hier 
zu besprechen ist. Infinitive erscheinen entweder allein von einem ver- 
bum abhängig/ oder mit se verbunden, oder als teil einer accusativ 
cum inf. construction. Diese Infinitive können vor oder hinter dem ver- 
bum stehen, z. b. I. 24. 19. IL 45. 11; II. 41. 25; III. 47. 3; III. 
71. 2; I. 19. 3. Infinitive mit ze stehen (wie auch nhd. meistens) 
namentlich dann hinter dem verbum finitum, wenn sie noch durch 
adverbien oder objecte erweitert sind, z. b. IV. 8. 2, IV. 8. 11, V. 49. 7. 

Die accusative cum infinitivo, deren wahrscheinlich deutschen 
Charakter ich schon betont habe, erscheinen erstens regelmässig hinter 
dem verbum, wobei ein nominaler accusativ dem Infinitiv vorangehen 
und nachfolgen darf, ein pronominaler aber nur vorangehen kann , z. b. 
III. 112. 1, IV. 47. 6, I. 8. 14. 

Das beliebtere aber ist, den acc. c. inf. derart mit dem relativen 
Satzgefüge zu verschmelzen, dass der accusativ (subject des Infinitiv- 
satzes) im Innern des relativsatzes als proleptisches, vom verbum fini- 
tum regiertes object vor demselben erscheint, während der Infinitiv 

1) Gewöhnlich von einem modalen hilfsverb. Doch können bekautlich auch 
verba einen blossen Infinitiv nach sich ziehen, wo wir inf. c. ze gebrauchen. Vgl. 
Erdmann, Syntax § 334 u. ö., z. b. IL 40 (78''), 52. 8, IU. 28. 1. 88. 1, 56. 2. 



206 LÖHNER 

hinter das verb gereiht wird. Dies begegnet besonders bei pronomi- 
nibus. 

I. 29. 3. frage des tu mih imellest antuuurten. 
II. 7. 19. daz tu dili cMst ferloren haben. 

III. 52. 3. der den cJiindeldsen cliad. föne unsäldon sin säligen. 

III. 110. 1. 

IV. 47. 2. (203'' 2 v. u.) den sie sili uuändon ferdruccMt haben. 

V. 13. 2. Ter got uuile uuänen föne diu bechennen chumftigm. 
uuanda siu geskehen sulen. den chido ih uuänen — 
V. 30. 7. 
Das relativum kann auch selbst subject des infinitivsatzes sein. 

IV. 33. 10. die uuir tieren chäden geltche miesen, vgl. lU. 70. 3, 

IV. 43. 10. 

IV. 13. 5 zeigt, wie vom Infinitiv noch ein zweiter inf. abhän- 
gen kann. 

Ist ioman chad si. der mennisJcen uuäne mugen alliu ding tuon ? 
II. 25. 15. 

Über andere Verbindungen und Verwendungen des infinit, s. unten. 

Participium : Die für uns wichtigste participialform ist die des 
participii praeteriti. Wir wissen bereits, dass es in den analytischen 
formen des verbs als praedicat regelrecht vor demselben seinen platz 
erhält, während die Stellung hinter das verbum auf die bekanten 
bedingungen beschränkt ist. 

I. 8. 18, II. 7. 33; IL 30. 12, lü. 67. 6. 

Beim zusammentreffen des part. praet. und Infinitivs ist die Stel- 
lung: verbum finit. infinit, partic. die beliebtere. 

IL 49. (91'' mitte), die ocidis mugen tmerden subpositae. 

V. 5. 9. ter dir dunchet faren umbeduungen. 

24. 8. (235" 12 v. u.), dannän sie solton uuerden illuminati. — 
vgl. II. 18. (61" 12 V. u.). Ter uuas filo harto geeret. temo daz lob 
uuart peuolen zetuonne. aide der scas sespendonne. 
IL 14. (59" 5 V. 0.). unde mit tiu geloublih ketän mag uuerden 
tien iudicibus — 
Speciell beim accus, c, inf. habe ich mehrmals die reihenfolge 
beobachtet: verb. partic. infinit. 

IL 7. 19. daz tu dich cMst ferloren haben, 
IV. 47. 2. den sie sih uuändon ferdrucchet haben. 

Ich mache aufmerksam, dass wir auch im nhd. bei anwendung 
von infinit, und part. prt. oder zwei Infinitiven es oft unterlassen, das 
verbum finitum in strenger nebensatzstellung an den schluss des satzes 



WORTSTELIiUNG IM BOETHIUS 207 

ZU stellen. Man wird nicht sagen: das du mir geben wollen wirst, 
das er tun müssen hat, sondern: das du mir wirst geben wollen. Des- 
gleichen : das er hat tun müssen. Und wir können wenigstens sagen : 
er, der eigentlich solte gestraft werden u. ä. , von dichterischen frei- 
heiten ganz abgesehen. 

Ja, selbst bei einem einzelnen Infinitiv oder particip ist eine 
solche nachsetzung nicht auffällig. Z. b. : dem er nicht oft genug 
kann erzählen. Der zu mir war gekommen. — Von den mannigfal- 
tigen beziehungen, in die adverbia und nomina zu diesen verbalen 
sazteilen treten können, hebe ich nur dies als wichtigsten grundsatz 
für die anordnung hervor , dass ihre Zusammengehörigkeit und abhängig- 
keit von einander durch die Wortfolge möglichst zum ausdrucke gebracht 
wird, und von der logischen, grammatischen aneinanderreihung nur 
abgewichen wird, um einen besonderen effect zu erzielen. 

I. 17. 1. mit tien sie mih uhent uuellen imidere guuunnen umbe 

den cheiser dia rümiskün selhuualtigi. 
IL 40. (78'' 12 V. u.). Aetliici sinf. tie unsiJi lerent haben rehte site. 

III. 88. 1. das! unsih ratio leret hara zuolegen. 

IV. 8. 2. tie beide uuilUg sint. ein ding natürlicho zetuonnc. 

V. 11. 1. mit tero sih sumeliehe uuänent haben geantuiiurtet tirro 
unsemfti. 
Treten participia und Infinitive als nomina auf, so richten sie 
sich bezüglich der Avortstellung nach den für die nomina giltigen regeln. 
So können participia adjectivisch und substantivisch, attributiv und 
praedicativ, als participia praesentis und praeteriti verwendet werden. 
S. L 25. 11, IV. 33. 3. 

Sehr beliebt sind ferner die participialconstructionen : entweder 
l) nach unserem sprachgebrauche, ^ wobei das participium flectiert und 
unflectiert sich findet: 

n. 43. 4. die diu sunna ubersMnct. ostenän chomentiu. unde uue- 
stert in sedel gändiu. 
43. 5. — unde dien der heizo suntuuint. hizza tuot. terrendo 
da0 eridant. 
III. 99. 1. daz tero naturo folgendo. sih kerno geloube des uuesen- 
nes. III. 34. 4. 
der dar feret föne boume se boume singendo. 
den er in erdo ständen, ringendo uberuuinden nemahfa. 
4. 21, 21. 8, 37. 5. 

1) Appositive participia. 



23. 


1. 


IV. 55. 


13. 


V. 4. 


10 



208 LÖHNER 

V. 5. 2. Dur die fehlenden flihendo. hinder sili an die sih iagon- 
ten skiesent. 
2) in absoluter Verwendung: 
I. 8. 7. Unde hlezscn tar aha gefüllten. 
doch kommen solche absolute participialconstructionen zufällig nicht 
als teil eines relativsatzes vor. Die obigen beispiele zeigen, dass der 
participialsatz sich ans verbum anschliessen kann, aber auch — wie 
andere sätze (s. unten) — den relativsatz unterbrechen darf. 



Das relative Satzgefüge kann auch durch das eindringen eines 
ganzen satzes durchbrochen werden, wie wir es schon oben bei parti- 
cipialconstructionen gesehen haben. Dabei gilt als regel, dass das ein- 
leitende relativum, eventuell noch das subject und pronominale object 
genant sein muss, bevor der Zwischensatz (meistens ein nebensatz) ein- 
tritt, nach dessen abschluss der unterbrochene relativsatz fortgesezt 
und geendet wird. Z. b. I. 28. 1. Ter do. do diu sunna in cancro 
meistün Imsa teta. fäo säfa in unuuilligen achcr — Im lateinischen 
ist relativsatz und temporalsatz nicht verschränkt. 

IL 33. 2. Tie übe sie argcJmsttg sint. mla in demo hüs sint 

unde hurdi. 
III. 4G. 7. dero ein cJiuning. so uiieler geuualtigosfo ist. nieJtt 
neuualtet. 
vgl. eintritt eines hauptsatzes: 

III. 10. 1. — die diz unibe enez. unde aber andere, die enes 
umbe dis minnont. 
95. 1. Tiu misseliellendo eliad si guot nesint. unde aber geei- 

notiu guot uuerdent — 
Bezüglich der Übereinstimmungen mit der lateinischen Wortfolge 
gelten die s. 155 u. ö. ausgesprochenen grundsätze voliuhaltlich auch 
hier. Der einfluss des lateinischen muss oft anerkant werden, er ist 
aber mehr ein zufälliger als notwendiger. Die vorläge wurde benuzt, 
wo sie dem deutschen ausdrucke entgegenkam, in allen anderen fällen 
nach gutdünken und bedürfnis des Übersetzers verändert widergegeben. 
Man beachte z. b. die Selbständigkeit bei anwendung des acc. c. inf. 
III. 112. 6. Mundum inquit liunc deo regi pauIo ante mininie dubi- 
tandum putabas. Taz Jcot fisa uucrlt rihte chad si. 
tes iahe du dar fore. tih neheinen sumel haben. 
oder gelegentlich einer partic. construction IV. 2. 4. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 209 

B. Conjunctionalsätze. 

Bevor wir die für die conjunctionalsätze giltigen regeln der Wort- 
stellung ableiten und ihre Übereinstimmung mit den aus den relativ- 
siltzen gewonnenen nachweisen, will ich eine übcrsiclit über jene abhän- 
gigen Sätze geben, die nun den gegenständ der Untersuchung bilden 
werden. 

Bei der anordnnng der durch eine coujunction eingeleiteten nebeu- 
sätze wähle ich als einteilungsgrund die conjunction selbst, wobei die 
grammatische geltuug des satzes die Unterabteilungen bestimmen wird. 

An die relativsätze schliessen sich, der entsteliung gemäss, am 
besten die durch die conjunction daz eingeleiteten sätze. Vgl. die aus- 
führungen Erdmanns, Syntax § 97 fg. 

Sie zerfallen 1) in Inhalts - sätze (auch Substantiv - sätze genant), 
2) in folge- (consecutiv-) sätze, 3) in absichts- (final-) sätze. 

daz. 1. Inhaltssätze. 

Sie erscheinen a) als subjectssätze , b) als objectssätze , je nach- 
dem sie das subject oder object zu vertreten haben. Z. b.: 

a) I. 7. 23. Fliilosophiae ncgesam nio. taz d den unsundigen lieze 

faren äne sili. PJiilosophiae non erat fas rclinquerc inconiita- 
tum iter innoceniis. 

b) I. 5. 5. JJuanda er uuissa. daz saturnus unibe gut ten himel 

triginta annis — 

Ein nomen oder pronomen im hauptsatze weist öfters auf den 
inhaltssatz hin. 

I. 5. 11. TJnde tiucr das Jcehe. daz tcr herhest chome geladener mit 

rtfen heren. in rutsamemo iärc? 

Hieher sind auch die wenigen fälle zu rechnen, wo daz deutlich 

causale bedeutung hat {= deshalb dass u. ä.). S. Erdmann 109. 155. 

III. 123. 9. Der eidota ze hello daz er mit iunone stufen uuolta. 

IL 51. (93"). Vgl. IL 37. 1. 

2. Folgesätze. 

I. 2. 10. Toll si so alt miare. taz sih nioman iro negelouhti. mie- 
sen ebenalt. Quamvis ita plena esset acvi. ut mdlo modo ere- 
deretnr nostrae aetatis. 

Häufig weist, wie im obigen beispiele ein so des hauptsatzes auf 
die folge hin. 

Die folgesätze berühren sich öfters mit den absichtssätzen, nament- 
lich jene, die man unter dem nameu wirkungssätze (ut efficiens) ebenso 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 14 



210 LÖHNER 

richtig hieher als unter die fiiialsätze reihen könte. Sie bezeichnen 
eben eine beabsichtigte folge. (Erdraann 276. 281.) S. absichtssätze. 

3. Absichtssätze. 

Sie zerfallen in zwei klassen je nach dem begriffe des verbs. 
(Erdmann 277 fg.) 

a) I. 6. 20. Unde daz er mili x^echennen muge. so uuisken sinm 

ougen — Quod ut xjossit. tergamus paidisper lumina eins. 

b) I. 15. 2. — der imart anabräht. daz er mih leidota mit tero 

nöte des scazzes — — compulsus est in delationem nostri 
nominis — 

nio. 

das neben daz ne und einfachem ne als finale negation dient. 

I. 13. 4. Nio er dien ubeUn ze handen uerläzener. scaden unde 
uerlornisseda tuen {sie) dien guoten. Ne guhernacula urhium 
relicta improhis et flagitiosis ciuibus inferrent bonis pestem. i. 
scandala. ac perniciem. i. mortem. 
vgl. I. 14. 11 Nio — taz er ne — 
I. 16. 6 entspricht nio einem ne nach infitiari. 

dö (temporal). 

I. 12. 9. Uuas ih in dien uatön. to ih tir half crunden tia tougeni 

dcro naturae. i. piliisicas questiones? Talis habitus. talis uul- 
tus erat; cum rimarer tecum secreta naturae? 
Eiu demonstratives adverb weist häufig, wie überhaupt bei den 
temporalsätzen, auf die temporale conjunction hin, z. b. I, 28. 1, 

danne. 1) temporal. 

II. 14. (58'' mitte). Tanne diu depulsio so getan ist. taz st clüt — 
Mit conjunctiv s. I. 8. 4 und 5, vgl. III. 60. 11. 

2) comparativ. 

I. 2, 6. Unde durnohtor selienten (sc. ougön). tanne ioman men- 

nishon sehen muge. 

3) causal. 
IL 19. 9. Tanne ioh selben den mennishen ein churz uutla ofto 
zeerlehke. Cum hominem ipsum sepe uelox hora dissoluat. 

II. 25. 20, 38. 15. 

^r (temporal). 
I. 7. 7. Unde iz nahtet, er an himele sterncn sMnen. Ac nox 
funditur desuper in terram. nondum uenientibus astris caelo. 



WORTSTELLUNO IM BOETHIUS 211 

II. 9. 4. — undc man er nicht pcchennen nemag iro dulcedinem. 
er man sia selhün hechennet. 

unz (temporal). 
1) = so lauge als. 
II. 16. 1. Sus scönni gechose. sint tia tiuUa lustsam. unz man 
siu gelioret. Tum tantum cum audiuntur ohlcdant. 
Vgl. zu dem tia uuila des hauptsatzes IV. 41. 9 (197* 14 v. u.) 
— unde uuehselot sih. tia uutla iz uueret. 

2) = während. 
I. 1. 13. Unz mir sälda folgeton. in allemo minemo guofe. mir 
unstätemo — to usw. Dum male fida fortuna faueret leuibus 
honis — 

3) = bis. 

I. 6. 3. Ne uuurte du mit minemo spunge gesouget. — unz tu 

gestige zegomenes sinne? nchist tu der na? Tune es ille qui 

quondam nutritus nostro lade — euaseras in rohur uirilis 

animi? 

Vereinzelt: II. 39. (77" 10 v. u.). nah tiu galli dia hurg ferhrandon 

(ohne Vorbild). = nachdem usw., vgl. temporales so. 

sid (nur causal).* 
n. 21, 21. Sid tie mennisken nicht so gerno nehahent so den üb. 
Cum igitur sit mortalihus praecipua cura. retinendae uitae. 
IV, 46. 11 uud 12. 

uuaiida (causal).^ 
I. 2. 12. Uuanda eina uuila. hezuhta si sih hara zu unsermo 
meze. uuanda si uuilon humana ahtot. 2. 13. uuanda si 
— iiueiz. 
IL 45. 3 (85" unten). Uuanda — tannän (im hauptsatze). I. 26. 7. 
Uuanda diu ding der Hut aller — paz unde folleglichor chosut. 
Quod ea melius uheriusque celehrentur ore uulgi. 
Vgl. causales danne. 

1) Die bemerkung Erdmanns 155: causales sid c. iiidic. komme bei Notker 
nirgends vor, fand ich nicht bestätigt. 

2) Auch die Vermutung : (a. a. o. ebd.) uuanda werde zuweilen mit dem con- 
junctiv verbunden, scheint nach der überwiegenden mehrzahl sicherer indicati- 
vischer fälle zurückgewiesen werden zu müssen, und die formen auf -in dürften 
nur Schwächungen aus -un sein. Vgl. Erdmann 155. Weinhold, Alemann, gramm. 
346, aber auch 348. 

14* 



212 LÖHNEH 

s6. 

1) In positiven vergleichungssätzen. Z. b. : 
I. 26. 1 u. 2. Nu nemisseUchet mir nieht so harto disses cJiarchä- 
res anasiJif. so mir dm anasüme tuot. Nah ich — — so gerno 
ih taz anasidele forderon dines muotes. Itaque non tarn mouet 
me facies Jiuius loci quam tua usw. 

2) In relativsätzen. 
Die comparativsätze giengen leicht in relativsätze über, 
a) Den Übergang vermittelte so als satz relativ, 

I. 3. 2. Tla imät st iro selbiu uuorlüa. so ih afier des föne iro 

ucrnam. Quas ipsa texuerat manibus suis, uti post cognoui 

eadem prodente. 

b) Wortrelativ. ^ 

II. 19, 7, — fdbulae laetarum rerum. so comoediae sint. iah tri- 

stium. so tragoediae sint. IL 29. 4, I, 7, 2. 
so gebt anch mit adjectiven und adverbien comparative und rela- 
tive Verbindungen ein. Hieher gehören: also 

II, 49. (91" mitte). Also man dar in iuditiali sehen solfa — so sol 

man aber nü hier in demonstratiuo sehen — 
I. 1. 13. — mir unstätemo. also iz nü sJcinet. IL 17. 9. 48, 8. 
samo so (mit conjunctiv, leitet irreale vergleichungssätze ein). 
S. Erdm. 193. 

III. 16. 2. — Unde iz aber neuueiz samo so iz trunchen si — 
= uelut ebrius. 

IL 7. 13. Tu nehabest neheina rehta chlaga. samo so du daz tm 

ferloren eigist. — tamquam perdideris prorsus tua. 
IL 47. 2 u. 0. Samo so si chäde. 

In derselben bedeutung komt auch samo allein vor, 
IL 4. 9. — samo si negesehe. uuemo si gebe. 
7. 36. — samo si chäde. 

solih: I. 7. 2. Unde cham mir ougön lieht, solih ich fore habeta. 
III. 49. 10. Solih ist note daz effectum. solih tiu efficientia ist. 

sö^ lango: IL 39. 1. (77*), so lange si uuolti. 
IL 8. 8. So lang st gnuoge habendo. io doli mer haben uuile. Cum 
fluens largis muneribus. sitis pottus ardescit habendi, 
so uilo: I. 14. 10. — so uilo iz zc iro uuäne unde ze iro giredo 
gestuont. l. 14. 14, IL 9. 4. 21. 20, Vgl, samo manige IL 8, 2, 
Die relativsätze mit so uuer usw. s. bei conditionalem so. 

1) Noch Goethe, Ital. E. : für die, so bezahlen künneii. (Henipel 24. 33.) 

2) Die längebezeichnung bei diesen Zusammensetzungen schwankt vielfach. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 213 

3) SO in temporalsätzeu. 

I. 4. 1. So si gesah — Quae uhi uidit. 

6. 13. So si niih tö gesah — Cumque nie uidisset. 
30. 6. So diu uinstri — aba cJiome ^= dimotis tenebrls. II. 41. 4 
(79" imteu). 

4) couditionales so. 

I. 3. 1. So unären sumptis uuäriu inlatio folget, so nemag tara 

uuidere nionian nielit kettion. (Vgl. bezüglich des zweiten so 
Erdm. 96.) 
2. 14. So si daz houhet ho üf crhureta. so uhersliwg iz ten 
hvmel. Quae cum altius extulisset caput etiam ipsum caelum 
penetrabat. I. 5. 3; II. 43, 7. (so se). 

So scheint mehr dem lateinischen cum, quotiens , übe (s. d.) dem 
si zu entsprechen. 

IL 36. 9. Tero mennisJcdn natura ist sogetän. taz si ediert tanne 
so si sih pechennet. anderen dingen forderöra si. — tum tan- 
tum cum. 
50. 2. Tanne — so = tum — cum. 

5) so in algemeinen relativsätzen. 

so uuer, so uuaz, so uuelih, so uueder, so uueler, so mit adverbien. 

Der durchgängige mangel des längezeichens beweist die grosse 
Schwächung des ursprünglich demonstrativen so. 

I. 25. 10. So uuer dar inne uuelle simberön = quisquis maluerit 
fundare sedem in ea. 

II. 28. 7. so uuaz sin in dero uuerlte ist. 

III. 90. 11. so uues so ioman geröt — = quanta est uhique gentium, 
IL 24. 13. souuelih loz. omnis sors. 

25. 16. So uueder sie chädin. V. 7. 2. 

39. (77" 10 V. u.). souueles fogetis er uuelle. 

7. 6. fore so uuelemo fogate du uuellest. quouis iudice. I. 31. 10. 

10. (55" 7 V. 0.). so uuär dehein einunga ist gemeinero durfto. 

IV. 38. 1. (190" 1 V. u.), so uuara si becheret iro posteriora. dar 

sihct man bootem. 

54. 1. so uuenne er feilten sol mit tero uuUmldo = quotiens in 
fortunae certamen adducitur. Vgl. IL 26. 1 — 4. So uuer — 
noh er — unde er — ter — 



214 LÖHNEE 

6) SO uuio. 
a) deutlich veralgemeinernd. 
I. 16. 15. Aber daz al. so iiuio iz sl. unde uuio^ sculdig ih tär 

aua sl. Uerum id quoquomodo sit — IL 24. 14. 
so uuio so: III. 60. 11. Nu tiuret ten licliamen. so uuio so ir uuel- 
lent. quam uuUis nimio. 

b) coucessiv. 

III. 112. 5. — so uuio ih iz iu nü uuize. ih fernimo iz toh 
herno föne dir. licet iam prosiriciam. 

Der almähliche bedeutimgsübergang von wie auch immer u. ä. 
in obgleich ist oft wahrnehmbar. III. 27. 2. 

Vgl. III. 27. 1. an so uuio echerödemo bilde iz st. doh Jcesehent 
ir — licet tenui imagine. somniatis tarnen — 

cloh (concessiv). 

I. 2. 9. Toh si so alt uuäre. Quamuis ita plena esset aeui. 
10. 6. chraftelöse. doh sie uuinnen — furentes sine uiribus. 

IV. 40. 10. Toh tiu zuei ein ne sin. doh haftet taz ein an demo 
andermo. Quae licet diuersa sint — II. 8. 5. geht doh in con- 
ditionale bedeutung über. 

übe. 1) conditional. 
I. 1. 17. übe er fasto stuonde ^ so neuUe er. 

II. 1. 4. Übe ih rehto bechennet Jiabo. Si penitus cognoni. Vgl. 

conditionales so. Vereinzelt: echert (conditional). 
I. 6. 19. Er behuget sih uuola sin. echert er mih er bechenne. 
Recordabitur facile; si quidem ante cognouerit nos. 

IV. 55. 2. echert er sinen namen geräche Q= wenn nur). 

übe. 2) = ob in indirecten fragesätzen (s. d.). 

nube. 

In inhaltssätzen nach negierten ausdrücken des zweifelns, leug- 

nens u. ä. Regiert den conjunctiv, entspricht häufig lateinischem quin. 

IL 25. 11. So neist nehein zuiuel. mibe imstäte sälda. nieht Jcehel- 

fen nemugin manne säligheit zeguunnenne. Manifestum est. quin 

non posset — 

III. 51. 6. — so nemenget ouh nieht tetno uehe. nube iz sälig si. 

— nihil causae est. quin — 

Vgl. IL 25. 13. mibe — aide nach nio ze leibo utierden (uel — ziel). 

1) Im zweiten satze ist so zu ergänzen. 

2) stuonde: Hattemer und Graff. stuont: Steinmeyer. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIUS 215 

Iiidirccte fragcsätze. 

Die bezeiehnuiig solcher sätze als iiidirecte fragesätze wurde schon 
mehrfach , und zwar mit recht als irrig imd imzweckmässig getadelt, 
insofern der geringste teil der hieher gehörigen sätze seinem wesen 
nach wirkliche fragesätze sind (s. Erdm. 127). Sie gehören vielmehr 
zu den Sätzen der indirecten rede. Das vcrbuni des übergeordneten 
Satzes ist immer ein verbum der geistigen oder sinlichen Wahrneh- 
mung resp. äusserung, also begriffe wie: fragen, forscheu; überlegen, 
zweifeln, untersuchen, streiten, beraten; erkennen, sehen, hören, sagen, 
sich erinnern, vergessen, wissen u. ä. (positiv oder negiert), oder es 
sind diese begrifte aus anderen Wörtern abzuleiten. (I. 4. 18.) 

Die sogenanten indirecten fragesätze werden eingeleitet durch: 

1) Frage - pronomina und frage- adverbia: (nach Erdmann indefinita). 
iver^ was, iveder, ivcler; war, wara, wannän, ivenne; s'm; wio, wiolih. 
Beispiele : IV. 54. 6. so. das ir neiiuismt. uuer ir sint. 
I. 5. 12. geantuuurten — imas tas unde das meine. — rcdderc 

uarias causas. 
V. 11. 5. Sanio so ih tär umhe ringe, uuederes machunga si des 
anderes — Quasi uero laboretur. qtiae causa sit Imiiis rei — 

II. 6. 7. Unde das uuunder tuot si iro tmartären uore. uueler 
mittundes in einero chursero uuilo. heidiu uuerde. sälig ioh 
imsälig. Et monstrat — si quis visatur. 

III. 71. 14. so habest tu na se hechennenne. uuär du sia holön 

sulist. unde uuen du iro hiten sidist. — agnoscas unde pos- 
sis — 

III. 1. 11. übe du uuissist. uuara ih tih pegunyien habo seleitenne. 

— si agnosceres quo te aggrediamur ducere. 

I. 25. 7. Uuile du uuisen. uuannän du burtig sist. Si enim 

reminiscare. cuius patriae oriundus sis. 
IL 5. 2. Uuile du dinero frouuun — sessen ca — uuenne si rüme. 

— legem abeundi scribere. 

IV. 37. 5. -sm des solh uuehsel si. unde leid tie guoten drucche — 

(cur — mutentur — prcmant) des uuunderön ih mih harto 
(uehementer ammiror) ebd. Unde uuio is so fare — 
IL 1. 2. gechös — tiuio gnöto ih seiro loseta. 

wio erscheint oft in Verbindung mit adjectiven und adverbien. 
S. L 25. 3, IL 17. 1, 36. 5, 41. 8, 44. 6, 45. 4, IIL 46. 4, 
46. 18, 51. 5, 54. 3, IV. 9. 2, 39. 10, 45. 14, V. 18. 5. 

IL 14. (59*). Uuiolih er füre gändo uuesen sule — unde — uuio 
simig. uuio chleine. uuio spiloUh tes sint ciceronis puoh fol. 



216 LÖHNER 

IL 17. 1. Habest tu ergeben clinero säldon. uuiolih. mide uuio 
manig sie uuären? An oblitus es numerum. modumque tuae 
felicitatis. IL 7. 33. 
IL 1. 4. Uhe ih rehto hechennet haho. imannän dm siiht chomen 
st Wide uuiolih si si. uuas tir ana si. Si penitus cognoui 
causas — 
S. : an uuiu IL 25. 3 , 7mt uuiu IV. 8. 16 , IV. 46. 4 = füre 
Ullas, uuannän üz IL 40 (78'' 10 v. o.). uuär üfe 11. 40 (78*' mitte). 
Auffällig ist IL 40. (78*' 2 v. u.) die Verwendung der sonst nur 
relativ bezeugten partikel dir in einem indirecten fragesatz. Tie sage- 
tön, uuiolih tir uuesen stde societus humanae uitae. tia uuir heizen 
maneheit. (ohne Vorbild). Einen Übergang in die relative satzconstruc- 
tion, einen etwa durch ^^«V erleichterten, frühzeitigen relativen gebrauch 
des ivioUh kann ich nicht annehmen. Nach Graff, Sprachschatz V. 59 
wird in der metrischen Übersetzung der bücher Mosis auch huaz und 
hvär mit dieser partikel verbunden: ivaz fer, iva der. Vgl. Erdmann 
128, Tomanetz s. 39 und Erdmanns Recension der Tom. Schrift Anz. 
1879. 371 fg. 

2) iü)e in fragesätzen. 

I. 29. 28. Fragest tu mih tes. tdjc ih mih uuize uuesen. also 
aristotiles chit. rationale animal unde mortale ? Hoccine inter- 
rogas. an esse nie sciam — 
IL 7. 2, IIL 80. 1. 

V. 11. 5. Samo so ih tär iimhe ringe, uuederez machunga sl des 

anderes, uhe foresiht notmachunga si dero chumßigön aide 

chumftigiu notmachunga sin dero foresihte. Quasi vero lahore- 

tiir. quae causa sit huius rei. praescientiane sit necessitas 

futurorum an — 

S. andere doppelfragen: IL 13. (57" 13 v. u.) Ebd. 58* 10 v. o. 

IL 11. (55'' mitte), also man ze romo streit, uucder carthago uuäre 

diriienda. aide neuuäre. 

IL 39. (77" 9 V. u.), ebd. 4 v. u., ebd. 2 v. u. IIL 88. 3. 
IV. 39. 9, V. 7. 2, vgl. V. 45. 8 u. 9. Unde uueder da iz tuest, 
ioh uuara du geratest. Et an facias. quoue conuertas {chiiiset, in- 
tuetur) 

uuio in ausrufsätzen.^ 

Solche Sätze sind hier nur insoweit zu betrachten, als sie nach 
form und bedeutung auf die eben behandelten indirecten fragesätze, 

1) Vgl. I. 19. 6. 3Iit uiicleru — — ih fcrspräche — = Quanta — defen- 
clerim — 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 



217 



d. i. inhaltssätze zurückgehen imd deutlich die wortstelluug der ueben- 
sätze habeu. Ein ausdruck des aftectes geht entweder voraus oder 
kann ergänzt werden. Meistens ist tmio mit einem adjectiv oder adverb 
verbunden. 

I. 1. 11 u. 12. Äh zesere. uiilo uhelo er die unenegen gehöret. 

uncle uuio ungerno er cheligo hetuot iro uueinonten ougen. Eheu. 

qiKün sttrda aure auertitur miseros. et saeiia claudere negat 

flcntes oculos. 

II. 28. 11. Uuola grehto. uuio gnöte unde uuio arm. der rthtiiom 

ist — igitur angustas ino2}esque diiiitias — 
II. 37. 1. JJuio ferro doli na der irredo gät. unde uuio manige 
doh iuuer dar ana hetrogen sint — Quam vero late patet hie 
uester error — II. 37. 11. 
Dieselben sätze können auch als hauptsätze^ erscheinen. I. 5. 2 
begegnet eine Vereinigung beider constructionen : 

Ah — — uuio gnoto is tanne ilet. üser demo liehte. in dia uin- 
stri. Uuio is sih heloubet sines tröstes. unde heftet sih inun- 
dröst. Heu — — relicta propria luce. i. naturali sapientia. 
tendit vre — 
I. 14. 1 — 3. Uuio ofto neuuereta ih — uuio diccho nestiez ih — 
uuio ofto neuuas ih — Quotiens excepi usw. 
(Schluss folgt.) 



BRUCHSTÜCK EINER HANDSCHRIFT DES REINMAR 

VON ZWETER. 

Das bruchstück , welches ich hier mitteilen will , bildete den ein- 
banddeckel eines buches der zur zeit hier in Halle aufgestelten biblio- 
thek der kaiserlich Leopoldinisch - Caroliuischen akademie der natur- 
forscher. 

Es besteht aus zwei pergamentblättern in ■i^°, welche ursprüng- 
lich ein ganzes bildeten, jezt aber auseinander gerissen sind. Leider 
geht der riss nicht mitten durch den leeren steg, welcher beide hälf- 
ten trent, sondern berührt auf der oberen hälfte von bl. I den text, 
so dass hier auf der Vorderseite die anfangs-, auf der rückseite die 

1) uuio oder seiue Verbindung attrahiert als das meist betonte wort das 
verbuui. 



218 GRÜLICH 

eudbuchstaben teilweise unlesbar sind. Die höhe von bl. I beträgt 
26^2 cm., die breite I8V2 cm. Jede seite ist in zwei spalten zu je 
35 Zeilen geschrieben. Quer durch den oberen teil geht ein durch die 
benutzung als einbanddeckel entstandener scharfer bruch resp. riss, 
welcher die lesuug der ersten zwei zeilen teilweise unmöglich macht. 

Schlimmer steht es um bl. II. Hier fehlt der ganze obere teil, 
so dass der text auf der inneren spalte mit zeile 8, auf der äusseren 
mit zeile 11 begint; ferner fehlt das ganze äussere viertel, so dass 
von spalte 2 der Vorderseite nur die anfange, von spalte 1 der rück- 
seite nur die enden erhalten sind. Die Vorderseite von bl. I und die 
rückseite von bl. II waren auf den buchdeckel aufgeklebt und sind daher 
verhältnismässig gut erhalten , dagegen die rückseite von bl. I und die 
Vorderseite von bl. II, welche die aussenseite des einbandes bildeten, 
sind durch abreiben und beschmutzung teilweise arg mitgenommen. 
Die Schrift selbst ist kräftig und deutlich und bietet, soweit sie nicht 
unter den verderblichen einflüssen der zeit zu leiden gehabt hat, der 
lesung keinerlei Schwierigkeit ; sie gehört dem ende des XIII , spätestens 
dem anfange des XIV. Jahrhunderts an. Den Inhalt dieses fragments 
bilden die Sprüche Keinmars von Zweter und zwar (abgesehen von den 
durch die Verstümmelung von bl. II bedingten lücken) nach v. d. Ha- 
gens Zählung str. 103, 5 — 117, 6. Die strophenanfänge sind durch 
absetzen der zeilen und bunte initialen gekenzeichnet; leztere sind 
abwechselnd rot und blau, doch wie es scheint so, dass auf der rück- 
seite eines blattes immer rot den anfang bildet. Auch die anfange 
der einzelnen verse scheint der Schreiber mit roten strichen durch die 
anfangsbuchstaben haben bezeichnen zu wollen (ich setze dafür grosse 
buchstaben), doch kommen dabei viele irtümer vor. Ich lasse nun 
einen genauen abdruck des fragments folgen mit ergänzung der unles- 
baren und fehlenden stellen nach v. d. Hagens text (MSH. II, 195"— 
198''), sowie mit angäbe der abweichenden lesarten (MSH. III, 692* — 
693*). Die von Hagen gewählten bezeichnungen der handschriften sind 
unverändert beibehalten, es ist danach 

H = Heidelberger liederhandschrift nr. 357 (MSH. IV, 899*), abge- 
druckt von Pfeiffer in Bibl. d. Stuttg. Ver. bd. IX ; gewöhnlich 
mit A bezeichnet. 
M = Manessische liederhandschrift zu Paris nr. 7266 (MSH. IV, 

895*) gewöhnlich mit C bezeichnet. 
Hb = Heidelberger liederhandschrift nr. 350 (MSH. IV, 900"), vgl. 
Lachmann in Haupts ztschr. III, 333 fgg., gewöhnlich mit D 
bezeichnet. 



BRTJCHST. VON REINMAR VON ZWEIER 219 

L = Leipziger handschrift. Stadtbibliothek rep. II, 70% MSH. IV, 
905 \ vgl. Haupt in dessen ztschr. 111, 356. L I. L III bezeich- 
net die einzelnen teile der handschrift. 
Mst = Münchener samlung meistergesänge nr. 351, vgl. Schmeller. 
Mit T endlich bezeichne ich den text wie ihn von der Hagen gibt. 
103 = Hb 103 = L I, 21 = Mst bl. 44\ 
[Der edel tvt'se vri Adam 

von eines ivibes minne schaden an slner wirde nam, 
sin lüisheit tvart verlistet, sin vrilieit seih in eigenscheße joch. 
Samson ouch sine kraft verlos 
von eines ivihes minne, die er im ze trut erhos] 

Bl. I, a, 1. 

[ze] trvt [er] kos Salomo- 

[nes lüisheit swie] wit si we- 

[re] ein [wip] verschriet si doch 

[Swa] v^ibes minne mannes 
5 [lugende me\xQi. Da si wip vn 

[«üijbes minne geret. Swa a- 

[&]er ein man von wibes mi- 

[w]e. An tagenden an wirden 

wehset ab. Der hab im alles 
10 [de] ich hab. Die minne si ge- 
mischet mit vnsinne. 

104 = Hb 104 = M. CCCXXVI, b, 

Der han ich wil ivch siges 

jehen. Ir so rehte kvne 

[a]ls ich wil iuch siges jehen 
15 [Ir] so rehte kvne als ich vil 

[(^]icke han gesehen. Ivw* meis- 

[^Jerschaft ist gro;^ gein vwe- 

[r]en wiben der ir habt doch 

[v]il. Nu ist niht wan eine 
20 mir beschert. Di hat mich al- 

1) L drute Hb salmons L dye sal. 2) Hb wit T ganz L ganz die 

3) L vers^reit 4) L wa 5) L dugint 6) L geerit. wa 7) L eynin manne 
durch 8) T tugende[n] L an edelin mftte 9) L weissit aue der haue yme 

T alle? 10) L haue T diu L m. in si 11) L gemisset. T unminne. 

Hb L unsinne. 12 T Her- iu. M iuch 14) zeile 13. 14 ist Ir — jehen unter- 
strichen. 15) T ir sit M sint 17) T gegen iuwern Hb gcin uweren. 
19) Hb [niht] 20) T diu 



220 GRÜLICH 

1er vroude vn miner sinne 

gar behert si treit de leng' 

me2,7,eY vn :5v''net swenne 

ich vrolich wesen wil. Het 
25 ich ir zwo so getorst ich nit 

gelachen. Het ich viere so mvs 

te mir vroude swachen. Het 

ich ir ehte m genese ich den- 

ne. So wurde ich schiere von" 
30 in ver^ert. Her han de ivch 

ivwer vrumkeit nert de ist 

vwer heil. Vn meistert zv^elf 

hennen. 

105 = Hb 105 = M CCCXXVI, b. c. 
Swa gut man hat ein v- 
35 bei wip. Vn da bi unu'- 

Bl. I, a, 2. 
wii^i^en gar verulvchet si d' 
lip. Da ist liu^el eren bi sva 
si der meisterschefte phligt. 
Noch be:5^er were ein senfter 
5 tot. Dem guten man i^e lide- 
ne dan iemmer werendiv 
not. ich wil dich guten mä 
leren wie din meisterschaft 
ir ane gesigt. Du solt dir di- 
10 ne gute lan entslifen. vn 
solt nach einem großen kn'^- 
tel grifen. Den solt du ir zv 
dem ruggen me^en. Je ba^ 
vn ba:^ nach din er kraft. 

21) T vroude Hb vröden 23) r von späterer hand übergeschrieben. 

24) T vroelich Hb vrolich 25) T getörste — uiht. Hb getorst 26) T ich ir 
viere [so] 27) T vroude 28) T genaese T denne[n] M dennen 29) Hb ward 
ich 31) T iu[we]r vrüiukeit Hb vrumkeit T dast 32) T wan ir meistert 

Hb Uli meistert 33) T henne[n]. Hb henne. 

1) Hb. sie 3) T pfliget. Hb pfligt. 4) T waer' Hb were 5) Hb 

liden 6) T dan ie raer werndiu Hb dan ein immer werendiu 9) T an gesi- 
get. Hb gesigt. 10) T guete 11) T knütel Hb knutel 12) T solt ir zuo 
Hb solt du ir ze 13) T rüggen me??en 



BRÜCHST. VON REINMAR VON ZWEIER 221 

15 Da^ si dir jelie der meister- 
schaft. Hei^ si dir swern si 
welle ir wbele iierge^^e. 

106 = Hb 106 = M CCCXXVI, c. 

Tvruieren was ie ritter- 
lich löblich. Cotreismü- 
20 des rieh mortmesse vn mort- 

kolben. gesliffeii ackes gar 

uf des mannes tot. Sus ist 

der turnei nii gestalt. Des w'- 

dent schonre vrowen ir ovge 
25 rot. Ir h'2;e kalt. Swa si ir w*- 

den leben man. Da wei^ in 

mortlicher not. Do man tur- 

nierens phlac durch ritters 

lere durch hohen müt. Durch 
30 hubsheit vfi durch ere: Do 

heite man vme eine decke 

vngerne erwürget guten 

man. Swer de nu tut vnde 

de wol kan: Der dun^ket 
35 sich zeuelde gar ein recke. 

Bl. I, b, 1. 

107 = Hb 107 = M CCCXXXV, a. 
we dir spil wie böse ein 
[amet mich wundert das,] 

sich din nicht al di[e] we[r/^] ge- 
meine schämet. Sit da:^ so 
5 manic [man] verlorn hat vö 
dir sei vfi lip. Du [(?r]awest 
svnder alter iuge[w^j. Ich en- 

17) Hb ir ir ubele 18) T e M ie 19) hinter ritterlich fehlt: nu ist e? 
rinderlich T tot reis, mordes rieh M Hb totreisrauiides 20) T raortme??er 

21) T aks Hb ackes 24) T schoener vi-ouwen fir] Hb schonre M schonen 

25) T swanne Hb swä si ir 1. w. M ere 26) T lieben — in (so) 28) T dur 
29) T dur — dur 30) T hübescheit Hb hubscheit 31) T bete m. ümbe 

Hb hette man umb 32) Hb ungern T erwürget 33) T unt 34) das c in 
duncket ist übergeschrieben. T dunket 35) M zer werlte. 

2) T amt M ampt 3) Hb dine niht al de T diu 4) T schämt, 

unt doch. Hb sit da? 5) T von dir verlorn hat 6) T sel(e) unde 7) T in'kan 



222 GEULICH 

kan an dir gei^rvi[wen fiojch ge- 

merkeu deheine [^]ugent. we 
10 da^ also dicke werdent betrü- 
bet von dir diu reiniv wip 

von dir so wir[^ ^]ebe:5^eret 

ieman selten. Du brunest 

[(?i]vpstal. Kouben morden 
15 schelten. Du hast verkert von 

[gotes w]ine. Vn braht dem 

[tievel wajnigen man. Sit ich 

da^ wol gemerken kan. Mi- 

de ich dih vur de sint vnsin- 
20 ne. 

108 == Hb 108 = M CCCXXIV, b. 

Da:^ schone wip betwin- 

get man Vn ist da svn- 

de bi so enist. Da doch niht 

Wunders an. Da^ schati^es 
25 herre betwinget ouch schätz 

da^ er im dienen mv^. So 

twinget gutes h'ze ouch gut 

Da^ e:^ im dienen mv^. Vü 

lidet mit im swa:^ e^ tut. 
30 So twinget wiues craft o^'ch 

sinen kneht de im wirt sin- 
ne bü^. Dan noch wei^ ich ei 

wunderlichen twingen. Da^ 

wunderlicher ist an allen dl- 
35 gen. Da:^ ein gar tote^ wur- 

8) T gemerkeu , noch geprueven keine Hb ich enkan — gepr. n. gem. deheine 
10) T da:? du also dikke beswaerest unt truebest r. w. Hb Owe daz a. d. w. b. 
V. d. diu reinen w. M berürest r. wip 12) T Din wirt geriuret lü??el i. s. 

Hb von dir s. w. gebe??ert ie 13) T pruevest roup , mort, liegen, stein, schel- 

ten. M prisest Hb brüvest d. r. m. seh. 15) T gekert M gekeret Hb verkert 
17) Hb unde — tuvel 18) T erkennen 19) T niide ich dich, spil, ?'war[e], 

da? sint unsinne 21) T schoeniu w. betwingent m. M Dj liebe wib betwinget 

un man 22) M ist da twingen bi 23) T son' ist. Hb so enist 

24) T so twinget schaz ouch sinen kneht also da? Hb Das Schatzes herre betw. 
ouch schätz da? 27) T herre 28) T untliden, swa? er mit im tuot 29) Hb 
lidet mit im swa? er tut. 31) T man Hb kneht 33) T wunderlichen 

Hb wunderlicher 34) T ob allen Hb an a. 35) T einem toten würfelb. 

Hb ein gar tote? wurfelbein M w. gebeine 



BRUCHST. VON REINMAR VON ZWETER 223 

Bl. I, 2, b. 
felbeinc Eime \eheii[den man] 
[herze] \\i\de muot so gerlich] 
\ndev[taenik\ tut. [Da^ es, im 
&e]iiirat sinne \unde wiz,z,e] 
5 alleine 

109 = Hb 109 = M CCCXXIV, b. 
Der tüfel gescliüf \wur-] 
felspil dar vme da^ 

er vahen wolte da mite 

der seien vil. Da:^ esse {er] \i{at] 
10 gemachet vme anders n[?7i^] 

wau da^ got vn menisch 

ist. Nu merkent wi hlm[e?] 

vn erde stat. De zwein w[ ] 

geliche er ovch da:^ tus g[c-] 
15 machet hat. Df drien nach 

der trinitat. Da^ ist der s[m] 

^e wäre crist. Da:^ quater 

wurcht er ouch mit gro- 
ßen listen. Vf di lere der v[ij 
20 ere ewa[w^e]listen. Den sin- 
ken nach des menschen 

sinne wie er im die vü- 

nve machte kranch. Da^ 

sis vf di sehs wuchen \an'k] 
25 Da mit er wil di vaste {uns\ 

angewinnen. 

110 = Hb 110 = M CCCXXVI, c. 

E^ ist ein wur^e di sch[a] 

1) T ein lebende ni. Hb eime lebenden 2) M g*Iich Hb ganzlich 

4) T nimt Hb benimt M herze un lib alleine 5) T aleine 6) T schuof 

da? w. Hb der geschuf 7) T darümbe d. e. seien vil da mit gewinnen wil 

8) Hb er vahen wolte damit der seien vil 10) T daruf , da? ein got gewaltig ist. 
Hb. umb. a. n. w. d. g. u. mensch ist. 12) T Der himmel in sinen banden stat 
unde diu erde, daruf er da? t. g. h. Hb Nu merket wi h. u. e. st. den zwein er 
geliche er ouch d. t. g. h. 16) T uf die drie namen, die er hat, der sue?e 

waere krist. Hb nach der trinitat da? ist d. s. wäre. 17) M were 18 T D. 

kwater da? worht er mit Hb quatter [da?] M quater das wurchte 19) T uf 

die namen Hb uf die lere 20) M evang. M singgen 21) T uf d. m. 

sinne 22) M [im] die fünfe 23) T mache 24) T ses, wie er s. Hb ses 

uf die s. 25) T die vasten uns mit topel an gewinne. Hb damit er wil d. v. 

uns a. 27) T wurz[e] diu 



224 GRULICH 

den birt. Von der lei- 
den samen vil mani'c sele 

30 verirret wirt. In himeli- 
chen wüne. Di got den 
guten sein hat bereit. S[wer] 
di wiirze erkenen wil. 
vn ir samen der sol mid[fw] 

35 alle^ wurfelspil. Da:^ sw[ew]- 

Bl. II, a, 1. 

[da^ swendet guot und ere unt 'bring[e]t der seife] dort 

ic mer iverndiu leit. 
we im, der sin ie von erst gedulde! 
wa§, er der sele da mite ze helle hralde, 
unt schiet si von dem Jiimel rielie! 
we, weih ein vervluochter vunt] 
8 [vluo]hier vunt {damit er] 

stiuret der helle grünt (?) S[wem] 
10 si wirt kunt der brinnet e- 
wecliche. 

111 = Hb 111. 
Swa^ got dvrch der [prophe-] 
ten munt gesprochen 
hat. E da^ er mensche wur- 
15 [de] vor maniger stunt. Da^ 
habent sine zwelfe schiltge- 
[ve]rten wol ze lieht.e braht. 
[Fjnder den zwelfen zweue 
[mjan. Paulus gotes kem- 
20 phe vn cristes mümen sü 
Johan. Di zwene habent ge- 
sprochen vil ba:^ dann alle 
[de]r ie wart gedaht. Paulus 
wart in den dritten himel 
25 [fjfje^uchet. Johänes hat uf 
[c]ristes brüst entnuchet 

28) T leidem Hb M leiden 30) Hb veirret T der himelischen wune 

M hiraelichen Hb himelschen 32) T seien H sein 33) T die 35) Hb alles 

7) z. 1 — 7 fehlt in folge der Verstümmelung von hl. II. 9) T stiur[e]t 

10) Hb br. ane ende dort iemer ewicliehe. 14) T mensch 16) T zwel(e)f 

18) T zwelven 20) T kempfe 21) T zwene [di] 25) T gezükket. 

Hb gezucket 26) T entnükket Hb entnucket 



BRUCHST. VON REINMAR VON ZWETRR 225 

Wa [/cit'Jam ie man zu so liolicr 

[sjchüle. Als dise zwene sint 

[^]eweseii swes kvnst ir kyst 
30 [ivil\ Avider lesen. Des seiden 

\si]mt niht vorm obroston 

[s^Jüle. 
112 = Hb 112 = M CCCXXX, b = H. Siiigeubcrg 107. 

Uns ist von meren Avor- 

deu kunt. Wie alexa- 
35 nder vür durch Avunder an des 

Bl. II, a, 2. 

[meres grünt 
unt wie von Abakuk ein imbi^ wart ze Babilone bralit; 
Wa:^ herzöge Ernest not erleit, 

Ava^ er unt grabe Wezzel der gesnableu diet versneit, 
Avie si die gilfen vuorten, do ir ze spise ir landen v^as gedaht; 
Unt wie si durch den berk har wider kamen, 
da si der kröne weisen inne namen.] 

11 Aveise[w inne namen. seilt] 
da^ was [ein niichel wunder] 
doch so [wundert mich sin] 
niht ^[ider dem das, tegelich] 
15 geschiht [nu merJcent wie] 
vn geden[kent oh un un~] 
der. 

113 = Hb 113 = M CCCXXVI, c. 
Diu [trunJcenheit tuot großen] 
BGh[aden si tuot die] 
20 sele s\\n[den unde schänden ü-] 
berladen. [Si machet mani] 
gen ma[w, da^ im got unt die] 
livte [iverdent gram. Diu] 

27) T kwam Hb quam T ze 30) T sedel 31) T obrosten 32) vcil. 
Stuttgarter hibliotliek IX, s. 106. 33) T lu i. v, maeren M luch H Hb Uns 

H ist wol von 

10) Z. 1 — 10 durch verstümmelimg von bl. II verloren. 12) T namen. diz 
waren wunderlichiu w. M dis H de waren wund'licbv Avund' Hb seht da^ Avas e. 
m. w. 13) T doch duuket e? mich gar ein niht H doch d. e. m. Wunders 

niht Hb doch so wundert mich sin n. 14) T wider dem nu H gegen dem de 

Hb wider dem da? 15) T merket — gedenket oben H merkent wa. da den- 

kent obe uii vnder. Hb merkent — gedenkent ob M nu sprechent wie da merkent 

ZEITSCHB. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 15 



226 GBtnLicH 

tniiike[n1ieit tuot dannoch] 
25 me. Si a[chadet an dem guo-\ 

te vü tut [dahi dem Uhe] 

we. Si st[ummet unde hlen-] 

det. Si tb[tet unde machet manig-] 

en lam [sit daz, si toetet lip se-] 
30 le vn §re [unt henimt da§] 

gvt und [pruevet [noh] schad-] 

eu mere. W[ie sol man in] 

heilen daune [der ir ivil vol-\ 

geu ze aller stu[w^ ? her triin-] 
35 chenbolt. Her trunken [shint] 

ßl. II, b, 1. 

[sus heilet er von ivihe und ouch von manne] 
114 = Hb 114. 
[Wir haben nu ere dinge vil, 

diu ivilent laster hieben, als ich iuch bescheiden wil: 
man heilet harkeit wi^z,e, unt lobt den man, swie er gewinnet guot; 
Diu verschämte (un)tugende trunJcenheit 
hat alle vröude geneiget, allen schimpf gar hin geleit ;] 

gele]it. Da^ 
[Ist diu beste vuore der] man 
[nu pfligt waere ie m]an höh 
[gemiiot gern oder m]i\te. Der 
15 [ist mit spotte gehoen]et. Swer 
[unzühte pfligt der] ist mit 
[lobe geJcroenet s]wie vil mä 
[geschiltet oder geune]\'et Ma- 
[niges muoter unt sin] wip 
20 [des schemt sich ir] deheines 
[lip sus hat diu we]v\t an 
[vröiiden sich ver]c]evet 

115 = Hb 115 = M CCGXXVI, c. 
[ZuJcker suez, hone]G benit 
[die cnwurden] nie so 
25 [suej^e als ein wort] des man 

30) Hb sei 31) M bruvct Hb bruwet 32) Hb mer 

5) Die ersten seilen sind durch Verstümmelung von bl. II verloren. 12) Hb 
de beste 15) Hb spote gehont 23) M süsses Hb honic 25) M das — 

pfliget. 



BEUCHST. VON REINMAR VON ZWETER 227 

[mi pflif ivilcnt] was e^ 

[hitfer nu ist es, «(;o]rdeii also 

[siiez,e gar daz, selh\Q wort e 

[nie man sprach] da gengen 
30 [undenvilen firo^]Q siege vn 

[wunden nach, nn] ist also sü- 

[^e worden das, »jjieman nimt 

[so stieres war] Da^ selbe wort 

[tvil ich mit] vügeu nenne 
35 [da^ ir] e:^ alle müget wol er- 

Bl. II, b, 2. 

[kennen 

Si sprechent: sitn, von hoesen wihen, 

unt tuont daz> leider also vil, 

daz, icKz, cjot iemer klagen tvil, 

imt sol das, tvort die lenge also helihen.] 
116 = Hb 116 = M CCCXXX, b. 

[E^ sol ein rittermaez,ih hielt t 

den zaphen vliehen] mere dan den 

[schilt da^] ist sin relit. Gesigt 
10 au im der zapbe so wehst der 

schilt in vromedes maües 

hant. Stet im der muot reht 

in den schilt. Also da:^ h'^e vn 

ougen gegiu des schiltes [amh-] 
15 te sp'lt. So wirt mit we[»YZ-] 

er [tjoste] ein edel kneht [ze] 

ritter wol erkant. Ir edel[e«] 

knehte ir lerneut also trin- 
ken , daz ir ivr schiltes hap (?) 
20 beginnet sinken. Wr durst 

ist tringen wol erloubet 

31) Hb ist e? 32) M da? nu nie 34) Hb ich iu mit vugen T vuoge 

2) Die ersten seilen sind durch Verstümmelung von hl. II verloren. 8) T ger- 
iier scliiuhen Hb vliehen mere 9) T gesiget der zapfe an im, so entwahset 

im der schilt in vremde hant. Hb gesigt a. i. d. z. s. wehset d. seh. in vromedes 
m. li. 12) T eben Hb reht 13) M [aZ] — un müt im 14) T ouge 

im reht uf seh. amt spilt Hb [im relif] gegen des seh. ambet 15) M das git 

im guten müt uü hohes lop verre 17) M uü wite erkant. 18) Hb [«V] 

T lernet M Hb lernenfc 19) T ir iht seh. halp M niht 20) M Hb begin- 

nent T hinken, vür M tiursten 21) T trinken 

15* 



228 GRULICH, BRUCHST. VON RETNMAR VON ZWETER 

Liebt aber ivch des zapbe 
Ivlint. vn leident ivch [ritter-] 
licWv dink. So vürent ir 

25 heim siind schänden ein 
truncken houbet. 

117 = Hb 167 = L III. 7. 
In dirre werlde vert ein 
vroude. Di was wilent scha 
loser diet beschert. Nu ist [ir] 

30 leider Ive^el di sich der sel- 
ben vrouden wellen schä- 
men. Mit g[itiJc]lich.eY vnge- 
nvht. Dvrch vlü:5et si den 
munt vn dvrchbrichet 

35 si rehte ^vht. Owe de m[an 

si vindet di so manigem hohen edeln namen] 

Was mm die Stellung unseres fragments zu den übrigen hand- 
schriften anbelangt, so ist zunächst so viel klar, dass dasselbe zu der 
von Hagen zu gründe gelegten Pariser M = C in keinerlei beziehung 
steht; jede strophe bringt dafür zahlreiche belege. Aber auch zwei 
andere handschriften zeigen, soweit ein vergleich möglich ist, erheb- 
liche abweichungen , so H = A in str. 112 und L in str. 103. 117. 
Dagegen ist eine nahe verwantschaft zu Hb = D unverkenbar. Die- 
selbe dokumentiert sich nicht nur in der wesentlichen Übereinstimmung 
der lesarten, sondern auch darin, dass sich in unserm fragmente zwei 
Strophen finden, welche bisher nur in Hb = D erhalten waren, und 
dass es alle Strophen in derselben reihenfolge, wie diese handschrift 
bringt. 

22) T Sweni aber durch des zapfen klink unmaerent r. Hb Liebt aber iu 
des — un leident iu 24) T der treit hin hein vil lihte ein t. h. Hh so vürent 
ir heim sunde schände ein 27) T wilden werlde L In duser wider werelde 

ein vreude vert die was bewilen s^amcloser 28) T vröude, diu Hb vrowede di 

30 L leider cleinc 31) L willen 32) L girlicher ungelust. 33) L ver- 

sezt V. 6 vor v. 4. 34) L un vels:5it och vil mangen reynen vünt 35) T [si] 

L wye dat man ir so lii^^il vint bi hoen namen. 

HALLE a/S. O. GRULICH. 



229 

BRUCHSTÜCKE AUS DEM ALTEN PASSIONAL. 

Die kircheubibliothek zu Stolberg am Harze ist im besitze vou 
zwei pergamentblättern, welche bruclistücke des Alten Passiouales ent- 
halten. Diese blätter haben einmal als Überzug- eines bucheiubandes 
gedient und beim loslösen hat bl. I vw. stark gelitten, indem die tinte 
grosseuteils an dem buchdeckel haften geblieben ist. Glücklicherweise 
indessen ist der so entstandene abdruck von bl. I vw. erhalten und 
erleichtert die entzifferung bedeutend. 

Die ursprünglich 25 centimeter hohen und etwas über 15 centi- 
meter breiten blätter enthalten auf jeder seite in zwei spalten zwisclien 
feinen gezogenen linien je 35, mithin im ganzen 8 x 35 = 280 abge- 
sezte verszeilen. Die versanfänge haben meist grosse anfangsbuchsta- 
ben, die dann auch meist von einer roten vertikallinie durchzogen 
sind. Ausserdem ist rote tinte noch verwant bei der Überschrift auf 
bl. I VW. a und bei wenigen initialen. 

Die Schrift weist die handschrift in das ende des 13., spätestens 
in den anfang des 14. Jahrhunderts. Eigentümlich ist ihr besonders 
die form der buchstabeu li und s, welche am ende der verse, wenn der 
räum es gestattete, oft 2 oder gar 3 Zeilen in die höhe gehen. Abkür- 
zungen sind ziemlich häufig verwendet, beschränken sich aber auf das 
gewöhnlichste und algemein übliche; interpunktion begegnet fast gar 
nicht. Von geübter band, zwar nicht kalligraphisch schön, aber deut- 
lich geschrieben, ist der text bequem und sicher lesbar; nur stellen- 
weise hat er durch abnutzung, durchlöcherung , und durch je einen 
senkrechten, fast über die ganze höhe jedes blattes reichenden schnitt 
gelitten. 

Dem erhaltenen texte entsprechen in Hahns ausgäbe des Alten 
Passionales (Frankfurt 1845) die v.erse: seite 55, 86 — 57, 32 und 
Seite 60, 31—61, 78. Demnach ergibt sich zwischen den beiden blät- 
tern eine lücke von 285 versen, die genau dem räume vou widerum 
zwei blättern entsprechen. Daraus folgt, dass zwischen den beiden 
erhaltenen blättern das mittelste doppelblatt einer läge verloren ist. 



I VW. a = Halin 55, 86 — 56, 21. 
86 Sagestu mir daz eine 

So wil ich vürbaz wandern 

Mit rede an ein andern 

Vn sage mir waz daz tau si 



90 D' meist* sprach uu wis des vri 
De ich mich icht bekümere me 
Durch dinen willen als e 
Wanne ich mir wol gestüre 
Du bist ein vngehure 



88) den anderen H. 89) sagen dir H. daz felilt H. 91) mich nicht H. 
92) aisam e H. 



230 



95 Mich el mensche swaz du loch 
sist 

1 Wäne du vremede autwurte gist 
Din künt ist ie vmnenslich* 
Sw. daz ouch gefuget sich** 

2 Des s . . . . ane suinen 
De schule ba . . . rumen 

Dir ist ml le . . gar ei wicht 
5 So eu a . . . . h diner niches nicht 
Do sprach ihc . u hast al war 
Vn du V 'endest dine iar 
De du niht in weist wer ich bin 
Dir ist ouch dines selbes sin 

10 Vnde din leben vnbekant 
Vn wie die iar w'den gewant 
De her nach dir strichen 
Daz weste ich gentzlichen 
E dich din müter ie getrüc 

15 D' rede was dar ane genüc 
Ihc heim zu hüse gie 
D' meist' sine wort entphie 
Als vür iteliche wort 
Swe er d' bete alda gehört 
Dit ist von vnsirs herren 
martere, vnde von sime tode.f 

20 Wan laze daz alhie bestau 
Waz er wders hat began 
I VW. b = H56, 22 — 56, 56. 
In siner heiligen kintheit 
Ich weiz des eine warheit 
Daz ein so groz mine brunst 

25 Als an ime was begunst 
Sint er mensche geborn wart 



Vn . erliche hat sine vart 
Inz alter von der lügende 
Bracht mit grozer tugende 

30 Wie er in der gnaden zit 
Als die Schrift vrkunde git 
Prediget, vnde lerte 
Vnde den glavbin merte 
Daz haben die ewangelia 

35 Ordenlich beschr . . . en ua 
Des wil ichz lazen bliben 
... wil . . bescriben 
Sin iemerlicheiz ende 
Vn ouch sin vrstende 

40 Durch vnze bezzervnge 
Des gloubeu dutvnge 
. . . vns von cristo geseit 
... er an siner menscheit 
. . . zec iar uf erden gie 

45 Vn in deme zil de touf entphie 
. . . wart von erst vz gegeben 
.... cristo cristliches leiben 
. . . nach ime getouft wirt 
Alle sunde in verbirt 

50 De ime waren an geborn 
Vn wirt zu kinde gote erkorn 
Wol vns des toufes vnde 
Da vns vme die sünde 
Nach Christo cristliches leben 

55 Mit allen seiden wirt gegebe 
Dit ist el vroudericher couf 
I rw. a = H56, 57 — 56, 91. 
Do ihc entpfienc den touf 
Die zwelf apostolen er vz las 



95) Nicht ein m. s. dv ovf sist H. 
1) so vremde H. *) felüt H. **j fehlt H. 2) Des saltv H. 

3) balde H. 4) lere H. 5) achte ich H. 6) du H. 7) wände du H. 

8) hs. in und darüber ich 9) vnde dir ouch ist din selber siu H. 19) swaz 

er \x H. t) Über Schrift rot. 20) Mote initiale. 21) getan H. 27) wun- 
derliche H. 29) mit schöner t. H. 31) Bas h in schrift ist iibeivjeschrie- 
ben. 35) beschriben da H. 36) wil is H. 37) Ich Avil ouch hie H. 42) hat 
vnz H. 43) daz er H. 44) drizech H. 46) do wart H. Das st in erst ist 
übergeschrieben. 47) mit xpo H. 47) swer nach H. 56) seldenricher H. 



BRUCHST. AUS DEM ALTEN PASSIONAL 



231 



Mit doli er ein begiu was 

60 Cristenlicher werde 
Do wart vffe der erde 
Entprant ein liimeliches vür 
Daz da vor was tiir 
Propheten vn wissagen 

65 Die des begerten bi iren tagen 
Vn hotten dar üme vil gebete 
De wart leider nii v'treton 
Von busen luten widSvort 
Die daz vür hie vnde dort 

70 Der rechten lere störten 
Swa sie ez iergen horten 
Doch half sie niht ir arg' müt 
D' gnaden heize glüt 
Brach vii vz brante 

75 Daz sie nie erwante 

Sie eubrente T gotes willen 
Dit mochte nieman stillen 
Die zwelf schilt geverten 
Mit ihn cristo kerten 

80 Her vii dar in die lant 
Den luten vil wart erkant 
Daz sie sich versunnen 
Vme der gnaden brimnen 
Der in vor der tnre vloz 

85 Manie mensche sin genoz 

An sele an libe ein michel teil 
Do wart heil wol veil 
Wanne ez die Inte suchte 
Swer ot des geruchte 



90 De er an l glouben lach 
Deme wart sins leides vgemach 

I rw. b = H56, 92—57, 32. 
Benvme suülch de mochte wese 
Wäne er sin schiere was genese 

91 Dit wnderlicher wnder 

1 Wart niht v 'drucket vud' 
Die guten zo ime quame 
Wäne sie von ime namen 
Sele vn liebes gewin 
5 De bösen blauten iren sin 
Vn liezen sich berouben 
Des vruchtsame glouben 
Doch quame sie bewilen dar 
Vn namen siner lere war 

10 Durch argen willen allermeist 
Wäne ir h'zelicher geist 
Lagete siner warheit 
Ob sie dar an eine valscheit 
Irege lichte wnd . . 

15 Des sie sich vnd' wnden 
So was er ie an guten siten 
Vn an warheit so besniten 
Daz sie an siner predigat 
Nie konden vinden valschen rat 

20 Ir erge sie niht enliezen 
Wäne sie si bestiezen 
An irme valschen stricke 
Mit werten vn dicke dicke 
Sie sprachen de des tuvels craft 

25 Were in siner menscherschaft 



61) secht do H. 62) Entprant] das erste t übergeschrieben, hiemelisch H. 

65) des die H. 66) drumme oucli vil H. 67) De verschrieben fwr De (Daz) 

68) böser lute H. 71) es indert liorten H. 74) bracii vz vnde brante H. 

75) so daz si niclit erwante H. 82) wol virsunnen H. 87) secbt do wart H. 

89) swer ouch H. 91) sins] das lezte s übergeschrieben, vgemach] das ach ist 

wegen raummangels ans ende der vorhergehenden zeile gestelt. 92) swelch H. 

93) er des H. 91) wunderliche H. 

m 
4) libes H. 5) die vbelen H. 9) namen] hs. nanen 11) hezze- 

liger H. 14) indert lichte vunden H. 15) der si H. wnden] hs. v'^nden. 

21) wände si in H. 23) dicke vnd dicke H, 25) meisterschaft H. 



232 



Vnde der hette in besezzen 
So wart ie in gemezzen 
Vür creftic vbel creftic gut 
Sin an geborn demüt 
30 Lerte in v'tragen de itewiz 
Wäne er brüderlicbeu vliz 
Vf ir selde wante 

* 
II VW. a = H60, 31 — 65. 
Wie daz solde . . . . me geschehen 
Ihesus wart h . . in bracht 
Die zit was vinster vn nacht 
Des wart daz schiere uf bericht 

35 Beide vur vnde licht 
Von der diener hant 
Johannes was da wol bekant 
Hie von er in daz hus trat 
Nu waz ein dirne da gesät 

40 Die sold . hüten der tür 
Do quam iohanues her vür 
Vn rechte mit der dirne hie 
Daz sie petrum in lie 
ledoch sie an in gesach 

45 Vil ernstliche sie zu ime sprach 
Gehorestu ouch deme mane zu 
Den man hat gevangen nu 
Nein ich werliche sprach er de 
Binnen des qua ez also 

50 f Der fdaz bischof ihesum nam 
Der gebunden zu ime quam 
Vn bat in von der lere sagen 



Durch die man in wolde beclage 
Ihesus wid' in do sprach 

55 Swa man de volck mich lere sach 
Daz ist gewesen al offenbar 
In deme templo her vnde dar 
Da daz lut zu samene quam 
Vn sie manig' vernam 

60 Die ouch da her sint mir kume 
Vn mine wort hä dicke v'nume 
Die machtu vrage dar abe 
Waz ich sie geleret habe 
Sie sagen dir wol wie daz sie 

65 Nu stunt einer al da bi 

II VW. b =H 60, 66-61, 8. 
Der was des bischoves knecht 
Vn ducke in wesen vnrecht 
Daz wort der antworte 
Hie von er uf hurte 

70 Sine hant durch vnvüc 

Da mite er in an sin wage slüc 
Einen slac also groz 
Daz er witen er doz 
Durch die schar al miten 

75 Saltu sprach er so vmbesniten 
Deme bischoue dine antwürte ge- 
ben 
Do sach ihesus sich beneben 
Vn sprach zu ime mit senftekeit 
Hau ich icht vbels geseit 

80 Daz bezuc vber mich 

Ist ouch des niht vnde daz ich 



27) in ie H. 30) dat itwiz H. — 31) solde an im geschehen H. 32) hin 
in bracht H. 34) wart da schiere H. 41) quam] hs. q*m 42) rette H. 

dern alhie H. 43) vntz daz si H. 44) idoch do si in an gesach H. 47) den 
si haben H. 50) Die Jcreuze vom corrector, um anzuzeigen, dass die beiden 

worte umzustellen sind, daz ihm der bischof nam H. 52) bat von der lere 

im H. 53) man wolde in H. 56) ist geschehen H. 58) daz volc H. 

59) unde raaniger mine wort vernam H. 60) küme] me am ende der vorigen 

Zeile, der onch ein teil da her ist kume H. 61) die si dicke hant vernume H. 

62) du macht si vragen wol dar abe H. 64) dir ez swie daz si H. 67) dachte H. 
69) vf erburtc H. 71) er an si wäge in sluch H. 74) alenmitten H. 

79) vbeles icht H. 



BEUCHST. AUS DEM ALTEN PASSIONAL 



233 



Die warheit gesproclien lian 
Eya durch waz saltu uiicli slaii 
Dfiuo vmme sus so sere 

85 Nach sulcher vnere 
D' sie an ime begimclen 
Saiicte in anua gebunden 
Zv deme bischofve caypha 
Ime volgeten vil me frauue na 

90 Sinei- viende genüc 
Als sie ir böse h'ze trüc 

92 Sus quam er vür gerich . . n 
1 Nach vurechteme getichte 
Stunden vf zwene man 
Vnde sprachen offenlich in an 
Mit valscher zugünge 
5 leider manige zünge 
Schrey vf den gotes irwelte trüt 
Offenliche vii vber Lüt 
Die er were ein v'kererer 
II VW. a = H61, 9 — 43. 
Vnde ein valscher lerer 

10 Vnde hette vbeles vil getan 
Daz solde ime an sin leben gan 
"petrus der vil gute 
■^ Mit beswerten mute 
Was heimeliche T de hüs getrete 

15 Ein sie vür geraachet beten 
Wäne die zit was kalt ein teil 
Sie stüden dar vme harte geil 
Beide wip vnde man 
Petrus qua euch zu gegan 

20 Vn wermete sich v^ane i vros 
Ein dirne in mit gesiebte irkos 
Die duchte we ir were 



Ouch ein d' lerere 
Die zu sturten ir e 

25 Vil honliche sie i au schre 
Vn sprach guter mii sagan 
Houbestu ouch an den man 
Den sie in disen stunden 
Haben alhie gebunden 

30 Do sprach petrus alzo haut 
Wliche er mir vnbekant 
Vn weiz ouch nichtesnicht vme in 
Hie mit geinc de zit hin 
Nach der viende wale 

35 Z. deme drittin male 
Sprach ir einer aber do 
Zv deme guten petro 
Ez sie ouch drüme swie ez si 
Du were ie ieme manne bi 

40 Do wir e zu ime giengen 
Vnde in deme garten viengen 
Da selbes ich dich bi ime sach 
Petrus loukende vn sprach 

II rw. b = H61, 44 — 78. 
Zv des richtere. .necht 

45 W'liche du dust mir vnrecht 
Du Salt daz sehen vffe miue eit 
Bi aller miner warheit 
Daz er mir ie was vnkünt 
Do horte mä ouch in d' stunt 

50 Den hauen cren dit gesach 
Ihesus petrü an sach 
Kechte als in solde manen 
Daz er gedechte an de. hauen 
Waz sin cren meinte 

55 Petrus von h*zin weinte 



87) sante H. 89) volgeten mit vreuden na H. 92) gerichte H. 

3) offenliehen an H. 4) valscher] das h ist über geschrieben. 8) daz 

er w. e. verkerer H. 12) Rote initiale. 13) gar beswerten H. 15) ein 

vur si H. 17) drumme .... mich geil , vor mich ein unleserliches tvort H. 

19) zv gan H. 24) störten H. 27) heubetestu H. 31) ist mir H. 

32) vber in H. 35) zv H. 38) ez si onch H. 39) iene manne H. 

44) richteres knecht H. 50) geschach H, 52) er in H. 54) da meinte H. 



234 GE 

In grozer ruwe genvc 

Die in ouch vz deme hiise trüc 

Er stimt vf vn geinc hin dan 70 

Wanne er uiht mochten sehe an 
60 Daz groze iamer vn daz leit 

Als au ihm wart geleit. 

Thesus der vber gute 

Stunt in der viende liute 75 

Vor deme bischove caypha 
65 Die lute drungen hin na 

Mit vil grozeme schalle 

Sie sprachen ercliche alle 

57) oucli fehlt H. 59) mochte H. 

chen H. 68) valscher H. 

STOLBEKG A. H. 



Ihesus were ein valcher man 
Her hette in leides vil getan 
Man solde in drucken vnder 
Ej^a nu mercket wuder 
Wie d' milde gotes rat 
Alda mit vns geworben hat 
Der sich liez irbarmeu 
Vns cranken vn vns armen 
Vns dürftigen vns blinden 
Die craft liez sich binden 
Vn sich vahen die gewalt 

62) Bote initiale. 67) vil erli- 

H. BETER. 



ZU HEIMSKRINGLA ED. UNGER 

s. 234. 491. 

Eduard Sievers hat am Schlüsse seines ersten, bahnbrechen- 
den aufsatzes über die skaldeumetrik (Paul - Braune V, 517) zwei fünt- 
silbige dröttkvajttverse als solche bezeichnet , die „einem einfacheren 
herstelluugsversuche widerstehen." Beide sind in der Heimskringla 
erhalten: der eine (Hkr. ü. 234) steht in einer strophe der h^fudlausn 
des Öttarr svarti (f nach 1027, SEIH, 327): 

Valfasta , hjött ^ vestan Nceäi sfraumr, ef stceäi, 

veärqrr! tvd hnqrru strangr JcaupsJäpum angra, 

Jicett Jmfict er i otta innan horäs, um unnir, 

opt, skjqldunga Jwpti! erringar liä verra; 

der andere (Hkr. U. 491) findet sich in einer strophe des Eefr Gests- 
son, welcher ebenfals im 11. jli. lebte (Möbius, catal. 188): 

Einn liääl gny Gunnar, Dal steypir Jijö draupnis 

gall hdl Hdva,^ stäla dqggfrey hanahqggüi^ 

rimmu askr viä rqskva Jiann rauä jdrn , cn annan, 

regndjarfr tvd pegna. drstrauma, vann sdran. 

Es unterliegt wol keinem zweifei , dass die beiden uuregelmässigen 
verse (welche ich durch gesperten druck hervorgehoben habe) in glei- 

1) bjöttu Uuger ; die äaderung nach E. Sicvers, a. a. o. V, 508 fg. 

2) Härs Unger; die ändorimg nach E. Sievers, a. a, o. V, 516. 



ZUR HEIMSKEINGLA 235 

eher weise berichtigt werden müssen, und zwar durch ersetzung des 
cardinalen Zahlworts (tvd) durch das distributive (tvenna). Dass lezte- 
res in der prosa häufig genug die functionen des ersteren vertritt, ist 
albekant (Wimmer, fornnord. iormlära § 105a, 2); dass aber auch in 
der skaldenpoesie derselbe gebrauch stathäft war, mögeu die nachste- 
henden beiden strophen beweisen, welche der rekstefja des Steinn Her- 
disarson, eines im 11. jh. lebenden isländischen dichters (Möbius 
cat. 190) entnommen sind und von Svbj. Egilsson im lex. poet. s. 826" 
s. V. tvennr angezogen werden: 

1. Kekstefja, str. 16 [Wiseu, Carmina uorroena (Lund 1880) s. 48, 
FmsII, 316. XII, 60. ShI. III, 254.] 

Rmmshjött rcesir liitü,^ Fimtän fjqrnis mdna 

rit (vasa friär at Uta) fleygjendr at gram rendu 

söl raiiä Svqlnis ela, EkMls ytihlqhhum 

scnn dqylinga prenna.^ Oldfr und veg- solar. 

2. Kekstefja, str. 26. [Wisen a. a. o. s. 49. Ems II, 275. XII, 54. 
ShI. ni, 262.] 

Valstafns vccfhi rofna (Jiermart) hjqrva snyrtir 

viti menn at frah^ tvenna Iwärr Ush grams i hamri 

haus manns hringi Ijösum (styrremär stillir framäi 

hlrdmeär Jconungs vedja. stwrra) qdrimi foirri. 

Natürlich waren in diesen beiden strophen die distributivformeu 
dadurch geschüzt, dass sie in der adalhending standen, während dies 
in den von Sievers mit recht als unregelmässig bezeichneten versen 
nicht der fall war, sodass die mit den strengen gesetzen des dröttkvaätt 
nicht vertrauten Schreiber durch die einsetzung der üblicheren cardi- 
nalzahl keinen Verstoss zu begehen glaubten. 

Auf dieselbe weise würde auch Hymiskv. 21 ^^ sich heilen lassen, 
wenn das princip der silbenzählung, wie Sievers behauptet, auch in der 
eddischen poesie geltung hätte. Ich kann mich jedoch mit diesem 
weiteren ergebnisse seiner sonst so verdienstlichen forschungen vorder- 
hand noch nicht befreunden, da die hsl. Überlieferung doch an gar zu 
vielen stellen einer gewaltsamen änderung unterworfen werden mttste. 

HALLE, 10. MAI 1882. HUGO GEK^G. 

[Herr prof. Th. Möbius, bei dem ich anfragte, ob die so nahe 
liegende änderung nicht etwa schon von einem anderen vorgeschlagen 

1) So Wisen; Bann skjött rcesir mätti Fms. II, 316, Baun skjött rcesir luätti 
Fms. XU, 60. 

2) So Wisen, tvenna Fms. 

3) ek frä Fms. 



236 WOESTE 

sei, macht mich darauf aufmerksam, dass bereits K. Gislason (Njäla 
II, 1, s. 274 — 275) eine heiluug der iu rede stehenden beiden verse 
versucht hat, indem er annahm, dass das d in tvd zweisilbig gelesen 
werden müsse {tvda). Mit rücksicht auf die belege aus der rekstefja 
scheint mir jedoch meine conjectur , bei welcher mau nicht gezwungen 
ist eine unbelegte form sich zu construieren , den Vorzug zu verdienen. 
K Gislason belegt noch zwei weitere fünfsilbler, in denen tvd steht: 

Jiornungr tvd morna (Kormaks saga s. 102) 

allvaldr tvd snjalla (Hkr. U. s. 211) — 
auch ihnen ist natürlich durch einsetzung von tvenna geholfen. Der 
leztgenaute vers findet sich auch in der Flateyjarbök I, 480, doch ist 
hier das Zahlzeichen .ij. gebraucht , welches natürlich ebenso gut tvenna 
bedeuten kann als tvd. — 13. 5. 82. H. G.] 



BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN. 

Hoveswerne. 

Wen du hloäest, so make eynen er ans van elhorn vnde sette den 
vp dat Jiouet effe make ene van houestvernen , dat is crude vnde 
wasset in dem garden vnde lieft hlomeken. Goth. Arzn. s. 19. Gegen 
die deutung garteuprimel spricht 1) dass man schwerlich garten- 
primeln zu heilzwecken den wilden vorgezogen haben wird; 2) dass 
der Zusatz vnde lieft hlomeken nicht an eine garteuprimel, wol aber an 
eine pflanze mit unansehnlichen bluten denken lässt; 3) dass ein verna 
für primel sonst nicht vorkomt. Hoveswerne ist entstelt aus lioner- 
swerve und bezeichnet das in allen gärten vorkommende unkraut vogel- 
miere, stellaria oder alsine media, die in den alten kräuterbüchern als 
wundenheilmittel gerühmt wird. Man vgl. haimersiverhe bei Holfm. 
V. F. in Mda. 5, 147 und lioinerswarme bei Schambach. Andere namen 
sind liünerserhe, liünerdärme, lii'merhiss (morsus gallinse), honerswarh, 
vogelkraut. Swerve, siverbe mag synonym von wisch sein, wozu sich 
die zarte blätter- und stengelreiche pflanze eignet, vgl. got. afsvairhan. 

Herlbrand. 

Wenn das Mnd. WB. bei diesem worte über die bedeutung draco 
hinausgeht und daraus den namen eines verheerenden drachen macht, 
so scheint das aus dem bestimmenden teile geschöpft. Der erste bild- 
ner dieses wertes hat aber wahrscheinlich weder an einen drachen, 
noch an verheeren gedacht. Eine feurige lufterscheinung hiess brand; 
daher das nordlicht: see brand, sofern es seewärts, im norden gese- 



BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN 237 

hen wurde, vgl. Müiist. Gescbichtsqii. 3, 112: uf die solbige tzeidt ist 
des nachtes in den norden vielle fuers gesehen worden, das man 
sehrandt iiomede, daruf eine groisse druchheidt ist gefolget. Das 
meteor, welches wir Westfalen hearhrand nennen und mit einem (feu- 
rigen) tviesebomn vergleichen , fülirt daneben eben so häutig den namen 
heavenhrand (himmelsbrand) und gilt dem aberglauben allerdings als 
de fürige draJce, der seineu freunden körn und andern Vorrat durch 
deu Schornstein ins haus bringe. Hält man zu hearhrand das einfache 
hear, räum über dem herde, ebeuso heurrok neben höhenrauch, so 
wird es wahrscheinlich, dass her- die bedeutung höhe hat. [Vgl. Grimm, 

myth.* 3, 214.J 

Heien mouwe. 

Bei diesen aus Weist. 3, 67 genommenen Wörtern wird gefragt, 

„welche ärmel." Antwort; ärmel (mouiven) von heie d. i. hede, also 

wergliunene. 

ISERLOHN. FR. WOESTE. 

MISCELLEN UND LITTERATUR. 
ZWEI BRIEFE TON J. GRIMM UND KOPP AN CHMEL. 

Im jähre 1875 übergab mir herr Alex. Oborzik, damals lehramtszögling der 
k. k. Wiener lehrerbildungsanstalt , zwei an J. Chmel, stiftsbibliotbekar zu St. Flo- 
rian in Ober Österreich, gerichtete briefe, von Jac. Grimm und J. E. Kopp. Da 
beide nicht ohne interesse sind für die geschichte der deutscheu philologie und 
der deutschen geschichtsforschung , bringe ich sie, seinem wünsche gemäss, nun- 
mehr zur Veröffentlichung. 

WIEN. FRANZ BEANKY. 

Göttingen 26 nov. 1831. 
Hochverehrter herr imd freund, 

Schon über ein Vierteljahr liegt die mir und Benecke gütigst anvertraute 
handschi'ift, nachdem wir sie vollständig benutzt haben, ziu' rücksendung bereit, und 
ein exemplar des unterdessen fertig gewordenen dritten theils meiner grammatik 
sollte ihr beigepackt werden; wenn uns nicht der zweifei quälte, ob wir sie jetzt 
dem Postwagen anvertrauen dürfen ? wir besorgen , sie möge von irgend einer ängst- 
lichen grenzbehörde durchstochen und geräuchert werden ^ und schaden nehmen. 
Melden Sie uns doch in der kürze, ob wii- dennoch diesen weg einschlagen und 
etwa eine ausdrückliche Verwahrung gegen alle ihr zugedachte mishandlung bei- 
fügen, oder ob wir mit der seudung bis auf sichere und ruhige zeit warten sollen? 

Benecke lässt jetzt schon die Nithartischen lieder aus der Eiedegger hs. 
drucken.2 Hat sich denn gar keine hofnung zur Wiederauffindung des verlornen 

1) Diese besorgnis Jac. Grimms bezieht sieh auf die gesundheitspolizeilicheu 
Vorkehrungen, welche eben damals, im ersten cholerajahre , in ganz Deutschland getrof- 
fen waren, und meist streng gehandhabt wurden. 

2) Ge. Fr. Benecke, beyträge zur kenntniss der altdeutschen spräche und litte- 
ratur. Zweyte hälfte. Göttingen 1832. s. 303 — 354. — Aufs. 292 berichtet Benecke: 



238 F. BRANKY 

bandes zeigen wollen? ein wirklich unersetzlicher Verlust, wahrscheinlich enthielt 
er wichtige dichtungen. 

Mit wahrer hochachtung und freundschaft 

Ihr 

ergebenster 

Jacob Grimm. 
Die adresse des briefes lautet : 

Dem Hochwürdigen Herrn J. Chmel 
Stiftsgeistlichen und Bibliothecar 
zu 

S. Florian 

in Österreich 

(über Linz und Regensburg). 

Lucern, am 1 Brachmonat 

1834. 
Hochwürdiger, 

Hochwohlgeborner Herr! 

Ein Ihnen gänzlich Unbekannter hat es gewagt, am 1 März dieses Jahres 
Sie mit einem Schreiben zu behelligen: nichts anderes hat mich dazu gebracht als 
der Durst nach geschichtlicher Wahrheit , und die Ueberzeugung er könne und 
werde am besten von Ihnen gelöscht werden. Legen Sie, ich beschwöre Sie, die- 
sen Brief nicht ungelesen aus der Hand! Da ich von dem Schicksale meines Brie- 
fes nichts erfahren habe, nicht weiss ob Sie vielleicht in Wien Ihre geschichtlichen 
Forschungen fortsetzen, und ob überhaupt mein Schreiben Sie erreicht habe; so 
werden Sie es für verzeihlich halten , dass ich meiner grossen Verlegenheit durch 
eine nochmalige freundliche Anfrage zu begegnen suche. In der Voraussetzung 
dass mein Schreiben Ihnen nicht zugekommen sei, erlaube ich mir dessen Inhalt — 
freilich nur kurz — zu wiederholen. 

Seit mehrern Jahren arbeite ich an einer „Geschichte der eidgenössischen 
Bünde," mit breiter Grundlage der Verhältnisse zum Eeiche und zu Oesterreich. 
Der erste Band, welcher bis zum Frieden zwischen Oesterreich, Lucern, Uri, Schwyz 
und Unterwaiden (18 Brachm. 1336) herabreichen wird, soll — wenn immer mög- 
lich — noch im Jahre 183G im Drucke erscheinen oder doch druckfertig liegen. Die 
Arbeit, vielfach erschwert weil ich aus verschiedenen Archiven die Pergamene erst 
noch selber abschreiben musste, bietet jedoch überraschende neue Ergebnisse dar; 
und besonders Oesterreich , das in seineu Fürsten vielfach gehöhnte und verlästerte, 

„Die folgenden lieder sind aus einer handschrift abgedruckt, welche sich in der biblio- 
thek des alten Stahrembergischen Schlosses Eiedegg befindet. Der gelehrte aufseher 
dieser bibliothek, herr Joseph Chmel, canonicus regularis von St. Florian, hatte die 
gute, mir die blätter mitzutheilen." Und weiter, in demselben bände, in den Vorbe- 
merkungen zu seiner ausgäbe des pfaffen Amis, s. 495 fügt er ergänzend hinzu: „Dei? 
Pbaffe Amis ist aus denselben pergamenten abgedruckt, aus welchen Nithards lieder 
genommen sind; der gütigen mittheiluug der lieder folgte bald der ganze band der 
handschrift , der auch einen Iwein enthält [d. i. Laehmanns E] , von welchem aber die 
ersten sieben blätter, oder die ersten 1330 zeilen, verloren sind. Für den Iwein ist 
übrigens die Riedegger handschrift von keiner bedeutung." — Nach Franz Pfeiflers 
angäbe (Germania 12, 65) befindet sich die fürstl. Starhembergische ,. früher zu Riedegg 
aufbewahrte bibliothek jezt in dem Städtchen Efi'erding an der Donau, oberhalb Linz. 



ZWEI BRIEFE VON J. GRTMM UND KOPP AN CHMEL 239 

wird sich der geschichtlichen Wahrheit zu erfreuen hahen. Darum ergeht an Sic, 
Huchwürdiger Herr! meine im Namen der Geschichte dringendste Bitte, dass Sie 
mir, wo etwa an der Vollendung des Bildes der Wahrheit noch einige Züge feh- 
len, die nothigen Farben aus Ihrem gewiss reichen Vorrathe beisteuern mögen. 

Um nicht einen wörtlichen Auszug meines ersten Schreibens zu geben; 
begnüge ich mich hier nur einzelne Urkunden anzuschreiben, die mir von unge- 
meinem Nutzen sein werden: 

1. den Belehnungsbrief Herzogs Alb recht durch König Adolf; 

2. den Belehnungsbrief seiner Brüder durch König Fridcrich; 

(Das Wann und Wo dieser beiden Briefe ist sehr wichtig für die 
Geschichte Oesterreichs ; leider hat Ihr gelehrter Mitbruder, Hr. Kurz, 
die vordem Lande zu wenig berücksichtigt;) 

3. den Brief vom 2 Jänner 1299, der den Herzog Johannes von Oesterrcich 
betrifft und in Ad. Fr. Kollarii Analecta Monum. omnis aevi Vindobon. I, 1120 
nur angedeutet ist; bei diesem Briefe Liegen höchst wahrscheinlich, als Folge des- 
sen , noch andere ; 

4. das Bündniss H. Heinrichs von Kärnthen, als Königs von Böhmen, mit 
Grafen Eberhard von Wirtemberg im J. 1308 wider den Rom. König Albrecht; die- 
ser findet sich, leider ohne näheres Datum und nur im Auszuge, bei H. Ch, Sen- 
ckenberg Sei. Juris et Historiarum II, 255; 

5. die Briefe der Grafen von Montfort, von Hohenberg, von Werdenberg; 
des Freien Walthers von Geroldsegg; des Grafen Hartmanns vonKyburg, und wohl 
noch Anderer, die sich 1314/5 für König Friderich erklärten: die Herbeischaffung 
dieser Urkunden dürfte um so leichter sein, da Hr. Kurz selbe in seinem Fride- 
rich d. Seh. S. 136, Anm. **, gewiss vor sich hatte; 

6. den Brief von 1334, welcher auf Befehl Kaiser Ludwigs von Baiern die 
Eechte Oesterreichs in den Waldstädten bestimmte; und 

7. den Friedensbrief von 1336 mit Uri, Schwyz und Unterwaiden. Diese 
zwei, für die rechtliche Stellung Oesterreichs zu den vordem Landen höchst wich- 
tige, Briefe sind in unsern Archiven nicht mehr vorhanden; wohl aber der Frie- 
densbrief 1336 mit Lucern , der mit dem vorhergehenden an einem und demselben 
Tage gegeben ist, und welcher mehr zu Gunsten Oesterreichs als Lucerns spricht. 
Wie? sollten jene Briefe, mit sovielen andern die uns ganz nahe angehen müssten, 
nicht noch in Wien oder in Insbruck liegen? oder sind nicht nach der Einnahme 
der Teste Baden 1415 die geretteten Archive nach Insbruck gebracht worden ? 

Sie werden daher — ich versichere dieses als Ehrenmann, als einer, der 
einen unbefleckten Namen in die Schriftsteller - Welt hinübernehmen möchte — der 
Geschichte, der Wahrheit, ja Ihrem engern Vaterlande einen Dienst leisten, wenn 
Sie mich bei meiner Arbeit unterstützen. Wäre ich nicht ein armer Erdensohn, 
der von seiner Besoldung kärglich zu leben hat: hätte ich nicht Weib und Kinder, 
denen ich meine erübrigten Pfenninge zunächst schuldig bin; ich wäre längst, mit 
bedeutenden Empfehlungen versehen, zu Ihnen nach Linz und dann nach Wien 
gewandert , um zu versuchen und (wie ich zuversichtlich hoffe) zu erhalten , dass 
meinem Forschen nach Wahrheit die Archive von Wien und Insbruck geöffnet wür- 
den. Jetzt aber bin ich gleichsam ein glebae adscriptus. Wüsste ich nur, ob Sie 
wirklich in Wien arbeiten; so wäre ich gar leicht im Stande, Ihnen oder wer immer 
der geschichtlichen Wahrheit zugänglich ist, die vollgültigsten Beweise vorzulegen, 
dass ich die angesuchte Unterstützung verdiene. Halten Sie dieses nicht für Eitel- 



240 SIEVERS 

keit oder Euhmredigkeit ; ich möchte Ihnen nur ein Pfand meiner Wahrhaftigkeit 
geben. 

Ich möchte Sie nun vor allem und dringend um die Gefälligkeit bitten , mir, 
sobald Ihre Geschäfte es erlauben, wenn auch nur mit zwei oder drei Zeilen den 
Empfang dieses Schreibens anzuzeigen; und zu melden, ob Sie hoffen, dass Sie 
meinem inständigen Gesuche entsprechen können. Sie, Hochwürdiger Herr! der 
Sie den lebhaftesten Eifer für die Geschichte in den eigenen Forschungen bethä- 
tigen, werden es nicht ungütig nehmen, wenn ich mit Sehnsucht einer gefälligen 
Erwiederung^entgegensehe ; gern, von Herzen gern, werde ich zu jeglichem Gegen- 
dienste bereit sein, soweit meine schwachen Kräfte reichen. 

Inzwischen genehmigen Sie, Hochwürdiger Herr! den Ausdruck ausgezeich- 
neter Hochachtung, womit zu geharren die Ehre hat 

Ihr ergebenster Diener 

J. E. Kopp, Professor der alten Sprachen 

am Lyceum zu Lucern. 

Auf der zweiten seite des briefes steht noch von anderer 
hand: 

1333. 20 Juli. Abschrift e. alten Verbindung d. Herrschaft u. Österreich 
ihrer Lande u. Schlösser in der Schweiz und am Rhein gelegen mit etlichen Eid- 
genossen und Reichsstädten. 



Übungsstücke zur Laut- und Flexionslehre der altgermanischen 
Dialekte. Gotisch, Althochdeutsch, Altsächsisch, Angelsäch- 
sisch, Altfriesisch, Altnordisch von Moritz Heyue. Paderborn 1881. 
III. 95 s. 8. Preis: m. n. 1,35. 

Als sich im sommer 1880 ein neudruck der Heyneschen laut- und flexions- 
lehre nötig machte , wolte , so berichtet das vorwort des vorliegenden werkchens, 
der Verfasser dem schon früher widerholt ausgesprochenen wünsche nicht wider- 
streben, einige Übungsstücke für die erste beschäftigung mit den altgermanischen 
dialekten zusammenzustellen, und zwar soll die vorliegende samluug nur die mög- 
lichst schnell zu überwindende anfangsstufe bilden. Demgemäss ist jedem der sechs 
dialekte nur etwa ein bogen texte einschliesslich der anmerkungen gewidmet. Die 
lezteren enthalten die angäbe der Wortbedeutungen, sowie regelmässige verweise 
auf die zum Verständnis der form zu rate zu ziehenden paragraphen der „laut- und 
flexionslehre." 

Über die zweckdienlichkeit eines derartigen hilfsbüchleins werden die mei- 
nungen der beurteiler auseinandergehen. Ref. beschränkt sich deshalb hier darauf, 
nur seiner Überzeugung ausdruck zu geben, dass weder die beschränkung des Stof- 
fes auf das angedeutete minimum, noch die beifügung eines derart ausführlichen 
commentars empfehlenswert sei: lezteres namentlich nicht, weil ein solches hilfs- 
mittel bei dem anfänger gar leicht dem gründlichen und zusammenhängenden Stu- 
dium der grammatik abbruch tut, ohne welches er nicht an die lectüre von texten 
herantreten solte. Ausserdem scheint mir, dass die anmerkungen, namentlich in 
dem nordischen abschnitte, nicht immer genügend ausführlich sind, um dem anfän- 
ger über alle Schwierigkeiten hinwegzuhelfen und ihn zu einem anstandslosen Ver- 
ständnis der texte zu führen. 

Abgesehen von diesen principiellen bedenken, die, wie bemerkt, mancher 
nicht teilen mag, lässt sich an dem buche auch im einzelnen manches nicht ohne 



ÜBER HEYNE, fBUNGSSTÜCKE 241 

Widerspruch hinuehmen. Das scLlimste ist vielleicht, dass das ganze nach dem 
Standpunkte der „laut- und flcxionslöhre" bearbeitet ist, an welcher die specialfor- 
schungeu der leztcn jähre ja fast spurlos vorübergegangen sind. Indessen, das 
war bei der ganzen anläge des büchleins vielleicht auch nicht zu vermeiden. Hin- 
gegen hätte man mit recht in .der einzelausführung grössere sorglichkeit und 
umsieht erwarten dürfen. 

Am wenigsten anstösse bietet, wie vorauszusehen war, der gotische teil. 
S. 2 steht in Job. 11 , 13 dmipau für daußu gedruckt. In der anmcrköng zu Job, 
11, 7 hätte (jaggan fürs gotische doch nicht als reduplicierendes , somllrn als unre- 
gelmässiges verbum aufgeführt werden sollen, da ja *fiaiffafjg nicht existiert (was 
auch der zur stelle angezogene paragraph angibt). El)enso ist die anmorkung zu 
Luc. 1, 79 nicht zutreffend; denn bei den langsilbigen neutralen ,ya-stämmcn über- 
wiegen ja die genitive auf -jis die auf -eis bedeutend; das Verhältnis der belege 
ist 31 : 9. Dass biühti Luc. 1,9, innatf/ähts ib. 29, ajulcdüps 33, milcüfiühts 51 
mit kurzen vocalen statt der längen angesezt werden , notiere ich nur im vorbei- 
gehen, um den überconservativen Standpunkt des Verfassers in fragen der lautlehro 
zu illustrieren. 

Die althochdeutsche abteilung begint mit einem abschnitt aus der 
Benedictinerregel , in welchem (s. 18 fg.) z. 1 eddeslihiu in -lihhiio, z. 12 eocouue- 
liheru in -UJiheru , z. 13 zioifcd in zuifal, z. 23 j}ruadnm in 2)riiadrum, z. 31 
kotes in cotes zu verbessern ist. Zu z. 18 lautet die anraerkung „allu neben allno, 
§ 102." Danach hat der Verfasser offenbar den instrumental des textes, fora allu 
(vgl. Seiler, Paul -Braunes Boitr. I, 444), für den acc. pl. gehalten. — S. 21 
bringt in der anmerkung zu Hymn. XIV, 4 die für die hyninen unmögliche form 
Jcasuarzt statt kasuerzit (s. des ref. ausgäbe der Hymnen s. 26) ; auch für pidaht 
ebenda ist wahrscheinlicher pideclvit anzusetzen. — Es folgt ein stück aus Not- 
kers Übersetzung der Consolatio philosophiae, mit weglassung der acute und wil- 
kürlicher regelung der circumflexe. So schreibt Heyne z. 20 fg. hechennest tu 
gegen das tu der hs., während er z. 35 fg. das handschriftliche söltöst tu in 
soltöst tu ändert. Getilgt sind ferner bei Heyne die endungscircumflexe von 
häbetön z. 22, mäletön z. 23, leidezest z. 31, öugön z. 57; ferner schreibt er 
gegen die hs. z. 27 hirget (hs. pirget) und z. 31 untriuua (hs. undriuua)\ — 
Als probe des bairischen ist ein stück aus der Matthaeusübersetzuug gegeben. 
Dabei Avird, zu 4, hrötli als „fehlerhaft für ftrö^' bezeichnet; ein blick auf 
Grafflll, 291 hätte Heyne wol an dieser auffassung irre machen können. S. 25, 
z. 2 und in der anm. ist uuistit für uuistit zu lesen, in derselben anmerkung 
gaschadön für gischädön. — Aus den anmerkungen zu dem dann folgenden stück 
aus Willeram hebe ich hervor zu 77, 7 die gänzlich überflüssige und falsche form 
scounia neben scönia; zu 78, 2 die angäbe, dass ih haho aus habon dui'ch abfall 
des personalsuffixes entstanden sei; zu 79, 6 das falsch gebildete crkuman für erko- 
vian; auch wäre für wini anm. zu 77, 1 ioine zu schreiben gewesen. — Die frän- 
kischen proben beginnen wie billig mit Isidor. Dabei geschieht der collation Köl- 
bings keine erwähnung, auch ist sie nicht benuzt, wie die fehler 1, 10 gibot für 
chibot (s. 28, z. 3 v. u. wird die falsche lesung noch ausdrücklich betont); 3, 3 des 
für dhes lehren. In der behandlung dieses Stückes schliesst sich Heyne sklavisch 
an Weinhold an; d. h. er verschmäht das ^ (das Weinhold, s. 62, aus typographi- 
schen gründen nicht widergeben konte), obwol er es in dem stück aus dem Mat- 
thaeusevangelium beibehielt; auch schreibt er mit Weinhold 3, 8. 10 sine für das 
handschriftliche sina, während er z. b. 1, 1 mit Weinhold gheistlihlie statt -a bei- 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 16 



243 SIEVER8 

( 

behält. Auch in der quantitätsbezeichnung folgt er getreu seinem führer, unbe- 
kümmert ob dieser zu Heynes sonstigem verfahren stimt oder nicht. Wir lesen 
z. b. 1, 3 cliichundemes , 5 araughemes neben pittames s. 20 (Hymnen); dass dane- 
ben in der anmerkung zu 1, 1 desselben textes, in welchem Heyne nach Weinhold 
-mes schreibt, als form dieser endung -mes angegeben wird, darf dabei nicht weiter 
auffallen. Ein anderes beispiel ist dheä nom. pl. m. 3, 1, während im Matthaeus 
dea gesezt wird. — In dem stücke aus Tatian s. 31 fgg. schwankt Heyne wider 
zwischen seiner eigenen quantitätsbezeichnung und der der ausgäbe des referenten. 
So ändert er z, b. 114, 2 thurftigon der ausgäbe in Übereinstimmung mit seinem 
sonstigen gebrauch in -igon, lässt aber zwei Zeilen vorher suntigomo bestehen; bei 
Otfrid s. 33 fgg. erscheinen dann zur abwechselung wider alle adjectiva auf -ig mit 
langem vocal; zum ausgleich dafür wird dem nom. acc. pl. m. der adjectiva, die 
bis dahin -e hatten, bei Otfried der circumflex geraubt, ebenso das -i des gen. dat. 
sg. und nom. acc. pl. f. der i- stamme bei Otfried in -i gewandelt; doch steht 
widerum z. 33 im text liuti und in der note zu z. 15 seti mit *. In den anmer- 
kungen nehme ich anstoss an der bemerkung zu Tat. 68, 1, wo der accusativ in 
sambaztag wegen des darauf folgenden , vom Übersetzer offenbar nicht verstandenen 
afteren eriren als verstümmelter dativ bezeichnet wird. In der stelle aus Otfried 
z. 13 guataliches loaltent „sie besitzen alles gute" wird guatilili (wie Heyne in der 
note schreibt) fälschlich als adj. in der bedeutung „heilbringend, segensreich" 
genommen (an dem inneren -a- nimt Heyne natürlich keinen anstoss; vermutlich 
war ihm auch nicht erinnerlich, dass das adj. guotlih bei Otfried guallih lautet 
und „herlich" bedeutet). 

Als beispiele des altsächsischen folgen das bruchstück der homilie Bedas 
(in der anm. zu z. 16. 17 lies helpandemo für helpando) und zwei stücke aus dem 
Heliand nach Monacensis und Cottonianus, jedoch in der rectificierten Schreibung 
von Heynes handausgabe: ein verfahren, das sieb wider sonderbar genug ausnimt, 
wenn man bedenkt, dass alle ahd. stücke mit ausnähme etwa der Scheidung von 
u und V nach den handschriften gegeben sind. Dass bezüglich der textconstitution, 
namentlich der interpunktion , die bei dem ersten, der bergpredigt entnommenen 
stücke in Heynes ausgäbe besonders oft der berichtigung bedarf, Heyne auf des 
referenten ausgäbe rücksicht nehme, war ja nicht zu verlangen, aber das durch 
meine coUation als falsch erwiesene untuo 5646 bätto Heyne doch fallen lassen 
dürfen, ohne sich etwas zu vergeben. Von unzweifelhaften fehlem merke ich an 
1339 die widerholung von endi fiundsJcepi aus der folgenden zeile statt endi witi 
gefrummiad ; ferner die angäbe zu 1292, dass hugi neutrum sei. 1331 hätte gi- 
sccqm geschick als plurale tantum angegeben werden müssen. Zu 5665 rauss als 
inf. hrissian, nicht hrisian angesezt werden. 

War bis hieher die auswahl der vorgelegten stücke eine unbedenkliche, so 
lässt sich das von den proben des angelsächsischen s. 49— 67 nicht behaup- 
ten. Wer wie Heyne darauf ausgeht, die ags. hauptdialekte durch beispiele zu 
illustrieren, d. h. proben des northumbrischen beifügt, hätte doch wenigstens für 
den hauptdialekt, das westsächsische, eine probe der älteren und reineren spräche, 
etwa ein stück aus der Cura pastoralis, der chronik oder den gesetzen Aelfreds 
nach dem Parker ras. (C. C. C. 173) geben sollen , statt der stücke aus den jungen 
evangelicnhandschriften oder dem Orosius, die, im vocalismus durchaus regellos, 
bezüglich ihrer altertümlichkeit zu den älteren texten sich etwa verhalten wie 
Nutker oder Willeram zu den ahd. texton aus dem eingang des 9. Jahrhunderts. 
Dazu komt noch, dass Heyne in den biblischen stücken dem texte Thorpcs folgt. 



ÜBER HEYNE, ÜBUNGSSTÜCKE 243 

der, wie längst durch Skeats Marcus (1871) s. XVI bokant ist, teils eine miscliung 
von formen verschiedener handschriften , teils eine reihe ganz wilkürlicher ändcruu- 
gen der Orthographie enthält. 

Als einzige probe der poesie folgt ein abschnitt aus dem von Lumby ver- 
öffentlichten gedichte Bc dumes dasge, das zwar den vorzug hat, leichtverständ- 
lich zu sein, aber dafür auch zu den wenigst anziehenden erzeugnissen der ags. 
poesie gehört und in metrischer beziehung bereits auf einem sehr kunstlosen Stand- 
punkte steht. — Von einzelheiten bemerke ich das praeteritum ät s. 49, statt cpt, 
d. h. M; die länge des vocals wird, auch abgesehen von zahlreichen accenteu, 
durch north, et, d. h. et erwiesen (vgl. die praeposition Oit = north, aßt, mit 
ursprünglich kurzem vocal). Zu Joh. 11, 2 wird (jcyßian irtümlich als „übel, krank 
werden" erklärt; diese bedeutung hat nur das passivum , das auch im texte steht; 
geyflian heisst im activ natürlich nur malo afficere. Zu Joh. 11, 9 eetspyrnd ist 
der inf. falsch als cctspyrnan statt -spurnan oder -sjJornan angegeben, zu stop 
Joh. 11 , 44 als inf. stapan angesezt, obschon nur formen von steppan, stceppan 
sicher belegt sind. Statt nytena Oros. z. 14 ist natürlicih nßtcna zu schreiben; das 
wort, älter westsächs. niäen, north, neten, ist doch deutlich deminutiv zu nedt = 
ahd. wö§. Sehr übel ist auch s. 64, z. 167 die erklärung der nimmerruhenden Wür- 
mer, horxlice {= horsclice) tvyrmas , die das herz des sünders zerfressen, als 
„schmutziger, schnöder, übler" würmer; das misverständnis (das in einem irtum 
bei Lye s. v. horxlic seinen Ursprung zu haben scheint) ist um so auffälliger, als 
Lumby horxlice annähernd richtig durch savayehj widergegeben und die form s. 63 
ganz richtig erklärt hatte. — Als northumbrische probe ist in halb normalisierter 
Schreibung ein stück des Marcus aus der Rushworth glosse mitgeteilt, und zwar 
nach Bouterweks Screadunga, statt nach dem jezt einzig massgebenden texte von 
Skeat. Nach dem lezteren sind bei Heyne zu ändern v. 9 se in pe, 14 cwom in 
com (vielmehr com), 15 furpon in forpon, 22 of in ofer ; in 24 ist pu vor hcelend 
ausgelassen. Ausserdem ist anstössig, dass Heyne das l (d. h. vel) der hs. stets 
durch i., d.h. id est widergibt, wodurch die nebenglossen in ein ganz falsches Ver- 
hältnis zu den an erster stelle stehenden gerückt werden. Neu ist die cntdeckung, 
dass in V. 17 (ie) gedoa eowic pmt (je heopan l ge seoii fiscercs monnü die formen 
beopan und geseon (so schreibt nämlich Heyne mit Bouterwek) „eigentümliche Infi- 
nitive zum verb. subst." sind; bisher hatte man sie wol stets für verba finita gehal- 
ten, und dabei wird es auch wol sein bewenden haben müssen. 

Die friesischen proben sind, abgesehen von geringfügigen änderungen der 
Orthographie, nach Richthofens texten gegeben; nicht immer fehlerfrei; so steht in 
text und anmerkung der s. 71, z. 2 hiseke statt bisöke; s. 75, z. 1 skeltita statt 
skeltäta; s. 74, z. 3 der sechzehnten küre sind die werte besma and vor skera 
ausgelassen. Einige besserungen hätte ausserdem eine vergleichung der nicht 
berücksichtigten neuen textabdrücke von de Haan Hettema gegeben, z. b. s. 71, z. 6 
letslachton für lethsluchton (wodurch die grammatische anmerkung zur stelle über- 
flüssig geworden wäre) , s. 73, z. 4 der elften küre tuivulde statt tutvalte {tuitvalde 
hs.), s. 75, z. 12 tvancl für ivant; s. 76, z. 1 and vor hwä sä, z. 3 tö statt thö. 
Das stück aus dem Rudolfsbuche s. 79 fg. wäre auch besser nach der auf einer 
älteren handschrift basierenden ausgäbe Hettemas als nach Richthofen gegeben, 
welcher nur einen alten druck widergeben konte. In der quantitätsbezeichnung der 
durch nasalausfall gedehnten vocale ist Heyne hier, wie beim alts. und ags., zu 
dem acut zurückgekehrt (statt des circuraflexes, den er in der vierten ausgäbe 
seines Beowulf eingeführt hatte); nur süd wird mit dem circumflex geschrieben, 

16* 



244 erEVERS 

ags. in dem stück aus dem Orosius s. 56, z. 5, fries. sütlier s. 70, z. 5, s. 72, z. 1, 
süthera ebd. z. 6. Ebenso unfassbar wie der grund dieser unterscbeidung ist es . 
dem refcrenten, warum Heyne zwar ßa vieh, thria drei, fri {fria usw.) frei, fn- 
ling freier, ßanä feind usw. schreibt, aber s. 69, 13 thredknilinge (ebenso in der 
anm.) statt -knilinffe, ferner stände sehend, tian zehn u. dgl. ansezt. Soll als dat. 
sg. m. n. tha s. 69, z. 1. 6. 7 oder thä s. 70, z. 6. 9. 11, z. 5 gelten (alle bei- 
spiele gehören demselben stücke an)? S. 71, z. 5 des Emsiger textes lies rüm statt 
rum, s. 76, z. 1 Jiwäsä statt hwasä. — Zu den versen aus dem Eudolfsbuch s. 79 
ist endlich zu bemerken, dass Heynes ergänzung der schlusszeile schwerlich richtig 
ist. In den alten text gehören nur drei verspaare, wie denn sowol der alte druck 
als die von Hettema edierte hs. s. 79, z. 4 thria tingh, nicht fioioer lesen {fioiver 
ist von Eichthofen eingesezt); die zeile dat fiarde om liyara ayn fridoem ist offen- 
bar ein späterer reimloser zusatz. Ausserdem ist der acc. fridome des druckes 
offenbar in fridoem zu ändern, wie auch der druck sonst schreibt (auch liest Het- 
temas hs. richtig 7»mra ayne fridom), und damit fält der reim auf den dat. Börne. 

Die skandinavische abteilung endlich begint mit einem abschnitt aus 
Gylfaginning, der nachWilkens text gegeben ist. Die beiden druckfehler bei Wil- 
ken 6 , 4 ßridja für priäja und 7, 7 Ijös für Jjöss nom. sg. m. (welche Wilken selbst 
am Schlüsse seines buches berichtigt hat) finden sich natürlich bei Heyne s. 84 
und 85 (cap. 3, 4 und 4, IG) wider, der leztere auch noch einmal in der anraer- 
kung widerholt ! Danach wird auch smiäadi cap. 3 , 10 statt smidaäi wol nur her- 
übernahme eines (übrigens ebenfals berichtigten) druckfehlers bei Wilken sein und 
nicht auf bedachter änderung nach ahd. smidön usw. beruhen , zumal die länge 
des * in altn. smida volkommen feststeht; vgl. z. b. die hending smidandar draf- 
nida Njäla cap. 44, str. 4, smiäat als ausgang einer dröttkvaettzeile ebenda cap. 45 
u. ä. — In der bezeichnung der quantität herscht abermals grosse inconsequenz. 
Wir finden golf cap. 2, 24, folk 2, 24, folkit 5, 2 neben tölf 3,3, tölfta 3, 6, 
Vingölf 3, 15, Viäölfi 5, 21, hälfu 3, 16; sialfr{a) 2, 4. 22, sialfum 3, 15 (trotz 
des mangelnden w - umlauts !) , miolk 6 , 3 neben lälg 3,6, lälkr 3,7; ferner sia 
videre 2, 10. 21. 3, 6 neben pviat 2, 30, siar see 4, 5, ßria 6, 11, ßriu 2, 33; 
sagäir ßü 5, 39 neben skaltu 2, 21, stattu 2, 42, ßu fregn 2, 42. Ziemlich 
unglaublich ist es auch, dass heutzutage ein grammatiker noch das fem. und den 
})1. der comparative auf -i statt -i ansetzen kann (visari cap. 2, 7, vinstri 5, 43, 
rikari 7, 2); oder solte es zu viel sein zu verlangen, dass ein solcher wisse, dass 
bereits die ältesten handschriften , und gerade diese vorwiegend, überall, d. h. auch 
beim comparativ, -e neben -i aufweisen? 

Von weiteren anstössen merke ich, ohne erschöpfen zu wollen, noch folgen- 
des au: cap. 2, 5 anm. ist „zu wege bringen" als Übersetzung von Injrja zu bean- 
standen, ebenso 2, 6 anm. „annehmen, aufnehmen" für bregda schlechtweg. Zu 
2, 9 bringt die anm. „borgina {-inna), suffigierter artikel, § 150" sogar den alten 
druckfehler von Heynes laut- und flexionslehre a. a. o. {giöfinna acc. sg. statt giöf- 
ina) abermals zur geltung! 2, 10 anm. wäre doch leggja statt Iccfja zu schreiben 
gewesen. Ganz misverstanden ist 2, 16 seggir hyggjandi „die umsichtigen män- 
ner" ; Heynes anm. zur stelle lautet: „hyggjandi, umsieht, Weisheit, §134 gegen 
ende"! 2, 18 senn heisst „zu gleicher zeit," nicht „schon." Was solte das auch 
heissen: „ein mann spielte da mit Schwertern und hatte schon sieben in der luft"? 
2, 33 anm. lies atmarr für annar. 2, 36. 37 ntvst und ofarst heissen nicht „der 
nächste, der oberste," sondern sind natürlich adverbia. 4, 15 lässt die anm. „hel- 
grindr, fem., pforten der unterweit" nicht deutlich hervortreten, dass -/;nwf7r plural 



ÜBER HEYNE, ÜBUNGSSTÜCKE 245 

ist. 4, 18 anra. Hess öäul, öäal statt oäul, oSal. 5, 4 anra. sinär ist „schlacke," 
iiiclit „Splitter von stein oder metair' wie Heyne angibt; liat sich Heyne den satz 
wol vorübersezt, den er durch jene anmerkung entstehen lässt: „Und als der gift- 
schaum erhärtete Avie ein splitter, der aus dem fcuer koint" ? 5, 5 aum. gefa sta- 
äar heisst nicht „platz greifen," sondern „anhalten, einhalten," hier „aufhören zu 
fliessen.'" 5, 7 ist die bedeutung von jo/i; verkant; „sich vermehren, wachsen" kann 
nur das reflexive aidaslc bedeuten, wie es auch 5, 2 erscheint. Ganz unverständ- 
lich ist mir die dritte anmerkung zu dem satze 5, 15 fg.: af ßeim kvikuclropum 
kvilcnaäi meit krapti pess er tu sendi hitann „und von den tropfen wurde es (etwas) 
lebendig durch die kraft dessert, der die hitze sante" ; sie lautet: „pess er .. der 
art dass." Wie soll da übersezt werden? 5, 16 lies manns statt 7nans. 5, 20 
anm. bringt wider die falsche nominativform vala statt völvu. 0, 2 lies svarar für 
svärar, 14 ägceztan für ageestan, 7, 2 hvürir für livarir, 7, 3 anm. falla (inf.) für 
fdllan. 

Dem stücke aus Gylfaginning folgt als probe des fisröischen dialektes 
das lied von Hjälmar und Angantyr nach Hammershaimb, aber Avider mit verschie- 
denen abweichungen in der quantitätsbezeichnung. Den namen des einen beiden, 
Hjälmar, behält Heyne z. b. zAvar als Hiähnar bei , daneben aber schreibt er siaiv 
14, 2, auch sJcioti 14, 1, kiosi 15, 2, ja selbst den inf. sia 16, 2 trotz des reimes 
auf ä. Zu teir vinda seiß i hünar Jiätt 4, 1 wird bemerkt, hätt gehöre zum ntr. 
segl, es ist aber ohne zweifei adverbium. Zu 11, 2 ist bera npp ihonarorä) wenig 
passend mit „hinauftragen" erklärt, statt mit „vorbringen"; ebenso ist die erklä- 
rnng zu 19, 2 teir lötu i rerri enn nökurr troll schwerlich richtig: „lata (sonst 
schreibt Heyne lata) i verri in schlimmeres sich lassen, schlimmeres unternehmen," 
denn lata heisst hier olme zweifei „sich gebärden." 

Den beschluss machen das dritte und vierte kapitel der Guta saga nach 
der normalisierten ausgäbe von Säve. Hier stösst mau auf die merkwürdige angäbe 
(s. anm. zu 3, 5), dass Ormika dem könig Olaf „12 bäume nebst andern klei- 
nodien" geschenkt habe; in Wirklichkeit waren es aber „12 widder" {tolf ivepru)\ 
In der anmerkung zur selben zeile (riieä andrum klenatmn) erfahren wir sodann, 
dass gotl. „andar = altn. annar'' (!) sei; ebenso richtig könte man nach altn. 
aärir, öärum usw. sagen, neben annarr bestehe im altn. auch eine nebenform 
aäarr oder öäarr. Zu 4, 12 kann rep mest (lies viest) um pann tima „der war der 
mächtigste zu jener zeit" merkt Heyne an „räpa tim — sich bedenken wegen — ," 
ohne uns im übrigen zu sagen, wie diese bedeutung in den Zusammenhang passe 
4, 15 miß ßy fikk (lies fikk) pawn kirkja standa öbrennd heisst nach Heyne nicht 
etwa „so erlangte es die kirche, dass sie unverbrant blieb," sondern „sie fing an 
unverbrant zu bleiben." — 

Doch ich breche endlich ab : manchem wird so schon zu viel des raumes und 
der zeit einem werke von so geringem umfange gewidmet zu sein scheinen. Ich 
habe aber die mühe nicht gescheut, eine liste der Avesentlichcren einzelfehler des- 
selben zusammenzustellen , weil mir dieses nötig schien zur rechtfertigung des 
gesamturteils , mit dem ich von dem buche scheide, dass es nämlich wenigstens 
in seiner gegenwärtigen form durchaus ungeeignet sei, den zweck zu erfüllen, den 
sein autor bei der abfassung im äuge hatte. 

JENA, 5. FEBR. 1882. E. SIEVEßS. 



246 WACKEKNELIi 

Die ge dichte Walthers von der Yogelweide herausgegeben von Hermann 
Paul. Halle, Max Niemeyer. 1882. (IV, 199 s.) A. u. d. t.: Altdeutsche 
textbibliothek no. 1. m. n. 1,80. 

Der herausgeber sagt in der vorrede: „Ich mache nicht den anspruch, mit 
der ausgäbe etwas wesentliches für die kritik und erklärung geleistet zu haben. 
Meine arbeit hat hauptsächlich darin bestanden , aus der masse der aufgestelten 
Vermutungen das wenige sichere oder wenigstens plausible herauszusuchen." — 
Eine solche ausscheidung ist, wie die dinge bei Walther nun einmal liegen, zwei- 
fellos mehr wert, als ein paar neue hypothesen in die weit zu setzen. Ich will 
daher nachzuprüfen suchen, wie weit Paul dieses vorhaben bei der darstellung von 
Walthers leben gelungen ist. Dabei müssen zu seiner eiuleitung auch die anmer- 
kungen unter dem texte, muss ferner noch das, was er in einer gleichzeitigen 
abhandlung (Beiträge VIII, 161 fgg.) über die Chronologie von gedichten Walthers 
beigebracht hat, hinzugenommen werden. In der leztern hat er vor allem einige 
jener scheinkriterien abgetan, mit denen man namentlich in neuester zeit die 
Sprüche datieren zu können glaubte: so die ansieht, dass die gleichtönigon Sprüche 
zeitlich möglichst nahe an einander zu rücken seien, ja dass Walther in keiner 
periode seines lebens mehrere töne neben einander gebraucht, sondern immer, 
nachdem er einen neuen gefunden, den bis dahin angcwanten nicht mehr verwen- 
det habe. Ebenso zeigt Paul, dass Simrocks ansieht, welche darauf hinausgeht, 
einen einheitlichen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Sprüchen des glei- 
chen tones zu finden, unbrauchbar, dass ferner die annähme von den sogenanten 
„Weihestrophen" aufzugeben und jede datierung, welche sich nur darauf stüzt, 
haltlos ist. 

In der ausgäbe begint Paul die darstellung von Walthers leben mit einer 
Übersicht über den heimatstreit, erwähnt die anspräche, welche man für die 
Schweiz, für Franken, Österreich und Tirol und hier für den Innervogelweiderhof 
im Layener Ried erhoben hat, und schliesst sein resumc mit dem satze: „Indessen 
ist Vogelweide und das davon abgeleitete Vogelweider als personenname auch 
anderweitig nachzuweisen, und die sonst für Tirol geltend gemachten gründe sind 
nicht stichhaltig." Mir scheint, dass hier ein sehr wesentlicher unterschied nicht 
beachtet worden ist. Von den bisher nachgewiesenen Vogelweiden kommen jene, 
welche nur einen acker, einen wald, eine wiese oder dgl. bezeichnen, selbstver- 
ständlich gar nicht mehr in betracht, und man könte sich fernerhin füglich die 
mühe ersparen, solche zu suchen; allein auch unter den andern Vogel weiden hat 
die im Layener Eied einen vorzug: „Sie ist die einzige der bisher bekanten, von 
welcher nachgewiesen ist, dass sie sitz eines edlen geschlechtes war. Man könte 
zwar wol sagen: vielleicht waren auch andere Vogelweiden edelsitze, wir wissen 
nur nichts mehr davon — aber ein solcher einwurf wäre müssig. Für jezt erfreut 
sich die neue Tirolische Vogelweide dieses Vorzugs, und er kann ihr nicht bestrit- 
ten werden." So urteilte, auf Ficker gestüzt, auch Schönbach (Anz. f. d. A. IV, 13), 
der sonst nicht zu den anhängern der Tirolischen hcimat Walthers gehört. Wenn 
also die Tiroler Vogelweide sich eines Vorzugs erfreut, der ihr nicht 
bestritten werden kann, so wird es correcter sein, denselben hervorzuheben, 
statt sie unterschiedslos mit den übrigen in den gleichen topf zu werfen. 

Als beweis , dass Walther aus einem ritterbürtigen geschleehte stamme , führt 
Paul in herkömlicher weise den titcl her au (den Zeitgenossen und nachfolger dem 
dichter beilegten) und verAveist ausserdem auf 2, 3; 3, 3; 4, 3 (L. 113, 1; 113, 33; 
MSF. 214, 86), wovon einem ritter die rede geht, unter dem man Walther verste- 



ÜBER WAIiTHER ED. PAUL 247 

hen könte, was uns aber wenig hilft, da die echtheit dieser gediehtc niclit sicher 
ist. Ich glaube, dass sich zur lösung dieser frage wol triftigere bcweisraomento 
hätten finden lassen: In der Eisenacher chronik wird Walther ausdrücklich ritter- 
slacht genant (vgl. Winkelmann, Friedrich II, bd. I, 72), und ebenso deutlich steht 
in Wolfgers rcisercchuungcn : Walther o cantori de Vorjelweide. 

Den anfang von Walthers dichten darf man nach Paul „nicht viel über 1190 
hinaus zurückschieben." Paul nähert sich also wieder Ijachmanns ansatze, wäh- 
rend ihn Rieger und Wilmanns nach 1177 versezten, sicher mit geringerem rechte; 
denn dass Lachm. 6G, 21, worauf sie sich stüzten, zAvischen 1217 — 1219 entstan- 
den sei, lässt sich durch nichts beweisen. 

Auf die wandorzeit Walthers übergehend, riclitet sich Paul zunächst gegen 
die übliche art, „die Wanderungen Walthers und seine beziehungon zu den fürsten- 
höfen auf denjenigen kreis einzuschränken, auf den wir durch die erhaltenen 
gedichte gewiesen werden." Die spitze sticht. Allein Paiü geht dann wider zu 
weit, wenn er fortfährt: „Walther hat an mehreren höfen längere zeit verweilt und 
vielleicht hie und da auf ein dauerndes Verhältnis gerechnet. Dass er aber irgendwo 
jähre lang hinter einander sich aufgehalten habe, ist eine zwar nicht widerlegbare, 
aber auch nicht beweisbare annähme. Seine normale läge stelt er 75, 77 und 
7(j, 38 (Lachm. 31, 29 und 28, 8) ausdrucklich so dar, dass er von tag zu tag 
genötigt sei, sein quartier zu wechseln." Zunächst sei darauf hingewiesen, dass 
diese sätze Pauls sich selbst gegenseitig die köpfe abbeissen; alsdann kann ich in 
den angezogenen Sprüchen nicht finden, dass Walther da von seiner „normalen" 
läge spreche: er sagt nur, dass er noch niemals wirt gewesen sei, und spricht 
von seiner der mal igen läge, die er natürlich als möglichst jämmerlich darstelt, 
weil er k. Otto dadurch bewegen will, ihr mit einem lehen ein ende zu machen. 
Auch was wir sonst von Walthers lebeusgeschichte wissen, reicht aus, um Pauls 
Übertreibung ersichtlich zu machen. Bis 1198 war Walther in Österreich, wo er 
wie Eeinmar die stelle eines „ hofdichters " inne hatte, eine benennung, welche 
Paul gebraucht und mir gut gewählt scheint. „Dass er sich hier jähre lang hin- 
ter einander aufgehalten hat," ist niemals bestritten worden, auch nicht bestreit- 
bar. Alsdann kam er zu k. Philipp; und dass er hier nicht nur „vielleicht," son- 
dern sicher auf ein dauerndes Verhältnis gerechnet, beweist der jubel, mit dem er 
in Lachm. 19, 29 verkündet, dass er dasselbe wirklich gefunden habe: viich hat 
duz riche und ouch diu Jcröne an sich genomen! Er zählt sich zu Pliilipps „hof- 
gesinde," und in dieser Stellung brauchte er ebenso wenig wie früher in Öster- 
reich seines Unterhaltes wegen hinaht hie, morgen dort zu sein. Der aufenthalt 
bei Philipp dauerte aller wahrsclieinlichkeit nach mehrere jähre ;i denn noch 1201 
ist die beziehung Walthers zu Philipp aus den gedichten nachzuweisen. Wenn 
Walther dann in Lachm. 84, 11 vom Wiener hofe sagt: in hirme niemcr, unz ich 
den verdiene, mir mac (daran) 7ioch ivol gelingen, so hat er wider nicht nur „viel- 
leicht," sondern sicher auf ein dauerndes Verhältnis gerechnet; und wenn sich Wal- 
ther später selbst als ingesinde des landgrafen Hermann bezeichnet, so zeigt das 
neuerdings , dass er nach seinem und Hermanns willen längere zeit sich in Thü- 
ringen aufgehalten hat. — Wir haben somit anhaltspunkte genug, die beweisen, 

1) Paul freilich meint: „Das Verhältnis kann nicht von langer dauer gewesen 
sein, wenn die annähme richtig ist, dass er schon im jähre 1200 wider den Wiener 
hof aufgesucht hat." Ich werde aber gleich zeigen, dass sie wahrscheinlich nicht rich- 
tig ist. 



248 WACKERNELIi 

welche Stellung Walther erstrebte, und wie es ihm vielfach gelang, dieselbe auch 
zu erreichen. Daneben lagen nun freilich auch zeiteu, wo Walther zu markte 
stand — wie Lessing in einer ähnlichen läge sich einmal ausdrückte — , wo er des 
Unterhaltes wegen genötigt war, von tag zu tag sein quartier zu wechseln. Und 
in einer solchen periode hat er jene von Paul angezogenen sprüche gedichtet, wo 
Philipp nicht mehr war, und Otto, für den sich der dichter ins zeug geworfen, die 
dienste unbelohnt Hess. 

Walthers persönliche beziehungen zu Otto beginnen nach Paul erst 1212, 
nach andern schon 1209. Gegen die lezteren habe ich schon in der zeitschr. f. öst. 
g. 1880, 8.4:50 geschrieben; allein Paul verirt sich hier wider zu weit an die ent- 
gegengesezte grenze hin: er lässt den spruch Lachm. 11, 30, mit welchem der 
dichter den aus Italien kommenden Otto begrüsst, den ersten unter den in Ottos 
Interesse verfasstcn sein und Lachm. 12, 30; 11, 6 diesem nachfolgen. Dieser rei- 
henfolge kann ich nicht zustimmen; denn die sprüche Lachm. 12, 30 und 11, 6 
beziehen sich direkt auf die bannung Ottos, welche 1210 in Deutschland verkündet 
wurde. Es ist denn nun doch „plausibler," dass sie unter dem frischen eindruck 
derselben und in der absieht , den Umtrieben , die sich in folge derselben in Deutsch- 
land gegen Otto erhoben, entgegenzuwirken, entstanden seien, als ein paar jähre 
nachher. Diese ansieht wird auch durch den Wortlaut der bezüglichen sprüche 
unterstüzt, namentlich durch Lachm. 12, 32 fgg.: uns leien lotmdert nmbe der pfaf- 
fen lere: si Urten uns hi kurzen tafjen (im october 1209 wurde Otto als der 
re^tmässige, von gott gegebene könig zum kaiser gekrönt), das ivellents uns 
nü lüider sagen (durch den bann im november 1210, der sich auch gegen alle jene 
richtete, welche Otto treu bleiben würden). Pfeiffers anordnung dieser sprüche 
(no. 131, 132 und 134) scheint mir die richtigste zu sein, und wir können Walthers 
übertritt zu Otto in das jähr 1210 setzen. 

Unter den besuchen Walthers in Österreich bringt Paul auch noch den bei 
der schwertleite Leopolds: „69, 1 (Lachm. 25, 26) ist wahrscheinlich bei gelegen- 
heit der schwertleite Leopolds verfasst (pflngsten 1200)." Bedeutend vorsichtiger 
drückt er sich in der anmerkung zu 69, 1 aus: „der spruch bezieht sich auf ein 
grosses fest in Wien, vermutlich den ritterschlag Leopolds VII, wozu der ausdruck 
den jungen fürsten am besten passt; Leopold war damals 24 jähre alt. Ausserdem 
kann etwa noch die vermählungsfeier Leopolds im jähre 1203 in betracht kommen." 
Ich kann Paul auch hier nicht zugestehen, dass er das „wahrscheinlichere" 
getroffen hat, wenn er das fest von 1203 nur so neben dem von 1200 anführt. 
Pauls einziges kriterium ist der ausdruck „junger fürst"; allein ich habe schon 
einmal betont, und es wird wol ohnehin klar sein, dass Leopold auch 1203, im 
alter von noch nicht 27 jähren, ein „junger fürst" genant werden konte ; ja käme 
es nur auf diese bezeichnung au, so wäre Nageies meinung, der auf das fest der 
huldigung 1198 geraten ist, noch mehr berechtigt als die Pauls, denn damals war 
Leopold noch mehr „junger fürst." Diese bezeichnung kann also zwischen 1200 und 
1203 nicht entscheiden, und eine andere stütze ist für Walthers gcgeuwart beim 
fest der schwertleite nicht zu finden; wol aber für die beim vermählungsfeste: wir 
besitzen nämlich in den reiserechnungen den urkundlichen nachweis, dass Walther 
in diesem jähre sicher nach Österreich gekommen ist. Haben somit beide ausätze 
den grund a gemeinschaftlich, so hat der von 1203 noch einen grund, und zwar 
einen gewichtigeren grund 1), und dass a + b grösser ist als a dürfte evident sein. 
Aber noch eines komt in betracht: s. 5 hat Paul gesagt: „Walthers Verhältnis zu 
Philipp kann nicht von langer dauer gewesen sein, wenn die annähme richtig ist, 



ÜBER WALTHER ED. PAUL 



249 



dass er schon im jabre 1200 wider den Wiener liof aufgesucht hat." Nun finden 
wir Walther (auch nach Pauls ansieht) noch im jähre 1201 in heziehuug zu Phi- 
lipp, und das spricht also direkt dagegen, dass sich das Verhältnis schon 1200 
gelöst habe und Walthcr schon damals mich Wien gegangen sei. 

Ich habe das alles schon einmal auseinandergosczt und nicht ohne Zustim- 
mung bei solchen zu finden, welche anderer leute bücher nicht nur eitleren, son- 
dern auch lesen. 

Den ersten aufenthalt Walthers in Thüringen bringt auch Paul , auf meinen 
artikel in Germania XXII verweisend , in Zusammenhang mit dem urkundlich beglau- 
bigten aufenthalt Walthers in Österreich 1203. Ich suchte damals meinen neuen 
ansatz mit dem älteren Lachmanns zu vermitteln und vermutete, dass Walther 
nach seinem besuche in Wien nach Thüringen gezogen sei; glaube jezt aber, dass 
er wahrscheinlicher vorher in Thüringen war, so dass Walthers beziehungcn bis 
1203 so ziemlich klar sind: 1198 verliess er Wien, kam zu Philipp, bei dem er 
längere zeit verweilte , denn 1198, 1199, 1201 weisen seine gedichte selbst die 
beziehungen zu Philipp nach; c. 1202 wird er nach Thüringen gekommen sein, von 
wo ihn dann 1203 der krieg, welcher zwischen Philipp und Hermann mit wilder 
grausamkeit losbrach, verdrängte. Er lenkte seine schritte nach Südosten, nach 
Wien, wo es volkommon ruhig war, und wo ihm die glänzende festlichkeit dieses 
Jahres, die Vermählung des herzogs, auch einen besonderen anlass zum erscheinen 
darbot. 

Bei der behandlung von Walthers Verhältnis zu k. Friedrich ist hervorzu- 
heben, dass Paul die sprüche 73, 49 und 73, 61 (Lachm. 12, 6, 18) auf Friedrich 
bezieht, während man sie bisher meist auf Otto deutete , und hierin wird man 
Paul zustimmen müssen. — Der artikel Fickers in den Mitteilungen des Institutes 
für österr. geschichtsforschung I, 303, wornach Walther erzieher herzog Friedrichs 
von Österreich gewesen, scheint Paul entgangen zu sein, obgleich er auch im Jah- 
resbericht II , no. 805 zu finden gewesen wäre. — An der ansieht , dass Walther 
nicht nur kreuzlieder gedichtet, sondern auch selbst einen kreuzzug (1228) mit- 
gemacht habe, hält Paul fest. 

Im zweiten teile seiner einleitung behandelt der herausgeber in kurzer Über- 
sicht Walthers Stellung in der geschichte der deutschen lyrik, vorwirft die bis- 
herigen versuche, die zahl von Walthers minneverhältnissen zu bestimmen und die 
einzelnen lieder darauf zu verteilen, weist ferner darauf hin, dass Walthers poli- 
tische Sprüche „nicht als blosse äusserung seiner privatmeinung betrachtet werden 
dürfen, sondern dass sie vielmehr einen gewissen officiellen charakter haben und 
das Interesse und den Standpunkt eines fürsten oder einer politischen partei vertre- 
ten, vielleicht von daher ihrem Inhalte nach geradezu eingegeben seien." Dass 
Walthers politische äusserungen den Standpunkt einer bestimten politischen partei 
vertreten , kann nicht bezweifelt werden , und wer einmal seine sprüche daraufhin 
durchgesehen hat, dem wird auch die partei selbst, welcher Walther durch sein 
dichterwort in der öffentlichen meinung halt und nachdruck verlieh , nicht unbekant 
bleiben: er vertrat die politik der Staufer nach innen und nach aussen. Das wird 
man stets festhalten müssen, wenn von Walthers politischer Stellung gesprochen 
wird, denn sonst wird man nur zu gern jene Schwenkungen von Philipp zu Otto 
und von diesem wider zu Friedrich der wankelmütigkeit des dichters zur last 
legen — wie es wirklich widerholt geschehen ist — , während sie vielmehr die ganze 
partei, der er sich angeschlossen, durchgemacht hat. Auch Wolfger von Passau, 
mit dem wir Walther in persönlichen beziehungen erblickten, war anhänger der 



250 5EÜFFERT 

Staufer und eine der hervorragendsten persönlichkeiten der damaligen deutschen 
reichskanzlei. Es würde sich der mühe lohnen, diesen dingen in einer detailarheit 
einmal ins genaueste nachzugehen. 

Im dritten teile bringt Paul einige hemerkungon über die Überlieferung und 
die kritische behandlung der gedichte Walthers, meist nach Wilmanns und Lach- 
mann. Die prüfung des textes will ich verschieben, da bereits eine neue ausgäbe 
Walthers in sieht ist. 

INNSBRUCK, MÄRZ 1882. J. E. WACKERNELL. 



Kichard Thiele, Eva Lessing. I. Halle a/S., Waisenhaus 1881. VIII, 109 s. 
gr. 8. Nebst einem bilde von Eva Lessing in holzschnitt. M. 2,40. 

Die frauen unserer dichter haben unglück. Vor wenigen jähren hat Fulda 
Charlotte v. Schiller in anspruchsvoller Oberflächlichkeit verunglimpft. Jezt liegt 
der erste abschnitt eines „lebensbildes" der Eva Lessing vor, dessen gewissenhafte 
gründlichkeit gerade im vergleich mit Fuldas dilettantischer schrift stark hervor- 
tritt, das aber doch auch besser ungeschrieben oder doch ungedruckt geblie- 
ben wäre. 

Thiele will den kundigen eine übersichtliche Zusammenstellung, dem grösse- 
ren publikum aber, zu dem er vor allen die gebildete frauenweit Deutschlands 
rechnet, eine chronologisch, ja oft tagebuchartig gegliederte, schlichte und ein- 
fache erzählung geben (s. V fg.). Hätte er doch solch „kurze und trockene skizze" 
(s. VII) geliefert! Behaglich chronikartig hebt die schrift an, aber dieser ton hallt 
auf den übrigen selten kaum irgendwo wider. 

Der vorliegende erste teil endet mit der Verlobung Lessings, fuhrt also 
gerade bis in den anfang der zeit (1770 — 78), deren Schilderung sich der Verfasser 
als hauptaufgabe mit recht gestelt hat (s. VII). Freilich, die behandlung dieser 
Vorgeschichte wird weder die mitforscher noch die Aveiblichen leser auf die fort- 
setzung begierig machen. Es ist überhaupt fraglich , ob Eva Lessing eine biogra- 
phie nötig hat. Gerade weil ihre „eigenen erlebnisse so geringfügig" sind, gerade 
weil „ihr leben nur ganz bürgerlich ruhig und einfach verfloss" (s. VI) , wird sie 
nicht die heldin einer lebensgeschichte abgeben können , sondern nur in der bio- 
graphie Lessings ihren platz einnehmen dürfen. Aber abgesehen davon; wie nun 
einmal das quellcnmaterial beschaffen ist, ist der biograph Evas wesentlich auf die 
ausnützung ihres briefwechsels mit Lessing angeAviesen. Wird man nun nicht lie- 
ber gleich die briefe selbst lesen, als umgeschriebene auszüge daraus, zumal der 
briefwechsel schön und bequem, auch mit erläuterungen versehen widerholt zur 
hand steht? 

Allerdings das verhältuis zwischen Lessing und Eva König enthült sich 
darin nur sprunghaft. Die Zwischenglieder aufzuzeigen war die aufgäbe des bio- 
graphen, lag aber mit sehr geringen ausnahmen nicht in seiner macht. Er suchte 
deshalb auf dem wege der Vermutung die lücken auszufüllen , und so kam in seine 
schrift die bunte reihe von: wol und vielleicht und wahrscheinlich; man darf anneh- 
men und man greift vielleicht kaum fehl; soll, möchte und wird und all die schö- 
nen aufstellungen mit gewiss, sicherlich, jedenfals usf., die überall aushelfea müs- 
sen, wo etwas nicht gewiss, nicht sicher usw. ist. Damit hat der Verfasser die 
grenze zwischen herauslesen und hineinlesen oft überschritten. Es ist nicht leicht, 
die schmale Scheidelinie stets zu beachten und sie wird allerorten und jederzeit 
auch von besonnenen forschem vielfach verfehlt. Aber hier wird nach dieser rieh- 



ÜBER THIELE, EVA LESSING 251 

tnng nicht nur in zu ausgedehntem masse gesündigt, sondern auch an den punk- 
ten, wo der sacho nur mit urliundlicher gewissheit gedient worden konte. Z. b. ist 
die boweisführung (s. 20) wol rhctoriscli, iiber nicht überzeugend, dass Lessing das 
amt in Wolfonbüttol nur um deswillen angenommen habe, um sich eine Stellung 
zu verschaffen, welche die vorehelichung mit frau König ermöglichen solte. Auch 
dass Lessing unter den freunden in Hamburg, die er sehr ungern verlässt, „in 
erster linie" an Eva König gedacht habe (s. 22) , lässt sich nicht behaupten. Ebenso 
fragwürdig ist, was Thiele bei gelegenheit der reise der witwe nach Wien erzählt 
(s. 38 fg.): „Lessing hat sie in Braunschweig sicherlich aufgesucht, ja ihr verkehr 
muss daselbst ein ziemlich intimer gewesen sein, da sie dem freunde erlaubt, für 
sie auf der reise zu sorgen: er darf ihr seinen pelz mitgeben. Auch wird schon 
manches wort gefallen sein, das auf die zukunft bezug hatte. Man greift kaum 
fehl, wenn man annimt, dass Lessing, allerdings nach seiner art in zartester weise, 
in Eva gedrungen ist und eine art erklärung hat herbeiführen wollen, dass Eva 

aber diese erklärung bis zu ihrer zurückkunft aufgeschoben habe." Von all dem 

ist nichts bewiesen und erweislich , als dass ihr Lessing einen alten reisepelz gelie- 
hen hat. Ebenso künstlich wird in die nüchternen worte der frau König über das 
liebesverhältnis des herrn v. Kuntzsch: „die abwesenheit ist meistens die beste 
kur für verliebte" eine „schwermütige und doch so sitsam zurückhaltende anfrage" 
hineininterpretiert, wie es um Lessings liebe zu ihr stehe (s. 78). Hätte Lessing 
im april 1771 wirklich um sie geworben (s. 92), dann hätte Eva erraten müssen, 
was er aus ihrer bemühung für Kuntzsch schliessen wolte; sie zerbrach sich aber 
vergebens darüber den köpf (vgl. Hcmpol XX ^, 417. XX 2, 461). Ist in diesen 
stücken die gründlichkeit , die mehr ergründen will als begründet ist, geradezu 
gefährlich , so ist sie ein andermal wenigstens überflüssig ; z. b. bei der bemerkung, 
wälirend der frau König abwesenheit seien vielleicht hin und wider ihre kinder 
von dem wenig gewissenhaften oheim oder von freundinnen und freunden der mut- 
ter beaufsichtigt worden (s. 37) u. dgl. m. 

Aber auch wo der Verfasser feststehendes berichtet, lässt er sich zur mit- 
teilung von dingen hinreissen , die für das lebensbild der Eva König gar nichts 
bezeichnendes enthalten. Der leser will ihre erlebnisse , die eigenart ihres tuns 
und treibens , ihre urteile über das was ihr begegnet usf. vernehmen , aber nichts 
woran sie nicht tätigen anteil genommen, noch wovon sie nichts angenommen hat. 
Wozu also eine aufzählnng der tagesneuigkeiten, die ihr Lessing schreibt? wozu 
die ausführung auf s. 52 — 60 über die Wiener in der tat „nicht völlig uubekan- 
ten" Verhältnisse? erscheint sie darnach etwa in hellerem lichte, wenn sie auf Les- 
sings wünsch referate über das dortige theater abgibt? ein wünsch, der, nebenbei 
sei es gesagt, doch wahrlich nicht beweist, dass er ihre Urteilsfähigkeit höher 
stelt als die Sonncnfels' (s. 80). Auch über Lessing erfahren wir mehr, als in die 
biographie der König gehört, trotz der anmerkung s. 11 , welche verspricht, nur 
was für den vorliegenden zweck von Wichtigkeit ist oder sich neu herausgestelt hat, 
aus Lessings leben zu erwähnen. Der Verfasser widersteht der Versuchung zu 
ab Schweifungen , welche seine umfassenden vorarbeiten nahe legten, nicht genügend. 
Sonst würde er z. b. nicht, weil er vermutet, dass das Königsche haus gastfrei 
war, aus berichten über das damalige Hamburg mehrere Seiten excerpieren, um zu 
schildern, wie üppig es dort in andern familien zugieng (s. 13 fgg.). Er würde 
nicht, weil herr König sich auf dem friedhofe von Venedig eine erkältung zugezo- 
gen haben soll, von diesem herlichen Stückchen erde schwärmen, das umwogt ist 
von dem ewigen meere usw. usw. (s. 18). Alzuviel genauigkeit ist es auch , wenn 



252 SEUFFEKT, ÜBER THIELE, EVA LESSING 

der bogegiiung Evas mit dem Nürnberger boten eine gelahrte anmerkung über das 
seit dem 13. Jahrhundert bestehende städtische postweseu angehängt wird (s. 39), 
oder wenn die preise des Weizens, roggens, hafers, der gerste in Baiern zur zeit 
der durchreise Evas aufgezeichnet werden (s. 87) u. dgl. m. 

Neben solchen abirrungen erweitern das heft auch noch widerholungen, Z. b. 
s. 4 Job. Dav. Hahn sei profossor in Utrecht gewesen; ebenso s. o4. Oder: sie 
wartete ab, bis sie körperlich wider wolwar, ehe sie die weite reise antrat. Dann 
zögerte sie keinen augenblick weiter, dieselbe zu unternehmen, eher aber erlaubte 
es ihr gesundhcitszustand nicht (s. 38) usw. Ausserordentlich häufig lesen wir 
darum: wie schon erwähnt, wie gesagt, um es zu widerholen. Und umgekehrt die 
Vorandeutungen: wie wir später kennen lernen werden, näheres werden wir später 
mitteilen , wir werden bald noch viel besser bestätigt finden , worauf wir später 
noch einmal zurückkommen werden u. dgl. m. 

Endlich könte die Seitenzahl wesentlich verringert sein durch die ausmerzung 
phrasenhafter, zumeist ganz inhaltsleerer und zum teil geschmackloser Wendungen. 
So : Eva „ist auch der inkarnierte Lessing ins weibliche übersezt" (s. V) . „die arme 
dulderin Eva" (s. 9), „die feinfühlende und doch [?!] stolze frau" (s. 72), Lessing 
„der wackere freund" (s. 9), „der edle charakter des vielgeprüften mannes" (s. 48); 
„auch der immer streitfertige Ares des deutschen wissenschaftlichen Olymps beugte 
sich endlich vor der bezaubernden anmut der holdselig lächelnden Kypris. Jezt 
nach dem tode von Evas gatten, als sie, doppelt schön durch den schmerz, eine 
trauernde witwe und eine kummervolle mutter von vier unerzogenen kindern, sor- 
gend und zagend allein dastand, da schwoll dem edlen mcnschenfreunde Lessing 
das tiefbewegte herz" usf. (s. 23). S. 55 werden die mitglieder der Wiener deut- 
schen geselschaft mit schnatternden gänsen verglichen im gegensatz zu den adlern 
Lessing und Klopstock. S. 46: Evas dienstmädchen hat sich betrunken: „sehr 
charakteristisch für die damaligen sitten" ruft der Verfasser aus. 

Über solch lästigen mangeln der darstollung vergisst der leser das gute, 
was Thiele bringt: die umsichtige gründlichkeit bewährt sich natürlich wie im 
schlechten so auch im guten. Was verfängt ein gelegentlicher irtum in einer klei- 
nigkeit, z. b. darin, dass die Nürnberger freunde nicht bis Bamberg (s. 41) ent- 
gegenreisten, sondern nur bis Erlangen (Hempel XX"^, 371); dass Eva den besuch 
Murrs nicht deswegen umgieng, Aveil „der mann ihr wohl zu fade war" (s. 44), 
sondern Aveil sie keine veranlassung dazu hatte, nachdem Lessing ihr geschrieben, 
sie brauche ihn nicht von ihm zu grüssen (Hempel XX i, 366). Mühsam hat Thiele 
auch entlegene quellen aufgedeckt und hätte er seine chronologischen und andern 
beitrage über die familie und das leben Evas in kurzer fassung veröffentlicht, so 
würde sein sammelfleiss mehr dank ernten als durch die vorliegende schrift. 

WüBZBüRG. B. SEÜFFERT. 



Paul Noack , Eine Geschichte der relativen Pronomina in der eng- 
lischen Sprache. Göttingen, G. Calvör 1882. 

Vorstehende schrift ist augenscheinlich eine erstlingsarbeit. Und zwar hat ihr 
Verfasser mit grossem fleiss alles, was sich auf seinen gegenständ bezog, aus zahl- 
reichen Schriften zusammengetragen und in gute Ordnung gebracht. Das schrift- 
chen kann hiernach recht wol allen solchen empfohlen werden, denen es darum 
zu tun ist zu erfahren, wer alles über die formen und functionen der englischen 
relativa , wie sie zu gewissen Zeiten und in gewissen denkmälern auftreten , sich 



KLINÖHABDT, ÜBER NOACK , REIiAT. PRON. IM ENGLISCHEN 853 

geäussert hat, und welcher art die bcobachtungen resp. hypothesen der einzehieii 
gewesen sind. Mehr aber wird man darin auch nicht finden: zu dem was der 
titcl verspricht, fehlt der arbeit nicht weniger als alles! Man denke auch: eine 
geschichte der relativen pronomina in der englischen spräche auf 80 octavseiten, 
von denen noch dazu die hälfte durch selir splendid gedruckte beispiele eingenom- 
men wird, also genau genommen für jedes Jahrhundert der über tausendjährigen 
spracheutwicklung noch nicht 4 selten! Und dabei ist noch nicht ein einziges 
Jahrhundert auf die vorliegende frage hin erschöpfend von der Wissenschaft durch- 
gearbeitet; aber wäre das auch der fall, wie könte man die fülle der festste! hingen 
auf 3 — 4 selten selbst engsten drucks zusammendrängen! Hiernach wird jeder, der 
nur einigermasseii sein Interesse syntaktischen Untersuchungen gewidmet hat, von 
vorn herein sich sagen , dass der Verfasser die auf dem titel angegebene aufgäbe 
unmöglich gelöst haben kann, und damit erscheint eine weitere bcsprechung eigent- 
lich überflüssig. 

Allein die Noacksche abhandlung ist zugleich ein typischer Vertreter einer 
ganzen gattung syntaktischer schriften , welclie die Wissenschaft nicht einen ein- 
zigen kleinen schritt vorwärts bringen und intelligente kräfto unnütz verbrauchen, 
und darum hält es referent für angezeigt, bei dieser gelegenheit wider einmal die 
principien erfolgreicher syntaktischer forschung kräftigst zu betonen. Unser Ver- 
fasser hat zunächst gefehlt in der wähl eines viel zu umfassenden themas , dem 
zur zeit nicht einmal unsere ersten gelehrten gerecht werden könten, weil fast alle 
vorarbeiten fehlen. Aber natürlich, je weiter und bedeutender das thema ist, desto 
mehr interessanter probleme bietet es, desto mehr fühlt sich der bearbeiter durch 
deren erörterung angeregt und gehoben! Das beliebte verfahren in der ausführung 
eines solchen themas ist aber folgendes : Man unterrichtet sich , was die leute bisher 
über die betreffende frage geschrieben haben , nimt die das tatsächliche betreffen- 
den angaben der Vorgänger im ganzen ohne bedenken auf (doch kann man auch 
zur abwechslung einzelnes „dahingestelt sein lassen") , weist aber von den hypo- 
thesen derselben, die sich auf die theoretische Interpretation der gebotenen tat- 
sachen beziehen, einen teil mit plausiblen gründen algemeiner art zurück, einen 
andern teil, der einem gerade m die arbeit passt, nimt mau ohne weiteres au, 
und endlich, besonders widersprechenden auslassungen wissenschaftlicher grossen 
gegenüber, sucht man mit grösserer oder geringerer bescheidenheit entgegenste- 
hende thcorien zu vereinigen , wol auch einmal eine etwas abweichende eigene ihnen 
als neu gegenüberzu&tellen. ' Soweit gelangt man reclit bequem mit dem studium 
der einschläglichen wissenschaftlichen litteratur und daran geknüpften algemeinen 
erwägungen, und nun handelt es sich bloss noch um eine kleinigkeit: man sieht 
sich die betreffende spräche resp. die einzeklenkmäler an, auf die sich die behan- 
delte syntaktische frage bezieht und sucht soviel beispiele heraus , als gerade hin- 
reichen, um einerseits fremden oder eignen meinungen gegenüber eine art beweis- 
rolle zu spielen, andrerseits um neben den entlehnten beispielen eigne studien zu 
bekunden.* — In dieser weise ist auch die Noacksche schrift zu stände gekommen, 
wie sich jeder leicht überzeugen kann ; daher der subjective und vage stil der 
theoretischen erörterungen mit den häufigen „vielleicht," „wahrscheinlich," „viel- 

1) Gibt es für die gewählte syntaktische irngß überhaupt keinen Vorgänger, 
so ist man darum nicht schlechter gestelt: man hat dann völlig freies fehl für aufstcl- 
lung und ausarheitung einer theorie und verfährt im übrigen rücksichtlich der beispiele 
wie oben. 



264 KlilNGHARD-p 

leicht ist es erlaubt zu behaupten," „im laufe der zeit," „almählich" i u. ä. ; daher 
auch die unbewiesenen und unbestimten urteile wie: „das demonstrative pronomen 
se seö pät finden wir sehr oft mit der relativen partikel pe verbunden, wenn die 
stärke der beziehung zum antecedens besonders anschaulich gemacht werden soll, 
oder aber vielleicht (!) auch nur als ein zeichen, dass das demonstrativum 
relativisch gebraucht ist" s. 9 ; dabei ist es recht grausam vom Verfasser , den 
leser hier in den peinlichen zweifei zu versetzen, welches von den beiden momen- 
ten denn nun ausschlaggebend gewesen ist, während doch s. 12 die schöne beru- 
higung enthält, dass „in vielen, ja fast den meisten (!) fällen die erweiterte form 
[se pe] in derselben weise gebraucht wird wie das einfache pronomen." Ähnlich heisst 
es s. 24: „pat bezieht sich [bei Orm] auf substantiva, wenn ein gewisser nachdruck 
auf sie gelegt werden soll." Ja, wie kann denn der herr dr. Noack erwarten, dass 
man ihm das auf seine noch nicht zwei dutzend abgerissener beispielsätzchen hin 
glaubt? Doch ebensowenig als dass man seine zahlreichen „in den meisten fällen," 
„fast überall," „ziemlich oft," „diese pronomina sind verschwunden" u. ä. als haare 
münze hinnimt, wo doch nicht in einem einzigen falle statistische auszählungen 
den beweis dafür liefern. Die Wissenschaft kann eben nichts machen mit subjec- 
tiven eindrücken , die der eine aus irgend welchem sprachmaterial empfängt und 
der andere gläubig widerholt. So enthält die ganze Noacksche schritt nichts ver- 
lässiges als 1) die angeführten litteratnrnachweise, 2) das was die gegebenen bei- 
spiele ohne weiteres zu beweisen fähig sind, 3) Furnivalls resultatc über das erste 
auftreten von „who" als relativum , denn dieser gelehrte hat hierüber erschöpfende 
statistische erhebungen angesteit und kann seine angaben ziiFermässig belegen. 

In der tat ist Furnivalls methode behufs erzielung sicherer resultate auf dem 
gebiete der syntax die einzig richtige. Aber auch in Deutschland konte Verfasser 
die grundlegenden principien klar und deutlich ausgesprochen finden , verbunden 
mit vortreflichen mustern für syntaktische monographien. Aufs beste sind in die- 
ser hinsieht Behaghels beide Schriften „Die Modi im Heliand" und „Die Zeitfolge 
der abhängigen Rede im Deutschen" zu empfehlen, welche beides, klar festgestelte 
principien und trefliche muster ihrer anwendung bieten. Für Untersuchungen , die 
einem einzigen denkmal (denkmälergruppe) gewidmet sind, verlangt Behaghel s. 5 
der ersteren schrift „eine unbedingt erschöpfende feststellung des tat- 
bestandes. Dann erst ist es möglich, für jeden einzelnen fall die 
äussere Ursache aufzusuchen. Das wird oft dadurch noch erschwert, dass 
verschiedene einflüsse sich kreuzen. Endlich — und dies ist das höchste ziel — 
muss gefragt werden, weshalb diese äussere veranlassung gerade diese Wirkung 
hervorruft"; und man kann den beiden ersten anforderungen nicht besser entspre- 
chen als Behaghel es in der darauf folgenden abhandlung getan (von der dritten 
sieht er aus guten gründen ab). Wie die aufgäbe zu lösen ist, eine sprachliche 
erscheinung durch mehrere oder alle eutwicklungsstufen einer spräche zu verfolgen, 
beschreibt Behaghel s. 3 und 4 der zweiten schrift und ergänzt das dort gesagte 
noch teilweise durch das beispiel der sich daran schliessenden abhandlung: In sol- 
chem falle hat man für die älteste, grundliegende periode der spräche eine gloich- 
fals unbedingt erschöpfende feststellung des tatbestandes zu liefern; für jüngere, 
den forscher durch die reiche fülle der litteratur überwältigende perioden hat der- 

1) Es genügt nicht zu sagen „almählich gewann dies die hersehaft, verschwand 
jenes" u. ä. , sondern es muss eben genau festgestelt werden, auf welchem wege und 
in welcher weise das geschah — das erst heisst ein wissenschaftliches resultat erzielen. 



BER NOACK , RELAT, PRON. IM ENGLISCHEN 2B5 

selbe einzelne wichtige und ausgedehnte denkmäler zweclientsprechend auszuwähkii, 
diese aber widerum in absolut erschöpfender Statistik auszunutzen. 

Dem herrn Verfasser der hier besprochenen schrift will referent nun auf sei- 
nem eigenen gebiete zeigen, wie sich auf einer einzigen soite mehr neues und zur 
sichern Verwertung in der Wissenschaft geeignetes bieten lässt, als seine ganze 
abhandlung enthält. Referent wählt als grundlage Beovulf und die Genesis (mit 
ausscheidung der von andcrm Verfasser stammenden verse 235 — 851) und gibt, 
von den hier aufstossenden seltneren arten relativischer bindung absehend , das 
tatsächliche in bezug auf die drei hauptformen relativer bindung: pe, se seö ßtst, 
se ße seö ße (nicht komt vor das neutrum pat pe). Am durchsichtigsten sind bin- 
dungen, wo der dem hauptsatz und dem nebensatz gemeinschaftliche begriff ein 
substantivischer ist. Dieser fall findet sich im Beovulf mit seinen beiläufig 3200 
Versen 84mal, in der Genesis mit 2300 verson 65 mal; der proccntsatz ist ungefähr 
derselbe, und es ergibt sich daher mit Sicherheit, dass die (d. h. diese) gelehrte 
mönchsdichtung sich in bezug auf die häufigkeit relativischer bindung dieser art 
nicht von der Volksdichtung unterscheidet (dasselbe gilt übrigens auch, wenn der 
gemeinschaftliche begriff pronominal ist). — ■ Ferner: Beovulf hat ße 25 mal, se seö 
pect 26 mal, se pe seö ße 33 mal; die Genesis bietet /e 29 mal, se seö ßcct 26 mal, 
se ße seö pe lOmal; d. h. im Beovulf sind die drei bindungen gleich beliebt, in der 
Genesis nur die beiden ersten, die dritte tritt sehr stark zurück (nur in 10 von 
65 fällen verwant); die äussere Ursache des lezteren factums ist erst aus der ver- 
gleichung weiterer denkmäler zu erkennen. — Weiterhin ergibt sich: ße vertritt 
im Beovulf 18 mal unpersönliche, nur 7 mal persönliche begriffe; se seö ßmt steht 
9 mal für unpersönliche, 17 mal für persönliche begriffe; se ße seö ße Bmal für 
unpersönliche, 25raal für persönliche begriffe: d. b. ße wird ebenso auffallend stark 
für unpersönliche begriffe bevorzugt, wie die beiden andern pronomina für persön- 
liche , und zwar ist se pe, seö pe in dieser hinsieht noch beliebter als se seö pect. 
In der Genesis finden wir: ße 21 mal für unpersönliche begriffe, 8 mal für per- 
sönliche begriffe; se seö pect 9 mal für unpersönliche begriffe, 17 mal für persön- 
liche begriffe; se ße seö ße 3 mal für unpersönliche begriffe, 7 mal für persönliche 
begriffe: d. h. auch hier wird ße augenscheinlich für unpersönliche begriffe bevor- 
zugt, während die beiden andern pronomina jedes genau noch einmal so häufig 
persönliche begriffe vertreten wie unpersönliche (dabei ist die summa der persön- 
lichen begriffe der der unpersönlichen begriffe fast genau gleich , nämlich 32 : 33). — 
Eine andere erwägung bezieht sich auf den casus , in dem der nebensatz das rela- 
tivum verlangt: für den nominativ tritt im Beovulf 11 mal ße, 17 mal se seö ßtet, 
29 mal seß'e, seö ße ein, d. h. ße ist für den nomin. sehr wenig beliebt, um so 
mehr se ße seö pe, uud se seö ßcet steht in der mitte: der accusativ ist 14 mal durch 
ße, 5mal durch se seö ßcet, 4mal durch se ße seö pe ausgedrückt: d. h. im accus, 
wiegt der gebrauch von pe vor. In der Genesis hat der nominativ 8mal pe, 14mal 
se seö ßcet, 8 mal se ße seö ße; der accusativ bietet 21 mal pe, 9 mal se seö ßat, 
1 mal se ße {seö ße) ; d. h. ße wird unzweifelhaft für den accusativ bevorzugt , fin- 
den nominativ zurückgesezt , während se seö ßcet für den nominativ wesentlich belieb- 
ter ist als für den accusativ, und se ße, seö ße fast ganz dem nominativ angehört. 
Also auch in dieser frage stimmen Beovulf und Genesis überein. — Indem ich nun 
meine übrigen Zahlenreihen einstweilen im pult ruhen lasse, resümire ich das 
gewonnene : 1) in bezug auf die häufigkeit der relativen bindung zeigt der stil in 
beiden sonst grundverschiedenen denkmälern keine ab weichung; 2) Beovulf verwen- 
det die drei relativen bindungen gleich häufig, die Genesis sezt se ße, seö ße stark 



S56 KIvINGHARDT , ÜBER NOAOK , RELAT. PHON. IM ENGLISCHEN 

zurück; 3) Beovulf sowol wie Genesis ziehen zum bezug auf unpersönliche begriffe 
unzweideutig 'pe vor^ wogegen die beiden andern pronomina in gleichem masse 
für persönlichen bezug beliebt sind; 4) für die Vertretung des accusativ wird in 
beiden denkmälern mit Vorliebe /e gewählt, für den nominativ die beiden andern 
bindungen, und zwar ist se pe seö pe insbesondere dem accusativ abgeneigt (nur 
5 accus, gegen 87 nom.). 

Das wären so einige zahlenstatistisch gewonnene resultate, denen referent 
näclistdem noch einige andere in einem besondern aufsatze hinzuzufügen gedenkt. 
Einstweilen möge aber vorstehendes als probe genügen um zu zeigen, wie allein 
sichere resultate zu gewinnen sind; die Wissenschaft braucht zahlen und tatsachen, 
subjective eindrücke und Vermutungen haben keinen wert für sie. 

Und hiermit sei diese erörterung beschlossen, die mehr um der sache als der 
besprochenen schrift willen diese ausdehnung erhalten hat. Ein weiteres eingehn 
auf die Noacksche abhandlung ist überflüssig, da sie, wie gesagt, eigne resultate 
nicht bietet. Nur auf einiges wenige, das algemeincs Interesse hat, will referent 
noch aufmerksam machen: dass lira in sva liva sra nicht interrogativ, sondern 
indefinit ist, durfte dem Verfasser wol bekant sein; es steht u. a. schon in Erd- 
manns Otfridgrammatik I § 94 gedruckt, und niemand hat mit erfolg diese auffas- 
sung bestritten. — Chaucers eigentümlicher gebrauch von that he = who, that Ms 
= wliose, that Mm = whom stelt sich auf das nächste zu Beovulf pe he = who 
2639. 2642; pe hine = whom ebd. 441. 1437; pe Ms = whose El. 162 und pe Mm 
= {to) tvhom Beöv. 2469 (von Noack freilich misverstanden , vgl. s. 15 u.). — In 
bezug auf das schottische relativ at (Noack s. 53) ist es doch mislich an entleh- 
nung aus dem nordischen zu denken: derartiges Sprachmaterial nimt ein volk nicht 
von anderswo an. Vielmehr dürfte man hier um so eher rein lautlichen abfall des 
anlauts in that annehmen, als ja neuerdings der schwedische gelehrte Kock für das 
nordische at selber die entstchung aus pat nachgewiesen hat; auch lebende deut- 
sche dialecte bieten analogien (thüring. 'enn = denn , selbst nach vokalen). — Auch 
die anlehnung von the ivMch = which an afr. li quels (Mätzner) möchte ich aus 
ähnlichem algemeinen gründe bezweifeln, und die anhänger dieser meinung haben 
erst den möglichst stricten beweis dafür zu liefern (derartiges kann in der tat bis 
zu einem gewissen grade bewiesen werden), ehe sie glauben beanspruchen dürfen. 
Solte eine nähere prüfung orgeben, dass the which ursprünglich nur substantivisch 
gebraucht wurde, so liegt die Vermutung nahe, dass es zuerst the \ which gewesen 
sei, d. h. the als demonstrativum der construction des hauptsatzes angehört habe. 
Ein sicheres urteil darüber lässt sich aber erst gewinnen, wena erschöpfende sta- 
tistische Untersuchungen vorliegen. — Endlich, was die häufung who that, which 
that (im altern, vorelisabethan. englisch) für einfach who, ivhich betrift, so ist 
das angefügte that unzweifelhaft identisch mit dem that in dem eben erwähnten 
that he = who usw. bei Chaucer, und dem ße in ags. se pe auf das engste ver- 
want, d. h. es ist der algemeine exponent des nebensatzverhältnisses, nicht relati- 
visch empfunden (vgl. if that, white that, though that u. ä.). 

REICHENBACH IN SCHLESIEN. H. KLINGHARDT. 



Halle a. S. , Buchdruckerei des "Waisenhauses. 



zu DEN EEUCIISTÜCKEN EINER EVANGELIEN - 
ÜBERSETZUNG. 

Abgedruckt Germ. XIV, 443 fg. und Sitzungsberichte der k. bairischen academio 
der Wissenschaften 1869. 1. b. s. 549 fg. 

Bei einer aus anderen rücksicMen bezüglich dieser bruchstücke 
angestelten Untersuchung haben sich verschiedene beobachtungen auf- 
gedrängt, die auf die entstehung und Vorgeschichte dieser evangelien 
einiges licht zu werfen scheinen. Ich bin weit entfernt davon zu 
glauben , dass alle in der abhandlung gewonnenen resultate auf gewiss- 
heit ansprucli machen; es ist vielmehr, da das einzige substrat der 
Untersuchung die handschrift mit ihrem texte ist, nichts anderes zu 
erwarten , als dass die ausgesprochenen ansichten einen möglichst hohen 
grad von Wahrscheinlichkeit haben. Überall ist selber nun allerdings 
nicht erreicht; doch glaube ich andrerseits keine unbegründeten auf- 
stellungen gemacht zu haben , wobei noch zu bemerken ist , dass viel- 
fach schwächer gestüzte Zwischenglieder durch den Zusammenhang des 
ganzen eine bedeutende kräftigung erfahren. 

Vor allem muss nun constatiert werden, dass in grammatischer 
beziehung die an den beiden angeführten orten bekant gegebenen 
bruchstücke volständig gleich sind. Dies lehrte eine gegenüberstellung 
der nach volständiger samlung aller einzelnen details für beide sich 
ergebenden laut- und formengebung. Es ist aber auch die art und 
weise der Übersetzung eine beiderseits identische, sodass man beide 
teile der bruchstücke als reste derselben Übersetzung ansehen muss. 
Dies wird noch weiter bestätigt dadurch, dass keine doppelte Über- 
setzung derselben stelle sich findet , sondern die beiden teile sich gegen- 
seitig ergänzen. Es kommen noch einzelheiten , wie die beiderseitige 
schöne schrift, die abteilung von je 30 zeilen auf eine seite, unter- 
stützend hinzu. 

Ich halte mich daher für berechtigt, bei der besprechung die in 
der Germania und in den Sitzungsberichten abgedruckten bruchstücke 
als einer handschrift angehörig unter einem zu behandeln. 

Die uns vorliegende handschrift sezt Keinz (Sitzgsber. a. a. o.) 
s. 546 in das ende des 12., spätestens in den anfang des 13. jahrhun- 

ZEITSCHK. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV, 17 



258 3?0MANETa 

derts. Jos. Haupt neut sie Germ. XIV, s. 440 bestirnt noch im 12. Jahr- 
hundert geschrieben. Zu dieser bestirnten äusserung wurde Haupt eben 
durch die ungewisse datierung von Keiuz veranlasst; seine angäbe ist 
darum um so verlässlicher. 

Die handschrift selbst ist aber nur eine abschrift und zwar von 
einem Schreiber gemacht. Abgesehen davon, dass wir dies schon nach 
dem eben bemerkten annehmen dürften, da Keinz und Haupt jeder 
von seinen bruckstücken behaupten, sie seien von einem Schreiber, so 
ist dies um so gewisser, als diese reste beiderseits allen vier evange- 
lien angehören (nur in München fehlt Marcus) , sich gegenseitig ergän- 
zen, und man nicht annehmen kann, dass sich zwei Schreiber in die 
arbeit so geteilt hätten, dass der eine aus jedem evangelium gerade 
die kleineu teile geschrieben habe , die sich jezt in München oder in 
Wien finden. 

Es ergeben sich nun bei betrachtung der lautgestalt, die die Über- 
setzungen der verschiedenen evangelien zeigen, unterschiede zwischen 
den einzelnen, welche besonders zwischen Matthäus und Lucas, von 
denen am meisten erhalten ist, die also auch die besten beobachtungs- 
objecte abgeben, ziemlich bedeutend sind. Da die vorliegenden hand- 
schriftenbruchstücke von einem geschrieben sind und es nicht möglich 
ist , dass derselbe Schreiber im Mt. so geschrieben hätte , im Luc. wie- 
der anders und zwar beträchtlich anders, werden wir dazu geführt, 
diese bruchstücke als reste einer abschrift einer von mehreren gemach- 
ten Übersetzung der evangelien zu erklären. 

Dass v^^ir in dem bruchstück eine abschrift vor uns haben, leh- 
ren Übrigens schon die Schreibfehler , die sich nur durch verlesen einer 
vorläge erklären lassen. So gleich im anfang: 

Mt. 12, 43, Die hs. liest: so der under unreine geist. Der Schrei- 
ber hatte der un- geschrieben und nun hätte -reine nachfolgen sollen, 
er versah sich aber und fieng nochmals mit der an. 

Oder Mt. 23, 13 haben bruchst. truginarenr zusammengeschrie- 
ben. In der vorläge stand: truginare ir. 

Ich will nun versuchen diese mehreren autoren zu erweisen. 
Da zeigt sich gleich ein bedeutender abstand in der widergabe der 
harten gutturalen fricativa eh im auslaut. Am besten ergibt das Ver- 
hältnis eine tabelle.^ 



1) Die anführung der einzelnen «teilen liätte ungemein viel platz weggenoni- 
raen; darum setze ich bloss die summen in den tcxt und kann nur versichern, 
dass ich die Zusammenstellungen mit möglichster genauigkeit gemacht habe. 



ÜBER EINE EVANQELIENÜBERSETZUNG 259 

Es kommen vor im Mt. 60 cli : 39 h, also 61 °/o cli. 

im M. 9 c7^ : 17 /i, „ ^b% cli. 

im Job. 4 ch : 35 7i, „ 10 ^^ eh. 

im Luc. 12 c/i : 87 /i, „ 12 % cJi. 

Mt. uimt eine Sonderstellung ein; ihm zunächst steht M.; Luc. und 

Job. bilden den gegensatz. 

Eine andere, ebenfals sehr in die äugen springende erscheinung 
ist die ungemein häufige Vertretung des e in flexionssilben durch i^ im 
Luc. zumal. 

Hier stelt sich das Verhältnis folgendermassen : 
im Mt. 343 e : 45 i, also 12 7o «• 
mi M. 78 c : 31 «, „ 28% i. 
im Job. 35 c : 35 i, „ 50% i. 
im Luc. 146 e : 210*, „ 59% i. 
Mt. und Luc. stehen sich schroff entgegen, M. und Job. stehen in der 
mitte, M. näher zu Mi, Job. näher zu Luc. 

Aber auch in den stammen selbst ist eine grosse verliebe für i 
als Vertreter von e zu finden. Ein concreter fall ist am besten geeignet 
zu illustrieren. Eclatant sind die verhältniszalilen , welche sich ergeben, 
wenn man beim demonstrativpronomen im sing. masc. die formen mit e 
{der des dem den) den mit i {dir dis dim diu) gegenüberstelt. 
Mt. hat in diesem falle 80 e und nur 3 i, 

Luc. nur 64 e, aber 16 i. 

M, und Job. halten vs^ider die mitte; M. mit 23 e gegen kein i, Job. 
mit 22 e gegen 2 i. Wider stimt M. näher zu Mt., Job. zu Luc. 

Noch einen fall will ich anführen. Der umlaut ist grossenteils 
nicht bezeichnet; aber wo und wie er erscheint, hilft er wider, die 
Scheidung der autorschaft der Übersetzung der vier evaugelien durch- 
zuführen. 

nicht eingetreten ist er: Mt. 123, M. 16, Job. 25, Luc, 85 mal. 
eingetreten ist er : Mt. über 43 , „ 2 , „ 1 , „ 5 „ 
Die zahlen sprechen für sich. Mehr als 33 °/o umlaut bei Mt. 

13% „ „ M. 

6% „ „ Luc. 

4% „ „ Job. 
Mt. steht mit seinen 33% umlaut fast isoliert da, ihm zunächst M,, 
Luc. und Job. halten wider zusammen und bilden den gegensatz. 

Bis jezt habe ich versucht, durch algemein durchgehende züge 
die Verschiedenheit der lautgebung in den einzelnen evaugelien zu docu- 
mentieren. Was schon durch das gesagte ziemlich offenkundig ist, 
wird sich nun durch einzelne züge noch mehr klarstellen. 

17* 



260 TOMANETa 

So kommen mir im Mt. 3 mal ae für e vor {daer Mt. 23 , 22. 
waerdeni 26, 23. gcraa 26, 34), sonst in keinem evangelium. Im Luc. 
komt allerdings einmal ein ae vor in hehaelt Luc. 2, 19. Hier steht 
es aber für ie, also in keinerlei beziehung mit den früheren fällen.^ 

Im Mt. komt 14 mal ai für ei vor, Imal im M. , 3 mal im Luc. 
(davon 2 mal in eigennamen). Man sieht deutlich den unterschied. Der 
umfang des von Luc. erhaltenen ist nicht viel kleiner als der des Mt., 
und die Seltenheit des ei als Ursache des selteneren ai im Luc. darf 
man auch nicht in betracht ziehen , weil es verhältnismässig da gerade 
so oft vorkomt als in den anderen evangelien. 

Eine besonderheit des Mt. sind auch seine 6 für ou. Sie erschei- 
nen 7 mal: herohent Mt. 23 , 14. verUginist 26, 34. chof, chofmde, 
chöften 27, 9. hrutloft 22, 10. 30. Daneben aber das richtige ou, 
z. b. hrutlouß 22, 9. oder verchoiife 13, 46. verchoufet 26, 9. dann 
verlougine 26, 35. Andrerseits steht einmal Mt. 27, 49 loiise für das 
richtige löse. Einmal komt dieses 6 auch bei Job. 6 , 30 gelöbin und 
Luc. 9 , 5 stop vor. 

Ich hoffe , durch das bis jezt angeführte meiner behauptung Sicher- 
heit verliehen zu haben. Die tatsachen sprechen dafür, dass die Über- 
setzung der vier evangelien in den einzelnen evangelien durch verschie- 
dene lautgebung sich unterscheidet, dass sie daher nicht von einem 
gefertigt sein kann. Wie wir gesehen haben, ist der unterschied zwi- 
schen Mt. und Luc. am bedeutendsten (Job. kann nicht so in betracht 
kommen , da von ihm sehr v^enig erhalten ist). Besonders ist die 
Stellung des Mt. eine fast isolierte. Es wird dies später seine erklä- 
rung finden. Wir müssen also vor allem zwei verschiedene Übersetzer 
für diese beiden evangelien constatieren. Nun sehen wir aber , dass 
auch die Übersetzung des M. und Job., soweit diese erhalten sind, 
weder mit Mt. noch mit Luc. stimt, andrerseits aber auch beide für 
sich kein einheitliches bild geben, also weder beide von einem übersezt 
sein können, noch eines von ihnen von dem Übersetzer des Mt. oder 
Luc. gefertigt sein mag. 

Wir kommen also zu dem resultate, die Übersetzung, deren 
abschrift in den bruchstücken uns vorliegt, wurde nicht von einem, 
sondern, soweit es sich beurteilen lässt, von vier, zum wenigsten aber 
von drei verschiedenen persouen gefertigt (wenn nämlich die Übersetzer 
des Luc. und Job. identisch wären). Es handelt sich nun darum, wo 
und wann. 

1) Auf altes e (biheld) wird das ae doch nicht zurückgeführt werden können. 
[behelt, Grsh. pr. 2, 10 = Luc. 2, 19. Z.] 



ÜBER EINE EVANGELIENÜBERSETZÜNG 261 

Was Ulm den ort der entstehuno' dieser Übersetzung aulaugt, so 
verweist die spräche nacli Alemauuicu und speciell in die diöcese von 
Constanz werden wir gewiesen durch die handschrift selbst. Wir finden 
nämlich die evangelien eingeteilt nach kirchlichen fcsttagen und immer, 
wenn man zu einer stelle kam, die an einem bestimten kirchlichen 
festtage gelesen werden solte, wurde eine neue zeile und zwar mit 
grossem buchstabeu begonnen und dazu geschrieben das datum des 
festes, zu dem es gehörte. Die Zuteilung der einzelnen evangelienstel- 
len an die verschiedenen kirchlichen festtage stimt nun mit der in der 
diöcese von Constanz gebräuchlichen Ordnung, die wir aus dem Mis- 
sale Constantiense ersehen können, was Keinz nicht erkant, Haupt 
jedoch richtig hervorgehoben hat. In der Constanzer diöcese ist es 
aber am ehesten S. Gallen, wo ein so umfassendes werk gemacht sein 
könte. Für S. Gallen führt Haupt auch die eigentümlichen längezei- 
chen auf iu, ei (ai) und ie ins feld, die in den meisten fällen unregel- 
mässig und unrichtig durch die ganze handschrift verstreut stehen. 
Dass jedoch die auch von Haupt als für S. Gallen sprechend angeführ- 
ten Schwankungen in der Schreibung des 2^f beweisend wären für S. Gal- 
len, ist nicht gerade notwendig; denn die mhd. Schreiber gebrauchen 
zuweilen neben ph, pf auch ppli, pfh, fph, ppf^ pff, fpf, vgl. Wein- 
hold, Mhd. Gr. § 156. Aber es ist sehr wahrscheinlich nach dem frü- 
her bemerkten und besonders zu beachten ist, dass einmal Luc. 9, 62 
fluoc f im anlaut für |)/" erscheint , was eine speciell S. Gallische erschei- 
nung ist. Dass es aber nur einmal vorkomt, ist die schuld des hier 
corrumpierenden abschreibers , der nicht in S. Gallen schrieb und daher 
diese S. Gallische eigentümlichkeit nicht verstand und auch nicht durch- 
führen konte. 

Ich werde auf alles dies noch einmal zurückkommen bei der frage 
nach einer ahd. vorläge. 

Ist aber S. Gallen der ort der abfassung, so ist als Zeitpunkt 
derselben wol das ende des 11. Jahrhunderts anzusetzen. Dafür spricht 
vor allem ein äusserer grund. J. v. Arx gibt in seiner Geschichte des 
Cantons S. Gallen 1. b. 324 fg. eine Schilderung der zustände in S. Gal- 
len in den Jahren 1077 — 1200. Danach waren damals die Verhältnisse 
in S. Gallen der Wissenschaft so ungünstig als möglich und unter den 
leistungen auf diesem gebiet sehen wir nichts anderes als eine fort- 
führung der casus S. Galli und die lebensbeschreibung des heil. Notker 
von Eckehard V. und diese in ungemein nachlässiger weise. Wie ich 
aber später zeige, ist die Übersetzung eine ziemlich gute und zudem 
ein so umfassendes werk, dass sie in diese so trübe zeit unmöglich fal- 
len kann. 



262 TOMANETZ 

Wir werden sie also in die zweite hälfte des 11. Jahrhunderts 
setzen können, wo noch vorzügliche kräfte im kloster wirkten. Vgl. 
J. V. Arx a. a. o. s. 278. 79, Jedoch eher später als früher, da die 
kentnis des latein doch nicht mehr in volkraft stand und ich später 
einige misverstandene stellen der lateinischen vorläge anzuführen im 
stände sein werde. 

Zu dieser datierung stimt nun auch die spräche. Die Schwächung 
der tönenden vocale der flexionssilben ist gröstenteils durchgedrungen; 
einige ausnahmen finden sich freilich, aber das alemannische hält 
manche solcher altertümlicher formen mit Vorliebe fest, z. b. die o in 
der 2. sw. conj. AGr. § 357. Der umlaut hat die beschränkuug auf 
das kurze a und ist da nicht volständig durchgeführt. Man darf aber 
deswegen das denkmal nicht hoch hinaufrücken in jene zeiten, wo nur 
dieser umlaut vorhanden war. Das erlauben alle übrigen züge nicht, 
die ein bereits ziemlich reines mhd. gepräge haben, wie wir ihm in 
den gedichten der sogenanten Übergangszeit begegnen; vielmehr muss 
man bedenken, dass der umlaut noch im 12. Jahrhundert, umsomehr 
im 11. einem ziemlich bedeutenden widerstand begegnete und dass 
derselbe , selbst als er schon durchgedrungen war , in den haudschriften, 
selbst den des 13. Jahrhunderts, öfters noch uubezeichnet gelassen wurde, 
daher das fehlen desselben in den bruchstücken nicht auffallen darf. 

Es wäre also bis jezt folgendes gewonnen: die uns erhaltenen 
bruchstücke sind bloss eine abschrift, die im 12. Jahrhundert gemacht 
wurde, von einer Übersetzung sämtlicher vier evangelien, die in der 
zweiten hälfte des 11. Jahrhunderts in S. Galleu von einer art über- 
setzerschule angefertigt wurde. 

Jos. Haupt hat aber in der vorrede als vorläge unserer bruchstücke 
eine ahd. Übersetzung der evangelien angenommen. Dass die unmit- 
telbare vorläge der bruchstücke nicht ahd. war, habe ich eben bemerkt. 
Es müste also diese mhd. Übersetzung selbst schon eine vorläge gehabt 
haben, die eventuell ahd. gewesen sein könte. Eine solche ahd. vor- 
läge in ihrer existenz erweisen zu können, wäre sehr interessant, da 
eine ahd. Übersetzung sämtlicher 4 evangelien ein unicum wäre, das 
leider verloren, sich nur erschliessen Hesse. Ich glaube nun, eine 
solche vorläge, deren sich der mhd. Übersetzer, wie ich ihn nennen will, 
bedient hat, nachweisen zu können und zwar auf dem wege der fest- 
stellung des lateinischen bibeltextes, der den bruchtücken zu gründe lag. 
Ob diese vorläge ahd. war , bedarf seines eigenen beweises ; denn von 
vornherein braucht sie es nicht zu sein, sie kann zeitlich der mhd. 
Übersetzung unmittelbar vorausgehen und auch noch in die Übergangs- 
zeit fallen. 



ÜBER EINE EVANGELIENÜBERSETZUNG 263 

Die vergieichung nahm ich nach den bei Sabatier^ unter dem 
text angegebeneu Varianten der verschiedenen handschriften vor. 

Die markanteste stelle bot sich gleich bei aufang der Untersuchung. 
Mt. 23, 13 folgt nämlich in den bruchstücken nicht 23, 14, sondern 
23, 15, die reihenfolge 23, 13. 15. 14 bildend. 

Diese änderuug in der richtigen abfolge der verse ist an sich 
schon auffallend ; sie wird dies aber noch mehr , Avenn Sabatier a. a. o. 
III, 139 zu Mt. 23, 14 angibt, dieser vers fehle in den meisten und 
zwar guten handschriften. Jedoch die erklärung bietet sich leicht: 
der mhd. Übersetzer hatte eine Übersetzung der evangelien vor sich, 
die nach einer lateinischen handschrift gefertigt worden war, in wel- 
cher Mt. 23, 14 fehlte. In dem lateinischen exemplar, das er selbst 
benuzte, war aber 23, 14 enthalten und er trug nun diesen vers wenig- 
stens noch nach 23, 15 ein, weil er wahrscheinlich 15 schon geschrie- 
ben hatte, ehe er auf den fehler aufmerksam geworden war. 

Es sei gleich hier bemerkt, dass es keine lateinische noch grie- 
chische handschrift gibt, die obige reihenfolge Mt. 23, 13. 15. 14 böte. 
Die erklärung also, der mhd. Übersetzer wäre bei dieser anordnung 
einer lat. oder griech. vorläge gefolgt, entfält von selbst. Übrigens 
stehen unsere bruchstücke mit dieser Verstellung von Mt. 23, 14 nicht 
vereinzelt da. Ähliches fand ich in der md. evangelienübersetzung, 
die im 9. bände der ztschr. abgedruckt ist. Hier stand auch ursprüng- 
lich Mt. 23, 13. 15. 14 fehlte und wurde erst später, aber nicht hin- 
ter 15, sondern vor 13 eingeschoben. Die hs. dieser md. evangelien 
ist also auch schon eine abschrift. ^ 

Wolte man diese erscheinung so erklären, dass allenfals 23, 14 
schon in der ersten Übersetzung an die seite geschrieben stand , so wäre 
nicht einzusehen, warum der mhd. Überarbeiter, auf dessen fähigkeiten 
wir aus der art und weise der Übersetzung nur einen günstigen schluss 
ziehen können , dann nicht gleich die richtige anordnung getroffen hätte. 

Ist es aber erst in der mhd. Überarbeitung an der seite nach- 
getragen und erst vom abschreiber, dem Schreiber unserer bruchstücke, 
in den text eingeschaltet worden, so kann diese nachtragung auch nur 
vom Übersetzer des übrigen erhaltenen Matthäusevangeliums geschehen 
sein, da die art und weise der Übersetzung dieses verses auf das 

1) Bibliorum sanctorum latinae versiones autiquae seu vetus Italica et caete- 
rae, quaecumque in codicibus mss. et autiquorura libris reperiri potuerunt, quae cum 
vulgata latiua et cum textu graeco comparautur. Opera et studio D. Petri Saba- 
tiei-, ordinis sancti Benedicti e congregatione sancti Mauri. Remis 1743. 3 B. 
Das neue testament steht im 3. band. 

2) [Mat. 23, 13. 14. 15 haben gleichlautende anfangszeilen , daher das ver- 
sehen. Z.] 



264 TOMANETZ 

genaueste mit dem Charakter des übrigen übereinstimt. Es ist freilich nur 
ein vers, aber er hat in der hs. 4 Zeilen, ist also nicht so unbedeutend. 
Es könte aber auch der abschreiber ohne jede vorläge vers 14 
eingefügt haben; aber es ist dies einem abschreiber schon von vorn- 
herein zu viel zugemutet und dann spricht dagegen, was eben 
erwähnt wurde, die Übereinstimmung der art der Übersetzung des 
V. 23, 14 mit allem anderen erhaltenen, was diesen vers nur dem 
mhd. Übersetzer zuzuschreiben erlaubt. 

Freilich könte man noch sagen, es war schon eine erste Über- 
setzung vorhanden und in dieser stand schon v. 14 an die seite geschrie- 
ben, dies wurde abgeschrieben und dabei v. 14 in den text aufgenom- 
men , und erst die Überarbeitung dieser abschrift liegt uns selbst wider 
nur in einer abschrift vor. Das hiesse aber eine Vorgeschichte unserer 
bruchstücke construieren , die nur durch diesen fall ihre begründung 
fände, einen fall, der eine bedeutend leichtere erklärung zulässt, die 
mit der erklärung aller übrigen tatsachen auf das volständigste har- 
moniert. Ich halte mich für berechtigt , so lange mir nicht ein ander- 
weitiger zwingender grund nachgewiesen wird, der das mittelglied 
einer der mhd. Übersetzung noch vorhergehenden abschrift notwendig 
machte, an der gleich anfangs gegebenen einfacheren und mit dem 
übrigen übereinstimmenden erklärung festzuhalten. 

Das erste, was sich ergibt und was schon erwähnt wurde, ist, 
dass der erste Übersetzer eine lateinische vorläge hatte, in der Mt. 23, 14 
fehlte, und dass dies nicht der fall war bei dem lat. text des mhd. 
Überarbeiters. 

Unter allen texten , die Sabatier benüzt , und er behauptet in der 
vorrede , dies seien , wenn nicht alle , so doch die vorzüglichsten , haben 
nur die Antiqua in dem ms. Colbert. und die Vulgata nova v. 14 zwi- 
schen 13 und 15. 

"Wir haben also für den mhd. Überarbeiter nur die wähl zwischen 
diesen beiden. Da liegt es denn nun nahe, die deutsche textgestalt 
von V. 14, die nach dem gesagten Originalübersetzung des mhd. Über- 
arbeiters ist, mit dem text der Antiqua und Vulgata zu vergleichen 
und der engere anschluss an den einen oder den andern ist dann ent- 
scheidend. Bruchstücke lesen : mit iwerme langen gehete. Dem gegen- 
über hat die Antiqua: occasione longa orantes, die Vulg.: orationes 
longas orantes. Mir ist es nun nicht zweifelhaft, dass die bruchstücke 
die Übersetzung der lesart der Vulg. geben. Ein zwingender beweis ist 
dies nicht; jedoch anderes spricht so entschieden für die Vulgata und 
gegen die Antiqua, wie sie Sabatier in den text gesezt hat, dass das 
bis jezt wahrscheinliche zur gewisheit erhoben wird. 



ÜBER EINE EVANGELIENÜBERSETZUNG 265 

Vor allem ist bezeichnend, dass in dem ganzen erhaltenen sich 
keine stelle findet, die mit bestimtheit für die Antiqua spräche, aber 
eine anzahl von stellen, die sie ausschliessen ; denn hätte der mhd. 
Überarbeiter nach der Antiqua gearbeitet, so niüste sich der eiufluss 
ihrer textgestalt viel bedeutender zeigen , so , wie sich dies bei der Vul- 
gata darstelt; es gibt aber keine einzige textänderung zu gunsten der 
Antiqua. 

Ich will nur noch einige der gravierendsten stellen hervorheben, 
die die Antiqua ausschliessen. So haben Bruchst. Mt. 27, 38, aller- 
dings in einer stelle , wo nur die halben Zeilen überliefert sind , aber 
das entscheidende doch vorhanden ist: do wurden gc- \ ne schachare 
einer- | ner 2e der winster. Dies folgt der Vulg. : tunc crucißxi sunt 
cum eo lafrones , unus a dextris et unus a sinistris. Antiqua hat noch 
nach latrones die namen der missetäter. In den bruchst. stehen sie 
offenbar nicht. 

Mt. 27, 36 fehlt in der Antiqua ganz. 

M. 8, 10 steht: unt in die geginc cJiom er se ddlmanutha. So auch 

in der Vulgata. Die Antiqua hat Mageda. 
Luc. 7, 7, Wan ih en was selbe niht ioir[dic da]z ih cJiomen 
wäre se dir. haben bruchst., ebenso Vulgata. Der Antiqua man- 
gelt diese stelle ganz. 
L. 4, 18 fehlt der Antiqua: sanare contritos cor de , was die bruchst. 
übersetzen : unt ze heilinde die gesertes herein. 
Ich will mir mit diesen wenigen stellen genügen, obwol sich die- 
ses Verzeichnis noch bedeutend weiter ausdehnen Hesse. 

Soviel ist gewiss, die Antiqua in ihrer hauptgestalt, wie sie Saba- 
tier nach ms. Colbert. in den text sezte, war nicht die vorläge des 
mhd. Überarbeiters. Es bleibt nur die Vulgata. Es lässt sich aber 
für diese der directe beweis erbringen. Wir sehen schon bei den ange- 
führten fünf fällen immer die correspondenz der Vulgata, wir werden 
dies im verlauf noch öfters bemerken können, hauptsache ist aber, 
dass, wie ich später ausführen werde, für die evangelien des M. , Luc. 
und Joh, die Vulgata die ausschliessliche vorläge war. 

Ist nun die vorläge des mhd. Überarbeiters festgestelt, so will 
ich die des ersten Übersetzers bestimmen. 

Es kann dies nur ein text gewesen sein, in welchem Mt. 23, 14 
fehlte und 15 auf 13 folgte. Solcher hss. gibt es aber sehr viele und 
auf die bestimmung der fraglichen hs. können wir daher nicht durch 
diese stelle, sondern nur durch abweichungen in der textgestalt der 
bruchst. von der Vulgata zu gunsten irgend einer dieser handschriften 
geführt werden. 



266 TOMANETZ 

Vor allem will ich zu diesem zweck Mt. 27, 35 hervorheben. 
Dieser vers lautet in der Vulgata: postquam autem crucifixerunt eum, 
diviserunt vestimenta eius sortem mittentes, ut impleretur, qiiod dictum 
est per proplietam dicentem: diviserunt sihi vestimenta mea et super 
vestemmeum miserunt sortem. Dem gegenüber haben bruchst. Mt. 27, 35: 
goten do teilton \ on ir los dar üf \ n sin und fahren dann sofort fort: 
und sasten entsprechend Mt. 27, 36: et sedenfes servabant eum. 

Die bruchst. folgten also einer vorläge, die blos bis — sortem 
mittentes gieng. An ein überspringen beim abschreiben ist bei der son- 
stigen ziemlich bedeutenden Sorgfalt, die nur dreimal im ganzen je 
eine zeile übersehen zu haben scheint (Mt. 23, 8. 30 und L. 2, 37), 
nicht zu denken. 

Unter den hss. haben aber nur 4 die auslassung von — mittentes 
ab , nämlich cod. Cantabrigiensis , die beiden Corboniani und S. Germa- 
nensis I. Also nur eine dieser 4 hss. kann die vorläge des ersten Über- 
setzers gewesen sein. 

Kurz vorher Mt. 23, 21 begeht die Übersetzung einen ziem- 
lich argen fehler. Es steht nämlich da: und swer da swert hi dem 
templo, der swert dabi unt hi allem dem, das da inne ist. Alle hss. 
haben aber: et in illo, qui Jiahitat in ipso, wo durch das masc. offen- 
bar gott gemeint ist. Die bruchst. meinen durch das neutr. sachen. 
Diese irrung konte nur herbeigeführt werden durch den text des Can- 
tabrig. , wo allein von allen hss. eine participialconstruction gesezt ist, 
die das geschlecht offen lässt : qui juravcrit in templo , jurat in eo et 
in liaMtanti eo. 

Eine weitere stelle ist Mt. 23 , 7. 8. Hier lesen alle hss. Radbi. 
Die bruchst. haben maister. Wir sehen allerdings bei dem übesetzer 
das bestreben, alle hebräischen uamen deutsch zu übersetzen; aber es 
ist wol kein zufall, wenn hier als an erster stelle, wo dieses Rabbi, 
wenigstens in den bruchst., vorkommt, der einzige Cantabrigiensis 
Magister hat. 

Übereinstimmungen zwischen den bruchst. und dem Cantabrig., 
die zu seinen gunsten sprächen, sind nicht angeführt, sobald sie in 
einer freien Übersetzung ihren grund haben könten, denn die bruchst. 
übersetzen zu frei, um dergleichen als zwingenden beweisgrund ansetzen 
zu dürfen. So z. b. , wenn gegenüber der Vulgata Mt. 13, 38: sisania 
autem fdii sunt neqiiitiae die bruchst. haben : diu ubelen chint und am 
meisten dem entspricht cod. Claromontanus und Cantabrig.: smtt filii 
maligni; oder Mt. 13, 35 eructabo abscondita ante constitutionem mundi; 
die bruchstücke bieten gerade hier nur halbe zeilen, aber gerade das 
wichtige: — gin von anigenge = verborgin von anigenge. Dem ent- 



ÜBER EINE EVANGELIENÜBERSETZUNG 267 

sprechen am meisten Claromont. und Cantabrig. , wenn sie ah initio 
haben. 

Oder Mt. 22, 36 hat der gemeine text: qiiod mandafum magmim 
est in lege? Bruchst. : maister tveles ist das maiste gehot in der e? 
Diesem entspricht am meisten Ciarom. und Cantabrig. Denn nur diese 
beiden haben steigeruugsformen des magnus, Ciarom, maximum, Can- 
tabrig. maius. 

Solche und ähnliche fälle können nicht beweisen, aber sie kön- 
nen bedeutend unterstützen. Die zulezt angeführten beispiele boten 
lesarten der bruchst., die in allen drei fällen ihre gröste entsprechung 
im cod. Ciarom. und Cantabrig. und nur da finden. Ciarom. ist aber 
nicht unter den früher genanten 4 hss. , die Mt. 27, 36 zum grösten 
teil mit den bruchst. zugleich nicht haben, er ist also dadurch aus- 
geschieden und es bleibt Cantabrig. allein zurück. 

Ich bin nun der meinung, dass dieser cod. Cantabrig. die vorläge 
des ersten Übersetzers bildete. 

Denn noch ein moment tritt hinzu. Es gehen nämlich in man- 
chen entscheidenden fällen die Vulgata und cod. Cantabrig. zusammen, 
man kann also da nicht mit bestimtheit entscheiden, haben die bruchst. 
ebenso übersezt , indem sie darin nur ihrer deutschen vorläge , resp. 
dem Cantabrig. folgten oder änderte hier erst der mhd. Überarbeiter 
an der band der Vulgata. 

Ein solcher fall ist z. b. Mt. 23, 19. Bruchst. lesen: Ir Uinden, 
iveders ist mere, diu gahe oder der altare, der da geheiliget die gahe. 
Nun haben alle hss. sttdti et caeci wie früher 23, 17. Da übersetzen 
auch die bruchst. mit: ir tuniben, ir Minden. Es ist nun nicht ein- 
zusehen, warum sie es 2 verse später nicht übersezt hätten, wenn es 
in ihrer vorläge gestanden hätte. Es gibt aber drei texte, in welchen 
bloss caeci steht, entsprechend dem: ir Minden: Vulgata, Cantabrig. 
und Claromont. Lezterer fält wie früher weg und Vulg. und Cantabrig. 
streiten sich um die priorität. 

Ahnl. Mt. 25, 46, Die Antiqua hat: in ignem aeternum und so 
alle ihre bss. bis auf Cantabrig., der poena hat, und S. Germanensis I 
und Vulgata, die supplicium lesen, und offenbar dies und nicht ignis 
übersetzen die bruchst. mit: in eivige verdamnusside. 

Es darf nun nicht wunder nehmen, wenn die spuren der ersten 
vorläge so gering sind ; es ist ja eine Überarbeitung vorgenommen wor- 
den von männern, die die deutsche spräche ziemlich leicht handhabten 
und wol auch gelehrte bildung hatten, Avie die Übersetzung sämtlicher 
im texte stehender hebräischer namen zeigt; zudem hatten sie ja noch 
die Vulgata zur seite, die eine andere textgestalt bot, als die alte 



268 TOMANETZ 

vorläge, und nacli der sie besserten und änderten. Es ist natürlich, 
dass wir denn auch manches finden, was mit dem Cantabrig. nicht 
stimt, sondern gegen ihn mit der Vulgata. Das gegenteil wäre viel- 
mehr sehr sonderbar und wir müssen froh sein, dass wenigstens eini- 
ges dem Überarbeiter entgieng, was uns auf die spur leitete. 

Den bedeutendsten fall der art habe ich schon besprochen: Mi 
23, 14. Er war es ja, der die grundlage für alles spätere abgab. 

Anderes dergleichen Mt. 23, 25: ir sint innen vol huores unt 
unreinicheit. Dieses unreinicheit kann nur immunditia übersetzen, 
welches die Vulg. und die beiden S. German. haben, und nicht das 
intemperantia der übrigen hss. 

Mt. 23, 34 fehlt im Cantabr. : et ex eis flagelldbitis in synagogis 
vestris. Die bruchst. haben es. Es ist eben vom mhd. Überarbeiter 
ersezt worden. 

Mt. 26,2 fehlt im Cantabr. scitis gegenüber dem wi^ef ir der 
bruchst. Ähnlich noch 22, 13. 40. 

Wichtig ist nun, dass alles bisher von einer vorläge im algemei- 
nen und vom Cantabrig. im speciellen gesagte nur für den Mt. gilt, 
wie auch die beispiele schon ergeben haben, die alle nur aus Mt. 
genommen sind. Wir werden sofort sehen, dass für M., Luc. und Joh. 
Cantabrig. weder noch eine andere hs. der Antiqua, sondern nur die 
Vulgata vorläge gewesen sein kann. Denn nach dem beim Mt. erfah- 
renen müste solch eine andere vorläge wenigstens in einigen spuren 
durchschimmern; denn die gleicMörmigkeit der Übersetzung der vier 
evangelien ist doch so bedeutend , dass man das bei Mt. eingetroffene 
auch für M. , Luc. und Joh. erwarten müste. Es ist aber nicht der 
fall: nicht das geringste kenzeichen, das auf den Cantabrig. hinwiese. 
Schon das könte beweisen; aber dazu treten nun noch eine menge von 
stellen der bedeutendsten art, durch welche Cantabrig. ganz ausgeschlos- 
sen wird. M. 8, 10 haben bruchst. mit der Vulgata: Dalmanutha. 
Cantabrig. liest : Mageda. L. 2 , 4. 5 verbindet Cantabrig. in einen 
vers , unter L. 2 , 4. 5 fehlt dann. Die bruchst. trennen 4 und 5 wie 
die anderen hss. 

L. 4, 18. sanare contritos corde: ze heilinde, die gesertes herzin 

fehlt in mehreren hss. , darunter auch im Cantabrig. 
L. 9, 23. Vulgata: dicebat autem ad omnes: si quis vuU post me 

venire, abnegat semet ipsum et tollat crucem suam cotidie et 

sequatur me. Im Cantabrig. fehlt tollat — sequatur. 
L. 23, 34, Vulgata: Jesus autem dicebat: pater dimitte Ulis: non 

enim sciunt, quid faciunt. dividentes vero vestimenta eius mise- 



ÜBER BINB EVANGBLIENÜBERSETZUNe 069 

runt sortes. Cantabrig. lässt das erste weg und hat üur: 2^«*- 
tiehantur autem vestimenta eins, mittentes sortem. 
L. 23, 37 hat die Vulg. und bmchst. folgendes: et dicentcs: si tu 
es rex Judceorum, salvum te fac. Cantabrig. liest ganz anders: 
ave rex Judceorum, imponentes ei et de spinis coronam. 
L. 23, 39. Vulg.: unus autem deJiis qui pendehant latronihus blas- 
phemebat dicens: si tu es Christus , salvum, fac temetipsum et nos. 
Dagegen Cantabrig. bloss: umis auteln de malignis hlasplieme- 
bat eum. 
L. 23, 45. Vulg.: et obscuratus est sol et velum templi scissum est 
medium. Cantabrig. hat bloss : et obscuratus est sol. Das übrige 
sezt er hinter 23, 46. 
J. 4, 17. Vulg.: quia 7ion Jiabeo virum: ih enhabe niht mannis. 

Dagegen Cantabrig.: quia non Jiabes virum. 
J. 8, 46 fehlt im Cantabrig. 

J. 8, 47 haben Cantabrig. und Vulg. gemeinschaftlich: qui ex deo 
esty verba dei audit. propterea vos non auditis. Das folgende: 
quia ex deo non estis, fehlt im Cantabrig. 

Diese statliche reihe könte noch bedeutend vermehrt werden, doch 
das angeführte genügt wol hinreichend. Ich will nur erwähnen, dass 
jene stellen, in denen im Mt. die bruchst. vom Cantabrig. abweichen, 
bedeutend leichterer art sind, als die hier für die übrigen evangelien 
angeführten. 

Soviel ist wol gewiss , dass der Cantabrig. für M. , Luc. und Joh. 
nie vorläge war. Dasselbe ergibt sich aber für alle hss. der Antiqua 
dadurch , dass in diesen drei evangelien die Übersetzung auf das genau- 
este mit der Vulg. stimt und auch nicht eine abweichung bedeuten- 
derer art, sowie nicht für den Cantabrig., so auch nicht für eine der 
anderen hss. sich zeigt, die sie als vorläge verriete. 

Es bleiben uns also zwei Schlussfolgerungen offen: entweder war 
schon die erste Übersetzung des M. , Luc. und Joh. nach der Vulgata 
gefertigt worden, wo sich dann natürlich in unseren bruchst. keine 
änderung ihr gegenüber finden kann, oder es bestand für diese drei 
evangelien keine mit dem Mt. parallele erste Übersetzung, und die mhd. 
Übersetzung erfolgte sofort aus dem lat. texte der Vulgata. 

Mir ist lezteres wahrscheinlich: denn bei ersterer annähme müste 
man entweder sagen, die erste Übersetzung war im Mt. nach dem Can- 
tabrig. , einer hs. der Antiqua, und in den übrigen drei evangelien nach 
der Vulgata gefertigt, was kaum glaublich ist, oder es waren zwei 
verschiedene, unserer mhd. Übersetzung vorausgehende Übersetzungen 
vorhanden, was noch weniger wahrscheinlich ist. Ausserdem spricht 



8T0 TOMANETZ 

für die zweite Vermutung, dass es ja tatsache ist, dass die nihd. Über- 
setzer die Vulgata beuüzten, da wir das am Mt. - evangelium so deut- 
lich sahen. 

Ich glaube also, folgenden gang annehmen zu können: es war 
eine Übersetzung des evangeliums Mt. vorhanden, diese wurde in mhd. 
zeit überarbeitet und die Übersetzung der übrigen drei evangelien frisch 
dazu gefertigt. 

Die Schicksale des Cantabrig., der nach Sabatier, zu der Masse 
der Italahand Schriften gehörig, doch ziemlich weit sich von ihr entfernt 
und auf eigenen wegen wandelt oder sich der Vulgata nähert, und 
über dessen geschichte er nichts zu berichten weiss, als dass er von 
Beza im 15. Jahrhundert nach Cambridge geschenkt wurde, woher er 
den namen hat, wären wol im stände, den entstehungsort der ersten 
Übersetzung genau zu bestimmen. 

Soviel ist aber sicher, solte auch speciell der Cantabrig. nicht 
hinreichend gestüzt sein: es existierte vor der mhd. Überarbeitung eine 
andere Übersetzung und zwar bloss des Mt. Dazu stimt die schon her- 
vorgehobene Sonderstellung des Mt. in bezug auf einzelnes seiner laut- 
gebung. Manches davon wird schon in der ersten Übersetzung gestan- 
den haben. 

Es lag nun nahe , an einen Zusammenhang mit dem Monseer Mt.- 
evangelium zu denken. Die vergleichung ergab jedoch fast gar nichts. 
Die charakteristische stelle Mt. 23, 14 fehlt leider da. Es fängt das 
betreffende bruchstück mit Mt. 23, 16 an und ich glaube nicht, dass 
man durch Zeilenberechnung auf das fehlen oder vorhandengewesensein 
von V. 14 mit einiger Wahrscheinlichkeit schliessen könte. 

Das eine, was ich gefunden habe, ist ein Schreibfehler in den 
bruchst. Mt. 22, 12, der in der entsprechenden stelle des Mt. -evan- 
geliums seine erklärung zu finden scheint. In den bruchst. steht: 
vriunf, wie cJiomide da herin. cliomide ist keine form, sondern eine 
verschreibung. Mau sieht dies deutlich, wenn man die stelle im Mt.- 
evangelium dagegen hält : friunt , huueo quami du Jiera in. Das clio- 
mide ist das quami du, umsomehr als dann in den bruchst. das du 
fehlt, was sonst nicht der fall ist. Aber dieses quami du kann und 
muss in jeder anderen ahd. vorläge auch gestanden haben; dieser 
Schreibfehler beweist also für das Mt. - evangelium nichts. 

Ein zweites ist wichtiger. Ich erwähnte früher die drei ae für e, 
die bloss im Mt. erscheinen. Von den drei stellen, an denen es in den 
bruchstücken vorkomt, ist nur eine im Monseer Mt. erhalten, nämlich 
Mt. 23, 22 und eigentümliches zusammentreffen! auch hier steht dacr 
wie in den bruchst. Dieses ac für e ist im Monseer Mt. überhaupt 



ÜBER EINE EVANGELIENÜBERSETZÜNÖ 271 

Öfters zu finden uud unsere drei ae können darauf zurückgelieu. Aber 
die spur ist doch zu gering, um einen Zusammenhang zwischen den 
beiden Mt. - evangelien herstellen zu können. 

Es tritt nunmehr an uns die frage heran, war diese Übersetzung 
des Mt. eine ahd. oder fiel sie aucli schon in die Übergangszeit. Da 
Haupt eine ahd. Übersetzung aller vier evangelien constatieren zu kön- 
nen glaubte, müsten ja seine gründe auch für den Mt. beweisen. 

Als ersten grund führt er das schwanken in der widergabe des 
pf, der labialen ten. affr. an. Für eine ahd. vorläge beweist dies gar 
nichts, ebensowenig, wie Haupts zweiter grund, die verschreibungen ; 
denn dies kann und wird nach dem schon früher erwähnten dem abschrei- 
ber zufallen. Den mhd. Übersetzern können vor allem nicht die ver- 
schreibungen zugeschrieben werden. Ich will hier das von Haupt selbst 
angezogene beispiel wählen: L. 10, 13. tvi6 dir Choromim, ivie dir 
hefhsaida. Haupt hält tvie für verlesen aus ime. Wo solte es denn 
der mhd. Übersetzer verlesen haben, wenn ich richtig erkante uud er 
für Luc. keine deutsche vorläge hatte, sondern diesen aus dem lat. 
übersezte? Übrigens kann speciell in diesem fall das ie (das länge- 
zeichen braucht gar nicht berücksichtigt zu werden, da es in gleichen 
fällen zumeist unrichtig gesezt ist) bloss aus der ungewissheit entstan- 
den, ob i oder e geschrieben werden solte. tvz bestand ja neben we. 
Dieser und alle andern Schreibfehler im M. , Luc. und Job. können nur 
dem abschreiber, dem Schreiber unserer bruchst. zufallen und so wol 
auch die im Mt. , obgleich sich da im speciellen fall schwerlich etwas 
bestimtes sagen lässt. Dasselbe gilt für die wechselnde Schreibung des 
])f\ die ja noch ihre besondere erklärung finden wird. 

Für entscheidend für eine ahd. vorläge halte ich aber mit Haupt 
die lesezeichen in der passion Mt. cap. 26. Auffallend und früheres 
bekräftigend ist, dass sich diese auf ältere zeit zurückgehende notatiou 
gerade im Mt. - evangelium findet. 

Ich will hier aufmerksam macheu auf einen fehler, der durch 
diese notation hervorgerufen wurde. Mt. 26, 2 steht: Wizet'- ir. nach 
swein tagen wir^ ostern. Offenbar glaubte der Schreiber, noch nicht 
vertraut mit der bedeutung dieser zeichen, da dieselben vordem nur 
zweimal, und zwar nicht ein t, ihm vorgekommen waren, das ober 
dem text stehende t gehöre zum text. Diese irrung konte um so leich- 
ter herbeigeführt werden, als das unmittelbar frühere zeichen, das 
erste t, auch ober einem t stand: wiset\ er also glauben konte, es 
werde der lezte buchstabe oben widerholt, und es das zweite mal 
unterliess, das t unten zu schreiben. Wem dieser durch ein misver- 
steheu dieser lesezeichen hervorgerufene fehler zur last fält , dem mhd. 



§72 T0MANET2 

Übersetzer oder dem abschreiber, ist von vornherein nicht zu entschei- 
den. Ich glaube das erstere, da ein wichtiges moment dafür spricht. 
Die notirung ist sehr lückenhaft, oft von 2 — 3 zeilen immer erst je 
ein wort damit versehen. Der abschreiber hat aber sehr viel mühe 
aufs schreiben verwendet und speciell diese zeichen ober dem text sehr 
zierlich gemacht. Es ist bei dieser Sorgfalt nicht wahrscheinlich , dass er 
etwas ausgelassen hätte; vielmehr spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, 
dass schon der mhd. Übersetzer sie aus der ahd. vorläge überkommen, 
nicht mehr recht verstanden und daher nur lückenhaft eingesezt habe. 

Vielleicht ist die beobachtung nicht unwichtig, dass diese lese- 
zeichen fast nur über Wörtern stehen , die bei der Übertragung aus dem 
ahd. in den mhd. lautstand höchstens in den flexionssilben Veränderun- 
gen erlitten; meist über das, was, wa, swa , wan, imt, warliche, 
warumbe, niht, zweimal über lierre, einmal über m^m'scAe, wäre, wizet, 
wirt. Es spräche dies nun für das frühere. 

Im 11. Jahrhundert war die kentnis dieser lesezeichen schon eine 
sehr fragmentarische; also zum wenigsten ins 10. Jahrhundert werden 
wir die entstehung der vorläge mit der volständig durchgeführten noti- 
rung mit Wahrscheinlichkeit setzen können ; diese Übersetzung darf also 
schon eine ahd. genant werden. 

Noch höher hinauf ins 9. Jahrhundert weist aber ein Schreib- 
fehler, auf den herr prof. Heinzel mich hinzuweisen die gute hatte, 
Mt. 26, 16 unt darnach süte er die heiliche, wie er in verriete. Ein 
Substantiv diu heiliche gibt es nicht. Es ist also jedenfals ein fehler. 
Ich dachte zuerst an eine verschreibung für heimiliche , doch entspricht 
dies mit seinen bedeutungen nicht dem lat. opportunitas , das es über- 
setzen soll. Es entstand wahrscheinlich in der ahd. vorläge : die huueo- 
lihhl , huuio er usw. Aus diesem diu huueoUhhi ^ wurde das nicht exi- 
stierende wort diu heiliche. Die consonantverbindung huu- führt aber 
hoch hinauf ins 9. jahrh., vgl. Weinhold, Mhd. Gr. § 165. 

Aus der lautlehre sprächen für das 9. jahrh. die vielen ai für ei 
im Mt. Ich habe das schon hervorgehoben. W. AGr. § 49 sagt: 
„a^ für ei herscht im 8. und 9. jahrh. , ist in den Notkerischen Schrif- 
ten schon selten, verschwindet aber keineswegs." Auch das sahen wir; 
wir finden noch 1 ai im M. , 3 im Luc. 

Das enorme überwiegen der ai im Mt. gegenüber den andern 
evangelien kann seinen grund nur darin haben, dass in der vorläge 

1) Vgl. GrafF IV, s. 1197 : die dort nachgewiesene bedeutung qualitas passt 
allerdings nicht volkommen zu unserer stelle. Darum vermutet herr prof. Zacher 
chomliche und verweist auf Hildebrand in Grimms Wb. V, 1682, wo dieses wort in der 
bedeutung opportunitas gerade für Alemannien und die Schweiz nachgewiesen wird. 



fUFR EINE KVANGEMENÜBERSETZUNG 273 

diese ai durcligeführt waren, und trotz der Überarbeitung, während 
welcher ei schon regel war, noch erscheinen, wenn auch im Verhältnis 
zu den ei in geringer anzahl, was uns nicht wundern darf. 

Sind wir also durch die notierung auf spätestens das 10. jahrh. 
gewiesen, so können wir darnach wol das 9. jahrh. als zeit der ent- 
stehung der ahd. Übersetzung des Mt. annehmen. 

Hier will ich einige erwägungen bezüglich der mhd. Übersetzung 
anknüpfen. Es geht nämlich aus mehrerem hervor, dass sie zu litur- 
gischen zwecken gefertigt wurde. Besonders spricht dafür die schon 
erwähnte ehiteiluug nach kirchlichen festtagen; ferner ist wichtig , dass 
die liturgische festsetzung oder bezeichnuug in den satz öfter hinein 
geschrieben ist; der abschreiber muss sie also schon w^ahrscheinlich an 
der Seite, wie die meisten, vorgefunden haben und fügte sie in den 
text ein. So z. b. Mt. 26, 4: 

Do das [In palmis passio Domini s. Matthäum] 
geschah usw. Ähnlich öfter, z. b. L. 2 , 21. 9, 57. 62. 
Auffallend ist aber, dass diese in den text eingeschriebenen Verweisun- 
gen auf festtage nur lat. sind; die deutschen sind immer am raude, 
seitwärts. Dies lässt uns schliessen, dass in der vorläge des abschrei- 
bers diese notizen nur lateinisch waren und die deutschen Übersetzun- 
gen derselben erst vom abschreiber selbst, oder von einer noch jünge- 
ren hand hinzugefügt wurden; was nach Haupt wirklich der fall ist, 
vgl. seine vorrede. Daraus folgt aber nun weiter, dass diese Verwei- 
sungen erst vom mhd. Übersetzer eingesezt wurden ; denn abgesehen 
davon, dass sie sich in allen vier evangelien finden, wären sie ja doch 
wie alles andere mit übersezt worden, wären sie schon in einer ahd. 
vorläge gewesen. 

Bemerkenswert scheinen aber einige beobachtungen über die art 
und weise der Übersetzung für diesen zweck der liturgischen Verwen- 
dung des vorlesens an eine grössere menge , die aus laien bestand. Ich 
werde dies später bei dem bilde, das ich von der Übersetzung selbst 
zu entwerfen suche, des näheren ausführen. 

Haben wir aber in S. Gallen diese mhd. zu liturgischen zwecken 
verfasste Übersetzung entstehen sehen, so ist nicht anzunehmen, dass 
für dasselbe kloster eine blosse abschrift genommen worden wäre, 
eine abschrift , von der wir eben noch die bruchstücke besitzen. Wahr- 
scheinlicher ist, dass dieselbe für ein anderes kloster in diesem anderen 
kloster angefertigt wurde. Darauf würde dann zurückgehen jene schon 
erwähnte Unsicherheit in der Schreibung des ph. Einem mönch eines 
anderen klosters war diese specifisch S. Gallische specialität des (anlau- 
tenden) f für ph fremd und vorläge und eigener Sprachgebrauch brach- 

ZBITSCHE. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 18 



274 TOMANETZ 

ten das eigentümliche formgemisch, wie es uns vorliegt, zu stände. 
Welches dieses kloster war, lässt sich natürlich nicht bestimmen. Nur 
annähernd können einige Spracheigentümlichkeiten die richtung weisen. 

Es findet sich in der 2. pl. ind. praes. der starken verba dreimal 
im Mt. , einmal im M. die endung auf -en. Nun führt Weinh. , Mhd. 
Gr. § 352 als das älteste oberdeutsche beispiel in der Nib.-hs. C 12308 
vinden : ertvinden an. C ist nun nach Lachmann in den jahfen 1210— 
1225 geschrieben, also später als unsere bruchstücke, die bestirnt noch 
ins 12. Jahrhundert fallen. Im 12. jh. komt aber diese form nur md. 
vor, vgl. Weinh., Mhd. Gr. s. 341. 

Ein anderer ähnlicher fall ist in der 3. pl. ind. praes. der sw. 
verba. Wir finden in den brachst, die endung auf -en (-in). Die Ober- 
deutschen enthalten sich nun im 12. 13. jh. dieser nachlässigkeit ; dage- 
gen zeigt es sich schon sehr früh md. , vgl. A. Gr. s. 308. Mhd. Gr. § 379. 

Dasselbe ergeben die flectierten formen des inf. auf -inde mit 
epenthetischem d. Diese formen sind in den brachst, fast ausschliess- 
lich gebraucht, in Oberdeutschland aber erst seit dem 13. jh. beliebt, 
im md. dagegen schon seit dem 12. jh. gebräuchlich, vgl. Mhd. Gr. 
§ 355. 383. 

Solche und anderweitige md. spuren weisen uns auf ein kloster 
an der grenze des md. gebietes, aber jedenfals noch auf hd. boden. 

Das schliessliche resultat ist also folgendes: Wir fanden, dass 
ca. im 9. jahrh., wol in S. Galleu, eine Übersetzung des evangeliums 
Matthäi nach einer hs. der antiqua gemacht wurde. Einen Zusammen- 
hang mit dem Monseer Mt. - evangelium konte ich nicht herstellen. 
Diese ahd. Übersetzung ist für uns verloren; aber sie wurde in der 
zweiten hälfte des 11. jh. in S. Gallen zu liturgischen zwecken, zum 
behufe des vorlesens bestimter capitel an kirchlichen festtagen vor den 
versammelten laien ins mhd. umgearbeitet und die Übersetzung der drei 
übrigen evangelien, des M. , Luc. und Job., von drei verschiedenen 
männern nach der Yulgata frisch dazu gefertigt. Aber auch dies ist 
verloren und nur eine abschrift davon , die in einem an eine md. gegend 
grenzenden kloster Oberdeutschlands im 12. jh. gemacht wurde, ist 
uns, und auch die nur in bruchstückeu , erhalten. 

Zur vervolständigung des bis jezt gesagten gehört aber jedenfals 
eine darstellung der art und weise der überöctzung, zumal schon frü- 
her auf dieselbe verwiesen wurde, da sie die besprochene liturgische 
Verwendung begründen und beleuchten helfen soll. 

Wie trotz der verschiedenen persönlichkeiten , die den Tatian über- 
sezt haben, doch die ganze Übersetzung einen einheitliclien Charakter 
trägt, so ist dies auch hier der fall. Wir finden in sämtlichen evan- 



fBER EINE EVANGELIENÜBEBSETZUNG 275 

gelieii dieselbe freiheit im übersetzen, dieselbe gewautheit , ein durck- 
geben aller cbarakterzüge der Übersetzung durch alle uns erhaltenen 
brucbstücke. Die männer, die diese Übersetzung anfertigten, müssen 
sich geistig ziemlich gleich gestanden sein. Sie werden ja wol zum 
wenigsten dieselbe Schulbildung genossen haben. 

Für die gelehrte bilduug der Übersetzer zeigte wol die deutsche 
widergabe aller im texte gestandenen hebräischen namen: Mt. 22, 23. 34 
sadducaei : verleitare. Mt. 23, 8. 9 Rabbi : maister. Mt. 23, 33 a ju- 
dicio gehcnnae : von dem urtaile der angeste. Mt. 26, 17 prima azy- 
morum : des ersten tages des derben brotes. Mt. 26, 17, 19 pascha : 
üstcr. Luc. 6, 13 apostolos : die botin und sehr oft amen durch war- 
licJie Mt. 23, 36. 25, 45. 26, 21. 34. M. 8, 12. L. 4, 24. J. 5, 19. 
8, 34. Auffallend ist, dass fast sämtliche diese fälle bis auf einen 
L. 6 , 13 in den Mt. fallen (amen durch warlicJie berücksichtige ich 
nicht) , und dass dieser eine fall nicht eine Übersetzung aus dem hebräi- 
schen, sondern aus dem griechischen ist. Es ist daher möglich, dass 
die hebräischen namen schon im ahd. Mt. übersezt waren, man also 
daraus auf die gelehrte bilduug der mhd, Übersetzer nicht schliessen 
könte. Andererseits scheint aber diese Übertragung der hebräischen 
Wörter in enger beziehung zu stehen mit der schon erwähnten bestim- 
mung des Werkes. Es war zum vorlesen an laien offenbar bestirnt und 
diesen zu liebe wurde, um die Verständlichkeit zu erhöhen und die 
auffassung zu erleichtern, nicht bloss diese Verdeutschung ins werk 
gesezt, sondern vieles andere zeigt noch dieselbe tendenz und unter 
diesem gesichtspunkt will ich die leistungen der Übersetzer besprechen. 

Da zeigt denn die vergleichuug mit dem lateinischen texte eine 
ziemlich bedeutende freiheit, ein abweichen vom gegebenen, meist 
jedoch, um dasselbe bald schöner, bald deutlicher , vor allem natürlich, 
um es überhaupt deutsch zu geben. Es ist die lezte eigenschaft nicht 
die geringste; unsere ahd. Übersetzungen zeigen uns, wie schwer es 
war, sich von der lateinischen construction, selbst wenn sie dem deut- 
schen Sprachgebrauch zuwiderlief, zu eraancipieren. Ich will nur erwäh- 
nen, dass die häufigen participialconstructionen des lateinischen meist 
aufgelöst sind, z. b. Mt, 22, 29 erratis nescienfes : ir irret, ir enwis- 
zet niht und so unzählige male Mt. 26, 8. 20. 21. M. 10, 32. 41. 
42. 46. Luc. 6, 20. 8, 50. 9, 5. 6. 57. 10, 15. 16, 5. Job. 5, 18 
usw. Ein hübscher fall ist Mt. 10, 32 et sequentes timebant : si nah- 
volgeton im mit vorhte. Diese Übersetzung verrät geschmack. 

Ähnlich ist die auflösung eines attributes durch einen ganzen 
satz Mt. 23 , 4 : wan si bindent die swaren bürde unt die ubile 
sinf ze traginne. Lezterer satz übersezt ein importabilia der vor- 

18* 



276 TOMANETZ 

läge. Oder eines uomens L. 16, 20 nomine : der hies. Ähnlich Mt. 
10, 46 (s. später). 

Andererseits Avird das p. praes, mit ivesen wider gesezt, entspre- 
chend dem altd. gebrauch, auch ohne lat. Vorbild, z. b. M. 10, 7 
quae apucl illos sunt : daz si da hahinde sin. 

Entsprechend der früheren mehr paratactischen Verbindung erscheint 
einigemale statt des lateinischen abhängigen satzes im deutschen ein 
unabhängiger, z. b. : Mt. 23, 37 Hirlm, Hirlni, du irslehest die wissa- 
gen. Im lat.: Jerusalem, quae ... oder Mt. 26, 6 mit Ih'c was: 
cum autem esset. 

L. 9, 51. do gienc er se JrVm : ut iret in Jerusalem. 
Die freie syntactische handhabung zeigt sich auch L. 9, 59. 60. 61. 
59 und 61 wird ein infinitiv durch einen satz aufgelöst: L. 9, 59 ire 
et sepelire : gen, das ih begrabe, 9, 61 permitte mihi primum renun- 
tiare : la mlli gen, das ih ez irchunde , während 9, 60, zwischen bei- 
den fällen, gerade im deutsclien entgegengesezt der inf. gesezt wird: 
la begrabin : sine ut sepeliant. 

Eine ähnliche freiheit ist es, wenn Mt. 23, 16 und 18 der latei- 
nischen directen rede mit dem ind. im deutschen die indirecte rede mit 
dem conj. gegenübersteht. 

Schliesslich will ich noch nennen die specifisch deutsche voraus- 
sendung des iiomens und aufnähme desselben durch das pronomen. 
Z. b. Mt. 25, 46 justi autem in vitam aeternam : die guoten, die gent 
in daz ewige leben. Ähnlich Mt. 26, 23. M. 10, 46, s. später. Der 
schönste fall dieser epanaphora ist Luc. 10, 11. Das Substantiv geht 
im nom. voraus , daran schliesst sich ein relativsatz , das relativ gleich- 
fals im nom. , und das ganze wird durch den acc. sg. des pron. demonstr. 
als object in einen satz aufgenommen: der stoup , der uns anehafte 
von iwerre stat , den tvischen wir an iüch. 

Dies nur als andeutungen über die freiheiten der Übersetzung, die 
in die syntax hineingehören. 

Dagegen will ich die anderweitigen freiheiten volständig- sammeln, 
um ein bild der Übersetzung auf diesem wege zu erreichen. 

Zuerst die fälle, wo das im lat. gesagte dem sinne nach wol, 
aber nicht dem Wortlaut nach übersezt wird. 

Mt. 22, 16. non enim respicis personam hominum : dune sihist 

niht an die underschiedunge der mennischen. 
Mt. 22 , 23. qui dicimt non esse : die da niht gelouben. 
Mt. 22, 30. ncque ducant uxores : noh ensint brutloufte. 
Mt. 23, 15. comeditis : ir berobent. — propterea accipietis amplius 
Judicium : darumbe wirt iu das urtaile deste niere. 



ÜBER EINE EVANGELIENÜBERSETZUNG 277 

Mt. 23, 16. dehitor est : daz ders engelfe. 

Mt. 23, 23. haec oportuit faccre et illa non omittere : dis ist ze 

tuone unt ens niht ze lazinde. 
Mt. 23, 33. quomodo fugietis : tvie loelt ir enphlieJbcn. 
Mt. 23, 34. de civitate in civitatem : uz einer stat in die ander. 
Mt. 23, 37. lapidas : du steinestes, 
Mt. 25, 44. non ministravimus tibi : ivir entaten dir niht guotes 

(hübsch). 
Mt. 26, 7. alabastrum unguenti pretiosi : eine huhse mit guoter 

salbe. 
Mt. 26, 23. constituerunt ei : gaben im. 
M. 8, 14. et obliti sunt, jjawes sumere : unt die junger ver gazin 

des, daz si niht viiorten brofes. 
M. 10, 32. ascendenfes Jerosolymam : alse si wolton ze JrVm. 
M. 10, 44. non est mihi : bestet mir niht. 
Luc. 6, 13. vocavit : latte (für ladete). 
Luc. 7, 6. ut intres : daz da chomist undcr. 
Schon manche dieser freien Übersetzungen zeigen das streben nach 
deutlichkeit des ausdrucks. Noch mehr wird dies klar an den fol- 
genden. 

Da erwähne ich zuerst, wie das einfache omnia widergegeben 
wird durch diz allez L. 10, 31, öfter sogar durch: alle disiu dinc Mt. 
23, 3, L. 10, 22 und M. 10, 32, cßiae erant durch diu dinc, diu, oder 
L. 8, 52 omnes übersezt wird durch alle, die da ivaren, oder Mt. 22, 20 
cuius est imago haec et superscriptio mit: ives ist diz bild und disiu 
uberscrift übersezt wird. 

Dem zunächst steht, wenn algemeine aussagen im lat. durch das 
concreto wort im deutschen gegeben werden. Z. b. : 
Mt. 13, 34. eis : ze der menige. 
Mt. 22, 15. tit eum caperent in serm.one : tvie si Jlim geviengin 

an der rede. 
Mt. 23, 25. quod deforis est calicis : daz üzer tail des kelches. 

Ebenso 
Mt. 23, 26. tit fiat id, quod deforis est, mtindum : daz ez gelili 

IV erde dem uzer taile reines. 
L. 10, 9. dicite Ulis : saget den Unten. 
L. 9, 25. sui : an siner sele (nämlich schaden enphahen). 
J. 4, 27. cum ea : mit dem ivibe. 
Ahnlich ist auch L. 9, 23 ad omnes : ze sinen jüngeren, obwol 
hier damit zugleich eine änderung der auffassung verbunden ist. 



278 TOMANETZ 

Hier führe ich auch die stelle M. 10, 46 an: et proßciscente eo 
de Jericho et discipulis eins et plurinia multitudine : imt do er vuor 
von Jericho, do volget im sine junger mit michil menige. Das einfache 
et ist klar und deutlich durch volgen ersezt. 

Daran schliessen sich weiter stellen, wo im deutschen noch ein 

begriff dazu gegeben wird , um nur den gedanken recht klar zu machen. 

Mt. 22, 24. et suscitet semen fratri suo : daz er erchuchte an ir 

den Samen sines bruoder. 
Mt. 23, 3. quae dixerint vohis : die si iuh heizent tuon. 
M. 8, 1. cum muUa turha esset : do der menige vil was gesa- 

minet. 
M, 8, 11. quaerentes ab illo Signum de coelo : und suohton von 

im zeichin von dem himile ze sehinde. 
L. 10, 21. placuit ante te : geviel dir ze tuone. 
L. 16, 20. mendicus : armer hetilare. 

Dann die vielen stellen, wo für ein blosses dixit (aif) ein ant- 
wurte unt sprah gesezt wird. Mt. 22, 37. L. 16, 7. Joh. 8, 33. 34. 
Joh. 10, 34. Ähnlich Joh. 4, 28. 

Ferner die erweiterungen gegenüber der vorläge überhaupt. Na- 
türlich habe ich als sicher in diesem fall nur das augeführt, wozu 
sich in keiner hs. ein Vorbild findet. Zuerst die erweiterungen gerin- 
gerer art. 

Mt. 15, 14. ambo in foveam cadunt : si vollen lihte in die 

gruobe beide. 
Mt. 22, 30. sicut angeli : alse die engile gotes. 
Mt. 22, 38. primum mandatum : daz erste gebot in der e. 
M. 8, 8. et sustiderunt, quod superaverat de fragmentis, septetn 
sxjortas : unt si Insin üf daz ubire was worden des brotes, daz 
irvullet wurden sibin chorbe mit brote. 
M. 10, 46. et veniunt Jericho : unt Jesus unt sine junger, de 

chomen ze Jericho. 
L. 4, 17. liber Isaiae prophetae : daz biioch der wissagunge 

Ysale dez wissagen. 
L. 6, 21. beati : salic sit ir. 

L. 9, 20. Christus dei : xpist des lebindigin gotes. 
L. 10, 13. tvan ivare in tyro unt in sydone getan die tugent, die 
in iu sint getan, unt diu dinc, siheten wilintbuoze gemachit. 
unt diu dinc steht in keiner hs. 
L. 10, 14. verumtamen : tvarliche sage ih iuz. 

Schon einige der angeführten erweiterungen waren nicht mehr so 
unbedeutend; sie erreichen aber noch nicht den höhepunkt des gebotenen. 



ÜBER EINE EVANGELIENÜBERSETZDNG 279 

Mt. 22, 18. von diu so sage uns cm der urstcnde, ivelem dirre 
sibine ivlrt daz ivip. von diu so sage uns ist ganz frisch hin- 
zugefügt. 
M. 8, 12. loarliclie sage ihc ws mit wirt gegehin disime geslaJdc. 
zeichen, sine geloubint niht. sine gelotd>int niht epexegetisch 
frei dazugesezt. 
L. 2, 5. id profderetur cum Maria desponsata sihi uxore preg- 

nante : er vuor dar mit . . . aMlt ivas swanger .. . 
Mt. 21, 7. et adduxerunt asinam et pidlum et imposucrunt super 
eos vestinienta sua : unt die esiline unf da . . . . \ zuogen ah ir 
gewant u . . . Hier geht dem imponere im deutschen ohne Vor- 
bild das ahziehen voraus, ein deutliches resultat des strebens, 
alles nur recht klar und handgreiflich zu macheu. 
Der stärkste fall, der mir vorgekommen, ist jedenfals Mt. 15, 4. 
Da ist ein ganzer satz neu: und der da eret vater unt muoter, der 
lebet, offenbar, um nur dieses wichtige gebot den zuhörern recht ein- 
zuschärfen. 

Am ende mögen noch ganze phrasen folgen, die, wie alles bis- 
her augeführte , auf die deutlichkeit und Verständlichkeit hinzielen und 
demgemäss frei behandelt sind. 

Mt. 22, 26. et similitcr secundus et tertius : mit der ander lie sie 

dem dritten. 
Mt. 23 , 8. vos aiUem nolite vocari Babbi : irne sult niht heizen 
maister. Das stdf verstärkt hier in richtiger weise den begriff, 
der in nolite liegt, das sonst durch niht en — gegeben wird. 
Aus der abmahuung im lat. wird in der Übersetzung ein verbot. 
Es berührt sich dies mit dem früher angeführten Mt. 15, 4; in 
beiden fällen das bestreben, die bedeutung eines gebotes dem 
publikum gegenüber zu erhöhen. 
Mt. 23, 13. vos enim non intratis nee introeuntes sinitis intrare : 
unt ir 7ie ivelt drin niht, nohc die dar in wolton, die nelat ir. 
L. 10, 15. usque ad coelum exaltata demergeris : du wanist dich 
irhohin. Dieses ivanist dünkt mich sehr lebendig und recht 
bezeichnend zu sein als ausdruck der empfindung eines jeden 
Zuhörers. 
Anschliessend bemerke ich, dass es charakteristisch ist, wenn der Über- 
setzer Mt. 8, 9 aus der schwankenden bezeichnung des ad oder quasi 
(ßiatuor millia strict vier thusint macht. 

Wie ich bis jezt stellen gesammelt habe, die auf die teudenz der 
Verständlichkeit von seite der zuhörer hinzielten, daneben aber schon 
einige angeführt wurden, die in ihrer freien behandlung des originales 



280 TOMANETZ 

die absieht auf ein publikum zu wirken nicht verkennen liessen, so 
zeigen sich noch andere stellen, an denen geradezu nur in folge des 
bedürfnisses rhetorischer Wirksamkeit die vorläge erweitert oder geän- 
dert wurde. 

So wird ecce öfters durch den pl. seht gegeben, z. b. Mt. 12, 41 
(2mal), 23, 34. M. 3, 15. L. 2, 9. 10, 19, oder sehü L. 2, 25. 
Andere stellen sind: 
Mt. 22, 21. reddite quae sunt caesaris, caesari et qiiae dei sunt, 
deo : gehet dem cheiser, das sin si. gehet got, daz sin si. 
besonders die widerholung des gebet wirksam. 
Mt. 23, 28. sie et vos aforis quidem paretis : also sit ir: ir schi- 

nent usw. eine änderung zum zwecke grösserer lebhaftigkeit. 
Mt. 25, 43. hospes eram, — nudus, — infirmus : ih was gast, 
ih ivas nahcten, ich was siehe, mit wirkungsvoller widerholung 
des ih was. 
Mt. 26, 12. die salbe die si tet an minen lip, mih ze begrahinne tet siz. 
Geradezu dramatisch ist aber Mt. 10, 39 übersezt: at ille dixe- 
runt : possunms mit: ja wir, herre. Besonders wirkt hier charakte- 
ristisch die auslassung des inquit. 

Ähnlich ist Mt. 27, 23. Es ist die scene, wo Pilatus dem volke 
die wähl lässt zwischen Barrabas und Jesus. Barrabas wird frei ver- 
langt und Jesus solle gekreuzigt werden , ruft die aufgestachelte menge. 
Do sprach der rihtare: Was hat er getan ubiles. unt die ruofton ie 
me unt me: crucigen (== crucige in). Das lateinische hat das schwache 
crucifigafur. 

Alle diese stellen zusammengenommen gewähren uns ein bild der 
Übersetzung, das uns nur hochachtung vor den Übersetzern einflössen 
kann, die mit seltener kunst es verstanden, was sie beabsichtigten, 
in die Übersetzung hineinzutragen , indem sie damit zugleich , ohne dem 
texte zu schaden, im gegenteil, ihn hebend und verschönernd, eine 
freiheit in der handhabuug der deutschen spräche zeigen, die ihre 
leistung der besten altdeutschen Übersetzungskunst würdig an die 
Seite stelt. 

Wir haben gesehen , dass der hinblick auf die praktische Verwen- 
dung dieser Übersetzung die Übersetzer selbst schon so glücklich gelei- 
tet hat, dass also die Übersetzung schon in der absieht auf eine prak- 
tische Verwendung gemacht wurde, zum zwecke des vorleseus an ein 
grösseres publikum, wol in der kirche, also in der absieht einer litur- 
gischen Verwendung. "Wir haben ferner schon früher gestüzt auf 
andere gründe dargetan, dass erst die mhd. Übersetzung zu diesem 
zwecke gemacht wurde: es ist also, was ich au der Übersetzung lobte, 



ÜBER EINE EVANGELIENÜBERSETZTJNG 281 

volles verdienst der mlid. Übersetzer. Da aber alle vier evangelieu im 
tone und Charakter so volkommen harmonieren, wie dies schon die 
beispiele zeigten, so folgt daraus, dass auch die art und weise, wie 
das Mt. - evangelium tibersezt ist, zum grösten teil dem mhd. Über- 
setzer zufält, und weiter, dass beim Mt. - evangelium eine volständige 
Überarbeitung vorliegt ; dies erklärt es uns denn auch , warum nur so 
wenig aus der alten vorläge sich bewahrt hat; und so findet manches 
schon früher ausgesprochene hier seine neuerliche bestätigung. 

Ich will nun noch mit der besprechung einiger weiterer erschei- 
nungen, die auf den zweck, den ich früher als beabsichtigt erweisen 
wolte, keinen bezug haben, diese darstellung schliessen. 

Wir finden nämlich entsprechend den früher angeführten erwei- 
terungen auch manche stellen , die wider eine auslassung mancher Wör- 
ter des originales zeigen. Natürlich gelten auch hier nur auslassungen 
ohne irgend ein Vorbild. 

Mt. 22, 10. egressi in vias : giengen uz. 
Mt. 22, 27. novissime omnium : ze jungest. 
Mt. 26, 22. coeperunt dicere : unt sprachen. 
L. 10, 1. in omnem civitatem et locum : in alle die stete. 
Es muss wol jeder zugeben, dass diese auslassungen sehr harm- 
los sind, zum wenigsten aber eine unklarbeit oder vollends eine ände- 
rung des sinnes b er vorgebracht wird. 

An drei orten ist jedoch die auslassung eine bedeutendere. 
L. 2, 37. et in signuni , cui eontradicetur. Dieses entspricht in 
seiner ausdebuung gerade eiuer zeile, mag also übersprungen 
worden sein; ebenso 
Mt. 23, 30. si fuissemus in diebus patrum nostrorum 
non essemus socii eorum in sanguine 
propJietarum 
Die zweite zeile fehlt gegen alle hss. Hier ist auch leicht der 
gruud zn sehen, durch den die überspringung der zeile ermög- 
licht wurde, xjrophetarum schliesst sich formell ganz an patrum 
nostrorum an und das abirrende ange merkte nicht einmal einen 
fehler: unserre vater der wissagen. Freilich dem sinne nach 
ist dadurch ein unsinn entstanden. 

Dieses überspringen ganzer Zeilen kann aber ebensogut, wie 
schon dem mhd. Übersetzer gegenüber seiner lat. vorläge, so auch dem 
abschreiber passiert sein gegenüber seiner mhd. vorläge. 

In der Aveglassung des unus est enim magister vester Mt. 23, 8 
glaube ich dagegen das resultat logischer überleguug zu finden. Die 
stelle ist folgende: Tos autem nolite vocari Rabbi, tmus est enim 



282 TOMANETZ 

magisfer vester, onmes autem vos fratres estis. Dies ist mit auslas- 
sung des zweiten satzes übersezt : im sult niJit heilen maister, wem ir 
Sit alle gebruoder. Unmittelbar darauf komt dann ein satz, der den 
ausgelassenen gedanken, nur noch bestirnter, widergibt. V, 10 heisst 
nämlich: niht enheizet maistere, wan crist eine ist iiver maister. 
Um also denselben gedanken nicht zweimal auszudrücken, wurde der 
erste, als der unbestimtere , weggelassen. 

Das factum einer solchen, in folge von Überlegung geschehenen 
änderung darf uns nicht wundern. Wir sahen schon genug proben der 
freiheit und Selbständigkeit der Übersetzer. Doch kann ich noch andere 
solche überlegte änderungen nachweisen. 

Mt. 23, 11. qui major est in vohis, erit vester minister : der tmder 
iu si der mere, der wirt der minre. Die änderung erklärt sich 
leicht. Es wurde derselbe gegensatz im deutschen mehr hervor- 
gehoben, der im nächsten v. 12 durchgeführt ist: Wan swer 
so sih gehohet, der wirt gedemuotet, mit der sih gedemuotet, der 
wirt geliohet. 
L. 9, 24. nam qui perdiderit animam suam propter me, salvam 
faciet illam : unt swer verliuset .... 

e der vindet si. Wie im früheren falle auch hier das bestre- 
ben, den stricten gegensatz mehr hervorzuheben. Natürlich; 
denn das muste ja die Wirkung beim anhören bedeutend erhöhen. 
Also auch dies geht zurück auf die schon so oft genante tendenz. 
Wenn nun an einigen stellen eine ganz eigentümliche auffassung 
des textes sich zeigt , die oft einem misverständnis auf ein haar gleicht, 
werden wir doch in anerkennung der hohen befähigung der Übersetzer 
eine absichtliche änderung annehmen können. Allerdings kommen auch 
einige stellen vor, die unzweifelhaft auf einem mis Verständnisse des 
lateinischen textes beruhen. Diese werfen dann ein sonderbares licht 
auch auf jene fälle. 

So Mt. 26, 13. dicetur et quod Jiaec fecit in memoriam eins : wirt 
gesprocJien: si tet ez in sinere gehugide. Zum wenigsten etwas 
eigentümlich. 
M. 10, 33. principihus sacerdotum et scribis et senioribus : der 
sun des mennischen wirt geantivurtet der ewarten vursten unt 
der scribare unt der eitern. Die änderung kann eine absicht- 
liche sein , aber auch auf einem misverständnis oder einer Unacht- 
samkeit beruhen. 
J. 10, 35. si illos dixit deos , ad quos sermo dei (actus est. Ge- 
meint ist als subject zu dixit: gott. Die bruchstücke übersetzen: 
oh ih die heize gote, ze den disiii rede getan ist. Hier spricht 



ÜBER EINE EVANGELIENÜBEESETZUNG 283 

Christus und demnach geht das ili hier auf Christus. Eine 
wesentlich andere auffassung. Die stelle ist aber auch im latei- 
nischen text nicht leicht verständlich. 
Mt. 23, 16. 24. Vae vobis, duces caeci. caeci ist hier irtümlich 
als gen. sg. aufgefasst worden und die Übersetzung lautet dem- 
geniäss: We iu leitare der hlinden. An anderen stellen komt 
aber auch im lat. text duccs caecorum vor. Es ist also mög- 
lich, dass diese stellen unsere beiden beeinflusst haben. 
Ein fehler liegt aber vor: 
Mt. 8, 14. et ohliti sunt panes sumcre et nisi unum panem non 
habebant sccum in navi. Also ein brod hatten sie. Die bruch- 
stücke behaupten aber, sie hätten keines mit sich gehabt, wenn 
sie sagen: imt si ne hdbiton öJic ein hröt niJit mit in in dem 
schiffe. ^ 
L. 9, 55 steht direct: nescitis cuius Spiritus estis. Die bruchstücke 
machen daraus eine unpassende frage: enwizset ir nilit, welkes 
geistes ir sit? 
L. 10, 17. septuaginta duo ist übersezt mit swene unt fünf sie. 
Doch stand hier vielleicht in der mhd. Übersetzung sinmc und 
der abschreiber verlas es. 
J. 8, 48. nonne hene dicimus nos , quia samaritanus es tu sagten 
die Juden. Brachst. : nu segin wir uns doli . . . bist ein sama- 
ritanus. hene dicimus ist als ein wort falsch aufgefasst und dem- 
gemäss übersezt worden. 
Zum Schlüsse noch einige von Haupts abdruck abweichende oder 
denselben ergänzende lesuugen, die sich mir bei vergleichung der hs. 
ergaben. Natürlich ist, nachdem Jos. Haupt zuerst gelesen hatte, die 
ausbeute nur eine geringe. 

Vor allem sind an den abgeschnittenen rändern, wo nur halbe 
Zeilen erhalten sind, noch sehr oft deutliche buchstabeureste zu erken- 
nen, die den ganzen buchstaben in den seltensten fällen zweifelhaft 
lassen, und die die wilkommensten anhaltspunkte zu einer ergänzuug 
des fehlenden bieten. Aber , um hier den platz zu füllen , halte ich sie 
doch für zu geringfügig. Ich will nur die stellen nennen, wo Haupts 
abdruck zu corrigieren wäre. 

Mt. 13, 32 5. zeilej hat Haupt vent. Das w ist aber nicht zu verkennen. 
Mt. 13, 35 1. zeile. le Haupt. Man sieht aber noch deutlich an der 
linken seite des längsstriches die ausätze, welche ein d unzwei- 
felhaft machen. Also de (wurde). 

1) Wie mir herr prof. Zacher freundliclist mitteilt, mag das öhc verschrie- 
ben sein für mie; die Übersetzung ist dann völlig correct. 



284 TOMANETZ 

Mt. 27, 56 1. zeile n Haupt, vi ist ganz deutlich. Es hiess 7n[aria 

magclalenaj. 
L. 2, 15 5. zeile seht Haupt. seJd heisst es wol auf keinen fall; 

am ehesten sehn, (videamus). 
J. 8, 35 1. zeile ei Haupt. Dies gewiss nicht. Es ist wahrschein- 
lich der erste strich eines w. ew[ic] entspricht auch dem sinn. 

Lat. : serviis auteni non manet in domo in aeternum. 
Mt. 13, 40 3. zeile. Haupt hat eine lücke. Ich lese: wirt es in der. 

Das einzige in ist etwas zweifelhaft. (Lat. : sie erit in consum- 

matione saeculi). 
Mt. 13, 41. so sant . . . su Haupt. In der lücke ist .er sicher, d 

möglich. Also: so sant der su[n] : mittet filius hominis. 
Mt. 13, 41. unt ....tu Haupt, samint ist ganz deutlich. Also: 

unt samint u[2] : et colligent de. 
Mt. 13, 42. si . . . icbou Haupt. In der lücke steht in den. Statt 

icbou ist zu lesen ithou. Der buchstabe vor i ist undeutlich, 

möglicherweise ein e. Also: si in den eithou(en) : mittent eos 

in caminum ignis. 
Mt. 15, 14. uallen Haupt. Sicher uaUent. 
Mt. 23, 15 4. zeile. ... das tvirt gemachet Haupt. Am anfange 

scheint samint zu stehen. 
Mt. 26, 1 1. zeile. do das Haupt. In der hs. steht: do d^az. 

3. zeile. Do Haupt. In der hs. Do". 
Mt. 26, 3 1. zeile. So Haupt, jedoch: So\ 
Mt. 26, 23 2. zeile. Der Haupt, jedoch: De'r. 
Mt. 26, 36 ist nach Do chom ih'c (Haupt) noch der oberste rand 

von mit in zu erkennen. 
Mt. 27, 12. Nach der 2. zeile dieses verses ist noch der obere teil 

der nächsten erhalten, welche schon gröstenteils 27, 13 angehört. 

Gewiss ist: er ... Do s...ch ^(?) .... Die ergänzung ist 

leicht: er niht. Do sprach zim Pilatus : nihil respondit. 27, 13 

tunc dicit pilatus. 
M. 7, 36. ... erhört, so . . . Haupt, erhört heisst es auf keinen 

fall. . öt ist sicher. Der buchstabe davor kann h oder h sein. 

Dem sinne entspriclit lezteres. Am Schlüsse der zeile ist ganz 

deutlich . ere bredi (nächste zeile : giton). Also : . . . (h)öt. so 

... ere bredi : quanto autem eis praecipiehat , tanto magis plus 

praedicahant. 
M. 10, 42. ... Also ne ist Haupt. Ich lese hin ir. Also. Dies 

gibt mit der früheren zeile : unt gewalt habin ir : potestatem 

habent ipsorum. 



ÜBER EINE EVÄKGEtTENÜBERPETüüNÖ 28ft 

L. 7, 2 lese ich eine zeile vor Haupt noch im unteren teile einer 
zeile . liahite sili 

L. 9, 1 die siechin Haupt. Ich finde davor ein bloss in sei- 
nen oberen teilen erhaltenes, jedoch gewisses: 0e heilinde. 

L. 9, 51. ze himile ist rot durchgestrichen. 

L. 9, 53. phiengen Haupt. Es heisst phfiengen. 

L. 10, 2 2. zeile. hitint Haupt. So kann es nicht heissen. Zwi- 
schen den beiden t sind nur zwei striche. Es kann entweder 
hititt oder bitnt beisseu. Der sinn entscheidet t'tir ersteres: von 
diu hititt den herren usw. 

L. 12, 39 sin hiis Haupt. Vor sin steht gewiss gra- 

hin. Nach hus wol tmt. Dann sicher ir tvaf . nt (?) . Jic. Mit 
der ergänzuug lautete die zeile : grabin sin hus unt ir wafint 
iiihc : fodiri domum snam. et vos estote parati. 

Job. 8, 49. tivuels Haupt. In der hs. steht tivueles. 

WIEN, 18. DECBR. 1877. KARL TOMANETZ. 



DAS ACCENTUATIONSSYSTEM NOTKERS IN SEINEM 

BOETHIUS. 

(Schluss.) 

n, Der nebenton bei Zusammensetzungen. 
§ 16. Die accentiiatioii der zusammensetzuiigeii mit sufflxeii. 

Im folgenden werden wir zu scheiden haben zwischen Zusammen- 
setzungen mit praefixen und zwischen den eigentlichen compositis , und 
zwar wollen wir mit den erstereu beginnen. 

1) Das präfix ün~ ist im B. stets betont. (Über dasselbe han- 
delt Grimm, gramm. II, 775 fgg. Graff I, 302. Lachmann, Kleine 
Schriften I, 376 fg.). Nur zweimal findet es sich im B. ohne accent: 
227* ungehelli und 245'' unrehto. Beide mal ist das praefix un- von 
einer anderen band übergeschrieben , sodass also das fehlen des accen- 
tes der schuld dieses mit der accentuation Notkers offenbar nicht ganz 
vertrauten Schreibers zuzuschreiben ist. Einmal findet sich ün- mit 
dem circumflex 225'' ünselhuualtig ^ vielleicht um es in der Zusammen- 
setzung mit zwei Wörtern als das höchsbetonte darzustellen = unselh- 
uuältig. 



288 FtEISOHBB 

Dem mit tin- zusammengesezten worte jedoch fehlt nicht selten 
der acut und einige male sogar der circumflex ; es findet dies bei unge- 
fähr ^6 flöi' fälle statt. Bedeutungsunterschiede oder auch nüancen bei 
verschiedener betonungsweise habe ich nicht entdecken können ; es finden 
sich vielmehr dieselben Wörter unter gleichen Verhältnissen mit und 
ohne accent. Ohne nebenaccent finden sich namentlich: lUireht neben 
ünreJd , als Substantiv und adjectiv. reht aide ünreJit neben reht aide 
ünreht bT", zereJde aide se ünrehte 59", menniskön ünreJd 125% föne 
nnrelüe 184% ddz (= id qtiod) reht ... das linreht ist 184", ö/fen 
ÜnreJd 184", der daz tlnreJd täte 186'', der imreht täte, der daz ünreht 
tüot 187" neben der dndermo tinreht tüot 186% ünreht 55% 77"'', 
reht aide ünreht 77'', mit ilnrehte 115", ünrehte n. a. pl. 203"". Fer- 
ner: ünrehten uuehsel, mit tlnrehtemo uuehsale, tes ilnrehtcn scülde 37", 
sma ünrehtun ürteilda 39'', ünrehto adv. 40", in ünrehtero üningeltedo 
184", ünrehtesta 225" neben: ünrehtera compar. , tlnrehtero miskelungo 
189", rehtiu reisunga . . ünrehtiii feruuörreni 200". Auch sonst ist 
dies wort reht mit seinen verwanten öfter unbetont; so: ünrihti 41" 
125" 203" 215", ünrihtigo 198", einrihti 225", einrihtigo 90". 

ünsalda: säldä iöh ünsaldä 206", ünsaldon 118", ilnsalig 180" 
186", ünsaligen 62", tinsaligheite 188", geünsaligot 183". Aber imsälda 
45" 63" 92" 114" 162". 

ünera 39'' 74", ilnerön 30" 57" 74" 107". Aber ünera 109". 

ündriuua 31" 37", lindriuudn 178". Aber ündriuua 29" 47", 
imdriuuön 105", ündriuuon 39". 

ünmaht 165", ünmahtig 220". Aber ünnidht 113", ünmdhta 
114", ilnmdhte 115", ünmahtig 123" 169" 181", ilnmdhtigdren 80". 

ündulte 46", üngedulte 40". Aber üngedülte 67", üngedülten 49' 
77", üngedültigo 49". 

unguis 221" 233", vgl. Ä;^«sser 205". Aber mwöimis 224" 235' 
242", ünguisso 242", ünguissero 93". 

üngelichiu 135" 136"" (2) 139", üngelichen 86". 

ündanches 68" 105" 179" 232" (2) 250", ündanchön 225", Aber 
ünddnches 21" 68" 99" 133". 105" steht tinddnches und ilndanches. 

Vereinzelt kommen noch vor: ünsculdigcn 37", üngerno 60% 
tmstatemo 63", (aber tms^a^e 26" 92", linstäten QA") , ünerhon 66% yfceww- 
^a^o»^ (d. i. he-ün-faton Graff III, 450, vgl. ■M^(«s «7i m tZlew wa^ow 
(== faton) 26" lezte zeile.) Inf. 51", ünmezes 75" (nicht ümmezes Gr. II, 
699.), ünmanigen 90", ündurfttg 124" (gleich darauf «'wd^tfr/i^, ündürf- 
tes 178"), ünuuizenfhede 68" (aber ünuuizenthcd 223" 170"), ünwillota 
praet. 210", imsemfte 221", ilnchunt 227" 228% üngeluste 241% wwewdte 
245"" (aber ünentlih 244" (2) 245"). 



NOTKEBS A.CCBNTUATION 887 

Wir sehoü also, dass lin- den hauptton stets hat. Lachmann 
bemerkt I, 375 fgg., dass Otfrid einige male dem un- den ton zu ent- 
ziehen scheine, es würde dies dann wol der einwirkung des versrhyth- 
mus zuzuschreiben sein, da sich davon in der um 100 jähre späteren 
Sprache Notkers keine spur findet. Ferner bemerken wir, dass ein 
mit un- zusammengeseztes wort namentlich dann den nebenton des 
wurzelvocals unbezeichnet lässt, wenn au dasselbe eine lange oder 
ursprünglich lange flexions- oder ableitungssilbe tritt, so in ündanchön, 
i'msaldön, nnerön, undrimiön, unerhon , keünuatön; ünsaldä, imsaligj 
iindurftig, ümnaJdig , ilngeUcMu, selbst dann, wenn aus anderen grün- 
den dieses antretende neue element seinen circumflex verlieren muste, 
so in: imsaligheife , getinsaligot, ünsculdigen, linmanigen, unuuisent- 
lieite, imuuiUota; doch ist dies, wie wir sehen, keineswegs durch- 
geführt; es trat, wie es schemt je nach rhetorischem bedürfnis, das 
compositum in solchen fällen seinen nebenton an die folgende lange, 
schwere silbe ab. 

2) Wie das untrenbare praefix ihi-^ so nimt auch das schwere 
untrenbare praefix ä- (Gr. II , 704 fgg.) den hauptton derart in anspruch, 
dass die Wurzelsilbe des mit ä- zusammengesezten Wortes den auf ihm 
ruhenden nebenton fast durchweg aufgibt. So in: äuuerfo 47*", keäge- 
zöt 60'', ägez 150% äuuckkon 92*", äuuekke 214°', ämaMig 167', äsker- 
riu 205\ ächuste 107" 199" 254", äclmsten 178" 203*^ 207". Aber 
betont ist das zweite wort hinter ä- in ächüsten 74" 170", ämdhUgen 
132", gcäuudrtöf 104% äuuiszdntön 2l". 

3) Auch das praefix ür- (s. Gr. II, 787 fgg.) ist stets betont, 
wie beide vorhergehende; das mit diesem zusammengesezte wort zeigt 
den nebenacceut ebenso häufig, als er ihm fehlt. Auch hier ist also 
ein schwanken in der bezeichnung des nebentones zu bemerken, iir- 
steht vor nomina (vgl. Lachmann I, 366); es findet sich: iirgüse 71", 
ürri'mste 103", ürsjninge 117" 202" 224", nrsprtng 215", ürspringes 
117", ilrsüochenöt 228" neben ürspring 205" 215" (wo auch nrsjn'ing 
sich zeigt), ürspringa 216", nrhah 215", iirhabo 198", tirteilda 33" 39", 
urteildo 31", ürdruziu 64". Vor verben und von solchen abgeleiteten 
nomina heisst dies praefix ir-, er- und ist stets unbetont, s. Lachmann 
a. a. 0. und §§ 2 und 18, IL 

4) Das praefix dnt- (s. Gr. II, 713 fgg.) hat vor nomina stets 
den ton; dass es hier den hauptton hat, wird dadurch wahrscheinlich, 
dass das mit ihm zusammengesezte nomen sich öfter ohne nebenaccent 
zeigt: dnkiimrfo 215", dntsaslgcn 107", dntsazigen 49" (aber dntsädg 
97", vgl. Graff II, 314), dnüasigo 209". Ebenso häufig findet sich 
jedoch das zweite wort ebenfals accentuiert: dntseida 57" (2) 58", dnt- 



FLEISCHEH 



seido 34" 36'', dntläsig 65*, dntsäsig 97'', in sdmohdftcro dntuuvrti 195", 
dntuuürte 32" (Dat.), dntuuürtes 192" 204**. 

Vor Verben, welche von nomina abgeleitet sind, beisst dieses 
praefix ebenfals dnf- und ist meist betont. Unbetont zeigt es sich nur 
in Td antumirta ih QS^; möglich ist, dass hier der auslautende hoch- 
betonte vocal in td der grund für die tonlosigkeit des ant ist. Sonst 
findet sich dntuuürten und seine flexionsformen stets mit betontem 
praefix und betontem wurzelvocal: 20^* 32" 41" 42'' 58" (2) (Hattemer 
hat hier antnmirtet statt des richtigen dnhmürtef, vgl. Steinmeyer), 
78" 192" 200^^ 205" 220\ dntuuürta 89" 90" 221". Ferner dntfristdta 
52", dnt-s6iddta 58" (2), dntseidöt 56" 58". 

Mit unbetontem wurzelvocal kommen imr formen von dntuuürten 
vor und zwar: des dntuuurto ih 252'', gedntuuurten 228*^, hedntuuurtet 
254". — Vor verben und von solchen abgeleiteten nomina heisst das 
praefix im Boeth. int-, ent- und ist stets unbetont, s. §§2 u. 18, II. 

5) Hieran schliesst sich noch das präfix ete-, welches vor inter- 
rogative tritt, um mit diesen die indefinita zu bilden, s. Gr. III, 58 fgg. 
Der hauptton auf der ersten silbe von ete- fehlt nie, wol aber schwin- 
det öfter der nebenaccent, so in eteuuen 36" 230", 6teuuaz 46'' SS'* 
89" 183" 190" 200" 247", eteuuenne 88", eteuuio 88", eteuuar 234" (2) 
240", eteuuannän 216", aber mit dem accente des nebentones: eteuuer 
stets, so: 104" 135" 199" 151" 214" 216", eteuuds 26" 46" 65" 80" 
120", eteuuenne 48" 154", eteuuar 42" 65" 216", eteuudnnän 198". Man 
vergleiche auch ctelih, in welchem die länge, der nebenton des Suffixes 
-Uh geschwunden ist, § 15, 4. 

§ 17. Die accentuatioii der ziisammeiisetzuugen mit suffixeii. 

Wir scheiden der bessern Übersicht halber zwischen eigentlichen 
Suffixen und zwischen solchen, welche aus einem selbständigen sub- 
stantivum oder adjectiv zum suffix erst herabgesunken sind. 

A. Eigentliche suffixe. 

Die langvocalischen suffixe -äri, -in, -öde, -ig usw. haben wir 
der bequemlichkeit wegen schon unter § 14 besprochen. Es erübrigt 
daher von den kurzvocalischen suffixen zu reden. Jedoch ist noch das 
suffix -eit == got. -aip (s. Gr. II, 251) in drhelt zu merken. Die 
Wurzel dieses wortes hängt mit asl. rabofa, rohii, lat. labor, griech 
dltpaiveiv ^f reib zusammen. Der nebenton, welcher auf der zweiten 
silbe nach dem algemeinen gesetze des nebentones nach (durch posi- 
tion) langer erster silbe ruht, zeigt sich in drbeit 110", drbeito 19" 



NOTKKRS ACCENTUATION 289 

92\ drlmte 53" 66" 110" 178" 201" 210", drhciten 15" 201" 207", 
drheitsämo 84", nrheitsamo 19", drheifaami 208", drheitsamiu 201" 206". 

1) Das suffix -ung (Gr. II, 359 fgg. 1004 fgg. III, 528. 
Lachmann , kl. sclir. 402 fg.) ersclieiiit iii der accentuation sehr ungleich- 
massig behandelt: in der ersten hälfte des Boethius ist es ebenso oft 
betont als unbetont, während sich in der zweiten hälfte nur viermal 
-linga neben ca. 45 mal -unga findet. So stehen nebeneinander: lei- 
düngön und Uidunga, beide auf s. 23", eim'mga 55" und einunga 31" 
32" 38" 55" 81", f^cdffungo und fiedffunga beide 160", machunga 214" 
und mdchnnga 198" 222"" 223" (2)" nut - mdchunga 222" (2) 229", 
mdclmngo 151", mdchtmgä 216", mdcJmngön 222". Ich lasse hier sämt- 
liche beispiele folgen: 

-üng betont: Uidegungo 48", scettimga hV', not ~ mdrchünga 56", 
dhtüngo 74", uudndelüngo 86", zeiclienünga 148", rechemingo 190". 

-ung unbetont: dnauuänunga 35", licJiesungo 37", dntfristungo 
47", Hiidrnungo 57", dhanemunga 57", uuidcrmesunga 88", uuhspru- 
clmnga 83", mcinunga 140" 190", skidunga 143", runiungo 146", r«- 
tnunga 169", peuudrunga 147" 192", zeigunga 157", miskelunga 183" 
225", misJcehmgo 189", cJnesunga 193" 218" 237" 242" 247", sestunga 
193" 197", sestungo 197" 198", mctcmunga 199" 205" (200" mäenmnga, 
zweites e aus w corrigiert), reisunga 200", rüstunga 204", rechenungo 
204", uudndelunga 226", notegunga 231", stdrchungo 231", erfcüungo 
242", püdunga 235" (2) 236", hcrtmiehselunga 253". 

Bei machiinga 214", gnot-mezünga 56" und lindermarcliünga 
148" fehlt der accent der Wurzelsilbe. Bei dem ersten worte vermute 
ich, gegenüber den häufigen beispieleu der richtigen accentuation 
(12 : 1) einen Schreibfehler, bei den beiden andern jedoch mag das 
erste compositionswort (also ^wo^- und ünder-) den accent der zwei- 
ten Wurzelsilbe verdrängt haben , jedoch erwähne ich , dass sich 3 mal 
Mü^ - mdchunga findet. 

Offenbar soll durch den accent auf -?m^ der nebenton, welcher 
auf diesem suffixe ruht , bezeichnet werden. Die beobachtuugen Lach- 
manns (Kl. sehr. I, 402 fg.) werden dadurch bestätigt, dass sich die- 
ser accent nach kurzer Wurzelsilbe nicht findet, sondern nur nach lau- 
ger. Die einzige ausnähme im Boethius ist das eben besprochene 
gnot-mezünga 56", was dafür spricht, dass hier entweder der akut 
falsch gesezt ist auf -ung anstatt auf die vorhergehende silbe, oder, 
wie schon gesagt, dass der erste teil dieses compositum den hochton 
des Wortes für sich allein beanspruchte. Aus den kategorieu führt 
Lachmaun I, 403 noch tölünga au. 

ZEITSCHR. F. DEDTSCHK PHILOLOGIE. BD. XIV. 19 



290 FLEISCHER 

2) Das Suffix -ing (Gr. II, 349 fgg.) ist nur selten belegt. 
Lachraann I, 404 fg. stelt die Wörter mit dem snffix -mg bezüglich 
ihrer betonuug zu denen mit -ung {-unga). Im Boethius findet sich 
nur einmal edelingen 116'' neben ödeling ebda. Sonst ist -ing stets 
unbetont, namentlich erwähne ich die adverbia auf -ingün (vgl. Gr. II, 
s. 356) stüszelingun 41'' 214'' 215'', stüsselingün 215% drdingün 215% 
urdingun 216'', bei denen die lezte, lange silbe den nebenton auf sich 
gezogen hat. 

3) Das Suffix -niss, -nisseda (Gr. II, 321 fgg. III, 527.) 
hat nach Lachmann I, 403 ebenfals, wie -äri, -nissi, -iltn, -isäl, 
-ünga, -mg bei Otfrid den nebenton auf der dritten silbe des mit ihm 
gebildeten langsilbig anfangenden Substantivs. Im Boethius findet sich 
der accent auf dem suffix nur in der ersten hälfte, und zwar nur in: 
Jcelthnisse 23", uerlörnisseda 19^", uerlörnissedo 184'', he^eicJmisseda 56", 
rilitnissedo 44^*, neben JceUhnisse 34", uerlörnisseda 27" 32" 144" (2) 
212", l)ezeiclmisseda 214". 

B. Nicht ursprüngliche suffixe. 

1) Das aus einem selbständigen Substantiv zum suffix herabsin- 
kende -hcit trägt in der grossen m ehrzahl der fälle noch einen beson- 
deren nebenton, so in; uuurhät 31" (2)" 44" 131" 152", -Mite 17" 44" 
115" 134" 149" 150" 227" 228" 249", -heiten 230"; tmisenthät 219" 
230" 233"" 239" 241" 243" 244", 247", -Mite 219" 221" 223"" 224" 
233" 235" 250" 251", ünuuisentMit 170"; säligMit 35" 67"" 68" (3) 
69" 97" 99"" 101" 131" (2) 127"", -Mite 47" 52" 60" 65" 95" 97" 
104" (i) 113" 118" 121" 126", ünsaligMite 181"; euuigMit 197", -Mite 
88" (2) 128" 197" 246"; süniMit 17", irrigMite 24", göuhMite 25", 
skhurMite 28" 36", früotMit 48", drmMit 52"; uuenegMit 66" 181" 
183" (2) 189", -Mite 69" (2) 180" 183""; JceuudreMit 69", -Mite 35", 
lingeuudreMit 215"; mdncMit 79", tügedMit 124", mdnMite 178", trü- 
regMit 124", guisMite 214", friMife 220". 

Jedoch findet es sich zu öfteren malen ohne den nebenaccent in 
folgenden fällen: uudrMit 253", -Mite 222" 223"; uuisentMit 221" 224" 
230" 232" 240" 248" 253" 254", -Mite 223" 251" 252" 254"; stdigMit 
156", euuigMit 181", scdlhMit 219" 220", tümhMite 227", sodass z. b. 
uuizentMit und seine formen 19 mal, uuisentMit 12 mal, beide z. b. 
230" kurz nacheinander auf derselben seite; tmärMit 16 mal, uudrMit 
3 mal usw. gegen einander stehen. Ein durchgreifendes gesetz lässt 
sich daher wol schwerlich aufstellen. Bemerkenswert ist, dass in der 
ganzen ersten hälfte -heit stets mit dem accente versehen ist, in der 
zweiten hälfte des Boethius dagegen das suffix häufig unbetont ist; fer- 



XOTKERS ACCRNTUATinX 



291 



ner ist zu bpobachten , dass das suffix ohne accout nur naoli langsil- 
biger wurzel vorkomt (Lachmaun I, :}y9). 

2) Das ebenso entstandene und verwendete -scdft erscheint gleich- 
fals fast durchweg accontuiert (vgl. Lachmann I, 396 fg.), so: mc.ister- 
sliefte 19\ pcnfskcßc 28" 29% ficnfscdß 7(3", hölgemcdft 28", Uncdf! 
74" 82'' 1(12'', ficntsUfte 79" 81" 107" 112"", uuinesMß, -skefte IGO". 
Aber ohne accent nur 3 mal: fkntscaß 76", wo kurz vorher ftcnUcdß 
mit betontem suffix geht, Jierskeßc 79", wo ebenfals kurz vorher her- 
ükeße steht, und herskeftcn 109". 

3) Das zum suffix gewordene Substantiv -tüom (Gr. II, 491. 1009) 
behält seinen besonderen accent, wozu die schwere des diphthonges 
wesentlich beigetragen haben mag. Nur einmal ist es unbetont: her- 
tuom 31", wol nur aus versehen des Schreibers. 

4) Ähnlich als mit -scdß verhält es sich mit dem aus einem 
selbständigen adjectiv zum suffix herabgesunkenen -haß (Gr. II, 10. 
197. 561. 1012). Es ist meist accentuiert: erhdßi 21" 64" 109" 122", 
-lidßi 109", rrJidßc 108" 112", -Mßesfen 164", -Mßen 107" 108" 109"; 
nnördcnhdßm d. pl. 44", ndmehdßi 28". ünzdlalidßcn 28", diehdßemo 
38", dtahdßa 68", -Jidßo 85" (2); ünddrolidß 64", rcdoMßemo 71"_ 
-hdßc, -lidßo 237", scddohdßen 82", -haß 115", -hdßera 114", liu- 
ment-hdßigi 87", eohdßen 94", uuurhdßo 115" 127" 132" 154" 171", 
sdmohdßi 121", sdmenthdßigün 128", -hdßi 237" 241" 242" (2), nnl%- 
hdßiu 146", nofhdße 174" 250", -hdßen 179", -hdßün 204", -hdßa 222". 
unndthdße 233"; lächcnhdßc 179", dnahdßenüu 193", sdmohdßero 195", 
dtoJidßen 243", gedtehdßoti 247% eigenhdßi 248". 

Doch findet es sich auch häufig genug ohne den accent des neben- 
tones, namentlich wenn ein langer vocal unmittelbar folgt: nothaßm 
252" 249% nnnuthaßiu 252% sdmenthaßig 24,2^ (während es doch, vgl. 
oben, nothdßc, -hdßen, -hdßi und sdmenthdßi fgg. heisst). Ferner 
in : sdmenthaßi 234" 247", nothaßi 222" (2) , wo kurz vorher nöthdßa 
steht, crhaßi 108% wo kurz darauf erhdßi, welches auch sonst 5 mal 
belegt ist, folgt; unördenhaßi 215", sämhaße, sämhaßemo 215", höu- 
hefhaßi 213", redohaße 242". In der ersten hälfte komt das suffix 
-haß also stets mit dem akut vor , erst gegen ende des Boethius wird 
der accent äusserst häufig weggelassen. 

5) Das adjectivische , aber nur suffixal vorkommende -fdlt findet 
sich mit accent in: mdm'gfdlfero 68", -ßUta 193% -fdlto 195"; ein- 
ndlte 125" 229", -udJta 234% -fdlti 155" 192"; ohne accent aber in: 
mdnigfaUe 29", -ßdti 246"; einßilte 123" 234" 247" 250", -faltiu 193" 
243", -faltl 195" 198" 229" 246" 254% -ßdta 234" 236% {dero) einual- 
tun 246" 247". — Auch hier wird sich eine streng durchgeführte regel 

19* 



292 FLEISCHER 

kaum finden lassen, es steht z. b. 229'' einfaUi imd einfalte , 234^ ein- 
ualta und einfdlte ganz kurz bintereinander, ohne dass man für die 
Verschiedenheit in der acceutuation einen grund entdeckt. Nur ist auch 
hier zu bemerken, dass vor der schweren endung -iu der accent von 
-fdlt wegfält und sich das suffix ohne accent fast nur in der zweiten 
hälfte, namentlich häufig gegen ende des Boethius zeigt. 

6) Das hinter Substantiven suffixal gewordene adjectiv -här, -häri 
(Gr. II, 557) behält seinen circumflex; doch komt es nur selten vor: 
skmhurün 60'', sJdnbären 116^'. Nur einmal accentlos: sMnhare 165". 
frdmharo hat nie den accent auf dem suffixe, so: frdmbaro 37", frdm- 
baren 38"', frdmbarün 74^ Dass franibäri ps. 37, 9 und im Cap. frdm- 
hdro neben framharo, aber nur bei Notker, vorkomt, erwähnt schon 
Gr. II, 732 fgg., im Boethius zeigt sich dieses schwanken nicht. 

7) Das an nomina tretende suffix -sam (s. Gr. II, 573, 664. Fick 
III, 3, 310) erscheint in der regel betont: drheitsdmo IG" 19% rdtsd- 
mcnio 20^, heilesdmero 41''; lüstsdm 67*, -sdmes 55*, lüstsdmen . . . Uit- 
sdmen 16% -sdmero 112% -sdmi 60" 95" 102* (2). 99" hat Hattemer 
fälschlich lüstsami für lüstsdmi; ersdmcro 60'', minnesdm 71'', löbcsdm 
87% gdmmensdmo 88% Uidsdm 117", sörgsdm 118% hnüJdsdm 101", 
trresdmiu 198''. Aber ohne accent findet sich -sam:- lüstsame 19" 209", 
-samo 119", -sami 101" 208", -sami 117"; Jieilesamo 76", uuünnesam/iu- 
206", -sama 207 ^\ Icemdhsamiu 201% drbcitsamün 204", drbeitsamiu 
201" 206". Auch hier hat in lüstsdm und seinen ableitungen oft genug 
das suffix den accent, und oft fehlt er ihm, ohne dass man einen 
andern schluss ziehen kann, als dass der nebenton auch dieses suffixes 
schwankt. Jedoch finden wir, dass das suffix ohne nachfolgende end- 
silbe stets betont ist, und ebenso bei nachfolgender leichter endung. 
In der zweiten hälfte des Boethius ist der accent des suffixes öfter 
weggelassen als in der ersten. — Beachtung verdient 46" lüssames, 
wo neben verlust dss tones auch noch consonantenassimilation eingetre- 
ten ist. 

8) Hieran schliessen wir das wirklich adjektivische compositions- 
glied -los (Gr. II, 565 fgg.), obgleich es nicht suffix geworden ist. Auch 
dieses behält der regel nach seinen ton: uuksdos 20", chrdftelöse 25'', 
sigelösen 26" 49", züngelosen 21", rätelosliclio 24", cliornldser 40", Ube- 
loses 71", clirdftelds 101" 165", -loses 238", güofelosen 112% cMndelosen 
118% scdffelösa 128% lonlösen 175", stetelösen 245". Ohne accent 
erscheint es nur in: sJcdmelos 30% eolos 37", chüstelosi 188", Mofelosi 
188"; hornlos 211", wo kurz vorher hornlos steht. 



NOTKERS ACCEMTDATION 293 

§ 18. Der nebeutoii der mit ursprUnslH'licii i)rä|)Ositloii(Mi 
zusiiiumoiigeseztcii Wörter. 

I. Wenn ein uoineu mit einer vorantretenden zur partikol lier- 
abi^Gsunkenen präposition zusamnieno-esezt wird , so hat in deutscher 
spräche, wie schon Grimm P, 22 fgg. angedeutet und Lachmann I, 
366 fgg. näher ausgeführt hat, die partikel in der regel den haupttou, 
die Wurzelsilbe des nomens aber den nebentou. Der hauptton felilt nun 
solchen Wörtern in Notkers Boethius nie, wol aber der nebenton, wenn 
auch nur selten. Diese fälle, in denen sich der nebenton im Boethius 
nicht bezeichnet findet, sind für unsere abhandlung über Notkers accen- 
tuationssystem von Wichtigkeit und ich lasse sie daher hier folgen. 

1) Bei Zusammensetzung eines nomen mit cma (Gr. II, 710) ist 
der nebenton uubezeichnet gelassen in: dnauuarto 249"', dnmmartigiu 
247'', dnauuarUgcn 254", in dnagerme 147'' 215" (neben dnayeiine 42'' 
103" 197'' 245'') und in dncimndc 35" (aber ündncliiinde 55*). 

2) hi (Gr. II, 718) findet sich bei Notker teils als pi {phmürte 
73''), teils als he und hi. Nur in der Zusammensetzung mit lezterem 
ist der nebentou zweimal nicht bezeichnet , \v^.Vil\idi h\ pimimftlicho !!?>'' 
und hiderhi 99\ 

3) Das gotische /ar, fair, faiir, faiiri, fmlra (Gr. II, 724) zeigt 
sich bei Notker a) als fcr und ist dann stets unbetont, z. b. fersiJdig 
116'', b) als förc mit dem hauptton auf erster silbe; der uebenton ist 
stets bezeichnet, z. b. föresiht 192" 222" 225" 248% före-täte 48=^; 
und c) als fdrc, wo bei fürenomes 55" (vgl. Gr. III, 90 und 773, 
G raff II, 1078, statt furnomenes Gr. Wb. IV, 773) und fnrolago 57" 
{furilago gen. von furilaga defensio vgl. Graflf II , 94) der nebeuaccent 
weggelassen ist. 

4) Mit fra (Gr. II, 731) ist zusammengesezt : frdtaüg 66", frd- 
tatigen 169" und frdtaten 39", bei welchem werte der nebeuaccent stets 
ausgelassen ist. Schon Grimm (II, 731) bemerkt, dass Notker zwi- 
schen fra und frd zu schwanken scheine; ich wage nicht, aufgrund 
eines einzelnen beispieles darüber zu entscheiden , namentlich da bei die- 
sem frdtaten 39" das d erst aus d, vielleicht fehlerhaft, corrigiert ist. 

5) Mit ohcn ist compouiert und ohne bezeichnung des nebentones: 
öhenaJdigemo IT" und ohenaMigi 103" 164" (Gr. II, 730). 

6) Von Zusammensetzungen mit in (Gr. II, 758) ist ohne nel)en- 
accent geblieben : insildigo hO»'^ hT \m([ inuuert^ 196", immertigora 157''. 

7) Bei Zusammensetzung mit näh (Gr. II, 762) ist ndlmuertigi 
195* (aber 195" ndlmuertigi) ohne bezeichnung des nebentones gelassen. 

8) ebenso bei nideruuertiga 220" (Gr. 11, 763). 



294 



FLEISCHER 



9) Mit diirli (Gr. II, 770) zusammengesezt und ohne nebenaccent 
ist: durnohtor 16*', türnoltti Si'', tdrnohtm 142", ündürnoliten 123" 
(auch sedimiohügdnnc 208'') , während sich jedoch dilrnöhte 84'', dürh- 
nöhte 121'', dürhnolden 123''' mit bezeiclmeteni uebenton findet, sogar 
auf 123'' beides. 

10) Von nomina, welche mit obe- zusammengesezt sind (Gr. II, 
771), ist öhesiht 248" ohne nebenaccent; jedoch findet sich mit bezeich- 
netem nebenton öhesiht 192". 

11) Das nomen hat den nebenaccent in Zusammensetzung mit 
linder (Gr. II, 783) eingebüsst nur in: tlndertan 39", undertimiu 195" 
(aber 115" und öfter tlndertänen) und in ündersheit 230", wo doch auf 
derselben seite kurz vorhergeht ilnderskeit mit nebenaccent, welcher 
auch 91" 138" und in suene ünderskeita 55'', geünderslieitota 41" 
belegt ist. 

12) Bei Zusammensetzung mit üf (Gr. II, 785) zeigt nur üfuuer- 
tigen 220a keinen nebenaccent. 

13) Bei Ü2 (Gr. II, 792) hat den nebenton nicht bezeichnet: 
üzuuerügen, üsuuertiga, beide 197^ — Hieranfüge ich gleich: dbuuer- 
tig 245", dbiiuerUgemo 209^ (aber äbuuertl 105"), vgl. Gr. II, 707; 
gdgenimerti 32»^ (wo auch zweimal gdgemmerti steht) 33" 244'' 246" 
247"" (2) 248"'' (3) 253" 254^ gdgenimerte 245", -uuerten 232" 246" 
253", -uuertiu 248" 251", -imertero 249", -uuerta 251" 252", -uuertigo 
229", -uuertün 164", wälirend in kdgenuuerti 32" 105" 176", gdgen- 
iiucrfe 176" der nebentou durch den accent ausgedrückt ist; vgl. übri- 
gens Gr. II, 754. Bei Zusammensetzung mit ituider vgl. Gr. II, 795: 
imtdenmartig 106", -tgo 146", -igen 205", -igi 208", -igiv 81" neben 
uuideruudrtig 94" 105" 177" (2). 

Überblicken wir die fälle , in denen der nebenton unbezeichnet 
geblieben ist, so bemerken wir, dass in den lezten drei büchern des 
Boethius der nebenaccent weit häufiger fehlt, als in den beiden ersten. 

II. Die einsilbigen präpositionen werden, wenn sie als 
vorgesezte untrenbare partikeln sich mit verben verbinden, tonlos (als 
ausnähme wäre wol nur gefüreuangot 253" mit weggefallenem neben- 
accent zu merken); infolgedessen haben sie schon in frühesten Zeiten, 
vor Notker , auch in der form einbusse erlitten. So erscheint vor ver- 
ben bi, bi als be; dnt als int, ent, in, en; 01 als se; ur als ir, er; 
l'lr, far als uer. Hier trägt dann die Wurzelsilbe des verbs den haupt- 
ton, welcher ja, wie wir im ersten teile unserer abhandlung zeigten 
(§ 2 und 6j bei verben stets bezeichnet wird. 



NOTKERS ACCENTUATION 295 

i? Vr). Wortcoiiipositioii. 

Die aus volwörtoni j^'chiklcte composition untcisclieidct sich weseiit- 
licli von der in den vorlicrgelienden paragraplien besprochenen partikel- 
composition dadurch, dass jedes corapositionsglied, als ein für sich 
selbständiges wort, auch ursprünglich einen hauptton auf seiner Wur- 
zelsilbe trug-. Den liauptton des compositums erhält nun das erste wort 
der Zusammensetzung, dagegen sinlvt der ehemalige liauptton des oder 
der folgenden compositionsglieder zum nebenton herab ; daher von vorn- 
herein zu vermuten ist, dass er sich bei Notker öfter unbezeichnet 
finden werde. Indess beschränkt sich der Schwund des nebenaccentes 
im Boetliius nur auf einige Wörter. Es sind folgende : 

mau findet sich in spUoman 57'' (2), dcJierman 216^, sogar iibelman 
.'52" ohne den nebenaccent. Jedoch in der flexion hat es seinen eigenton 
behalten: spUomdnnes 108"', dchcrmdnnes 197'', tmcrhmdnno 84'', ding- 
nidn n. a. pl. 33'' 187^ Auch selbständig findet sich dieses man häufig 
ohne accent, so in der pronominalen bedeutung „man^'- s. § 11 s. 53 und 
ferner in: nchein man 28", einen gerisliclien man 29" (gleich darauf 
einen sdmo heren mdn) , uueder man 58'', der man GO", den man 18", 
manne 116^ neben deheinen mdn 30'', züo dcmo mdn 64'', ein mdn 
230^ einen mdn 250", der mdn 70" (2) 132''' 133", den mdn 79" (2) 
90* 91" fgg. Man ersieht daraus, dass dieses wort schon an und für 
sich an seiner betonuiig einbusse erlitten hat, daher es umsoweuiger 
'/AI verwundern ist, wenn es in der composition seinen nebenton ver- 
liert. Dass es aber auch in der composition seinen ton behält, sobald 
es in flexion steht, erinnert stark an das Verhältnis der adjectiva auf 
-ig, -Uh usw., welche nach §15 auch bei antritt von schwachen 
flexionsendungen (welche hier nur in rede kommen können), ihren 
nebenaccent meist beibehalten. Hierzu passt auch der beleg lomdnno- 
lili 87", während es stets ohne nebenaccent hman, niomannes usw. 
lautet. 

2) mcB in gnut-memnga 56", wo kurz vorhergeht cnot - mdrchünga ; 
nuidermesunga 75", nötmes 149"; vgl. auch ünmeses 75". (Gr. II, 669.) 

3) tat in liUat neben hltät, beides 147% vgl. auch /m^a% § 18, 4. 
b) Einzelne composita , deren etymologie noch nicht genügend 

aufgeklärt ist, haben den nebenaccent nicht: 

1) miirgfaren 63" 248", mürgfära sälda 48", milrfartu 198" 
neben miirgfäre 91", mürgfdres 92", murfära 68". Über dieses wort 
s. Gr. II, 289. 656, Graff III, 574; es iibersezt das latein. caducus. 

2) göte-dehto 35" neben göte-dehtigo 134" = devotus. Vgl. 
Gr. II, 206. 552. 591; II, 418; III, 112. 



296 



FLEISCHER 



3) sinuttelbi'U (Gr. II, 554) 85% sinuuelhi 234" bei antritt von 
schwerem suffix; dagegen sin-uuelhe 234% sinimelhemo 51'', sme mielhe 
42" mit leichtem suffix. Seine becleutung ist rotundus, globosus (Graff 
I, 845). 

c) Ferner finden sich einige composita, welche mit selb, die, 
miüle mid Zahlwörtern zusamniengesezt sind, ohne den nebenaccent; 
aber nur in zweiter hälfte des Boethius, nämlich: 1) selb-uuaWg 
229" 250% -iges 223% -igi 218'^ 221" 229" (aber selhuudltigi 31 '0, 
-igemo 251*", -igim 251'', -igen 230% ünsäbmialtig 225% wo der cir- 
cumflex auf ün- jedenfals den höchsten ton des aus drei Wörtern zusaui- 
mengesezten compositum ausdrücken soll = ünselbuuältig vgl. § 16. 1. 
-uudltig ist auch in uuüleuualtigi 200'' 254'' ohne bezeichnung des 
nebcntones. — Von anderen Wörtern , denen der nebenaccent in Zusam- 
mensetzung von selb fehlt, finde ich nur noch: selbuuaga 215% wäh- 
rend selbheui auf derselben seite 215" ihn hat. 

2) Das mit die zusammengesezte dlemahttg findet sich 230'' und 
254" ohne nebenaccent. (Gr. II, 673.) 

3) Von mit uuille zusammengesezten Wörtern findet sich der 
nebenton nicht bezeichnet in uuüleuuaUigi 230'' 254'' und uuilletmar- 
buu 253*1. 

4) Mit Zahlwörtern zusamraengesezt und ohne nebenaccent 
zeigt sich vor allem cinucdte und seine verwanten, worüber man § 17, 5 
sehe. Mit bezeichnetem nebenton ist einfdUe belegt: 192'' 229" 334% 
so dass an beiden lezteren stellen beide Schreibarten fast nebeneinander 
stehen. Ferner einrihfigo 90% drmaJitig 20" (s. Lachmann Kl. sehr. I, 
395) und mit tritagigcmo riten 121". Auffallend ist das schwanken zwi- 
schen tri und tri in den beiden lezten beispielen. 

d) Zum schluss seien noch zwei composita erwähnt, Avelche auf 
den ersten blick kaum als solche erscheinen: Uchdmo und dmbdht; 
diese zeigen durch ihre doppelte accentuatiou noch ihre compositions- 
natur. l) lichamo ist zusammengesezt aus Uh und hämo, bedeutet also 
soviel als „leibeshülle" ; daher hat es auch den nebenton in der ersten 
hälfte des Boethius öfter bezeichnet, und zwar Uclulmo 120% liclidmen 
66" 80" (3) 119" 130% In zweiter hälfte unserer vorläge ist der neben- 
ton stets unbezeichnet geblieben : Uchamo 143'' (2) 150" 227% Uchamön 
5 mal und Itchamen 12 mal. — 3) dmbdht ist das gotische andbahts 
und findet sich mit dem nebenaccent: dmbdht 29" 79"'' 108'' 189% 
dmbdhto 28" (wo auch dnihaht) 122" 169" dmbdhteu 81" 84" 107" 109% 
dnibdht-sezzi 55", daneben komt jedoch das wort ohne nebenaccent in 
erster und zweiter hälfte des Boethius sehr häufig vor: dmbaht 50" 79" 
wo sieh auch dmbdht findet) 80" 107" (wo ebenfals auch dmhdht steht) 



NOTKERS ACCENTÜATION 2!)7 

llO-^ (2) 111" (2) 168", dmhahtc 28" (wo aucli dmbdhie) 80" 119" 168" 
169'\ dmhaldes 34'^ 36" 108" 168", dmhahto 111", dmhaU-era 108'' (2), 
dmbaht- mannen 107" (wo gloiclifalls auch dnibdhtcn), dmbaht - seszeää 
111", dmhaMcu 41" 109". 

Wie wir aucli aus diesem capitel ersehen , zeigt sich also die 
zweite hälfto des Boethius, was den nebentoti angclit, weit weniger 
genau accentuicrt, als die erste. 

§ 30. Doppelte {iccentuation. 

Doppolte accente tragen einige male die personalpronomina 
linsili 51" 56" 85"* und iuuih 71" lll" (nach Pipers collation) 150*, 
während ünsih 21" 55" 68" 78" (2) 91" 93" 121" 131"" 160«^ 186" 
193", 201" 230" (3) und iuuih 67" 87" 79" 104" (2) 121" belegt ist. 
In zweiter hälfte des Boethius findet sich der acceut auf der zweiten 
silbe nicht, wie wir ja überhaupt eine ungenauere accentuierung der 
lezten hälfte festgestelt haben. Diese erscheinuug bespricht Lachraann 
Kl. sehr. 1, 379 fgg. und nent sie eine art von enldisis, wie loti für 
toxi. Es ist jedoch wol eher mit Scherer, Zur geschichte der deut- 
schen spr. Berlin 1878, s. 81, in der betonung itnsih, iuuih rest 
altarischer betonung anzunehmen. Die von Lachmann a. a. o. angeführ- 
ten formen indu, imö , ird, ini sind in Noikers Boethius stets nur auf 
der ersten silbe mit dem acut versehen, Avährend die zweite silbe 
durchaus ohne accent bleibt. 

Noch zwei Wörter mit doppeltem accente finden sich im Boethius: 
biscöfc 55", welches sonst nicht weiter belegt ist. Diese betonung 
erklärt sich daraus , dass es ein fremdwort ist , dessen fremder Ursprung 
und Charakter noch deutlich gefühlt wurde. Ausserdem zeigt sich, 
ebenfals nur einmal ar^ät 199", welches vielleicht nur ungenaue accen- 
tuierung ist statt drsdfj neben drmtes 26" und drsenäre 199''. 

§ 31. RückWiek. 

Die ergebnisse unserer Untersuchungen sind im ganzen folgende: 

1) Die accentuation Notkers in seinem Boethius ist keineswegs 
wilkürlich , sondern befolgt feste gesetze , welche im grossen und gan- 
zen mit denen übereinstimmen , welche sich aus den forschungen Lach- 
manns über deutsche nietrik ergeben haben. 

2) Jedoch macht sich in der innehaltuug dieser gesetze ein unter- 
schied zwischen den beiden ersten büchern des Boethius und den drei 
lezten bemerklich : die lezteren sind viel ungenauer accentuiert , nament- 
lich betrefs des uebeutones, als die erstereu, sodass Wackernagels 
Vermutung eine neue stütze gewint, welcher zu dem Schlüsse kam, 



298 FLEISCHER 

dass nur die beiden eisten büclier von Notker selbst verfasst und 
ursprünglich niedergeschrieben seien. 

3) Die ausichten von Sievers über ahd. betonung, welche er iu 
Paul und Braunes Beitr. bd. IV s. 522 fgg. niedergelegt hat, stehen 
denen Lachmanns über ahd. betonung keineswegs so schroff entgegen, 
als es Sievers ausspricht; vielmehr hat schon Lachmann iu seiner spä- 
teren zweiten abhandlung über ahd. betonung auf das beide ansichten 
vermittelnde gesetz hingewiesen , nach welchem auch nach langem wur- 
zelvocal die zweite silbe des wertes nicht betont wird, wenn eine 
höher betonte als dritte silbe folgt (also nicht ander m, sondern dude- 
rm). Wir zeigten an der rhythmik in dermusik, dass nur ein gesetz 
die rhythmik überhaupt beherscht: Einer hauptbetonten kürze dar! 
regelrecht nicht unmittelbar die nebenbetonte kürze folgen; dass eine 
uebenbetonte länge einer hauptbetonten kürze unmittelbar folgt, ist 
selten. 

4) Die betonung einer silbe hängt ab : a) von dem auf ilir ruhen- 
den logischen gewichte (haupttou), b) von der quantität ihres vocales 
(quantität), c) von dem Verhältnisse, in welchem eine silbe bezüglich 
ihres logischen und metrischen gewichtes zu der oder den ihr voran- 
gehenden oder nachfolgenden silben steht (nebenton). 

5) Tritt eine silbe in folge ihrer gewichtigeren begriflicheu 
bedeutung vor anderen silben innerhalb eines Wortes vor den anderen 
hervor, so hat sie den logischen ton. Dies ist der fall mit allen 
Wurzelsilben, Avelche daher bei Notker stets betont sind, so lange dem 
Worte nicht seine Selbständigkeit verloren gegangen ist, in welchem 
falle dann der accent überhaupt wegfält. Der auf einer Wurzelsilbe 
ruhende logische ton kann nun haiipt- oder nebenton sein, und zwar 
trägt a) den hauptton jedes selbständige wort auf seiner ersten silbe, 
wobei jedoch zu merken ist, dass die praefixe ge-, he-, se-, ver-, int- 
ent-, ir- er- stets unbetont bleiben, b) Der ursprüngliche hauptton 
wird zum nebenton, wenn die denselben tragende silbe durch com- 
position mit einem hochbetonten anderen werte oder mit den schweren 
präfixen du-, d- , dnt- , ur- , {ete-) das zweite oder dritte glied eines 
Wortes wird. Unter diesen Verhältnissen wird der nebenton im Boe- 
tliius, namentlich in der lezten hälfte häufig unbezeichnet gelassen. 

6) Jedes wort, welches im satze eine selbständige Stellung oin- 
nimt, trägt den emphatischen ton. Soweit er selbständige Wörter 
betrift, fält der emphatische ton in seiner bezeichnuug mit dem logi- 
schen tone zusammen. Verliert aber ein wort im satze seine selbstän- 
dige Stellung , so wird ihm der auf ihm ruhende emphatische ton ent- 
zogen, und damit verliert das wort seinen accent. Dies geschieht 



NOTKEBS ACCENTUATION 299 

namentlich eiusilbigen Wörtern, Avenu sie nur zur Unterstützung 
der flexion, — wie die präpositionen hl, hi , au, zu ^ seltener mit 
zur stütze des casus und, wie die pronomiua personalia und das inde- 
finituni man, uiäht zur stütze der verbalflexion , — oder der bezie- 
liungen des geuus (artikel), des ortes und der zeit (dura, dar) 
oder anderer beziehungen wie so vor tiucr, uueler usw. stehen, und 
ferner, wenn sie sich an einzelne Wörter anlehnen, wie die partikeln 
na, no , nu, tir, te usw. 

7) Ist der vocal einer silbe an sich lang, sei es ursprünglich 
oder durch contraction oder ersatzdehuung, so hat sie den metrischen 
ton, d.h. sie wird als gewichtiger betrachtet, als eine grammatikalisch 
kurze silbe unter gleichen umständen. Die bezeichnung des metrischen 
hochtoues ist der circumflex. Dieser fält um so eher weg, je weniger 
er durch dem vocale folgende consonanz geschüzt ist, namentlich in 
endsilben; er bleibt der silbe um so eher erhalten, je mehr er durch, 
dem vocale folgende schwere consonanzen unterstüzt wird. Die conso- 
nanten haben somit vermöge ihrer leichteren oder scliwereren ausspräche 
teil an dem metrischen tone, so dass gemeiniglichhin ein vocal als 
metrisch lang gilt, welchem zwei consonanten folgen (positionslänge). 

8) Der metrische ton steht aber unter dem einflusse der quanti- 
tät der vorangehenden oder folgenden silbe. a) Schon unter 3) haben 
wir darauf hingewiesen , dass der nebenton nur selten auf einer langen 
silbe ruht, welche einer kurzen hauptbetonten silbe unmittelbar folgt. 
Daher verliert eine silbe ihren den metrischen hochton bezeichnenden 
circumflex, wenn eine kurze hauptbetonte silbe unmittelbar vorangeht 
(vgl. uuelih, solih = welch, solch usf). b) Eine silbe verliert ihren 
metrischen hochton, wenn eine andere metrisch hochbetonte, d. h. eine 
lange silbe folgt. — Ich nenne diesen einfluss, welchen die quautität 
mehrerer silben unter einander auf sich zeigen, den rhythmischen 
ton, da er den gid-j-wg, d. h. den richtigen „takt," das „ebenmass" 
der einzelnen glieder eines wertes hervorbringt, während der metrische 
ton nur das (.iszQor, das mass einer silbe an und für sich, ihre schwere, 
ihr gewicht anzeigt. 

3) Die abschattuug dieser töne ist ungefähr, nach ihrem grösse- 
ren einflusse auf die anderen töne , folgende : Der stärkste ton , der auf 
einer silbe ruhen kann , ist der emphatische , unter welchen sich der 
logische unterordnet; lezterer teilt sich in den hauptton und den logi- 
schen nebenton. Der hauptton hat einfluss auf den rhythmischen ton 
und dieser widerum auf den metrischen. 

Wie nun diese gesetze für die gesamte Wortbildung der deut- 
schen spräche von gröster bedeutung sind , dies zu zeigen wird die 



300 LÖHNEß 

zweite abteiliing meiner abhandhiug über Notkers accentuation sich 
zur aufgäbe machen, welche namentlich den accentwechsel bei Notker 
zum gegeustaude ihrer betrachtung nehmen wird. 

HALLE. OSKAK FLEISCHER. 



WORTSTELLUNG DER RELATIV- UND ABHÄNGIGEN 
CONJUNCTIONALSÄTZE IN NOTKER, BOETHIUS. 

(Schluss.) 

I. 

Sämtliche conjunctionalsätze (die sog. indirecteu fragesätze sind 
immer mit inbegriffen) haben in miserem denkmale bereits das deut- 
liche gepräge eines nebensatzes, d. h. conjunctiou und verbum finitum 
sind durch mindestens einen selbständigen redeteil getrent.^ Vgl. rela- 
tivsätze s. 174. Diese regel gilt somit in gleicher weise für die ursprüng- 
lich demonstrativ -satzverbindenden und indefinit -satzverbindenden pro- 
nomina und adverbia. Der unterschied der beiden Wortstellungen tritt 
am ersichtlichsten hervor, Avenn das im nebensatz als conjunctiou die- 
nende wort im beigefügten hauptsatze als adverb erscheint (s. 174). 
Z. b. : (Die beispiele folgen nach alphabetischer anordnung mit mög- 
lichster Zusammenfassung gleicher stamme.) 

II. 49. (91* 11 v.u.) Tanne diu Controller sia gät. an deheine guisse 

personas. tanne ist si ciuilis. 
IV. 49. 6. Tanne — heläsen uuerde — tanne ist — 
I. 3. 1. Ta^ st ehleine ist. tas machönt argumenta, tas si uualie 
ist. tas machönt figiirae — 

III. 46. 20. Tö in sines tödes lusta. dö teta er imo das samo so 

ze eron — II. 43. 3. 

IV. 23. 1. Tö ulixes föne troio eruuindendo — uuallöta — dö 

uuarf in der uuint — 
IV. 40. 10. Toh tili suei ein nesin. doli haftet tas ein an demo 

andermo. 
II. 14. (59" 1 V. 0.). j&r das so ergange, er uuirt temo oratori 

segeougenne — 
Vgl. IL 9. 4. {Uuanda) — man er nicht pechennen nemag iro dul- 

cedinem. er man sia selhün bechennet. 

1) Ausiiiihmc: V, 1. 2. unde das sint guljernaciila mundi. S. s. 301. 



■WORTSTELLUNG IM BOF.TTIIUS 301 

III. 100. 1. (148'' mitte 2 mal). So ist iz — so iz uns — äuget — 

so uns Jcemälet uuirt. 
Hl. 112. 10. so er siu zesamine gchaßi. so mtunrfn sili. undr 

zendme sih — III 122. 4. (ende). IV. 21. 2. II. 41. 31. 

II. 50. 6. 

II. 13. (57'' 1 V. 0.). Also die zeronio mridici hiczen. die daz purg- 

reht in dinge sagetön. also heizet ter dannän uuorteno strit 

iuriditiaUs. 
IV. 10. 2. Also du — ehäd/ist — also clilst tu — 
V. 14. 8. also sie dar ligeni. so ergänt sie — 
H. 4. 13. Unz si spiloe ze dir. unz hemul tih iro ; er si dir 

grhresfe. 

III. 1. 15, Unz tu denchest an diu uuerlfsälda. unz tenchest tu 
an daz pilde — 

Vgl. I. 2. 12. und 13. Uuanda eina müla — kezuhfa si sih — 
uuanda si — aJdöt. Andera uuUa tuoJda si mir — uuanda 
si — iiueiz. S. andere beispiele s. 209 — 217. 
Nur bei den mit mianda beginnenden Sätzen ist es oft schwie- 
rig, haupt- nud nebensatz von einander zu scheiden, da das kriterium 
der Wortstellung uns hier zuweilen im stiche lässt. Z. b. : 

I. 3. 7. Uuanda sancti unde sapientes. farent föne aefiua vita 
ad contemplatiuam. 
Aus dem satze an sich ist noch nicht zu erkennen, ob uuanda mit denn 
oder mit weil widerzugeben ist. Oder: 

I, 1. 6. Tes ist ouh turft. uuanda mir ist ungeuuändo. föne 
fxrheiten ztio geslungen. spuotig alti. Uenit enim inopina sene- 
ctus properata malis. 
Doch innere wie äussere gründe: die übrigen keuzeichen abhän- 
giger Sätze, der Zusammenhang geben meistens den ausschlag. So fasse 
ich z. b. die beiden citierten fälle als hauptsätze. Ebenso I. 2. 10, 
20. 9. u. 0. 

II. 5. 8 bleibt die entscheidung zweifelhaft. Taz argumentrwi hei- 

zet a contrariis. uuanda aristotiles chU. taz motus quieti con- 
trarius si. 
IL 45. 3. (85" 9 v. u.). 

Vgl. oben I. 2. 12. und 13. 

Auch die sätze mit doh könten ähnliche zweifei veranlassen, da 
ein doh des hauptsatzes nicht notwendig das verbnm attrahiert. Indes 
ist hier der modus im fraglichen satze massgebend. 

III. 27. 1. Prima praeuarieatio hahet menmshdn daz penomen. toh 
sie suoehen iro prineipium'. 



302 LÖHNER 

Vgl. das bei tvio (s. 217) bemerkte. 

Fortsetzungen des Conjunctionalsatzes (durch unde, noh, aide, 
nuhe) werden entweder mit widerholung von conjunction und subject 
(Vertretung durch ein pronomen) angereiht, oder die conjunction^ bleibt 
aus dem ersten satze zu ergänzen. Regel ist dabei, dass die Wortstel- 
lung der nebensätze gewahrt bleibe. Vgl. relativsätze s. 175. 

I. 8. 5. Uiide (danne) si mih. also dar man rotd) teilet tansotin. 
uuidere sihenta unde das uuiderönta. Meque traherent uelut 
in partem praedae. reclamanfcm et renitentem. IIT. 123. 4. 
I. 5. 5. Unde das tero iogelih uuiderfert temo andermo. 
I. 7. 19. (das Gull tu) — imde in not prallt uuerdest. 
I. 19. 7. unde (das) ih nio tmibe loh mih neruomda. 11. 7. 32. 

I. 15. 4/5. Unde (do) sie se cliilechün flihcnde das hehot uuercn 

neuuolMn. unde demo chuninge das semiiscnne uuurte. Ctini- 
que Uli nolentes parere. tuerentur sese defensione sacrarum 
aediuni. compertumque id forct rcgi. 

IL 7. 32, 48. 7, 48. 8. III. 123. 3; 

II. 8. 5. Ihh ouh Jcot selbo. iro dige gcrno uernäme. unde in 
sines koldes milte uuäre. imde in ouh eru uuellenten. dero 
uilo gäbe. Quamuis accipiat deus lihens uota. prodigus multi 
auri. et ornet auidos. II. 48. 4; 

IV. 55. 13. er er in üf erhuoh. uude in inhore eruuurgta. Pro- 

log 2 V. 0.; 
I. 30. 1. Sid tu neuueist — unde du uuanest — II. 51 (93''), 
III. 78. (134" oben). IV. 46. 11. u. 12; 

V. 21. 2. 3. Samo so ih sumeloe — uude is mer das nestcrche^ 

Quasi uero nos crcdamus — ac non illud potius arhitremur — 

I. 7. 5. Unde (so) der himel ala garo ist se dicchen regenen. Et 

polus stetit nimhosis imhrihus. III. 53. 4, 117. 3, 118. 1. 

II. 40. (78'' 7 V. u.) also panethius teta ■ — unde cicero teta. II. 49 

(91" 15 V. 0.); 
II. 5. 1. so uuas tir getan uuirdet in iro houe. unde so uuas tir 

dar hegagenct. 
I. 16. 15. so uuio is st. unde uuio sculdig ih tdr ana st. 
I. 9. 6. übe ouh tas sina slcara rihtet uuider uns. unde is unsih 

magenigör ana ucret. Qui si quando struens aciem. contra nos 

ualentior incubucrit. 
I. 31. 2. Übe onli tcr nuint mishelot tia cessa. unde den mere 

getuot uucllon; 

1) Event, auch das subject. S. I. 7. 19. 



WORTSTKLLING IM BOETmUS 303 

T. 2. 1. 11. 2. Uns 'ih tis migcndo in nünomo muofe aMofa, iindc 

ih sus ämerlicha chJaga screih mit tctiio grifcle. JTaec dum 

mecum tacifus reputarem ij)^ß. et .^Ignarcm lacrimahüem queri- 

moniam. officio stili. IV. ?>. 5. u. G; 

I. 5. 11. linde uner das hebe, das ier herhest. elt.ome geladener — 

Qim dedit ut — 
I. 29. 18. N'ü sage mir. Pchngcsi tu dlh. tmas allero dingo ende 
.9?,. linde uuara alliu natura rämee? — quis sit — quoue in- 
fendat intentio tot ins naturae. 
lY. ;^7. 5. siti des solli uuehsel st. unde leid tie guoten drueehe — 
unde dero gnofon era die uhelen irsucchen — 
I. 8. 13. u. 14. 15. Uhe du nio negeiscotost. uuio anaxagoras — 
indran unde er föne diu lango uuas in exilio. noli uuio socra- 
tes kenotet tmard trinchen — noli nueliu uutse seno philoso- 
plms leid — Quod si nee fugani a. nouisti. nee s. uenenum. 
nee s. tormenta. 
I. 1. 11. u. 12. All sesrre. uuio idjelo er die uuenegen gehöret. 

unde uuio ungerno er clieligo hetuot — 
1. 17. 1. Uuanda in dioterih tia genomen haheta. unde in das 
uuag. I. 27. 1. 
Von den zalüreichen aiiakoliitliien ^ in folge solcher woitevführim- 
gen berühren uns nur jene, wo hiedurch die constrnction des neben- 
satzes verlassen, und in die des hauptsatzes übergegangen wird. Die- 
ser Übergang ist aber nur ein scheinbarer, da die coujunction des ersten 
Satzes ihre subordinierende Wirkung auch auf den angereihten satz 
erstreckt, wie auch wir dies noch nachempfinden können. Vgl. reis. 
175 fg. Vor allem sind die veralgemeinernden relativsätze hervorzu- 
heben, die zuweilen (ähnlich den gewöhnlichen relativsätzen) durch 
unde er (und seine formen) fortgesezt werden, wobei die uebensatz- 
stellung mehr oder minder eingehalten wird. Hier ist die couditionale 
bedeutung des coordinierten relativsatzes noch deutlicher (vgl. reis. 176). 
II. 26. 1 — 3. So uuer durli Iceuuarelieit sm gesäse uuellc machon 
öuuig. noh er neuuile nideruerstosen uuerden. föne dien doson- 
ten uuinden. unde er intsissen neuuile den drdlicJw uuellonten 
mere. ter — Quisquis uolet — et curat — I. 10. 1. III. 111. 1. 

1) Z. b. wenn vcrwante conjunctionen wechseln, wenn ein liypotlietischer 
relativsatz in einen wirkliclien conditionalsatz übergeht, oder umgekehrt, eine con- 
junction nochmals aufgeuoramcu wird u. a. ra. I. 14. 11. Nio albinum — tas er 
neuer sTcielte. II. 7. 32. NemiciM tu äaz croesus — daz er. IV. 8. 8. So uueler 
dero fuozo geuualtendo gät. la/nde anderer — mit tien handen asöndo sih peitet 
kän. Si quin — aUusque. Vgl. II. 41. 27. 



304 LÖHNER 

Ferner: I. 22. 1 — 3. Taz Jiüfot siJi ouli über äaz ander leid, taz 
manigero uuun sih nielit nech/ref. nn die urrlde dero iiuercho. 
nuhe an dia gcsJciht dero trugesäldon. unde uuänct cchert tär 
geimarelieite. dar säligheit folget. — et ca iantum iudicat esse 
prouisa — Vgl. V. 1. 2. 
in. 109. 3. — so alliu ding sehnnt ze nielde. unde farcnt irre — 
aide uhe siu — Vgl. I. 5. 2. üuio iz sili lceloid)et — unde hef- 
tet sih' I. 30. 1. Std — — unde. 

II. 

Der typus der nebensätze ist dadurch noch ausgeprägter, dass 
das verbnm fiuitum mit Vorliebe seinen platz am ende des conjuuetio- 
nalsatzes erhält. Vgl. reis, 180. Bei etwa % aller fälle zeigen die 
conjunctionalsätze das verbnm linitum am schluss. Da die relativsätzo 
(s. 181) circa bei ^/^ der fälle das verbum am Schlüsse des satzes zeig- 
ten , (oder in % ausgedrückt : 66 7o bei den coujunctioualsätzen gegen- 
über 75% bei den relativsätzen) , so darf daraus auf eine strengere, 
ausgebildetere form der relativsätze gegenüber den coujunctioualsätzen 
geschlossen werden. Genauere resultate — um etwa eine abstufung 
der conjunctionalsätze unter einander zu gewinnen — dürfte man aus 
solchen Zahlenverhältnissen nicht ableiten wollen, da, wie wir schon 
bei den relativsätzen gesehen haben, jene fälle, wo das verbum fiuitum 
nicht am ende des satzes steht , nicht einfach durch constatierung einer 
älteren form der Wortstellung zu erklären sind, sondern meist bestirnte 
absiebten erkenbar sind , zu deren gunsten der Übersetzer von der regel 
abgewichen ist. 

II. 19. 9. Tanne ioh selben den 7ncnnishen ein cliurs uutla ofto 

zeerlehlic. 
lll. 102. 3. — taz alliu uuahsentiu. mit tes sämen manegfalti 
uuito geflanzot uuerden. 
I. 14. 6. To in handcgen Jmngeriären strenge cJiornchouf in cam- 
pania. unde ubeler segeuuerennc. unde dia selbün gehürda. 
erarmen sulender. föne demo cliuninge gebannen uuart. 
TV. 1. 3. toll ih is nü fore leide geägezot hdbeti. 
V. 16. 6. (Ende) — er si zu imo chäme. 
II. 41. 4. nio sie lango geuualtig uuesendo. ze ubermuote ne uuurten. 

III. 64. 2. — nube enen zuein daz tritta folgee. 

IV. 6. 13. Sid sie beide guotes ker sint. — unde iz tie einen 

guuinnent. — 
II. 39. (76'' unten), samo so er sia in dinge maloti. 
V. 17. 10. so ili tili ereron des errihto. unde daz kechoson — 



III. 


111. 1 


IV. 


44. 3. 


V. 


29. 5. 


I. 


2. 1. 


III. 


16. 2. 


IV. 


54. 8. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 305 

III. 78. (13.3'' beginn), also ouJi in coudUionall syllogismo projjositio 
unde assumptio condusionem machont. 

So uuer tiefo denchendo das uuära guot suoclie — 
so uuio si imo einsrn noh taz sclha geougen uucUe. 
Uhe er iz in demo muote vr gebüdöt nehaheti — 
Unz ili Uz smgendo in mmemo muote aJitota. 
— uueles sindes iz heim eruuinden sulc. 
Iz stät an diu. uuiolicha säldä ir in ?lcepfen imellent. 
uuio eheno ir iuuih iro gehahcn uuellcnt. 
V. 35. 10. Uuanda si doli stäte uuesen nemahta. 

III. 

Die redeteile, die hinter das verbiim finituin treten können, sind 
dieselben , die wir bei den relativsätzen an diesem platze erscheinen 
sahen , und auch bezüglich der Verteilung auf die einzelnen Wortklassen 
komt man zu dem gleichen resultate. Wider finden wir einfache (prae- 
positionallose) pronominale objecte von dieser freiheit, hinter das ver- 
bum treten zu dürfen, ausgeschlossen.^ Selbst als praepositionalcasus 
stehen pronomina viel häufiger vor, als hinter dem verbum. Auch 
alleinstehende, zumal einsilbige, tonschwache adverbia werden selten 
hinter dem verbum finitum geduldet. Desgleichen nominale subjecte, 
und immer nur aus besonderen anlassen (s. später). Vgl. reis. 181 fg. 
Am häufigsten stellen sich auch hier mit praepositionen versehene 
nominale bestimmungen ein , dann folgen der häufigkeit nach die ver- 
schiedenen directen und indirecten praepositionallosen nominalobjecte, 
Infinitive mit und ohne ze, nominale und verbale praedicate aller art. 
Vgl. reis. 182. Beispiele: 

(Über das verhalten der pronomina belehren am besten die gegen- 
überstellungen von haupt- und nebensatz s. 300 fg.) 

I. 9. 6. Übe oiili taz sma sJcara rihtet nuider uns. Qui si 

quando struens aeiem contra nos. 
II. 4. 13. ünz si spiloe ze dir. 
III. 70. 3. Uuänest tu aber daz er sie finde an dien (folgt reis.) = 

Sed num in Ms eam reperiet quae — 
III. 90, 1. uuanda man chomen uuile mit in. ad bonum. 

1) Zweimal begegnen leicht erklärliche ausnahmen : II. 39. (77 " 15 v. u.) - - 
tmde si iro guotes muosi imo unnen. (vgl. II. 41. 16), wo der pron. dativ eine 
stütze im folgenden infinitiv hat, obwol es auch heissen könte: unde si imo i. g. 
■muosi itnnen. u. dgl. V. 82. 7. toh tu diu cdliu sehest sih skeiden in iro bilde, statt: 
sih sehest sie., vgl. reis. 181 fg. IV. 41. 9. (197°- 15 v.o.) repräsentiert einen ver- 
kürzten satz: daz er sia hegrifet. nals si in. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 20 



III. 


122. 1. 


11. 


48. 7. 


m. 


122. 1. 


m. 


122. ,3. 


IV. 


38. 2. 




nehdbet 


IV. 


38. 2. 


IV. 


48. 14. 


V. 


12. 7. 


V. 


16. 6. 



306 LÖHÜER 

Unde so er gezeigot uuirt mit in — dagegen: 

— unde sih mit tiu losen uuoUon. 

— das siu ein mit inio sint. 

— also parmenides pJiilosojjJms grece föne iro chad — 
Taz ist offen, daz ter memo föne imo selhemo lieht 

— tmde diu erda under in suishen ist. 

— unde siu föne imo ehomen sint. 
doli kot tiu ding föne diu ana sehe — 
er si zu imo chäme. 

IL 49. Tanne diu controuersia gut an deheine guissc perso- 
(91") nas — ebd. Banne si aber ist de rebus 

daz: III. 102. 1, dö: III. 123. 3. 

doh: III. 22. 2, nie: IV. 49. 12. 

sid: V. 33. 1, so: II. 6. 1. 

also: II. 7. 20, so uuer : IV. 38. 1. 

so uuenne: IV. 54. 1, so uuio V. 25. 16. 

übe: I. 9. 1, unz: III. 1. 15. 

iud. frages. III. 100. 3, doppelfrage: IL 14. {h^" u.). 

tüio: IV. 56. (schluss), wanda: IV. 18. 3. 

III. 21. 5. Tär ana mag man samfto chiesen. uuio stark tiu natura 
st. tanne so missehelle uutsä. an denio üzläze gehellcnt tes 
Jcuotes. 

IV. 22. 4. daz — sie sär hinderoren getüe. dien mennisJcon. 
Tö er aber föne iro fernam. dia rationem — 
Toh foresiht netüe dia nöthafti dien chumftigen. 
Sid tu neuueist. tero dingo ende, 
samo manige sternen in himele sMnent. tero naht. 
So lang taz ambaht erhafte getuon nemag. tie iibelen. 
Also hercules teta lernam paludem. 
*). so uuär dehein einunga ist gemeinero durfto. 

Übe ouh tu uuellcst mit claten ougon chiesen dia uuärheit. 
unz er in sinero Udo fuogi behabet sina geskaft. 
uuele gibedlg sin dero uuizön unionum — 
uuaz unerön ambaht unde uuirde geben dien ubelen. 
{ziu Signum bootis) — langseimo folgee demo uuagene. 
uiianda ir nicht nebechcnnent tero uuärün hersJcefte. unde 
dero uuärün mahtigi. 

I. 2. 10. Taz sih nioman iro negeloubti. uuesen ebenalt. 



V. 


1. 


2. 


V. 


11. 


7. 


I. 


30. 


1. 


IL 


8. 


2. 


III. 


37. 


1. 


IV. 


39. 


4. 


IL 


10. 


(5 


I. 


31. 


7. 


III. 


98. 


6. 


III. 


62. 


5. 


III. 


34. 


5. 


IV. 


38. 


1. 


IL 


41. 


2. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIDS 307 

II. 41. 16. T>o einen (jeuiialtigen man smes nmotcs. tcr tyrannus 

uuända genöten mit clieli. 
IV. 53. 10. toh is nioman fore ungloublichi negeturrc ielicn. 
IV. 34. 10. mibe ih temo solti geuuillön — 

III. 119. 9. sid iz ter nemag tuon. 

IV. 42. 1. samo so daz mannolichemo solti gesheJien. 

I. 5. 5. so uuir martern sähen uuidcrfarcn dcmo mdncn. 
IV. 38. 1. So uuer arcturmn neuueiz stän — 
IV. 37. 7. übe ih alliu ding Idoubti fuuuardn .in unguisscti ge- 

shihten. 
III. 100. 3. Uues aber ili sule iehen — 

IL 11. (12. V. 0.). uuanda man stna uirtutem sol demonstrare. 
Vgl. Infinitive c. ze hinter dem verbum: 
daz: III. 104. 8, sid: IV. 39. 1. 
so: III. 42. (111'' mitte). 
also: IV. 54. 1, so uuen: I. 25. 13. 
Indirecter fragesatz: IH. 1. 11. 
uuanda: IV. 9. 1, 10. 2. 
Vor dem verbum finitum: 
also: in. 124. (anfang). 
Indirecter fragesatz: V, 7. 2, 7. 7. 
taz tie ubelen nesm mennisJcen. 
daz ter nemuge reht iudex sin. 
toh iz in nesi buoza. 
er du imo uuurtist sippe. 
nube ouh folliu si. unde ganziu. 
sid — — neuerdent heuuizen. 
So ih tih er est sah trüregen unde uuuofenten. 

III. 111. 1. (ßo uuer) — unde er — neuuelle betrogen uuer den. 

III. 112. 11. unde {also) sol — machot — sfationarias aide r. 

aide a. 

IV. 42. 8. so uiiio — alliu ding tunchen feruuorreniu. unde irrc- 

samiu. 
übe: V. 22. 4, fragesatz: {iveder - aide) III. 88. 3. 
wio: IV. 56. (212. 12. v. o.), uuanda: III. 5. 1. 
Nominale subjecte begegnen bei den conj. -Sätzen häufiger hinter 
dem verbum finitum als bei den relativsätzen : 
III. 123. 4. unde (danne) in netrosttn sine leiche. daz: III. 79. 13. 
do: III. 111. 10, doh: IL 48. 4. 
sid: IL 21. 8, samo so: III. 33. 1. 
so: V. 29. 6, also: L 13. 10. 

20* 



IV. 


22. 


1. 


I. 


31. 


10. 


IV. 


29. 


6. 


IL 


17. 


3. 


III. 


73. 


12, 


V. 


33. 


1. 


L 


25. 


2. 



308 LÖHNE» 

uhe: I. 13. 2, II. 20. 2. 

ivio: I. 19. 9, uuanda: I. 27. 1. 
V. 15. 13. danne — sesamine hefte indissolubilifer — 
II. 13. (öT*" 8 V. 0.). — das ter bemälöfo cJiU parlicho. 
Prolog, s. 14. doh gothi uuurten dannän uertriben — 

III. 109. 3. (so) — imde farent irre. 

Vgl. V. 43. 5. so uuio siu geskehen uuesendo. 

II. 7. 37. (Uuas) übe ih tili nok nehabo garewio uerläzen. 

IV. 55. 7. uuanda arpo grece. rapio cMt latine. 

IV. 

Bei besprechung des Verhältnisses beider texte (s. 190 fgg.) haben 
wir uns die Überzeugung verschaft, dass der Übersetzer auf dem boden 
deutscher spräche stellt, und dies berechtigte uns, bei abweichuugen 
von der gewöhnlichen Wortstellung die veranlassenden Ursachen in der 
deutschen Übersetzung selbst, in bestirnten absiebten des Übersetzers 
zu suchen. Vgl. reis. 184. 204. 

Für die mittelstelluug des verbum in conjunctionalsätzen lassen 
sich ebenfals rhetorisch - stilistische und euphonisch - rhythmische gründe 
angeben, wobei das lateinische vorbild insofern mitbestimmend war, 
als in indifferenten fällen, wo dem Übersetzer mehrere ausdrucksweisen 
zu geböte standen, die lateinische öfters den ausschlag gegeben hat. 

Diese gründe können einzeln oder verbunden auftreten, sie kön- 
nen im verbum finitum oder einer der anderen Wortklassen liegen. 

Immer galt es, das hervorzuhebende wort durch die Stellung 
auszuzeichnen , gleichviel ob dadurch das wort hervorstechend in den 
anfaug oder prägnant an das ende des satzes gerückt wurde. Daneben 
sind, wie bei den relativsätzen auseinandergesezt wurde, noch immer 
eine reihe von faktoren als wirksam anzuerkennen, die auf die Stellung 
des verbum einfluss üben, ohne dass sie immer einer l)estimten tendenz 
des Übersetzers entspringen müssen. Hieher gehört das abteilen langer 
Sätze (reis. 187), die einwirknng mangelnder einheit und geschlossenheit 
des satzbaues (s. 189 fg.). Vgl. auch s. 184. 

danne : 

I. 14. 1. danne er ana uartota uucichero nianno guot. — faci en- 
tern impetum in fortunas cuiusque imhccilli. 

I. 8. 4. Vnde danne sm erbe iUtn socchon epicurei afque stoici. 
unde ouh andere — Cuius hereditatem cum deinde moUrentur 
raptum ire. epicureum uulgus. ac stoicum — 



WORTSTELLUNG IM BOETHIUS 309 

II. 17. 9. Tanne — — getuonid uuurtc diiics sinnvs. uiide dhiero 

(jespräclii. an des chuningcs lohe. Cum — — inerulstl glo- 

riam ingenii. facundiaeque. 
Ebd. tanne sie burgreJit scuofen demo Hute. 
IL 38. 15. Tanne sie sähin imundä. unde nehelnen Ion dero miun- 

dön. CiiDt uiderent seua uidnera. nee ulla praemia sanguinis. 
IL 49. (91" 11. V. u.). Tanne diu controuersia gät. an deheine 

giiisse personas. 
Ebd. (6. V. u.). Danne si aber ist de rebus. 
III. 123. 4. Tanne er ouh tara näh hartör chäle näh teiiio uuibe. 

unde in netrostin sine leiche — Cum flagranüor feruor ureret 

intima pectoris nee modi — niulcerent dominant, — 
V. 15. 13. danne alliu gerohaffiu ding sesamine ließe indissolubi- 

liter. in ehetenno uuis. tiu unuuendiga einrihti. s. fati. quando 

conectit indeflexa series omnia optanda. 

daz: 

I. 7. 23. tas St den unsundigen lieBe faren äne sih — relinquere 

incomitatum iter innoeentis. 
I. 5. 5. das satnrnus umbe gät ten himel triginta annis — — 
Ebd. Unde das tero iogelih uuiderfert temo andermo. 
I. 2. 10. Tas sih nioman iro negeloubti. uuesen ebenaU. IJt nullo 

modo crederetur nostrae aetatis. 
I. 19. 12. das ih uuolti ehtUcha brennen. unde fafen slahen. 

— uoluisse inflammare sacras aedes. si iugulare impio gla- 

dio s. 
I. 25. 10. tas ter neuuerde seüstrippen getan, ei non esse ins 

exidare. 
I. 26. 6. Tas föne leidarro fratäten, unde undriimon. liissel dir 

si se sagenne. De sccleribus — — strictim attingendum. 
I. 18. 5. Tas — 'ubcl man an deme (Graff: demo) guoten geshei- 

nen mag sinen argen uuillen. Posse contra innocentiam quae 

seeleratiis quisque conceperit. 
Ebd. Tas is ouh hol läset tien guoten sJcado sin. 
I. 19. 10. tas ih si reus maiestatis. 
I. 30. 5. tas is sih — sär heftet an den luJcJcen 7män — uf — 

falsis opinionibus induantur. 
I. 22. 7. das man sie sär ahtöt frehtige. des sie lident. Quod — 

creduntur meruisse quae perferunt. 
I. 20. 2. tas tu mir — benomen habest alla uucrlthircda — pellebas 

de sede animi nostri omnem eupidinem mortalium rerum. 



310 



I. 24. 13. das fortuna trihet so imrehten uuelisal. cur uersat luhrica 
fortuna tantas uices. 

I. 21. 3. daz iJi an cJmnde hin dinero listo. unde gezogen näh 

ünen siten. quod imhuti sumus tuis disciplinis. instituti tuis 
moribus. 

II. 2. 6, 11. 1. (55*' 14. V. u.), ebd. 56% 17. 5, 17. 8, 17. 10, 
21. 15, 23. 3, 24. 8, 25. 7, 25. 18, 28. 3, 35. 7, 36. 2, 
41. 16, 41. 26, 41. 27, 44. 3, 45. 2 , 45. 9, 45. 13, 45. 14, 
50. 1, 52. 1, 52. 4, 52. 5. 

m. 1. 6, 2. 2, 6. 1, 13. 1, 15. 1. (100"), 15. 5, 26. 2, 34. 4, 
35. 7, 38. 1, 39. 1, 40. 2 , 46. 6, 46. 20, 47. 3, 48. 9, 49. 3, 
53. 1, 53. 2, 60. 10, 60. 11, 64. 3, 67. 1, 70. 3, 71. 16, 
72. 13, 72. 24, 74. 4, 79. 1, 79. 11, 79. 13, 81. 1, 94. 10, 
102. 1, 102. 2, 103. 2, 103. 7, 104. 8, 111. 10, 120. 12. 

(lo: 

I. 12. 10. Td du mir hildotöst an dero ascün. mit tmero zeigo- 
ruoto. die uerte dero siben uualldntön sternon. Cum describe- 
res mihi radio. i. uirga uias siderum. i. planetarum. 

l. 12. 9. tö ih tir half crunden tia tougeni dero naturae — cum 
rimarer tecum sccreta naturae. 

I. 25. 7. td in lacedemones iro uienda gesezzet habetön triginta 

doniinos. 
U. 4. 8, 41. 16. III. 1. 8, 111. 10, 123. 2, 123. 3. IV. 23. 1, 
55. 16. V. 1. 2. (11. V. II.). 

doh: 

II. 3. 5. toh er ouh si dicendi peritus. 

II. 26. 7. Toh ouh ter diezendo uuint. uuidle den mere. unde 

uelle den uualt. Qiiamuis tonet uentus. miscens aequora ruinis. 
IL 48. 4. Toh ter liument uuaUdndo sih hebreite. hina under ferre 
Hute, unde ouh andere sprächä er fidle. Unde doh in demo hüs 
skinen manige fanen fehtendo guunnene — Licet diffusa fama 
means per remotos popidos. explicet linguas. s. aliarum gen- 
tium. Et licet magna domiis fidgeat claris titulis — 

II. 48. 11. doh ir noh sint liumendtg. 

III. 23. 2, 27. 1, 33. 2, 33. 3, 37. 1, 45. 1. IV. 23. 3, 29. 6, 

53. 10. V. 11. 7, 18. 5 (230" m.), 25. 5, 28. 3, 32. 7, 
45. 11, Prolog (s. 14). 

IL 13 (56^ 5 V. u.). er nomen criminis uuirdet deßnitum. 

IL 17. 3. er du imo imurtist sippe. (prius) — quam proximus — 



WOETSTELLUNG IM BOETHIÜS 311 

iiio: 

I. 13. 4. Nio er dien uheUn sc handen iierläzener. senden unde 
uerlornisseda tue dien guoten. Ne guhernaeitJa urbium relicta 
improhis et flagitiosis eiuibus. inferrent honis pestem. /. scan- 
dala. ac pernieiem. i. mortem. 
III. 73. 5. Nio imsih netriege lukhez pilde tmseres kedanches. Ne 
nos decipiat cassa imago cogitationis. IV. 49. 12. 

mibe : 

II. 25. 11. niO)e unstäte sälda. nieht heliclfen nemughi manne — 

quin non posset instabilitas fortunac adspirare — 
III, 73. 12. nuhe ouh folliu st unde gamiu. IV. 34. 10, 37. 11. 

sid: 

I. 20. 4. sid tu mih erJiaucn habest se gotes Icelthnisse. quem tu 

in hanc excellentiam componebas. ut eonsimilem deo faceres. 
I 30. 1. Sul tu neuueist. tero dingo ende. — unde dit uuänest 
fertäne Hute mahtige unde sälige Quoniam uero quis sit rcrum 
finis ignoras. nequam liomines atque nefarios. potentes felices- 
que arbiträr is — 
II. 21. 8. III. 21. 1, 46. 18, 60. 4. III. 67. 6, 71. 16, 78. (134'^ 
4. V. 0.), 79. 6, 101. 1. IV. 2. 5, 22. 4. V. 15. 3, 33. 1. 

samo: 

11. 8. 2. samo manige sternen in hiniele sJcinent tero naht — qnot 

sidera fulgent caelo. 
III, 33. 1. samo so imo 2uorinne das cold — fluente gurgite auri. 
III. 60. 3. samo so er imo ergebe daz uuelf. 
III. 87. 1, 109. 1. (148'' 1. V. 0.). IV. 42. 1. 

so: 

I, 12. 10. so uuir is nü seilen in disen siten. 

I. 14. 5. so ili sah tero lantliuto guot feröset unerden unibe frö- 

nosins. 
I. 24. 7. so heis uuirt se sumere. Cum uenerit fcruida aestas. 
I. 10, 9. so is in uuige feret temo sigelösen. 
I. 26. 2. so gerne ih tas ansasidele forderon dmes muotes. — quam 

sedem tuae meiitis. 
I. 24. 19. So sie danne uuellen chorön. Sed cum libiiit — 
I, 25. 2. So ih tih erest sali trüregen. tmde uuuofenten. Ciiiii 

uidissem te mestum et lacrimantem. 
I. 28. 2, 25. 1, 25. 7, 7. 4, 7. 5, 5. 5, 6. 13. 



312 



II. 1. 2. so sl an nünemo gezogenlichen suigenne. gecliös mme 
anadäJite. tibi coUegit meam attentionem. modesta tacifurnitate. 

II. 6. 1, 7. 34, 18. (61"), ebd. (schluss), 20. 1, 20. 2, 41. 28, 

41. 29, 41. 31, 46. 1, 50. 6. 

III. 23. 2. so gnuoge tuont. se tagalti. unde ze sjnlc. 

m. 10. 2, 28. 2, 37. 1, 40. 4, 42. (111" m.), 72. 18, 94. 11, 
109. 3, 117. 3, 117. 6, 122. 1, 123. 5. 

also: 

I. 13. 10. also io t'iwf t'm haldi dero sichurJieite. quod habet liber- 

tas conscientiae. 
II. 7. 20. also iuno cJiat föne minerua. 
II. 7. 24. also ouh tara gagene acclamatio cJiit lob. 
II. 7. 38. Also die alle mit relite dingent tes pezeren. 

II. 19. 1. also turtures sint. unde psitaci. 

II. 25. 16. Also daz ist in euangelio. 
IL 38. 17, 42. (83" m.), 45. 1. 

III. 11. 2. Also geedele tuot. unde dero liuto loh. Ueluti nobilitas. 

fauorque popularis. 
III. 41. (110''. 7. v.o.). Also uuir in demo hüs heizen magensül — 
Ebd. (12. V. u). also der consul teta stnen legatum. 

III. 73. 1. also daz ist forma inperfecti. 

III. 73. 5. Also die alten Hute dähton an die manes et semideos. 
in. 98. 4, 100. 1, 112. 11, 116. 4, 122. 2. 

SO Ulier usw.: 
I. 25. 13. So uiien aber nicht nelustet tär inne zebüenne. At 
quisquis desierit uelle inhäbitare in ea — 

II. 5. 1. so uuaz dir getan uuirdet in iro houe. 

II. 10. (55" 7. V. 0.). so uuär deheiyi einunga ist gcmeinero durfto. 
II. 14. (59"). so uuaz er uuile haben ze rehte. aide ze unrehte. 
unde souuen er haben uuile ze 7ioxio aide ze innoxio. 

III. 90. 11. so uues so ioman gerot umbc guot. • — omnia hont graiia 

petantur. 

III. 93. 6, 111. 1 {unde er — ). 

IV. 38. 1. So uucr arcturum neimeiz stän hara uuider den nord- 

Jcibel. des himeles. Si quis nescit sidera arcturi. — lahi 2)ro- 
pinqua summo cardine. ebd. (190" 1. v. u.) 
IV. 44. 3, 54. 1, 54. 7. 

SO imio: 

IV. 42. 8. so uuio in disen ordinem nebechennentcn alliu ding tün- 
chen ferimorreniu unde irresamiu. tametsi iwhis ordinem hunc. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 313 

minime considcrarc ualentihus. confusa omnia perturhataque 

uideantur. 
V. 11. 6. so uuio dm riJiti si dero machungon. quoquomodo sese 

liaheat ordo e. 
V. 25. 16, 43. 5. 

nhe: 

I. 7. 9. (uhe) — unde den dag inachot heiteren — Et reserat 

clausuni diem. 
I. 9. 1. uhe uuir in disemo mere geuuerfot uuerdcn föne in allen 
sint zuo stozenten uuinden. si agitamur. in hoc solo uitae. 
circumflantihus jirocellis. 
Ebd. übe uuir in disemo ureisigen Uhe arheite liden föne ynanigen 

persecutorihus. 
I. 13. 2. uhe iro ulägm uuise. si — regerent eas studiosi sapientiae. 
I. 16. 12. übe ih sie gerno nesähe gehaltene. 
I. 17. 3. Übe ih cliomcn muosi se iro anasagün; (die mih is zi- 

hent). Si Ucuissct nohi's uti confessione ipsorum delatorum. 
T. 29. 28. (Fragest tu mih tes.) übe ih mih uuize uuesen — ra- 
tionale animal unde mortale? I. 31. 2, 31. 7. 
II. 2. 1. uhe du dih pehugcn uuile iro naturae unde iro Sites — 

Cuitis si naturam mores — reminiscare. 
II. 4, 19. Uhe sia nioman gehaben nemag. after shiemo uuillen. 

Quod si nee potest retineri ex arbitrio. 
II. 7, 37. Uuaz iibe ih tih noh nehaho gareuiw ucrläzen? Quid 

si a te tota non discessi? 
IL 7. 38, 25. 8, 25. 21, 25. 22, 26. 6. II. 12. (56'' 4. v. u.), 

36. 7, 46 3, 46. 6. 
III. 15. 1. (100"). JJbe iacob uuas filius filii ahrahae — 
III. 35. 7. Übe popularis dignitas uuärc causa reuerentiae. 
III. 44. 1. uhe sie ioh honet tero guoteloson uheli. Si idtro sorde- 

scunt contagione improhorum. 
III. 50. 8, 60. 7, 61. 6, 64. 4, 70. 8, 73. 4, 73. 13, 89. 9, 94. 5. 
112. 10. 

unz: 
I. 1. 13. Unz mir sälda folget ofi. in allemo minemo guote. Dum 

male fida fortuna faueret leuibus bonis. 
II. 4. 13. Unz si spiloe ze dir. 

III. 1. 15. Unz tu denchest an dia uuerltsälda (unz tenchest tu — ) 
III. 73. 11. unz si cham ze disen afterosten. unde ze disen ämah- 

tigen — in haec extrema atque effecta dilabitur. 
111. 78. (134"), 98. 6. IV. 3 6. (aide — ), 39. 12. V. 8. 1, 16. 14. 



314 LÖHNKR 

wer usw.: 
I. 5. 9. Uuaz ten lenzen getüe so linden. Quid temperet placidas 

horas ueris. I. 19. 6. 
IL 11. (55'' m.). — uuas nuzse sl setuonne. aide zeläzenne. 
Ebd. uueder cartago uuäre diruenda. aide neuuäre. 
II. 14. (58'' 4. V. u.). uueder man in haben sule. füre sculdigen. 

aide füre unsculdigen. 
in. 1. 11. uuara ih tih pegunnen lidbo zeleitenne. quo te aggredia- 

mur ducere. 
III. 22. 1, 34. 5, 61. 5, 61. 6, 89. 7. IV. 1. 5, 1. 8 (ziu), 41. 7, 
43. 6 (siu). V. 11. 5, 18. 1 (ßiu). 

müo : 

I. 5. 8. uuio uuestert in sedel gdndiu zeichen aber chomen ad 

ortum. cur sidus in hesperias casurum undas. surgat ab rutilo 

ortu. 
I. 8. 13. unde {uuio) er föne diu lango uuas in exilio. 
I. 25. 10. uuio iz funden ist. an dero bürg eo (folgt reis.) — 

illam antiquissimam legem tuae ciuitatis. 
I. 8. 14. uuio socrates kenotet uuard trinchen cicutam. nee socra- 

tis uenenum. I. 19. 9. 
IL 14. (59" 10. V. 0.) (Uuiolih), 24. 17. III. 22. 1, 60. 6 , 89. 8, 

124 (160" 1. V. II.). IV. 55. 1. V. 25. 19. 

iiuanda: 

I. 8. 9. Uuanda doh an dien zocchären. etelih keUhnisse uuas 

minero getäte. In quibus quoniam uidebantur quaedam uestigta 

nostri habitus. 
I. 27. 1. Uuanda doh nü in dinemo herzen sturment manege unge- 

dulte. unde dih in manigiu cherent. ser. zorn. trüregi. 
I. 30. 5. Uuanda aber noh zit neist starcheren lächenes. 
I. 10. 8. uuanda der unstäte ist unde ungeuualtig sin selbes. 
L 10. 2, 8. 14, 29. 36. {unde), IL 4. 9, 4. 21 , 21. 23, 27. 1, 

38. 6, 41. 2. in. 3. 3, 15. 5, 21. 3, 39. 5, 66. 5. IV. 3. 6. 

{unde), 9. 1, 10. 2, 18. 3. V. 18. 3, 30. 11, 34. 11, 35. 8, 

36. 2. 

V. 

Die regelmässige grammatische Wortfolge in einem einfachen con- 
junctionalsatze ist folgende: 

Conjimction, subject, verb. fin. (praed. vb.). — Conj., subj., praedi- 
cat, hilfsv. — Conj., subj., object, verb. fin. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 315 

Beispiele : 
V. 16. 2. danne siu sint. 
V. 22. 14. daz siu futura sint. doli: I. 2. 9. 
II. 48. 8. dö iidius sigo genam. 
V. 21. 15. er siu uuerdcn. 

III. 75. 1. nio diu reda gelang neuuerde. 
II. 4. 9. smno st negesehe. 

IV. 8. 10. tiuhe der mahtigoro si. 

III. 31. 6. Sld tili fidli sia netiligot. 

IV. 8. 16. so armta uuänent. Ebd. So medicus inßrmo saget. 
III. 15. 5. also iioluptas corpori tuot. 

V. 24. 8. (235''). so uuär ratio ist. 

V. 43. 5. so uuio siu gesJcehen. 

II. 36. 7. Uhe allero dingoliches kuot tiurera ist. 

II. 16. 1. unz man siu gehöret. 

III. 16. 1. uues tie Hute fiizig sint. 

III. 70. 8. ziu siu luJcJce sin. 
V. 16. 6. uuio daz si. 

II. 3. 1. uuanda du so sieh pisf. 

Bei den veralgenieinernden relativsätzen und iudirecten fragesätzen 
kann natürlich das einleitende wort zugleich subject (praedicat) sein: 

IV. 21. 8. SU miaz kuot neist. Vgl. III. 71. 6. so uuaz taz ist. 

IV. 10. 5. uuaz kuot si. Vgl. IV. 19. 4. uuaz Stadium si. 
Das subject kann zuweilen im verbum enthalten sein: 

III. 111. 5. so uuio geskriben si. Vgl. V. 41. 10. So uuio michel 

not si. daz — = Quamuis necessarium sit. 
IL 45. 16. Daz temo nieht negespüe — Ut si quem delectat. 

Das einleitende so uuer usw. und uuer mit seinen ableitungen 
kann auch als object dienen: 

V. 42. 1. so uuaz tiu gagenuuerta foresiht ana sihet. si quid uidet 
praesens prouidentia. 

III. 90. 11. so uues so, so uueles fogetis: II. 39. (77" 10. v. u.), 

fore so uuelemo fogate: IL 7. 6. so uuen: I. 25. 13. u. a. m. 
uuaz (accusat.): V. 7. 2, uues: IIL 16. 1, IIL 68. 2, uuen: 
III. 71. 14, in uuelero scöni: IV. 19. 1, uuelea stata (acc): 
V. 33. 2, uuiolicha säldä (acc): IV. 54. 8. u. ä. 

Vgl. uuaz in der geltung eines praedicativen nominalen accu- 
sativs : 

V. 2. 2. — uuaz tu in alüoest. Vgl. IV. 46. 4. füre uuaz sie dia 
sälda haben sulen. quid — deheant iudicare. 



316 LÖHNEE 

Mit so (also) und uuio (so uuio) verbinden sich häufig adjecti- 
vische praedicate und objecte. Z. b.: 
IV. 28. 6. so langör übel ist. 
IIL 123. 11. also filo er geäse. 
III. 51. 5. uuio leidsam der üdäz si. 
III. 52. 2. So uuio cJduske iro geskaft si. 

Pronomina , adverbia , nominale und verbale bestimmungen erwei- 
tern gewöhnlich die conjunctioualsätze, so dass sie oft ein sehr com= 
pliciertes aussehen erhalten. Die einzelnen Wortklassen können dabei 
in die verschiedensten beziehuugen zu einander treten, und es wäre 
undurchführbar, alle möglichen combinationen zu verzeichnen. 

Im folgenden soll, wie bei den relativsätzen (197 fgg.), die am 
öftesten beobachtete Wortfolge festgestelt und die principien daraus 
abgeleitet werden. 

1. Pronomen. 

Pronomina streben an die spitze des abhängigen satzes zu tre- 
ten, schliessen sich daher meistens an die conjunction an, und gehen 
auch nominalen subjecten voraus. Pronominale subjecte nehmen fast 
immer die zweite stelle ein. Nur reflexiva können ebensogut vor dem 
verbum, zu dem sie gehören, stehen. Vgl. reis. 199. 

Auch mit praepositionen versehen, stehen pronomina gern im 
beginne des satzes. Mehrere pronominale objecte sind entweder gram- 
matisch (nach ihrer beziehuug zum praedicate) angeordnet, oder der- 
art, dass die kürzere form der längeren, die schwächer betonte der 
stärker betonten vorangeht. Reis. 198 fg. (Die anderen beziehungen 
s. später.) 

IL 28. 4. danne man sie samenoe. 
IIL 123. 4. Wide (danne) in netrostin sine leiche. 
IV. 28. 2. aide (danne) sie sih peuuänen. 

I. 30. 2. ta0 tili noli alles tines sinnes — 

L 5. 5. daz tero iogelih. 

I. 5. 6. da0 sie eolus üz lieze. 

I. 16. 16. daz iz unsere afterchotnen ioh — 

I. 19. 3. daz tu mih selha lertöst. 

I. 18. 5. Taz iz ouh Iwt läzet — 

I. 19. 7. unde (daz) ih nio umhe loh mih neruomda. 

1. 2. 10. Taz sih nioman iro negelouhti — 

L 17. 1, 20. 2, 22. 2, 22. 4. 

I. 16. 4. daz er in iro libertatem — 

I. 18. 3. daz in des Jcesjmen mag. 



WORTSTELLUNG IM BOETIIIÜS 317 

IL 5. G, 7. 9, 7. 30, 7. 32, 7. 35. III. 1. 6, 27. 1, 4G. 20, 

48. 10, 67. 1. IV. 5. 5, 10. 8, 11. 4, 22. 5, 29. 18. V. 12.7. 

14. 14, 16. 10, 16. 18, IG. 21, 23. 1. Prolog s. 13. (8. v. u.). 

I. 12. 10. Tb du mir hüdotost — Cum describeres mihi. 

I. 25. 7. tö in laccdmiones — gesezzd hahetbn. 

IL 4. 7, 4. 8, 7. 32, 48. 7, 49. (91" m.). IIl. 111. 10, 122. 1. 

IV. 47. 2, 55. 3, 55. 14, 55. 16. V. 1. 2.- 
II. 21. 22. toll si dir duinge. 
IL 8. 5. unde (doli) in shies holdes — 

Ebd. „ in — dero uilo gäbe. 

IIL 22. 2, 23. 2, 35. 1 , 45. 1, 116. 5. IV. 1. 3, 29. 6, 42. 2, 
46. 12, 53. 10. V. 3. 14, 17. 7, 24. 8. (235" 3. v.o.), 32. 7. 
I. 6. 19. echert er mih er beclienne. 
IL 4. 13. er si dir gebrcste. 
IL 9. 4. er man sia selb ün bechennef. IL 17. 3, 24. 7. III. 111. 8, 

IV. 19. 13, 55, 13. V. 15. 17, 16. 6. 

IIL 73. 5. Nio unsih netriege — L 16. 6. IV. 49. 12. 
IL 25. 13. mibe er sia imize. IV. 34. 10. V. 21. 2. 
I. 20. 4. sid tu mih crhauen habest — IL 21. 8, 39. (77*), 

51. (93^'). IIL 46. 2, 46. 6, 60. 4, 67. 6. IV. 6. 13. 
IL 39. (76"). samo so er sia in dinge mäloti. III. 33. 1, 60. 3. 

87, 1. IV. 42. 1. V. 21. 3, 47. 8. 
I. 25. 2. So ih tih er est sah — Cum uidissem te — 
L 17. 1. so das hertuom sih heeinoti. I. 7. 14, 9. 8, 22. 7. 
IL 7. 30, 7. 32. (52"), 7. 33, 16. 3, 21. 4. III. 1. 10, 1. 19, 
3. 4, 40. 4. IV. 5. 5, 8. 16, 11. 3, 24. 4, 33. 4. V. 8. 3, 
12. 6, 14. 9, 16. 13, 17. 10. 
I. 28. 6. Also du nü uernomen habest. 
IL 17. 9. also man imo do teta. IIL 73. 5. (unde). IV. 2. 7. 

V. 14. 8. 

IL 5. 1. so uuas tir getan uuirdet — Ebd. unde so uuas tir dar 

begagenet. III. 93. 8. IV. 6. 14. V. 30. 4. 
IL 45. 20. .9 uuio ih is chösoe. IIL 27. 2. IV. 44. 3. 

I. 25. 3. übe mir is thi sala neougti — nisi tua prodidisset oratio. 
I. 28. 3, 15. 12, 8. 16. IL 2. 1, 4. 19, 7. 28, 7. 36, 7. 37, 
9. 1. III. 15. 1. (99"), 34. 6, 46. 26, 62. 2. IV. 8. 2, {unde), 
21. 5, 25. 1, 29. 3. V. 3. 3. (215"), 10. 7, 14. 14, 14. 18, 
17. 8. 

I. 1. 13. Uns mir sulda folgeton. 

L 2. 1. Uns ih tis — IL 1. 9, 2. 3, 16. 1. IIL 46. 20, 60. 3, 
78. (134"). IV. 3. 6 {aide), 39. 12. V. 7. 7, 21. 7. Prologs. 13. 



318 LÖHNEE 

III. 1. 11. uuara ih tili — 

III. 71. 14. uuär du sia holon sulist. unde uuen du iro hiten 

sulist. 
III. 79. 6. IV. 38. 1. uuio iz siJi so gezilie. IV. 54. 8. ^mio 
ebeno ir iuuih iro gehaben uuellent. 55. 1. (unde), 56. (212'' 
ende). I. 5. 1. uuio harto sih misse höhet mannes muot — 
I. 1. 15. Uuunda si mir aber nü — 
I. 19. 1. uuanda ih in io bi stuont. 

I. 4. 18, 17. 1. IL 4. 9, 8. 9, 15. (59" unde), 21. 23, 25. 16, 
34. 6. III. 5. 1, 32. 1, 35. 7, 78. (134"). IV. 1. 2, 6. 4, 
9. 1, 17. 6, 45. 4. V. 11. 6, 25. 5, 48. 1. 

2. Adverbium. 

a) Partikeln folgen der conjunction , beim zusammentreffen mit 
pronominibus dagegen lassen sie sich sehr oft von diesem platze ver- 
drängen. Anderen bestimmungen weichen sie selten. Kel. 199 fg. 

b) Bezüglich der Stellung des eigentlichen adverbs, der negation, 
des adverbialen bestandteiles bei compositis,^ sowol bei gewöhnlicher 
betonung, als bei besonderer hervorhebung, gelten die s. 200 fg., 
203 fg. aufgestelten grundsätze. 

Beispiele : 
I. 14. 1. danne er ana uartota — 
IL 19. 9. Tanne ioh selben den mennisken ein churz uuila ofto 

seerleMe. 
IL 49. (91* 6 v. u.) Danne si aber ist de rebus. 
III. 30. 4. Tanne in tagoliches. io der baz mag. andermo undan- 

ches neme. 
III. 48. 9. Tanne aber not si. 
III. 60. 11. danne ir doh uuizint. 

III. 123. 4. Tanne er ouh tara näh hartor chäle — 

IV. 28. 2. danne sär du 7nag kesJcehen uueUest. 
IV. 37. 9. Tanne er so gesit ist. 

IV. 38. 2. tanne er — so gegät. V. 2. 12, 15. 13, 39. 9, 45. 3. 

I. 7. 19. daz ouh tu — Jcemuot uuerdest. unde in not präht 

uuerdest. ut tu quoque — 

I. 18. 5. Taz aber — übel man. Ebd. Taz iz ouh Jcot läzet — 

I. 22. 2. Taz manigero uuän sih nieht necheret. 

I. 17. 1. daz nioman über daz nieht nesolta — 

I. 21. 4. I. 19. 7. unde (daz) ih nio umbe lob mih neruomda. 

1) Ausnahme: II. 41. 16. taz er heiz imo selbemo aba dia zungün. momor- 
dit linguam atque äbscidit. (rhetorische Wortstellung.) 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 319 

I. 19. 11. das sculde den iudicem liehto triegent. aide er ouh 

neuueis — 
I. 24. 4. daz ter memo uiiUon foller gäendo gagen dero sunnün — 

uuUon aber — gc^nge nahor dero sunnün. 
I. 19. 13. tas tanne über niih rehf urteilda gienge. 
I. 30. 6. taz tu danne mugtst — 
I. 5. 6. daz sie eolus üz lieze. 
I. 16. 16. daz iz — ioli Jceeiscoen. IL 2. 6, 7. 9, 7. 30, 7. 35, 

9. 2, 17. 8, 17. 10, 19. 1, 23. 3, 24. 8, 24. 9, 45. 10. 

III. 1. 6, 1. 19, 40. 2, 47. 3, 68. 4. IV. 9. 2, 10. 2, 23. 3, 
35. 4, 36. 4. V. 2. 8, 4. 23, 5. 7, 16. 3, prolog (s. 13. m.) 

I. 15. 3. To ouh ter chuning — 
II. 7. 32. To er aber des cote nedanchota. II. 17. 10. III. 1. 8, 

122. 1. IV. 23. 1. V. 1. 2. 
IL 3. 5. toh er ouh sl dicendi peritus. IL 8. 5, 48. 4, 48. 11. 
m. 16. 1, 23. 2, 45. 1, 116. 5. IV. 1. 3, 28. 13. V. 3. 14, 
18. 5. (230" m.). 
T. 6. 19. echert er mih er bechenne. 
IV. 3. 6. er sie aber ze gesihte chomen. IV. 55. 13. V. 8. 1. 
II. 41. 4. nio sie lango geuualtig uuesendo. ze ubermuote ne 

uuurten. IV. 47. 2, 49. 12. V. 32. 13. 
IL 25. 11. nube unstäte sälda nieht kehelfen nenmgin — III. 73. 12. 

IV. 37. 11. 

I. 17. 5. Sid uuir noh zegagen uuerti ■ — IL 21. 23, 42. 1, 20. 2, 

21. 1. IIL 46. 3, 60. 4 {unde\ IV. 22. 4, 28. 6. V. 30. 5. 

V. 11. 5. Samo so ih tär umbe ringe. V. 21. 3 (unde), 36. 5. 

I. 2. 14. So si daz houbet ho üf erbureta — I. 5. 3. IL 6. 1, 

7. 30, 8. 8, 9. 4, 16. 3. IIL 10. 2. (imde), 41. (110'' m.), 

60. 3. {unde). IV. 1. 1, 19. 14, 37. 3, 41. 7, 42. 1, 55. 9. 

V. 4. 3, 33. 1, 35. 5, 38. 9, 44. 12. 
I. 29. 18. also er ouh principium ist. 

n. 41. 4. also sie ouh iu er — aba genämen. IL 49. (91*). 
III. 39. 4, 43. 1, 116. 4, 122. 3. IV. 34. 13, 39. 5, 40. 11. 
V. 14. 2, 18. 5. (230" m.), 19. 1, 21. 20, 25. 10, 45. 10. 
I. 25. 13. So uuen aber nieht nelusfet tär inne zebüenne. 
III. 35. 7. so uuer danne dignitatem habeti. IV. 1, 2, 44. 3, 

48. 9, 54. 7. V. 24. 8 (235" m.), 42. 1. 
III. 112. 5. so uuio ih iz nü uuize. IV. 44. 3. I. 16. 15. {unde). 
I. 9. 6. TJbe ouh taz sina sTcara rihtet — unde iz unsih mageni- 

gör ana ueret. 
l. 5. 3. übe er er rtche uuas. 



320 LÖHNE» 

I. 7. 8. rihe dara näh — 

I. 6. 7. Übe du siu gerno hina neuuurfist IL 5. 1, 7. 37, 9. 1, 
20. 2, 29. 5, 34. 3. III. 2. 3, 23. 3, 26. 2, 28. 1, 36. 1, 
44. 1. IV. 8. 2. {undv), 28. 7, 29. 22, 33. 6, 33. 7. V. 3. 11, 
4. 11, 4. 12, 10. 8, 14. 14, 14. 18. 
III, 104. 8. unz sie langöst mugtn. IV. 3. 5, 38. 2, 16. 14. 

I. 22. 5. uuelih liument nü. Qui nunc runiores. 

I. 5. 7. Uuer — — umbe tribe. 
III. 1. 19. uuas tar ana — ist. III. 16. 2, 61. 7, 79. 6, 112. 5, 
112. 8. IV. 1. 8 (mi), 38. 1 (mi). 

I. 5. 8. uuio miestert in sedel gändiu zeichen, aber chomm — 

I. 5, 2. uuio gnöto iz tanne tlet — 

I. 1. 12. IL 37. 1. Uuio ferro doh nü der irredo gät. unde 
uuio manige doh iuuer dar ana betrogen sint — Quam uero 
late — IIL 102. 3. IV. 37. 5, 55. 1. {unde). V. 19. 3. 

I. 1. 15. Uuanda si mir aber nü — 

I. 19. 1. uuanda ih in io bl stuont. I. 30. 1, 8. 9, 30. 5. (unde), 

. 2. 12, 10. 2. IL 4. 9, 17. 9. (ende), 27. 1. (69"), 38. 6. (unde). 

IIL 35. 7, 39. 5, 60. 10, 71. 14, 94. 12. IV. 10. 2, 19. 13, 

39. 5, 39. 11, 42. 2. V. 11. 6, 22. 14, 25. 5, 34. 11, 48. 1. 

3. Nomen. 

Von der regelmässigen Stellung des nominalen subjectes und prae- 
dicates war schon bei aufstellung des Schemas die rede (s. 314). Reis. 
202. Desgleichen besprachen wir die ausnahnisstellungen bei hervor- 
hebung usw. , vgl. reis. 202. Dass das praedicat an die stelle des 
subjectes treten kann, sahen wir s. 315. vgl. reis. 202. Über die Stel- 
lung der objecte belehrt s. 202 fgg. Auch hier gilt für die anord- 
nung mehrerer nominaler objecte, dass grössere abhängigkeit vom 
praedicate auch durch die Stellung zum ausdruck gebracht wird. In 
der regel steht daher beim zusammentreffen von nominalem dativ und 
accusativ lezterer (das directe object) näher beim praedicate , sowie aus 
demselben gründe ein accusativ oder dativ dem genetiv vorauszugehen 
pflegt. Vgl. reis. 203. Das gegenteil findet in unabhängigen aussage- 
sätzeu statt. Dass pronominale objecte den nominalen vorangehen, 
lässt sich durchaus in unserem deukraal beobachten. Reis. 204. Nur 
wenn ein nomen zum zweck der hervorhebung in den beginn des 
conjunctionalsatzes geschoben wird , kann das gegenteil eintreten. Wie 
das nominale object durch die construction mit dem einleitenden worte 
verbunden werden kann, sahen wir s. 315. Reis. 205. Beispiele: 
I. 5. 5. tanne tage uinstri uuirdet. 



WORTSTELLUNO IM B0ETIIIÜ3 321 

II. 17, 9. Tanne — tu — yetuomet uimrte dines sinnes. unde 
dlnero (jesprächi. cm des chuninges lobe. Cum — tu orator 
regiae laudis. meruisti gloriam ingenii .facundiaeque. III. 88. 3. 
V. 15. 13. 

I. 16. 4. das er demo chuninge die hrieue nehrähti. — ne deferrct 
documenta. 

I. 18. 5. Taz — %d)el man an demo guoten gcsJceinen mag shien 
argen uuillen — Ebd. Taz iz ouh hat läzet tien guoten skado sin. 

I. 19. 17. daz man mit rcJite neheinen mer uheruuinden nemag 
solichero scidde. I. 21. 3, 14. 9 , 18. 2, 30. 2. 

II. 8. 1. tmde (daz) hercules temo farre daz hörn aha sluoge. 
II. 17. 10, 25. 6, 41. 16. (unde), 44. 3, 50. 1. III. 5, 1, 
21. 1, 34. 2, 35. 1, 38. 1, 41. (110. 16. v. u.). IV. 4. 9, 
7. (anfaug), 37. 9, 45. 7, 46. 13. V. 19. 7, 23. 1, 34. 20, 
prol. s. 13. 8 — 10. 

I. 12. 10. Tö du mir hildotost an dero ascün. mit tmero zeigo- 

ruoto. die uerte dero sihen uualldntdn sternön. Cum descrihe- 

res miJd radio. — uias siderum — 
I. 14. 6. Td in handegen hungeriären strenge chorncltouf in cam- 

pania. unde iibeler zegeuuerenne. unde — föne demo chuninge 

gehannen uuart. 
I. 19. 5. Tö der chuning ze herno eines mannes houbet sculde. an 

allez taz herote cheren uuolta. 
I. 12. 11. Td du mine site. unde alla dia uuisün mtnes Ithes. 

scaffotost näh temo bilde dero engelo. I. 15. 5, 15. 3. III. 111. 10. 

III. 22. 2. Toh tie chünen leuuen an in chetennä tragen, unde 

doh man sie äzze aba hende. fore manlämi. unde doh sie föne 
geuuonen siegen iro meister furhten. Quamuis poeni leones. 
gestent pulchra uincida. et datas escas captent manibus. et 
soliti pati uerbera. metuant trucem magistrum. III. 33. 2, 
33. 3. IV. 23. 3. V. 11. 7, 12. 7. 
I. 7. 7. t-r an himele Sternen sMnen. nondum uenientibus astris 
caelo. (Man beachte den schönen, rhythmischen toufall und 
vergleiche damit die regelmässige Wortfolge: er sternen usw.) 

I. 13. 4. Nio er dien ubelen ze handen uerläzener. scaden unde 

uerlornisseda tue dien guoten. Ne gubernacula urbium relicta 
imjirobis et flagitiosis ciuibus. inferrent bonis pestem — 
III. 64. 2. mibe enen zuein daz tritta folgee. 
V. 15. 11. nidje an got — unsere sculde gesmizen uuerden. 

II. 45, 2. Sld iz an linea — neheinen teil nehabet. III. 101. 1. 

V. 44. 2, 

ZEITSCHB. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 21 



322 I.ÖHNER 

s6 und also: I. 3. 1. So uuären sumptis uiiäriu inlatio folget. 

I. 3. 8. so die artes nioman neuohet. 

I. 9. 8. So in seihen unde alla dia legionem uirtus fidei se liimele 

gesuhta. 
I. 5. 3. 11. 13. (57'' 9. V. u.) also das imih — üfen einen ande- 
ren sie legeta. 
ir. 41. 4. (79'^ mitte), 41. 3, 51. (93'' 12. v. o.). III. 11. (110" 1. 

V. 0.), 112. 11. (151'' 15. V. 0.), 10. 2. (98" 8. v. o.). IV. 10. 7, 

35. 10. (188"), 41. 3, 3. 2, 41. 7. (196"), 41. 9. (197" 12. 

V. u.) V. 8. 5, 29. 6, 38. 9. Prol. (13. 6. v. u. fg.). 
I. 10. 1. So uueler in sinenio altere stiller, unde gezogener. 

sälda in uersihte liaheta. unde er after reJite heidiu tiersah — 

Quisquis screnus composito aeuo suhegit pedihus fatum — 

III. 93. 6. IV. 48. 9. so uuio: V. 25. 16. IV. 42. 8. 
I. 9. 1. uhe uuir in disenio ureisigen Uhe arbeite liden. föne 

manigen persecutorihus. 
II. 5. 1. II. 5. 5. übe du dero erdo dinen sämen beimlcMst. Si 

crederes semina aruis. 
II. 7. 38, 19. 10, 20. 4. III. 23. 3, 73. 13, 98. 7. IV. 2. 1, 

28. 7, 29. 12, 33. 7. V. 2. 1, 4. 6, 19. 1. 
IL 1. 9. Unsi si die mit handegemo sere. iro muotes heirret. 
III. 98. 6. IV. 38. 4, 39. 12. 
I. 22. 5. uuelih liument nü under dien liuten uone mir si — 
I. 26. 4. Uuaz tu in frono guotes hetdn eigist — III. 61. 5, 

61. 6, 66. 2, 110. 3. IV. 21. 6, 43. 6. (siu). V. 11. 5. 
I. 5. 2. uuio gnoto iz tanne ilet. üzer demo lichte, in dia uin- 

stri. IL 36. 5, 39. (77" 11. v.u.). IIL 124. (anfang). IV. 55. 1. 

V. 25. 19. 
I. 8. 9. IJuanda doh an dien zocchären. etelih Jcelihnisse uuas 

minero getäte. 
I. 27. 1. Uuanda doh nü in dinenio herzen sturment manege un- 

gedulte. 1. 26. 7. IL 4. 21, 7. 32, 36. 11. IIL 15. 1. (99"). 

15. 5, 47. 2. IV. 27. 1. (181"). V. 27. 16, 36. 2. 

4. Verbum. 

Über die verschiedenen Verwendungen der infinitive und par- 
ticipien vgl. 205 fgg. Auch hier muss auf die schon bei den rela- 
tivsätzen (206 fg.) berührte tatsache hingewiesen werden, dass Infini- 
tiv und participium , zumal, wenn sie vereinigt auftreten, verhältnis- 
mässig oft hinter das verbum zu stehen kommen. Ich habe bereits 



WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 323 

hervorgehoben, dass auch unserer heutigen spräche dieser gebrauch 
nicht fremd ist. ^ Diese erscheinuug erklärt sich wol am einfachsten 
durch die annähme, dass in solchen fällen die strenge Wortstellung des 
nebensatzes (verbum am schluss) uie völlig durchgedrungen ist, wozu 
analogie der unabhängigen sätze am meisten beigetragen haben kann. 
Es muss wenigstens zugegeben werden, dass hier durch die mittelstel- 
lung des hilfsverbums der satz melodischer und kräftiger abschliesst, 
als es sonst der fall wäre. Vermischte beispiele: 

I. 2. 6. tanne ioman menniskön sehen muge. ultra communem 
valentiani hominum. 

II. 17. 9. Tanne in sizsenUn in demo siyrähliüs. an demo her- 

stiiole. tu orator uuesendo — — (^gl- über participialcon- 
structionen s. 207 fg.). 

I. 7. 23. tas sl den unsundigen lieze faren — 

I. 17. 1. daz nionian libcr das nielit nesoUa tuon. 

I. 19. 12. das ih uuolti cJdlicJia brennen, unde fafen slahen. unde 
allen guoten uuellen des lihes faren. 

1. 29, 24. ta0 sie mennishen mugen also einen houm in stete stän- 
den eruueJcJcen. nals aber eruuelzen üz noh üz eruuurzellon. 

I. 30. 6. taz tu danne mugist taz uuära lieht Jcesehen. 

IL 7. 9, 7. 32, 17. §. daz tu sähe zuene dine sune — heftiorct 

• uuerden — IL 17. 10, 27. 1, 45. 16, 51. (93'^). 

III. 1. 6. daz ih mih sär anauuertes neuuelle uuänen ieht int- 
uuichen — 

III. 34. 4. daz iiuir siu zürnen ze handen chomen uuesen — ut 
indigneniur sepe eas contigisse. — (vgl. s. 205 fg.). III. 39. 1. 
daz tu hechennest neheina uuära erhafti chomen — 

III. 46. 20. daz er in liez uuellen den tod. 

III. 48. 8, 60. 11. taz fer mit tritagigemo riten mag ersterbet 

uuerden. 
IIL 67. 1, 71. 16. IV. 1. 4, 1. 7, 3. 4. IV. 11. 4. taz ih tie 
chede neiiuesen. — eosdcm non esse dicam. 

IV. 28. 1, 28. 8. (182''), 38. 2. {unde). IV. 39. 3. daz einemo zui- 

uele henomenemo — 
IV. 40. 9, 42. 8. V. 2. 8, 4. 17. taz iz tär solti funden uuerden. 
7, 7. V. 14. 14. daz er siu uuize gelicho mugen uuerden. 
unde neuuerden. V. 18. 3. (schluss). V. 22. 11, 24. 8. (235"). 
taz priuatio nemuge feruuandelöt uuerden — Prolog (s. 13. 8. v.o.). 

1) Vgl. Goethe, Ital. Reise (H. s. 10): So dass noch kann der schönste feld- 
bau darauf geübt werden. Ebd. (s. 450) : damit das schon bekante möchte in geist 
und sinn wider neu werden. 

21* 



324 LÖHNEE 

III. 1. 8. do du sidgendo gnofo losdost — 

III. 123. 2. T6 iu Orpheus musicus. föne tracia. slnero ehenün dod 

chlagonde — — 

IV. 23. 1, 55. 16. V. 4. 23. Do got eniu suei uuolta gestehen — 

Prolog s. 13. (4. V. 0.) 

III. 33. 1. Toll ter frecho man. samo ncJie uuortener. Quamuis 

anarus diues — V. 18. 5. (230* m.), 32. 7. 
I. 13. 4. Nio er dien uhelen 0e lianden uerluzent-r. II. 41. 4. (79"), 
V. 32. 13. 

IV. 34. 10. nuhe ih temo solti geuuillön — 

IV. 37. 11. nube iz alles uuerde rehto gereisot. 

IL 51. (93"). unde (sid) si filo guotUcho tuondo. sih llhesöt taz 

uuesen — 
IV. 28. 6. Sid ouh peginnentiu nequitia 

V. 33. 1. Sid alliu ding heuuizeniu. föne iro selhero natura neuuer- 

dent keuuisen — 
IV. 42. 1. samo so das — soltl gestehen. 
I. 19. 8. so iz sine tat ruomendo — 
II. 8. 8. So lang si gnuoge hahendo — 
II. 18. (6P). so die Jiostes uurten ze fluhte heehcret — 
II. 20. 1. So morgen rötiu sunna — ritentiu beginnet skinen. 
III. 42. (111" m.), 53. 4. IV. 19. 10, 43. 10. V. 8. 4, 35. 2, 39. 3. 
III. 98. 4. Also du chiesen mäht chad si. an allen lebenden. 
III. 124. (aufang)' IV. 10. 2. Also du den fuozhengel chädist sih 
uuola fermugen sines kanges. IV. 41. 4. V. 18. 5. (230"). 
V. 20. 13, 29. 3. 

III. 111. 1. So Uli er tiefo denchendo daz uuära guot suoclw. unde 
er föne lugedingen ncuuelle betrogep, uuerden. Quisquis profunda 
mente uestigat uerum. cupitque illc nullis deuiis falli — 

IV. 8. 8, 38. 1. So tmer arcturum neuueiz stän — Si quis nescit — 
IV. 44. 3. II. 14. (59"). 

IV. 42. 8. so uuio iu disen ordinem nebechennenten. alliu ding 

tunchen feruuorreniu — 

V. 43. 5. so uuio siu geskehen uuesendo. 

1. 9. 1. iihe uuir in disemo mere geimerfot uuerden. föne — sto- 

zenten uuinden. 
IL 4. 20. Unde {übe) si sie hina uarendo srrcge getuof. 
IL 9. 2. übe du dlna chlaga geskcinen mäht rchta uuesen. 
IL 39. (77"). III. 32. 2, 73. 4, 94. 5, 98. 7. IV. 20. 1, 29. 22. 

tihe sie iomer müstn sin inpuniti. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIUS 325 

IV. 33. 11. undü (tihe) er sili strUe miesen — nihUißie sibi — deesse 

arhitrarctur. 
IV. 37. 10. übe man das tmänet sin — 
IV. 48. 13. V. 4. 6, 12. 1, 14. 14, V. 15. 18. übe man na (jeiege- 

nero nöte dero chimiftigön. die uiidnen sol nieht negemugen. 

Quac si recepta necessitate fnturorum. nihil uiriiim habere cre- 

dantiir. V. 28. 1, 35. 14, 41. 5. 
IV. 37. 4. uns sie den Hut rihten siden. 

IV. 38. 4. uns tcn Jdmel selben, mag iro frägvnnes erdriesen. 
III. 1. 11. uuara ili tili pegunnen liabo seleitenne. 
III. 89. 7. Ullas, 100. 3. uues, 90. 10. uuio er sih rUendo eruueJcJce. 
I. 8. 14. {uuio). II. 37. 1. (uuio), IV. 1. 5. (tmelih), 46. 4. (füre 

uuas), 54. 8. (uuioliclia, uuio), 55, 1. (uuio). V. 18. 1. (siu). 
I. 29. 35. u. 36. TJuanda du — ergesen habest, unde dih chla- 

getost elelenden. unde pirouböten — 

III. 15. 1. (99''), 21. 3. IV. 9. 1. Uuanda ih tih ouh so gercchcn 
siho sefernemenne. Sed guoniam conspicio te promptissimum 
esse ad intcllegendum. 

IV. 17. 6. uuanda sie das tiiondo — sih uuänent säldä guinnen. 

dutn — adepturos se putant id bonum — 
IV. 26. 2. TJuanda arguuillo äne das JcesJceinef uucrden nemahti. 
41. 2. ('imde). IV. 47. 1. V. 11. 6, 30. 11 (uuande). 



In welcher weise ein conjiinctionalsatz durch die einschaltung 
eines anderen satzes (hauptsatz oder uebensatz) in der wortfolge gestört 
werden kann, hat eine specielle Untersuchung der satzstellung festzu- 
setzen. Als wesentlichstes gesetz beobachtete ich (wie schon relativ- 
sätze 208 bemerkt) , dass der neue satz erst nach nennung der conjuuc- 
tion und des subjectes sich einzuschieben pflegt, Neben dieser eiiischach- 
telung und verschränkung der sätze ist aber aucli die in der mhd. 
periode so beliebte aneinanderreihung der sätze in der bekanten folge 
vom untergeordneten zum übergeordneten zu beobachten. 

I. 24. 4. das ter mäno uuUon foller gäendo — tunchele die ande- 
ren Sternen. 
I. 24. 5. Unde ouh ter dbentsterno. ter uuilon in anegäenda naht 
üfkät — aber uiieliseloe — Vgl. I. 22. 7. So man ieht sculde 
anasmizet. die in not hestosen sint. das man sie sär ahtöt 
frehtige. des sie Udent. Quod dum — 
IV. 5. 5. Föne diu mäht tu gtiis sin. so man das neguinnet. tas 
er guunnen uuolta. das er is Jcuuinnen nemahte — ut si — 



326 LÖHNER 

IL 7. 7. so der. den mau mälof. tero täte nelougenet. 

II 7. 32. Neuueist tu das croesus. ter in lidia chuning uuas. so 
er mittundes ciro forhtUh uuas. das er — 

IL 8. 1. Fah-dae sagent. tnz achelous amnis tiu in grecia rinnet, 
se farre uuortemu. mit hercule fuhte. IL 10. (scliluss), 36. 9, 
45. 2, 41. 4. (79^ m.), 46. 10. (88'^ 4. v.u.), 52. 2. IIL 1. 19, 
60. 13. (anf.), 68. 4. Unde geshihet imo so er sili tes eruueren 
nemag. taz imo ouli ter geuualt tes er eines Jcerota. dar mite 
ingät. 
IIL 72. 12, 30. 4, 33. 1, 119. 1, 123. 2, 79. 6, 112. 3, 78. (134" 
4. V. 0.), 60. 7, 15. 5, 71. 14. IV. 40. 11. (195=^), 41. 3, 41. 5, 
14. 1, 19. 18, 21. 7, 22. 4, 22. 14, 24. 2, 28. 1, 39. 3, 
40. 9, 42. 8, 43. 2. V. 44. 14, 16. 3, 15. 11, 32. 13, 
22. 2, 4. 3. ^__ 

Die resultate vorliegender nntersuchiing lassen sich — von den 
ausnahmen abgesehen — in folgende hauptpunkte zusammenfassen: 

1) Eelativ- und conjunctionalsätze zeigen bezüglich der Wortstel- 
lung übereinstimmenden bau. 

2) Unser denkmal besizt eine ausgebildete Wortstellung der abhän- 
gigen Sätze, die sich vor allem durch trenuung des verbum finitum 
vom einleitenden worte und durch möglichste Schlussstellung des ver- 
bums äussert. 

3) Wo das verbum in mittelstelkmg erscheint , also andere bestim- 
mungen am satzende stehen , lassen sich in den meisten fällen bestirnte 
rhetorische oder euphonische motive erkennen, die diese ältere Wort- 
stellung veranlassen. 

4) Von dieser freiheit, hinter das verbum zu treten, sind jedoch 
pronominale bestimmungen (zumal alleinstehende dativ- und accusativ- 
objecte des geschlechtigen Personalpronomens) ausgeschlossen. Auch 
andere kleine, tonschwache redeteile, wie adverbia (partikeln) sind an 
dieser stelle nicht beliebt, und für die anderen Wortklassen können 
grade für die häufigkeit ihres erscheinens hinter dem verbum aufgestelt 
werden. 

5) Pronomina und partikeln pflegen die zweite und dritte stelle 
des Satzes einzunehmen. 

6) Auch bei den anderen Wortklassen lässt sich eine regelmässige, 
grammatische anordnung erkennen, die aber im Interesse der hervor- 
hebung eines sazteiles oder zum zwecke eines leichteren , rhythmischen 
flusses in verschiedener weise modiliciert werden kann. 



WORTSTELLUNG IM BOETHIUS 327 

Tomanetz hat in seiner schrift a. a. o. s. 82 fgg. bes. 90. den 
stand der entwicklung der Wortstellung in relativsiltzcn im 8. und 
9. Jahrhundert untersucht, und gezeigt, dass die überwiegende mehr- 
zahl der relativsätze bereits die Wortstellung der nebensätze aufweist. 
Ein gleiches gilt für die conjunctionalsätze. Selbst Tatian vermeidet 
in der regel, das verbum au die coujuuction anzuschliessen , und auch 
in betreff der pronomina hält er sich an die deutschen sprachregeln. 
Unser denkmal nun bedeutet gegenüber den erwähnten einen fort- 
schritt in der ausbildung der spräche durch die fast ausnahmslose 
durchführung der nebensatzstellung in den äusserlich abhängigen Sätzen, 
nicht um* in der beobachtung der grundgesetze, sondern auch in der 
boschräukung der mittelstellung des verbum , in der entschiedenen teii- 
denz, den nebensatz mit dem verbum finitum abzuschliesseu. 

Da uns der Sprachgebrauch des Boethius überhaupt den Sprach- 
gebrauch Notkers und seiner schule im anfang des 11. Jahrhunderts 
repräsentieren darf, so wäre für Alemanuien, namentlich für die litte- 
rarische ceutralstätte S. Gallen der höhestand der nebensatzstellung 
um jene zeit fixiert. Doch ist mit bestimtheit anzunehmen, dass die 
S. Galler übersetzerschule in consequenter ausbildung deutscher sprach- 
regeln allen anderen gegenden weit voraus geeilt sei. * So bemerkte 
ich in der um beinahe 50 jähre später fallenden paraphrase des hohen 
liedes von Williram keinen fortschritt, und das von Tomanetz heran- 
gezogene evangelienbruchstück aus dem 12. jahrh. (Tomanetz s. 86. 90) 
zeigt, dass noch in jener zeit relativsätze mit Wortstellung der haupt- 
sätze gebildet werden konten. 



Von meiner Untersuchung v^^areu die conjunctionslosen nebensätze 
ausgeschlossen , die gleichzeitig mit den hauptsätzeu zu behandeln wären. 
Nur auf einige fälle der indirecten rede will ich hindeuten, wo der 
abhängige satz ohne conjunction, aber mit der Wortstellung der neben- 
sätze antritt. Vgl. Erdmanu 300. 

I. 23. 2. Mir duncJiet. ih nii sehe — Uidere aufem uideor — 
I. 16. 14. — ih neuuäno mir muosa sl — (Nee) arhitror mihi 

fas esse. 
II. 4. 3. Tu uuänesf sih tiu fortuna habe — Tu putas fortunam 
erga te esse — 
Für die hauptsätze will ich hervorheben, dass sich die nhd. gel- 
tende regel: Bei vorausgehendem nebensatz muss das verbum des fol- 
genden hauptsatzes an die spitze treten, da dies vom nebensatz wie 

1) Vgl. Heinzel, WSB. 82. 538. (Verhältnis zwischen W. u. SG. in abhäng. S.) 



328 LÖHNER 

von einem stark betonten worte attrahiert wird (vgl. Tomanetz 54) — 
noch häutig unbeachtet findet. 

I. 1. 17. Ter doli io uiel. fasto nestuont. Qui cecidit. non erat 

nie stabili gradu. 
II. 11. (55 '' anf.). Stritet man umhe reht. unde umhe unreJit. — 

tili slalda strttes. heilet — 
Ebd. unten: So man stritet — ter status heizet — 
„ „ So man aber — stritet — — heizet ter strit — 
n. 18. (schluss). So dien hostihus uuerdent tie signa genomen. 

tas heizet sigo nemen. 
II. 49. (91=^ m.) (To). III. 45. 1. {Toh.) IV. 6. 13. {S'id). IV. 8. 3. 
{Toh). Vgl. Tatian 114. 2. 

Die ehemalige freiheit (vielleicht uvsprünglichkeit) , auch in unab- 
hängigen Sätzen das verbum an den schluss zu stellen , findet sich in 
unserem denkmale noch in spuren.^ 

II. 5. 3. (neferest tu iro danne unzalelicho mite na?) Unde du 
mit ungediäten hrestest (taz loz). (nonne iniurius fueris?) Et 
inpatientia exacerhes {sortem. quam non possis permutare). 
Vgl. Isidor V. 1. So Isaias umhi inan predigondo quhad. Sic enim 

de eo praedicat Esaias. 
Isidor V. 3. fona hreue aer Lucifere ih dhih chihar. — ex utero 
ante Luciferum genui te. 
noh gestattet — im gegensatze zu unserem sprachgebrauche — 
die trennnng vom verbum. 

I. 10, 4. u. 5. Noh in ne brütet (folgt subject). Nee mouebit cum — 
I. 16. 14. Noh ih neuuäno — 
I. 28. 5. Noh er neläzet — 

I. 29. 8. Noh ter tag neuuirt niomer — Nee umqiiam fuerit dies. 
Was die frage nach der einheit des Werkes betrift, so muss die 
eudgiltige lösung einer eingehenden speciäluntersuchung vorbehalten 
bleiben. Die Untersuchung der Wortstellung deckte nichts auf, das 
zwingend genug wäre, verschiedene Verfasser oder verschiedenes alter 
bei den einzelnen büchern anzunehmen. Doch erlauben einige tat- 
sachen immerhin , mindestens zwei verschiedene Übersetzer anzunehmen, 
von denen dem ersten, älteren buch I und II, dem zweiten, jüngeren 
buch III — V zufiele. Es lassen sich folgende anhaltspunkte gewinnen : 

1) Bekantlicli ist diese freiheit nicht nur in der mhd. , sondern auch in unse- 
rer poetischen spräche zulässig. Schiller, Taucher str. 3: Und der könig zum drit- 
tenmal wieder fraget. Ebd. 4: Und alle die mänuer umher und frauen auf den 
herrlichen jüngling verwundert schauen. Ebd. 8. 14. 15. 23. 24. 25. 



•WORTSTELLUNG IM BOETHlüS .: 329 

1) Tn bndi T und teilweise aneli in TT logt sich der ii])('rseizer 
grössere bescliräiikung in eigenen /usätzen auf, als später. Vgd. s. 192. 

2) Buch III — V enthält widerholt Verweisungen und recapitula- 
tionen,^ welche zeigen, wie vertraut der Übersetzer dieser partie mit 
dem gesamten Inhalte (auch der ersten beiden bttcher) war, während 
in den zwei ersten fest nichts dergleichen begegnet. Allerdings bot 
ni — V auch leichter veranlassung. 

3) Die späteren bücher, besonders das fünfte, zeigen manches 
altertümliche, von dem namentlich das erste buch frei ist. Hieher 
gehören die besprochenen beispiele: V. 3. 3. — der neruocJief (= rela- 
tivsatz), V. 33. 2. — des iz muoza st uns. V. 1. 2. Die relativparti- 
kel dar erscheint neben dir in buch III und V. 

4) Das I. buch bietet relativ seltener einen sazteil hinter dem ver- 
bum finitum als die übrigen. Buch I und V stehen hierin am weite- 
sten von einander ab. 

Dies , in Verbindung gebracht mit den anderen bekanten gründen, 
die für eine Scheidung der ersten beiden bücher von den übrigen 
(TU — V) sprechen (vgl. Notkers brief au den bischof Hugo v. Sitten 
bes. Hatt. TIT. 4. 10. v. o. MSD^ 572 2. und 5. v. o.), erlaubt viel- 
leicht, diese beiden hauptpartien auseinanderzuhalten, und zwei ver- 
schiedenen Verfassern zuzuweisen, von denen der Übersetzer des I. und 
IL buches eine durchgebildetere, consequentere spräche verrät, als der 
von buch III bis schluss (incl. prolog), was erklärlich erscheint, wenn 
mau annimt, dass der anfang einen bewährten, sprachgeübteu meister 
(vielleicht Notker selbst? s. unten) zum Urheber hat, dessen arbeit fin- 
den späteren fortsetzer als vorbild diente. 

Gegen punkt 4 lässt sich allerdings einwenden, dass dies argu- 
ment wenig beweiskräftig sei, da die mittelstelkmg des verbums weni- 
ger dem sprachgebrauche oder subjectiven belieben des jeweiligen Über- 
setzers überlassen war , als vielmehr durch andere , besonders im Inhalte 
gelegene gründe bedingt Avurde. Doch alle beweiskraft kann ihm nicht 
abgesprochen werden. Andere kenzeichen , die sonst bei solchen Unter- 
suchungen in betracht kommen, führen hier nicht zum ziel. So lässt 
sich aus der Verwendung der conjunctionen zu keinem resultate kom- 
men. Komt eine conjunction in dem einen buche seltener vor, so 
erklärt sich dies aus der mangelnden veranlassung, sie zu gebrauchen. 
Besonders beim ersten buche ist die kürze in betracht zu ziehen , wes- 
halb auch mehrere conjunctionen nicht belegt sind. Auch vereinzelte 
gebrauchsweisen sind nicht beweisend , da sie nie derart auf eine par- 

1) Vgl. III. 124. IV. 19. 4, 28. 8, 39. 5, 41. 9, 56. V. 2 u. ö. 



330 LÖHNEB , WORTSTELLUNG IM BOETHIÜS 

tie gehäuft sind , dass diese sich auffällig von den anderen teilen unter- 
schiede. Vgl. das zweimalige vorkommen der conjunction ediert ^= 
wenn nur im I. und IV. buche. 

Beimischung von latein ist durchwegs beliebt. 

Verschiedenheiten in der accentuation , im gebrauche der länge- 
zeichen ^ und interpunctioneii , in der befolgung des Notkerschen laut- 
abstufungsgesetzes und ähnliche kriterien, die an sich von geringer 
beweiskraft sind, kommen hier noch weniger in betracht, wenn man 
die Unsicherheit der handschrift und die unzuverlässigkeit der abdrucke 
bedenkt. Steinmeyers und Pipers collationen liefern reichliche belege 
hiefür. Eine neue, genaue ausgäbe der Notkerschen werke, besonders 
des Boethius wäre in mehr als einer hinsieht ein dringendes bedürfnis. 
In welcher weise der name Notkers mit der Übersetzung des Boethius 
in Zusammenhang zu bringen sei, ist bei MSD. 572 anschaulich und 
ansprechend dargestelt. Doch wäre ich mehr geneigt, die beiden ersten 
bücher für Notker selbst in anspruch zu nehmen. Ich stütze mich 
dabei auf die schon oben herangezogene briefstelle : (Hatt. s. 4) „Quod 
dum agerem in duobus libris Boetii, qui est de consolatione phi- 
losophiae" — , wo sich Notker ausdrücklich nur die beiden ersten 
bücher beilegt, sowie auf den umstand, dass er sie an erster stelle 
seiner aufzählung anführt. Das scheinbar entgegenstehende zeugnis bei 
Ekkehard IV. könte mit dieser auffassung immerhin vereint werden. 
Ekkehard schrieb ihm eben nur jene drei werke zu , die ihm ganz allein 
angehören. Ein genauer vergleich von Boethius I und II mit Notkers 
psalmen müste hier entscheidnng bringen. 

Auch Hattemer spricht sich III. s. 6. in diesem sinne aus , wenn- 
gleich er zu weit geht. Er sagt: „Wir bemerken, dass wir glauben, 
der Schrift unseres Notker auf der spur zu sein, und dass gerade des 
Boethius tröstungen der philosophie eine eigenhändige arbeit desselben 
sind. Wir werden uns am Schlüsse der Notkerischen werke bestirnter 
hierüber aussprechen." Leider kam es nicht dazu.^ 

1) Z. b. II. 28. 11 nearmee, 29. 2. haftet. Vgl. III. 73. 11. disen und disen. 
II. 14. (58^ u.) sculdigen — unskuldigen u. ä. 

2) S. Heinzel und Scherer , Notkers Psalmen nach d. Wiener hs. s. XLIII fg. 

WIEN. RUDOLF LÖHNER. 



331 



DIK EESTE NEUHOCHDEUTSCHE ÜBERSETZUNG DER 
OTFRIDISCHEN EVANGELIENHARMONIE. 

Die erste neuhochdeutsche Übersetzung von Otfrids Krist hat den 
Benediktiner P. Leopold Koplhuber zu ihrem Verfasser. Da von 
dem leben des Verfassers sowol, als auch von dessen wirken auf dem 
gebiete der altdeutschen litteratur noch sehr wenig in die ööentlichkeit 
gedrungen ist, so will ich hierüber den freunden altdeutscher poesie 
einige mitteilungen machen. 

P. Leopold Koplhuber, vormals Gottlieb genant, wurde in dem 
oberösterreichischen dorfe Micheldorf am 11. october 1763 geboren, 
absolvierte dann die gymnasialstudien au dem oberösterreichischen Bene- 
diktiner - stifte Kremsmünster und trat bierauf als mönch in dieses 
kloster ein. Im jalire 1791 zum priester geweiht, starb er nach fünf- 
unddreissigjährigem eifrigen wirken in der seelsorge als pfarrer zu 
Steinhaus am 18. juli 1826. 

Neben der liebe zur seelsorge beseelte Koplhuber ein reger eifer 
für sprachwissenschaftliche Studien und besonders für die althochdeut- 
sche spräche. Begeistert ^ für diese spräche , von der er hofte , dass 
sie, sobald man ihren nutzen und ihr bedürfuis begreifen wird, zu 
einem öffentlichen lehrgegenstaud in gymnasien und lyceen erhoben 
werde, widmete er sich dem eifrigsten Studium derselben. Mit unge- 
heurer mühe stelte er sich aus den Monseer glossen, aus Tatian, Isi- 
dor, Kero, Notker u. a. eine altdeutsche grammatik zusammen und 
mit dieser jungen in seinem garten grossgezogenen pflanze einer alt- 
deutschen grammatik, die anfänglich freilich in nicht viel mehr als in 
den dürren paradigmen der deklination und coujugation bestand, wagte 
er sich au den „problematischen Otfrid." Anfänglich hatte er die 
absieht, nur einzelne teile zu übersetzen und zu erklären, aber „lust 
und eifer steigerten die anstrengung; anstrengung gab Übung, Übung 
gewährte nach und nach einen ziemlichen grad von fertigkeit," und 
so wurde vom anfange bis zum ende ein buch nach dem andern, ein 
capitel nach dem andern durchgegangen, bis endlich nach viermaliger 

1) Vgl. Scriptorcs 0. S. Benedicti, qui 1750 — 1880 fiierunt in imperio 
Austriaco-Himgarico. Vindobonae 1881. Sumptibus ordinis. In aedibus Leon. 
Woerl librarii Herbipolensis et Vindobonensis. S. V. Koplhuber. 

2) Der nachfolgende excurs über die entstehung der Übersetzung ist , zum 
teile sogar wörtlich , der einleitung , welche Koplhuber seinem werke vorausschickte, 
entlehnt. 



332 SALZER 

bearbeitung die Übersetzung hervorgieng, welcbe als denkmal des fleis- 
ses und der ausdauer Koplbubers gegenwärtig in der Stiftsbibliothek 
zu Kremsmünster aufbewahrt wird. 

Wenn man bedenkt , welch geringe mittel dem Koplhuber in jener 
zeit , in der die germanistischen Studien noch sehr wenig gepflegt wur- 
den, zu geböte standen, so kann man beim anblicke der drei folio- 
bände, welche Koplhuber über die althochdeutsche spräche geschrieben 
hat, nicht genug den geist und den fleiss desselben bewundern. 

Durch die gewohnte liebenswürdigkeit des hocbw. herrn P. Hugo 
Schmid ^ und mit dessen erlaubnis wurde es mir möglich gemacht^ 
einen der genanten drei foliobände ^ näher einzusehen und mir proben 
aus demselben zu schreiben. Dieser band (Cod. nr. 414) , von dem 
auch eine von anderer band geschriebene reine abschrift vorhanden ist, 
enthält den von fremder band geschriebenen titel : „Otfrids Evangelien- 
buch. Ein altdeutsches Werk aus dem neunten lahrhunderte. In die 
heutige Sprache metrisch übersetzt und mit historischen , philologischen 
und patristischen Anmerkungen versehen. Von P. Leopold Koplhuber. 
Mitglied des Benedictiner - Stiftes Kremsmünster und weiland Pfarrer 
zu Steinhaus." Der Übersetzung, welche äusserst sorgfältig von Kopl- 
huber geschrieben ist, geht eine ziemlich lange einleitung voraus, wo- 
rin der Verfasser die mittel aufzählt, welche ihm zu geböte standen, 
worauf sich dann eine angäbe über die art und weise anschliesst, mit 
der der Übersetzer seine arbeit ausgeführt hat. Mit einer lobeserhebuug 
der Otfridischen dichtung und einer kurzen biographie des Otfrid schliesst 
die mit grosser wärme und regem Interesse geschriebene vorrede, aus 
der ich zur Charakteristik des P. Leopold Koplhuber den schluss hie- 
her setze: „Da ich bei meiner Arbeit sonst keinen andern Zweck hatte, 
als sie so, wie sie hier ist, zu vollenden und da diess, freilich mangel- 
haft genug, geschehen ist, so danke ich mit frohem Herzen Gott für 
Müsse, Leben, Kraft, Geduld und vor allem für die nie gewichene Lust. 

Und, Otfrid, wenn wohlwollend mich 

Dein Kichterblick verschont: 
Ist niemand tröstlicher als ich 

für seinen Dienst belohnt. 
Geschrieben zu Steinhaus im Monate März 1821." 

1) Von P. Hugo Schmid ist ein genaues Verzeichnis der handsclirifteu, welche 
die Stiftsbibliothek Kremsmünster besizt, in ausgäbe begriffen. 

2) Die anderen zwei foliobände enthalten: Iiicipiunt glossae super vetus et 
novum testamentum breviter excerptae singularitcr de diflicillimis verbis. 2" 429 p. ; 
und ferner: Glossae, 2", 708 p. ; Glossae 2« 642 p. 



ÜBER K0PLHÜBEB3 OTPßlD-ÜBERSETZDNÖ 833 

Auf die einleitimg folgt dio versificierte Übersetzung. Die ein- 
riclitung des Werkes Koplliubers ist die, dass links der Otfridisclie text 
und zwar nach der ausgäbe Scbiiters mit den eiuendationes Eostgards 
stellt und reclits daneben die neuhochdeutsche Übersetzung geschrieben 
ist. Unter dem striche ziehen sich durch das ganze werk liindurch 
zahlreiche anmerkungen, welche teils kritischer, teils grammatikalischer, 
teils den Inhalt erläuternder natur sind. Am rande sind die von Otfrid 
benüzten stellen der heil, schrift citiert. 

Die Übersetzung ist in drei-, vier- und auch fünffüssigen kata- 
lektischen und akatalektischen Jamben geschrieben Da Koplhuber eine 
möglichst wörtliche, dabei aber doch versificierte Übersetzung des Otfrid 
geben wolte , so konte er sich nicht an eine bestirnte anzahl von vers- 
füsseu binden. Aus demselben gründe wolte er sich auch nicht gar 
zu freie abweichuugen von der vorläge im ausdrucke erlauben. Dies 
ist der grund , vrarum seine Übersetzung oft etwas hart und ohne dich- 
terischen Schwung geschrieben ist. 

Die Übersetzung folgt der vorläge von strophe zu strophe. Inter- 
essant ist die beobachtung, dass Koplhuber Otfrids Evaugelienharmo- 
nie als in distichen geschrieben betrachtete. Es selten daher nach sei- 
ner bemerkung in der einleitung je zwei verse in einer und derselben 
zeile stehen. Da aber der althociideutsche text und die neuhochdeut- 
sche Übersetzung neben einander stehen solten , wurde dies aus mangel 
au räum unmöglich gemacht; Koplhuber teilte daher je einen vers auf 
zwei teile, machte aber die Zusammengehörigkeit je zweier Zeilen zu 
einem verse dadurch erkentlich, dass er die zwei zusammengehörigen 
Zeilen unter dieselbe verticallinie schrieb und das zweite paar etwas 
weiter hineinrückte. Auf diese weise entstehen scheinbar vierzeilige 
Strophen. 

Über das wesen des Otfridischen verses schweigt Koplhuber, der 
nie eine handschrift von Otfrid zu sehen bekommen hatte, absichtlich, 
weil er sich darüber, wie er in seiner bescheidenheit selbst gesteht, 
selbst nicht im klaren war und auch von anderer seite keine genügende 
antvvort hoffen durfte. Es war ihm ja sogar unmöglich die accent- 
zeichen anzumerken, da er sie trotz eifrigen bemühens auf keine weise 
erhalten konte. 

Dass Koplhuber sich in betreff seines Unternehmens an die damals 
als gefeierte Germanisten geltenden männer gewendet habe , dürfen wir 
daraus schliessen, dass dem werke Koplhubers ein brief Jacob Grimms 
beigelegt ist , an welchen sich , wie aus dem briefe hervorgeht , Kopl- 
huber anonym gewendet und den er um seine mithülfe ersucht hat, 
welche Grimm dem anonnymus denn auch wirklich verspricht. 



334 SALZ ER 

Am Schlüsse des 854 seiteu zählenden foliobandes ist ein alpha- 
betisches Verzeichnis der am öftesten bei Otfrid widerkehrenden Wörter 
nnd redensarten , welche in den noten erldärungen haben. 

An diesen excurs über Koplhubers leben und über die form und 
den wert seiner Übersetzung reihe ich einige proben aus derselben. 
Von diesen gibt die erste (zueignungsschrift an bischof Salomo) einen 
volständigen abdruck aus dem original. Die auf diese folgenden pro- 
ben weichen von dem original dadurch ab, dass die im original vor- 
handenen noten, welche unter dem striche angebracht sind, ausgelassen 
und nur der text und die Übersetzung abgedruckt sind. 

8AL0M0NI EPISCOIM) OTFRIDUS. 

An bischof Salomo Otfrid. 

Si salida gimuati Beglücktes Wohlseyn 
Salomones ^ guati ^ , Der Würde Salomo's 

Ther Biscof ist nu ediles Der jetzt des edeln Stuhles 

Kostinzero ^ sedileS. zu Konstanz Bischof ist ! 

5 Allo guati gidue, thio sin,"^ Er, welcher Ihn dazu berufen, 

thio Biscof^ er habetin '^ Häuf allen Segen, den es gibt, 
Ther inan zi thiu giladota. Und den die früheren Bischöfe 

gehabt 
in houbit sinaz zwifaltA.'' Gedoppelt auf sein haupt! — 

Lekza ih therera buachi Die Lesung dieses Werkes 

10 in sentu in Swaborichi Send ich an Euch nach Schwaben, 
Thaz ir irkiaset ubaral ^ Auf dass Ihr Erstens prüfet, 

Oba siu fruma wesan scaL. Ob es zum Nutzen diene. 

1) SalomoDS. Siehe rücksichtlich dieses bischofes die anmerkung zu ende 
der dedicationsschrift. 

2) Guati steht hier als bischöflicher titel, für das sonst gewöhnliche: hei- 
ligkeit, pietas, sanctitas. 

8) Kostinzero, gen. plur. Constantiensium. 

4) thio sin, d. i. quaeque fuerint, sc. henedictiones. Vgl. ad Ludov. 149. 

5) Biscof wahrscheinlich für: biscofa. Wenn auch das flexions-a hier durch 
die elision verschlungen wird, so soll es doch wie sonst geschrieben sein. 

6) habetin von haben. III plur. })raet. conj. habuorint. 

7) zwifalta. Sehr gern niücht ich mit Scherz übersetzen, zweifach, dop- 
pelt. Aber zwifalta steht weder adverb. , noch stimt es mit guati überein, weil 
es in beiden fällen zwifalto lauten müste. Es gehört daher zum accus, houbit, gen. 
neutr. Mit dem zwi-falta: du-plicatum ist sehr wahrscheinlich die gespaltene 
bischofs - inful gemeint. 

8) Ubaral, heisst bei Otfrid keineswegs überall, ubique, oder per omnia, 
wie es Schilter und Scherz beständig geben , sondern über alles , su])or omnia , und 
drückt daher den supeidat. aus, wie: ungemein, überaus, höchst. 



ÜBER KOPLHÜBERS OTFRID -ÜBERSETZUNG 



885 



Oba ir hiar findet iawilit tlies 
thaz wirdig ist thes lesauues:** 
15 Iz iuer hugu irwallo''' 
wisduames follO. 

Mir warun thio '* wizzi 
iu oifto filu nuzzi, 
lueraz wisduam; 
20 thes duan ih mihilan ruaM. 

Offto irhugg ich muates 
thes raauagfalteu guates, 

Thaz ir mih lertiit harto 

iues selbes wortO. 

26 Ni thaz mino dohti 
giwerkon thaz io mohti, 
Odo iu theii thingon ^"^ 
thia huldi so gilaugoN. 

Iz datim goinoheiti/ ^ 
30 thio iues selbes guati, 
lueraz girati; 
nalles mino datl. 

Emmizigen ubaral ^* 
ih druhtin fergon scal, 
35 Mit Ion er iu iz firgelte/^ 
io sines selbes wortE. 

Paradises festi 
gebe iu zi gilusti 



Wenn Ihr hier etwas findet, 
Was Ihr des Lesens werth erachtet: 
Mag Euer weisheitsvoller Geist 
Die Ausgabe gestatten — 

Mir waren Eure Wissenschaften 
Und Eure Weisheit, 

Schon oft von grossem Nutzen; 

Mit vielem Ruhm erwähn' ich es. 

Im Geist erinnere ich mich oft 

Des unzähligen Guten, 
Das Ihr so kräftig mich 
Mit eigenem Wort gelehrt. 

Nicht dass vielleicht 

Dies meine Fähigkeit bewirken, 
In dieser Rücksicht ich 
Die Huld erlangen konnte; 

Nur Eure Menschlichkeit, 
Nur Eure Herzensgüte, 

Die eigne Wahl that es; 

Und gar nicht mein Verdienst. 

aufs inständigste 
Soll ich den Herrn bitten, 
Dass er es Euch mit Lohne 
Nach seinem Worte gelte. 

Des Paradises Feste 

Euch nach dem Herzen gebe, 



9) Lesannes von lesan, lesen. Gen. gerund. 
10) Irwallo korat nicht von irwellen, eligere, oder iudicare, wie Schilter und 
Scherz glauben , sondern von irwallon , welches als neutr. ausgehen , exire , prodire 
heisst, und als activ. so viel als: ausgehen lassen, prodire facere, d. i. prodere, 
edere, zu bedeuten scheint. 

11) thio, vielleicht thiwo, contracte, für thio iwo, wie es I. 12. 29 und 
I. 23. 92. 

12) In theu thingon solchergestalt, dadurch, his causis. 

13) Goraoheiti plur. von gomoheit, humanitas, leutseligkeit, menschen- 
freundlich keit, herzensgute; aber auch seelengrüsse, geistesadel, alles 
vergängliche im menschen. 

14) Emmizen ubaral. Hier drückt ubaral wider den Superlativ aus. 

15) firgelte, dann 38 gebe und 42 So werde: dieser conjunct. wird von dem 
heimlich verstandenen thaz, dass, regiert. Diese construction findet sich in Otfrid 
häufig. 



336 SALZEB 

Ungilonot iii bileip ^'^ Nie bleibt der unbelohnt, 

40 ther Gotes wizzode kleiP.^'' Der am Gesetz des Herrn hängt. 

In himilriches scoue Und so es Euch im Glänze 

so werde iz iu zi loue Des Himmelreichs erstattet werde, 

mit geltes ginuhti, Mit völliger Genugthuung, 

thaz ir mir datut ^ ^ zuhtl. Dass Ihr mir Bildung gäbet. 

45 Siut in thesemo buache, Und findet sich in diesem Buche 

thes gomo thehein ruache, Vielleicht ein gutes Wort, 

Wortes odo ^'-^ guates, Das achtbar für den Menschen ist, 

thaz lichiu iues muateS. Und Eurer Meinung zusagt: 

Cheret thaz in muate So rechnet es im Herzen ja, 

50 bi thia zuhti iu zi guate, Der Lehre wegen Euch zu gut, 

loh zellet thaz ana wanc Schreibt dieses sonder Umstand 

al in iueran thauC. Ganz Eurer Wohlthat zu. 

Ofto wirdit oba ^" guat Im Übrigen wird mehrmal gut, 

thaz mannes iungoro giduat. Was eines Meisters Lehrling leistet, 

55 Thaz iz lewet^^ thrato Dadurch dass es mit Macht 

ther zuhtari guatO. Der gute Lehrer losspricht. 

16) Bileip , von biliban , bleiben. Bisweilen gebraucht Otfrid am ende des 
Wortes die ten. p. wie andere altdeutsche scribenten, ist sich aber, gleichfals so 
wenig wie andere, gleich; denn man findet wider; wib, lib für: wip, lip. Im 
Innern des wortes steht ihm aber auch in solchen fällen alzeit die med. b. Die 
II. praet. lautet daher wider: libi usw. 

17) Kleip von Kliban , kleben, (klip, kleip, klibi, kliban), Siehe die vorige 
note. — Aumerk. Die sprüchwörter , wie dieses eines ist, pilegt Otfr. im praet. 
wider unsere heutige gowohnheit vorzutragen. Der nämliche fall komt selbst in 
diesem kapitel noch zweimal vor, v. 75 und 87. 

18) Datut von duan , thun, machen. Schilter hat: irdatun, offenbar gram- 
matisch unrichtig. Eostgaard führt zwar aus dem cod. Vat. auch datun. auf. Aber 
da sein zweck ist, abweichende lectionen anzugeben, und datun nicht abweicht, so 
wird er wol im abschreiben irre geworden sein. Das wort dos tiac. abdruckes kam 
ihm in die feder für das wort des «od. datun für datut. Schon das, dass Rost- 
gaard hier schreibt , ist ein beweis , dass er eine Variante fand , das wort des cod. 
muste anders lauten, als das wort in der druckausgabe , und wenn es in dieser 
datun lautet, wie soll es im cod. anders lauten, als grammatisch richtig, nämlich: 
datut. Dieses irrewerden ist übrigens Eostgaard öfters widerfahren; wir werden 
auf diese bemerkung noch einige mal zurückkommen müssen. 

19) Odo vielleicht, möglich. 

20) Oba sonst eine conjunct. ob, wenn, auch eine praep. oben, auf. Was 
es aber hier heisse ist nicht klar, vielleicht: obendrein, überdies, insuper. 

21) Lewet. Schiiter liest: liwet. Scherz scheint die Variante aus dem cod. 
vat. übersehen zu haben, weil er nichts anmerkt. Dieser hat aber: lewet, und 
lewen heisst: gnädig, günstig sein, nachsieht haben, veniam dare, absol- 
vere. Siehe gloss. Scherz iu lewen. Unten III, 20. 183 komt das wort noch ein- 



ÜEKR KOrLHUBRKS OTKHID - ÜBERSETZUNG 337 

Petrus 2- ther riclio Petrus, der Mächtige, 

lono iu es blidliclio ! Dem unser Herr zu Rom 

Tliemu zi Eomu Drulitiii o-rap Grab, Haus und Hof gegeben, 
GO io hus inti hof gaP. Lohn' es gefällig Euch. 

Obana fon himile Von obenher, vom Himmel 

sent iu io zi gamane Send Euch nach Herzeuslust, 
Salida gimuato Der gütige Christus selbst 

selbo Krist ther guatO ! Beglücktes Wohlergehn! 

Gj Oba ih irbaldenes gidar,^^ Und darf ich mich erkühnen, 

ni scal ih iz firlazan ouh al. So werd ich gar nie unterlassen, 
Nub 2^ ih io bi iuih gerno Desselben Gnade 

ginada sina fergO. Für Euch gern anzuflehn: 

Thaz hoher iuo wirdi Auf dass er Eure hohe Würde 

70 mit sines selbes huldi, Nach seiner Huld erhöhe. 

loh iu festino iu thaz muat Und seine vielfältigen Güter 

thaz sinaz managfalta guaT. Im Herzen Euch befestige. 

Firlihe iu sines riches, Auf dass er Euch sein Reich, 

thes hohen himilriches, Das hohe Himmelreich verleihe, 

75 ßithaztherguatohiariowiaf,^'' Wornach der fromme fortan seufzt 
joh emmizig zi Gote riaF. Und immerdar zu Gott ruft: 

mal vor. Es fordert den gen. , daher ist des Schilter iz und des Kostgaard ez 
fehlerhaft — gehört zu: lauben, erlauben. 

22) Petrus. Der heil. Petrus ist hier der patron des klosters zu Weissen- 
hurg, wo Otfrid lebte. Ihm will er seinen guten lehrer und erzieher empfohlen 
haben. — Diese fromme sitte beobachtet er auch in der Zuschrift au Hartmuth und 
Werinbrecht zu St. Gallen. V. 313. 

23)-gidar. Rostgaard sagt bei diesem verse: 

Sic legend, et distinguend. : 

Oba ih irbaldenes gidar, ni scal 

ih iz firlazan ouh al. 
Aber mir scheint, er tat dies, wie mehrmal, eigenmächtig, ohne es im cod. Vat. 
zu finden. Denn der versabschnitt wird mit dem ni scal viel zu laug. Aber reimt 
dar zu al? Wie oben ad Lud. 5 laut zu giwalt, oder in diesem capitel unten 87 
ward zu fand, davon anderswo. — Scherz stimt Eostgaard bei , — gidar komt übri- 
gens von durran verb. anom. III, 14. 92. 

24) Nub, der, die, das nicht; dass nicht; ohne dass; wenn nicht; 
qui, quae, quod non , quin; nur, nisi; aber, sed; für ni oba. 

25) Wiaf. Otfr. hat zweimal III , 24. 90 und IV, 18. 77 den infin. geschrie- 
ben uuafan. Ich glaube, das erste u ist w , also wuafan zu lesen. Tat. schreibt 
immer im infin. wofan, oder soll 'man auch wuofan lesen, wie wirklich bei Not- 
ker 34, 14 uuuofenter steht? Die accentuierten codd. würden bald entscheiden 
Riaf von ruafan. Die rede ist sprichwörtlich. Siehe oben v. 17. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 22 



338 



Rillte iue pedi tbava, frua^*' 
ioh mih gifuage thara zua, 
Thaz wir iiiisih frewen thar 
80 thaz Gotes ewiniga iaß. 
In himile iinsih bliden, 
thaz wizi wir bimiden. 
loh due uns thaz gimiiati 
thuruh thio sine guatl. 
85 Due uns thaz zi guate 
blidemo muate. 

Mit heiln^^ er giboran ward 
ther thia salida fanD. 
Vuant es ni bristit fiirdir, 
90 thes, giloube man mir, 

N' irfrewe sih mit muatu 
iamer thes ^^ mit guatV. 
Selbo Krist ther guato 
firlihe ^^ uns hiar gimuato, 
Wir iamer fro sin muates 
95 thes ewinigen guateS! 



Dass er dahin leit' Eure Pfade, 
Und bald mich selber dazufüge, 

Um uns dort zu ergetzen 

Das ewige Jahr Gottes laug : 
Um dort zu jubeln in dem Himmel, 
Der Höllenqual entgangen! 

Ja dies erweis' er liebreich uns 

Durch seine Güte! 
Erweis es uns zum Heile 
Mit Wohlgefallen! 

selig ist geboren, 

Der dieses Glück einst findet! 
Denn fürder, glaubet mir. 
Gibt es kein Hinderniss für ihn, 

Dort immerfort mit frommen sinn 

Herzinnig sich zu freun. 
Er, der Erbarmer, Christus 
Verleih' uns huldvoll hier, 

Dass wir des ewigen Wohls vom 
Herzen 

Dort allzeit froh seyn mögen! 



26) frua ist nicht zur vorhergehenden , sondern zur nachfolgenden rede zu 
nehmen. 

27) Mit heilu, und 91 mit muatu und 92 mit guatu. sind ablat. instrument. 

28) Thes. Schilter hat thaz; aber sichtbar unrichtig: denn irfrewen ford(M-t 
den gen. auch heutiges tages. 

29) firlihe. Bei Schilter firliache. Dies ist meines Wissens kein wort. Das 
verb. lautet lihan: (lih, leih oder leh, lihi), das w für h — liwi; lihan auch liwan 
im part. Schon oben v. 72 kam dieses wort vor. 

Invocatio Scriptoris ad Dominum. 

Der Verfasser ruft des Herrn Beystand an. 
Cap. n. 



Wola, Druhtin min 

ia bin ih scalk thin ! 
Thiu arma muater min 
eigan thiu ist si thin! 

Fingar thinan 

due ana mund minan: 
Theni ouh haut thina 
in tbia zungun mina! 



Nun denn, mein Herr, 

Sieh an ich bin dein Knecht! 

Und meine arme Mutter 

Ist deine eigne Magd! 
So lege deinen Finger 
An meinen Mund, 

Und deine Hand streck ans 

Auf meine Zunge! 



ÜrtER KOPLHüI?ERS OTFRID -ÜBERSETZUNG 



339 



Thaz ih lob tbinaz 
10 si luten tliaz: 

gibiirt sunes tbines, 
Drulitiues mincs. 

lob ib bigiune redinou, 
wie er bigonda bredigon, 
1 5 Tbaz ib giwar si harte 
tbero sinero worto: 

loh zeichan. tbiu er deta tbo, 
thes wir birun nu so fro, 
lob wio tbiu selba belli 
20 imst worolti gimeiui: 

Tbaz ib oub biar giscribe 

uns zi rebtemo libe, 

Wio firdan er imsib fand, 
tbo er selbo dotbes ginaud : 

25 loh wio er fuor oub tbanne, 
ubar bimila alle, 
Ubar simnun Hobt, 
iob allan tbesan worolt tbiot: 

Thaz ib, Druhtin, thanue 
30 in tbero sagu ni firspirne 
Noh in themo wabe 
tbiu wort ni missifabe : 

Thaz ib ni scribu tbiirub ruara ; 
Snntar bi tbin lobduam, 
35 Tbaz mir iz iowanne 
zi wize u' irgange. 



Ob iz zi tbin tbob gigeit 
thurub mina dumpheit: 
Thia sunta, Druhtin, iniuo 
40 ginadlicho dilo. 

Wanta, ih zelln thir in wan. 

iz n' ist bi balawe gidan, 
loh ih iz oub bimide, 
bi nih einigemo nide. 



Dass ich dein Lob 

Ertönen lasse: 

Dass ich erzähle deines Sohns 
Und meines Herrn Geburt: 

Dass ich erzähle. 

Wie er zu predigen begann. 

Und dass ich seine Worte, 

Mit aller Treue gebe: 

Erzähle seine Wunderwerke, 
Woran wir uns nun so erfreuen. 

Und wie nun jenes Heil 

Der Welt verlieben ist: 

Wie auch, dass icb zu einem 
Gerechten Wandel uns beschreibe, 
Wie er verloren selbst, uns fand. 
Da er den Tod besiegte: 

Wie er sodann 

Hinauffuhr über alle Himmel, 
Hin über alles Sonnenlicht, 
Und alles Weltgepränge : 

Dass ich, o Herr sofort 
In der Erzählung nie Verstösse, 
Und in den zarten Dingen nie 
Die Worte missverstehe: 

Dass ich nicht schreib aus Ruhm- 
begier, 
Bloss wegen deiner Liebenswürdig- 
keit, 
Damit es mir dereinst 
Zur Strafe nicht ergebe. 

Und kam es etwa doch 
Durch meine Blödigkeit dabin : 

Herr, vertilge 

Dann gnädig meine Sünden. 

Ich meine nämlich, sag ich dir, 
Es werde nie aus Bosheit, 

Aus niederen Trieben nie geschehn; 

Dies hoff icb zu vermeiden. 
22* 



340 



45 Tben wau zellu ili bi tliaz, 
thaz herza weist du filu baz; 
Thoh iz bue innan mir, 
ist harto kuudera tbir. 

Bithiu tbu io, Druhtin, 
50 ginado foUicho min, 

Hugi in mir mit krefti 
thera tbinera giscefti. 

Hiar bugi mines Wortes, 
thaz thu iz harto haltes, 
55 Gizawamo firlihe 

ginada tbiu, tbe iz tbibe. 

Ouh ther widarwarto thin 
ni quem er innan muat min, 
Thaz er mir hiar ni derre, 
60 ouh wiht mib ni gemerre, 

ünkust rumo sinu! 

ioh nah ginada thinu! 
Infirrit werde balo sin, 
thu, Druhtin rihti wort min! 

G5 AI gizungilo, thaz ist, 

thu Druhtin eino es alles bist, 
Weltis thu thes liutes, 
ioh alles worolt thiotes. 

Mit thineru giwelti 
70 Sie dati al sprechanti: 
Jo salida, in gilungun 
thio wort in iro zungun, 

Thaz sie thin io gibogetin, 
in ewon iamer lobotin, 
75 Joh sie thih irknatin, 

inti thionost thinaz datiu. 

Sar thu uzar tboru menigi 
sceidist thin gidigini. 

So laz mih, Druhtin min, 
80 mit druton tbinen iamer sin. 



Ich rede hier von meiner Meinung, 
Das Herz kennst du viel besser selbst. 
Wohnt es auch inner mir, 
Dir ist es doch bekannter. 

Darum , o Herr , sei gnädig 

In vollem Masse mir, 

Der Schöpfung deiner Hand 
Gedenk' an mir mit Kraft. 

Gedenke meines Wortes hier, 
Und unterstütz es nachdrucksam: 

Gelinge gebe deine Gnade, 

Dass es gedeihen möge. 

Auch soll dein Widersacher 
Mir iu's Gemüth nie kommen, 
Damit er mir nicht schaden, 
Mich niemals hindern könne. 

Fern sei sein Trug! 
Und deine Gnade nahe! 

Hinweg mit seinen Känken; 

Du leite, Herr, mein Wort! 

Von allen Zungen, welche sind, 

Bist du allein der Herr, 

Du, der du waltest über alles Volk, 
Und jede Heerschaar dieser Welt. 

Du machtest sie 

Durch deine Allmacht sprechend: 

Und welch ein Glück! Auf ihren 
Zungen 

Gelangen so die Laute, 

Dass sie je dein gedenken, 
Dass sie dich allzeit loben. 
Dich immerfort bekennen. 
Und deinen Dienst besorgen könn- 
ten. 

Wenn aus der Menge du 
Ausscheidest deine Dienerschaft, 
So lass auch mich, mein Herr, 
Mit deinen Trauten seyu. 



ÜBER KOPLllUlJERS OTFKID - ÜBEKSETZUNG 



341 



loh the ili thir liiiir nu zioro 
iu mina zungeu tbiono, 

Ouli in al gisuiigi, 

inthiu tliaz ih iz kuuni, 
85 Thaz ih in himilriche, 
thir , Druhtiii , iamer liclie, 

Joli iamer frewe in rihti 

in thinoru gisihti. 
Mit Engilon thinen: 
90 thaz n'ist bi werkon minen; 

Suntar rehtu in waru 

bi thineru ginadu. 

Thu hilphis io mit krefti 
then thinen giscefti; 
1)5 Due huldi thino ubar mih, 
thaz ich thanne iamer lobo 
thih, 
Thaz ih ouh nn gisito thaz, 
thaz mir es iamer si thiu baz, 
The ih thionost thinaz fülle, 
100 wiht alles io ni wolle, 
loh mir io hiar zi libe 
wiht alles io ni klibe, 

Ni si, Druhtin, thaz thin willo 
thu io ginadiger bist! [ist, 
105 Thih bitu ih mines muates 
thaz mir queme alles guates 
In ewon giuuagi 
ioh zi druton thinen fuagi. 

Thaz ih iamer, Druhtin min, 
110 mit themo droste megi sin, 

Mit themo guate ih frawo 

thar 
mina daga inti ellu iar, 
Von iare zi iare 
ih iamer frawo thare, 
115 Von ewon unz in ewon, 

mit den saugen selon. Amen. 



Und — soll ich dir nun hier 

In meiner Sprache zierlich dienen, 

Und überhaupt in jeder Spraclie 

Sofern ich sie verstehe, 
Um dir im Himmelreiche, 
Herr, ewig zu gefallen. 

Mich ewig zu erfreun 

Vor deinem Angesichte. 
Mit deinen Engeln: 
So wird das nicht durch mein Ver- 
dienst; 

Wird recht in Wahrheit nur 

Durch deine Gnade werden. 
Du unterstützest jederzeit, 
Herr, dein Geschöpf mit Macht; 

So gieb denn deine Huld auch mir, 

Dass ich dich allzeit preise. 

Und dass ich jetzo so verfahre, 
Wie es für mich am besten ist, 

Dass ich erfülle deinen Dienst, 

Sonst schlechterdings nichts wolle. 
Ja lebenslänglich soll sich hier 
Nichts anders an mir finden. 

Als was, oHerr, dein Wille ist, 

Du allzeit gnädiger! 
Dich bitt ich denn vom Herzen, 
Damit mir alles Gute werde 

Zu allen Zeiten die Genüge, 

Und — füge mich zu deinen Trau- 
ten! 
Mit dieser deiner Hülfe, Herr, 
Mög ich beständig leben. 

An diesem Glücke fortan mich 
erfreun, 

Erfreun auch alle meine Tage, 
Und alle meine Jahre, 
Von einem Jahr zum andern. 

Von Ewigkeit zu Ewigkeit, 

Mit allen selgen Geistern! Amen. 



342 



Buch I. Cap. 5. 

Missus est Gabriel, angeliis. Luc. 1. 
Gabriel kündigt Maria die Geburt des Sohns Gottes an, 



Cap. V. 
Ward after thiu irscritan sar, 
So Diolit es sin , ein halb iar, 

Manodo after rime 

thria stunta zweue. 

5 Tho quam boto fona Gote 
engil ir himile, 

Braht er therera worolti 
diuri arunti. 

Floug er sunnun päd, 
10 sterrono straza, 
Wega wolkono 
zi theru itis frouo. 

Zi ediles frowun 
selbun sancta Mariun, 
15 Thie fordoron bi barne 
waruu kuniuga alle. 

Griang er in thia palinza, 
fand sia diurenta, 
Mit salteru in henti, 
20 then sang si unz in enti. 

Wahero duacho 
werk wirkento, 

Diurero garno 

thaz deta siu io gerno. 

25 Tho sprah er erlicho ubaral, 
so man zi frowun scal, 
So boto scal io guater, 
zi Druhtines muater: 

Heil magad zieri, 
30 tliiarna so sconi, 
Allere wibo 
gote zeizasto ! 



5. Cap. 

Hierauf war hin geschritten, 

Ein halbes Jahr beyläufig: 
Dreymal zwei Monden, 
Wie man zu rechnen pflegt. 

Da kam von Gott ein Bothe, 
Ein Engel aus dem Himmel, 
Und brachte theuren Auftrag 
Hiernieder auf die Welt. 

Den Sonuenpfad hat er durchflogen, 
Die Sternenstrasse, 

Die Wolkenwege, 

Herab zu einer hehren Frau. 

Zur Frau aus jenem Hause, 

Zur heiligen Maria: 

Denn ihre Ahnherrn waren alle 
Von Kind zu Kinde Könige. 

Er gieng in ihr Gemach, 
Und fand sie gottlobpreisend, 
Den Salter in der Hand, 
Ihn singend bis an's Ende. 

So eben wirkte sie 
Ein zartes Tuchwerk 

Von feinem Garn, 

Das war ihr Lieblingsthun. 

Da sprach er höchlich sittsam, 
Wie man zu einer Frau, 

Wie stets ein guter Bothe sprechen 
soll. 

Zur Mutter unsers Herrn: 

Heil dir o zierliche Magd, 

Anmuthige Jungfrau, 
Aus allen Weibern 
Die holdeste dem Herrn ! 



ÜBER KOl'LHUBEHS OTI'KID - (JBEßSETZUNG 343 

Ni brutti tliili luuates, Entrüste dicli nicht im Gemütlie, 

noh thines autluzzes Auf deinem Augesichte 
35 farawa ni weuti: Veräudre sich die Farbe nicht: 

fol bistu gotes ensti. Du bist erfüllt mit Gottes Gunst. 

Forasagon sunguu Von dir, o Selige, 

fon thir saligun. Sang der Propheten Menge, 
AVarun sie allo worolti Auf dich hindeuteten 

10 zi thir zeigonti. Zu allen Zeiten sie. 

* * 

* 

Wenn nun auch die Übersetzung Koplhubers, wie jeder Germa- 
nist unserer zeit erkennen wird, nicht der grammatischen Unrichtig- 
keiten entbehrt und auch der dichterische schwung in derselben ver- 
niisst wird, was übrigens eben durch den zweck der Übersetzung erklärt 
wird, so muss man doch das werk anstaunen und gewiss berechtigt 
ist das wort Keiles, der zu seiner Otfridausgabe das besprochene werk 
Koplhubers zur benützung aus der stiftsbibliothek entlehnt und dabei 
den wert desselben kennen gelernt hatte, dass Koplhuber gewiss gross- 
artiges geleistet hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre die hand- 
schriften einzusehen und zu vergleichen.^ 

Dass Koplhuber auch poetisch begabt war bezeugen seine melo- 
dramen, von denen die bekantesten sind: die Hühnerstube, die Land- 
wehr, der Meisenfaug, der Mair von Faistenbüchl und das berühmte: 
„Der Budlhaubenteufel." 

Diese gedichte, meist in oberösterreichischer mundart geschrie- 
ben, sichern dem Germanisten Koplhuber auch unter den dichtem eine 
nicht unbedeutende stelle. 



Der in der vorstehenden abhandlung erwähnte brief Jacob Grimms 
lautet, wie folgt: 

„Es ist erfreulich , dass in Österreich , wo so viele denkmahle 
dazu einladen, ein tüchtiger mitarbeiter in der altdeutschen philologie 
aufersteht. Ich rathe ihm irgend ein specimen seines fleisses heraus- 
zugeben, damit man sehe, wo er hinaus will und wie man mit ihm 
dran ist. Liegen in den ihm benachbarten klöstern, vielleicht zu Linz, 
Salzburg, Passau, keine anecdota, und seien sie von kleinem umfang, 
an welchen er uns seine Studien bewähren möchte? Oder er wähle 
sich ein stück der alten grammatik aus, ein schon bearbeitetes oder 

1) Kelle, Job., Otfrid's von Weissenburg Evangelienbucb. Text, Einleitung, 
Grammatik, Metrik, Glossare- I. bd. Kegensburg. Einleitung s, 128. 



344 SALZER 

noch imangebautes , bereichere und berichtige jenes oder stelle dieses 
nach seinen gedanken frisch auf. Wie Grafis monographie von den 
praepositionen ist, lassen sich ähnliche, z. b. von den Interjektionen, 
von der diminution, comparation etc. vortheilhaft einzeln behandeln. 
Der im druck befindliche zweite theil meiner gramniatik wird nur 
buch 3 d. h. nichts als die lehre von der Wortbildung umfassen. Die 
Syntax soll demnächst einen dritten theil füllen? und darf nicht auch 
der erste, bei einer wiederauflage, in zweie zerfallen? Es ist ja schön, 
dass unsere spräche stoff dazu hergiebt. 

Was mit den otfridischen proben beabsichtigt worden ist, Aveiss 
ich freilich nicht. Den Otfrid neu zu edieren und damit die heutigen 
forderungeu zufrieden zu stellen, halte ich für recht etwas schweres. 
Nicht bloss der wiener codex, auch der pfälzer und freisinger (münch- 
ner) sammt den bonner, wolfeubüttler und niederl. bruchstücken müs- 
sen verglichen und gebraucht werden. Nächstdem muss der heraus- 
geber des alten dichters metrik erkennen und auf die herstellung des 
reinen textes anwenden. Endlich haben einzelne Wörter noch immer 
Schwierigkeit. Den unterschied zwischen ia und id, üa und ud geben 
freilich die acceute, doch wüsste ich im Otfrid kaum einen fall, wo 
nicht beiderlei sonsther völlig klar wäre ; der anouymus verzeichne mir, 
was ihm dunkel bleibt und ich will es ihm ohne handschrift richtig 
accentuieren. Der unterschied zwischen langem und kurzem vocal ist 
ihm minder angelegen; ich glaube mit unrecht, doch hier helfen im 
zweifei die accente der handschrift nicht aus. Endlich weiss ich auch 
nicht, was anonymus für die Interpunktionen aus den handschriften 
erwartet. Die handscliriften, wie die proben beiLambeck, Kuittel etc. 
lehren, pungiereu bloss metrisch, d. h. punkte zerteilen die langzeile 
in zwei hälften. Darnach hat bereits Schilter äusserlich geteilt und 
natürlicli selten Verstössen. Den sinn hat er auf seine weise interpun- 
giert, allerdings sehr oft elend genug, aber aus den codd. kann er 
nicht gebessert werden. 

Ob ich in meiner syntax nur ein eigenes System, nicht auch 
eigene Observationen aufstellen werde, mag sich zeigen; System und 
uiaterie lassen sich vielleicht nicht einmahl so trennen. Mir scheint 
die aljbe syntax so ergiebig, (z. b. allein aus Notkers werken) dass ich 
behaupte, weder der fleissigste, scharfsinnigste Sprachforscher wird 
alles wahrnehmen , noch ein beschränkter und oberflächlicher wird ganz 
ohne neue Wahrnehmung ausgehen , wenn er nur treu wahrnimmt. Um 
so mehr traue ich dem geehrten unbekannten zu, dass er, abgesehen 
von seinem oder meinem oder irgend einem System, in diesem felde 
manche neue und eigenthümliche bemerkungen vorzutragen vermöge 



ÜBER KOPLUUBERS 0T1''1UD - ÜBKKSKTZUNG 345 

imd ich wiiusclie, dass er damit vortrete. Ich iiieiuc sogar, er müsse 
auch in der laut- und ilexionslehre auf verschiedenes irrige und unzu- 
länglich erwiesene meiner darstellung gestossen seyn. 

Cassel 1. Dec. 1824. Jakob Grimm." 

Dieser brief, auf ein einziges blatt geschrieben, ist beigebunden 
der abschrift von der Koplhuberischen Übersetzung des Otfrid und befin- 
det sicli zugleich mit dieser in der stiftsbibliothek zu Kremsmünster. 

INNSBliUC^K, AM 27 OCTBli. 1881. P. ANSELM SALZER. 0. S. B. 



DEE TEXT DES ERSTEN TEILES VON GOETHES 

„FAUST." 

Die textkritik des grossartigen , immer weitere kreise für sich 
gewinnenden draraas hat neuerdings einen rückschritt erlitten. K. J. 
Schröer rühmt sich mir und von Loeper gegenüber auf die ursprüng- 
liche gestalt der dichtung zurückgegangen zu sein, wie er behauptet, 
mit Zustimmung des lezteren. Man sei den neueren autoren gegenüber 
noch immer nicht objectiv genug. So habe sich der philolog Göttling 
nicht enthalten Goethes Sprachgebrauch zu corrigieron. Und doch war er 
von Goethe zur freien äusserung aufgefordert worden. Ich, der ich 
„doch auch philologe" sei, habe mir erlaubt, „mit dem vers und text 
überhaupt nachbessernd zu verfahren." Einen solchen Vorwurf würde 
er nicht gegen mich erhoben haben, hätte er die geschichte des textes 
nicht allein des „Faust," sondern der sämtlichen werke Goethes, auf 
welcher eben mein verfahren beruht, genauer gekaut und wäre über 
das, was die kritische behandlung eines neudeutschen dichters fordert, 
sicli klarer geworden. Schon im jähre 1857 habe ich über die her- 
stellung einer volständigen kritischen ausgäbe von Goethes werken in 
der „Deutschen Vierteljahrs -Schrift" nr. 78 einen aufsatz geliefert, den 
man neuerdings gar nicht zu kennen scheint, obgleich in demselben 
manches zu lesen steht, was später unter anderer flagge gegangen ist, 
und früher wie später habe ich gerade die geschichte des Goetheschen 
textes vielfach im einzelnen zu verfolgen veranlassung gehabt , während 
Schröers sehfeld sich auf den „Faust" beschränkt und er auch hier 
keine methodischen Studien gemacht liat. 

Sonderbar genug konit er in seiner ausgäbe des „Faust" auf die 
kritik des textes erst nach der „Walpurgisnacht," auf veranlassung der 
abweichenden handschriftlichen lesarteu der Valentin- und der Brocken- 



34G DÜNTZEß 

sceiie. AYeil iu diesen sich die formen läclilend, wandlen und 
besondrem von Goethes hand linden, will er nicht bloss diese in den 
text gesezt haben, sondern auch v. 37 nach seiner Zählung saurem 
gegen das seit der zweiten ausgäbe stehende sauerm, 565 finstren, 
wofür die ausgäbe lezter band finstern hat, 1137 das von allen bei 
Goethes leben erschienenen ausgaben gelesene gaukle nd statt des dem 
sonstigen gebrauch im „Faust" entsprechenden gaukelnd. Da Goethe 
noch in höherm alter versammlet schrieb, wird diese form auch für 
die ausgaben gefordert. Gegen euerm 2636 werden euren und eurem 
(Zueignung 1, 8 und 3662), von denen lezteres auch in der hand- 
schrift sich findet, als die ursprünglichen formen bezeichnet. Dazu 
fügt Schröer noch die tatsache, dass Goethe in seiner Studentenzeit 
lächle nd und verzweiflend geschrieben. Auf diesem schmalen 
gründe baut er nun seine aufnähme der das erste e elidierenden for- 
men. Wie es sonst mit diesen formen im „Faust," wie es in dem texte 
der „Iphigenie," des „Tasso," der lyrischen gedichte usw. stehe, darum 
kümmert er sich nicht. So haben wir denn in Schröers text neben 
lächlend, gauklend und wandlen Lächeln (3043), tänzelnd 
(2790), umnebelnd (3105), wandeln, handeln (2820 fg.), Fiedeln 
(592), funkeln (1101), zappeln (1509), doppeln (2168), säuseln, 
kräuseln (2350, 2353). Wie kann man ernstlich eine solche bunte 
Jacke dem dichter zumuten! Schröer übersieht dies geradezu; denn 
im zweiten bände, wo er auch lesarten zum ersten gibt, gedenkt er 
dieser stellen gar nicht , sondern lässt sie unverändert stehn. Dagegen 
beruft er sich im vorwort des zweiten bandes zur bestätigung auf die 
beispiele des zweiten teiles: frevlend (3309), wandlen (4960), und 
im nachtrage auf tändlend (5381), wo die zweite ausgäbe tändelnd 
hat, und Wimmlens (1410), als ob diese ausnahmen gegen die über- 
wiegende zahl anderer, wie sich z. b. in den auf 5381 folgenden ver- 
sen schmeichelnd, faselnd, - wechselnd, schüttelnd, umzin- 
geln, Häufeln, säuseln finden, irgend gewicht hätten ! Oder sollen 
wir etwa im zweiten teile alle die zahlreichen beispiele auf ein, elnd 
nach den wenigen abweichungen ändern ! Sonderbar ist es, dass Schröer, 
obgleich er gesteht (I, 255), „Goethe habe sich schriftlich dem her- 
kommen (die endsilben -ern, -erm, -ein zu schreiben) zu accomodie- 
ren bestrebt," nur seien die andern formen zuweilen wider willen bei 
ihm durchgeschlagen, doch die mit absieht von Goethe gemiedenen for- 
men in den text der dichtung einführen will. Und wie konte er über- 
sehen, dass Goethe seine werke nicht nach seiner handschrift, sondern 
nach einer von einer andern band gemachten abschrift drucken Hess, 
und so wenig auf die befolgung seiner eigentümlichen, nichts weniger 



ZUR TKXTivKlTlK VON GOETHES FAUST 317 

iiLs mustergiltigen reclitschreibung und satzzcicliiiuiig bustaiid, dass er 
diese dem in der druckerei gangbaren gebrauche überliess, der eben 
die dem leser bokante und keinen anstoss bietende weise befolgte. 
Sclion der au die gangbare art gewöhnte, oft manche eigentümlichkei- 
ten sich gestattende abschreiber befolgte nicht durchaus Goethes Schrei- 
bung, mochten auch deren abweicliuugen hie und da sich einschleichen; 
dazu kam der gebrauch der setzer und der bucbdruckerei. Die les- 
arten der beiden handschriftlich vorliegenden scenen sind insoweit von 
wert, als sie uns zeigen, was Goethe ursprünglich geschrieben, und 
da, wo sie in auffallenden Schreibungen mit dem ersten druck überein- 
stimmen, den beweis liefern, dass diese auch in der abschrift nicht 
geändert worden; dagegen ergibt sich aus ihnen keineswegs, dass die 
abweichuugen des druckes dem setzer angehören. Weicht ja der druck 
nicht blos in der sclireibuug von der handschrift ab, sondern bietet 
auch sonst manche Verschiedenheiten, bei welchen selbst Schröer sich 
geliütet hat, die handschriftliche, offenbar vom dichter selbst in der 
druckhandschrift oder vor der abschrift geänderte lesart aufzunehmen. 
Aber selbst die Übereinstimmung der lesarteu des ersten druckes mit 
der handschrift beweist noch nicht die berechtigung zur aufnähme; es 
komt darauf an, ob die Schreibungen mit der sonst im texte befolgten 
weise übereinstimmen , und wir haben nicht den geringsten rechtstitel, 
nach der lesart der paar zufällig erhaltenen handschriftlichen 
scenen den ganzen „Faust" zu gestalten, vielmehr müssen wir die in 
den ausgaben vermisste gleichheit der Schreibung auch hier nach der 
durchschlagenden mehrheit herstellen, in der vollen Überzeugung, 
dadurch nach Goethes willen zu handeln, der es unmöglich billigen 
konte, dass die zufällig erhaltene reinschrift zweier scenen die Schrei- 
bung der übrigen beeinflusse; ja besässen wir auch eine reinschrift aller 
übrigen scenen von Goethes eigner band, sie würde, wie wertvoll sie 
auch in mancher andern beziehung, besonders an zweifelhaften stellen, 
wäre, uns nicht berechtigen, nach ihr den in den ausgaben vorlie- 
genden, vom dichter selbst im laufe der zeit mehrfach verbesserten 
text abzuändern. Wenn 3267 steht „bei 'em Gelag," so ist dies freilich 
die von Goethe nach dem mundartlichen gebrauch gewählte form ; aber 
wir dürfen unbedenklich annehmen, dass er, wie er anderswo ofl'enbar 
vor dem abdruck änderte, so auch hier das den vierfüssigen jambi- 
schen vers herstellende einem, das schon der erste druck hat, nach 
eigener beobachtung oder auf Riemers erinnerung sezte. Freilich sehe 
ich zu meinem bedauern , dass von Loeper und Schröer für das bedürf- 
nis des verses so unempfindlich sind, dass sie im zweiten teil 2202 
(11, 240) das elidierte 'n, weil es überliefert ist, für eine silbe zählen, 



348 DÜNTZER 

da der vers doch uotvveudig 'nen fordert und ein blosses 'u den durcli- 
aiis nötigen accusativ nicht vertreten kann. Selbst das mundartliche 
ellebogen wird von Schröer 3272 (vgl. I, 256) empfohlen, obgleich 
sogar im Bauernliede, woran dieser freilich nicht denkt, zweimal 
Ellenbogen steht (606, 619). Von Loeper hält wenigstens das hand- 
schriftliche besondrem (3670) bei, da dieses (vielmehr besond'rem) 
auch die ausgaben lesen. Er konte sich dabei auf höh' rem berufen, 
wie alle ausgaben 710 lesen. Aber durchweg steht unserm (843. 
1895. 3791) und in dem kurz vor dem „Faust" erschienenen „Tasso" 
„mit höherm Sinn und grösserm Herzen" (I, 11), wie dort auch 
immer unserm gelesen wird, freilich auch einmal düstrem (IV, 1,46) 
neben düstern, jungem, heitern, tapfern. 

Gerade auf die zunächst vor dem fragment „Faust" in der aus- 
gäbe von Goethes „Schriften" erschienenen dichtungen ist bei der frage 
nach den wortformen und vor allem nach der handhabung der eli- 
sion besonders zu achten. Im „Tasso" finden wir gleich am anfang 
lächle nd, was freilich aus Goethes Schreibung geflossen sein w^ird. 
Schon die freilich ohne wissen des dichters veranstaltete ausgäbe in 
vier bänden sezte dafür das gangbare lächelnd, das der erste druck 
selbst IV, 2, 56 hat, wie lächelst V, 1, 86. An zehn stellen lesen 
wir edlen, nur einmal einer edeln That. Neben ein grössres 
Übel steht zweimal bessers, eben so oft bessern. Sonst finden 
wir regelmässig die endungen -ern, -erud, -erm, -ers, -ein, -elt 
bei vorhergellendem consonanten (nur steht einmal den innren I, 3, 24 
neben seinem Innern II, 1, 221), dagegen regelmässig (dreimal) 
euren, zweimal theuren, einmal, im siugular, der Theuern. Der 
ausfall des c wird in den genitiven Manu's, Tag 's, Geist's bezeich- 
net, ebenso in menschlich's, inn're, bescheid'nern, verbund'- 
nem, leicht'ste, nur einmal ausnahmsweise in offnen, wogegen in 
ähnlichen fällen der apostroph fehlt, nicht blos in wackre, schön- 
rer, sichrer, bittrer, seltner, sondern auch in ungebundnem, 
vergangnen, verlornen, Abgeschiedne, innrer, innres. Die 
Ungleichheit mag teils der abschrift, teils dem drucke zur last fallen. 
Nur einmal (1, 3, 107) steht lautere, wo der vers lautre verlangt, wie 
schon die zweite ausgäbe liest. Die auslassung des i in den endungen 
ige, ig er, iges, igen, igem, die regelmässig eintritt, wo der reine 
Jambus sie verlangt, wird gewöhnlich durch den apostroph bezeichnet. 
Nur einmal ist die elision unterblieben, II, 3, 120, wo der vers mit 
Zufäll'gen beginnen solte, wie an andern stellen Ohnmächtger, 
Glückseiger am anfange des verses sich findet. 



ZUR TEXTKRITIK VON GOKTIIKS VAUST 349 

Zwei jaliio vor „Tasso" war „Iphigcnie" gedruckt worden. Hier 
findet sich auf den beiden ersten und dem lezteu bogen edeln, sonst 
edlen. Kegelmässig lauten die endungen ein, ern, erm, ers, elnd, 
ernd; aucli steht euern, dagegen eurem. Bei innre, Innres, härt- 
rer, Priestrin, Fordrung, Zögrung, entweihte, gewordnen, 
geschahn, erschüttre, Gefundue, ja bei Aelterm, gesellst, irrt 
u. a. und den dativen Haus, König und Tod fehlt der apostroph 
niclit, dagegen in manchen ähnlichen fällen. Auch die härtern formen 
Gut's, schmerzlich's fehlen nicht. Die Elision des i finden wir in 
cw'ge, heil'ge, heil'gen, blut'gen, blut'ges, günst'ge, günst'- 
gen, geruh'gen, frühzeit'gen, grimm'gen, Unterird'schen; 
nirgends ist die elision unterblieben , wo die reinbeit des jambus sie 
fordert. 

Zwischen „Iphigenie" und „Tasso" erschien der achte band der 
„Schriften," der auch die „vermischten Gedichte" brachte. Hier finden 
wir edeln (s. 126. 177. 328), höhern (215), düsteru (159), dü- 
sterm (190. 320), dunkeln (322), dunkelm (190), flüstern (114), 
dagegen eitlem (s. 141). Regelmässig treffen wir auf die endungen 
ein, elnd (zappeln, schmeicheln, Gütersammelu, lächelnd, 
tändelnd, wechselnd, segelnd), ern, ernd (andern, unsern, 
muntern, trauernd, dauernd, scheiternd usw.), erm, ers 
(and erm, uns erm, uns ers), ja hier ist auch regelmässig euern, 
euerm gedruckt. Den apostroph finden wir in mein's (208), Tod's 
(324), waldbewachs'nen (321), unverdross'n er (340), dagegen 
fehlt er in ärmers (207), menschlicbs (322), sanftgeschwung- 
ner, geschlossneu (323), genossnem (336), so dass sich hier die 
gröste Ungleichheit herausstelt. Das i wird regelmässig ausgeworfen, 
wo der vers es bedingt; so finden wir ew'gen, borst'gen, günst'- 
ger, widerwärt'ge, audächt'ger, liturg'scher, elast'sche, 
mytholog'schem. Überall wo i nicht elidiert ist, zählt die silbe mit: 
so begiut der vers: Ewige Sterue schimmern, jambisch. 

Jezt dürften wir in stand gesezt sein, über den druck des 
„Fragments," das den schlussband der „Schriften" begint, ein rich- 
tiges urteil zu fällen, doch müssen wir vorab noch zwei bibliographi- 
sche fragen erledigen. Holland hat den mit dem siebenten bände der 
„Schriften" ganz gleichlautenden einzeldruck, der die bezeichnung 
„Aechte Ausgabe" hat, für die erste ausgäbe erklärt. Dies ist nicht 
richtig; denn „Faust" wurde zunächst für den siebenten band gedruckt, 
aber der satz mit blosser weglassung der auf der ersten seite jedes 
bogens stehenden norm „Goethes W. 7 B." auch zu einer besondern 
ausgäbe des „Faust" verwant, welche nicht vor dem erscheinen des 



350 DÜNTZRR 

ganzen, auch noch zwei Singspiele enthaltenden bandes ausgegeben 
wurde.^ Hirzel bemerkt, der band sei in zwei verschiedenen drucken 
vorhanden j und vom einzeldrucke berichtet er: „Ein zweiter wahr- 
scheinlich gleichzeitiger druck ist u. a. daran erkenbar, dass die drei 
lezten zeilen auf s. 144 zu anfang der s. 145 widerholt sind," Der 
einzeldruck muss nicht die gehofte Verbreitung gefunden haben; denn 
zu den vorrätigen bogen (damals erschienen die bücher meist ungebun- 
den) wurde später ein neuer titel gedruckt, der einmal (nach Holland) 
lautete: „Faust. Ein Fragment. Von Goethe," ein andermal „Faust, 
ein Trauerspiel von Goethe," beidemal mit der auf versehen beruhen- 
den Jahreszahl 1787, die das jähr bezeichnet, in welchem die ausgäbe 
der Schriften begonnen hatte. Da die titelblätter verschieden sind, 
kann man nicht, wie Holland tut, von derselben ausgäbe sprechen. 
Dieser äussert die Vermutung , der zweite Sonderdruck des fragments 
(und dann auch avoI der „Tragödie") sei aus dem zweiten drucke des 
siebenten bandes hervorgegangen , wogegen Hirzel schon bestimt aus- 
gesproclien hatte, die ausgäbe, die er anführt, bestehe aus alten bogen 
jenes bandes. Ich besitze einen abdruck des siebenten bandes, in wel- 
chem die von Hirzel bemerkte Wiederholung sich findet, wonach die 
Verschiedenheit der beiden einzeldrucke dieselbe ist, welche bei den 
ausgaben des ganzen bandes sich findet. Aber welcher von beiden 
drucken ist der ältere? Unzweifelhaft der, in welchem der siebente 
bogen (I) drei verse mehr hat, mit denen auch der achte (K) begint. 
Denn wenn die einzelnen bogen zum zweitenmal gedruckt wurden, 
wäre es rein unverständlich , wie der setzer dazu hätte kommen sollen, 
drei verse mehr als auf seiner vorläge sich fanden, auf die seite zu 
bringen, wogegen es ganz natürlich war, dass man, als sich heraus- 
stelte, die drei verse seien durch versehen widerholt, durch weiteren 
abstand der zeilen von einander die seite so druckte, dass sie drei 
verse weniger enthielt. Und wer den druck, welcher diese verse bie- 
tet, mit dem andern vergleicht, kaiyi nicht zweifeln, man habe im 
leztern s. 144 so eingerichtet, dass die drei verse Avegfielen. Hier wurde 
der vers: „Ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch" so weit 
gesezt, dass man ihn nach „Brauch" abbrach und der obere teil der 
seite so gehalten , dass der räum der beiden andern zeilen gefült wurde. 
Hirzel deutet auch auf andere Verschiedenheiten hin, denen Holland 

1) Als der Verleger Göschen die heeiidiguiig der ausgäbe von Goethes Schrif- 
ten mit dem oben erschienenen siebenten bände anzeigte (die bekantniachnng findet 
sich auch im Intelligeiizblatte zur „allgemeinen Literaturzeitung" vom 21. april 
1790) bemerkte er, alle stücke, welche die samlung zuerst bringe, könten die 
„besitzer der alten ausgäbe" auch einzeln erhalten. 



ZUR TEXTKRITIK VON flOETIIES FAUST 351 

seine aiirnierksamkeit nicht zuwante. Ich finde in meinem abdrnck 
folgende. S. 89 begint: „Das könnt' ich ihm an der Stirn lescni — /' 
wo der drucktehler leseni wol dadurch entstand, dass der setzer, der 
„lesen!" geben wolte, statt des ausrufungszeichens den ihm ähnlichen, 
wol im kästen des ausrufungszeichens gefundenen buchstaben / nahm. 
Man verbesserte den druckfehler, indem man i einfach ausfallen Hess, 
während in der handschrift wol noch ein ausrufungszeichen sich fand. 
S. 98 z. (') V. u. Iiat meine ausgäbe den druckfehler Wargrethlein, 
der gleichfals verbessert wurde. lOG, 12 steht in der personenangabe 
Margarethe statt Mephistopheles. Vor was findet sich ein apo- 
stroph 81, 13. 96, 2. 106, 13. 115, 4, dagegen fehlt dieser nach 
g'rad 117. 12. 124, 6, Geschleck 147, 2 v. u., Aschenruh 166, 3. 
Komma statt punkt finde ich 86, 14. 114, 4 v. u. 141, 5. 167, 1. 
Statt Hörsal steht Hörsaal 93, 19, einem jedem (statt jeden) 
98, 9, Vollkommenes statt vollkomm'nes 152, 14. Als buchsta- 
benfehler sind zu bemerken 64, 6 ausgefuuden statt ausgefuuden, 
104, 8 sagen statt sagen (wogegen 156, 17 und, nicht das von Hol- 
land angeführte uud steht), 128, 12 Verzweislung statt Verzweif- 
lung, 122, 10 übernahm' statt übernahm'. Auch hiernach kann 
es nicht zweifelhaft sein , dass der von Holland gegebene abdruck später 
ist. Die abweichungen beginnen mit bogen F, in bezug auf die zahl 
der verse ist nur die lezte seite von bogen I verschieden. Goethe hatte 
seinen „Faust" durch eine kauzleihand abschreiben lassen, wie er am 
5. november 1789 launig dem herzog meldet. Diese reinschrift oder 
eine abschrift davon gieng zum drucke ab; zu einer genauem auf die 
Schreibung gerichteten durchsieht koute Goethe wol bei seiner dama- 
ligen Unruhe und der unlust an einer solchen arbeit nicht gelangen ; 
er überliess die sorge für die gewünschte gleichmässigkeit der druckerei, 
nichts lag ihm ferner als auf strenge befolgung seiner Schreibung zu 
halten, die, wie er wüste, nicht buchmässig war. Eine wirkliche 
gleichmässigkeit der Schreibung wurde beim „Faust" ebenso wenig als 
bei den frühern bänden erreicht. Die apostrophe finden sich bald, bald 
fehlen sie bei Kuh, heut, was (für etwas), thät (s. 44, 101), sah, 
den imperativen auf e, den Superlativen (neu'sten neben genau- 
sten), den genitiveu und dativen, wie Mensch's, Geist's, Grab's, 
Freund's, Hof und sonst, doch stehen sie viel häufiger als nach 
neuerm gebrauche; so lesen wir ring's, Dau'rbarkeit, derweil', 
unterweir, nah', freu't. Edlen findet sich durchweg (s. 47, 57, 75, 
82, 88), dagegen dunkeln (148), tänzelnd (123), umnebelnd 
(139), wandeln, handeln (126), zappeln (25), doppeln. Neben 
saurem, sauren(45. 56) stehen Mauern (26), Mauern-Pfeiler (166), 



352 DÜNTZER 

sichern (152), neben eurem, euren (14, 20) euerm (124, 126). 
Regelmässig wird i elidiert, wo es der vers verlangt, und der ausfall 
durch den apostroph bezeichnet. Die wenigen fälle , wo die elision trotz 
des verses unterlassen ist, kommt gegen die mehr als dreimal grössere 
anzahl der elidierung nicht in betracht; die hälfte derselben findet sich 
auf dem zweiten bogen. Eine Ungleichheit ist es, wenn wir lesen 
(s. 28): „In Spanische Stiefeln eingeschnürt," während auf dem dritten 
bogen (41) zweimal „Röm'sche" steht. Im folgenden verse findet sich 
„bedächtiger so fort an," wo „bedächt'ger" nicht härter ist, wie in 
den gedichten des achten bandes (139) „ein mächt'ger Geist." Ebenso 
verhält es sich mit dem versschluss „das geistige band" in derselben 
rede des Mephistopheles (30), der gleich darauf (s. 31) „der Heilig' 
Geist" braucht. Der vers (22): „Ist das drum weniger mein?" ver- 
langt die elision wen'ger, die ebenso unanstössig ist, wie grimm' gen 
in der „Iphigenie." Derselben art sind „verständiger als ich bin" (120) 
und der versanfang „Geschäftiger Geist" (12). Im „König in Thule" 
(95) ist „heiligen Becher" anstössig, da die formen von heilig beson- 
ders häufig elidiert werden und der dichter hier nie den anapäst statt 
des Jambus eintreten Hess, wo er ihn vermeiden koute. Im jähre 1799 
schrieb Goethe auch wirklich hier heil'gen. Fast noch weniger lag 
zu der lesung „von ewiger Treu' und Liebe" (117) eine veranlassung 
vor. Auch durch Unterlassung der elision des e ist an zwei stellen der 
vers geschädigt. In den Worten, die Mephistopheles (109) dem herrn 
Schwertleiu in den mund legt: „Auch die Erinnerung tödtet mich" 
muss, wie so häufig, das vor rung stehende e elidiert werden. Auf 
dem schon wegen der Unterlassung von elisioneu angeführten zweiten 
bogen steht s. 27: „Ich bin dabei mit Seele und Leib," wo das schlies- 
sende e von Seele, wie dies so oft vor vokalen, besonders vor und 
geschieht, elidiert werden muss, wie es auch schon in der zweiten aus- 
gäbe geschehen ist. Sonderbar will Schröer II, 421 hier Seele her- 
gestelt haben ; er führt die stelle unter den beispielen an , dass manche 
in der ohne Goethes wissen erschienenen vierbändigen ausgäbe gemachte 
correcturen sich forterbten. Aber der beweis, dass Goethe bei der 
zweiten ausgäbe der werke auch im „Faust" jene ausgäbe zu gründe 
gelegt habe, wird wenigstens durch die von Schröer dafür angeführten 
stellen, ausser unserm verse 2184, 2280, 2420, nicht erbracht. Bei 
dem erstem ist ihm eben nur eine Verwechslung begegnet; denn die 
lesart der ersten ausgäbe: „Sei (Sey) nur nicht ein so strenger Mann!" 
ist in alle folgenden übergegangen, die Umstellung so ein der vier- 
l)ändigen allein verblieben. Wenn die zweite ausgäbe richtig Magi- 
ster Lobes an (statt lobesan) schrieb, so ist nicht abzusehen, wes- 



ZUR TEXTKRITIK VON GOETHES FAUST 353 

halb diese sich von selbst aufdrängende Verbesserung der setzer oder 
corrector bei der zweiten ausgäbe nicht eben so gut wie der der vier- 
bändigen gemacht haben soll. In der dritten stelle steht Väter-Saale 
wirklich im ersten drucke zu lesen, wenn auch in einigen exemplaren 
der bindestrich undeutlich geworden oder nicht ausgedruckt worden, 
so dass es also nicht aus der vierbändigen ausgäbe stamt. 

Die ausgäbe leidet an einer anzahl kleiner druckfehler, die meist 
durch Verwechslung von n und m (1417 meinen, 1546 den, 2358 
warmen, 2918 dumpfen statt der formen aufm) oder durch falsche 
Setzung des apostrophs (1727 wollt' statt wollt, 2675 sollt' statt 
sollt, 2728 könnt' statt könnt) entstanden sind. 1448 steht Kro- 
nen statt Krone, 1558 auch statt euch, 1420 Ihrem statt ihrem 
und in der scenarischen bemerkung nach 2092 in dem, das man nur 
mit gewalt halten kann, statt in den; auch mein' 3141 ist druck- 
fehler statt meyn'. Das Verzeichnis der druckfehler in Hollands neu- 
druck des Fragments ist nicht ganz volständig und beurteilt nicht 
alle fälle richtig. Übrigens ward Faust abgedruckt, während Goethe 
auf der reise nach Venedig sich befand. 

Goethe legte bei der zweiten ausgäbe die echte erste zu gründe, 
und zwar benuzte er dazu nicht die einzelausgabe , sondern den sieben- 
ten band der „Schriften", wol nach dem zweiten druck.' Dass er die vier- 
bändige beim „Faust" nicht gebrauchte, dürfte daraus zu schliessen sein, 
dass keiner von den irtümern derselben in die zweite ausgäbe über- 
gieng, was sonst kaum begreiflich wäre. Die vierbändige ausgäbe hat 
nämlich die abweichungen : 1842 irre statt irrte, 2182 so ein statt 
ein so, 2421 heil'gen statt heiligen, 2525 zweimal Sie statt sie, 
2535 konnte wohl statt konnte nur, 2635 einem andern (statt 
neuen) Schatze, 3052 Als dürft' statt Ach dürft'. Von allen 
diesen ist nichts in die zweite ausgäbe gekommen. Wenn Seel' statt 
Seele und Lobesan und lobesan beiden ausgaben gemein sind, so 
deutet dies nicht auf entlehnung. Es ist ganz ungehörig, wenn 
von Loeper, dem Schröer folgt, die aufführung der drucke mit den 
einzeldrucken begint, ihnen die gesamtausgaben erst folgen lässt. 
Der erste druck des „Fragments" ist für den siebenten band der 
„Schriften" gemacht worden, und die einzelausgabe, die aus den 
bogen desselben satzes bestand, erschien nicht vor diesem, sondern 
nach demselben , wie denn auch Hirzel ihn später anführt. Noch weni- 
ger lässt sich von den späteren einzeldrucken nachweisen, dass sie 

1) Mit diesem stimmen in der zweiten ausgäbe 2885 Vollkoinm'nes statt 
ollkoium'nes, 3303 Geschleck' statt Geschleck, 3347 Aschenruh' statt 
Aschen ruh, welche lesarten freilich auch die vierbändige ausgäbe hat. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 23 



354 DÜNTZER 

irgend eiueu einfluss auf den allein massgebenden text in den werken 
gehabt haben. Von Loeper aber gibt den einzeldrucken so sehr vor den 
ausgaben der werke den Vorzug , dass er die zweite ausgäbe , den achten 
im jähre 1808 erschienenen band der Werke, ganz übergeht und nur der 
nach diesem gedruckten kleinen ausgäbe gedenkt, erst von der dritten 
ausgäbe führt er auch den neunten, den Faust enthaltenden band an. 
Die zwischen diesen und der ausgäbe lezter band erschienenen einzel- 
drucke von 1821 und 1825 sind für die gestaltuug des textes ohne jede 
bedeutung und ihre anführuiig bei von Loeper, noch mehr bei Schröer, 
ein leidiger ballast, da ihre verschiedenen lesarten nur auf rechnung 
des neuen, ohne mitwirkung des dichters gemachten satzes kommen, 
ja sie führen geradezu irre. Die von Schröer gewünschte auskunft 
über das Verhältnis der einzeldrucke von 1821 und 1825 zu einander 
liegt einfach darin, dass der zweite ein abdruck des ersten ist, die 
abweichungen rein der druckerei angehören. Auch sind die kritischen 
anhänge von Loepers und Schröers weder volstäudig noch ganz zuver- 
lässig,^ und am wenigsten geben sie ein klares bild der textgeschichte. 
Wenn von Loeper nach der Cottaschen ausgäbe von 1837 nur noch 
die von 1876 uent, so entgieng ihm, dass in den von mir 1850 und 
1857 durchgesehenen manches verbessert ist, was in die folgenden 
ausgaben übergegangen ist, also diese besonders zu vergleichen waren. 
Davon hat auch Schröer keine ahnung, der nach der ausgäbe von 1840 
nur noch den druck von 1862 anführt. 

Lii august 1805 schloss Goethe mit Cotta über eine neue gesamt- 
ausgabe seiner werke in zwölf bänden ab, und schon ende September 
schickte er die Wilhelm Meisters Lehrjahre enthaltenden beiden 
bände, die den zweiten und dritten der neuen ausgäbe bilden selten, 
neu durchgesehen zum druck. Leider war die sehr flüchtige durchsieht 
und die vorschwebenden grundsätze der Schreibung nicht streng durch- 

1) So lesen wir bei Schröer die falsche behauptuug, die ausgäbe lezter band 
habe im verspiel 140 Trunk; nicht erst seit 1868, wie Schröer von Loeper 
nachschreibt, lesen die Cottaschen ausgaben 49 wieder mit statt von, wie auch 
seine von Loeper entnommene annähme, ich wolle im verspiel 124 gegen den 
reim Göttern lesen, reine entstellung ist. Wenn er 4079 mich sagen lässt, die 
beraerkung: „Sie steht auf" fehle, so hat er zwei anmerkungen von mir verwech- 
selt und gleich darauf weiss er nicht, welche ausgäbe 4114 zuerst das falsche klap- 
pern gebracht hat. Auffällig ist sein Widerspruch gegen von Loepers richtige 
angäbe, die tascheuausgabe von 1828 habe 1052 ohngefähr. Die von diesem 
benuzte octavausgabe von 1829 übergeht er in der Übersicht der ausgaben ganz, 
hat statt derselben den ganz unwichtigen einzeldruck von 1830 verglichen. Welche 
ausgäbe mit 1829 gemeint sei, kann nur der kundige ergänzen. Dies bloss zur 
Charakteristik der zuverlässiarkeit des neuesten herausgobers. 



ZUE TEXTKRITIK VON GOETHES PAUST . 355 

geführt, so weit wir nach dem drucke urteilen können. Die von 
Schröer empfohlenen formen auf -'ren, -'rem, -'len, -'lend sind 
keineswegs bevorzugt-, neben edlen, euren, eurem, ungeheuren, 
laureu finden wir dauern, bedauern, düstern, finstern, frü- 
hern, andern, unsern, unsers, sammeln, lächelnd, dunkeln 
u. a. Wichtiger für uns ist der erste die gedichte enthaltende, „sorg- 
fältig durchgearbeitete" band, den Goethe am 24. februar 1806 zum 
druck absante. Hier finden wir durchiweg edlen, aber dunkeln (290) 
neben dunklen (278) , bei Zeitwörtern ohne ausnähme die endungen 
ein, elnd, elt, auch Liebestammeins, so dass diese mit grossem 
bedacht gemachte durchsieht durchaus gegen das von Schröer bevor- 
zugte lächlend, Wimmlens usw. spricht. Euern, euerm lesen wir 
s. 137, 191, 194 dagegen ist euren nach dem Musenalmanach beibehal- 
ten; ihnen schliesseu sich an Opfersteuern (133) und Ungeheuern 
(30). Sauren (256) steht allein neben Mauern (61, 298, 387 fg.), 
dauernd, bedauern, bedauernd, trauernd (131 fg., 138 fg., 165, 
178, 191, 276, 332). Wackren (258) und hei trem (210, nach mun- 
term) werden aufgewogen durch heitern (75, 349), muntern, fin- 
stern, düstern, düsterm, andern, anderm, äussern, höherm, 
grössern, geschwindern, Würdigern, unsern, unsers u.a., und 
die ausnahmslosen formen der Zeitwörter auf -ern und -ernd. Regel- 
mässig wird i elidiert, wo der vers es verlangt, nie ihm zu liebe ein 
daktylus statt eines trochäus gesezt. So finden sich häufig die elidier- 
ten formen von heilig, ewig, selig, ferner eifersücht'ge, eigen- 
will'ger, gier'ger, liturg'scher, prophet'scher, allgegen- 
wärt'ger, Lebend'ger u. a., auch beleid'ge, beleid'geu, be- 
günst'gen. Der apostroph findet sich in mein's (134), herzig's 
(221), fehlt bei Bessers (102), heiligs (198), liebers (231), herz- 
lichs(399), dagegen ist aus ärmers ärmeres geworden (133). Neben 
'was ärgers, 'was rechts, nichts abgeschmackters stehen 'was 
lebendig's, lieb's Kind, lieb's, unschuldig's Kind. Auch lesen 
wir Geist's (273, 372), Mann's (284), Leib's (299). Am ende des 
Wortes fehlt häufig der auf das abgefallene e deutende apostroph, auch 
in den auf erung endenden Wörtern und im schliessenden en in der 
endung, wie in Höhn, streun, wogegen den Frau'n (S. 250). 

Schon vor ende april nahm Cotta die handschrift des ersten vollen- 
deten teils des „Faust" mit sich nach Stuttgart. Bei der durchsieht und 
anordnung hatte Riemer Goethe wesentliche dienste geleistet; ob dieser 
oder ein anderer die abschrift der neuen stücke des Faust gemacht, 
wissen wir nicht; auch dürfte man zweifeln, dass dieselbe schon mit 
der nötigen Sorgfalt durchgesehen waren , als Cotta ihn dringend um 

23* 



356 DÜNTZER 

die handsclirift bat, um sie sofort zu drucken, was aber durch die 
bedrängten Zeitumstände verbindert wurde. 

Bei dieser ersten volständigen ausgäbe, die nach der ostermesse 
1808 im acliten bände der „Werke" erschien , betrachten wir zunächst 
die schon früher gedruckten scenen. Eingeschoben sind hier die vier 
verse „Doch morgen — wissen" (nach von Loepers Zählung 245 — 248), 
wobei 243 nur immer fort statt bis morgen früh gesezt wurde, in 
der Hexenküche die dreizehn verse „Warum denn just" l)is „nicht 
machen" (2011 — 2022) und die stelle „So sagt mir doch — Publi- 
kum" (2035 — 2039), in der ersten gartenscene die beiden reden von 
Marthe und Mephistopheles „Die armen Weiber" bis „zu belehren" 
(2793 — 2796). Auch ist die sceue „Wald und Höhle" vor die Gret- 
chens am spinrade getreten. Die druckfehler sind verbessert. * Aber 
auch kleine Veränderungen sind hier eingetreten. Vor der rede des 
Faust nach dem gespräche mit Wagner ward zu Faust hinzugefügt 
allein. 37 ist „über Büchern (statt Bücher) und Papier" hergestelt. 
Seltsam hat man den druckfehler Bücher durch die annähme halten 
wollen, Bücher und Papier würden als ein begriff zusammengenommen, 
ja Schröer hält Büchern für falsch, da es dann auch Papieren heissen 
müste. Als ob nicht bald darauf ähnlich collectiv auch „ein angesteckt 
Papier" stände , zu welcher stelle Schröer als etwas neues (I , LXXXVI) 
eine erklärung gibt, die er längst bei mir finden konte! daneben frei- 
lich auch eine andre, die äusserst wunderlich ist. Sein Papieren wäre 
hier falsch, da Faust an das papier denkt, das zum schreiben vor ihm 
liegt. Doch gehen wir weiter. 188istjezt 'raus statt aus hergestelt. 
1424 ward „von der Wiege bis zur Bahre" statt „in der Wieg' und 
auf der Bahre" geschrieben, 1450 „auf dürrer (statt einer) Heide", 1550 
Seel' statt Seele, wie auch schon der setzer der vierbändigen ausgäbe 
verbesserte , was Schröer veranlasste den druckfehler zu beschützen. Zur 
elision vgl. 3148 „SeeF in Seele drängen". Weiter lesen wir in der 
zweiten ausgäbe 1710 „bei (statt mit) meinem langen Bart", 2654 wann 
statt wenn, wie 2974 denn statt dann, 2670 „in (statt im) Feuer", 
2670 eh'r statt eh', 2963 Tagelang statt Taglang ^ 2977 „nie 
(statt und) verlieren", 3089 herauf statt hierauf, 3164 „übrig (statt 

1) Mit ausnähme von wollt' 1726. Auch Irlichtelire 1563 ist unver- 
ändert geblieben. 

2) Schröer behauptet sonderbar, Taglang entspreche mehr dem rhythraus. 
Dieser ist jambisch; wie aber Taglang halbe Nächte lang jambisch gemessen 
werden soll, sehe ich nichts wenn man nicht etwa halbe als zwei kürzen 
lesen will. Tage ist offenbar als jambus zu lesen, wie 2930 alle, 2972 Bring 
die usw. 



ZUR TEXTKRITIK VON GOETHES FAUST 357 

über) bleibt", 3228 „was dazu mich (statt mich dazu) trieb". ^ 
Alle diese abweichungen vom ersten drucke müssen als wirkliche ände- 
rungen des dichters gelten; nur bei den richtigen formen warmem, 
wann und denn, auch etwa bei in, lässt sich die mügliclikeit denken, 
dass sie erst vom setzer oder corrector gekommen und bei der durchsieht 
übersehen worden seien, was aber um so weniger wahrscheinlich ist, als 
Riemer die ganze zum druck bestimte handschrift durchgesehen haben 
wird. Anders verhält es sich mit den folgenden fällen. 1448 liest die 
zweite ausgäbe: „Würd' ihn Herrn (statt Herr) Mikrokosmus nennen !" 
Die änderung scheint nicht nötig, da „Herr Mikrokosmus" als zu- 
sammengehörende anrede wie „Herr Gott" gefasst werden könte. 
Lasst statt Lass 1819 scheint, wie von Loeper und Scbröer mit mir 
annehmen, ein versehen des Setzers, wenn nicht gar die Weisheit des 
correctors hier fehlgieng. 2032 halte ich noch immer jemand statt 
etwas für ein versehen des setzers; man weiss, wie oft bei einer eben 
zum setzen gelesenen stelle das gedächtnis ähnlich lautende oder begrifs- 
verwante Wörter mit einander verwechselt. 2G72 scheint „Nachbar 
(statt Nachbars) Marthen" eher dem setzer oder corrector als Goethe 
oder Riemer anzugehören, weshalb auch die neuern herausgeber mir 
in der Verwerfung der noch von Riemer und Eckcrmann beibehaltenen 
änderung gefolgt sind. Dagegen ist die einführung von Schornstein 
statt Schorstein 2028 und in einer folgenden scenarischen bemer- 
kung ohne allen zweifei von Goethe ausgegangen oder von ihm, etwa 
auf Riemers bemerkung, gebilligt worden. Seltsam spert sich Schröer 
gegen die seit 1808 in allen ausgaben gelesene form Schornstein 
(II, 424). Er meint, „Goethe habe die ihm geläufige form Schor- 
stein ganz unbefangen angewant, die änderung sei von sprachpedan- 
tischen ansichten ausgegangen," und deshalb will er dem texte eine 
jezt gröstenteils verschwundene form aufdrängen, die schon seit 1808 
mit zutun des dichters selbst beseitigt war. Dass man in Frankfurt 
von jeher Schornstein sagte und Goethe keine andere form gelernt, 
das hätte Schröer leicht erkunden können. ^ Ob Schorstein durch 
den abschreiber oder den setzer hineingekommen sei, ist nicht zu ent- 
scheiden. 2088 stand im ersten drucke : „Da musst' es 'was gescheidtes 
werden", wo musst' zu plagt und sagt in dem vorhergehenden 

1) Schröer sclu-oibt von Loeper nach, erst seit 1816 stehe dazu mich. 
Auch sonst hat von Loeper lesarten von 1808 erst dem jähr 1816 zugewiesen. 

2) Vgl. von Lersners chronik von Frankfurt I, 418, 540, 548. Maria Belli 
„Leben in Frankfurt" V, 173 fg. Goethe braucht das wort auch in Werthers brie- 
fen aus der Schweiz, im briefe vom 27. october. Diese 1796 geschriebenen briefe 
sah er im jähre 1808 mit Riemer zur aufnähme in die werke durch. 



358 DÜNTZER 

bedinguDgssatze nicht passt, wenn man nicht etwa beide Wörter apo- 
strophieren will. Einfacher ist die wol von Goethe selbst oder ßiemer 
herrührende änderung muss. Andere Verbesserungen der sprachform 
sind „alle edlen (statt edle) qualitäten" 1437, „alle (statt allem) dem" 
1592, „meine lieben (statt liebe) Frauen" 2483, „ihre beyden (statt 
beyde) Hände" in der scenarischen bemerkiing nach 2830, drinnen 
statt driune 1603, drauss' statt draus 2398, angemäst't und 
zugericht't statt angemäst und zugericht 1713 und 2296, „ein 
für (statt vor) allemal" 2301. Offenbare druckfehler der zweiten aus- 
gäbe waren 6 „Und so" statt „Und bin so", 196 er statt Er, wie rich- 
tig im vorigen verse steht, 1993 Doch statt Dich (von Loeper kent 
Doch erst im einzeldruck von 1816), 2030 lange statt lang' (ver- 
anlasst durch das lange im vorbergehenden verse), 2083 Muss' statt 
Muss, 2135 Sah' statt Seh', 2137 kamst statt kommst, 2638 
herziger statt herzger. Von Loeper und Schröer nehmen den lezt- 
genanten druckfehler in schütz, obgleich in derselben scene glück- 
sel'ge Creatur steht und das i nur da nicht elidiert wird , wo es der 
vers fordert. 

Wenden wir uns zur Schreibung, so bemerken wir zunächst die 
Verbesserung von Kommödiant 174 fg., Sibylle statt Sybille und 
Sibille 2222 und 3190, Feyertag statt Feiertag 178, wogegen 
Sommerfeyertagen 1553 aus versehen beibehalten worden ist, allhier 
statt alhier 1514, Hörsaal statt Hörsal 2394 (wenn der dichter 
den zweiten, nicht den ersten druck zu gründe legte, der Hörsaal 
hat), in die Kreuz' und Quer' statt in die kreuz und quer 1562, 
ärndest (so) statt erndest 2004, wogegen 240 gekreutzigt druck- 
fehler statt gekreuzigt ist. Die das volk bezeichnenden beiwörter 
Griechisch, Deutsch, Nordisch, Welsch (170, 1917, 2142, 2297) 
sind klein geschrieben. Das h lässt der zweite druck in Margarete, 
Gretchen, Gretelchen weg, ebenso in holen, beten, erbeten, 
fügt es hinzu in Thule und Buhle 2403 und 2405. Buhlen 
stand so richtig 3208. Statt Je wird c geschrieben in Capitel und 
Creatur 1995 und 2526. Discours tritt für Discurs ein 2033, 
ennuyiren für ennuyieren 1483, wogegen das ü in reüssiren 
2391 sich erhalten hat, nur iren statt ieren eingetreten ist, wie 
auch in speculiren 1476 und spazireu, Avofür der erste druck 
spatzieren, nur einmal spatziren hat. Würkung 2237 ist ver- 
sehen, da die erste ausgäbe Wirkung hat und überall sonst sich die 
form mit i findet. Statt Geberde steht nur einmal (in der scena- 
rischen bemerkung nach 2158) durch versehen Gebärde. Schaalem 
statt Schalem findet sich 250, nur einmal (1789) durch versehen 



ZUR TEXTKRITIK VON GOETHES FAUST 359 

Heerd statt Herd. Statt gibt, gib sind giebt, gicb eingeführt, 
aber niclit durchweg. In bezng auf die endungeu -crm, -ern sind 
nur zu bemerken sauenn statt saurem 27 (sauren hat sich 1919 
erhalten) und das viermal für euerm gesezte eurem (26ö3. 2685. 2803. 
2820). In heil'ge ist 213 der apostroph ausgefallen, wie 1926 der 
erste in g'rad'. Mehrfach hat der zweite druck den apostroph hin- 
zugesezt, wie in Thiergeripp' (64), lang' (130), Seh'n (1533), 
komm' (2715), kurz hintereinander in Pfifferling', Dankt', Ge- 
schmeid' (2488 fg. 2498), ^ sogar in Verbirg' (34G4), aber noch 
häutiger ist er ausgefallen (auch in neu'sten 1769), da durchaus keine 
Sorgfalt darauf verwaut wurde. Gewöhnlich ist statt bey'm beym 
geschrieben, doch hat sich ersteres 2570 erhalten. Das einmalige 
ring's 85 neben mehrfachem rings ist geändert. Einmal (171) findet 
sich 'was statt was, während sonst der apostroph von 'was (etwas) 
weggefallen. Grosse Ungleichheit herscht auch in der Schreibung der 
mit adverbien zusammengesezteu Zeitwörter. Zusammenhält, her- 
umschlagen, wiederklingen, herumspringen finden wir statt 
der gefreuten Schreibung (30. 113. 1848, nach 2098), wogegen umge- 
kehrt vor 2110 hinaus schlägt statt hinausschlägt gesezt ist. 
Seltsam nimt es sich aus, wenn Schröer 113 die ältere lesart hergestelt 
haben will, ohne der andern ganz gleichen fälle zu gedenken. Auch 
findet sich im ersten drucke schon zuweilen die Schreibung als ein 
wort, wie in zusammenstürzend vor 161 und hinweggerafft 
2458, die Schröer ohne bemerkung hingehen lässt. Zwischen Ber- 
ges Höhen 39 sind jezt verbiudungsstriche gesezt, wogegen 1913 
Champagner Wein sich erhalten hat. Statt nach Mittage ist 
Nachmittage 2548 geschrieben, wohlgebaut statt wohl gebaut 
1665. Nichts Grünes (statt grünes) lesen wir 1581 und 2884, aber 
das grossschreiben des substantivierten beiworts ist keineswegs durch- 
geführt. Von Lobesan statt lobesan war schon die rede. Im Tief- 
sten (statt tiefsten) steht 3455, „auf Dorf und Tanzplatz Führen"- 
(statt führen) 3197. Dieselbe Ungleichheit findet sich auch inSancta 
Simplicitas (statt simplicitas) 2681 und saeclum (statt Sae dum) 
3442. Das schwanken endet erst mit dem lezten verse, wo Nachbarin 
statt der meist im ganzen stücke gebrauchten form auf inn steht. 

In der satzzeichnung fält der gebrauch auf, dass in frage- und 
ausrufsätzen das frage- und ausrufungsz eichen vor dem ausführenden 
nebensatze, nicht erst am Schlüsse steht, wie 138 fgg.: „Wo ist die 
Brust? (statt ,) die -hegte; (statt ?) die (früher: Die) mit Freude 

1) Eing 2485 ist uuveräBdert geblieben; auch dürfte Eilig' nicht durchaus 
nötig sein. 



360 DÜNTZER 

beben — heben, (statt ?)", 141: „Wo bist du Faust? (statt ,), dess 
Stimme mir erklang, (statt ?)". 1449 fgg. : „Was bin ich denn? (statt,), 
wenn es — dringen, (statt?)", 1627: „0 glücklich durchwebst der! 
(statt,), den ihr belehrt, (statt !). " 2332 fgg. : „Willkommen süs- 
ser Dämmerschein! (statt ,) Der du diess Heiligthum durchwebst, 
(statt !) Ergreif mein Herz du süsse Liebespein ! (statt ,) Die du vom 
Thau der Hoffnung schmachtend lebst, (statt!)." Ebenso 2340: („0 
nimm mich auf!"), 2358: („Hier lag das Kind!"). Am Schlüsse des 
Satzes ist das ausrufuugszeichen 1425 geblieben. Umgekehrt steht es 
2205 fg. erst am Schlüsse statt nach glaub'! 2689 findet sich frage- 
zeichen jezt nicht allein nach Brust, sondern auch nach gegeben, 
dagegen ist das fragezeichen nach gegangen 2812 zu einem punkt 
geworden. Ein ausrufungszeichen statt des fragezeichens ist richtig 78 
nach Sinnen gesezt, mehrfach statt eines punktes (1718. 1725, 1770, 
1911. 1935, 1970. 2022. 2504, 2662), wogegen umgekehrt 4 nach 
Bemühu. Statt eines Semikolons steht ausrufungszeichen 1427 und 
1753, statt eines kommas 1896, 1910, 2390. 2392. 2970, 3055. Nach 
ach ist es eingefügt 39, nach geschwind 2390, nach hinweggerafft 
2458, das im druck ausgefallene gesezt 1968, irrig der satz dadurch 
gestört nach Lied 1737.^ Ein fragezeichen trat an die stelle eines 
kommas 2725. Punkt statt fragezeichen finden wir 2431 , statt dop- 
pelpunkt 2299, statt Semikolon 2477, statt komma 184, 2301, aber 
2035 nach Puppen ist es druckfehler. Den punkt ersezt ein doppel- 
punkt 1574, 2878; doppelpunkt steht statt semikolon 2552, statt 
komma 3070, 3777, Ein semikolon tritt statt ausrufungszeichen ein 2897, 
statt eines punkts 1662. 2290. 2444. 2454, statt eines komma 1523 fg. 
1548. 1639, 1707. 1775 usw. Ein komma ersezt den doppelpunkt 
2801 nach ich meine; irrig ist es an die stelle eines punkts 110, 
114, 1521, 1704, eines Semikolons 2378 getreten. Die 77 vor und 
nach „in diesem Blick" stehenden kommas sind ausgefallen, 25 das nach 
mir, da im ersten druck das entsprechende nach Mund durch ver- 
sehen fehlte, vor wie 203 (vor dem es schon der erste druck HO nicht 
hat), nach allein 1648, wo es wol fehlen kann, nach hier 1963, 
vor dem relativ die 2276, vor dem durch ich wollt' eingefürten 
Satze 2899, zwischen Du Ungeheuer 3172. An andern stellen ist 
ein komma mit recht eingesezt: nach ich dächt' 1434. 1950, nach 
ich glaub' 3061, nach Verstehst du 2922, nach Es scheint 2025, 

]) Wioland erwähnt iu einem briefc von 1779 (Denkwürdige Briefe I, 157) 
diese stelle aus dem gedächtnis in einer weise, dass wir daraus entnelimen, Goethe 
habe beim vorlesen die worte „Ein politisch Lied ein leidig Lied" ohne Unter- 
brechung gesprochen. 



ZUR TEXTKRITIK VON GOETHES FAUST 361 

vor eiiiom sat/c mit und 3218, zwischen TCraft und sie zu fülilcn 
2865, nacli aus dem feuchten Busch, zur andeutung der treunung 
von dem folgenden der vorweit 2887, wie auch 2520 zwischen 
Schrein und von Ebenholz, nach nun 2108, um dies als eiue art 
ausruf von dem sich anschliessenden satze zu sondern. In den versen 
1444 fg. : „Und euch , mit warmen Jugendtrieben , Nach einem Plane, 
zu verlieben" fehlen die kommas im ersten drucke. 1594: „Nachher 
vor allen andern Sachen", Avurde ein komma zwischen nachher und 
vor gesezt, aber auch nach Sachen solte ein solches stehen. Ein 
gedankeustrich ist nach reüssiren! 2319 ausgefallen, dagegen hinzu- 
gesezt 2662 nach der frage: „Und hier die Jungfrau ist auch da?" 
Gewissermassen gehört es mit zur behandlung der satzzeichnung, dass 
nach einem ausrufe der sich anschliessende satz , statt , wie im ersten 
drucke, mit einem grossen, mit einem kleinen buchstaben begiut (1840. 
1847. 1944. 1957. 2024. 2629. 2850. 3062). Auffält der umgekehrte 
fall 1886, wo nach Bravo! früher das stand, wofür in der zweiten 
ausgäbe Das eintrat. Übrigens hatte schon der erste druck au mehre- 
ren stellen (1730. 1737. 1748) den kleinen buchstaben. Die scena- 
rischen bemerkungen werden nur von 1911 bis 1938, dann 1967 und 
1977 in klammern gesezt, wobei seltsam genug unmittelbar nach dem 
namen der redenden person , wenn die scenarische bemerkung in klam- 
mern steht, ein punkt steht, ja dieser punkt findet sich auch, wo die 
scenarische bemerkung unmittelbar auf den namen folgt (1944: „Siebel 
trinkt," 1956 „Altmayer zieht"), während der erste druck überhaupt 
zwischen dem namen und den scenarischeu bemerkungen kein Satz- 
zeichen hat. Dieser sonderbare punkt findet sich auch vor 2074, 2094, 
2119, 2177, 2228, 2323, 2850, 3320, 3230, wo der erste druck komma 
oder gar kein zeichen bietet. Hier haben wir es wol mit dem eigen- 
siuü des Setzers oder des correctors zu tun, während sonst die ände- 
rung der interpunction, wenigstens in vielen fällen, dem dichter oder Rie- 
mer augehören wird , die freilich auch nicht ganz folgerichtig verfuhren. 
Wenden wir uns zu den von dieser ausgäbe zuerst ge- 
brachten stellen, so gedenken wir zunächst der druckfehler. Tn der 
Zueignung 21 steht Leid statt Lied, 406 Betrübende statt betrü- 
bende, 1143 glimmen,' das vielleicht auf einem Schreibfehler beruht, 
statt klimmen, 3392 des Tageslicht, mit der handschrift, statt des 
Tages Licht, 4242 Schicke statt Schick'. Auch ist 3530 au 
Sage das e abgefallen und in der scenarischeu bemerkung vor 3734 
der vor auf einmal. Aus der handschrift stamt in der Walpurgis- 
nacht Brocktophantasmist, das die ausgäbe regelmässig statt 
Proktophantasmist hat, wogegen Goethe auch zuweilen Brokto- 



362 DÜNTZER 

phantasmist geschrieben hatte. Betrachten wir die endungen auf 
ern, ernd, ers, so finden wir dauern, dauernd, lauern, erbit- 
tern, Zaudern, schmetternd, klammernd usw., Innern, an- 
dern, säubern (Vorsp. 74), wackern (475), nur finstren (565), 
höhrem (710), besond'rem (3670), die nach der überwiegenden 
mehrzahl zu ändern sind , wenn auch Goethe Avirklich so geschrieben 
hat. Neben muntrer, bittrer (3678. 4060) steht Zaub'rer mit dem 
apostroph (3704), wie schon das Fragment saub'rer hatte (1855). 
4119 ist „Und der heitere Garten" mit recht beibehalten, da die ana- 
päste bezeichnend sind. Regelmässig finden wir euren, eurem, 
dagegen unsern, unserm, nur unsres (Vorsp. 33, 280 und in der 
prosascene). Ähnlich verhält es sich mit den abbiegungen von bildun- 
gen auf el. Wenn im Fragment regelmässig edlen steht, so finden 
wir in den neuen stücken durchgehend dunkeln (Prol. 86, 361, 1093, 
1098), funkeln, Fiedeln usw., sammelt. Dem 3675 nach der 
handschrift gegebenen w an dien stehen nicht allein aus dem Fragment 
anzuwandeln, handeln, wandelt, tänzelnd u. a. entgegen, son- 
dern auch Äugeln (1329), lispelnd (Zueignung 28), schmeichelnd 
(1340), lächelnd (3271), wogegen sich 1136 widerrechtlich gauklend 
aus der handschrift erhalten hat. Bei den abbiegungen der beiwörter 
auf ig wird durchgängig i, wo es nicht notwendig des verses wiegen 
bleiben muss, ausgeworfen, wobei der apostroph nur selten fehlt. So 
lesen wir nicht bloss häufig ableitungen von ewig, selig, heilig, 
sondern auch würd'ger, würd'gen (864. 1005), künft'geu, künft- 
gen, künftgem (Prol. 69. 526. 806), tücht'gen (3745), luft'gen 
(1152), nächt'gen (336), blutgen (1220), heftgen (Vorsp. 172), 
bedächtger (Vorsp. 209), unharmon'sche , melanchoTsche 
(Vorsp. 112. 145), Italiän'schen (3921). Wie herziger 2638 ein 
druckfehler statt des im Fragment stehenden herz'ger ist, so All- 
mächtiger 3365, wo die handschrift die elidierte form hat. Zu den 
heiligen Tönen, der thierische Laut, mit feurigen Augen, 
mit borstigen Haaren, mit heiliger Lohe, an dem heiligen 
Ort, ihr heiligen Schaaren (849. 851. 901. 949. 963. 4243. 4248) 
sind absichtlich gesezt, da dem dichter der anapästische fall hier pas- 
send schien. Auch lustigen und farbige (579.583) sind beizubehal- 
ten, dagegen lässt sich gar nicht denken, weshalb Goethe in einer 
stelle, welche sonst nirgends einen anapäst zulässt, 723: Ich sah' im 
ewigen Abendstrahl die elision vermieden haben solte, da er doch 
zehn verse später ihr ew'ges Licht schreibt. Auch mit eigen- 
sinnigem Krittel 1205 widerspricht der sonst in jener stelle beob- 
achteten reinheit der Jamben, und es heisst keineswegs dem dichter 



ZUR TEXTKRITIK VON GOETHES FAUST 363 

gerecht werden, wenn raan die naehlässigkeit der handsclirift oder des 
driickes in schütz nimt. In der Prosascene finden sich die vollen for- 
men unselige, nichtswürdiger, aber auch die elidierte form ver- 
räthrischer, die nicht gerechtfertigt scheint.^ Im verspiel 127 
verlangt der vers die dicht'rischen Geschäfte. Auch 4217: „Fasse 
mich nicht so mörderisch an !" könte raan die elidierte form leicht her- 
stellen, aber der anapästische versschluss ist bezeichnend. In der 
Prosascene lesen wir auch den Verworfnen neben des Erschla- 
genen. Gewöhnlich findet sich die form ohne e, nur zuweilen mit 
einem apostroph. 4160 lesen wir Vergang'ne und schon im Frag- 
ment stand vollkomm'nes 2884; wohlgemess'nes 2622 erhielt 
erst jezt den apostroph. Auch sonst herscht in der anwendung des 
apostrophs viele wilkür. Neben dem aus dem Fragment beibehaltenen 
Bewund'rung lesen wir Dämmrung (313. 793), Erinnrung (428), 
Lästrung (3408). 2601 ist Erinnerung aus dem Fragment erhal- 
ten, wo der vers die elidierte form verlangt. Wenn das Fragment 
Menschengeist's, Freund's, Grab's neben Weins, Trunks las, 
so ist diese Ungleichheit beibehalten, doch fehlt in den neuen scenen 
an ähnlichen stellen der apostroph. Neben dem häufigen was rechts 
steht was Gut's 1337, neben d'rin, d'ran (2687.3065.3187) dran 
(3694. 4156). Meist sind die apostrophe aus dem Fragment beibehal- 
ten, ohne dass bei den neuen scenen dasselbe verfahren befolgt würde. 
Wenn in dem Intermezzo 3871 Soll'u, 4003 glaub'u gedruckt ist, 
so erkennen wir darin Riemers sorge für den vers, die aber diesmal 
ganz unnötig war, da Sollen, glauben als zwei kürzen gelesen wer- 
den sollen, wie z. b. wollen in „Wollen wir der Herrn heut Abend 
warten" (2668). Riemer hätte , statt hier das e in so harter weise zu 
elidieren, 3387 den vers herstellen sollen, wo Lernen es zu lesen 
sein dürfte. 

Auch sonst bietet die zweite ausgäbe vielfach in der Schreibung 
die bunteste mischung. So hatte das Fragment die formen gib, gibt; 
die neue ausgäbe wolte gieb, giebt schreiben, und so lesen wir diese 
auch im Vorspiel und Prolog, aber 1492 gib, 1745 giebt, 1825 und 
1942 gib, 2060 giebt, darauf wider die formen ohne e bis 2594, 
später treten von neuem gieb, giebt ein. Im Vorspiel und im Prolog 
finden wir acht, dagegen weiter das richtige echt. Das Fragment 
hatte meist die weibliche endung -inn; diese ist in den älteren scenen 
beibehalten, aber 485 haben wir Nachbarin, 694 Königin, 731 
Göttin; freilich in der Prosascene tritt wider die endung inn (Mis- 

1) Anderer art ist in dem ersten monologe Egmouts im gefängnis in einer 
jambischen rhythmus zeigenden stelle gewalt'ge. 



364 DÜNTZER 

sethäterinn) eiu. Goethe pflegte selbst in u zuschreiben. Schreien 
und Geschrei finden sich 592 und 627, aber 508 stand Kriegs- 
geschrey, und so konit 3356 wider Geschrey, worauf 3360 schreit 
folgt. Regelmässig wird Ta et, Punct, Director, speculieren usw. 
geschrieben, aber 3946 steht Insekten, vor 968 Scholastikus, 
1060 gar Packt. Neben diess, diessmal finden sich dies, dies- 
mal, neben ergetzen 3817 ergötzen, neben Nahmen Namen, 
neben Publikum Publicum, neben ekeln eckein, neben Schädel 
311 Schedelspalten 3346, neben den aus dem Fragment erhalte- 
nen formen Schwert und Schwerdlein (als eigenuame) in der Wal- 
purgisnacht Schwerdt, neben unterweist, durchrasten beweis't, 
grins't, ras't, las't, neben dem altern reitzen reizen. Auch in 
der Satzzeichnung herschen grosse wilkür und Ungleichheit. So wenig 
kann diese erste volständige ausgäbe des „Faust" für einen sorgfältig 
durchgesehenen, in sich gleichartigen text gelten. 

Freilich hat die dritte ausgäbe der Werke, in deren neuntem 
bände „Faust" im jähre 1817 erschien, einzelnes verbessert, zum teil 
eine neue Schreibung eingeführt, aber auch dies geschah keineswegs 
folgerecht, und wenn sie manche druckfehler beseitigte, brachte sie 
noch schlimmere neue. Äusserlich ist sie, abgesehen vom schlechtem 
papier, der vorigen fast ganz gleich, ja mit wenigen ausnahmen ent- 
sprechen sich ihre 234 selten volständig. Zwei offenbar vom dichter 
selbst stammende änderungen sind 2395 : „Als stünden grau (statt 
stund') leibhaftig vor euch da" und 3320; „Wenn thät (statt Sah ich) 
ein armes Mägdlein fehlen!" Zu der erstem gab der singular stund' 
die veranlassung, da das folgende Subjekt „Physik und Metaphysika" 
den plural zu erfordern schien, der freilich noch nicht den einschub 
des grau bedingte, da die lezte silbe von stünden mit den beiden 
ersten von leibhaftig einen anapäst bilden konte; die andere solte 
den anstoss fortschaffen, dass Gretchen den fehltritt des mädchens 
eigentlich nicht sah. Wenn bald nach der ersten stelle die dritte aus- 
gäbe liest (2401): „Mir läuft ein Schauer über'n ganzen Leib — ," so 
scheint uns der zusatz ganzen, das den vers länger macht als die 
übrigen dieser rede Gretchens, durch ein versehen des setzers herein- 
gekommen, dessen gedächtnis in dem zum setzen gelesenen satze unwil- 
kürlich ganzen einschob, wie ähnliche fehler häufig eintreten. Gan- 
zen ist nicht allein unnötig, ja wol gegen den gaiigbaren gebrauch, 
sondern auch nach über'n nicht stathaft, da dann wol über den 
stehen müste. Die übrigen absichtlichen änderungen betreffen wortfor- 
men und Interpunktion. 169 steht: „Ich hört' euch deklamiren," wo 
das ursprüngliche hör', besonders da las't darauf folgt, unpassend 



ZUR TEXTKRITIK VON GOETHES FAUST 365 

scheint; freilich hat die ausgäbe lezter band wider liör', aber es bleibt 
zweifelhaft, ob dies wirklich auf einer änderung beruht, nicht ein 
druckversehen ist, das zufällig mit der frühem lesart zusaminentrift. 
1586 ward Chemie für Chimic gesezt, 2601 Erinnrung statt 
Erinnerung, 1788 trat vor (statt für) Angst ein, 2237 Wirkung 
statt der nur hier stehenden form mit w, 2652 Fraii'n statt Frauen, 
das der vers nicht ausschloss, 3249 ew'gen statt ewigen, 3392 
Tages Licht statt Tageslicht, 3677 „welche bunte (statt bun- 
ten) Flammen", 4242 schick' statt schicke. Vor 3734 ward das 
in der scenarischen bemerkung ausgefallene der hergestelt, statt Brock- 
tophantasmist noch immer nicht ganz richtig Procktophantasmist 
gesezt, 3838 einer (statt eines) Todten, wie schon die handschrift 
hat, in der prosascene verrätherischer statt verräthrischer, 
ekelts statt eckelts, befTeye (statt befrey) sie, obgleich Waudl' 
ihn nach dem vorhergegangenen Wandle ihn beibehalten ist, Thür- 
mers statt Thürners. Dunkeln ist bloss einmal (361) zu dunklen 
geworden. Statt sie ist Sie in der anrede 2523, wie 2545, 2559, 
2575, gesezt, aber niclit 2525. Auffält 2918 schlürfst statt schlurfst 
da in ähnlichen fällen u beibehalten ist. 2956 und 3149 haben Hess 
und schlief den zur Unterscheidung nötigen apostroph erhalten. Ebenso 
sind jezt mit dem apostroph versehen heftgen und bedächtger im 
Vorspiel 172. 209, heiige, heiigen, künftgem, künftgen, blut- 
gen (213. 526. 682. 806. 1220), innre, höhrem (82. 170), vor- 
geschriebne (Prol. 3), obgleich Geschriebnes (1362) ohne apo- 
stroph geblieben, Apart's, Lebendig's (1024. 1582) neben dem 
nicht mit dem apostroph versehenen Abgeschmackte rs (3016), dem 
mehrfachen was rechts u. a. , ja bei wohl gerne ssn es ist der frühere 
apostroph gestrichen. Hinzugekommen ist er in hätt'st (Prol. 36. 42), 
zieh' und thu' (Prol. 26. 82. 620) neben so manchen imperativen 
ohne diesen, vor'm (in der Prosascene), dagegen weggefallen in be- 
mühn (1648), einmal in seh (1923), regelmässig in g'rad, wofür 
früher häufig g'rad' sich fand. Auch derweil (2590) hat seineu apo- 
stroph verloren , 'was und sah' ihn zuweilen behalten. Unterweis't 
ist erhalten, dagegen beweist, gereist geschrieben. Ein gleiches 
schwanken findet sich bei in 's, auf's, durch 's. 

Ehe wir zur Veränderung der Interpunktion übergehen, bemerken 
wir, dass 3638 richtig mit Wer ruft ein neuer vers begint. Statt 
des doppelten gedankenstriches steht hier ein einfacher 2853 nach 
würde mich. Der, wie wir früher bemerkten, häufig ganz irrig zwi- 
schen dem namen der person und der scenarischen bemerkung gesezte 
punkt ist jezt verbessert. Ein ausgefallener punkt oder ausrufungs- 



366 DÜNTZEB 

zeichen werden ein paarmal hingesezt, ein gedankenstrich 3851; ein 
punkt statt des gedankenstrichs tritt mit recht 1166 ein. Das aus- 
rufungszeicben wird an den schluss des ganzen satzes statt vor den 
bediuguugssatz gesezt 3398, findet sich statt des punkts, Semikolons 
oder kommas (1941. 2734. 3006. 3755. 4160. 4202).^ Ein ansgefal- 
lenes ist hinzngesezt 1344. Das fragezeichen ersezt den punkt 1638. 
2153. Statt des kommas steht punkt 2008. 2052, umgekehrt 3270. 3749; 
doppelpunkt statt des punkts 1861 , statt des Semikolons 399. 2581. 
2875. 3111. 4019, statt des kommas 2153. 3836. Ein Semikolon an 
der stelle des punkts 510. 684. 1215. 3674. Ausserordentlich häufig 
sind die fälle, wo statt des kommas ein Semikolon angewant wird. So 
finden wir es im gegensatz im vorspiele 41, in der tragödie selbst 
247. 378. 649. 1031. 1213. 1300. 1893. 3035. 3208. 3504. 3581. 
3644. 3647. 3653. 3811, in der Prosascene (nach dieser einzige) 
und 4092, bei weiterer ausführung 552. 846. 861. 957. 2017. 2720. 
2949. 3605. 4078, bei der folge 1070. 1209. 1765. 2341. 3823. 3883. 
3971. 4004, vor der begründung 3691. 3741 (an beiden stellen solte 
das ausrufungszeichen stehen). 3834, vor dem nachsatz 1408. 3879, 
vor der aufforderung 3770. 3899. 4141. 4163, vor der frage 3489. 
Komma findet sich statt des ausrufungszeichens 1495, statt des punkts 
2770, wo ein Semikolon richtiger wäre, statt des Semikolons 139, wo 
das Fragment fragezeichen hatte, als nötige Verbesserung 704. 3737. 
Zugesezt ist ein komma im Vorspiel vor wenn 70. 166, wie 72, vor 
dem relativen die und was 1. 190, im Prolog vor einem Infinitiv- 
sätze 110, im stücke selbst zwischen sieh nur und sieh 576, vor 
was 1468, nach Ey 2181, vor und nach der anrede 410. 833. 849. 
1093. 2332. 3820. 3936. 4140. 4184, vor der apposition 2903. 3948, 
vor dem nachsatz 1011, vor dem satze „das war recht klug gemacht" 
3674, vor einem von hör' abhängigen satze 3586 (wogegen kein komma 
zwischen hör' wie 3584 steht) nach nein 3801, ja 3969, und vor 
einem Infinitivsatz 2285, 2925 (vor mein), 3503. Einzeln stehen die 
einschliessung der werte in allen Ehren 2696 in kommata und das 
komma nach Zeitvertreib 1552. Umgekehrt ist ein komma der frü- 
hern ausgäbe weggelassen worden vor wie 219, 1966, dass 2556, 
2598, um 330, dem relativen den und was 28 fg. 505. 1545. 1596, 
vor das im nachsatz 1545, zwischen für was 1596, nach dem rela- 
tivsatz 1546, vor einem abhängigen satze 19. 2275. 2383, sonst 84 
nach Trieb, wo es blosses versehen war. 

1) An der lezten stelle stand komma nach; „Es zappelt noch," obgleich 
unmittelbar folgt „Eette, rette!" 



2ÜR TEXTKRITIK VON GOETHES FAUST S67 

Bei der schreibuug der Wörter sind die bei der dritten ausgäbe 
überhaupt geltenden grundsätze, wenn auch nicht ganz durchgehend, 
massgebend gewesen. So wird statt ß immer doppeltos s geschrieben, 
mit ausnähme des iniperativs von lassen, wogegen richtig lass' (statt 
lass) ichs 515 geschrieben ist. Regelmässig wird gib, gibt gelesen, 
docli liat sich giebt 765 erhalten. Statt gescheidt steht gleich am 
anfange (13) gescheit; die Schreibung Nahmen ist überall weg- 
geschaft, immer Schoss, regelmässig Glut geschrieben. Statt ahn- 
den, ah n dun gs voll hat die dritte ausgäbe der werke überall die for- 
men ohne d eingeführt. Diesmal, dies haben sich an ein paar stel- 
len statt der formen mit ss eingeschlichen. Die weibliche endung 
-inn ist durchweg gesezt, nur einmal königin geblieben. Mit /c wer- 
den geschrieben kuriren, karessiren, Kavalier, Kultur, Dis- 
kurs, Sakrament, dagegen ist Do ctor beibehalten. Punkt, pünkt- 
lich finden wir regelmässig, aber Tact ist nicht verändert. Schwert 
ist 3751 geschrieben, aber der name Schwerdtleiu beibehalten. Wenn 
834 schnoberst statt schnoperst gesezt ist, so hätten auch 3964 
die formen mit h eingeführt werden sollen. Statt Arnde, ärnden 
sind Amte, ärnten eingetreten. Wir verzichten auf die anführung 
aller neu eingeführten Schreibungen, heben nur noch hervor, dass Jeder, 
Jeglicher, Niemand, Vieles, Alles u.a. Wörter, ebenso das Herr- 
lichste, das Beste, der Andre, was Freches, Unanständiges, 
von Innnen (aber von weiten) usw. geschrieben werden statt mit 
kleinen anfangsbuchstaben. Auch sind grosse buchstaben immer am 
anfange eines Satzes nach einem ausrufe oder einer frage angewant, 
wenn nicht die sätze ganz gleichstuflg sind, wie: „Ach seh' sie nur! 
ach schau' sie nur!" (2525). Aber auch Flieh! Auf! Hinaus 
findet sich zur lebhaften hervorhebung. 

Hat so die dritte ausgäbe manche Verbesserungen, wenn auch 
nicht durchaus gleichmässig, eingeführt, so sind doch nicht alle druck- 
fehler und nachlässigkeiten weggeschaft (erhalten sind die druck- 
fehler Leid statt Lied Zueignung 21, glimmen 1143, Lasst statt 
Lass 1965, Ich brenn! (zum erstenmal statt Ich brenn'!) 1993 
Doch statt Dich, 2032 Jemand statt etwas u. a. Eine anzahl 
neuer, zum teil arger ist hinzugetreten. Der ganze vers 1344: „Zum 
Teufel, hinterdrein den Sänger!" ist durch versehen ausgefallen wegen 
des gleichen anfangs des vorhergehenden verses. Im verspiel steht 
134 Beyspiel statt Schauspiel, im stücke selbst 49 von statt mit, 
128 kostet statt kostet' 150 wehe statt webe (beide hat von Loe- 
per verteidigt und aufgenommen), 667 beugten statt beugen, 757 
Trieb stat Triebs, 810 stehst statt siehst, 920 Undine statt 



368 DÜNTZER 

Undene (wie riclitig 932 gedruckt ist), 959 Er statt Es, 1854 das 
gefasst statt das wohl gefasst, 2282 Heut' Nacht' statt Heut' 
Nacht, 2341 im (statt in) offnen Arm, 2390 Nun statt Nur, 
2471 hieher statt hierher, 2565 Ich würde statt Ich möchte, 
2712 meiner statt meine, 3063 Hess statt liess', 3101 Natur statt 
Name, 3880 hintenher statt hinterher, in der Prosascene an 
(statt am) Verderben, 4110 Klappern statt Klappen. Sehr 
häufig sind die Satzzeichen verwechselt. Ausrufungszeichen steht statt 
punkt 122, statt doppelpunkt 2478, statt Semikolon 1289. 2734. 4214 
(nach Sagen), statt komma 73. Fragezeichen findet sich statt aus- 
rufungszeichen 4185 nach Du kannst. Punkt ist an die stelle eines 
kommas getreten im Vorspiel 132 und 15. 651. Doppelpunkt steht 
statt punkt 4176. Häufig hat' sich ein Semikolon eingeschlichen, statt 
eines punkts 223. 2878, statt des ausrufungszeichens 1911. 4220 und 
in der Prosascene nach Gefangen, statt des doppelpunkts 918. 2291 
(nach verdriessen), 2552 (nach gut). Ein komma steht statt des aus- 
rufungszeichens 1982, statt des punkts 2576. 3166. 3290. 3938. 3958. 
4132, statt Semikolon 2879. Ein ungehöriger punkt unterbricht die 
rede 2877 (nach Brust), ein komma 777 nach Geisterzahn, 2447 
nach hängt; ausgefallen ist das fragezeichen 3664, komma und Semi- 
kolon 3267 fg. 

Als der dichter die ausgäbe lezter band vorbereitete , dachte er 
mit der möglichsten sorgfalt zu werke zu gehen. Da seine absieht, den 
Philologen Ernst Schubart, der sich an ihm herangebildet hatte, dafür 
zu gewinnen , an dessen entschiedenem willen , in den preussischen 
Staatsdienst zu treten, gescheitert war, gelang es ihm Eckermann an 
sich heranzuziehen. Dieser solte im verein mit Riemer sich der sorgfäl- 
tigen herstellung seiner neuen ausgäbe annehmen; aber auch noch eine 
dritte kraft suchte er dazu sich zu erwerben. Der seit 1822 an der 
Universität zu Jena angestelte philolog Göttling, ein geborener Jenen- 
ser, hatte ihn durch die verehrungsvolle widmung seiner ausgäbe der 
Aristotelischen politik augezogen, ein besuch desselben ihn darauf die 
tüchtigkeit seines wesens noch lebhafter empfinden lassen, und so stand 
er nicht an , bald nach demselben ihm anzutragen , er möge zum zwecke 
der neuen ausgäbe die lezte , in zwanzig bänden erschienene ausgäbe 
und das übrige besonders gedruckte durchgehn, aufmerksam revidieren 
und korrigieren, wobei zu beobachten wäre: 1) „dass der text genau 
durchgegangen, auffallende, von selbst sich ergebende druckfehler kor- 
rigiert würden; 2) dass da, wo sicli etwa ein dunkel- oder Widersinn 
ergibt , die stelle bemerkt werde und deshalb anfrage geschähe ; 3) dass 
etwa eine in früherer zeit gewöhnliche alzuhäufige Interpunktion und 



ZUR TEXTKRITIK VON GOETHES FAUST 369 

kommatisieruug ausgelüscht und dadurch ein reiner tluss des Vortrags 
bewirkt werde". Die vergleichung der früheren ausgaben wird geradezu 
abgelehnt, weil diese „nur kümmerliche nachweisung geben würden". 
Eine solche vergleichung lag Goethe so fern, dass er, als er im jähre 
1821 bemerkte, in dem gedichte „Harzreise" sei ein wundersamer druck- 
fehler wahrscheinlich dadurch entstanden, dass setzer oder corrector 
die Reichen in Eeiher verwandelt, zwar feststelte, dass Reiher in 
der vorlezten, die Reichen in der lezten ausgäbe standen, aber nicht 
einmal auf die erste zurückgieng. Wäre er von einer vergleichung der 
ausgaben ausgegangen oder von den bei der herausgäbe beteiligten auf 
die notwendigkeit einer solchen hingewiesen worden, so vpürden sich 
nicht so zahlreiche druckfehler der dritten ausgäbe fortgepflanzt haben. 
Von einer sparsamem Interpunktion ist im brief an Göttling die rede, 
aber nicht von einer veränderten rechtschreibung; diese wolte er ganz 
der druckerei überlassen, doch drängte sich die frage nach derselben bald 
von selbst auf. Die einzelnen bände wurden Göttling zugesant und seine 
bemerkungen erledigt, aber vor der absendung zum drucke kamen sie 
noch einmal zu widerholter durchsieht in Göttlings bände. ^ Nachteilig 
wirkte es auch auf die ausgäbe lezter band , dass man sich über feste 
grundsätze der Schreibung nicht vorher geeinigt hatte und die kritische 
arbeit nur als nebensächlich betrieben und auf eine längere reihe von 
Jahren verteilt wurde. Auch blieb sich Goethe in seinen entscheidun- 
gen nicht immer gleich. Am anfange gab er zu, dass im genetiv der 
attributiven beiwörter die starke form angewaut werde, wie gutes 
Raths, frohes Lebens, aber schon am 28. mal 1825, noch vor dem 
beginn des druckes, erklärte er gegen Göttling, er könne sich der 
flexion köstlichen Sinnes nicht entschlagen, sie sei so in sein weseu 
verwebt, dass er sie, wo nicht für recht, doch ihm selbst gemäss hal- 
ten müsse. Und doch lesen wir im ersten bände nicht allein gutes 
Muthes (78), sondern auch köstliches Sinnes (278), im vierten 
in der „Helena" ein paarmal die starke form, im fünften, im „Divan", 
fünfmal die starke, dreimal die schwache und selbst in dem „Iphige- 
nie", „Tasso", „die natürliche Tochter" und „Elpenor" enthaltenden 
neunten bände finden sich beide nebeneinander. In den ersten teil 
des „Faust" ist eine derartige änderung nicht gedrungen. 

1) "Wenn Schröer 11 , VII bemerkt, wie weit Göttlings einfluss bei der revi- 
sion der Werke gegangen, wüsten wir noch immer nicht, so lässt sich ja beim 
ersten teile des „Faust" durch vergleichung der ausgaben beweisen, dass dieser sich 
nur auf die Schreibung beschränkte, vom zweiten hatte Göttling nur die Helena 
gesehen, und wir können bestirnt sagen, dass es nicht mehr als zwei bestimte fälle 
waren, wo eine wesentliche änderung eines wortes von Göttling ausgegangen war, 
deren tilgung aber Goethe für spätere ausgaben bestimte. 

ZEITSOHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIV. 24 



370 DtNTZER 

Dass auch bei diesem, den die taschenausgabe lezter band 1828 
in der dritten lieferung, im zwölften bände brachte, die druckfehler- 
reiche, 1816 bis 1818 erschienene zwanzigbändige ausgäbe zu gründe 
gelegt wurde , ergibt sich ausser Goethes oben angeführter äusserung an 
Göttling entschieden daraus , dass nicht allein die beiden änderuugen der- 
selben, sondern auch die druckfehler aufnähme gefunden haben. Wir lesen 
hier 49 von, 150 Wehe, 2341 im, 2401 über'n ganzen, 2565 Ich 
würde, 3063 liess, in der Prosascene an Verderben, andrerseits 
die Verbesserungen 1586. 1788. 2652. 3228. 3294. 3838, 4242 und in 
der Prosascene v er r ätherisch er und ekelts, um von kleinigkeiten 
in der Schreibung abzusehn. Wirklich verbessert sind die jener aus- 
gäbe eigenen druckfehler im Vorspiel 134, in der Tragödie 128. 150. 
667. 757. 810. 920. 959. 1179. 1344. 1854. 2282. 2390. 2447. 2474. 
2478. 2576. 2712. 2734. 2867. 2880. 3101. 3380. 3936. 4110. 4185. 
4214, und der vers 1344 ist eingefügt. Das offenbare fehlen eines 
verses und der lückenhafte vers 1854 musten zur vergleichung der 
vorhergehenden ausgäbe führen, die nun aber auch sonst zu rate 
gezogen ward, so dass sie auch weitern einfluss gewann. Am bedeu- 
tendsten wurde dieser in der Prosascene, wo jedenfals aus der zwei- 
ten ausgäbe befrei (befrey) statt befreye und Thürners statt 
Thürmers, gleichsam aus ärger über die fehlerhaftigkeit der dritten 
ausgäbe, deren änderung hier berechtigt war, aufgenommen wurden. 
Zu den übrigen abweichungen in dieser scene, dem ausrufungszeichen 
statt des Semikolons nach Gefangen und entgegnenden statt Ent- 
gegnenden, auch zu verrätherischer statt verräthrischer, 
bedurfte es der einsieht der zweiten ausgäbe nicht, ebensowenig zu der 
richtigen Interpunktion 4185 (! statt ?) und 4214 (; statt !) , wogegen 
man bei 4160 (seyn. statt sein!), 4163 (beschreiben, statt be- 
schreiben;), 4110 (Klappen statt Klappern) eher an einen ein- 
fluss derselben denken könte. Sonst stimt die ausgäbe lezter band 
mit der zweiten noch 1166 (betupft- statt betupft.), 1220 Lor- 
beer'n statt Lorber'n), 2918 (schlurfst statt schlürfst), 3266 fg., 
wo in der dritten ausgäbe die Interpunktion ausgefallen war (nur : statt ;), 
3677 bunten (statt bunte), 3964 (schnopert, schnopern statt 
schnobert, schnobern, trotz schnoberst 834) und in wortschrei- 
bung und satzzeichnung, wo aber die Übereinstimmung wol durch die 
bei der neuen ausgäbe befolgte Schreibung veranlasst ist. 

Bemerkenswerte änderungen der ausgäbe lezter band sind ausser 
dem bedeutenden zusatz von 3978 bis 3985 , von dem in dieser ztschr. 
Xni, 361 fgg. ausführlich die rede war, im Vorspiel 73 dem (statt 
den) ächten Künstler zieme, im Prolog 56 die armen statt die 



ZUR TEXTKRITIK VON GOETHES FAUST 371 

Annen, im Stücke selbst 227 dann statt denn, 3G1 dunklen (wie 
scliou die zweite ausgäbe hat) statt dunkeln (wogegen 565 finstern 
statt finstren), 786 und 1342 betriegen, die in dieser ausgäbe ein- 
geführte Schreibung statt betrügen, 1182 goldverbrämtem statt 
goldverbrämten, 2282 Bedenk statt Bedenkt (wol nach Du 
sprichst 2273), 2385 fg. komma nach Lüsternheit statt nach 
Tagszeit, 2810. 2812. 3079. 3081. 3788 fg. komma statt fragezeichen, 
und 2812 fragezeichen statt punkt, 2918 dumpfem statt des fal- 
schen seit dem ersten drucke fortgepflanzten dumpfen, vor 3054, wo 
zuerst der durchaus nötige absatz gemacht ist, 3675 wandeln statt 
wandlen, vor 3787 und weiter zuerst richtig Proktophantasmist, 
3958 doppelpunkt statt des falschen kommas (punkt hatte die zweite 
ausgäbe), 3966 Semikolon nach fischen statt des kommas. Bei der 
Schreibung der worte ist wider ß an die stelle von ss getreten , statt 
der vielfachen grossen anfangsbuchstaben sind kleine hergestelt, c ist 
statt h in fremden Wörtern gesezt (doch Insekten, Punkt) und manche 
andre neuerung nach der bei der neuen ausgäbe überhaupt angewanten 
rechtschreibung eingeführt , aber so , dass hierin so wenig wie in der 
Interpunktion eine gleichmässigkeit erreicht ist. So hat sich echt 
s. 46 neben dem sonst eingeführten acht erhalten, kömmt s. 161 
neben kommt, giebt (100) neben gibt, deines, seines, eures 
Gleichen (85. 164. 182) neben Meinesgleichen (209 fg.), beweist, 
gereist (95. 109) neben gespeis't, gereis't, erweis't (109. 156), 
sah neben dem regelmässigen sah' (215). Ja sogar gekreutzigt 
und Packt sind stehen geblieben (39. 73). Im ersten viertel werden 
häufig die kommata, welche einzelne bestimmungen als für sich zu 
sprechend absondern, weggelassen, wie in der Zueignung, in unbe- 
stimmten Tönen, im Vorspiel „mit bedächtger Schnelle, vom Him- 
mel, durch die Welt, zur Hölle," aber selbst dieses, was Goethe 
beabsichtigte, wie auch mancher andere wegfall eines kommas, unter- 
blieb später. Mehrfach ist das fragezeichen erst an das ende des 
ganzen satzes, abweichend von Goethes früherem gebrauch, getreten 
(Vorspiel 15 fg., im stücke selbst 81 fgg. 138 fgg. 203 fgg. 2810 fgg. 
3079 fgg. 3788 fg.). An druckfehlern fehlt es nicht. Wir lesen Vät- 
ter, mann's; wird (98) und allerlei (125) sind verdruckt, ein 
buchstabe ist abgefallen; 1982 steht des statt das, 3294 stämmert 
statt flämmert. Häufig sind die Interpunktionszeichen ausgefallen, 
ausrufungszeichen 906. 2501. 3784, fragezeichen 3490. 3664, punkt 
3603, komma 907. 1685. 2774. 2903 usw. Auch sind punkt und komma 
mehrfach verwechselt, wie 2503. 2634. 2639. 

24* 



372 DÜNTZER 

Neben der tascheuausgabe lezter haiid erschien auch eine feinere 
in octav; hierzu wurde die gedruckte taschenausgabe von Goethes 
freunden neu durchgesehen und die dabei gefundeneu fehler der drucke- 
rei zur Verbesserung mitgeteilt. Leider kam dabei wenig heraus, da 
die änderungen unbedeutend und nichts weniger als volständig waren, 
auch neue druckfehler sich einstelten. So lesen wir hier in der octav- 
ausgabe die druckversehen 58 deinen statt deinem, 99 Im (statt 
Vom) Himmel. Auch 145 Wurm? statt Wurm! kann kaum als 
Verbesserung gelten, eher dunklen statt dunkeln Prol. 86, da auch 
361 dunklen steht, und ungefähr 1051 statt ohngefähr. Sehr 
bedenklich ist 88 die änderung h'raus statt 'raus. Von Loeper führt 
aus der taschen- und aus der octavausgabe lezter band einen gedan- 
kenstrich statt des punkts nach 526 an; ich finde es in der ersteren 
nicht , und jedenfals ist er nicht zu billigen , da die rede keineswegs 
abgebrochen ist, zwar hier im volkstümlichen gebrauch ohne ausfüh- 
rung des gegensatzes steht. 

Eine historisch - kritische ausgäbe hätte sich darauf zu beschrän- 
ken, den zulezt von Goethe gebotenen text mit blosser tilgung offen- 
barer druckfehler und angäbe der abweichenden lesarten der drei übri- 
gen ausgaben und der freilich äusserst beschränkten handschriftlichen 
Überlieferung zu geben. Eine ganz andere forderung stellen wir an 
eine für den weitern leserkreis bestirnte ausgäbe, der sich des unsterb- 
lichen dichtwerkes möglichst ungestört freuen, es wahrhaft gemessen 
möchte; dieser soll durch keinen unnötigen anstoss gehemt werden, 
die dichtung soll ihm in möglichster reinheit entgegentreten. Vor allem 
müssen hier die entstellenden druckfehler entfernt werden. Auch die 
ausgäbe lezter band hatte noch die druckfehler der zweiten ausgäbe, 
Betrübende statt betrübende (406), glimmen statt klimmen 
(1143), Doch statt Dich (1993), in der Zueignung 21 Leid statt 
Lied seit dem ersten drucke in der zweiten ausgäbe. Dass diese star- 
ken druckfehler sich bei Goethes lebzeiten durch alle ausgaben erhiel- 
ten, erst mit manchen andern in der nach seinem tode erschienenen 
ausgäbe in zwei bänden berichtigt wurden , mag auffallend erschei- 
nen; auffallender ist, dass neuerdings noch das sinwidrige Leid Ver- 
teidiger finden konte.^ Auch an andern stellen hat diese ausgäbe zuerst 

1) Auch in v. 330: „Erwirb es, um es zu besitzen," kann ich nur einen 
alten fehler und zwar Schreibfehler sehen, der sich seit 1808 und auch noch bis 
heute fortgepflanzt hat; denn man kann erwirb nur dadurch siugemäss machen, 
dass man einen gedanken, ja den hauptgedanken wilkürlich dazu sezt, wie auch 
Schröer erklärt, „eigne dirs völlig an, indem du es gebrauchst", ein verfahren, wozu 
eben nur die not bringt, aber nicht berechtigt. Beim niederschreiben verwechselte 



ZUR TEXTKRITIK VON GOETHES FAUST 373 

gebessert, 812 Huude-Braucli statt Hunde Bniiich gesezt, 21ü0 
ausrufungszeicheii eingeführt, das wenigstens besser als das Semikolon, 
1148 ein komma nach Ferne, was freilich, trotz von Loepers Zustim- 
mung, irrig ist, da es Goethe etwas ganz unleidliches zumutet, woge- 
gen das von mir nach Sterne gesezte komma, das auch Schröer ange- 
nommen hat, einen passenden sinn bietet. 3405 schreibt diese aus- 
gäbe statt des handschriftlich bestätigten wenn dir dann das wol 
sprachlich genauere, aber nicht durchaus nötige wann dir denn, ja 
der volkstümliche ton spricht für das erstere. Dass das Goethe gang- 
bare betrügen statt des aufgedrungenen betr legen wider hergestelt 
ist, kann man nur billigen, weniger die widereinführung von gold- 
verbrämten statt goldverbrämtem, da dieses ganz gleichstufig mit 
dem vorhergehenden rothem ist. Aber auch diese ausgäbe ist weit 
entfernt, alles austössige weggeschaft zu haben, noch manches falsche, 
das zum teil aus vergleichung der früheren ausgaben sich ergibt, und 
vieles ungehörige ist stelm geblieben; beides hat eine sorgfältige kritik 
zu entfernen. Freilich können wir in solchen fällen nicht mehr die 
entscheidende billigung des dichters selbst einholen, aber es wäre 
schlimm, wenn die methodische, nicht dilettantische kritik hier nicht 
in den meisten fällen das richtige mit der wünschenswerten Sicherheit 
herzustellen wüste, wenn sie auch darauf verzichten wird, alle von 
der Wahrheit ihrer herstellung zu überzeugen. Aber sie muss weiter 
gehen, soll der text der dichtung und des dichters volkommen würdig 
werden. Wenn in Goethes werken überall, wo es der reim gestattet, 
zu des dichters lebzeiten Sinne statt des älteren Sinnen hergestelt 
ist, wenn im „Faust" selbst von jeher 1451 Sinne stand, so dürfen 
wir nicht daneben die aus der ersten und zweiten ausgäbe erhaltene 
ältere form 126 („All meine Sinnen sich erwühlen") und 1279 („Wo 
Sinnen und Säfte stocken") bestehn lassen, sondern dürfen überzeugt 
sein, dass nur der Sorgfalt Goethes und seiner freunde das doppelte 
Sinnen entgangen ist, vielleicht weil Sinnen ein paarmal im reime 
vorkomt. Von Loepers gedanke, Goethe habe 1451 (die stelle gehört 
dem Fragment an) „Nach der sich alle Sinne dringen" nur zur Ver- 
meidung des gleichklangs mit dringen, nicht Sinnen geschrieben, 
ist ganz haltlos, da er kurz vorher einen vers auf einen Herren 

Goethe eben die gleichzeitig ihm vorschwebenden begriffe von erwerben und 
geniessen, und er kann sich nur geniess' an die stelle von erwirb gedacht 
haben. Man mag sich die art, wie die Verwechslung geschehen, auch anders 
zurecht legen; fest steht, dass Goethe sagen wolte, ,, erwirb es durch den genuss", 
dieses aber in dem verse, wie er jezt lautet, nicht liegt. Dass geniess einzig 
sachgemäss sei, habe ich schon vor fünfundzwanzig jähren bemerkt. 



374 DÜNTZER 

kenneu, gleich nachher auf Millionen Locken, weiter auf Leben 
führen, dreschen plagen schliesst. Im reime ist die ältere form 
unanstössig, da diese überhaupt grössere freiheit hat, wie Mephisto 
z. b. wagen darf: „Sind ihre kräfte nicht die meine?" Wenn es 
heisst 1632: „Es liegt in ihm so viel verborgnes Gift", 3749 „Ver- 
zehrend heisses Gift", so ist kein grund, daneben 700 beizubehalten: 
„Ich habe selbst den Gift an tausende gegeben". Wir dürfen um so 
weniger diesen widerstreit der formen bewahren, als auch sonst in 
Goethes werken das männliche geschlecht von Gift mit sehr wenigen 
ausnahmen in das sächliche verwandelt ist, wie selbst im „Werther" 
(im briefe vom 21. november). Ja auch andere ältere jezt anstössige 
formen werden wir mit recht durch jüngere ersetzen dürfen. Warum 
sollen wir den „beizenden Toback" (jambisch) 477 bewahren, da Goethe 
längst anderswo (Ausgabe lezter band I, 352. 366. 408) Taback und 
Tabak geändert hat, schon in der ersten ausgäbe der „Mitschul- 
digen", die dem „Faust" vorhergieng, Tabak steht? Was sollen 
uns diese unziemlichen altertümlichkeiten im Goetheschen text, den 
wir davon überall reinigen müssen, da sie nicht zum wesen der 
spräche unseres dichters gehören, dieser, wenn er auch im sprechen 
und schreiben noch zum teil an den alten formen festhielt, doch seine 
werke hierin gern dem sprachgebrauche der zeit folgen liess. Selbst 
die „spanischen Stiefeln" des Mephisto (1559) glauben wir unbedenk- 
lich in „span'sche Stiefel" umsetzen zu dürfen, da wir schon in der 
ersten ausgäbe der „Wahlverwandtschaften" (I, 11), die Goethe selbst 
korrigierte , „über die ausgestreckten Stiefel wegschreiten ; " und wir wer- 
den uns auch „Hermann und Dorothea" nicht mehr durch die veral- 
tete form entstellen lassen , lassen wir auch dem zigeuner Sticks neben 
andern volksformen im „Götz" gern sein „Paar Stiefeln". Anders 
verhält es sich mit der mehrheit Trümmern und mit dem sächlichen 
geschlecht von Chor, die Goethe geläufig waren und die wir auch bei 
andern dichtem noch lesen. Dagegen können wir uns die Wurme 
des Fragments (50) nicht gefallen lassen neben Regenwürmer (252) 
und die Würmer 1821. Freilich erklärt von Loeper Wurme als 
eine „poetische pluralform", mit dem zusatze „oberdeutsch", aber auch 
unter diesem titel können wir sie nicht zulassen. Dass Goethe hier die 
auch von Luther gebrauchte form Wurme geschrieben habe, steht 
freilich fest, aber sie muss, wie so manches andere von Goethe selbst 
später geändert worden, der geforderten gleichmässigkeit weichen. 
Dass in der Prosascene schon die dritte ausgäbe Thürmer las, die 
lezter band, wie aus ärger, das alte Thürner widerherstelte, haben 
wir S. 370 gesehen. Die veraltete form kann im „Faust" nur störend 



ZUR TEXTKRITIK VON GOETHES FAUST 375 

wirken. Freilicli schrieb und sprach Goetlie Thurn, sodass es sich 
dabei keineswegs um Goethes „biblische spräche" handelt, wie von Loe- 
per meint. Dem „Götz" werden wir neben so manchen altern sprach- 
formen auch den Thurn und den Thürner belassen können, aber wir 
handeln in Goethes sinne, wenn wir im „Faust" Thürmor herstellen, 
nicht etwa bloss deshalb, weil dieser im zweiten teil diese Form hat, 
sondern weil er selbst in seinen altern dichtungen Thurn in das edlere 
Thurm verbesserte. Schon im achten Bande seiner „Schriften," der 
noch vor dem Fragment „Faust" erschien , ist im gedichte „Geister- 
gruss" das ursprüngliche Thurn e in Thurme verändert, und so steht 
Thurm auch noch in allen lyrischen gedichten Goethes von der ersten 
bis zur lezten ausgäbe , mit einer einzigen ausnähme , nämlich in der 
1809 gedichteten bailade „Johanna Sebus", wo Thurn freilich von 
Goethes eigener band ist. Aber in der bailade „der Todtentanz" von 
1813 findet sich schon im ersten drucke, in derselben dritten ausgäbe,